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Nr. 176 Drittes Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

Donnerstag, 30.ZulN9Z6

Gemeinschaft durch Musik.

Äon Rudolf Keudel.

Man hat uns Deutsche zwar das Volk der Dich­ter und Denker genannt. Aber ein solches Wort will, wie jede prägnante Formulierung, immer nur einen hervorstechenden Zug unseres Wesens bezeichnen, nicht die ganze Fülle unserer Eigen­schaften. Mit ebensolchem Recht dürfen wir be­haupten: wir sind das Volk der Feldherren, das Volk der Ingenieure oder der Forscher, der Ar­beiter und Bauern oder das Volk der Mu­siker. Und dieses Wort kann viel für sich ins Feld führen: Goethes Dichtertum ist unerreicht, die Gestalt Kants zwingt heute noch jeden Phi­losophen in die Richtung seines Denkens, aber wer könnte sagen, welcher Musiker der deutschen Seele zu echterem Ausdruck verhalfen hat: Bach, Mozart, Beethoven oder Wagner. Die lineare Ar­chitektonik der Bach schen Musik, in der das Gött­liche so gewaltsam in den Kreis des Irdischen hin­einbricht, daß aus ihr alle persönliche Leidenschaft verbannt ist, steht neben der bis ins Innerste auf­gewühlten, mit Gott und der Welt ringenden Musik Beethovens, die göttliche Sorglosigkeit und bezaubernde Heiterkeit Mozarts neben der aus letzten tragischen Lebensspannungen geborenen, heroischen Untergangsmythos verkündenden Musik Wagners.

Da wo der Gedanke, das Wort, das Bild, die Vorstellung aufhört, beginnt die Musik. Das ist ihr Geheimnis und ihre Macht. Sie ist reine Offen­barung der Seele ohne alle körperliche Verhüllung. Das Wort ist der Mißdeutung, der falschen Ver­wendung, dem Mißverstehen ausgesetzt. Oft genug ist es für den Aussprechenden etwas anderes als für den Empfangenden. Schiller hat es knapp for­muliert:Spricht die Seele, so spricht auch die Seele nicht mehr." Die Musik aber ist da, wo sie wirk­lich vernommen wird, ein ungetrübtes, schlechthin klares Verstehen gleichgearteter Seelen, das der Trübung durch den Verstand in höchstem Grade feindlich ist. Die Musik bedarf keiner Form, die das Wesen verhüllte, sondern die Form ist hier selbst in höchstem Sinne zum Inhalte geworden. Die Dialektik von Form und Inhalt, die für alle Künste bezeichnend ist, ist für die Musik aufgehoben.

Musik entspringt aus der innersten Tiefe der Seele, aus ihrem rassischen Kern und wird darum auch nur von der gleichgearteten Seele ganz ver­standen. Das Wort muß immer den Umweg über den Intellekt machen. Mehr als das dichterische Wort birgt daher die Musik gern einschats- ibildende Kräfte in sich. Darum ^si der Kultus, l der immer gesteigerter Ausdruck einer Gemeinschaft

ist, ohne Musik nicht möglich. Nietzsche hat uns die ganze griechische Kultur aus dem Kultus des Apoll und des Dionyfus sehen gelehrt, der aus der Musik geboren ist. Heber die Rolle der Musik bei den germanischen Kulthandlungen wissen wir sehr viel weniger, da hier die Quellen fehlen. T a c i t u s berichtet von den Krieysgesängen der Germanen, daß sie weniger em Zusammenklang der Stimmen als ein Zusammenklang der Seelen seien. Die Kirche hat die Musik von Anbeginn an in ihrer Liturgie in den Mittelpunkt des Gottes­dienstes gestellt. Barock, Rokoko und Biedermeier haben eine Musikkultur hervorgebracht, deren Ge­meinschaftsgrenzen allerdings mehr oder weniger eng gezogen sind, da sie sich auf die höfische und bürgerliche Sphäre beschränken.

Daneben aber musiziert und singt das Volk seine ewigen alten Lieder von Liebe und Tod, von Hei­mat und Vaterland, von Arbeit und Kampf. Erst in einer gänzlichen Verlassenheit des Menschen, der nie aus sich heraus zum Wir der Gemeinschaft finden konnte, wurde die Musik zum Schrei der Verzweif­lung, 3ur atonalen Dissonanzhäufung, zum chaoti­schen Ausdruck einer untergehenden Zivilisation. Aus dem Erlebnis des Kampfes der Bewegung wurde der Typus eines neuen Gemein­schaftsliedes geboren. Von ihm gilt das, was Tacitus von den Kriegsgesängen der Germanen sagte: daß sie ein Zusammenklang der Seelen seien. Die im Kampflied wieder Gestalt gewordene ge­meinschaftsbindende Kraft der Musik weist dem Musikschaffen heute neue Wege. Aus dem Rhylh- mus der marschierenden Kolonnen werden heute neue Lieder geboren, die der Pimpf mit derselben Begeisterung singt wie der SA.-Mann. Aus diesem Geist muß sich die werdende deutsche Musikkultur um die Schätze deutscher Musik bemühen und sie in selbstschöpferischer Tat bereichern.

Alte Waffen aus der Themse.

Im Laufe von Baggerarbeiten in der Themse wurden in der letzten Zeit eine Anzahl sehr alter Gegenstände heraufbefördert, die den Sachverstän­digen des Britischen Museums vvrgelegt und als sehr wertvolle Funde erkannt wurden. Darunter befanden sich vor allem eine polierte Feuerstein­axt aus neolithischer Zeit, ungefähr 2000 Jahre vor Christi, eine Speerspitze aus der mittleren Bronzezeit, 1100 v. Ehr., ein keltisches Schwert mit Scheide aus dem keltischen Eisenzeitalter, etwa 3. Jahrhundert v. Ehr., ferner Waffen aus jüngerer Zeit wie ein Scramasax oder Kurzschwert aus dem 9. oder 10. Jahrhundert n. Ehr. und ein zweischnei­diges Schwert aus dem 10. Jahrhundert.

Abschied von den toten Mannheimer SA. Kameraden.

Mannheim, 29. Juli. (DNB.) Die Trauer­feierlichkeiten für die SA.-Männer, die bei dem Kraftwagenunglück im Schwarzwald tödlich verunglückt sind, begannen am Mittwochnachmittag im Nibelungensaal des Rosengartens, in dem sich die Angehörigen der Toten, zahlreiche SA.-Führer aus dem ganzen Reich, sowie Vertreter der Partei und ihrer Gliederungen, der Wehrmacht, der Reichs-, Staats- und Gemeindebehörden versam­melt hatten. Unter den Trauergästen sah man Stabschef Lutze, Reichsstatthalter und Gauleiter Meyer, Reichsstatthalter und Gauleiter S p r e n» g e r , Gauleiter Bürckel und den badischen In­nenminister P f I a u m e r.

Jeden Sarg schmückte ein Kranz des Führers. Einen großen Raum vor dem Katafalk nahmen die Kränze der Mitglieder der Reichsregierung, der Reichsleitung der NSDAP., der Gauleitungen, der SA. und SS., sowie der badischen Regierung ein. Für Reichsminister Dr. Goebbels legte Landes­stellenleiter Schmidt, für den Stellv, des Füh­rers und für die Reichsleitung der NSDAP. Reichsamtsleiter Dr. v. Hoehns und Reichs­hauptstellenleiter B a h l a u Kränze an den Särgen nieder.

Ein Orgelpräludium leitete die Trauerfeier ein. Gruppenführer Luyken rief die Namen der To­ten zum letzten Appell auf; die Kameraden, in deren Herzen die Toten ruhen, gaben Antwort. Die Mel­dung an den Stabschef folgte:25 brave SA.- Männer des Sturmes 45/171 zum ewigen Dienst in der Standarte Horst Wessel angetreten."

Stabschef Lutze wandte sich anschließend in einer kurzen Ansprache an die Trauerversammlung. Wie oft haben wir in den letzten 15 Jahren, fo führte er aus, an den Gräbern gefallener Kamera­den stehen müssen. Wenn wir heute an den Bahren unserer toten Kameraden stehen, dann wissen wir, daß tiefe Trauer eingezogen ist bei all denen, die sich Angehörige dieser Kameradschaft nennen, aber auch bei all denen, die mit ihnen marschiert sind als SA.-Männer in Reih und Glied und ebenso bei der gesamten <521., die mit den Toten ge­meinsam sich einen Führer wählte und mit diesem Führer marschiert. Wir wissen heute, daß die Ka­meraden nicht umsonst gestorben sind, denn sie sind mit aufgestiegen zur ewigen Wache bei den Blut­zeugen des 9. November. Sie halten die ewige Wache für ein ewiges Deutschland und ich habe ihnen die letzten Grüße des Füh­rers und der gesamten SA. zu überbringen, aber auch den Dank für all das, was sie für die Partei, für die Bewegung und damit für das deutsche Volk geleistet Haden.

Anschließend nahm Reichsstatthalter und Gauleiter Robert Wagner das Wort. Wir wissen, gerade als Nationalsozialisten, so führte er u. a. aus, daß unser Leben nichts anders fein kann als Kampf und Opfer. Aber wir wissen, daß wir Opfer auf uns nehmen müssen, um als einzelne und als Volk bestehen zu können. Wir können das Andenken der Toten nicht besser ehren, als daß wir in ihrem Geist weiterleben, daß wir wie sie unsere Pflicht tun für unser Volk und unseren Füh­rer.

Orgespiel beendete die Abschiedsfeier. Unter dumpfem Trommelwirbel trugen dann SA -Män­ner ihre toten Kameraden hinaus.

Nach der Trauerparade setzte sich der endlos lange Zug zum Hauptfriedhof in Bewegung, an der Spitze der Fahnenwald. Den Weg zum Fried­hof umsäumte eine unabsehbare Menschenmenge. In stummer Trauer hoben die Volksgenossen die Hand zum Gruß. Am offenen gemeinsamen Grab sprach der evangelische Geistliche Stadtpfarrer K i e- f er herzliche Worte des Trostes. Stadtpfarrer Matt sprach für das katholische Bekenntnis.

Nach der Einsegnung nahm Gruppenführer

Luyken mit bewegten Worten von seinen Kame­raden Abschied.

Die Fahnen senkten sich, das LiedIch hott' einen Kameraden" erlang und dann ertönte zum letzten Abschied das Horst-Wessel-Lied über den Gräbern.

Hoch ein Todesopfer.

Freudenstadt, 29. Juli. (DNB.) In der Nacht auf Mittwoch ist im Kreiskrankenhaus Freu­denstadt das bei dem Autounglück auf der Besen- elder Steige verunglückte BDM. - Mädchen

Oer Letzte!

Nein, es handelt sich hier nicht um den Letzten aus irgendeinem sportlichen Wettkampf ober gar um den Letzten aus der Schulklasse seligen Ange­denkens. Dieser Letzte hat für viele entschieden er- reulichere Bedeutung, denn er bezieht sich auf den Monat und heißt gewöhnlich Ultimo. Was dieses Fremdwort heute noch zu seinem Dasein berechtigt, ist nicht einzusehen, da das deutsche Wort an Klar­heit wirklich nichts vermissen läßt und deshalb auf alle Fälle den Vorrang zu beanspruchen hat. Wie dem aber auch sei: was sowohl das deutsche als auch das italienische Wort umschreiben, ist ein höchst sympathischer Tatbestand.

Nämlich der Tatbestand der Gehaltszahlung! Wenigstens hat dieser Tatbestand gegenüber anderen Zahlungen, die ebenfalls am Letzten fällig werden, ohne Zweifel Schwergewicht. Denn er kommt wie ein Freudenspender und sorgt dafür, daß die pein­liche Ebbe im Geldbeutel immerhin für diesen Tag einer wohltuenden Flut weicht.

Es ist wahrhaftig ein Unterschied, ob ein Ge- haltsemvfänger etwa am 29. oder am Letzten lustwandelnd durch die Geschäftsstraßen geht. Ge­wiß, es soll auch seinesgleichen geben, die die Ein­teilung ihrer Monatssumme mathematisch genau verstehen und deshalb immer in einer solch gleich­mäßig temperierten Atmosphäre leben, daß ihnen der Unterschied nicht offenbar wird. Wie gesagt, es soll solche Jdealgestalten einer kaufmännischen Le­bensführung geben, aber sie verhalten sich vermut­lich zur Masse der am Letzten frohlockenden Ge­haltsempfänger wie ein weißer Sperling zur un­endlichen Zahl seiner grauen Kameraden.

Jedenfalls gibt der Letzte im allgemeinen durch­aus Anlaß, der Tatsache des Lebens mit Beschwingt­heit und fröhlichem Mut ins Auge zu sehen. Ein gefüllter Beutel hat nun mal die Eigenschaft, an­spornend zu wirken und Gefühle zu wecken, die von aller Miesepetrigkeit astronomisch weit entfernt sind. Wer durch die immerwährende Einöde des Monats vier lange Wochen zu wandern hat, denkt unterwegs recht oft mit einiger Sehnsucht an den Letzten, der gleichsam wie eine Oase am Wüsten­rand aufsteigt, in der man sich nach Herzenslust er­quicken und ergehen kann.

Freilich, es ist nur eine kurze Rast in dieser Oase, denn schon morgen beginnt wieder ein neuer Monat und mit ihm die abermalige Wanderung. Aber ge­rade, weil er so selten ist, hat ja erst der Letzte sei­nen eigentlichen Reiz. Wofür auch diejenigen Ver­ständnis haben werden, die in anderen Zeiträumen die Ebbe und Flut ihres Geldbeutels erleben.

H. W. Sch.

Vornotizen.

Tageskalender für Donnerstag.

Gloria-Palast, Seltersweg:Skandal um die Fledermaus."

Ruth Maurer aus Stuttgart-Untertürkheim seinen schweren Verletzungen erlegen. Es ge­hörte zu der Mädchengruppe, die, von einer Wan­derung ermüdet, um Mitnahme mit dem Auto gebeten hatte. 25 SA.-Männer und zwei BDM.- Mädchen sind jetzt als Todesopfer des furchtbaren Unglücks zu beklagen. Das Befinden der übrigen im Krankenhaus Freudenstadt befindlichen Verletz­ten ist zufriedenstellend.

Kameradschaft in der Not.

Berlin, 29. Juli. (DNB.) Korpsführer Hühn- lei n hat zum Zeichen derTrauerdesNSKK. um seine im Schwarzwald verunglückten SA.- Kameraden sämtliche Dienstflaggen des Korps am Tage der Beisetzung auf H a l b m a st setzen lassen und dem Stabschef der SA. einen Betrag von 3 0 0 0 Mark für die Linderung der Not der Hin­terbliebenen zur Verfügung gestellt.

Oberhessischer Geschichlsverein.

Am kommenden Sonntag stattet der Verein für Geschichte und Landeskunde Frankfurt a. M. unse­rer Stadt einen Besuch ab. Vorgesehen sind u. a. auch die Besichtigung des Gleibergs und des Schif- fenbergs. In der heutigen Anzeige gibt der Ober» hessische Geschichtsverein die Abfahrts- bzw. die Ab- marscyzeiten bekannt.

Oie Zehntage-Wettervvrhersage

Wettervoraussage für die Zeil vom 30. Juli bis 8. August 1936. herausgegeben von der Forfchungsslelle für langfristige Witterungs- vorausfage des Reichsamls für Wetterdienst am 29. Juli abends.

Die Großwetterlage ist in einer Umgestaltung be­griffen. In den nächsten Tagen wird zwar das Wetter bei wechselnder Bewölkung ziemlich kühl und zu schauerartigen Niederschlägen geneigt sein, im ganzen wird aber, von Westen nach Osten fort­schreitend, eine merkliche Abnahme der Regenhäufig­keit eintreten. Die Schauer werden im Osten des Reichs, in Schlesien und im Alpenvorland stellen­weise recht ergiebig fein.

Zum Wochenende wird sich auch im Osten die Besserung des Wetters durchsetzen, so daß in der nächsten Woche allgemein mit schönerem und vor­wiegend warmem Wetter gerechnet werden kann. Störungsfrei wird das Wetter allerdings nicht fein, vielmehr ist mit zunehmender Erwärmung das Auf­treten von Gewittern zu erwarten.

Gegen Ende des Vorhersagezeitraums wird im Westen und Süden des Reichs wieder eine Ver­schlechterung des Wetters eintreten, während es im Nordosten voraussichtlich noch schön bleibt.

Verkehrssünden werden in den Führerschein eingetragen

DNB. Im Einvernehmen mit dem Reichsver­kehrsminister hat der Reichsinnenminister eine An­ordnung getroffen, die neben dem erwünschten Verwaltungszweck sicher auch die Erziehung zur Derkehrsdisziplin fördern wird. Er bestimmt näm­lich, daß auf Seite 4 der Führerscheine alle Polizei st rasen und gerichtlichen B e - ftrafungen der Inhaber dieser Scheine wegen Verletzung der Verkehrsvorschriften vermerkt werden, soweit sie nach dem 31. Juli 1936 rechtskräftig verhängt sind. Gebührenpflichtige Ver­warnungen sind nicht zu vermerken. Die Eintra­gung hat sich auf Art und Höhe der Strafe sowie auf die verletzte Verkehrsvvrschrift mit stichwort- artiger Angabe ihres Inhalts und der betreffenden Gesetzesbestimmung zu erstrecken. Die Eintragungen der Strafen find durch die Behörden vorzunehmen, die für die Erteilung oder Entziehung der Fahr­erlaubnis zuständig sind.

(Sin Ziegenumhang für Hitler-Jugend und Jungvolk.

Für die HI. und das DJ. wird, wie der Reichs- Jugend-Pressedienst mitteilt, ein Regenumhang eingeführt. Der Umhang besteht aus Stoff, der auf der Innenseite gummiert ist. Er ist in einer der HJ.-Mantelfarde entsprechenden Farbe gehalten. Erkennungs- oder Rangabzeichen werden nicht dar­an angebracht. Er kann auf Fahrt mitgeführt werden und paßt zusammengerollt in den Brot­beutel ober das Kochgeschirr. Das Tragen z u Zivilzwecken ist gestattet. Der Umhang hat auf der Rückseite eine sogenannte Tornisterkammer, d. h. er kann beim Tragen durch das Aufknöpfen einiger auf der Rückseite befindlicher und mit einem Stoff streifen verdeckter Knöpfe so vergrößert wer­den, daß er bequem über den aufgeschnallten Tor­nister gehängt werden kann und dann auch den Tornister vor Regen schützt.

Neue Durchführungsverordnung über die Gewährung von Ehestandsdarlehen

Fwd. In einer im Neichsgesetzblatt Nr. 69 vom 28. Juli 1936 veröffentlichten sechsten Durchführungs­verordnung über die Gewährung von Ehestandsdar­lehen wird bestimmt, daß der Reichsminister der Fi­nanzen ermächtigt wird, der Darlehensschuldnerin die Ausübung einer Arbeitnehmertätigkeit ausnahms­weise auch dann zu gestatten, wenn der Ehemann nicht als hilfsbedürftig im Sinne der Vorschriften über die Gewährung von Arbeitslosenunterstützung betrachtet wird. Die Verordnung tritt mit Wirkung ab 28. Juli 1936 in Kraft.

Gebühren im Fernsprechverkehr benachbarter Orte.

Durch eine Verordnung des Reichspostministers vom 19. Juli 1936 ist die Fernsprechordnuna ge- ändert worden. Die Aenderung betrifft den Fern­sprechverkehr zwischen Ortsnetzen mit Wählbetrieb, die nicht mehr als fünf Kilometer voneinander ent­fernt sind. Die Teilnehmer solcher Ortsnetze haben vom 1. Januar 1937 an die Wahl, ob ihr Fern­sprechverkehr mit Ortsnetzen im Umkreis von fünf Kilometer als Ortsverkehr ober als Fernverkehr be- hanbelt werben soll. Entscheiden sie sich für den Ortsverkehr, bei dem die Gebühr für ein Gespräch 10 Pf. beträgt, bann wirb bie Grunbgebühr nach der Zahl aller für sie zur Ortsgesprächsgebühr er­reichbaren Anschlüsse berechnet. Wollen sie aber bie Grunbgebühr nur nach der Teilnehmerzahl bes eigenen Ortsnetzes bezahlen, so wirb für ihre Ge­spräche mit ben Teilnehmern der Ortsnetze, die nicht mehr als fünf Kilometer entfernt liegen, eine Fern­gesprächsgebühr von 20 Pf. berechnet. Der Ver­kehr zwischen Ortsnamen mit Handbetrieb ober zwischen einem Ortsnctz mit Hanbbetrieb unb einem solchen mit SöäHerbetfceb wirb bis zur Aenberung ber Betriebsweise von Der Neureglung nicht erfaßt.

Lahreshauptversammlung der Krastfahrzeug-Lnnung Oberhessen.

Arn Montag fanb im Saale ber Gastwirtschaft Zum Haberkasten" bie biesjährige Jahreshaupt­versammlung des Kraftfahrzeughanbwerks der Pro­vinz Oberhessen statt. Die Versammlung war sehr gut besucht.

Obermeister Ernst A ß m a n n begrüßte die Hand­werkskameraden, sprach über die bisherige Arbeit des Reichsinnungsverbandes unb berührte habet auch bas Gebiet ber Spezialisierung ber Werk­stätten. Das Tempo bes Kraftwagens fei Sinnbild ber Dorroärtsftürmenben Entwicklung auf dem Ge­biete des Kraftfahrzeugs und hinter diesem Tempo dürfe der Kraftfahrzeughandwerker nicht zurück-

Götterspeise f SoßenpulverlBt}

Aus der Provinzialhauptstadt.

Kinderschule vor 60 Jahren.

Zugenderinnerung von Paul Ernst.

Meine Mutter sagte zu mir, eigentlich sei ich noch nicht in dem Alter, wo ich die Schule besuchen müsse, auch wisse ich wohl bas meiste, bas zunächst gelernt werbe, weil ich schon geläufig lesen könne; aber sie könne es burchaus nicht mehr mit mir aushalten, weil ich ihr immer an ber Schürze hänge unb sie immer frage. Die Tränen stauben ihr in den Augen, sie sagte:Wenn man nun ein un­glückliches Kind hat, dann will man sich doch von dem andern nicht trennen." Aber es war wohl so, wie mir heute scheint, daß der Arzt der zarten Frau angeraten hatte, sich mehr zu schonen.

So kam ich denn also nun in die Schule zu Tante Meier.

Tante Meier war ein altes Fräulein, die aus Celle stammte, wo ihr Vater Stadttrompeter ge­wesen war. Sie hatte von den Eltern, die in Celle ein Haus gehabt, wohl ein paar hundert Taler ge­erbt, hatte sich dann ein Haus m Clausthal ge­kauft, dessen Erdgeschoß sie vermietete, indessen sie selber die obern Räume bewohnte, von denen sie zwei möbliert an Hörer der Bergakademie abgab. Außer dem Erwerb durch diese Vermietungen hatte sie noch eine kleine Einnahme durch den Betrieb einer Kleinkinderschule.

Sie hielt die Schule in einem engen Hinterzim­mer ab, indessen sie an einem Tisch saß mit einem so strengen Ausdruck, wie es ihrem gutmutigen Gesicht möglich war, einen Strickstrumpf m ber Hand, unb bie Brille vorn auf der Nase, damit sie bequem über sie hinwegsehen konnte. Ihr zur Rech­ten lag auf dem Tisch die Rute. Die war e n Bün­del von kurzen Birkenzweigen, das durch e n rotes Wollbändchen zusammengehalten wurde, die Rute tat qar nicht weh, unb ich wußte immer nicht recht, toarum uns mit ihr schlug. Sann warausdem Tisch noch ein Schreibzeug aus Holz. Dieses Schreibzeug war uralt unb stammte gewiß noch von ihrem Großvater her. Es war vollständig mit Tinte be pritzt, so baß man von der Farbe des Hol es nichts erkennen konnte. Unten vorn standen rechts und links das Tintenfaß und das Faß für den Streusand, beide aus Blei; zwischen ihnen war eine Vertiefung, in welche man die Federn ttgen konnte; sie war noch für Gänsefedern berechnet, also recht drei und lang. Dahinter erhoben sich stufenweise die wunderbarsten Facher, welche wohl für Briese und Papier bestimmt waren; aber da Tante Meier keine Briefe schrieb und empsing, und auch sonst wohl nichts zu schreiben hatte, so waren

sie leer, unb es hatte sich in ihnen bis zur Mitte ein Staub unb Gewölle von langen Jahren an­gesammelt, in bas ich mit meinen schmalen Fin­gern gerabe noch hineinreichen konnte.

Die Schüler unb Schülerinnen von Tante Meier saßen auf zwei ganz niebrigen Bänken hinterein- anber ohne Tische. Wir mögen etwa ein Dutzenb Kinber gewesen sein. Auf einem Platz für sich, auf einer Fußbank unb ganz unten, saß Breitsohl. Breitfohl war der Sohn des Totengräbers und hatte keine gute Erziehung gehabt; deshalb war ihm einmal ein Unglück geschehen, und so mußte er abgetrennt von den andern sitzen. Oben saß Martha Pieper, welche die älteste von uns war, bie Tochter bes Buchbruckereibesitzers unb Heraus­gebers bes Wochenblattes, ber für einen ber reich­sten Männer in Clausthal galt. Auch Wilhelm. Tiemann war unter uns; es ist mir so, als ob feine Eltern mit Tante Meier verwanbt waren.

Es würbe im Lesen, Rechnen unb Religion unter­richtet. Lesen konnte ich bereits so gut, baß ich der Tante Meier an die Hand gehen konnte im Be­lehren der weniger Begabten, besonders Wilhelm Tiemanns. Die Unterrichtsart Tante Meiers war sehr einfach. Das Kind stand neben ihr, die Fibel lag auf dem Tisch, Tante Meier bezeichnete mit der Stricknadel den Buchstaben, der gelesen werden sollte, unb hielt in ber anbern Hanb bereits bie Rute. Obwohl bie Schläge nicht weh taten, erregte bie Rute boch Angst, unb so kam bas nötige Auf­passen zustanbe. Geschrieben würbe auf ber Tafel, bie auf ben Knien lag. Man beugte sich krumm über sie unb malte bie Buchstaben mit ber höchsten Anstrengung. Ich konnte bereits alle Buchstaben mit Ausnahme ber letzten brei schreiben, große wie kleine; unb ba Tante Meier nicht so recht wußte, wie man ben Kinbern bie Notwenbigkeit ber beiben Arten Buchstaben klarmachen sollte, so unterstützte ich sie nach meinen Kräften. Ich erinnere mich noch eines Gesprächs mit Wilhelm Tiemann am Gingang ber Meverstraße, wo ich ihm mit einem Kalkstück auf dem Bretterzaun das große und kleine E vor­schrieb. Es war ihm nicht klarzumachen, weshalb das kleine E, wenn es groß geschrieben werden sollt, nicht ein großes E sein sollte. Ich erklärte ihm, meine Mutter habe mir bas große E gezeigt unb Tante Meier auch, unb beshalb sei das so. Aber Wilhelm Tiemann ging unbelehrt von bannen. Er beugte sich nicht ber Autorität.

Tante Meier hatte eine rounberbare Eigenschaft. Zu Weihnachten bekam jebes Kinb einen Fisch aus Honigkuchen. Ich war ber beste Schüler, unb bes-- halb wurde für mich ein Fisch gebacken, der noch einmal so groß war wie die andern. Ich habe nie wieder in meinem Leben eine solche Anerkennung genossen.