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ttr.M Zweiter Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen) Mittwoch, 26. August 1956

Deutsche Volksgenossen im spanischen Bürgerkrieg.

Don unserem v.G.'Berichterstatter.

(Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!)

Madrid, 20. August 1936.

Spanien ist eines von den europäischen Län­dern, die die stärksten deutschen Kolo­nien aufzuweisen haben. Ueberall stößt man auf die Spuren deutscher Initiative, deutschen Kapitals, deutscher Jngenieurkunst und deutschen Organisa­tionsgeistes. Ob Autoschlosser oder Bankdirektor, Exportkaufmann oder Jndustrieberater, sie alle haben in jahrzehntelanger unermüdlicher Tätigkeit ihren Teil zum industriellen und kulturellen Fort­schritt Spaniens beigetragen und die denkbar besten Beziehungen zur spanischen Bevölke­rung gepflegt. Nicht nur das von Deutschen in Spanien festgelegte und in deutschen Unternehmun­gen arbeitende Geld geht in die Milliarden, auch die moralischen Werte, die in dem regen Kultur­austausch zwischen den beiden Ländern verkör­pert sind, sind unabschätzbar. Wenn infolge des Bürgerkrieges Tausende von deutschen Volksgenossen das Land mit dem Gefühl verlassen, von all den geistigen und materiellen Gütern, die sie in Spa­nien zurücklassen, vielleicht nie etwas wiederzu­sehen, so kann man sich die ganze Tragweite vor­stellen, die der spanische Bürgerkrieg für die deutsch-spanischen Beziehungen hat.

Der Abtransport der deutschen Volksgenos­sen aus Madrid erfolgte später als der aus den Küstenstädten, da der Bahnverkehr und die Flugverbindungen zum größten Teil unterbrochen waren. Außerdem übte die scheinbar selbstsichere und zielbewußte Politik der Madrider Regierung zunächst eine beruhigende Wirkung insbesondere auf die Ausländer aus, die dem guten Willen der linksbürgerlichen Politiker, das kommunistisch-anar- chistische Chaos zu verhindern, Glauben schenkten. Der Abtransport der Ausländer, der von den Eng­ländern, Amerikanern und Franzosen eingeleitet wurde, setzte erst in vollem Umfange ein, als es keine Zweifel mehr gab, daß die Regierung immer mehr bei den umstürzlerischen Elementen an Auto­rität einbüßte und oorauszusehen war, daß sie über kurz oder lang auch den Ausländern nicht mehr den nötigen Schutz gewährleisten konnte.

Sofort nach Ausbruch des Bürgerkrieges stellte die deutsche Botschaft unter der tatkräftigen Leitung des Gesandtschaftsrates Dr. Schwende- mann, der die Funktionen des Geschäftsträgers ausübte, sämtliche Räume und den großen, schat­tigen Park den Volksgenossen zur Verfügung, die sich in ihren Wohnungen bedroht fühlten. Bis über 700 Deutsche fanden im Botschaftsgebäude Schutz, Unterkunft und Verpflegung. Deutsches Organisa­tionstalent, deutsche Disziplin und deutscher Ord­nungssinn zeigten sich vom ersten Augenblick an. Die Amtsleiter der Partei, die Mitglieder der Frauenschaft, Autobesitzer, Lehrer der Deutschen Schule mit ihrem Direktor, deutsche Handwerker und die Leiter deutscher oder deutsch-spanischer Un­ternehmungen stellten sich in den Dienst der Volks­gemeinschaft. Ein Kraftwagendienst hielt die Ver­bindung zwischen Botschaft und den in der Stadt wohnenden Volksgenossen aufrecht, bis der letzte Deutsche in Sicherheit gebracht und in einerJu 52" der Deutschen Lufthansa oder über Valencia mit einem deutschen Schiff nach der Hei­mat befördert worden war.

Der Küchendienst lag in der Hand der Besitzer und Angestellten deutscher Wirtschaftsbetriebe in Madrid. Das Essen, das die meisten unter den Palmen und Tannen des großen Gartens einnah­men, stellte auch den verwöhntesten Gaumen zu­frieden: nicht einen Augenblick fehlten die verschie-

densten, bei der fast unerträglichen Hitze unentbehr­lichen Getränke. Zwei- oder dreimal am Tage fand ein Appell stand, bei dem Anweisungen gegeben, Auskünfte über die Abreise erteilt, Reisegruppen aufgestellt, Post verteilt wurden. Der Sanitäts­dienst betreute die Leichtkranken und sorgte für die nötige Hygiene. Schwerkranke wurden ins Deutsche Hospital geschafft.

Sehr gelegen kam der Umstand, daß die Privat­räume der Botschaft infolge des Botschafterwechsels nicht möbeliert waren und daher bedeutend mehr Raum für die Unterbringung der in die Botschaft geflüchteten Deutschen vorhanden war. Viele Fa­milien stellten bereitwillig Bettzeug und Matratzen zur Verfügung: die Lager wurden in Büroräumen, im Garten, auf den Korridoren, im Keller und in der deutschen Kapelle, die zum exterritorialen Bo­den der Botschaft gehört, aufgeschlagen. Kein Platz blieb unausgenutzt, sogar in Autos und in Zelten fanden die müden Häupter ihre Ruhe.

Wenn deutsche Familien, die in ihren Wohnun­gen geblieben waren, nachts von der Roten Miliz belästigt wurden, so genügte ein telephonischer An­ruf und innerhalb weniger Minuten fuhr ein Auto der Botschaft mit zuverlässigen Polizeibeamten und einigen Parteigenossen, die den Nachtdienst gerade versahen, vor dem Haus des bedrängten Deutschen vor und hielten die Milizsoldaten in ebenso höf­licher wie energischer Weise von ihrem Vorhaben ab. Diejenigen Volksgenossen, die unter irgendwel­chen Vorwänden dennoch verhaftet wurden, konnten icher sein, auf Grund des sofort vom deutschen Ge- ckäftsträger beim Außenministerium erhobenen cyarfen Protestes innerhalb kurzer Zeit wieder auf freien Fuß gesetzt zu werden. An der Haustür jeder deutschen Wohnung wurde ein Zet­tel mit der Unterschrift des deutschen Geschäftsträ­gers angeheftet, auf dem darauf hingewiesen wurde, daß die Räume unter dem besonderen Schutz der deutschen Botschaft und des Madrider Polizeipräsi­denten stehen. Dieser Hinweis flößte auch den ro­ten Volkssoldaten im allgemeinen Respekt ein.

Die Arbeit der deutschen Botschaft bei dem Ab­transport der deutschen Staatsbürger, ihr Zusam­menarbeiten mit der Madrider Regierung, ihr sehr entschiedenes und unzweideutiges Verhalten bei Uebergriffen der Roten Miliz dienten den übrigen in Madrid akkreditierten ausländischen Missionen zum Vorbild. Trotz der bestehenden weltanschau­lichen Unterschiede zwischen den politischen Macht­habern in Madrid und der deutschen Kolonie ist die Behandlung und das Entgegenkommen, das man gerade der deutschen diplomatischen Vertretung gegenüber gezeigt hat, besonders hervorzuheben. Die Bereitwilligkeit, mit der a u ch ausländische Staatsangehörige, soweit es möglich war, beim Abtransport besonders auf dem Wege nach Alicante auf die deutschen Schiffe berücksichtigt wurden, hat uns nicht nur Dank und Anerkennung dieser Aus­länder und ihrer diplomatischen Vertretungen, son­dern vor allem Achtung vor der Rückenstärkung gebracht, die der im Ausland wohnende Deutsche durch die nationalsozialistische Heimat erhält. Der Opfersinn, den das deutsche Volk bei der Fürsorge um das Schicksal der Spanienflüchtlinge zeigt, die Betreuung jedes einzelnen bei seiner Ankunft in Deutschland, die offenen Arme, die sich ihm dort überall entgegenstrecken, um ihn über das be­drückende GefühlWas wird jetzt aus mir?" hin­wegzutrösten, haben auf jeden Ausländer den tief­sten Eindruck gemacht.

Der Abtransport der Deutschen aus Madrid erfolgte entweder auf dem Luftwege über Mar­seille nach Stuttgart oder per Flugzeug und Eisenbahn nach Alicante, wo die Flüchtlinge

von deutschen Schiffen ausgenommen wurden. Erst etwa vierzehn Tage nach Ausbruch des Bürger­krieges gelang es der Madrider Vertretung der Deutschen Lufthansa unter Leitung des Direktors von Winterfeld in Zusammenarbeit mit der Deutschen Botschaft, den Flugverkehr mit Deutsch­land wieder aufzunehmen und den Pendelverkehr zwischen Madrid und Alicante zu erweitern. Da auch der Eisenbahnverkehr nach Valencia und Alicante bald wieder freigegeben wurde, stand der Abreise der Deutschen aus der spanischen Haupt­stadt nichts im Wege.

Madrid verließen zeitweise täglich bis zu 150 Deutsche mit dem Zug und bis zu 100 mit den großen Junkersmaschinen, die vorübergehend den Weg nach Alicante dreimal am Tage in beiden Rich­tungen zurücklegten. Die Gepäckkontrolle erfolgte für die Bahnfahrer schon auf dem Grundstück der Deut­schen Botschaft, wo sich mehrere Zollbeamten mit roten Armbinden und Sowjetstern einfanden, und verhältnismäßigwohlwollend" die Geheimnisse des Kofferinhaltes lüfteten. Auf dem Flugplatz waren besonders in den letzten Tagen des Abtransportes strenge Vorsichtsmaßnahmen getroffen worden; jedem Deutschen, der nicht zur Reisegruppe gehörte, wurde der Zutritt zum Flughafen verweigert, was in erster Linie feinen Grund in den Bombenflugzeu­gen hatte, die funkelnagelneu aus Frank­reich eingetroffen waren und kaum dreißig Meter van den stolzen breimotorigen deutschen Passa­giermaschinen entfernt standen. Wer dem Start der deutschen Apparate beiwohnen durfte, der spürte, wenn sich der Vogel mit zwanzig Menschen an Bord in die Lüfte erhob, nicht nur ein Gefühl der Ge­borgenheit in fremdem, von politischen Leidenschaften aufgewühlten Lande, sondern auch den ganzen Stolz eines Menschen, der hinter sich ein starkes Vaterland und 67 Millionen Menschen weiß, die sich in dieser Stunde um ihn sorgen.

In Alicante herrschte zur Zeit des Abtrans­portes der Deutschen aus Madrid und ihrer Ein­schiffung an Bord deutscher Kriegs- und Handels­schiffe Kommunismus und Anarchismus. Wie überall dort, wo die Regierung behauptete, ihren Einfluß geltend zu machen, waren auch in Alicante Geschäfte, Kasinos, Privathäuser, Wohnungen, Paläste, Fa­briken, Theater und Kinos beschlagnahmt, Kirchen ab­gebrannt und rote Arbeiter- und Soldatenräte ge­bildet worden. Kinder und revolutionäre Mädchen mit geschultertem Gewehr, rote Volksfrontsoldaten im Schlosseranzug und mit Bindfadenschuhen, Muni­tionsgürtel, den verschiedensten Kopfbedeckungen und Pistolen, beschlagnahmte Privatautos mit roten und schwarz-roten Wimpeln, dick mit Kreide auf die Ka­rosserie aufaetragenen Anfangsbuchstaben der revo­lutionären Organisationen und Kampfparolen gaben der Levantestadt, in deren HafenAdmiral Scheer" die Hakenkreuzflagge hißte, das Gesicht. Mitten in dieser Umgebung machte es einen tiefen Eindruck, wenn deutsche Matrosen in sauberer Uniform und straffer Haltung die deutschen Volksgenossen auf dem Bahnhof abholten, sie ins Hotel ober in Privatquar­tiere geleiteten unb ihnen das Gefühl gaben, der roten Hölle endgültig entronnen zu fein. Besonders erhebend waren die Augenblicke des Auslaufens eines deutschen Dampfers und die Vorbeifahrt an dem deutschen KreuzerAdmiral Scheer". Hunderte von Armen erhoben erhoben sich zum Abschiedsgruß, Hochrufe auf Führer und Vaterland erfüllten minu­tenlang den Hafen, die Bordkapelle vonAdmiral Scheer" spielte das Horst-Wessel-Lied und das Deutschlandlied, in das die abfahrenden unb auf bem Kreuzer zurückbleibenben Deutschen begeistert ein­fielen. Währenb bas beutsche Hanbelsschiff in bas freie Meer hinausglitt, erwartete Alicante ben näch­sten Transport aus Mabrib, unb hieltAbmiral Scheer" bie Wacht im roten Hafen ber Levantestabt.

Besinnliche Weltreise.

Von unserem E. M.-Sonderberichterstatter.

IV.

Königreich Tabak.

(Nachbruck, auch mit Quellenangabe, verboten.) Medan (Sumatra), Ende Juli 1936.

Der König van Deli ist heute nach Europa abgereift", hörte ich vor einigen Tagen jemand am Nebentisch sagen. Nanu, es gibt einen König von Deli? Das ist ja ganz etwas Neues. Ich kenne nur einen Sultan von Deli. Doch halt, vielleicht steht etwas in ber Passagierliste. Aber meine Bemühun­gen sind vergeblich, denn natürlich stehen Könige nicht mit gewöhnlichen Sterblichen auf einer Liste, auch im demokratischen Holland nicht. Sie stehen nur in der Zeitung. Doch auch hier ist nichts zu finden und kurz entschlossen frage ich daher einen Bekannten:Ist der König von Deli wirklich fort?"

Einen Augenblick sieht er mich an, als wolle er an meinem Verstände zweifeln.Na, also", dachte ich erlöst. Aber dann lachte er und sagte:Ach ja, vor einer Woche".

Merkwürdiges Land, das nur von Mund zu Mund erfährt, wenn fein König reift.Erzählen Sie mir doch von ihm", fordere ich ihn auf.

Ich denke. Sie kennen sich aus", war bie er­staunte Antwort.

(Eben nicht", entgegnete ich ärgerlich.

Mein Bekannter griff nach der Zeitung. Schon einen Augenblick später zeigte sein Finger auf eine größere Notiz unb dort las ich, baß der Direk­tor des größten Tabakkonzerns mit Urlaub nach Europa gefahren wäre.

Ja, König von Deli, nun verstehe ich. Alles was

Medan ist, verdankt es bem Tabak, und das ist feit rund 65 Jahren so. Damals bahnten sich einige Pioniere durch bie Mangroven und Ur­wälder einen Weg ins Herz der Landschaft Deli. Ungeheuer sind die Entbehrungen gewesen, aber das Ausharren lohnte sich, wie bie Gegenwart beweist.

Das Lanb war so gut wie menschenleer und darum auch reichlich zu haben. Die Frage war nur: Woher kommen nun die Arbeiter? Die Bataker und Malaier verdingten sich trotz aller Ver­lockungen nicht. Daher griff man, wie überall im Osten wieder auf die Chinesen zurück. Sie ka­men zu Tausenden, und noch heute ist Medan eine chinesische Stadt, rund 50 000 von 76 000 Einwoh­nern stammen aus dem Reich der Mitte. Der Chinese ist für ganz Asien ber Qualitätsarbeiter unb daher relativ teuer. So tauchte schon in kur­zer Zeit ganz von selbst die Frage auf, wie man die Löhne verbilligen könne. Dabei erinnerte man sich des übervölkerten Javas. Werber wurden ausgeschickt und bald waren auch einige Tausend Vertragsunterschriften da.

Die Unterschriften! Die Javaner erschienen bei der Abfahrt der Schiffe längst nicht alle. Geld ist für sie schön, aber weg von der Heimat, nach einem herrlichen Feste, bas ber Vorschuß ermöglicht hatte, ging man barum noch lange nicht. Die Werber konnten die Säumigen in den Dörfern nur schwer finden, und auch auf Sumatra liefen nach wenigen

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Der gerettete Welsenschah

Von Ernst von Nebelschütz

Als vor sechs Jahren der unter dem Namen Welfenschatz" weltberühmt gewordene Reliquien­schatz des Hauses Braunschweig-Lüneburg von sei­nem bisherigen Besitzer, bem letzten Herzog von Braunschweig, an ein Kunsthändler- Komsortium verkauft unb in einer Ab- schiedsausstellung in Berlin gezeigt würbe, hat wohl niemanb an bie Möglichkeit einer Erwerbung dieses einzigartigen Nationalguts aus Staatsmit­teln geglaubt, zumal bie bamalige preußische Re­gierung nicht einen Finger rührte, um bas drohende Unheil abzuwenden. So geschah denn, was geschehen mußte, seitdem ber Schatz ein <5pe= kulationsobjekt geworben war: er wanderte nach Amerika, wo das Museum in Cleveland vier­zehn wertvolle Gegenstände erwarb. Dennoch soll­ten sich die händlerischen Erwartungen zum Gluck nicht erfüllen, da die amerikanische Wirtschaftskrise dazwischen kam, der es zu danken ist, wenn da­mals der Schatz nicht in alle Winde zerstreut wurde, vielmehr unter großen Opfern nunmehr vom preußischen Staate erworben unb bem Berliner Schloßmuseum zur dauernden Ausstellung überwiesen werden konnte. .....

Die glückliche Rettung fordert zu einer geschicht­lichen Rückschau auf, denn der Welfenschatz ist nicht eine beliebige, mehr oder p^iger zufällig zusammengetragene Sammlung kirchlicher Gerät­schaften aus Edelmetall, sondern er ist aufs engste mit der Geschichte unseres Volkes und eines seiner ältesten Fürstenhäuser verknüpft. Allerdings be­zeichnet der Name nicht ganz den wahren Sach­verhalt, da schon hundert Jahre vor der Begrün­dung der welfischen Dynastie der Braunschweiger Dom eine hochbedeutende Sammlung oon Reu- quienbehältem besaß, deren Stifter Mitglieder des gräflichen Hauses der Brunonen waren, gerade die ältesten Stücke sind also brunonlscher, nicht welfischer Herkunft. Oder waren es wenig­stens, denn leider sind die beiden Kreuze der Grä­fin Gertrud (gestorben 1077) und der auf ihren Namen getaufte kleine Trugalter w Amerika geblieben ein sehr schmerzlicher ^^ust, da es sich dabei um ganz hervorragende Werke der nie­dersächsischen Goldschmiedekunst handelt. Dafür sind aber die großartigen Erwerbungen H e i n ° r i ch s des Löwen, die dem Schatz recht eigent­lich seinen Namen gegeben haben, beinah voll­zählig zu ammengeblieben. In dieser Gruppe von Kostbarkeiten ist zuerst das "Welfen kreuz zu nennen, eine italienische Arbeit aus der Mitte des 11. Jahrhunderts, die Heinrich schon aus welfischem Familienbesitz nach Braunschweig m.t- brachte, ein wahres Wunderwerk in Gold, Perlen, Filigran und Zellenschmelz.

Ungern verzichten wir auf eine Beschreibung der

übrigen Stücke. Dem künstlerischen und historischen Werte nach stehen die frühmittelalterlichen Gold- schmiedearbeiten bei weitem an erster Stelle. Wohl in keinem anderen Kirchenschatz der Welt findet man eine solche Fülle unvergleichlicher Herrlich­keiten des romanischen Kunsthandwerks geschlossen beisammen. Da sind aus dem zwölften Jahrhun­dert die kleinen Tragaltäre (Portatilen) des Kölner Meisters F i l b e r t u s, ferner das wun­dersame, wohl schon von einem Schüler Gil­berts stammende Kuppelreliquiar in Schmelzarbeit und Elfenbeinschnitzerei und die mit der Widmungsinschrift Heinrichs versehenen A r m- reliquiare zumeist in mitteldeutschen oder rheinischen Werkstätten entstandene Arbeiten von Weltruf. Fast alle diese unermeßlich wertvollem Gegenstände dienten also zur Aufbewahrung von Reliquien, es waren Träger der mit der Reliquie verbundenen Geheimnisse; von dem Golde, den Schmelzbildern und den in Filigran gefaßten Edelsteinen muß man sich eine magisch-symbolische Kraft ausstrahlend denken, die dem von ihnen ver­schlossenen Misterium galt und die der gottesdienst­liche Gebrauch am Altar noch um ein bedeutendes steigerte.

Kein Wunder demnach, daß mit der Reformation und der Abkehr von der Heiligenverehrung der Welfenschatz seinen wahren und eigentlichen Sinn­inhalt verlieren mußte; aber ein um so größeres, daß er trotz allen Beraubungen, Abgaben und Ver­käufen im großen und ganzen doch bis auf unsere Zeit erhalten werden konnte. Roch die Berliner Ausstellung von 1930 war mit 82 Nummern be­legt; jetzt ist der Bestand bis auf die Hälfte zu­sammengeschmolzen. Gleichwohl sind die Verluste, eine so große Lücke sie auch darstellen, nicht so hoch anzuschlagen, wie die Zahlen vermuten lassen. Am stärksten dezimiert ist der Bestand an gotischen Monstranzen aus dem späten Mittelalter; sie sind großenteils in Amerika geblieben, was wir jedoch nicht als ein allzu großes Unglück empfinden, da es für uns immer feststand, daß der Ruhm der Samm­lung vorzugsweise auf den frühen Stücken be­ruhte. So dürfen wir es denn als eine besondere Gnade des Schicksals betrachten, daß, von den ein­gangs genannten Kostbarkeiten brunonischer Her­kunft abgesehen, der Schatz in seinem für uns wertvoll st en Teil f a st unangetastet in unsere Hände zurückgekehrt ist. Und selbst in der gotischen Abteilung hat doch wenigste^ ein Werk von unschätzbarer Eigenart die Irrfahrt durch Amerika glücklich überstanden: wir meinen das Plenar Herzog Ottos des Milden von Braunschweig, ein italienischer Pergamentkodex, dessen Rückseite eine gravierte Silberplatte mit dem thronenden Schutzpatron des Braunschweiger Domes, St. Blasius, schmückt, zu dessen Füßen der Stifter und seine Gemahlin Agnes knien (1339).

So wäre denn der Welfenschatz gleich dem ver­loren geglaubten Sohn des Evangeliums nach man­

chen Abenteuern und nicht ohne empfindliche Ein­bußen doch noch glücklich ins Vaterhaus zurückge­kehrt, das ihn, so hoffen wir, nie wieder in die ungewisse Fremde ziehen zu lassen braucht. Sein Weg durch die Geschichte ist der einer zunehmenden Entheiligung gewesen. Zwar verbieten es die Um­stände, ihn je wieder seiner ursprünglichen Bestim­mung als Heiligtumsschatz zuzuführen. Sein Schicksal ist von nun an das Museum, in dem ihm eine andere Art und Form der Verehrung zuteil werden wird, als während der fünf Jahrhunderte, wo gläubige Menschen aus aller Welt vor den Altären der Blutzeugen ihre Gebete verrichteten. Alles Leben, auch das der Kunst, unterliegt dem Wandel der Zeit. Als ein nationales Heiligtum des ganzen deutschen Volkes tritt der Welfenschatz in eine neue Epoche seiner Geschichte.

Oie Genialität und ihr Alter.

Es ist merkwürdig und allgemein bekannt, daß viele bedeutende Gelehrte und Künstler ihre ent­scheidende Leistung in jungen Jahren voll­bracht haben. Aber auch für andersgeartete Genies trifft diese Beobachtung zu, und an einer Fülle von Beispielen belegt der Heidelberger Psychologe Pro­fessor Dr. W. H e 11 p a ch , wie wichtig bestimmte Jahre und Lebensgezeiten für die großen Männer gewesen sind und wie bedeutend die Siebenzahl im Auf und Ab zu bemerken ist. So ist, wie wir im Septemberheft von Velhagen & Klasings Monatsheften lesen, der Durchbruch neuer Erkenntnis bei Luther in einem Alter von 27 bis 29 Jahren erfolgt, und genau in derselben Le­benszeit tritt Bismarck in jenen Kreis pom- merscher Pietisten, der sein ganzes Dasein inner­lich verwandeln und ihn zu der religiösen Unter­mauerung seines Sendungsbewußtseins führen sollte, ohne die er wiederholt seine spätere staats­männische Leistung als schlechterdings nicht denk­bar bezeugt hat. Dem Geschichtskundigen braucht nicht gesagt zu werden, daß auch der Emporstieg Bonapartes sich von sechsundzwanzig bis drei­ßig abgespielt hat, während der Gipfel seines feldherrlichen und staatsmännischen Vollbringens auf die Mitte der Dreißig fällt, die auch einen Luther erst zur weltgeschichtlichen Durchbruchstat hinriß. Wer es sich, wie Professor Hellpach, nicht verdrie­ßen läßt, die rund 25 000 Lebensbeschreibungen der fünfundfünfzig BändeAllgemeine Deutsche Bio­graphie" und noch einige tausend Lebensabrisse der wichtigsten Konversationslexika daraufhin zu durchmustern, der wird auf höchste überrascht sein davon, welche Bedeutung für die schöpferische Lei­stung, mindestens aber für den ersten großen An- lauf zu ihr oder eine sie vorbereitende Lebenswende diese Jahre zwischen fünfundzwanzig und dreißig, besonders zwischen sechsundzwanzig und neunund­zwanzig haben.

Deutsche Familiennamen.

LPD. Familiennamen, wie wir sie heute kennen als Zunamen, gibt es in Deutschland erst seit dem 12. Jahrhundert. Vor dieser Zeit besaß jeder Deutsche nur einen Namen, z. B. Karl, Dietrich, Siegfried; man wußte aber genau, wem dieser Name gehörte. Dies änderte sich, als das Land immer dichter bevölkert wurde und die Menschen in größeren festen Siedlungen, in Städten, an­sässig wurden. Nun genügte natürlich der einfache Name nicht mehr, denn bei der Vielzahl der Men­schen in der Stadt fanden sich oft Träger eines gleichen Namens. Um diesem Uebelstand abzuhelfen, um Verwechslungen zu vermeiden, gab man jedem noch einen Zunamen, d. h. man nannte ent­weder die ganze Familie nach dem Vater oder man fügte dem Namen noch einen Hinweis auf Her­kunft, Abstammung, Wohnung oder Beruf bei. Hieß der Vater Hermann, so nannte man auch die ganze Familie Hermann. Diese altgermanischen Namen veränderten sich aber im Laufe der Zeit mehrfach, und man kann oft kaum noch den Ur* fnrunasnamen entdecken. So wurde aus Fn^drich ein Friedel oder Friederich, aus Dietrich Dietel, Dietz, Tieck oder ähnliches, aus Karl Karel, aus Helmut Helm, Helmer, Helmutter usw.

Außer den Namen, die auf germanischen Ur­sprung zurückgehen, entstanden auch noch vollkom­men neue, die aus dem Beruf des Betreffenden entstanden sind, also die Namen wie Bauer, Meier, Fischer, Schneider, Müller, Bader, Zeidler (alter Name für Imker), Krüger (von Krugwirt) und noch viele, die teilweise ihrer Bedeutung nach nicht mehr erklärbar sind. War es nicht der Beruf, so nahm man die Herkunft zur Namensgebung. Es entstan­den die Namen wie Baier oder Bayer, Sachs, Frank, Preuß, Heß, ober man nannte die Familie auch nach dem Wohnort. Wer auf einem Berg wohnte, wurde zum Bergler, Berger oder Bergner, bei einer Kirche zum Kirchner, Kircher, an einer Wiese zum Wiesner, Wieser.

Früher war es allgemein üblich, an den Häu­ser allerlei Sinnbilder anzubringen, so wie es heute noch bei Gasthäusern, Apotheken und Handwerkern Schilder gibt. Auch danach entstanden Familien­namen, wie Stein, Schiff, Krebs, Engel und ähn­liche, die alle auf diese einstigen Hausschilder zu­rückzuführen sind. Außer den rein deutschen Na­men gibt es auch heute viel fremdklingende Fami­liennamen, die auf verschiedene Weile «mtstonden sein können. Durch Zuwanderung z. B. (französisch klingende Namen "ieliach aus der Aunrnntteirüti oder durch undeutsche Latinierungs- ober Französi- sierungssucht. Jeber Familienname stellt so ein Stück Familiengeschichte bar und verbindet Ver­gangenheit und Gegenwart fest miteinander.