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Nr. 09 Drittes Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Vberhessen)

5amstag, 23. Mai 1936

Aus der Provmzialhauptstadl

Großmutter und Enkelkinder.

Nein, Großmutter weiß nicht viel von Filmen, hat kaum je einen richtigen gesehen mit Abenteuern und Kraftleistungen, mit heldischstem Mut und blauäugig­sten Blau-Unschuldaugen; sie kennt auch nicht den Unterschied zwischen den verschiedenen Automarken, aber sie hat ein so liebes und gutes Gesicht, das zu Heldenfilmen, von denen ihr die Enkel erzählen, und au DKWs und Opels und Mercedesen, von denen sie schwärmen, so geduldig und verstehend lächeln kann, daß man schier meint, sie habe ihr ganzes siebzig­jähriges Leben lang darauf gewartet, gerade über diese wichtigen Dinge belehrt zu werden.

Ihr Gesicht ist wie eine alte, alte Tafel, in die einer nach und nach mit einem recht harten Kratz­griffel so die Kreuz und Quer lauter Rillen eingeritzt hat; aber eine Brille setzt sie nur auf, wenn sie im Sessel am Fenster sitzt und liest, oder alte Kleidungs­stücke zertrennt, aus denen den Enkelbuben Höschen und den Enkelmädchen Kleidchen gemacht werden sollen. Früher, als das Gesicht noch glatt war wie eine neue Tafel, und als die Brille noch längst beim Op.tiker in irgendeiner Schublade lag, da brauchte sie

Sammlung?eef Veichslustschutzbundes

Am Samstag und Sonntag sammelt der Reichsluftschuhbund. Zeder Deutsche kennt die hohe vaterländische Aufgabe des Bundes! Drum spendet, damit die Organisation des Selbstschutzes der Zivilbevölkerung lückenlos aufgebaut werden kann! Luftschutz ist Selbstbehauptungswille!

nichts von Filmen und Automobilen zu wissen, da taten es ein Dutzend Märchen, die sie in ihrem Kopf hatte und auf die die eigenen Buben und Mädchen unermüdlich immer wieder lauschten. Aber heute...

Oma, tätst du dir einen Opel oder einen DKW kaufen?"Oma, kennst du den Luis Trenker?" Ist das euer Milchfuhrmann?"Ach, aber Oma! Der spielt doch in dem Film mit, den ich neu­lich gesehen habe. Weißt du, da ist er in eine Hütte gekommen und hat einen gefangen genommen. Und der hat schnell nach dem Revolver greifen wollen. Aber der Revolver, weißt du, der ist gar nicht da­gewesen. Ich glaube, Oma, den hat er in dem vori­gen Film liegen lassen. Meinst du nicht auch, Oma?" Doch, ja, das ist schon möglich."Oma, gestern ist auch da vorn an der Ecke ein Umsturz passiert. Aber das Motorrad war ganz kaputt. Und da ist die Polizei gekommen."Aber Bub, du sollst doch nicht so nah hingehen."Ich war ja gar nicht dabei, Oma. Aber dem Hildchen seiner Mutter ihr Dienstmädchen, das hat es ganz bestimmt gesehen. Und dann ist das Polizeiauto gleich wieder zurückgefahren. Die Polizeien waren aber nicht mehr drin."

Doch jetzt sagt die Großmutter:Hör mal du, wenn da solche Sachen passieren, da kauf ich mir lieber gar kein Auto."Nein, das brauchst du auch nicht, Oma. Aber wenn ich mir mal eins kaufe, dann nehm ich dich immer mit."So, das ist lieb von dir."

Und über das gute, zerfurchte Gesicht der Groß­mutter geht ein Lächeln, als sehe sie den fünfjährigen Enkel schon angefahren kommen, um sie abzuholen. Doch wer weiß, wie tief bei einer Großmutter solch ein Lächeln in die Erinnerung zurückgreift? Sie muß ihre Gedanken in so viele Richtungen gehen lassen, seitdem die Herde auseinandergelaufen ist. Aber sie geht auf einer festen und soliden Brücke, mit ihren Erinnerungen und mit ihrem Vorschauen. Weit hin­ter ihr, da stehen die eigenen Großeltern, und etwas näher die Eltern; da hat auch ihr Mann nicht ganz durchgehalten bis hierher, wo sie nun selber ein wenig müde geht; aber da sieht sie stramm und

Landschaft

Das Volksbildungswerk der Kreisleitung Wet­terau veranstaltete am gestrigen Freitag im Stu­dentenheim einen Vortragsabend.

Oer Leiter des Volksbildungswerkes.

Or. Heidt,

eröffnete den Abend mit dem Hinweis auf die Vorarbeit des erst seit Herbst vergangenen Jahres bestehenden Volksbildungswerkes. Er führte aus, wie zunächst einmal durch das Vortragswesen ein An­fang gemacht werden mußte, um später die Volks­bildungsarbeit auf eine breitere Grundlage stellen zu können.

profeffor Roedemeyer

sprach sodann über die Wesensbeziehungen von Landschaft und Volk, die er an den drei eindrucks­vollsten Aeußerungen des Volkes, der Sprache, dem Lied und dem Bauwerk verständlich zu machen ver­suchte. Er schilderte die Schwierigkeiten solcher Volksbildungsarbeit, der es in früherer Zeit nie gelang, volkhaft zu werden, weil einmal die rein wissenschaftliche Volkskunde den GegenstandLand­schaft und Volk" in den Erscheinungen der Sprache, des Liedes und des Bauwerkes allzu wissenschaftlich behandelte, so daß es nicht von jedem Volksge­nossen verstanden werden konnte. Die andere Schwierigkeit lag in der allzu starken Verengung des Gegenstandes in dem Heimatbezirk. Heute steht die Arbeit unter dem vom Führer geprägten LeitspruchDie deutschen Stämme sind die Bau­steine der Nation".

Unter Anwendung des WortausdruckesSeelen­klima", das Ewald Banse in seinem BuchLand­schaft und Seele" anwendet und wobei er vier Hauptströmungen nennt, die das Seelenklima eines Volkes ausmachen, nämlich die Landschaft, die Rasse, das Klima und die Weltlage, versuchte der Vortragende das Wesen der Sprache zu erläutern. Er versuchte über den Klang der Sprache hinaus die geistigen Eigenarten der Sprache verständlich zu machen, die bestimmt vom Stamm, der Land­

kräftig ihre Söhne und Töchter vor sich hergehen ... und wieder ein Stück vor denen die Enkelkinder mit allen ihren Wünschen und Plänen und neuen Bil­dern und darüber lächelt sie und läßt im Nach­denken die Hände für einige Augenblicke untätig in den Schoß sinken.

Bornotizen.

r-'m für Samstag.

Gießener Hochschulgesellschaft, 5.30 Uhr, Fest­sitzung im großen Hörsaal der Universität; Vortrag von Prof. Dr. Glöckner:Die Stellung der Philosophie in der Gegenwart"; Orchestervorträge. Gloria-Palast, Seltersweg:Der Kurier des Zaren". Lichtspielhaus, Bahnhofstraße:Engel mit kleinen Fehlern". Deutsche Stenografen­schaft, 20 Uhr, an der Univ.-Bibliothek, Maiwande­rung.

Deutscher Ostbund, Bundesgruppe Gießen, 10.30 Uhr, ostdeutsche Kundgebung im großen Hörsaal der Universität; 16 Uhr, landsmannschaftlicher Nachmit­tag, Caf6 Leib. Stadttheater: 19 bis 21.30 Uhr, In Luv und Lee die Liebe". Gloria-Palast, Seltersweg"Der Kurier des Zaren". Lichtspiel­haus, Bahnhofstraße:Engel mit kleinen Fehlern".

Spielplan des Gießener Stadttheaters vom 24.Mai bis 6. Juni.

Am Sonntag, 24. Mai, von 19 bis 21.30 Uhr, zum letzten Male das MatrosenstückIn Luv und Lee die Liebe", Lustspiel von Fr. Lindemann. Spielleitung: Kurt Lüpke. Die Vorstellung ist außer Abonnement. Dienstag, 26. Mai, von 20

und Volk.

schäft und der Mundart nicht nur ihr Wesen, son­dern auch ihre ganze Umwelt offenbart. Schon W. H. Riehl hat in seinem Wanderbuche Beispiele über den Redeton der einzelnen Landschaften an­geführt. In feinsinniger Weise machte der Vor­tragende klar, wie aus der Sprache der einzelnen Landschaften nicht nur das heitere oder düstere Klima (Berge oder Flachland) herauszuhören ist, sondern auch eine Vorstellung der Struktur (Erd­formen), des Lebens in ihr (Waldarten, Heide ufw.) und die Betätigung der Menschen in der Landschaft möglich wird. Durch besinnliches Vertiefen wird es so möglich, in die seelischen Bezirke der Sprache oorzudringen, aus denen heraus wir in ihren Wesenszügen die ewige deutsche Landschaft erkennen können.

Or. Staude?

sprach über das Volkslied als Ausdruck des an die Landschaft gebundenen Menschen. Er zeigte die Oberflächlichkeiten und Aeußerlichkeiten der nicht aus dem Wesen der Landschaft und Natur geschaf­fenen Lieder und ihrer Singweisen auf, uni dann an praktischen Beispielen die'Eigenarten des Volks­liedes in feiner Bestimmung durch die Landschaft, die Mundart und das Klima nachzuweisen.

Architekt Hellwig

sprach an Hand von zahlreichen Lichtbildern von dem Bauwerk als dem Ausdruck des Volkes. Don der einfachen und der primitiven Bauweise, die sich zweckschön und ansprechend aus dem Boden, aus dem sie erwächst, unauffällig und nicht störend her­aushebt, über die rein zweckmäßig und losgelöst von der Umgebung entstandenen Mietskasernen der Großstädte, die darum seelenlos sind und auch so nach außen wirken, zu dem wieder mit Verständnis und Sinn für die Schönheit der Landschaft entstan­denen Bauernhaus, zeigte der Vortragende auch hier die Wesensbeziehungen von Landschaft und Volk auf.

Mit dem Treugelöbnis zum Führer wurde der Abend beschlossen.

bis 22.30 Uhr, Erstaufführung des LustspielsEnde gut, alles gut", Komödie von Shakespeare. Spiel­leitung: der Intendant. 32. (letzte) Vorstellung im Dienstag-Abonnement. Mittwoch, 27. Mai, von 19.30 bis 22 Uhr, zum letzten Male der Lust­spielerfolgPygmalion", Komödie von Bernard Shaw. Spielleitung: Wolfgang Kühne. 32. (letzte) Vorstellung im Mittwoch-Abonnement. Freitag, 29. Mai, von 20 bis 22.30 Uhr,Ende gut, alles gut", Komödie von Shakespeare. Spielleitung: der Intendant. 32 (letzte) Vorstellung im Freitag- Abonnement. Am Pfingstsonntag, 31. Mai, ist das Theater geschlossen! Pfingstmontag, 1. Juni, von 19 bis 21.30 Uhr, als letzte Vorstellung der SpielzeitEnde gut, alles gut", Komödie von Shakespeare. Spielleitung: der Intendant. Die Vorstellung ist außer Abonnement Kleine Preise. Am Samstag, 6. Juni, von 20 bis 22.30 Uhr, als letzte Vorstellung der NS.-Kusturgemeinde, Ring Deutsche Bühne,Towarisch", Komödie von I. Deval; bearbeitet von Curt Goetz. Spielleitung: Wolfgang Kühne. Freier Kartenverkauf zu Tagespreisen an der Abendkasse. Ende der Spiel­zeit 1935'36.

Oberhessische Viehversicherungs Anstatt.

Die ordentliche Mitgliederversammlung (Haupt­versammlung) findet am Sonntag, 7. Juni, im Hotel Hopfeld zu Gießen statt. (Näheres im heutigen An­zeigenteil.)

Kein Hackfleisch vorrätig halten!

Mit Eintritt der wärmeren Jahreszeit wird von zuständiger Stelle darauf hingewiesen, daß die

Metzger Hackfleisch in den warmen Monaten nicht vorrätig halten und aufbewahren dürfen. Das Hack« fleisch muß vielmehr für jeden Kunden frisch her­gestellt werden.

Oie Sauamtsleiter Hessen-Nassaus spenden für das Oankopfer der Nation.

NSG. Freitag um 11 Uhr zeichneten sich sämtliche Gauamtsleiter der Gauleitung Hessen-Nassau für das Dankopfer der Nation ein. Im Garten des Dienst­auf, an dem sich in diesen Wochen Volksgenossen aller Stände zum Opfer für die neue Arbeitersiedlung dem Geburtstagsgeschenk für den Führer ein­gefunden hatten.

Aufruf zur Sammlung für den Heichsmütterdienfl.

Wenn wir mit unserer Sammlung für den Reichs- mütterdienst in diesen Tagen an das deutsche Volk herantreten, dann öffnet sich freudig die gebende Hand und spendet für ein Werk, auf dem reicher Segen ruhen soll. Im Reichsmütterdienst finden sich echt deutsche Frauen zu wahrer Gemeinschaftsarbeit zusammen und wollen bis ins kleinste Dorf hinein auch die letzte Frau erfassen und für ihre großen Aufgaben an Familie und Volk ertüchtigen. Dazu aber bedarf es großer Mittel, und so bitten wir: Gebt und helft alle, damit wir weiterbauen können zum Wohle der deutschen Familie und damit am Aufstieg des deutschen Vaterlandes!

Erna Westernacher Gaufrauenschaftsleiterin und Leiterin des Deutschen Frauenwerkes Gau Hessen-Nassau.

(Siebener Marine-SA.

nimmt an der Gruppen-Ausscheidung zum Reichsgepäckmarsch der S2L teil.

Die Marine-Standarte 34 Frankfurt a. M., zu der auch die SA.-Marine-Einheiten in Gießen ge­hören, hat auf Grund ihrer bei den Dorkämpfen gezeigten guten Marschleistungen den Befehl er­halten, am morgigen Sonntag in Fulda mit den Brigaden der Gruppe Hessen in die Ausscheidung um den Besten Marschblock der Gruppe Hessen zu treten. (Wir haben schon früher darauf hingewie- sen, daß die Marine-Standarte der Gruppe Hessen unmittelbar untersteht, bei dieser Gelegenheit also neben die Brigaden der übrigen SA.-Formationen tritt.) Die Kameraden des Marine-Sturm- b a n n e s 11/34 Gießen werden in Omnibussen nach Fulda bzw. Hünfeld fahren und treten zu diesem Zwecke heute, Samstag, um 16.15 Uhr im Hofe des Standartengebäudes an.

Platzkonzert anläßlich des Tages der Deutschen Luftfahrt.

Anläßlich des Tages der Deutschen Luftfahrt spielt am Sonntag, 24. Mai, von 11 bis 12 Uhr in der Anlage vor dem Gymnasium der Musikzug der SA.-Standarte 116.

ASLB.

Fachschaft Volksschule. Gießen-Sladl.

Sitzung der Arbeitsgemeinschaften Deutsch und Geschichte am Dienstag, 26. Mai, 17 Uhr, im Physiksaal der Schillerschule.

LandschastsbundBolkstum undHeimat.

Ortsring Gießen.

Der Bund beteiligt sich an derOstdeutschen Feierstunde" am Sonntag, 24. d. M., 10.30 Uhr, im Großen Hörsaal der Universität.

Deutsche Arbeitsfront.

Zu Pfingsten mit dem Omnibus nach Miltenberg am Main.

Zu Pfingsten fährt ein Omnibus nach Milten­berg am Main. Die Fahrt geht ab am 31. Mai

Sm Fräulein namensJnaedorg...

Von Erich Pae manp.

Meine Bekanntschaft mit Fräulein Jngeborg kam dadurch zustande, daß ich ihr im Motiv saß. Sie konnte mich aber nicht gebrauchen, vielleicht weil ihr Farbkasten mit den verwegenen Zwischentönen meiner alten Hose nicht Schritt halten konnte. Denn sie malte in Pastell und leider etwas zart und bläßlich, wie sie selber aussah, wenigstens zunächst.

Wir waren etwa zu gleicher Zeit, aber mit ver­schiedenen Absichten, in Willingshausen eingetroffen. Ich, um für ein paar Tage wieder meine Beine unter den Eichentisch meines Vetters Hannes zu strecken, Fräulein Jngeborg jedoch der linden Land­schaft wegen und weil es ihre Seele voll leiser Sehnsucht dahin zog, wo der Frühling in seiner innigsten Schönheit blühte. Jetzt, um Pfingsten herum, war es ruhig im Ort, und wir beide, Fräulein Jngeborg und ich, waren offenbar die einzigen Zugereisten. Wir hätten auch wohl kaum von unserer gegenseitigen Existenz erfahren, wenn ich ihr nicht aber das sagte ich ja schon.

Ich saß also vormittags auf einem Hügel hinter dem Dorf, gerade unter einer alten Linde, träumte faul in die Landschaft und fühlte mich so wohl wie man nur eben kann, wenn die Sonne scheint und über einem die Bienen summen. Da trat aus einem der letzten Häuser, einer kleinen Sommervilla mit Garage und fließendem Wasser, ein schlankes Fräu­lein heraus und kam schwebenden Schrittes die Straße entlang. Hinter ihr marschierte, mit Staffe­lei und Malkasten, ein weiteres Fräulein, das aber weit üppiger geformt war und aus einem lächer­lichen Grunde ein viel zu kleines weißes Schürzchen um die prallen Hüften trug.

Das schlanke Fräulein steuerte auf meine Linde zu, erblickte mich, blieb stehen und fing ein kleines, ratloses Palaver mit der andern an. Ich tat, «als ob ich schliefe. Daher schreckte ich heftig aus meinen Träumen hoch, als ich eine Stimme neben mir hörte:He, Sie! Sie liegen da im Motiv!"

He? In was lieg' ich?"

Im Motiv. Die Dame will hier malen. Sie möchten sich woanders hinlegen."

Tut mir leid. Ich habe mir hier den Baum aus­gesucht. Sagen Sie der Dame, ich könnte mich so ohne weiteres nicht entschließen."

Die Dicke ging, sprach ein Weniges mit der Dame und kam bann wieder:So, das haben Sie davon. Sie wären unverschämt und ein Erpresser, soll ich Ihnen sagen. Und sie schickte Ihnen hier zwei Mark. Aber dafür sollten Sie sich auch augenblicklich aus dem Bilde scheren."

Für zwei Mark kann ich die Aussicht nicht ab­lassen."

Was? Noch zu billig? Bei Ihnen piepte wohl?"

Ja, ziemlich, aber es geht noch. Sagen Sie ihr, wenn sie mich beim Malen zugucken ließe, dann höchstens. Aber unter dem könnte ich's nicht machen."

Die Dicke ging, und nach einigem Hin und Her wurde das Malgerät aufgebaut und mir sehr oben­hin bedeutet, daß man meine Forderung erfülle. So standen wir denn, das Fräulein hinter seiner Staffelei, und ich hinter ihr, und keiner von uns beiden sprach ein Wort. Bis sie allmählich unruhig wurde und sich plötzlich zu mir umwandte:Können Sie sich denn wirklich nicht woanders hinstellen? Sie stören mich doch hier bei meiner Arbeit."

Wieso Arbeit? Ich dachte, Sie malten bloß zu Ihrem Vergnügen."

Ach, woher wissen Sie denn das? Sie haben anscheinend schon ziemlich tief über den Sinn künst­lerischer Tätigkeit nachgedacht, Sie Sie"

Dummer Kerl, wollten Sie sagen. Aber was glauben Sie, mein Fräulein, wieviel Maler diesen Baum schon vor Ihnen abgebildet haben, in Oel und Pastell und Tempera und Kohle und sogar auf Merzmanier, und darunter Leute wie Bantzer und Höger und so weiter. Ich würde also an Ihrer Stelle mit so geringer Begabung für die Land­schaft"

Da lachte sie plötzlich hellauf:Ach, sieh mal, dann sind Sie wohl selber Maler? Aber bitte, was für Motive würden mir denn nach Ihrer Ansicht besser liegen?"

Na, zum Beispiel: Kühe!"

Ausgerechnet Kühe. Wie kommen Sie zu dieser Meinung?"

Weil Kühe Kühe sind für mich die Inkarna­tion aller Einfalt und Ergebenheit, die fleischge­wordene, wunschlose, tiefe Demut der Kreatur. Wenn ich Maler wäre, würde ich eine Kuh malen, die ihren Schädel auf dem Weidezaun liegen hat und ohne sichtlichen Anlaß in den Morgen hinein- blöcken muß, und das Bild würde ich bannPia ignorantia* nennen: fromme Unwissenheit."

Gut, ich will mich gerne an Ihren heiligen Kühen versuchen. Aber wo kriegen wir in der Eile welche her?"

Hannes war nicht wenig erstaunt, als ich mit einer Dame seinen Stall betrat. Und als er sie näher ins Auge faßte, biß er sich in einer plötz­lichen Verlegenheit die Pfeifenspitze ab und zog sich hastig zurück. Hannes ist doch sonst nicht so.

Ich stand also mit einem Fräulem und sieben schwarzgefleckten Kühen allein in einem Stall, und die ließen 'uns ihre wohlgenährten Kehrseiten be­

wundern und schnauften voll Sattheit in die Raufen, und Jngeborg statte mit ihren langen Fräuleinsbeinen die Stallgasse auf und ab und fächelte sich mit ihrem Skizzenblock ein wenig hilf­los am Gesicht herum.Jaja Sie haben gut reden. Ich müßte doch von allen Dingen erstmal andersrum"

Sie meinen, en face? Können wir auch haben. Komm, Pümmel, rum mit dir! Fräulein Jngeborg möchte dich mal von vorn betrachten."

Fräulein Jngeborg trat ein wenig näher.Püm­mel heißt sie? Ist sie auch richtig zahm ich meine, stößt sie nicht?"

Nein, Pümmel stößt nicht und beißt nicht und ist so fromm, daß sie sich sogar von einem Fräulein aus der Stadt melken ließ. Wollen Sie mal?"

Ich melken? Ach, meine Güte?" Fräulein Jngeborg biß sich in den kleinen Finger und trat hastig wieder zurück. Ich holte daher eine Kelle vom Brunnen und einen Melkschemel und nötigte sie darauf. Das gab ihr Gelegenheit, in kleine angst­erfüllte Schreie auszubrechen, dann faßte sie das Euter an, ließ es wieder los, um schnell mal die Hände zu ringen, und melkte dann doch richtig die Kelle zwei Finger hoch voll. Für Pümmel schien das kein reines Vergnügen zu sein, denn sie wandte bekümmert den Kops nach hinten. Dafür wurde sie aber auch von dem Fräulein umhalst, und Pümmel ihrerseits wollte auch nicht zurückstehen und leckte dem Fräulein die Hand.

So, also melken können wir jetzt prächtig, Fräu­lein Jngeborg. Nun dürfen wir zur Belohnung auch die Milch austrinken."

Aber doch nicht einfach so, wie sie von der Kuh kommt."

Ich bitte Sie, dann schmeckt sie ja am allerbesten."

Sie trank und hatte dabei den linken Arm um Pümmels Hals gelegt und sah im übrigen so rosig und hübsch und angeregt aus, daß sie mir auf ein­mal ganz ausnehmend gut gefiel. Obwohl ich doch zum Kuckuck!

Wir gingen also in die Küche zu meiner Base Hanna, die gerade Teig für die Pftngstkuchen aus- fnetete. Ich machte die Frauen miteinander bekannt und ließ so nebenbei einfließen, daß Fräulein Jnge­borg gesonnen wäre, beim Kuchenbacken zu helfen. Das Fräulein war zwar sehr erstaunt über diese Behauptung und Frau Hanna nicht weniger, aber ich blinzelte dieser zu, überließ dann beide ihrem Schicksal und ging in die Stube.

Es mochten zehn Minuten vergangen sein, als Hannes hereinkam, alle Türen schloß, vor allem die nach dem Gang zur Küche, und bann mit rätselhafter Miene auf mich zutrat:Wo kommst du denn wo

hast du denn eigentlich weißt du denn überhaupt, wer das ist?"

Nee, wer soll das fein? Ein Fräulein namens Jngeborg."

So? Fräulein? Das ist fein Fräulein, das ist die Frau von dem Generaldirektor Pogner aus Essen oder Duisburg oder woher. Der Mann war gestern hier im Dorf, das wäre wegen dem Schloß Merz­hausen, das er kaufen will, mitsamt den zwölfhundert Morgen, die dazu gehören."

Pogner? Hannes Schloß Merzhausen du träumst wohl ein bißchen?!"

Ich sprang auf und ging eilig in die Küche hinaus: Gnädige Frau, mir fällt da soeben ein, ziemlich siedend heiß"

Wieso gnädige Frau? Ich denke, wir heißen für Sie Frau Jngeborg, mein Freund."

Ja, Frau Jngeborg aber immerhin, mir fällt da ein, wir haben ja wohl das Skizzenbuch irgend­wo liegen gelassen. Vielleicht im Stall oder auf dem Hof. Wenn Sie bitte"

Lassen Sie mich mit Skizzenbüchern in Frieden. Ich lerne hier gerade Bauernkuchen backen. Also seien Sie so lieb und machen Sie die Tür zu, am besten von draußen. Der Teig darf keine Zugluft kriegen, nicht wahr, Frau Hanna?"

Jedenfalls hat uns der Kuchen von Frau Jngeborg verhältnismäßig gut geschmeckt, und ihr selbst be­sonders.

Was den Skizzenblock betrifft, so war er nirgends mehr zu finden. Vielleicht war er in die Krippe ge­fallen, und die Kuh Pümmel hatte ihn in ihrer großen Dummheit aufgefreffen ...

Denn Pümmel hat wenig Sinn für die schonen Künste.

Zur Erinnerung an Trafalgar.

Ein neues Museum soll in der Werft von Ports­mouth eingerichtet werden, in dem alle Gegenstände vereinigt werden, die mit dem englischen Seehelden Nelson und seinem SchiffVictory" in Zusam­menhang stehen. Bisher waren diese nur in einem Schuvven in der Nähe derVictory" untergebracht; jetzt soll das Museum in dem ältesten Werftgebäude, das in die Zeit der Schlacht von Trafalgar zurück­reicht, eingerichtet werden. Dabei soll der Stil der Zeit treulich bewahrt bleiben. Das SchiffVic­tory" muß mit einem neuem Bugspriet versehen werden, da das jetzige, das 1859 an die Stelle des ursprünglichen gesetzt werden mußte, völlig wurm­zerfressen ist. Dabei soll das erste getreuer, als es bei dem Ersatz der Fall war, nachgebildet werden.