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Nr.§9 Zweiter Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhellen)Donnerstag, 27.Februar 1936

Entscheidung auf dem Schlachtfelde?

Ion unserem römischen E.-Korrespondenten.

Rom, Ende Februar.

^,Ein Schlachten war's, nicht eine Schlacht zu nennen!" Nicht nur an den dreißigjährigen Krieg, an Cäsar und Tacitus wird erinnert, wer die ita­lienischen Zeitungen liest.Das Schlachtfeld buch­stäblich mit Leichen bedeckt. lieber 100 Tonnen Sprengstoff auf die Flüchtenden. Ständig von unseren Fliegern verfolgt. Zwölf- tausend Tote. Unsere geringfügigen Verluste: 12 Offiziere und 184 Soldaten."

So stampft das in Blockschrift über alle Spalten hinweg und von den Häusern wehen die Fahnen und Jubel wälzt durch die Straßen. Der dritte Sieg, der größte bisher. Unsere Herzen beben vor Stolz, telegraphiert der Duce an den Feldmarschall, der König spricht seine Glück­wünsche aus, und Badoglio antwortet: Dieses Lob feuert uns zu neuen Kämpfen an, bis zur vollständigen Durchführung des großen Un­ternehmens!

Niemand wird sich eines geheimen Schauders zu schämen brauchen, wenn er die Verlustziffern auf beiden Seiten vergleicht. Wenn die italienischen Meldungen und sie haben sich bisher ohne Zwei­fel stets als zuverlässiger gegenüber den abessini­schen erwiesen zutreffen, dann ist der Feind, so­weit er über eine nennenswerte Ausrüstung ver­fügt, bereits dezimiert, denn man kommt, nur die größeren Gefechtshandlungen gerechnet, auf 30 000 Tote seit Oktober, denen noch keine tausend italie­nische Gefallene entgegenstehen. Das wäre also kein Krieg mehr, sondern eine fortschreitende einseitige Vernichtung. Daß es ein Kampf mit unglei­chen Waffen werden wi^de, wußte die Welt allerdings schon vor Jahr und Tag, die Strategen aller Nationen billigten aber zum Ausgleich den Abessiniern eine Reihe von natürlichen Verteidi­gungsmitteln zu, ferner ihre Ueberlegenheit im Kleinkrieg und die Unterstützung des Völker­bunds, ja sogar, was weit mehr wiegt: Englands. Daneben noch den Rat weißer Offiziere. Er ging im Wesentlichen dahin, den offenen Kampf zu vermeiden.

Ob ihn die Abessinier nicht befolgen wollen oder nicht befolgen können, mag dahingestellt bleiben, Tatsache ist, daß sie zum Erstaunen aller alten Ko­lonialkämpfer, besonders englischer, mit Todesver­achtung ins Verderben rennen, gegen die Drahtverhaue anstürmen, als ob es sich um bröckelndes Gemäuer handle, und sich im Maschinen­gewehrhagel benehmen, wie wenn es bloß himm­lischer wäre, lieber die eine soldatische Tugend, den Mut, wäre kein Wort zu verlieren, erzählen die italienischen Frontkämpfer, aber von militärischer Erfahrung ist nicht viel zu spüren; schon auf 800 Meter Entfernung knallen sie los und rennen dann nicht selten in Hellen Haufen an, wie man's von Wilden gewohnt ist.

Da haben freilich die modernen Waffen leichte Arbeit. Es ist unbegreiflich, wie Addis Abeba hundertmal die Einkreisung und den bevor­stehenden Fall von M a k a l l e melden konnte, statt einem solchen Gefechtsplan die einfachsten Grund­lagen zu verschaffen. Was sollen die paar leichten Feldgeschütze gegen die mächtige Artillerie des ita­lienischen Heeres! Wie kann ein blindes Heer, ein Kriegerhaufen ohne Flugzeuge, den Aufklärungs­

und Bombengeschwadern entgegentreten'.Buch­stäblich mit Leichen bedeckt" es mußte so kom­men. Und die Flieger, so schließt der Schlachtbericht, lassen den Flüchtigen keine Rast und Ruhe.

Vae victis! pflegte man früher zu sagen, wehe den Besiegten! Heute heißt es: Wehe den schwachen Nationen! Wehe den unbewaffneten Völ­kern! Das ist die harte Lehre, die man aus dem afrikanischen Feldzug ziehen muß. Dazu die nicht minder klare und wichtige: W e h e d e m, d e r s i ch auf den Völkerbund verläßt! Die Ge­schichtsschreiber werden ?s einmal dem Negus schwer ankreiden, daß er nicht zwölf Monate vorher für Waffen sorgte und lieber Protestnoten und Hilfegesuche nach Genf sandte. Das ist gewiß ein­facher und bequemer, aber von mäßiger Wirksam­keit. Abessinien kann sich auch nicht auf den guten Glauben berufen, denn es hatte die Präzedenzfälle im Gran Chaco und im Fernen Osten vor Augen. Ebensowenig kann es den Italienern vorwerfen, sie führten den Feldzug zu kriegerisch, zu unerbittlich, denn England hat schon vorher gezeigt, wie mans machen muß, in Indien und Aegypten und Süd­afrika. Die Abessinier dagegen scheinen aus der Vernichtung der Horden des Mahdi im Sudan wenig gelernt zu haben, sie glauben vielfach, es fei noch immer so wie damals, gerade vor 30 Jahren, bei Adua. Sie sind auf dem damaligen militärischen Niveau stehengeblieben, Italien ist mit Sieben­meilenstiefeln weitermarschiert.

So sehen die Dinge von Rom betrachtet aus. Kann man es Badoglio verdenken, wenn er schon den Endsieg in greifbarer Nähe sieht? Von einer vollständigen Durchführung des großen Unter- nehtnens spricht? Mancher Genfer mag finden, das sei eine Düpierung des Völkerbunds. Aber was tut der Völkerbund in diesem kritischen Augen­blick Wichtiges? Er zügelt, wie man in der Schweiz sagt, e r z i e h t u m. Er hält es für ungemein wich­tig, der staunenden Mitwelt zu verkünden, daß er dabei 445 000 Kilo Drucksachen und Akten mit ins

Nachdruck, auch mit Quellenangabe verboten! Tientsin, Februar 1936.

Herr Schulze von Berufalter erfahrener Ostasiate" gehört zu meinem engeren Bekann­tenkreis. Da ich oft bei ihm zu Gaste gewesen bin, beschloß ich neulich, michehrlich" zu machen und ihn in meiner Eigenschaft alsjunger, unerfahrener Ostasiate" zu einem chinesischen Abendessen einzu­laden. Das heißte wir wollten uns in irgend einer Stampe" treffen und mal ein paar chinesische Ge­richte essen. Teuer durfte die Sache im Hinblick auf die Devisenbestimmungen nicht werden, aber einen guten Eindruck sollte sie doch hinterlassen. Herr Schulze war damit durchaus einverstanden, schlug aber vor, auch d i e beiderseitigen Gattin­nen mitzunehmen, denn das sei in Deutschland in solchen Fällen doch sicherlich auch üblich.

Schön! Genehmigt! Drei Tage vor demSym­posion" treffe ich Herrn Schulze und er erklärt: Ach, hören Sie mal, ich lebe nun schon 30 Jahre hier draußen und es ist eine alte chinesische Weis­heit:Wo viere essen, wird auch ein Fünfter satt". Wie wäre es, wenn Sie auch Herrn Ping-Pang- Pong mit einladen würden? Ein sehr netter, sehr

neue Haus, das jährlich dreißig Millionen Gold­franken an Unterhaltungskosten verschlinge, hinüber­nehme. Vierhundertfünfundvierzigtausend Kilo also, spotten die römischen Zeitungen, wiegen seine Ideale! Wenn das den Negus nicht rettet...

Der liebe Gott hält es sichtlich wieder einmal mit den stärkeren Bataillonen, es ist fraglich ge­worden, ob selbst ein Feldherrngenie, wenn es jetzt in Abessinien auftauchen würde, das Schicksal noch wenden könnte. Rom neigt der ersten von den sechs Lösungsmöglichkeiten, die wir kürzlich zusammen­stellten, zu: Es sucht und erhofft die Entschei­dung auf dem Schlachtfeld. Die Gefahr eines zweiten Faschoda scheint in die Ferne gerückt, die Oelsperredrohung auf absehbare Zeit überwun­den, die Blockade ausgeschlossen. Daher werde sich der Löwe von Juda über kurz oder lang zu Frie­densoerhandlungen bequemen müssen. Ein vom Temps ausgestreckter Friedensfühler, der die In­itiative dem Duce zuschieben wollte, ist bereits rund­weg zurückgewiesen worden.

Wie die Stimmung jetzt unter dem Eindruck der beträchtlichen militärischen Erfolge in Rom gewor­den ist, kann von einer Annahme des letz- ten Friedens Vorschlages, der sogar im englischen Parlament selber begraben wurde, wenn auch aus anderen Gründen, nicht mehr die Rede sein. Mussolini soll allerdings kürzlich einem Journalisten zu verstehen gegeben haben, er hätte ihn damals angenommen, aber gestern ist nicht heute, die Erstürmung der strategisch wichtigen Höhen um Makalle hat auch die politische Lage, nach römischer Ansicht, völlig geändert. Vielleicht wird nun bald auch die heikelste Frage akut wer­den: die Sache mit dem Tana-See. Es wurde nicht nur in militärischen, sondern vor allem in diplomatischen Kreisen bemerkt, daß sich Mussolini von dem Luftmarschall und Statthalter Libyens, B a l b o , über die Lage in dieser Kolonie Bericht erstatten ließ.

gebildeter Chinese, mit dem ich befreundet bin, Neffe vom Marschall Bim-bam-bum ... seehr gute Fa­milie. Sein Urgroßvater war Gouverneur von Ha- Tschi, dessen Großonkel Pi-Pa-Po ist, der große Lyriker, der in der Ming-Dynastie die fabelhaften Gedichte gemacht hat. Sind Sie einverstanden, wenn wir den auch nach einlaben? Der Mann spricht außerdem ausgezeichnet Deutsch und kann Ihnen sicher viel erzählen, außerdem hat der Mann Be- züiehungen !!!! ... uunglaublich!"

Na schön! Laden wir also Herrn Ping-Pang- Pong auch noch ein ...

Am Freitag klingelt es bei mir. Aus unzähligen dicken Pelzen, Halsschonem und mattierten Un­termänteln schält sich ein gelehrt aussehender, aber immer dünner werdender Chinese heraus, macht mir eine tiefe Verbeugung und fragt reichlich un­motiviert, aber mit dem Gesichtsausdruck eines be­sorgten Arztes im unverfälschten BerlinerJar­gon":Wie jehts Ihnen Frau Jemahlin?"Oh! Danke! Kann nicht klagen ... Und Ihnen?" Jottfeidank, es jeht ... mein Name ist Ping- Pang-Pong, ich kommen von Schulze und .. Ahhh! Sehr erfreut! Bitte, kommen Sie rein!"

GroßeTürquälerei", nochmals besorgte Frage nach dem Befinden derFrau Jemahlin", in einem Ton« falle, als litte sie an der Pest, woraus man beider­seits umständlichBitte nach Ihnen! Nein! Nach Ihnen" Platz nahm. Kleine Kunstpause, ein übergebener Brief wird aufgerissen. Herr Schulze schreibt:Ihr Gast, Herr Ping-Pang-Pong hat Ihnen als höflicher Chinese erst seinen Antritts­besuch machen wollen und ich möchte doch anregen, daß Sie auch seine Frau zum Essen einladen. Er hat zwar mehrere, wird aber sicher nur die Haupt­frau mitbringen. Ob wir nun fünf ober sechs bei Tisch sind, spielt wirklich keine Rolle, denn die Gerichte sind so reichlich bemessen, daß auch für eine Frau noch was abfällt!" Hm! Ich gestehe: mir begann es etwas schwül zu werden! Da aber Herr Ping-Pang-Pong über den Inhalt des Brie­fes im Bilde zu sein schien, blieb mir nichts weiter übrig, als mich denGlücklichsten der Sterblichen" zu nennen, wenn diegroße Tai-Tai" sich herab­lassen würde, an dem armseligen Mahle eines Nichtswürdigen teilzunehmen." Herr Ping-Pang- Pong dankte erfreut mit zierlichen Redensarten, die eine glückliche Mischung blumiger Ming-Poesie und Berliner Prosa bildeten. Ich las weiter: ... als alter erfahrener Ostasiate möchte ich doch nun noch folgendes zu bedenken geben: eine normale Tisch­gesellschaft besteht in China aus acht Personen und da doch alles stilecht sein soll, habe ich Ihr Einverständnis vorausgesetzt auch meine Sekre­tärin mit eingeladen. Ich würde vorschlagen, daß auch Sie noch eine Dame mitbringen, damit es gemütlich wird, denn ..."

Als ich soweit gelesen hatte, begann es mir vor den Augenneblig" zu werden. Acht Personen! Großer Gott! Was wird die Devisenstelle dazu sagen? Aber was sollte ich machen? ... Ein­wände? ... Unmöglich! Ich konnte doch nicht mein Gesicht verlieren"? Zumal Herr Ping-Pang-Pong bereits liebenswürdigerweisealles aber jewiß doch! in die Hand jenommen hatte". Im Restau­rantZum Frieden der einsamen Seele" sei bereits ein Zimmer bestellt und angeheizt worden. Haifisch- Flossen, die schon wegen ihrer Zähigkeit ein paar Tage vorher aufs Feuer gesetzt werden müßten, seien bereits angeliefert worden, auch an Schmal- ben-Nester habe er gedacht, weil sie Erbarmen, Herr Minister Schacht! gut und selten seien. Na­türlich gehöre auch eine gutewissense, sone richtich fette" Peking-Ente dazu. Von Bären­tatzen sei wohl abzusehen, weil ich doch sicherlich keinen großen, sondern nur einenmittleren Tisch" geben wolle, für den bei diesen schlechten Zeit vier Vorspeisen, zehn Hauptgänge und vier Nachspeisen durchaus genügen dürften. Ich nickte zu allem nur apathischgenehmigt", brachte mein wie Kunst­honig auseinanderfließendes Gleichgewicht mit ein paar Schnäpsen wieder in Ordnung, und nachdem ich dem besorgten Herrn Ping-Pang-Pong erneut die eidesstattliche Versicherung gegeben hatte, daß sich dieFrau Jemahlin" besterJesundheit" er­freue und alle seine Besorgnisse grundlos seien, trennten wir uns mit dem Ausdruck unserer vor­züglichsten Hochachtung und ebensolchen Verbeu­gungen. Worauf ich dannsolo" noch ein paar Schnäpse trank und mit gerunzelter Stirn meinen Kassenbestand einer Revision unterzog.

*

Punkt 6 Uhr abends marschierte an einem Sams­tag eine kriegsstarke Dorkriegsgruppe in Stärke von 8 Mann beiderlei Geschlechts durch die weitgeöff­neten PfortenZum Frieden der einsamen Seele". Aus der Tiefe der Verbeugungen der Kellner und der Lautstärke ihrer das Haus erfüllenden Begrü-

Ich gebe ein chinesisches Diner.

* Ein ganz unpolitischer Bericht aus dem Fernen Osten.

Von unserem ständigen H. T.-Berichterstatter.

Gießener Gtadttheater.

Lortzing:Undine".

Im Januar 1843 hatte man Friedrich de la Motte-Fouque, den Dichter der reizvollen romantischen ErzählungUndine" zu Grabe getra­gen. Ein halbes Jahr später erfahren wir in einem Briefe Lortzings, daß er sich mit dem Undine- Stoff als Oper beschäftige. So liegt die Annahme nahe, daß Lortzing durch das Ableben des Dichters auf die Erzählung wieder aufmerksam geworden war. Mochte ihn in der Wahl eines romantischen Opernstoffes noch die Tatsache bestärkt haben, daß die Erben des Freischütz-Dichters Kind ihm aus dem Nachlaß einen Text vorgeschlagen hatten; der sicherste Beweggrund aber zu diesem Werk war ein Sich-Aufsteigern der Lebenskraft und des Lebens­mutes; denn er hatte das Ziel seiner Sehnsucht er­reicht, er war Theaterkapellmeister in Leipzig ge­worden.

Schon drei Jahrzehnte früher hatte sich E. T. A. Hoffmann des llnbineftüffes angenommen und in persönlich romantischer Regung seineUndine"- Oper geschaffen. Fouque hatte damals den Text selber im engen Anschluß an feine Erzählung be­arbeitet. Vom Gesichtspunkte der Bühnenwirksam­keit aus hatte sich dieses Werk nicht endgültig durch­setzen können. Lortzing selbst hat die Schwierigkeit der Umformung der Märchenerzählung in einen wirksamen Operntext bei feiner dichterischen Arbeit sehr empfunden. Einmal schreibt er an feinen Freund Philipp Reger in Frankfurt:Ich stehe bei meiner Undine sehr unter dem Pantoffel. Ach, mein guter Philipp, das Weib ärgert mich sehr, ich habe mir diese Ehe glücklicher vorgestellt; na, viel­leicht vertragen wir uns noch. Und an Scheidung ist bei dem Mangel an guten Frauen nicht zu denken." Wie sehr er aber von dem Erfolg seiner Arbeit überzeugt war, das zeigt eine spatere Aeußerung: ,Zch baue auf Gott und meine Un­dine." Ohne irgendwelche Einschränkung der grund­legenden Idee mußte der Stoff nach den Erforder­nissen der Bühnenwirksamkeit umgeformt werden. Da es dem Stoffe von vornherein an Kontrastwir­kungen fehlte, fügte Lortzing die beiden Gestal­ten des Schildknappen Veit und des Kellermeisters Hans ein. So wurde die zauberhafte Marchensphare mit der realen Umwelt verknüpft. In den Aeußerun- gen beider läßt er die Handlung sich und gibt so durch die Reflexfiguren em Nachleben des Geschehens im Lichte der Alltagsnaturen. Ja, das fast naturhafte Rechtsempfinden der beiden greift in das Geschehen ein und isthrt (durch das Oeffnen des Brunnens) die Schlußkatastrophe herbei.

Wenn Lortzing die Erklärungen über die Her­kunft der vermeintlich hochgeborenen Bertalda m der klaren vorliegenden Form einfugte, so mochte dabei mitsprechen, daß er die Konflikte durch das Verhalten zu den Pflegeeltern möglichst umgehen wollte; wie es ja überhaupt ein typischer Zug oer deutschen Oper ist, daß sie die innersten .Gefühle zwischen Eltern und Kinder möglichst nicht auf der Bühne preisgibt, sicher aus dem Gedanken,

heilige Gefühle nicht profanieren zu wollen; die romanische Oper kennt diese Zurückhaltung nicht.

Die epischen Breiten des Märchens machen einer gestrafften Handlung Platz, die in jedem ihrer Züge motiviert erscheint und sich in klarem Ablauf voll­zieht, ohne dabei in verstandesmäßige Nüchtern­heit zu verfallen. Wie Lortzing selbst die Teile, in denen er sich eng an die dichterische Vorlage an- fchließt, neu durchgestaltet, das wird man deutlich ersehen können, wenn man die wörtlichen Reden Fouques und den Bühnendialog Lortzings gegen­überstellt. Die so zusammengefaßte Handlung stellt die leitende Idee klar heraus: das Streben der Wasserjungfrau Undine nach dem Liebesbund mit einem Menschen, um dadurch der Seele teilhaftig zu werden; d. h. menschliches Fühlen und Hand­lungsverstehen zu gewinnen.

Dem vom Urbild abweichenden Ausgang der Oper (Hugo stirbt) wandelte Lortzing auf Anraten theatererfahrener Freunde um in ein Fortleben in Kühleborns Reich. Die durch den Liebesbund mit dem Ritter Hugo gewandelte, beseelte Undme er­regt durch ihr unverschuldetes Leid das Mitleid Kühleborns, und so konnte Lortzing diese Umbil­dung wohl innerlich rechtfertigen.

Entsprechend dieser Textverfassung mußte sich Lortzings Musik von der Hoffmanns entfernen. Während Hoffmann mehr durch das Dämonisch- Romantische gefesselt wird, tritt bei Lortzing mehr das Menschliche in den Vordergrund, als ein inniges Märchenerleben mit herzlichen Tonen. Nicht ein Erschauern und ein Erfüllen mit Pathos, sondern in Schlichtheit fast mit einem Zuge von Kindergläubigkeit. Das tragische Erleben des Schick­sals Undines stellte Lortzing gegenüber fernen bis­herigen Werken vor eine neuartige Aufgabe hin­sichtlich der seelischen Tiefe feiner Ausdrucksform; und er findet hier den Weg zu einem von seiner bisherigen Uebung wesentlich abweichenden Stil. Ja, die verhältnismäßig lange Zeit von über zwei Jahren, die er auf dieses Werk verwandte, laßt ermessen, welche innere Umstellung diese Oper von ihm fordert. Seine musikalische Sprache berührt Seelengründe, denen er besondere Motivbildungen zuordn'et, die sich in ihrer Wandlung ebenso als Symbole inneren Erlebens erweisen, wie die Far­bigkeit der instrumentalen Sprache neuen Aus­druckswerten zustrebt. Lortzing selbst war sich biefes Einsatzes seiner Arbeitskraft auf einem neuen Ge­biete bewußt; die Musik zur Undine schätzte er: Sie ist, weiß es Gott, nicht schlecht, sie ist wohl das Beste, was ich geleistet". Gelegentlich der reich aus­gestatteten Hamburger Erstaufführung unter der Leitung des Komponisten, der übrigens wenige Tage früher die Uraufführung unter einfachen Verhält­nissen in Magdeburg vorausgegangen war, ist er selber überrascht über die Wirkung seiner Musik. , Du weißt, ich bin strenger Richter über mich selbst, aber ich versichere dir, daß Musikstücke Vorkommen, deren Effekte ich nicht geahnt hätte." Und m der Tat, die Musik, die er dem Kreis der Hauptpersonen gewidmet hat, läßt manchmal das Bedauern dar­über wach werden, daß die hier erweckten Hoff­nungen sich nicht in der weiteren Schaffensarbeit Lortzings erfüllen konnten. Die Musik bindet sich sowohl mit der Szene wie auch mit dem Charakter

der einzelnen Gestalten. Eine märchenhaft zaube­rische, fast weiheartige Stimmung liegt über dem Finale des dritten Aufzuges. (Rückkehr Undines in Kühleborns Reich) mit feiner friedvollenSchwa­nenweise", Klangschönheit zeigt im Quintett des 1. Aktes; die vielfältig aufeinander prallenden inne­ren Gegensätze bannt er im Quartett des 2. Aus­zuges.

Den ernsten, ja tragischen Tönen inUndine stehen die beiden Gestalten des Hans und Veit mit ihren Liedern gegenüber; gerade dieses Schlichte, ans Buffoneske Streifende und doch wiederum so Innige, was er diesen beiden in ihren Melodien zuteilt, hat, zumal derUndine", den Charakter einer Volksoper gegeben und sie zu einem Lieb­ling des Theaterpublikums werden lassen. Fast schlagwortartig ist der Refrain des DuettsIm Wein ist Wahrheit nur allein" in den Volksmund übergegangen; nicht minder hat das Lied vom Wiedersehen" seine Stellung gehalten. Wenn selbst Kühleborn in dem Duett mit Veit im ersten Akt in den heiteren Ton hinübergezogen wird, so möchte man hier an einen Vorläufer des Duetts in den Lustigen Weibern zwischen Flut und Fal­staff denken.

Im Mittelpunkt des Ganzen steht die Titelpartie. Die Stadien der inneren Entwicklung vom über­mütigen Fischerpflegekind zur durch den Liebes­bund' beseelten Gattin und zur treulos Verlassenen läßt Lortzing ganz besonders durch das musikalische Gewand greifbar werden; er hat so rührend Herz­liches, Gewinnendes, niemals aber Sentimentales, in diese Rolle hineingelegt. Friedel Fornallaz lebte ganz in ihrer Aufgabe, zumal der innerlich gewandelten Undine gab sie Momente seltener In­nigkeit. Ihre Bekenntnisarie war bis zur letzten Regung hin durchgestaltet und ließ Gefühlswerte und Darstellung zu einem verschmelzen, dabei mit fein modulierter Stimme und aufstrahlendem Glanze jenes Erwachen der Beseelung kündend.

Wenn auch bei Lortzing die Gestalt des Kühleborn nicht jenes Masi an dämonischer Kraft erreicht wie etwa bei E. T. A. Hoffmann, so gibt er ihm doch die Würde alsFürst der Fluten" und als Beschützer Undines fast väterliche Züge, getragen von Mit­leid mit der unglücklichen Verlassenen. Gustav Bley erfüllte diese Gestalt mit Vornehmheit, ja stellenweise mit Kraft des Unheimlichen bei engstem Anschluß an die Szenen und an die jeweilige Er­scheinungsform als Priester, Gesandter in ihrer wechselnden musikalischen Einkleidung. Zu dramati­scher Höhe wuchs er im Schluß des zweiten Auf­zuges alsFürst der Fluten" heraus, schön und wärm in seinen Tönen sang er den Beherrscher der Wassergeister im Finale des 3. Auszuges wie auch im Schlußbild.

Heinz Weiser (Hugo von Ringstettenl gab dem Ritterlichen in szenischer Gestaltung und stimmlicher Haltung greifbaren Ausdruck, so in der Romanze Ich ritt zum großen Waffenspiele" wie im stum­men Spiel bei der Arie Undines. Wenn Lortzing der Bertalda opernhafte Musik voller Pathos zu­meist, so gibt er gewissermaßen damit symbolisch die Unechtheit des Charakters zu. Sie, die so ab- ßend lieblos zu ihren Pflegeeltern ist und mit Raf­finement den Ritter Hugo bestrickt, ihr gegenüber

mußten Lortzings Herzenstöne versagen. Das zeigte auch Helene Wacker mit ihrer durchdachten Ver­innerlichung dieser gewiß nicht dankbaren Opern­gestalt. Das soll trotz ihrer Bitte um Nachsicht wegen starker Indisposition dennoch besonders an­erkannt sein.

Ein Knappe in treuester Ergebenheit zu seinem Herrn, ein wenig Leichtfuß, aber doch aufrichtig in seinem Denken und Fühlen, geschwätzig, das Herz auf der Zunge tragend, ein wenig Prahlhans und voll Selbstgefälligkeit, aber dennoch eine ehr­liche Haut: so stellte Rudolf Hille den Veit hin. Gewandt und behende im Spiel, ebenso schlagfertig aber auch in den Duettgesängen, und seine Lieder vomWein" und vomWiedersehen" bewiesen ihn als einen Buffo, der schön und musikalisch ge­schmackvoll zu fingen vermag. Als gleichgesinnter Kumpan, treu und bieder, voll Geschäftigkeit, nicht aufdringlich, voll Mutterwitz und Laune war Wilhelm Greif als Kellermeister Hans. Wie die beiden sich aufeinander einstellten und in ihrer Weinseligkeit ein würdiges Paar abgaben, das be­kundete der auf offener Szene ausbrechende Beifall. Wilhelm Greif verdient eine besondere Aner­kennung für die Beweglichkeit seiner inneren Um­stellung: Im ersten Auszug den Pater voll Würde und weihevollem Stimmklang gebend und dann als Kellermeister in den folgenden Aufzügen ge­sanglich und darstellerisch den Bufsoton hervor­ragend treffend. Emmy Hagemann und Karl Tank waren ein würdiges Elternpaar in unver­fälschter Einfachheit, besonders auch im Dialog; a« dem so stimmungsstarken Quintett im Fischerhause trugen sie regen Anteil.

Die Ensembles waren glücklich aufeinander ein­gestimmt, und auch die Chöre bewiesen Schwung und Frische und im vorletzten und letzten Finale Abtönung des Klanges. Dem Orchester hat Lortzing verhältnismäßig größeren Anteil an dem Reflex des Bühnenvorganges gegeben als in feinen anderen Opern. Die Streicher wie auch die Bläser fielen durch schönen Ausgleich in Farbe und auch Zu- fammenflang auf, und namentlich in den Zwischen­musiken wie in der Ouvertüre gab das Orchester ganz besonders Ausgeprägtes. Die dramatischen Ak­zente ließ Paul Walter in starker Aufwallung herausbrechen und stellte sich damit in Gleichklang mit der Spielleitung (Paul Wrede), die den Fort­gang der Handlung straff in Bewegung hielt und mit vielen Einzelzugen die gründliche Durcharbei­tung des Werkes unter Beweis stellte. Durch den Schleiervorhang erhielten die Bühnenbilder (Karl Löffler) das unbedingt notwendige Märchenhafte. Die Verwandlungen vollzogen sich in gutem Fluß wohl unterstützt durch eine äußerst geschickte Beleuch­tungsführung (Hans Weber) zumal im Schluß­bild.

Wenn das Haus leider nicht voll besetzt mar, so war doch die unbedingte Zustimmung der Hörer überaus herzlich. Soviel Beifall bei offener Szene und gar am Schluß ist der untrüglichste Beweis für vollen Einsatz der Kräfte zum vollen Gelingen. Mit dieser Oper erscheint ein Werk auf dem Spiel- plan, das namentlich auch unserer Jugend durch Schülercmfführungen in weitestem Maße zugänglich gemacht werden müßte. Dr. H.