tote die Bevölkerungsdichte unserer geraubten Schutzgebiete.
In den Wandelhallen, die die ganze Ausstellung durchzogen, mären Ethnologie und Botanik unserer Kolonien veranschaulicht. Während an den Seiten- wänden Götzenbilder und Tanzmasken sowie Totenbilder, kunstvoll von den Eingeborenen aus Holz verfertigt, zu sehen waren, standen in der Mitte der Hallen alle tropischen Nutzpflanzen. Blühende und zugleich fruchttraaende Kaffeebäaume, Ananasstau- den, die hauptsächlichsten Palmenarten, Zuckerrohr, Reis, Agaven und Sisalpflanzen unter feuchter und tropischer Wärme stehend, versetzten den Besucher in tropische Gegenden. Das Schaffen Und Wirken der Missionen, des Roten Kreuzes und der Frauenvereine in unseren geraubten Schutzgebieten war durch einen Aufbau ganzer Stationen und ihrer Einrichtungen versinnbildlicht. Eingeborenenpontoks, sowie deren Geräte aus allen Kolonien, ganze Tier- oruppen, Edelsteine von großem Wert und in allen Farben prangend, alle Nutz- und Edelhölzer zeigten jedem Volksgenossen den ungeheuren Wert unserer geraubten Ueberseegebiete und legten gleichzeitig Zeugnis ab von der ungeheuren Arbeit und den Mühen, unter denen die Ausstellung zustande kam. Erwähnt seien noch die afrikanischen Kulturen, die auf den Freiflächen vor dem Staatenhaus onge- pflanzt waren. Umgrenzt von Hunderten von Palmen standen hier ganze Maisfelder, Tabakpflanzungen, Süßkartoffelbeete, Reis- und Rizinuspflanzungen.
Die Deutsche Kolonialausstellung in Köln soll dazu beitragen, den kolonialen Gedanken in alle Herzen einzuhämmern, damit das deutsche Volk die ungeheure Bedeutung überseeischen Besitzes für Deutschland erkennt. Gerade unsere jetzigen Schwierigkeiten der Einfuhr non Rohstoffen aus Uebersee müssen jedem Deutschen zu denken geben. Wie anders würden wir dastehen, wenn diese Rohstoffe aus eigenen Kolonien eingeführt werden könnten! Der deutschen kolonialen Ehre ist erst Genüge geleistet, wenn die Rückgabe der deutschen Kolonien erfolgt ist.
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** Von der Landesuniversität. Das Personalamt des Hessischen Staatsministeriums gibt bekannt: In den Ruhestand versetzt wurde auf Nachsuchen der Oberbibliothekar an der Universitätsbibliothek in Gießen Prof. Dr. Georg Koch unter Anerkennung seiner dem Staate geleisteten langjährigen treuen Dienste und mit besonderer Würdigung des im nationalen Interesse bekundeten Opfersinns mit Wirkung vom 1. November 1934 an. — Ernannt wurde der Werkmeister am Physikalischen Institut der Landesuniversität Gießen Ludwig Willems zum Technischen Assistenten mit Wirkung vom 1. Juni 1934 ab. — Von der Pressestelle der Universität Gießen wird uns mitgeteilt: Der planmäßige außerordentliche Professor an der Lan- desuniversität Dr. jur. Eduard Bötticher hat einen Ruf als persönlicher Ordinarius für Bürgerliches und Wirtschaftsrecht an die Universität Heidelberg zum 1. Oktober 1934 erhalten.
** Schulpersonalien. Uebertragen wurde dem Lehrer Karl Oestreich zu Rieder-Roßbach (Kreis Friedberg) eine Lehrerstelle an der Volksschule zu Ilbeshausen (Kreis Lauterbach): dem Lehrer Otto Sommerlad aus Ilbeshausen eine Lehrerstelle an der Volksschule zu Nieder-Rosbach: beiden mit Wirkung vom Tage des Dienstantritts an.
** Eine studentische Arbeitstagung auf der Burg Gleiberg findet heute, morgen Freitag und Sonntagvormittag statt. An der Tagung nehmen die studentischen Referenten und Referentinnen bei den Gauleitungen des Deutschen Arbeitsdienstes bzw. den Landesstellen des Deutschen Frauen-Ar- beitsdienstes teil. Heute vormittag und nachmittag finden Vorträge statt, heute abend schließt sich ein Kameradschaftsabend an. Am morgigen Freitag und am Sonntag vormittag folgen weitere Vorträge.
** Zur Reichstagung des NSLB. in Frankfurt a. M. vom 3. bis 5. August hat die Ministerialabteiluna für Bildunaswesen, Kultus, Kunst und Volkstum folgende Verfügung zur Bekanntgabe an sämtliche Lehrkräfte erlassen: „Dom 3. bis 5. August 1934 finden in Frankfurt a. M. die diesjährige Reichstagung des NSLB. statt. Den Lehrkräften, die an dieser Tagung teilnehmen wollen, wird Urlaub erteilt. In den Gemeinden, in denen die Sommerferien noch nicht begonnen haben,
fällt der Unterricht aus. Die nachfolgenden Ferien sind jedoch entsprechend zu kürzen; der Unterricht ist jedenfalls nachzuholen.
**Mit dem Auto verunglückt. Gestern nachmittag verunglückte der 26 Jahre alte Kraftfahrer Hans Keibel von hier mit seinem Auto in der Nähe von Burkhardsfelden. Der bedauernswerte Mann erlitt dabei schwere Kopfverletzungen und eine Gehirnerschütterung und mußte von der Freiwilligen Sanitätskolonne vom Roten Kreuz der Chirurgischen Klinik in Gießen zugeführt werden.
** Benutzung von Eil- und Schnellzügen mit Arbeiterwochenkarten. Wie die Reichsbahnhauptverwaltung bekanntgibt, können Eil- und Schnellzüge nunmehr allgemein mit Arbeiter- und Kurzarbeiterwochenkarten, Angestellten- Wochenkarten und Kurzarbeiter-Wochenkarten für Angestellte gegen Zahlung der vollen tarifmäßigen Zuschläge benutzt werden, während dies bisher nur in Einzelfällen gestattet war.
** Sonderzug zur Reichstagung der ostdeutschen Heimatverbände. Zur Reichstagung der ostdeutschen Heimatverbande in Gelsenkirchen am kommenden Sonntag, bei der die eierliche Verkündigung des Reichsbundes ostdeut- cher Heimatoerbänoe erfolgen wird, fährt ein Son- )erzug von Gießen am 14. Juli um 10.20 Uhr ab, der um 14.57 Uhr in Gelsenkirchen eintrifft. Die Rückfahrt ab Gelsenkirchen erfolgt am 16.Juk um 17.10 Uhr. Die Ostdeutschen, die zur Teilnahme an dieser Treuekundgebung aufgefordert werden, erhalten bei rechtzeitiger Anmeldung nach Möglichkeit Freiquartiere. Der Fahrpreis für den Sonderzug — mit 60 v.H. Ermäßigung — betragt für die Hin- und Rückfahrt ab Gießen 7,20 Mark, ab Wetzlar 6,80 Mark. Die Karten find rechtzeitig bet der Fahrkartenausgabe am Bahnhof zu beantragen. Weitere Auskunft erteilt der stellvertretende Ortsgruppenführer in Gießen, Studentenpfarrer Sucker, Tel. 4098.
OberheUcheVauemaufemerVesichtigungssahri
Die Bezirksbauernschaft Gießen hatte dieser Tage die Ortsbauernführer, die landwirtschaftlichen Vertrauensleute und sonstige am Silobau interessierte Bauern Oberhessens zu einem Lehrausflug eingeladen, um die Silo-Anlagen bei Schneider-R o d - beim, Lenz-H o f Haina, Schwarzentraub-H o f - gut Bubenrod und Wagner-H ermann ft ein, sämtlich im Kreise Wetzlar, in Augenschein zu nehmen. Die Führung des Lehrausflugs lag in den Händen des Silofachmanns Dipl.-Landwirt D r. Karl Schm i dt-Wetzlar, der im Einvernehmen mit der Landesbauernschaft Hessen-Nassau als Fachberater in Silofragen eingesetzt ist.
Nachdem die Vorteile des Silos immer mehr von der Landwirtschaft erkannt werden und die Reichsregierung weitere Mittel zur Gewährung von Zuschüssen zum Bau von Muster- und Beispielanlagen für die Futtereinsäuerung bereitgestellt hat (für den Kubikmeter umbauten Siloraum werden 4 RM. gewährt), bringt man derartigen Besichtigungen von Silos großes Interesse entgegen. So war es zu verstehen, daß sich an dieser unter Benutzung von Postautos durchgeführten Besichtigung mehr als 100 Personen beteiligten.
Es wurden vier gefüllte Mustersilos mit Grünfutter- und Kartoffelsiläge und sechs musterhafte leere Behälter besichtigt. Die gefüllten Silos wurden sämtlich geöffnet, damit sich die Teilnehmer mit Augen und Nase davon überzeugen konnten, daß in allen Fällen das Silofutter in jeder Hinsicht vorzüglich gelungen war. Besonders die Kartoffelsilage war von ausgezeichnetem Geruch und Geschmack und von stisch gedämpften Kartoffeln äußerlich nicht zu unter- scheiden. In R od h e i m war Luzerne, in H o f Haina Wiesengras und Rotklee, in Hermann- ft e i n waren Rotklee und Kartoffeln eingesäuert worden.
Die Besichtigungsfahrt erreichte in Hermannstem ihr Ende, wo alle Teilnehmer noch lange im großen Saal von Silobauer Wagner im regen Gedankenaustausch über das Gesehene versammelt blieben. Die Kreisbauernschaft Wetzlar war durch Stabsleiter Fischer, Kreisobmann Langsdorf und Bezirksbauernführer D e f ch vertreten. Weiter nahmen an der Besichtigung und anschließenden Besprechung teil: Bezirksbauernführer Metzger von der Kreisbauernschaft Gießen, D r. Weber vom Agrikulturchemischen Institut, D r. Becker und D r. Bernhardt vom Landwirtschaftsamt Gießen.
Silofachmann Dr. Schmidt sprach über „W e - fen und Bedeutung der Silofutter-Erzeugnisse". Er legte dar, wie der Bauer mit eigenen Kräften, unter Heranziehung nur eines Bauhandwerkers, sich ein Silo Herstellen kann, worauf er dabei zu achten hat, welche Silo-Futterpflanzen er anbauen muß und wie die Einsäuerung vor sich zu gehen hat. Die Ausführungen wurden mit großem Interesse entgegengenommen.
Die Besichtigungsfahrt hat gezeigt, welche Bedeutung der Konservierung von eiweißreichen Futterpflanzen usw. zukommt, daß es bei Futterknappheit (in diesem Jahre ausgelöst durch Trockenheit) unverantwortlich ist, ohne Futterreserve in die Zukunft zu gehen. Es wird nach wie vor darauf ankommen, das Erntegut für die Zeiten des Bedarfes, vor allem für Notzeiten, sicherzustellen. Ohne Grünfutterbehälter ist dabei kaum noch auszukommen! Die Förderung der Sauerfutterbereitung bietet große Möglichkeiten, um mit das wichtigste Problem der Agrarpolitik, die Selbstversorgung Deutschlands mit eiweißhaltigen Futtermitteln,zu lösen.
Oberheffen.
TiG.-Gemeinschaft^Krast durch Freude"
Kreis Alsfeld.
Donnerstag, 12. Juli, Tonfilmwagen „Die Dorf« musik" in Eifa.
Freitag, 13. Juli, Tonsilmwagen „Die Dorfmusik" in Groß-Felda.
Samstag, 14. Juli, Tonsilmwagen „Die Dorfmusik" in Ober-Gleen.
Sonntag, 15. Juli, Tonfilmwagen „Die Dorf« mufir in Grebenau.
Sonntag, 15. Juli, Wachenendzug an den Rhein.
Montag, 16. Juli, Tonfilmwagen „Die Dorfmusik" in Brauerschwend.
Donnerstag, 19. Juli, Jakobi-Märkt in Kirtorf, Volksfest, Spiel und Tanz.
Die Veranstaltung am Sonntag, 22. Juli, in Romrod fällt aus wegen des 116er-Tages in Gießen und des Trachten- und Heimatfestes in Schlitz.
Gemeinderat in Grünberg.
t Grünberg, 11. Juli. Unter Mitteilungen gab der Bürgermeister ein Schreiben des Männer- ch o r e s bekannt, worin dieser seinen Dank für die Glückwünsche und- das Geschenk zum 100jährigen Jubiläum ausspricht. Weiter gab er bekannt, daß die vom Verkehrsverein gestiftete Wetterfahne, eine Arbeit des Schlossermeisters Heinrich Amend, auf dem Diebsturm angebracht wurde.
Eine schon oft geäußerte Bitte der Anwohner der Frankfurter Straße, zur Minderung der großenStaubplagedie Pflasterung der Straße vorzunehmen, scheint endlich der Verwirklichung entgegenzugehen, denn nach einem kürzlich eingegangenen Schreiben der Provinzialdirektion ist diese bereit, einen Zuschuß zur Herstellung der Straße zu leisten. In Betracht käme Kleinpflaster bzw. Asphaltbelag mit einem Kostenbetrag von 7000 Mark für die Stadt und 7500 Mark für die Provinz. Der Gemeinderat beschloß, der auf die Stadt
entfallenden Betrag in den nächsten Voranschlag einzustellen.
Da der untere Teich im B r um nental, der als Triebwasserteich bei der Wasserversorgung dient, schadhafe Stellen aufweist, beschloß der Gemeinderat die Ausbesserung des Teiches, die nach einem Voranschlag des Kultutbauamtes etwa 1800 Mark erfordert.
Dem Kaufmann August Röhm wurde vorbehaltlich der Zustimmung der Provinzialdirektion und des Hochbauamtes die Erlaubnis erteilt, eine Tank- anlage am Ausgang der Bismarck- ftrafje aufzustellen, dabei aber drei Meter von der Hauptstraße fernzubleiben. Ebenso erhält er einen 3,25 Meter breiten Streifen längs seiner Hausfront an der Bismarckstraße gegen einen Preis von 4 Mark pro Quadratmeter von der Stadt käuflich überlasten.
Der M i l ch a b s a tz g e n os f e n f ch a f t, die seit einiger Zeit im alten Spritzenhaus ihre Milchverteilungsstelle eingerichtet hat, wurde auf Gesuch hin der Wasserpreis auf 22 Pfennig vro Kubikmeter festgesetzt. Eine gründliche Ausbesterung des Daches wurde vorerst zurückgestellt, nur für dringend nötige Arbeiten wurden 40 Mark bewilligt.
Der hiesigen Ortsgruppe des Reichsluftschutzbundes wurde für das Rj. 1934 ein Förderbeitrag von 25 Mark bewilligt, ebenso wurden 5 Mark Jahresbeitrag für die Mitgliedschaft der Volks- und Berufsschule im Reichsverband deutscher Jugendherbergen bewilligt.
Wegen Uebernahme der Ko st en derFeier- l i ch k e i t e n am 1. Mai in Hohe von 160 Mark erging vorerst noch kein Beschluß, da versucht werden soll, eine Umlegung der Kosten auf andere Weise anzustreben.
Der Hitler-Jugend, die um Ueberlassung eines Heimes bat, soll der untere Saal des Rathauses zur Verfügung gestellt werden.
Weiter wurde noch beschlossen, im Hofe de» Volksschule etwa 50 Quadratmeter zu pflastern.
Auf tragische Weise ums Leben gekommen.
* Gettenau (Kreis Büdingen), 12. Juli. Irl unserem Orte ereignete sich gestern ein furchtbarer Unglücksfall, dem leider eine junge Frau zum Opfer fiel. Die 31 Jahre alte Sattlermeisters-Ehefrau Auguste Werner befand sich allein im Hause und war mit Wäschebügeln beschäftigt. Dabei benutzte sie ein elektrisches Bügeleisen. Plötzlich wurde die Frau von einem so ft arten Unwohlsein befallen, daß sie in eine schwere Ohnmacht fiel und lange bewußtlos lag. Das elektrische Bügeleisen hatte aber weiterhin Verbindung mit der Stromzufuhr, es brannte immer weiter und verursachte schließlich einen Zimmerbrand. Das Unglück wurde von den Nachbarsleuten erst bemerkt, als starke Rauchwolken aus der Wohnung herausdrangen. Die herbeieilenden Nachbarn fanden nach ihrem gewaltsamen Eindringen in die Wohnung einen erheblichen Brand vor, von dem die bedauernswerte junge Frau schon so stark erfaßt worden war, daß sie nur mit schweren Brandwunden am ganzen Körper und in starker Bewußtlosigkeit aus dem Bereich der Flammen herausgebracht werden konnte. Die Freiwillige Sanitätskolonne vom Roten Kreuz in Friedberg brachte die Aermste nach Gießen in die Chirurgische Klinik, wo sie heute in den frühen Morgenstunden ihren schweren Wunden erlegen ift
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* Storndorf (Kreis Alsfeld), 12. Juli. Ein Opfer ihrer Kühe wurde hier die Landwirtswitwe Berta Helm. Zwei Kühe der Frau waren auf dem Hofe des Grundstücks wild geworden und gingen mit gesenkten Hornern gegeneinander los, wobei sie sich mit aller Kraft mit den Hörnern bearbeiteten. Die Frau eilte herbei in der Absicht, die kämpfenden Kühe auseinanderzubringen, dabei wurde aber sie selbst von einem der wütenden Tiere angegriffen und mit großer Wucht zu Boden gerannt. Bei dem Anprall des Tieres und dem iähen Sturz trug die bedauernswerte Frau so schwere innere Verletzungen davon, daß sie kurze Zeit nach dem tragischen Unglücksfall verstarb.
„Dat is hei---"
Das Urbild des Onkel Bräsig.
In Frih Reuters 60. Todestag am 12.3uli.
Fast alle der wundervoll echten und lebensprallen Figuren, die uns aus Fritz Reuters Erzählerwerk entgegentreten, waren Menschen von Fleisch und Blut. Sie haben mit ihren Fehlern und Tugenden, mit ihren großen und kleinen Menschlichkeiten'wirklich gelebt. Daß sie in Reuters Werk zu höherem Leben auferstehen, das zeugt von dessen Genie der Menschendarstellung ebensosehr wie von seiner Kunst, gerade solche Zeitgenossen zu
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profilieren, in denen sich die Seele der mecklenburgischen Landschaft am klarsten verkörperte.
Wir wissen also, wer Fritz Triddelfitz, wer Zamel Pomuschelskopp, wer Köster Suhr eigentlich gewesen ist, wir kennen die Vorbilder von siebzig und mehr Reuterscher Figuren, aber merkwürdigerweise ist den meisten das Urbild der gewichtigsten Figur noch recht unbekannt: des O n k e l B r ä s i g. Und doch ist er gerade diejenige Gestalt, die Reuter bis in den letzten Winkel Deutschlands, bis tief ln das süddeutsche Sprachgebiet hinein bekannt gemacht hat. Nicht nur, daß Bräsig der Brennpunkt von „Ut mtne Stromtid" ist, nein, er begleitet Fritz Reuters poetisches Schaffen von Anfang an, schon zur Zeit, als dieser noch Redakteur des „Unterhaltungsblattes für beide
Mecklenburg und Pommern" war, tritt Ichon der emeritierte Inspektor Bräsig mit der ganzen Breite seiner Person in Erscheinung. Und er sollte kein Mensch von Fleisch und Blut gewesen sein?
Es ist schon verständlich, daß man nicht gleich darauf Eojnmt, denn das Urbild von Onkel Bräsig ist nicht einfach irgendwer. Es ist jemand ganz besonderes, der Wert darauf legt, nicht gleich bei der ersten Lektüre erkannt zu werden. Ja, während er Reuters Schaffen von Anfang bis Ende begleitet, ist er auch nicht immer derselbe geblieben. Er hat manches mit durchgemacht, Leid und Freud. Aus einem ungelenken Kauz, der drollige Schnurren in einer absonderlichen Sprechweise vortrügt, wird er im Laufe der Zeit zur Verkörperung tiefsten Humors und menschlicher Güte. Bräsig hat eine Geschichte. Es ist die Geschichte, wie Fritz Reuter aus einem Schnurrenerzähler ein Dichter wurde.
Das war im Jahre 1855, um den 7. Mai herum, als Inspektor Bräsig sich zum ersten Male hinsetzt und einen Schreibebrief an Reuter schreibt und noch dazu auf Reuters bestem Konzeptpapier. Aber der Bräsig, den wir heute vor Augen haben, ist es nicht. Der Briefwechsel geht ein Jahr lang, Bräsig sucht witzig zu sein, aber es gelingt ihm nicht immer, die Episoden aus der Begüterung, die er beschreibt, geben nicht viel Humor her. Gelegentlich wohl setzt es ein paar satirische Hiebe auf den Dünkel des Standes, der Bildung und des Besitzes. Alle diese Briefe, die im gleichen Tonfall des „Missingsch", jener Mischung von Hochdeutsch und Platt, gehalten sind, tragen die seltsame Unterschrift: „Ihr dis in den Tod getreuer Bräsig".
Das „Unterhaltungsblatt" ging zu Ende und so horten auch Bräsigs Briese auf. Die Gestalt aber mar wenn auch erst ungefüge, gezeichnet und Jteuter muhte sich um ihre Vertiefung. Er nahm sich vor, Bräsigs Memoiren aufzuschreiben, kam aber über das erste Kapitel nicht hinaus, d. h. über die. „erste Pfeife Toback". Der Verfasser der Me- moiren, der Inspektor Bräsig, muß „auf 'ne Ein- ™ng nach stündlicher Verfertigung dieser Ge- chichte verzichten, weil er seine Uhr an den Nef- fen gegeben bat und sich nun „mit Pfeifen Toback durch die Zeltverhältnisse durchschlagen muß, indem daß er des morgens fünf und sechs, nachmittags auch fünf raucht."
Auf die berechtigte Frage, wer denn dieser Bräsig nun eigentlich sei und ob er wirklich jemals gelebt habe bekommen wir eine recht kräftige Antwort. Bräsig schreibt nämlich: „Geboren bün ich und zwarsten in der Gänseschlachterzeit, um Martini
aus. Sie freute^. sich alle hellschen, als ich als Junge ankam, denn sie hatten geglaubt, ich wäre ein Mädchen, und meine Wäschen (so nannte man dazumalen die Santens) meine Wäschen holte ne Wachtschale un band mir ans eine Ende und ans andere ne fette Gans, denn sie hatten gerade ge= schlacht und hatten keine Pfundgewichte. Und was meinen Sie, ich war mit das Biest parallel, wog also 'n Pundner dreizehn bis vierzehn, schlecht gerechnet. Dies Allens haben sie mich woll man bloß erzählt; aber es steht mich so deutlich vor die Augen, als wär ich dabei gewesen, wollt ich sagen: als hält ichs mit angesehen — wollt ich jagen: als hätt ich einen Verstand davon gehabt/
So, nun wissen wir also, daß Bräsig von Geburt an eine gewichtige Person gewesen ist. Als solche schreitet er auch durch die „Abenteuer des Inspektor Bräsig, von ihm selb st erzähl t". Hier geht es wohl aus Mecklenburg heraus und nach Berlin, aber in die Tiefe vermochte Reuter feine Lieblingsgestalt nicht weiter vorzubringen. Gewiß steht Bräsig schon mehr in seiner späteren Urwüchsigkeit vor uns auf, aber feine berlinischen Abenteuer sind oft noch recht possenhaft und ohne gültigen Humor.
Der wahre Bräsig aber schreitet durch die „S t r o m t i d". Das ist kein Kauz mehr, der besonders witzig fein möchte. Sein grundgütiger Humor ift die unmittelbare Ausstrahlung seines Wesens. Da steht ein Kerl, nicht gerade füllig, wenn auch nicht mager, ein Mann, von dem man sehen kann, daß er sich demnächst wird ein Bäuchlein stehen lassen: da steht Bräsig mit bräfigem Gesicht, was so viel bedeutet wie frisch und wohl aussehend. Ein von vielem Leid geläutertes Herz und eine hohe sittliche Denkweise bilden diesen Menschen, der in sich soviel Gemüt und Wärme birgt, daß er jedem etwas zu sagen hat. Wer mag wohl dieser seltene, herrliche Kerl gewesen sein? Reuter hat nie gern über die Urbilder feiner Gestalten gesprochen, aber roem er den Bräsig nachgebildet hat, dieses Geheimnis hätte er am liebsten mit ins Grab genommen. Und man kann das verstehen, wenn man das Rätsel löst.
Einmal hat Reuter nämlich doch eine Hilfe zur isomng gegeben. Seine Schwägerin hat es beschrie- ben: „Ich fragte bei einer Gelegenheit meinen Schwager, ob es einen Bräsig in Wirklichkeit gegeben hätte, und unter einem bedeutsamen Blick in bezeichnender Haltung gab er zur Antwort, es 61 J??m f°- Allerdings nannte er keinen Namen, machte auch nicht nähere Andeutungen, was aber aum nicht nötig war, da Blick und Ton das ge- meinte Urbild schon verraten hatten: ihn selb st."
Ja, niemand anders als Fritz Reuter selbst war Onkel Bräsig. Die Geschichte der Bräsig-Figur ift Reuters poetische Entwicklung. Vielleicht gab ein anderer Inspektor den Anlaß zu der ersten Skizze, aber dann hatte der Dichter Gefallen an der Figur gefunden und weitete sie so, daß er selbst mit seiner allumfassenden Güte und feinem prachtvollen Humor darin Platz fand. So wie er ungekannt di6 Hauptgestalt in der „Festungstid" bildet, so hat er sich in Person des Bräsig in den Mittelpunkt der „Stromtid" gestellt. Sein feines Taktgefühl verwehrte es, daß er dabei in Ichform sprach und daß er ferner jemals die Identität von Bräsig und Reuter öffentlich zugegeben hätte. Dem Kundigen jedoch sind einige Schlüssel in feinem Werke bekannt, die diese Identität bezeugen.
Da ist einmal das Aeußere schon; Bräsigs Beschreibung wirkt wie eine gelinde Selbstkarikatur des Dichters, der übrigens wie Bräsig „um dis Gänseschlachterzeit", nämlich am siebten November geboren ist. Bräsigs Freunde in Rahnstädt, das sind Reuters Freunde in Stavenhagen. Diele -Erlebnisse Reuters tauchen in Bräsigs Munde wieder auf; so erzählt dieser, was jenem in der Kaltwasserheilanstalt widerfahren ist; ebenso viele Enttäuschungen in der Liebe wie Bräsig hat auch Reuter durchmachen müssen, nämlich deren drei. Der eigenartigste Hinweis aber liegt in den Schlußworten der „Stromtid" selbst. Da nimmt Fritz Triddelfitz Fritz Reuter beiseite und fragt ihn, wer ihm denn jene Geschichte für seine „ollen verfluchten Bücher" erzählt habe. — „Bräsig" antwortet Reuter — „Seram ick mi dacht", sagt Fritz Triddelfitz, „Bräsig is de Hauptperson in de ganze Geschieht." — Reuter antwortet darauf vielsagend: „D a t is hei ..."
Sochschulnachnchten.
Ernst Wahle, der nichtplanmäßige
■i°ufUr Frühgeschichte an der Heidelberger mnrh.J OT„'fVUmmPlanmä6i9en Professor ernannt morben. An den Promnzialmuseen in Heidelberg, Än “n6 6°nn°°er erhielt Wahle seine praktische ^bildung m vorgeschichtlicher Denkmalpflege, st°n , p°t-r im Dienste der vorgeschichtlichen Denk- Ä«e 'n Baden. - Dr. Ernst Jäger ist als Prosektor am Pathologischen Institut der Universi- A aP9ejteUt worden. — Der Privatdozent £ ' ö ?..tf « Hamburg, erhielt ihren Ruf auf JUr Physikalisch- Chemie an der Uni. Betrat Hamburg als Nachfolger von Professor


