# Ettingshausen, 22. April. Die hiesige Freiwillige Feuerwehr hielt bei Gastwirt Karl Stein II ihre Generalversammlung ab. Der Führer der Wehr gab einen kurzen Rückblick auf das vergangene Jahr. Der Rechner erstattete den Kassenbericht. Die Rechnung wurde in Ordnung befunden und dem Rechner Entlastung erteilt. Im weiteren Verlaufe der Versammlung wurde beschlossen, den Herbstoerbandstag in Lollar au besuchen. Bürgermeister Opper sprach über bte Tätigkeit der Wehr und dankte zum Schluß allen, die dazu beitrugen, die Wehr zu organisieren. Die Versammlung wurde in der üblichen Weise geschlossen. — In die Schule wurden 5 Knaben und 8 Mädchen neu ausgenommen.
(J) Hungen, 22. April. Die NS. - Frauen - schäft hatte die Einwohnerschaft von Hungen und Umgebung zu ihrem alljährlichen Unterhaltungsabend im Saale des „Darmstädter Hofes" eingeladen. Der Einladung war so zahlreich Folge geleistet worden, daß der Saal kaum in der Lage war, die Menschenmenge zu fassen. Nach flott gespielten Weisen der hiesigen Musikkapelle begrüßte die Führerin der NS.-Frauenschaft Frau Hesse die Besucher. Der gemeinschaftlich gesungene zweite Vers des Deutschlandliedes beschloß die Begrüßungsworte. Drei vorzüglich gespielte Theaterstücke dienten im Anschluß hieran der besonderen Erheiterung der Besucher. Flott gespielte Weisen der Musikkapelle sowie die in feinsinniger Weise zu Gehör gebrachten Vorträge des Gesangvereins „Eintracht" unter dem Chorleiter Dietrich und des Gesangvereins „Liederkranz" unter dem Chorleiter Lenz vervollständigten die Darbietungen. Reicher Beifall lohnte Spiel und Gesang. Nach Abschluß des ersten Teils vereinte Tanz die Besucher noch einige Stunden in froher Stimmung.
Kreis Schotten.
* Aus dem Vogelsberg, 22. April. Dieser Tage gingen zwei junge Fahrochsen, die ihren Besitzer gewechselt hatten und auf dem Wege nach dem neuen Stall waren, in Schotten ihren Begleitern durch und machten sich nach dem Oberwald zu auf und davon. Sie fanden dort aber den Aufenthalt nicht gemütlich genug, so daß sie schließlich wieder die Nähe von menschlichen Behausungen aufsuchten. Dabei machte einer der Ochsen in einem Bauernhof in Nösberts Besuch, wo man ihn aber nicht wieder fortließ, sondern in gute Verwahrung nahm. Der andere Ochse fand das nicht schön und machte sich allein weiter auf die Walze durch die Wälder des Vogelsberges. Auf dieser Wanderung sah er sich die Welt dort oben an und wurde dabei auf allerlei neugierig. Schließlich erweckte ein Steinbruch in der Nähe von La u b ach sein besonderes Interesse, bei dessen Besichtigung er aber unvorsichtig war und ab stürzte. Mit gebrochenem Genick blieb der Ochse im Steinbruck liegen. So fand die Ochsentour durch den Vogelsberg ein tragisches Ende.
I I Rudingshain, 22. April. Gegenwärtig ist man damit beschäftigt, die Straße von Rudingshain nach der Poppenftruth auszubauen. Die Straße wurde verbreitert und wird nun neu betoniert. Die Rennstrecke wird innerhalb unseres Ortes verlegt. Im hiesigen S t e i n b r u ch herrscht Hochbetrieb. Innerhalb des Ortes sind verschiedene Umbauten, sowie Neubauten von Stallungen im Gange. Die Maurer sind voll beschäftigt.
Krofdorfs älteste Einwohnerin 90 Jahre alt.
(D Krofdorf, 22. April. Heute wird unsere älteste Einwohnerin Frau Witwe Katharine Kauß, geborene Schäfer, 9 0 Jahre alt. Sie ist in Erda geboren und hat sich nach hier verheiratet. Ihrer Ehe entsprossen vier Kinder, ein Sohn und drei Töchter. Der Sohn ist in Köln verstorben. 13 Enkel und die hohe Zahl von 15 Urenkeln werden unter den Gratulanten sein. Das hochbetagte Großmütterlein hat ein gut Stück Dorf- und Volksgeschichte gesehen und erlebt und vieles in ihrem guten Gedächtnis behalten. Die ganze Gemeinde gedenkt in Ehrerbietung der Jubilarin und wünscht ihr einen weiteren lichten Lebensabend.
Sie deutsche Hindukusch-Wedilion 1935.
Lichtbildervorirag der Universität. — Ein Sach- und Erlebnisbericht.
Rektor, Dozenten- und Studentenschaft unserer Universität hatten für den gestrigen Mittwochabend zu einem großen Lichtbildervortrag eingeladen. Viele Freunde der Universität leisteten der Einladung Folge. Wohl niemand wurde enttäuscht. Der Abend brachte, in seiner Gesamtheit gesehen, das Erlebnis einer großen deutschen Leistung.
Professor Or. Seffous
hieß die Zuhörer willkommen. Er urnriß in wenigen Sätzen das Ziöl, das der Deutschen Hindukusch- Cxpedition zu erreichen aufgegeben war. Er wies darauf hin, daß die Expedition die Aufgabe hatte, Material aus einem Ursprungsland vieler unserer Kulturpflanzen zu beschaffen, das der Höherentwicklung unserer Kulturpflanzen dienen soll, Samen mitzubringen, der zur Forschung und Züchtung verwandt werden kann, während das Gesamtergebnis der Forschungsreise mit dazu beitragen soll, daß die Erzeugungsschlacht gewonnen und die Nahrungs- freiheitxdes deutschen Volkes gesichert werden kann. Die Expedition in das Hindukusch-Gebirge führt die deutschen Wissenschaftler in ein „Genenzentrum" vieler unserer Hülsenfrüchte. Das Material, das die Expedition mitbrachte, wird in einer umfangreichen Sichtungsarbeit in den wissenschaftlichen Instituten unseres Vaterlandes dem deutschen Volke nutzbar gemacht werden. Die Expedition hat ihre Aufgaben in vollem Umfange erfüllt und die Universität Gießen darf darauf stolz sein, daß sie den Leiter dieser Expedition stellen konnte. Dann ergriff
Or. Scheibe
das Wort, der als Leiter der Deutschen Hindukusch- Expedition einen umfangreichen, aufschlußreichen Sach- und Erlebnisbericht vermittelte, wie er anschaulicher und lebendiger wohl kaum gegeben werden konnte.
Er dankte zunächst dem Rektor der Universität und allen, die dazu beitrugen, daß er diese Expedition miterleben und leiten durfte, er dankte ferner Prof. Dr. S e s s o u s für die Anerkennung, die er ihm in seinen einleitenden Worten hatte zuteil werden lassen. Im Nachfolgenden sei ein Ausschnitt aus den Schilderungen des Redners gegeben, der an Hand von Lichtbildern und aus der Fülle der Erlebnisse heraus erzählte.
Die große Reise.
Die Expedition ging von München aus. Eine elftägige Seereise führte die deutschen Wissenschaftler auf dem Dampfer „Viktoria" von Genua aus nach Bombay. Auf der Reise nach dem Forschungsgebiet erlebten sie die klassischen Stätten indischer Kultur: Taschipur, Delhi, Agra, Lahore usw. Sie stießen vor in die äußerste Nordwestecke Indiens und kamen schließlich in der Hauptstadt Afghanistans, in Kabul an. Viel Zeit verging mit den Vorbereitungen. Umfangreiche Vorbesprechungen mit den afghanischen Ministern gingen voraus, denn es gab auch Schwierigkeiten politischer Art, und zwar von den Russen! Rußland wollte die deutsche Forschungsarbeit im 6 Grenzgebiet von Turkestan hindern. Und gerade dort hofften die deutschen Wissenschaftler besonders wertvolle Arbeit leisten zu können! Rußland sah in der deutschen Expedition ein verkapptes militärisches Unternehmen (!). Die afghanischen Würdenträger mußten sich damals dem politischen Drucke beugen, obwohl sie die Deutschen auch dort zu unterstützeen bereit waren. Aber die Deutschen halfen sich selbst. Nach dem Abschluß ihrer Arbeit im Hindukusch lösten sie die Expedition offiziell auf. und setzten ihre Forschungsarbeit gewissermaßen als Privatleute auch im Grenzgebiet von Turkestan fort.
Im Hochland Kafiristan.
Mitte Mai brach die Expedition von Kabul aus nach Kafiristan auf, einer Hochgebirgslandschaft im Hindukusch, die vorher nur zweimal von Europäern
betreten worden war: von einem Engländer namens Robertson und dem deutschen Lehrer Martin Vogel in Kabul. Schwer war, so erzählte Dr. Scheibe, der Anmarschweg in das Hochland, das fast unzugänglich ist. Es liegt von der Welt abge- fchnitten, und erst vor kurzer Zeit fiel es politisch an Afghanistan. Selbst die Afghanen kannten das Land kaum. Es existiert keine Karte von Kafiristan, das eine Landschaft von etwa 10 000 Quadratkilometer darstellt und sehr dünn, insgesamt mit nur 42 000 Menschen besiedelt ist, die in viele Stämme zerrissen sind, verschiedensten Rassen angehören und elf grundverschiedene Sprachen sprechen. Aus den Sprachoerschiedenheiten gab es für die Expeditionsteilnehmer viele Schwierigkeiten, für den teilnehmenden Sprachwissenschaftler Dr. Lenz (Berlin) war das Land ein Dorado. Er machte viele Aufnahmen von Sprache und Liedern auf Wachsplatten. Die afghanische Regierung gab eine Schutzeskorte von zwei Offizieren und 16 Mann mit, die der Expedition wertvolle Dienste leisteten. Eine wunderbare Bergwelt nahm die Forscher auf, als sie sich der Landschaft Kafiristan näherten. In tiefen Taleinschnitten, unter ständigem Wechsel des Vormarsches in verschiedenen Talsystemen drangen sie vor und empor, Zedernholzwälder umrauschten sie, oft ging es in raschfließenden Flüssen vorwärts, über primitive schwanke Brücken führte der Weg, viel Mühe gab es mit den Trägerkolonnen, manche Strapaze mußten die Wissenschaftler auf sich nehmen im Dienste ihrer Forschungsarbeit.
In den tieferen Lagen herrschte subtropische Hitze, auf den Höhen und Pässen gab es Eis und Schnee. Aber überall begegnete den Forschern auch eine großartige Pflanzenwelt, eine Fülle der wilden Pflanzen und solche, die wir als Kulturpflanzen ansprechen, so daß der Botaniker auf Schritt und Tritt große Freude erlebte. Sie begegneten den wilden Mandeln, von denen sie Früchte kiloweise als Samen für Züchtungszwecke mitnehmen konnten; noch in 3200 Meter Höhe trafen sie prächtige Gerste, ja auch noch Weizenkulturen an.
Das Volk der Kafiren.
Ein seltsam fremdartiges und romantisches Bild boten ihnen die Siedlungen der Kafiren, deren Hütten wie Schwalbennester an den steil aufragenden Feldwänden kleben. Hier fanden sie auch das Land einer urzeitlichen Grabstockkultur, denn auf den oft nur wenige Quadratmeter großen Anbauflächen an den Felsenwänden hatten die Eingeborenen keine Möglichkeit, den Holzhakenpflug oder gar einen anderen Pflug mit dem Tier als Zugkraft zu verwenden. Und doch, so sagte Dr. Scheibe, erzielen die Eingeborenen gute Ernten, insbesondere von ihrer Hauptfrucht, der Hirse. Mit kilometer- langen Wasserleitungen, die die Felsenhänge entlang geführt werden, ebenso primitiv, wie sinnvoll, bewässern die Kafiren ihre Felder, die sich in Terrassen ebenso steil an den Felsen aufbauen wie ihre Häuser. Dr. Scheibe erzählte aber auch von den hochinteressanten anthropologischen Forschungsergebnissen, die der Arzt und Etnograph der Expedition'*Dr. Herrlich an vielen Eingeborenen vornehmen konnte. Die deutschen Wissenschaftler trafen Menschen von arischem Typus und das Ergebnis, daß von all den Eingeborenen, die mit Hilfe von anthropologischen Messungen und Vergleichen erfaßt wurden, nicht weniger denn 40 v. H. blauäugig und 26 bis 30 o. H. blondhaarig waren, ließ die Annahme aufkommen, daß es sich hier um Vertreter der arischen Rasse ältester Vergangenheit handeln könnte. Die Bilder, die man im Zusammenhang mit diesen überraschenden Darlegungen des Redners sah, ließen auch dem Laien diese Annahme verständlich erscheinen.
An den Abenden gab es für die Wissenschaftler nach anstrengenden Märschen, nach Auf- und Abstiegen, immer noch viel Arbeit im Zelt. Das Material mußte gesichtet, geordnet, mit Nummern und Zeichen versehen werden. Die Abende wurden auch viel dazu benutzt, mit der Bevölkerung in Verbin
dung zu treten und dabei noch manches zu erfahren, was für die Erreichung des gesteckten Zieles von Wert war.
Es lohnte die monatelange Arbeit in Kafiristan. Auf ihrem Weg durch das Land genossen sie manchen herrlichen Ausblick auf das zentrale Hindukusch« gebirge, sie wanderten über Kämme und Pässe, sanden in versteckten Felswinkeln den wilden Rhabarber, interessante Zwiebelarten, wunderbare Blumen und auf sanften Almen auch den gelben Enzian. Sie bewunderten die Hausbauten der Eingeborenen, die Schnitzkunst aus grauem Altertum, die trotz der Jahrhunderte noch wunderbar erhalten waren, sie bewunderten aber auch die hohe Grabkultur der Kafiren, die ein stolzes und freies Leben führen.
In der Landschaft Tschitsal.
Der Redner berichtete dann von der Fortsetzung der Expedition auf indischem Gebiet in der Landschaft Tschitsal, in der sie wiederum anderen Arten von Menschen begegneten, mit anderer Kultur, anderen Gewohnheiten — dem Menschen indischer Prägung. Auch in der Landschaft Tschitsal war das Forschungsergebnis außerordentlich befriedigend, denn sie stießen unter vielem anderen auch auf verschiedene wertvolle Oelpflanzen und eine milchsastliefernde Pflanze, die eventuell als Kautschukersatz Bedeutung gewinnen kann. Sie versuchten eine Besteigung des höchsten Berges im Hindukusch, des 7800 Meter hohen Jritsch-mir, klärten auch die Anstiegsrouten, trieben Hochlager für Hochlager vor — der Sieg war ihnen aber nicht befchieden, denn ein Schneesturm und eine Lungenentzündung eines Kameraden zwangen sie in Eilmärschen in die Täler zurück.
An der Grenze von Pamir.
Dann aber stießen die deutschen Forscher noch bis in das Grenzland von Pamir vor, begegneten dabei auf dem Wege zur Gletscherwelt wertvollen Getreidepflanzen, drangen weiter vom Pamir- Grenzland aus bis in das Karakorum vor und kehrten schließlich nach langen Ritten zurück nach Afghanistan, nach Kabul. Unterwegs hatten sie noch einen heidnischen Volksstamm, die Kalasch's mit ihrem merkwürdigen Götzenkult kennengelernt.
Das Gesamtergebnis der Forschungsexpedition.
In seinen abschließenden Worten gab Dr. Scheibe noch einen gedrängten Ueberblick über die Ergebnisse der Forschungen der gesamten Expedition. Es wurden 4500 Nummern verschiedener Sämereien aller möglichen Kultur- und Wildvilan- zen mitgebracht. 1800 Nummern Herbarium-Material, ferner 1500 Nummern Kulturpflanzen, sowie eine umfangreiche Jnfektensammlung. Die anthropologischen Messungen stellen ein wertvolles wissenschaftliches Material dar. 10 000 photographische Aufnahmen wurden gemacht und werden die zukünftige Forschungsarbeit unterstützen. Auf Wachs- platten wurden viele Lieder, Sprachen- und Spruchproben ausgenommen.
Die Expedition hatte außerordentliche physische Leistungen hinter sich gebracht. Nicht weniger denn 30 Pässe wurden überschritten. Manche Erstbesteigung wurde durchgeführt, die Aufstiegs- route auf den Jritsch-mir wurde geklärt.
Aber nicht nur der Forschung und Sammlung waren die Wissenschaftler zu dienen bemüht, vielmehr waren sie sich auch dessen bewußt, daß sie draußen in fremden Landen lebendige Zeugen für das neue Deutschland im besten Sinne fein mußten. Sie führten ihre Expedition reibungslos durch, knüpften wert-
mild, leicht schäumend, ganz wundervoll im Geschmack
Die Tippgräfin.
Roman von Klothilde v Gtegmann
Urheberrechtsschutz: Aufwärts-Verlag, Berlin, SW 68.
44 Forttetzung Nachdruck verboten!
„Noch eine Ueberraschung, Jlaro'? Dies Luftschiff scheint mir unerschöpflich im Spenden seiner Gaben", lachte Mariella, als sie eine Viertelstunde daraus zurechtgemacht und erfrischt wieder in dem winzigen Speisesaal der „Speranza" stand und sich neugierig umsah.
„Sogar eine große. Gedulde dich nur ein paar Minuten, Mariella! Ich sehe inzwischen nach Vater!"
Mit welch seligem Stolz sie dies Wort betont!, dachte Mariella glücklich. Wie herrlich, daß ich Ikaros Herzchen so schnell gewonnen habe! Nun ist erst mein Glück vollkommen. Vollkommen? —
Sie träumte vor sich hin. Jlaro hatte doch von noch einer Ueberraschung gesprochen? Was mochte ihr jetzt noch Gutes bevorstehen an diesem so Über- frohen Tage, der ihr des Glücks beinah zuviel gebracht hatte?
Walter Heßling hatte niemals mit Jlaro über feine Gefühle für Mariella gesprochen. Er hielt Jlaro für ein reines Kind. Und das war sie auch. Aber er hatte vergessen, daß bei den Naturvölkern, zu denen Jlaro durch ihre Umgebung ja ein wenig gehörte, der Instinkt viel wacher ist als bei den kultivierten Völkern. Ohne daß Doktor Heßling mit Jlaro je über seine Gefühle für die kleine Princi- pessa gesprochen hatte, wußte Jlaro, wie es um ihn stand. Zu oft während der Zeit ihrer Bekanntschaft hatte sie in feinen Augen gelesen, was Mariella ihm bedeutete.
Leise klopfte sie an seine Kabinentür. Er stand am Fenster und fat) in die Ferne, als sie eintrat und ihm zuflüsterte:
„Sie ist allein, amico mio, und Jlaro wird euch jede Störung fernhalten."
Fort war sie wie ein Wirbelwind. Walter Heßling wollte erst empört ausfehen. Aber dazu kam er gar nicht mehr. Jlaro war schon auf und davon. Sie mußte immer noch in Erinnerung an Walter Heßlings betroffenes Gesicht lachen. Jetzt eilte sie hinaus und fiel Bonaglia, der bereits auf sie wartete, mit einem Jubelschrei um den Hals.
„Mariella hat zu tun, Vater!" Der Schelm blitzte aus ihren Augen. „Können wir uns inzwischen Berlin ansehen? Es wird wohl ein bißchen dauern."
Dann aber wurde sie ernst.
„Jetzt habe ich einen Vater und eine Schwester", sagte sie still und lehnte ihr glühendes Antlitz an seine Schulter.
Doch schnell war es mit der beiderseitigen Rührung vorbei, denn der Prinz brannte darauf, Jlaro mit Renate bekannt zu machen. „Mit der Lehrmeisterin der Tippgräfin", wie der Prinz lachend sagte.
*
Während Mariella neugierig der angekündigten zweiten Ueberraschung harrte, lief Heßling wie ein gefangener Löwe in feiner Kabine auf und ab, die fürwitzige Jlaro von Herzen verwünschend.
„Schön", murmelte er vor sich hin, „also ich sehe sie wieder. Und was dann? Sicher hängt sie bestimmt noch immer an ihrem Verlobten. ,Guten Tag, Doktor', wird sie zu mir sagen, ,wo haben Sie denn so lange gesteckt?' Das wird alles sein. Und ich, ich werde in allen Kummer wieder hineingerissen, den ich jetzt ein wenig vergessen hatte. Solange ich noch etwas für Mariella tun konnte, war es für meine Sehnsucht nach ihr ein gewisser Trost. Aber jetzt — werde ich die Kraft haben, sie wiederzusehen und zu entsagen? Die Kraft, oft mit ihr zusammen zu sein, wie es noch nötig ist? Ihr Prozeß muß neu aufgenommen werden. Man muß die wirklich Schuldige finden und verurteilen. Erst wenn kein Stäubchen mehr auf Mariellas Namen liegt, ist meine Aufgabe erfüllt. Sv lange muß ich Kraft bewahren."
Er richtete sich auf und ging dem kleinen Speise- faal des Luftschiffes zu.
Er klopfte an. Glut bebte durch sein Herz.
„Herein!" rief Mariella. Und schon der erste Ton ihrer geliebten Stimme verzauberte ihn ganz und gar. Wie durch einen Schleier hindurch sah er jetzt ihr süßes Antlitz, ihre strahlenden Augen, ihre zarte Figur.
„Doktor, Sie?"
Hatte er sich geirrt ober lag wirklich ein warmer, glücklicher Ton in den wenigen Worten, mit denen sie ihn begrüßte. Ein warmes Rot lag auf ihrem holden Antlitz, ihre Stimme zitterte.
„Wie wunderschön, daß Sie am Leben sind, Herr Doktor! So hat sich mir noch einer meiner Wünsche erfüllt. Doch wie um alles in der Welt kommen Sie hierher?"
Erstaunt musterte sie sein tiefgebräuntes, männlich schönes Antlitz.
„Fragen Sie das den Herzog, Mariell... Prinzessin!"'sagte er stockend. Er war vollkommen verwirrt. Mariellas Gegenwart betäubte ihn geradezu vor Glück, so daß er "sich nur mühsam fassen konnte.
Aber wie selbstsüchtig war er! Er hatte ja im Augenblick ganz vergessen, welch schweren Verlust Mariella erlitten. Oder hatte er es vergessen wollen?
„Verzeihen Sie, Prinzessin", es klang reuevoll, „daß ich nicht gleich... Lassen Sie mich Ihnen
sagen, wie sehr ich mit Ihnen fühle und um Ihretwegen den schweren Verlust beöaure, den Sie erlitten haben."
Da hob Mariella ihr Gesicht. Frei und offen sah sie Heßling an:
„Ich danke Ihnen, Doktor. Doch seit heute weiß ich, wie sehr ich diesen Verlust überschätzte. Sie sind der erste, zu dem ich darüber spreche. Ich habe mich in einer Täuschung über den Charakter meines Verlobten befunden. Und vielleicht auch in einer Selbsttäuschung über mein eigenes Gefühl. Ich war noch sehr jung und sehr einsam, als ich Erhard von Hagen fand. Nur so kann ich es mir heute erklären, daß ich so blind zu ihm hielt, obwohl mich in der letzten Zeit oft genug eine innere Stimme warnte Aber ich wollte diese innere Stimme nicht hören, Doktor Heßling. Denn wenn ich Erhard von Hagen nicht hatte, war ich ja ganz allein auf der Welt mit Tante Annina, die mich haßte."
„Allein auf der Welt?" Sehr leise wiederholte es Doktor Heßling. „Oh, Mariella, wenn Sie nur früher die Wirklichkeit gesehen hätten, dann hätten Sie gewußt, daß Sie niemals allein waren, daß es einen Menschen gab, der--Aber verzeihen
Sie, daß ich jetzt in diesem Augenblick von mir sprechen will."
Da sah Mariella Heßling innig an:
„Es gibt nichts, was Sie nicht dürfen, Doktor Heßling' Lassen Sie mich Ihnen nur eins sagen: Ich freue mich von ganzem Herzen, daß Sie hier find."
„Sie — Sie freuen sich darüber, Mariella?" Wie ein Jubelruf kam es von Heßlings Lippen. Er preßte feinen Mund auf Mariellas zarte Hand, die sie ihm nicht entzog.
„Mariella, lassen Sie mich noch schweigen von dem, was ich wünsche und träume! Doch wenn es mir einmal gelungen sein wird, das Unrecht Annina von Gellerns und seine Folgen von Ihnen zu nehmen, wenn kein Schatten mehr auf Ihnen ruht, darf ich dann sprechen?"
Unendliche Liebe lag in seinem Blick. Aber es war nicht jene betäubende Flamme, die ihr aus Erhard von Hagens Augen so oft entgegenge- fchlagen. Hier stand ein Mann, demütig und doch seiner selbst sicher. Ein Mann, der sich nicht von einer Frau helfen ließ, sondern der dazu geschaffen war, die Frau seiner Liebe zu schützen und zu halten Da wich der letzte Schatten der Liebe zu Erhard von Hagen von Mariella. Unwillkürlich verglich sie ihn den sie bis zum heutigen Morgen noch für einen Helden gehalten, mit Heßling.
Das Piedestal, auf das ihre kindliche Schwärmerei Erhard von Hagen gestellt, war zertrümmert und mit ihm die Erinnerung an ihn selbst. Ein Gefühl der wunderbaren Befreiung kam über sie.
Heßling hatte ihre alles gegeben. Er hatte ihr den Vater wiedergebracht. Sie mußte ihm dankbar fein wie niemandem auf der Welt. Doch diese Dankbarkeit war kein Müssen, war kein Zwang — sie war ein tiefes Verlangen ihrer Seele. Und noch niemals war Mariella di Bonaglia undankbar gewesen. So sagte sie heiß errötend:
„Warum wollen Sie solange warten, Doktor? Ich — ich wußte feit langem, daß Sie mir als Freund nahestanden. Unter Freunden darf man alles sagen, was man fühlt ..."
„Auch — auch, wenn man feiner Sache nicht ganz sicher ist, Principessa?"
Sie nickte.
„Und wenn ich Ihnen sagen würde, daß Sie für mich das Teuerste auf der Welt sind — daß das Leben für mich in den letzten Monaten nur Sinn hatte, weil ich es für Sie in die Waagschale werfen durfte — was würden Sie dann antworten?
„Das ...", erwiderte Mariella und legte ihre Arme um Heßlings Hals.
„Mariella!" In seliger Erschütterung nannte er ihren Namen. Er glaubte zu träumen. Aber es war Wirklichkeit. Das waren Mariellas Arme, die er sühlte! Das war ihr geliebtes, zartes Gesicht dicht vor ihm. Sie ließ es zu, daß er sie küßte.
„Wie gut, daß Vater Jlaro hat!" sagte sie zwischen Heßlings leidenschaftlichen Liebkosungen. „So ist er doch wenigstens nicht allein, wenn ich Frau Doktor Heßling werde."
28. Kapitel.
Das Ende vom Lied.
Das Kriminalgericht hatte feinen großen Tag. Die Affäre „Bonaglia kontra von Gellern" stand zur Verhandlung. Schon feit drei Tagen waren alle verfügbaren Karten zu diesem sensationellen Prozeß ausgegeben. Man hatte Annina von Gellern nicht oergeffen — und nicht den ersten Prozeß gegen Mariella, in dem Annina so hart gegen ihre Pflegetochter aufgetreten war. Die Sympathien waren noch immer, obgleich eine lange Zeit dazwischen- lag, bei Mariella
Wenige Tage nach Mariellas erstem Prozeß war Annina wieder auf Reisen gegangen. Was sollte sie hier aus noch!, hatte sie gedacht. Sie konnte es nicht begreifen, daß fast alle ihre ehemaligen Freunde von ihr abgerückt waren, nachdem sie Mariella hatte fallen lassen. Gut, lebe ich in Zukunft auf Reisen!, hatte Annina sich selbst gesagt. Nach und nach wird man sich hier beruhigen — die Welt ist schnellebig. Andere Sensattonen werden kommen — man wird die Anteilnahme für Mariella vergessen. Also werde ich in Ruhe abwartenk
(Schluß folgt.)


