Nr. 95 Erstes Blatt
186. Jahrgang
Donnerstag, 25. April 1956
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General-Anzeiger für Oberhessen
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Oie Lage nach -em Genfer Fiasko
Die Abessinien-Politik des Völkerbundes ist zu- sammengebrochen. Damit hat auch das System der kollektiven Sicherheit einen schweren Schlag erhalten. Die Erklärung des britischen Ministerpräsidenten Baldwin, daß trotzdem die kollektive Sicherheit der einzige Bürge für die Aufrechterhaltung des Friedens bleibe, ändert nichts daran, daß das System in einem entscheidenden Fall versagt hat. Großbritannien hat in Genf seinen Wunsch nach einer Verschärfung der Sanktionen zurückgestellt. Frankreich ist mit seinen Absichten durchgedrungen. Italien hat zunächst einmal freie Hand in Abessinien, denn erst die nächste ordentliche Ratssitzung im Mai wird sich wieder mit der Abessinienfrage befassen.
Die britische Oeffentlichkeit hat mit großem Bedauern von dem Scheitern der Genfer Verhandlungen Kenntnis genommen. Schließlich war es ja Großbritannien gewesen, das mit seinem ganzen Prestige für die Sanktionen gegen Italien eingetreten war und das jetzt zugeben muß, daß die Sanktionspolitik gescheitert ist und daß jede Sanktionspolitik scheitern muß, wenn sie auf die letzten Mittel, Blockade und Gewalt, zu verzichten gezwungen ist. An Angriffen auf die Regierung und namentlich den Außenminister Eden hat es nicht gefehlt, und es bedurfte erst einer Erklärung des britischen Ministerpräsidenten, um der Oeffentlichkeit klarzumachen, daß die Außenpolitik Edens die Politik der gesamten britischen Regierung sei.
Frankreich versucht, nach dem Zusammenbruch der Genfer Verhandlungen wieder die europäischen Fragen in den Vordergrund zu schieben. Der Franzose Paul-Boncour hatte dies schon während der Genfer Besprechungen getan, und zwar, nach den Andeutungen in der Rede des britischen Ministerpräsidenten zu schließen, nicht ohne Erfolg. Eigenartig berührt jedoch Baldwins Bemerkung, „niemand könne in diesem Augenblick mehr tun, um den dunklen Schatten der Furcht von Europa zu nehmen als Hitler; er habe die Macht dazu, und Gott möge ihm den Willen dazu geben". Das hört sich beinahe so an, als ob man in England über den abessinischen Fragen den deutschen Vorschlag völlig vergessen hätte, der — nicht nur nach deutscher Ansicht — wie kein anderer in der Nachkriegszeit gemachter Vorschlag geeignet ist, „den dunklen Schatten der Furcht" von Europa zu nehmen. Die britische Regierung hat nun in der vergangenen Woche endlich beschlossen, ihre angekündigte Liste von Gegenfragen an Deutschland abzusenden. Hoffentlich wird durch diese Gegenfragen einigermaßen klar, wie sich England wirklich zu dem deutschen Vorschlag stellt.
Frankreich hat, wie in der vergangenen Woche bekannt wurde und wie es von vornherein das Ziel der französischen Politik war, den deutschen Vorschlag zusammen mit dem französischen Gegenvorschlag auf die Tagesordnung der nächsten Genfer Ratssitzung setzen lassen. Mit großem Optimismus kann man diesen Verhandlungen nicht entgegensehen, denn gerade die letzten Genfer Verhandlungen haben wieder einmal auf das deutlichste gezeigt, daß der Genfer Apparat in seiner jetzigen Form zu entscheidenden Lösungen nicht fähig Jft.
In der Frage der Befestigung der D a r d a n e l- l en,hieß cs in der vergangenen Woche, daß die Türkei bereits in das entmilitarisierte Gebiet ein- marschiert sei. Dieses Gerücht wurde dementiert. Es scheint auch, daß die Türkei einen solchen Schritt nicht nötig hat, denn in - den diplomatischen Verhandlungen zeigt sich anscheinend kein ernsthafter Widerstand gegen die Wünsche der Türkei. Auch England, das zunächst mit seinen Dominions über die Frage beraten will, ist offenbar grundsätzlich zur Zustimmung bereit. Das ist um so erstaunlicher, als Lord Curzon, der damalige britische Außenminister in der Konferenz von Lausanne, mit allen nur denkbaren diplomatischen Mitteln die Wiederbefestigung der Dardanellen verhindert hat. Daß die Sowjetunion nach wie vor die Türkei unterstützt, erklärt sich daraus, daß die Sowjetunion selbst nur Vorteile von der Meerengenbefestigung hat. Schon auf der erwähnten Konferenz von Lausanne waren die Sowjets für die Befestigung eingetreten. *
Der Wahlkamps in Frankreich ist in sein letztes Stadium eingetreten. Am 6. Mai wird die neue Kammer gewählt fein. Eine Rekordzahl von Kandidaten — 5000 — hat sich gemeldet: dem Franzosen wird also die Kammerwahl nicht leicht gemacht. Es ist bezeichnend, daß schon in den W«hl- plakaten der mittleren und rechten Parteien zum Ausdruck kommt, eine wie große Rolle in der Wahlkampagne der Sowjetpakt spielt. Aber selbst wenn die Linksparteien, die sogenannte Volksfront, in der Kammer nicht die Mehrheit oder eine regierungsfähige Stärke erhalten, ist an dem Pakt als solchem nichts mehr zu ändern. Auch was Italien anbelangt, ist mit einer Aenderung der französischen Haltung nach der Wahl nicht zu rechnen, wie es überhaupt wohl allzu optimistisch wäre, an eine Neuorientierung der französischen Außenpolitik zu glauben.
Oankovfer her Ration.
Berlin, 22. April. (DNB.) Reichskriegsminister Generalfeldmarschall von Blomberg zeichnete sich am Mittwochnachmittag in die Ehrenliste des Sturmes 1/2 ein.
Oer deutsche Feiertag am 1. Mai.
Oer Verlauf der großen amtlichen Veranstaltungen in her Veichshauptstaht.
Berlin, 22. April. (DNB.) Das amtliche Programm für die Feier des Nationalfeiertages des deutschenVolkes in der Reichshauptstadt liegt nunmehr vor und sieht folgende Veranstaltungen vor:
8.30 llhr bis 9.30 Uhr Zugendkundgebung im Poststadion.
Programm:
Fanfaren;
Eröffnungsansprache durch den Reichsjugendführer Baldur von Schirach:
Lied: „Tritt heran, Arbeitsmann" von Heinrich Lersch, Melodie von Fritz Sotke, gesungen von 3000 Angehörigen der Hitlerjugend;
Rede: Reichsminister Dr. Goebbels;
Lied: „Aushebt unsere Fahnen" von W. Zorg, Melodie von Fritz Sotke;
Ansprache des Führers;
Gemeinsames Lied: „Vorwärts, vorwärts".
An der Kundgebung nehmen 80 000 Jugendliche, zu drei Vierteln Angehörige der HI. und des BDM. teil. Aus einem Umkreis von drei Kilometer vom Poststadion marschieren sie, darüber hinaus werden sie im Bahntransport heranbefördert. Aussteige- bahnhöse sind bei der 8-Bahn: Lehrter Bahnhof und Bahnhof Puttlitz-Straße, bei der 0-Bahn: Wedding und Reinickendorfer Straße.
Die künstlerische Ausgestaltung liegt in den Händen des Architekten Speer.
Die Feier wird über alle deutschen Sender übertragen. Im ganzen Reich finden zur selben Zeit ähnliche Feiern mit Übertragung von Berlin statt.
10.30 llhr bis 11.30 llhr Kestsihuna der Beichskulturkammer
im Deutschen Opernhaus Eharlottenburg.
Es spricht der Präsident der Reichskulturkammer, Reichsminister Dr. Goebbels;
Verkündung des Buch- und Filmpreises 1936.
12.30 Llhr bis-13.30 Llhr Staatsakt.
Da das Tempelhofer Feld durch den Ausbau des Flughafens nicht mehr zur Verfügung steht und ein anderer geeigneter Platz in Berlin nicht vorhanden ist, findet die Hauptkundgebung des Tages in diesem Jahr in folgender Weise statt: Vom Deutschen Opernhaus über Bismarckstraße—Knie—Charlottenburger Chaussee—Brandenburger Tor—Pariser Platz —Straße Unter den Linden—Schloßbrücke bis zum Lustgarten werden nördlich und südlich der Fahrbahn die Schassenden Berlins Aufstellung nehmen. Sie marschieren in 25 Säulen teils aus den nördlichen, teils aus den südlichen Gegenden der Reichshauptstadt in die einzelnen für sie bestimmten Aufmarschabschnitte. Auf der ganzen Strecke werden Lautsprecheranlagen errichtet. Am Lustgarten werden Abordnungen aller Kreise Aufstellung nehmen, Front nach dem Alten Museum. Im Lustgarten werden auf der Dom- und auf der Spree-Seite Tribünen errichtet, die mit monumentalen Fahnen abgeschlossen sein werden. Auf den Stufen des Alten Museums werden die Fahnen der Berliner Gliederungen der Partei Aufstellung nehmen.
Programm:
Fanfaren.
Eröffnungs - Ansprache: Reichsminister Dr. Goebbels.
Rede des Führers.
Deutschlandlied, Horst-Wessel-Lied.
Schlußworte: Dr. Ley.
Die Kundgebung wird über alle deutschen Sender in die Parallelkundgebungen, die überall im ganzen Reiech zur selben Zeit stattsinden, übertragen, außerdem über die Lautsprecheranlage, die vom Lustgarten auf den vorbezeichneten Straßen bis zum Deutschen Opernhaus errichtet sind.
17 llhr
Empfang der Arbeiterdelegationen im Palais des Reichspräsidenten.
Aus allen Gauen des Reiches werden insgesamt 160 Arbeiter aller Berufe und die Sieger des Reichsberufswettkampfes 1936 von der Reichsregierung als Gäste nach Berlin geladen, wo sie im Laufe des 30. April eintreffen und um 16 Uhr im Kaiserhof von Dr. Goebbels, Dr. Ley und Baldur von S ch i r a ch begrüßt werden. Die Delegierten nehmen sowohl an der Jugendkundgebung, als auch am Staatsakt im Lustgarten teil und werden am Nachmittag des 1. Mai dann vom Führer empfangen. Anfahrt erfolgt vom Kaiserhof über Wilhelmstraße zum Palais des Reichspräsidenten.
20.15 llhr bis 21.45 llhr Iackelzug der Wehrmacht und der
Verbände der Bewegung.
Von Bülowstraße über Potsdamer Straße—Potsdamer Platz—Leipziger Straße— Friedrichstraße- Unter den Linden—Schloßbrücke zum Lustgarten.
22 Llhr bis 23 Llhr Abendkundgebung im Lustgarten.
Es spricht der preußische Ministerpräsident Generaloberst Göring.
Großer Zapfenstreich.
Die Kundgebung wird über alle deutschen Sender übertragen.
Ab 21 Llhr Maifeier der Reichskulturkammer in Krolls Westfalen.
An dieser Maifeier werden die Kulturschaffenden teilnehmen und die Arbeiterdelegierten aus dem Reich als ihre Gäste bei sich sehen.
Außerdem werden in Berlin und im ganzen Reich von den späten Nachmittagsstunden ab und abends in allen Sälen, die seit langem vorbestellt sind, fröhliche Maifeiern mit Tanz der einzelnen Betriebe durchgeführt. Die Polizeistunde ist in der Nacht zum 2. Mai aufgehoben.
Am 2. Mai werden die Arbeiterdelegierten aus dem Reich um 12 Uhr vom Staatskommissar der Hauptstadt Berlin empfangen. Anschließend unternehmen sie eine Ausflugsfahrt an den Templiner See und werden abends der Vorstellung des Deutschen Opernhauses „Die Lustige Witwe" beiwohnen.
Der Führer ehrt von Geeckt.
Ernennung zum Ehef des Z.R.67.— Die Glückwünsche der Wehrmacht.
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Reichskriegsminister Generalfeldmarschall v. B l o m- b e r g bei Generaloberst v. Seeckt vor dem Vorbeimarsch der Ehrenkompanie des J.-R. 67 vor dem Generalobersten. — (Scherl-Bilderdienst-M.)
Berlin, 22. April. (DNB.) Der Führer und Oberste Befehlshaber der Wehrmacht hat an Generaloberst von Seeckt anläßlich dessen 70. Geburtstages ein Glückwunschschreiben gerichtet und damit mit Dank und Anerkennung der großen Verdienste gedacht, die sich der Generaloberst um den Aufbau des Reichsheeres erworben hat. In Würdigung dieser geschichtlichen Tat, durch die die Grundlage zum heutigen Volksheer geschaffen wurde, hat der Führer den Generaloberst von Seeckt zum Chef des Infanterieregiments 67 ernannt.
Am heutigen Vormittag überbrachte der Reichskriegsminister dem Generaloberst, vor dessen Wohnung Doppelposten einer Ehrenwache aufgezogen sind, die Glückwünsche der Wehrmacht. In Begleitung des Reichskriegsministers befand sich General der Infanterie o. R u n d st e d t als Vertreter des durch einen Unfall verhinderten Oberbefehlshabers des Heeres, Generaloberst Freiherr von Fritsch. Mittags erfolgte die Paradeaufstellung und der Vorbeimarsch oes Musikkorps und einer Ehrenkompanie des Infanterieregiments 67 vor Generaloberst von Seeckt.
Glückwunsch von Fritsch.
Der Oberbefehlshaber des Heeres, Generaloberst Freiherr von Fritsch, hat an den Generalobersten von Seeckt nachstehendes Glückwunschtelegramm gerichtet: „Durch einen Unfall leider verhindert, heute in Berlin zu sein, darf ich Herrn Generaloberst meine herzlichsten und aufrichtigsten Glückwünsche zum heutigen Tage übermitteln. Das deutsche Heer gedenkt heute besonders in Dankbarkeit und Verehrung seines Schöpfers in der Nachkriegszeit und begrüßt mit Freude und Stolz die Ernennung Eurer Exzellenz zum Chef des Infanterieregiments 67."
Botschafter Graf Welczek in Paris.
Paris, 22. April. (DNB.) Der neue beut- s ch e Botschafter in Paris, Graf Welczek, ist am Mittwoch, aus Madrid kommend, in der französischen Hauptstadt eingetroffen.
England wünscht ein besseres Medenssystem.
Fragen der „Times" an Frankreich.—Englische Abkehr „vom Völkerbund in seiner jetzigen Form".
London, 23. April. (DNB. Funkspruch.) Unter der Ueberschrist „E i n besseres Friedens- s y st e m" befaßt sich die „Times" in einem Leitaufsatz mit der Stellung Frankreichs zum italienisch-abessinischen Streitfall und mit dem bevorstehenden internationalen Verhandlungsabschnitt.
Das Blatt sagt, man müsse hoffen, daß die französische Stellungnahme zu den wichtigsten internationalen Grundsätzen durch die Neuwahlen geklärt werde.
Die Frage an Frankreich laute, ob ein nicht herausgeforderter Angriff besonders von feiten eines völkerbundsmitgliedes gegen ein anderes Mitglied mit den Satzungen vereinbar sei oder nicht, und ob Frankreich bereit fei, sich an wirksamen Widerstandsmaßnahmen zu beteiligen. Oder gebe es vielleicht Umstände, unter denen es angebracht fei, die umfaßende Vernichtung von Verträgen hingehen zu lassen, die unbequemerweise die Zerstörung und das Blut- vergiehen, den Bombenabwurf, die Benutzung von Giftgasen und die Besetzung von Gebieten einschränkten? Auf diese Fragen wolle die englische Oeffentlichkeit klare Antworten erhalten.
Ein keineswegs geringer Teil der französischen öffentlichen Meinung sei anscheinend entrüstet, daß England so energisch an der Völkerbundssatzung festhalte. Auf der anderen Seite habe Frankreich die Treue Englands zu den in den General st abs- besprechungen ausgedrückten Verpflichtungen sozusagen als Garantie angenommen. Das letzte Wort habe jetzt der französische Wähler.
Weder Frankreich, noch irgendein anderes Land habe Anlaß, die Stärke und den Umfang des britischen Eingreifens bei einem unverschuldeten und so gut wie unentschuldigten Angriff zu bezweifeln.
Die „Times" zieht aus diesen Betrachtungen den Schluß, daß England an feiner bisherigen Stellungnahme gegenüber Italien im abessinischen Streitfall festhalten müsse. Auf jeden Fall habe England aus dem abessinischen Abenteuer wertvolle Erfahrung geschöpft. Daran würde sich auch nichts ändern, wenn es notwendig sein sollte, sich vom Völkerbund in seiner jetzigen Form ab^uwenden, um die Grundsätze des Völkerbundes zu retten. E i n besseres Friedenssystem werde der Leitsatz der öffentlichen Meinung und nationalen Politik Englands bleiben. Neben der abessinischen Frage fei noch ein anderes Werk für den Frieden in größerer Nähe Englands zu leisten, an dem England ein unmittelbares und unzweifelhaftes Interesse besitze. Eine Erläuterung sowohl des deutschen Friedensplanes, wie der französischen Gegenvorschläge sei erforderlich. Beide pläne müßten einer Prüfung unterzogen werden.
Die öffentliche Meinung Englands habe ebenso wie die Regierung den Wunsch, bald energische Schritte zu sehen, um die allergrößte Gelegenheit für eine Neuregelung in Europa auszu- nützen, die es je gegeben habe.


