Nr. 73 Drittes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Donnerstag, 2b. März (936
Deine Ehre: Treue dem Führer!
Eine eindrucksvolle Massenkundgebung in der Gießener Volkshalle.
Unter dem hier als Ueberschrift gesetzten Geleitwort stand eine große Volksversammlung am gestrigen Mittwochabend in der Gießener Volkshalle, in der sich mehrere tausend Männer und Frauen, sowie viele junge Menschen der in den nationalsozialistischen Staat hineinwachsenden Generation in begeisterter, eindrucksvoller Weise zum Führer und seinem Werk bekannten.
Nach dem Einmarsch der Fahnengruppen, der SA. und der Politischen Leiter, sowie nach den kurzen Grußworten des Kreispropagandaleiters Schmelz sprach der
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Der Redner stellte an die Spitze seiner wirkungsvollen Darlegungen das beherzigenswerte Wort: „Jedes Volk b c st i m m t sich s e l b st sein Los, Freiheit oder Sklaverei." Von diesem zu allen Zeiten geltenden Fundament ausgehend betonte der Redner, daß unser Volk sich niemals auf irgendwelche andere Kräfte verlassen darf, sondern immer nur auf sich selbst gestellt sein wird und aus eigener Kraft die Gestaltung seines Lebens und seiner Geschicke, seiner Gegenwart und seiner Zukunft bewirken muß. Daraus ergibt sich von selbst auch die Verpflichtung, daß eine Generation für die kommende zu deren glücklicher Zukunftsgestaltung Opfer bringen muß, wie von jeher unsere Väter und Vorväter durch Opfer und Arbeit für die heutigen gebaut haben.
Deshalb muß jeder deutsche Mann, jede deutsche Frau stets einsatzbereit sein, wenn es gilt, die deutsche Zukunft und damit das Wohlergehen unserer Kinder zu sichern. 3n diesem Geiste fordert der Führer die Mitarbeit aller Deutschen nach der Richtschnur, daß die höchste Lebensnotwendigkeit jedes deutschen Menschen der
Dienst für die deutsche Volksgesamlheit ist.
Nach diesem höchsten Gesetz haben die Gefallenen des Krieges und des nationalsozialistischen Frei
heitskampfes gehandelt, und dieses Beispiel verpflichtet uns alle.
Der Redner stellte hierauf in überzeugender Weise die Verhältnisse in Deutschland vor der Machtübernahme durch den Führer der Lage von heute gegenüber. Er erinnerte an die vielfachen Erscheinungen des moralischen und wirtschaftlichen Niederganges, der Mißwirtschaft und des immer mehr steigenden Elends in den breitesten Volksschichten zur Zeit der Parteienherrschaft vor dem 30. Januar 1933, lenkte rückschauend die Aufmerksamkeit auf die riesige Arbeitslosigkeit mit ihren unheimlichen Auswirkungen auf das gesamte deutsche Leben, und machte erneut erkennbar, daß der Führer bei seiner Machtübernahme einen nahezu völlig zusammengebrochenen, finanziell ruinierten und mit gewaltigen Schuldverpflichtungen überladenen Staat oorfand.
Trotz dieser unheilvollen Erbschaft vollbrachte der Führer in den bisherigen drei Jahren seines Aufbaues einen gewaltigen Wandel der deutschen Dinge zum Segen unseres
Volkes.
Der Redner erinnerte beispielsweise an das Werk der Reichsautobahnen, das in vielfältiger Weise zum Besten des deutschen Volkes sich auswirkt, er verwies auf die großartigen, erfolgreichen Maßnahmen der Arbeitsbeschaffung und der Wiederbelebung der Privatwirtschaft, schilderte in großen Zügen die gewaltigen Erfolge der durch den Nationalsozialismus im Zusammenwirken mit den deutschen Wissenschaftlern bereits weitgehend erzielten Lösung der Frage unserer Versorgung mit lebenswichtigen Rohstoffen aus der eigenen Kraft unseres Volkes (Treibstoff, Gummi, Faserstoff und wachsende Ernährungsgrundlage auf der deutschen Scholle). Weiter hob er die starke Verminderung unserer Auslands-Schuldverpflichtung um rund 50 v. H. feit der Machtübernahme Adolf Hitlers und den weiteren guten Fortgang dieser Schuldentilgung hervor, skizzierte in großen Strichen ein Bild von
der in vorbildlichem Gemeinschaftsgeist geleisteten Arbeit auf sozialpolitischem Gebiet, lenkte die Aufmerksamkeit auf das große Werk der Deutschen Arbeitsfront und der NSG. „Kraft durch Freude" hin und faßte diese Darlegungen zusammen in der für alle deutschen Menschen erfreulichen Feststellung, daß durch den Führer die vom deutschen Volke bisher immer vergebens erhoffte Einigkeit und Einheit der deutschen Nation in allen Schichten zur Tat geworden ist.
Auf dieser Grundlage eines einigen und geschlossenen Volkes konnte der Führer auch — im Gegensatz zu der Zeit vor seiner Machtübernahme — eine positive Außenpolitik zum Segen des deutschen Volkes führen, heute weiß die Welt, daß das ganze deutsche Volk spricht, wenn der Führer spricht, daß Adolf Hiller Deutschland ist!
Der Redner erinnerte an die vom ganzen deutschen Volke mit einhelliger Zustimmung aufgenommenen Entscheidungen des Führers hinsichtlich des Völkerbundes, der Vertragsabschlüsse mit Polen und mit England, sowie mit anderen Staaten, mit denen zweiseitige Verträge abgeschlossen wurden, ferner an die im März 1935 vom Führer wiederhergestellte Wehrhoheit des deutschen Reiches durch die Wiedereinführung der allgemeinen Wehrpflicht und schließlich an die' vor wenigen Tagen vom Führer unter begeisterter Zustimmung des ganzen deutschen Volkes verkündete Wiederherstellung der vollen Souveränität des Reiches. Die Versammlung unterstrich bei diesen Darlegungen fast jeden Satz des Redners mit gewaltigem Beifall und bekundete dadurch, daß sie geschlossen und opferbereit zu dem Führer steht, dessen Ziel, wie der Redner überzeugend hervorhob, darin besteht,
dem deutschen Volke die volle Gleichberechtigung in der Welt unter Wahrung des Friedens der Völker zu sichern und damit eine gedeihliche Zukunft für Deutschland und die übrigen Völker zu bereiten.
Am Schlüsse seiner etwa anderthalbstündigen Rede schilderte er in kurzen, packenden Worten die auf allen Gebieten des deutschen Lebens zutage tretende unlösliche Ein -
Blick auf die Massenversammlung. — (Aufnahme: Photo-Pfaff, Gießen.)
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heit von Führer und Volk, die sich bei der Abstimmung am 29. März erneut vor aller Welt überzeugend kundtun soll und wird und dem Führer wiederum die Möglichkeit gibt, der ganzen Welt zu dokumentieren, daß das ganze deutsche Volk Adolf Hitler als Sprecher und Führer legitimiert.
Im Anschluß an die mit starkem Beifall aufgenommene Rede sprach^Kreis- propagandaleiter Schmelz ein kurzes Schlußwort, in dem er die Geschlossenheit und G e f o l g - s ch a f t s t r e u e der G i e- ßenerVolksgenos- sen für den Führer zum Ausdruck brachte. Mit dem begeistert aufgenommenen dreimaligen Sieg-Heil - Gruß an den Führer und mit dem Gesang der ersten Verse des Horst-Wessel - Liedes und des Deutschlandliedes fand die Kundgebung ihren Abschluß.
Aus der Provinzialhauptstadt. An alle Kraftwagen-Besitzer!
kraflwagenbesiher, die nicht im RSKK. find und sich noch nicht einer Gießener Ortsgruppe für den Wahldienst zur Verfügung gestellt haben, werden gebeten, sich umgehend bei der Wotor-Standarte 147 Gießen, Frankfurter Straße 33, für den Wahldienst am 29. Wär; zu melden.
Kreisleitung Wetterau der NSDAP.
Vornotizen.
Tageskalender für Donnerstag:
NSG. „Kraft durch Freude": 20 bis 21 Uhr und 21 bis 22 Uhr fröhliche Gymnastik und Spiele (nur für Frauen) im Lyzeum. — Gloria-Palast, Seltersweg: „Mädchenjahre einer Königin". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Der Dschungel ruft". — Oberhessischer Kunstverein (Turmhaus am Brandplatz): 16 bis 17 Uhr Ausstellung von Gemälden von Richard Geßner-Düsseldorf. — Alice- schule, Haushaltungsschule: 11 bis 18 Uhr Ausstellung. —
NS.-kullurgememde Ring Deutsche Bühne.
Im Anzeigenteil unseres heutigen Blattes wird bekanntgegeben, daß die für Samstagabend, den 28. März, vorgesehene Theatervorstellung wegen des Friedens-Appells des Führers ausfällt. Weiteres ist aus der Anzeige ersichtlich.
Vorübergehende Schließung der Einzelhandelsgeschäste am Freitag
Die Kreisgruppe Gießen der Wirtschaftsgruppe Einzelhandel weift nochmals darauf hin, daß der Einzelhandel mit feinen Familienangehörigen ,und Gefolgschaftsmitgliedern die Uebertragung der letzten großen Führer-Rede an das deutsche Volk, die auf alle Sender übertragen wird, am morgigen Freitag gemeinschaftlich anhört. Zu diesem Zweck werden die Läden von 15.45 Uhr vorübergehend geschlossen, um 15.50 werden auf ein Sirenenzeichen in ganz Deutschland die Fahnen gehißt und um 16 Uhr beginnt die Uebertragung. Nach Anhörung der Uebertragung werden die Läden wieder geöffnet.
Die Kreisgruppe erwartet, daß der Einzelhandel ihres Bezirks sich geschlossen an der Uebertragung beteiligt.
Freitagnachmittag Betriebsruhe der Friseure.
Der Obermeister der Friseur-Innung gibt im Anzeigenteil unseres heutigen Blattes bekannt, daß am morgigen Freitag wegen des Gemeinschaftsempfanges der Führer-Rede die Friseur-Geschäfte von 16 bis 17 Uhr Betriebsruhe haben und am Samstag um 19 Uhr Ladenschluß eintritt. Die Volksgenossen seien auf die Anzeige besonders hingewiesen.
Die öeutfthe Arbeitsfront tl.9.=6emcinfchaft „Kraft durch freuöc
Sonderzug nach Köln am Sonntag, 19. April.
Am Sonntag, 19. April, fahren wir einen Sonderzug nach Köln, der Dornstadt am Rhein. Der Fahrpreis beträgt 3,90 Mark, mit Mittagessen 4,80 Mark. Anmeldeschluß: 4. April. Jeder Volksgenosse, der an dieser Fahrt teilnehmen will, muß das Anmeldeformular in den Monatsprogrammen ausfüllen und mit dem Betrag seinem zuständigen „KdF."-Wart oder auf der Kreisdienststelle „KdF.", Schanzenstraße 18, abgeben.
Groß-Variete
am 31. Warz in der Volkshalle in Gießen.
Dazu sind Eintrittskarten in den Voryerkaufs- stellen zu haben: bei Musikhaus Challier, Schokoladenhaus Huntemann, Derkehrsbüro, Kreisdienststelle „Kraft durch Freude", Schanzenstraße 18. Die
Friedensglaube einer Mutter.
Gespräch in der Dämmerung.
Die Dämmerung bricht langsam herein. Die Umrisse der Gegenstände im kleinen Stübchen werden immer unklarer. Nur ganz schwach heben sich die Gestalten von Mutter und Tochter ab. Die beginnende Dunkelheit zwingt beide zur beschaulichen Muße. Die fleißigen Hände, die bis jetzt eifrig und eilig die Nädel zur Fertigstellung der Aussteuer für die Tochter führten, ruhen im Schoße. Welche frohen Wünsche und Hoffnungen nähen die Frauen in jedes einzelne Stück hinein. Seit Adolf Hitler die Geschicke des Vaterlandes lenkt, ist starke Zu- kunsthoffnung in alle Herzen eingezogen. Dank der Maßnahmen der Regierung zur Beseitigung der Arbeitslosigkeit ist auch der Zukünftige der Tochter aus der elenden Untätigkeit erlöst und an feine alte Arbeitsstätte zurückge'führt worden. Der Tag der endlichen Vereinigung konnte nun festgesetzt werden.
Freundlichen Träumen nachhängend, schwelgend in der Zukunft, lehnt die Tochter in ihrer Ecke. Aus tiefster Versunkenheit heraus hebt sie unvermittelt an zu sprechen: „Wenn er in den Krieg müßte, wie der Vater, der nicht zurückkehrte." Stockend fallen die Worte und verklingen leise im Raum. Die Mutter wird in ihrem behaglichen Sinnen aufgeschreckt, nicht durch die Worte, sondern den wehen Ton, der sie begleitet. Die Dunkelheit läßt das Gesicht der Tochter nicht erkennen. Leise und behutsam rückt die Mutter näher: „Aus eigenem Erleben heraus", erklärt sie, „verstehe ich dich. Allzu gern und leicht sieht die Liebe den Mann der Wahl in Gefahr. Es ist das Gefühl der Mütterlichkeit, das in der Frau schlummert, und das in Behüten und Pflegen sich betätigen möchte. Die Sorge ist unnötig, wir werden den Frieden behalten."
„Werden die Franzosen", entgegnet die Tochter aufgeregt, „es nicht zum willkommenen Anlaß eines Einfalls nach Deutschland benutzen, daß deutsche Truppen wieder in der Rheinland-Zone in Garnison gelegt sind?" Leise über die Befürchtungen ihrer Tochter lächelnd, antwortet die Mutter: „Das französische Volt wünscht den Frieden genau so wie das deutsche. Kriegshetzer werden sich dem .Volkswillen beugen müssen. Die ganze Welt kennt die Friedensliebe unseres Führers, nur wollte ein Teil sie nid), wahr haben, um unsere Wehrhaftigkeit zu verhindern. Daß der Führer nicht nur in seinen großen Reden, in denen er sich an die ganze Welt wendet, seinen Friedenswillen beteuert, son
dern daß es auch sein ernster, heiligster Wille ist, Deutschland den Frieden zu erhalten, diese Gewißheit habe ich aus einem kleinen persönlichen Erlebnis erhalten. Ich habe dir diese kleine, für mich so unvergeßliche Begebenheit oft genug in allen Einzelheiten geschildert. Es war am Bückeberg, am Erntedankfest des letzten Jahres. Ich hatte mit Mühe einen Platz vorn an der Tribüne erhalten. Der Führer kam mit seiner Begleitung dicht an mir vorbei. Etwas abseits von mir lag in einem Langstuhl eine scheinbar gelähmte Frau, die zwei Denkmünzen auf der Brust trug. Sie war Krankenschwester im Kriege gewesen und verwundet worden, wie ich später erfuhr. Wegen tapferen Verhaltens und rücksichtslosen Einsatzes ihrer Person hatte sie die beiden Kriegsauszeichnungen erhalten. Der Führer verhielt bei ihr, begrüßte sie und unterhielt sich längere Zeit mit ihr. Von allen Seiten jubelte das Volk, die Heilrufe wollten nicht endigen. In dieser allgemeinen Begeisterung und dem Jubel ging mir leider das meiste der Unterhaltung verlörest. Nur wenn er sich nach meiner Seite hin wendete, konnte ich dem Gespräch folgen. Eine Stelle hat sich tief in meine Erinnerung cingegraben, als er etwa sagte: „Ihr Schicksal wird keine deutsche Frau jemals wieder erleben, denn der Friede bleibt erhalten." Ich habe ihn bei diesen Worten genau angesehen und prüfend betrachtet. Aus seinen Zügen sprach ehrliches Wollen und höchste Zuverlässigkeit. Was er sagt, glaubt er, was er verspricht, hält er. Mir ist er die Verkörperung des Friedens." W. W.
DieLiebhabereien eines Dichters.
Von Hanns Arens.
Hat die Literatur einmal ihr Falkenauge auf einen Dichter gerichtet, so läßt sie ihn nicht wieder aus der Sicht. So auch bei Karl Heinrich Waggerl, dessen Roman „Das Jahr des Herrn" eben in den „Familienblättern" erscheint. Dieser Dichter aus dem versteckten Pongauerland entpuppt sich als ein Mann mit vielerlei Begabungen. Er ist, so stellt die eifrige Dame Literatur fest, nicht nur ein guter Dichter, sondern auch ein ebensoguter Photomann, wie eine Mappe mit rund 100 Aufnahmen dem erstaunten Betrachter zu erkennen gibt. Viele unserer anerkannten „Lichtbildner" dürften vor Neid erschrecken! Daneben macht er wundervolle Scherenschnitte, die jeder in feinem „Wiesenbuch" sehen und bewundern kann. Weiter: er treibt Geschirre aus Metall, feine Dinge für Freunde und gute Bekannte. Mehr noch: er entwirft neuartige
Möbel, Modelle, die sich Menschen, die sie zufällig sahen, abzeichnen, um sich daheim dieses und jenes Stück unfertigen zu lassen. Er schnitzt, bindet kunstvoll Bücher in Leder; zeichnet und was nicht noch alles mehr! Alle diese Künste betreibt er, ohne je in irgendeinem Fach Unterricht gehabt zu haben. Er kann es einfach. Für Waggerl sind es Liebhabereien, nicht danach angetan, Geld und Geschäft aus ihnen zu machen. Gerade darum behalten alle seine Künste jenen unantastbaren naiven Glanz. Alles ist einmalig, und jedes Ding trägt den Stempel seines Wesens, wie seine Dichtungen. Ist er auch in erster Linie der Dichter, so sei hier doch ausdrücklichst auf seine Bilder hingewiesen. Die Lichtbildnerei beherrscht er mit dem überlegenen Gefühl eines Künstlers, das ihn jederzeit vor der Gefahr des Banalen und Mittelmäßigen schützt. Sieht man seine Bilder: Porträts, Landschaften, Hände, Tiere, Blumen u. v. a. m., so fühlt man sogleich: diese Aufnahmen stammen von keinem Photographen, dessen Beruf es ist, Bilder zu machen für Zweck und Absicht, sondern oon‘einem Künstler, dem der Apparat nur Material ist, Werkzeug, ständiger Begleiter durch seinen Tag, immer zur Hand, wenn seist Gefühl mit präziser Sicherheit reagiert, sobald fein Auge eine Besonderheit wahrnimmt. Er sieht mit dem Auge des Dichters: auch bei feinen Bildern ist er der Gestalter, d. h. der das Ganze überschaut, um das Wesentliche zu formen und mit Leben zu füllen.
Viele Eigenarten in feinen Büchern finden wir in seinen Bildern wieder. Ob es hier nun die Schilderung einer Landschaft ist, die Sichtbarmachung eines Charakters, wir finden in seiner Photomappe bestimmt einige Blätter des gleichen Motivs und Themas. Vergleiche ließen sich an Hand seiner Bücher sehr oft feststellen. Diese Bauern z. B. in seinen Romanen, herrliche, erdverbundene Typen: mir treffen sie wieder unter seinen Aufnahmen. Eines seiner schönsten Bilder, weil am charakteristischsten für Waggerl als Mensch und Dichter, ist das Bild, betitelt „Brot". Hier gelang ihm ein vollendetes Lichtbild, das eine ganze Geschichte erzählt von Mühe, Arbeit und einem langen Leben der Pflicht und der Treue. Ein Thema ist hier eingefangen, groß und ergreifend für den, der sehen und fühlen kann: ein Thema, um sinnbildlich zu machen, worum es Waggerl zu tun war, ein Thema, das Hamsun in seinem „Segen der Erde", Waggerl im „Brot" und Jean Giosto, der Franzose, in seiner „Ernte" zu einer rauschenden, orgeb haften Symphonie verdichteten.
Briefe im Backofen.
Ein nicht alltägliches Abenteuer haben kürzlich zweitausend Briefe erlebt, die mit dem Flugzeug sich auf dem Wege nach Melbourne befanden. In der Nacht stürzten sie mit dem Flugzeug, dem sie zur Beförderung übergeben waren, bei Alexandria ins Meer. Einige Tage waren sie den Einwirkungen des feuchten Elements ausgesetzt und als man' sie schließlich glücklich an Land brachte, waren sie unförmige durchnäßte Briefbündel geworden. In diesem ungewöhnlichen Zustand gelangten sie zum Postamt der Bestimmungsstation. Wer annehmen wollte, daß man die aufgeweichten Briefpakete dort als unbestellbar beiseite gelegt hätte, der würde die Findigkeit eines modernen Postamts unterschätzen. Nach eingehender Prüfung der Briefe beschloß man, sie zunächst einmal für zweimal vierundzwanzig Stunden in den Gasofen der Kantine des Postamts zu legen. Dort wurden sie gründlich getrocknet und aufgelockert, so daß man sie nach dieser Ofen-Kur leicht wieder voneinander losen konnte. Nun prüfte man Brief um Brief, wobei sich zeigte, daß nur ein verhältnismäßig kleiner Teil von ihnen ernsthaft beschädigt worden war. Die Anschriften waren nach der Trocknung der Briefe noch so gut leserlich, daß man auf die Hilfe der Graphologen, die man herbeigebeten hatte, verzichten konnte. Nun wurden die'Briefe Stück um Stück den Empfängern mit einem erklärenden Schreiben zugestellt. Man hat die Gewissenhaftigkeit der Postbehörde denn auch anerkannt, und sicherlich werden die Briefmarkensammler und sonstige Freunde von postalischen Merkwürdigkeiten diese „gebackenen" Briefe besonders zu schätzen wissen.
Hochschulnachrichten.
Dem Dr. phil. nat. habil. Walter Groß, Assistent am Geologisch-paläontologischen Institut der Universität Frankfurt, ist eine Dozentur für Geologie und Paläontologie unter Zuweisung an die Naturwissenschaftliche Fakultät der Universität Frankfurt verliehen worden.
Dr. phil. nat. habil. Heinrich Cordes ist eine Dozentur für das Fach der physikalischen Chemie an der Universität Frankfurt verliehen worden.
Die durch die Emeritierung von Professor Dr. Loos frei gewordene Professur für Zahnheilkunde in Frankfurt wird vertretungsweise von dem nichtbeamteten außerordentlichen Professor Dr. med. deut. Alfred Kühn an der Universität Leipzig übernommen werden.


