ir.285 Drittes Blatt
Giehener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Donnerstag, b. Dezember
,Das istLühows wilde, verwegeneIagd."
Zum 100. Todestage des Majors von Lützow am 6. Dezember.
Im Frühjahr 1813, als das Volk aufstand und i r Sturm losbrach, zogen nicht nur aus Preußen findern auch aus dem „Auslande" Scharen von freiwilligen nach Breslau, um sich dort im Gast- hus „Zum Scepter" in das Freikorps einglie- irn zu lassen. Stolz zeigte Scharnhorst dem jjönig vom Fenster aus die jubelnden Scharen, und Km Monarchisten stürzten die Tränen aus den higen. .
Die Männer, die m wenig mehr als vier Wochen, tme Hilfe des Staates, ein Musketier-Bataillon zu rer Kompagnien und ein freiwilliges Jäger- 5'tachement zu Fuß, sowie eine Eskadron Husaren uib eine Ulanen-Eskadron nebst einem freiwilligen Ä ger-Detachement zu Pferde errichteten und die Lganisation soweit förderten, daß die Mobilma- d mg ausgesprochen werden konnte, waren die Lajore von Lützow und von Petersdorf.
Lützow war damals noch nicht 31 Jahre alt und if/tersdorf nicht viel älter. Beide hatten sich schon vn Colberg, unter Schill kämpfend, den Orden pur le m^rite erworben und sich auch damals snon organisatorisch betätigt. Am 9. Februar 1813 rächten sie, auf Veranlassung des Generals v o n Lcharn horst, dem preußischen König den Vortag, ein „Königlich-Preußisches F r e i- k r p s" zu errichten, das, in die unter französi- fter Herrschaft stehenden deutschen Landstriche ent« smdt, die Beteiligung an dem Kampf gegen die Fremdherrschaft vermitteln sollte. Gleichzeitig be« ftmb die Absicht, das Freikorps zum Ausgangs- pmkt für neue Truppenformationen zu machen.
Der König hatte diesen Antrag gebilligt, und im D ril 1813 konnten ihm Lützow und Petersdorf W Mann Infanterie und 260 Mann Kavallerie, iri allen Kriegserfordernissen ausgerüstet und in \t agfertigen Stand versetzt, zuführen. Eine opfer- v-lige Bevölkerung unterstützte die Ausrüstung der FXiwilligen mit Beiträgen an Geld, Pferden, Tuch 113).
Die Jugend Deutschlands, von stürmischem Taten- Dung erfüllt, von glühendem Haß gegen den Er- ol-rer beseelt, hatte sich hier zusammengefunden, d*r trotzdem sie sich, vor allem die Jäger-Detache- itmts, mit dem poetischen Schwung Körnerscher Lider anfeuerten und gewiß mit romantischen Vorstillungen vom Kriegsführen ausgezogen waren, die i> nüchternen Wirklichkeit nicht entsprachen, waren si! keine Schwärmer und Träumer, die sich in ihrer ^jantafie als opferfreudige Ritter vorkamen und D^cn Tatkraft sich in einer augenblicklichen Erre- $i'Jig erschöpfte. Die Leistungen gerade der frei« öligen Jäger, die nur eine ganz kurze Dienstzeit ijrtter sich hatten und nichts tun sollten, als „ihre Ä ffe gehörig zu gebrauchen", sprechen für ihre Dichtigkeit in einem anstrengenden und mühseligen Iiinst.
m Frühjahr und Sommer 1813 mußte sich die Saar der Freiwilligen auf die Durchführung klei- ne:er Gefechte und Plänkeleien beschränken. Es galt, her linken Flügel der anrückenden französischen Zlmee in Hannover zu umgehen und hinter deren Rillen in Braunschweig, Thüringen und Westfalen fiii die Volkserhebung zu werben. Immer aber blieb die Schlagkraft der Freiwilligen von dem Schicksal bi großen Armee abhängig. Am 4. Juni wurde zu- fc?ni ein Waffenstillstand geschlossen, der Lützow aus Iler glücklichsten Stellungen riß. Während des Waf- fttltillstandes wurden die heimkehrenden Jäger bei le i Dorfe Kitzen von vereinigter württember- fii'ner und französischer Kavallerie angegriffen und fiel f dezimiert.
)8is dahin hatte Lützow jedoch, besonders durch feiie überraschenden Angriffe, dem Feinde an meh
reren Stellen Schaden zufügen und ihn wiederholt verwirren können. Der Major selbst war stets in der vordersten Reihe. Von seinem persönlichen Mut zeigt sein Verhalten bei der Einnahme der Stadt Roda, wo er, nur durch seinen energischen Befehl, zwei unter Gewehr befindliche sächsische Kompanien zur Uebergabe zwang. Vielfach eilte er seiner Truppe voraus, um Erkundigungen einzuholen. Seine Ungeduld, den Vormarsch zu beschleunigen und sich dem Feinde entgegenzustürzen, trug ihm zahlreiche Verwundungen ein. Aber leichtsinnig hat er niemals gehandelt: der General von Blücher hebt in einem Brief an den König die „Umsicht, Entschlossenheit und Geistesgegenwart des Majors" hervor.
Nach Ablauf des Waffenstillstandes wurde das Freikorps unter den Befehl des Generals Bülow gestellt und danach mit den Truppen des Generals Wallmoden dem General von Tettenborn übergeben. Aber innerhalb der neuen Formation bestand das Freikorps als ein Ganzes fort und wurde dorthin gestellt, wo Wagemut und Tapferkeit am meisten erforderlich waren.
Wichtig in der Geschichte des Korps, dessen unmittelbarer Führer der Major von Lüllow bis zur Beendigung des Krieges bleibt, sind das Gefecht bei Rosenhagen, in dem Körner fiel, und der Kampf um den Göhrde-Wald. Hier brach der Major im entscheidenden Augenblick mit der im Walde versteckt gehaltenen Kavallerie des Freikorps vor und troang die feindlichen Eskadronen, zurückzugehen. Bei diesem Angriff wurde er schwer verwundet, und sei mutiges Dorwärtsstürmen schien vergeblich gewesen zu sein. Aber der jähe Angriff hatte die Gegner genug verwirrt, fo daß sie sich in eilige Flucht auflösten, als die Lützower Verstärkung erhielten.
Noch an Krücken gehend, kehrte Lützow Ende November zum Freikorps zurück. Mitte Dezember verbrannte er die Krücken und stieg zu Pferde, obwohl seine Wunden noch nicht völlig verheilt waren. Im Januar 1814 ging er über den Rhein und warf sich mit seiner Schar nach Belgien und Frankreich. In schwierigen, anstrengenden Tagesmärschen schlug er sich durch die gebirgige Gegend, erzwang sich den liebergang über Brücken und mußte Stunde um Stunde gewärtig sein, von der Bauernbevölkerung angegriffen zu werden, die sich in den Dörfern und Waldern verschanzt hatte und immer wieder vereinzelt Ueberfäüe wagte. Bülow urteilt über ihn:
„Der Major von Lützow hat auch hier in beinahe täglichen Gefechten sich als einen braven und umsichtigen Offizier bewiesen. Er hat durch die frühe Meldung, daß der Kaiser Napoleon der Armee des Feldmarschalls von Blücher folge, wie letzterer Ende Februar über Sszanne in der Direktion auf Meaux marschirte, und die Nachricht, die er dem auf Mont- mirail mit einem Artillerie-Train marfchirendsn Oberst von Lobenthal hiervon ertheilte, und wodurch er wahrscheinlich die Rettung dieses Geschützes bewirkt hat, sich wesentlich verdient gemacht, sowie überhaupt der Eifer höchst lobenswert ist, mit dem er E. K. Majestät von Anfang des Krieges an gedient hat, weshalb ich zu seiner Belohnung das Eiserne Kreuz 1. Klasse aUeruntertänigft erbitte ..."
In dem entscheidenden Jahr 1815 wird das Korps geteilt und nimmt als 25. Infanterie-Regiment und 6. Ulanen-Regiment an den letzten Schlachten des Krieges gegen Napoleon teil. Bei Ligny hatte das 25. Infanterie-Regiment einen Verlust von zwanzig Offizieren und 485 Unteroffizieren und Mannschaften; fein Füsilierbataillon gehörte nach der Schlacht bei Belle-Alliance zu den Truppenteilen, die unter persönlicher Führung Gneisenaus
die Verfolgung vis Genappes fortfetzten. Auch das 6. Ulanen-Regiment zeichnete sich bei Ligny aus. Blücher hatte sich persönlich, den gezogenen Säbel in der Hand, an die Spitze des Regiments gesetzt. Bei den Ulanen kämpfte der Major von Lützow. Sein Pferd wurde von mehreren Kugeln getroffen, stürzte und begrub ihn, unmittelbar vor der Napoleonischen Garde, unter sich. Napoleon ließ ihn vorführen und redete ihn als den „berüchtigten Brigantenhauptmann" an. Aber er hatte doch so viel Achtung vor dem „Brigantenhauptmann", daß er befahl, ihn ja gut zu behandeln.
Am 6. Dezember 1834 ist Adolf von Lützow als Generalmajor gestorben. In Berlin haben ihm seine
Waffengefährten auf dem Militär - Friedhof ein Denkmal gesetzt. Ein lebendes Denkmal aber setzte ihm Theodor Körner, sein Adjutant, mit dem Lied von Lützows wilder, verwegener Jagd, das in der Vertonung von Weber den Namen des Majors im Gedächtnis der Nation erhält.
Ganz werden wir aber die Bewunderung seiner Anhänger erst verstehen, wenn wir in einem Brief des Freiherrn vom Stein lesen: „Der General vereinigt mit einem großen Mut und militärischer Erfahrung einen Adel und eine Erhebung des Charakters, der ihm Begeisterung für Alles einflößt, was schön und groß ist."
S.Jtxfporf
Deutschlands Handballer gegenUngarn
Die deutsche Elf zum ersten Länderkampf.
Bekanntlich steht am Sonntag, 9. Dezember, in Darmstadt zum ersten Male eine deutsche Handball- Ländermannschaft im Kampf mit Ungarn. Beschränkten sich bisher die deutschen Länderspielbeziehungen ausschließlich auf die alljährlichen Begegnungen mit Oesterreich, so sind inzwischen weitere Länder in diesen Kreis einbezogen worden. Nach den Gastspielen der schwedischen Studienmannschaft in vier Städten Deutschlands und den Spielen einer deutschen Auswahlmannschaft in Dänemark und Schweden, hat nun das Fachamt Handball einen Länderkampf mit Ungarn abgeschlossen. Die Ungarn haben ihr Können in zahlreichen Begegnungen mit Oesterreich erworben und verbessert und mit Spannung sieht man diesem ersten deutsch- ungarischen Treffen entgegen, das auf dem Platze des SV. 1898 am Böllenfalltor ausgetragen wird.
Die deutsche Mannschaft für dieses Treffen ist aus süddeutschen Spielern zusammengestellt worden. Früher wäre man geneigt gewesen, eine süddeutsche Handball-Ländermannschaft als „zweite Garnitur" anzusprechen. Das ist heute nicht mehr so, hat doch der Süden in den beiden letzten Jahren den deutschen Meister gestellt. Und auch bei vielen anderen Gelegenheiten hat sich erwiesen, daß der Leistungsstandard des süddeutschen Handballs in letzter Zeit eine achtbare Höhe erreicht hat. Namen wie die Spielvereiniguna Fürth, SV. Mannheim- Waldhof, Polizei und SV. 98 Darmstadt haben seit Jahren im deutschen Handballsport einen guten Klang. Und diese Vereine bilden auch in der Hauptsache die deutsche Mannschaft, die am 9. Dezember in der alten süddeutschen Hochburg Darmstadt den ersten Kampf mit den Magyaren bestreitet.
Die Mannschaft spielt wie folgt: Tor: Fürther (Spvgg. Fürth): Verteidigung: Pfeiffer (Pol. Darmstadt), Brohm (VfR. Schwanheim): Läufer: Rutschmann (SV. Waldhof), Dascher, Stahl (beide Pol. Darmstadt): Stürmer: Goldstein (Spvgg. Fürth), Engelter, Spengler (beide Waldhof), Spalt (Pol. Darmstadt), Feick (SV. 98 Darmstadt).
Um den Zußball-Bundes-pokal.
Die Vorrundenspiele:
Für die am 6. Januar zum Austrag gelangenden Vorrundenspiele um den Deutschen Bundespökal ist jetzt die Zusammenstellung der Begegnungen erfolgt. Der genau Spielplan, in:
Köln: Mittelrhein — Nordmark
Danzig: Ostpreußen — Niedersachsen Gelsenkirchen: Westfalen — Pommern Fulda: Nordhessen — Brandenburg Chemnitz: Sachsen — Schlesien
Elberfeld: Niederrhein — Württemberg Würzburg: Bayern — Baden.
Die achte Begegnung zwischen Mitte und Süd« west findet aus besonderen Gründen erst am 13. Januar statt.
Winterhilfswerk der Fußballer.
Das vorläufige Ergebnis.
Die am Buß- und Bet tag in allen deutschen Gauen vom Deutschen Fußball - Verband durchgeführten Winterhilfsspiele staben einen sehr schönen Erfolg gehabt. Nach den bisher dem Deutschen Fußball- Bund von den einzelnen Gauen übermittelten Abrechnungen sind bei den von rund 600 000 Zuschauern besuchten Spielen 183 366 Mark eingegangen.
Im Gau Nordhessen wurde der Betrag von 5010 Mark aufgebracht.
Gauliga-Rückrunde im GauNordhessen
23. Dez.: Hessen Hersfeld — Germania Fulda; Kurhesfen Kassel — 1. FC. 93 Hanau.
26. Dez.: SC. 03 Kassel — Sport Kassel.
30. Dez.: Borussia Fulda — Germania Fulda; 1. FC. 93 Hanau — Sport Kassel; SC. 03 Kassel gegen Hessen Hersfeld.
6. Jan.: Spiel Kassel — 1. FC. 93 Hanau; Borussia Fulda — Kurhessen Kassel; Sport Kassel gegen Germania Fulda; VfB. 04 Friedberg gegen SpVg. 1910 Langenselbold.
13. Jan.: SC. 03 Kassel — VfB. 04 Friedberg; Hessen Hersfeld — 1. FC. 93 Hanau; Kurhesfen Kassel — Spvg. 1910 Langenselbold.
20. Jan.: Spiel Kassel —SC. 03 Kassel; 1. FC.93 Hanau — VfB. 04 Friedberg; Sport Kassel gegen Borussia Fulda.
27. Jan.: Borussia Fulda — 1. FC. 93 Hanau; SpVg. 1910 Langenselbold — Germania Fulda; SC. 03 Kassel — Kurhessen Kassel; Hessen Hersfeld gegen VfB. 04 Friedberg.
3. Febr.: Sport Kassel — Hessen Hersfeld; Kur« Hessen Kassel — Spiel Kassel; Germania Fulda gegen SC. 03 Kassel; SpDg. 1910 Langenselbold gegen Borussia Fulda.
♦ 10. Febr.: Germania Fulda — 1. FC. 93 Hanau; SpVg. 1910 Langenselbold — SC. 03 Kassel; Kurhessen Kassel — Sport Kassel; VfB. 04 Friedberg gegen Spiel Kassel.
17. Febr.: Hessen Hersfeld — Spiel Kassel; 1. FC. 93 Hanau — SC. 03 Kassel; VfB. 04 Friedberg — Kurhesfen Kassel; Sport Kassel — SpVg. 1910 Langenselbold.
24. Febr.: SC. 03 Kassel — Borussia Fulda; SpVg. 1910 Langenselbold — Hessen Hersfeld.
3. März: Kurhesfen Kassel — Hessen Hersfeld; Spiel Kassel — Germania Fulda.
10. März: Sport Kassel — VfB. 04 Friedberg. „KC. Teutonia" Watzenborn-Gteinberg Frohnhausen — Watzenborn - Steinberg 5:1 (2:1).
Die Mannschaft des FC. „Teutonia" Watzenborn- Steinberg mußte zu diesem Spiel mit viel Ersatz
SusAelWüimW.
Vornan von Rainer Helden
Ilcheberrechtsschutz: Fünf-Türme-Verlag, Halle (S.)
। Sij^ortleßung Nachdruck oerbolenl
.'Oer Zigarettenhändler sah, wie sich ein dunkler, fifjirf geschnittener Männerkopf aus dem Auto her- cuj der jungen Dame entgegenbeugte. Dann fuhr ktdes Mietauto los. Der Zigarettenhändler brauchte jii-aem Chauffeur nichts mehr zu sagen. Der setzte cch den Wagen in Bewegung und fuhr hinter 3fri andern Mietauto her. Sie fuhren durch meh- nt ■ Straßen und hielten endlich vor einem Hause, iiioem sich ein kleiner Teeraum befand. Hier stieg :i junge Mann mit dem scharf geschnittenen Ge- ' i zuerst aus dem Auto und half der jungen ! laue heraus. Sie verschwanden beide in dem jenen Teeraum.
Marten Sie hier", sagte der Zigarettenhändler. ■Kl brauche Sie vielleicht dann noch wieder." ,Na, wollen Sie denn nicht wenigstens Ihren ci •eren Kasten hierlassen, Herr?" fragte der Taxi- i ffeur. „Ich paß schon auf. Stehlen tu ich nichts, knn Sie zufällig eine Zigarette übrig haben cllXN, dann würde ich ja nicht gerade nein sagen." leer Zigarettenhändler lächelte und steckte dem hcmffeur eine angebrochene Schachtel durch die -hübe zu.
„Ra, so hab ich es ja nun nicht gemeint", sagte ff. „Aber was Gutes soll man nie ausschlagen, ui Ihre Gesundheit, Herr!"
Ihtb er steckte sich fröhlich eine Zigarette an.
„Danke schön! Damit Ihnen das Warten nicht atee wird! Aber meinen Kasten nehme ich schon fti r mit — den brauche ich nämlich."
2$r Teeraum war jetzt um die Nachmittagsstunde Wommen besetzt. An all den kleinen weiß ge- bchen, blumengeschmückten Tischen saßen Menschen rrtf)iebener Verufsklassen. Da war die elegante ,2ime, die zwischen ein paar Einkäufen schnell ihren aiernoontea verzehrte. Da waren ein paar Kon- tfriltinnen, die nach Geschäftsschluß hier einen Tee Bit Süßigkeiten und Sandwiches statt einer Mit- tPMiahlzeit einnahmen. Da waren Geschäftsleute, pi Kiese Teestunde zu einem Gespräch mit irgend- pilchen Partnern benutzten. Fremde, die in diesen iy ich englischen Teestuben einen Teil des englischen Lbins kennenlernen wollten.
En saß auch 'der junge Mann mit dem scharf ijcmittenen Gesicht neben der jungen Dame in dem Mauen Wollkostüm. Sie sprachen eifrig mitein- । ’inr. In dem allgemeinen Stimmengewirr konnte i it nicht verstehen, was sie sagte, um so mehr, als 1 iire Stimmen sehr dämpften. Jetzt sah der junge ' bin auf. Ein Zigarettenhändler kam, seinen 2 umgehängt, langsam schlendernd an ihm vor
bei. Er warf wie zufällig einen Blick auf den jungen Mann und die junge Dame. Dann ging er weiter durch den nächsten Gang, um sofort wieder umzukehren. Als er aber zurückkam, sah er, wie der junge Mann und die junge Dame schon das Lokal verließen.
Der Zigarettenhändler eilte in den Vorraum des kleinen Teerestaurants, spähte, durch den Vorhang gedeckt, hinaus. Er sah die junge Dame eiligen Schritts allein davongehen, während der junge Mann wieder in ein Auto stieg. Kaum war das Auto angefahren, als der Zigarettenhändler schnell in seinen Wagen sprang, der seitlich am Restaurant wartete.
„Dem Auto dort nach!" sagte er. „Aufpassen!"
Und dann stellte er seinen Kasten auf den Boden des Autos. Er sah gespannt auf das Gefährt vor ihm. Sie fuhren und fuhren.
„Das wird eine lange Tour", sagte der Chauffeur einmal zu ihm, als das Auto vor ihnen immer weiterfuhr und allmählich bei Tower Bridge das vornehmere Wohnviertel verließ.
„Schadet nichts. Nur aufpassen! Sie bekommen ein Trinkgeld von einem Pfund, Mann, wenn wir das Auto nicht verlieren."
„Und wenn's ein Floh wär — für ein Pfund, Herr, würde ich den auch nicht aus den Augen verlieren", sagte der Taxichauffeur entschieden und fuhr weiter.
Der Tower ragte mit seinen finsteren Türmen drohend und düster in den Himmel. Die Laderampen an der Brücke waren von Leben und Lärm erfüllt. Die großen Krane bewegten sich wie riesenhafte Fangarme hin und her. Ein Gewirr von kleinen Schiffen, von Masten war unterhalb Tower Bridge zu sehen. Das Auto mit dem jungen Mann fuhr weiter und weiter. Nun an der Kaiftraße ent« lang, bog es schließlich in die Arbeiterviertel von Castend ein.
Aha!, dachte der Zigarettenhändler bei sich. Daher kam er vorhin auf Castend zu sprechen, als er meine Marken schalt. Nun, Freundchen, wir wollen mal sehen, ob dir meine Zigaretten jetzt nicht noch schlechter schmecken, würden, wüßtest du, wer hinter dir her ist!
„Was ist denn das?" fragte der Chauffeur und wandte sich rückwärts. Der fährt ja kreuz und quer durch halb London. Sehen Sie, Herr, jetzt gehts wieder auf die Docks zu. Keine gemütliche Gegend: London Docks, Herr."
Das verfolgte Auto war in eine enge, dunkle Gaffe eingebogen. Hier hielt es und fuhr in einen dunklen Torweg hinein.
Der Zigarettenhändler stieg aus.
„Hier, mein Freund", sagte er und reichte dem Chauffeur eine Pfundnote, „das für die Fahrt."
„Na, Herr, wenn Sie Zigarettenhändler sind, bann bin ich ein Detektiv", sagte her Chauffeur
ladjenb. „Ich will mich hängen lassen, wenn Sie nicht einem feinen Bruber auf ber Spur finb."
Der Zigarettenhänbler riß ein Blatt aus einem Notizbuch unb schrieb ein paar Zeilen barauf.
„Lassen Sie sich lieber nicht hängen, Mann, bas wäre schabe. Sie haben Ihre Sache gut gemacht. Unb nun können Sie noch ein übriges tun: Bringen Sie biefen Zettel nach Hay market Nummer zweiunbzwanzig, erste Etage, unb geben Sie den ab. Es wirb Ihnen ein Diener öffnen. Sagen Sie: Wenn ich binnen vier Stunben nicht angerufen habe, bann möchte man hier bas Haus absuchen."
Der Chauffeur sah auf ben Zettel. Dann würbe sein Gesicht halb respektvoll, halb ängstlich.
„Oh, Mister Mac Lean! Hab ich mir's boch gebucht, baß ba etwas Besonberes bahinterstecken muß. Wenn Sie schon selber jemanben beschatten — na, bann wirb ber ja wohl nicht mehr viel zu erben haben."
Mac Lean lächelte.
„Hoffentlich nicht, Mann. Unb nun besorgen Sie alles pünktlich."
„Wirb gemacht, Herr Mac Lean."
Der Chauffeur sah feinem Fahrgast nach, ber vorsichtig, an bie Wanb ber Häuser gebrückt, bem Toreingang zustrebte.
Mac Lean stellte seinen Zigarettenkasten in eine bunfle Tornische. Das Aauto war in einen Hof gefahren.
Man sah ben Chauffeur absteigen unb bie Tür zu einem Autoschuppen öffnen. Gleich barauf ertönten Schritte im Torbogen. Sie näherten sich unb hielten einen Augenblick an. Mit einer raschen Bewegung hatte sich Mac Lean hinter bie geöffnete Tür ber Toreinfahrt geklemmt. So, ungesehen, wartete er. Die Schritte näherten sich. Der junge Mann von vorhin mit bem scharf geschnittenen Gesicht kam eilig aus ber Toreinfahrt, spähte auf bie Straße. Sein Blick schweifte umher. Mac Lean verharrte lautlos. Würbe man bie Flügel ber Toreinfahrt zurückschlagen, bann war er in seinem Versteck entbeckt. Würbe ber Unbekannte seinen Zigarettenkasten in ber Dunkelheit ber Wanbnische ent- becken ober nicht? Aber nichts bergleichen ereignete sich. Der junge Mann schien von bem Erfolg feines Umherfpähens befriebigt. Leise pfeifenb, ging er mit gleichmäßigen Schritten an bem Versteck Mac Leans vorbei unb öffnete irgenbwo eine Tür zu ebener Erbe. Man horte eine Klinke auf- unb zubrücken, bann Schritte sich entfernen.
Mac Lean wartete einen Augenblick. Dann war er mit zwei Sprüngen im Toreingang.
Aha! Hier mußte es gewesen sein. Hier links hatte bie Tür geschnappt, unb hier war auch ein (Eingang in eine Wohnung. Mac Lean legte bas Ohr an bie Tür. Nichts war brinnen zu hören. Mac Lean brückte vorsichtig auf bie Klinke. Die Tür schien verschlossen, aber offenbar mit einem ganz gewöhnlichen Schloß.
Schnell zog er einen Dietrich aus ber Tasche. Ein kaum hörbares Knacken — bie Klinke gab nach. Die Tür öffnete sich. Mac Lean ftanb in einem kleinen Korribor, ber nur getüncht war. Er hatte keine Fenster unb war vollkommen lichtlos. Mac Lean ließ feine Taschenlampe groß aufleuchten. Der Korribor hatte offenbar nur ein Zimmer am andern Ende. Auch dort war alles still. Aber dort mußte der Unbekannte hineingegangen sein, wenn ihn nicht die Wände verschluckt haben sollten.
Wieder lauschte Mac Lean. Nichts war zu hören. Er überlegte kurz. Sollte er dem Unbekannten nachgehen oder sollte er cwwarten, bis er irgendeinen Beamten von Scottland Pard zur Hilfe hatte? Sein Jagdeifer war aufs höchste gestiegen. Die Geheimnisse der Eva van Koster zu enträtseln, reizte ihn immer mehr? Denn daß sie in einer unklaren Beziehung zu diesem jungen Manne ftanb, war gewiß. Das war keine gewöhnliche Liebschaft, hinter bie er gekommen war. Dazu hatte sie sich viel zu merkwürbig benommen. Wenn er bie Fährte jetzt aufgab, konnten vielleicht Tage vergehen, bis er biefen unbekannten jungen Mann roieber erspähte.
Los!, bachte er bei sich. Was man in ber Minute ausgeschlagen, bringt keine Ewigkeit zurück!
Er schlich sorgfältig ben Gang entlang, den Revolver entsichert. Er drückte auf die Klinke des Zimmers am Ende des Korridors. Er öffnete — niemand war zu sehen. Er blickte vor sich: ein vollkommen kahles Gelaß. Es war weiß getüncht gleich dem Korridor und hatte hoch oben, beinah an der Decke, jedenfalls aber weit über Manneshöhe, zwei vergitterte Fenster.
„Merkwürdig!" sagte der Detektiv zu sich selbst. „Dieses Zimmer sieht aus wie eine Gefängniszelle, die man vergessen hat einzurichten. Und wo ist ber junge Mann hingekommen? Nicht burch bie Tür unb bestimmt nicht burch bies gut vergitterte Fenster. Wenn er also nicht wie ein Geist sich hat unsichtbar machen können, muß er ja schließlich irgenbwo zu finben sein."
Er tastete bie Wänbe ab, bazwischen immer wieder lauschend. Nichts war zu hören.
Nein!, dachte Mac Lean. Hier ist nichts! Das sind richtige solide Wände. Etwas schmutzig, etwas feucht, aber ohne alle Geheimnisse!
Etwas enttäuscht wollte er sich auf den Rückweg machen. Gerade war er in der Mitte des Zimmers — da, ein Knacken unter feinen Füßen. Erschreckt sah er auf den Fußboden, der aus unregelmäßigen Quadern zusammengesetzt war. Aber nun kam das Knacken von der Tür. Wie von unsichtbaren Händen gezogen, fiel die Tür ins Schloß.
„Prost Mahlzeit!" sagte Mac Lean laut. „Das ist ja eine schone Bescherung. Das scheint hier eine sogenannte Mausefalle zu sein. Nun, mal sehen—"
(Fortsetzung folgt I)


