Ur. 221 Zweiter Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Montag, 2 September 1936
König Eduards Balkanreise.
Von unserem A. ^.-Berichterstatter.
Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!
London, 15. September 1936.
In diesen Tagen ist König Eduard VIII. von seiner mehrwöchigen Mittelmeerreise auf dem Umwege über den Balkan wieder nach England zurückgekehrt. Es unterliegt keinem Zweifel, daß die Reise ursprünglich dem ausschließlichen Zweck galt, dem König nach Monaten aufreibender Staatsgeschäfte einige Wochen der Erholung zu gönnen. Hierfür spricht auch der Umstand, daß von Fragen des Zeremoniells abgesehen keinerlei diplomatische Vorbereitungen für den Besuch des Königs in denjenigen Hauptstädten, die er später berührte, getroffen worden waren. Die außenpolitische Bedeutung, die die Rundfahrt des Königs dennoch hat, liegt lediglich in dem persönlichen Einfluß begründet, den König Eduard zweifellos im Auslände genießt. Es darf daher nicht angenommen werden, daß die Balkanreise Eduards VIII. als eine von langer Hand vorbereitete und unter Mitwirkung des Foreign Office zustandegekommene Demonstration außenpolitischen Charakters bewertet werden muß.
Nichtsdestoweniger wird in politischen englischen Kreisen aufrichtige Genugtuung über die Herzlichkeit und Wärme empfunden, die dem englischen Monarchen sowohl in Athen und Istanbul als auch in Sofia, Jugoslawien und Oesterreich zuteil geworden ist. Mit Recht wird darauf hingewiesen, daß König Eduard seiner schon als Prinz von Wales gespielten Rolle, der erste Botschaften des Britischen Reiches zu sein, treu geblieben ist. Daß überhaupt in London Neigung verspürt wird, die Balkanrei^e des Königs, in deren Verlauf bestimmt keine tiefschürfenden politischen Besprechungen geführt wurden, spekulativ auszu- werten, ist ohne Zweifel auf die starke Einbuße zurückzuführen, die das britische Ansehen seit dem für die englische Völkerbundspolitik so unglücklichen Ausgang des abessinischen Abenteuers bei einigen Mittelmeerländern erlitten hat.
Um diese Tatsache vollauf würdigen zu können, muß daran erinnert werden, daß England, als vor etwa dreiviertel Jahren die Lage im Mittelmeer eine krisenhafte Zuspitzung erfuhr, mit der Mehrzahl der Anliegestaaten provisorische zweiseitige Beistandspakte abgeschlossen hatte, deren Spitze deutlich gegen Italien gerichtet war. Als die italienische Regierung dann im Laufe der Ereignisse mit der Einverleibung Abessiniens England und den Völkerbund vor die vollendete Tatsache stellte, verloren diese Beistandspakte wenigstens für den Augenblick jede praktische Bedeutung, weil Italien nicht die geringste Absicht hatte, sich in miliätrische Unternehmungen im Mittelmehr einzulassen, solange die Mitgliedstaaten des Völkerbundes auch ihrerseits darauf verzichteten, die Mittelmeerinteressen Italiens als Folge des abessinischen Krieges zu beeinträchtigen. Auf möglichst unauffällige Art wurden dann die erst wenige Monate vorher abgeschlossenen gegenseitigen Beistandspakte stillschweigend aufgehoben. Die erste Anregung hierzu kam nicht von England, sondern von den betroffenen Mittelmeerländern, in denen die Ansicht vertreten wurde, daß der Völkerbund in der abessinischen Frage endgültig Schiffbruch erlitten habe und daß man sich -mit den einmal gegebenen Tatsachen abfinden müsse. Der Hauptbefürworter dieser Dölkerbundspolitik war aber nach allgemeiner Uebereinstimmung die britische Retz i e r u n g , so daß es nicht ausblieb, daß der Makel des Zusammenbruchs dieser Politik an England haften blieb.
Gerade aus diesem Grunde wurde es in England lebhaft begrüßt, daß König Eduard die erste Gelegenheit zu einem Besuche in den in der Hauptsacke in Betracht kommenden Hauptstädten wahrnahm. Ganz ohne außerpolitischen Vorbedacht ist die Mittelmeer
reise des Königs allerdings nicht unternommen worden; denn es ist kein Zufall, daß die Absicht des Monarchen, sich in einem italienischen Hafen an Bord der Jacht „Nahlin" einzuschiffen, im letzten Augenblick zugunsten eines jugoslawischen Hafens geändert wurde. Im ersten Teil seiner Reise lernte der König die prachtvollen Schönheiten der dalmatinischen Küste kennen, wo er unter Verzicht auf jedes höfische Zeremoniell wiederholt an Land ging, um Einkäufe zu machen und mit der ansässigen Bevölkerung Fühlung zu nehmen. In den griechischen Gewässern folgte eine Zusammenkunft mit dem König von Griechenland, der während der Jahre seines englischen Exils oft mit König Eduard und seiner Familie zusammengekommen war.
Außenpolitisch am bemerkenswertesten war die Begegnung König Eduards mit dem türkischen Staatspräsidenten und dem Ministerpräsidenten dieses Landes, die beide persönliche Einladungen zu einem Be'such in England erhielten. Es wird in London angenommen, daß der Ministerpräsident dieser Einladung vielleicht schon in Kürze Folge leisten wird. In den letzten Jahren waren die englisch-türkischen Beziehungen keineswegs so herzlich, wie man dies in London vielleicht ge-
Durch die große Aufmerksamkeit, die wir heute den Fragen der Familienforschung widmen, ist auch das Kirchenbuch stark in den Vordergrund des Interesses geschoben worden. Denn es muß als eine der ergiebigsten und lautersten Quellen für die Arbeit des 'Familienforschers gewertet werden. — Man kann ja nun leider beobachten, daß sich die meisten unserer Volksgenossen über die Herkunft ihrer Vorfahren beruhigen, wenn sie ihren Ariernachweis erbracht haben. Sie werden selten oder nie das Erlebnis haben, das ein solches altes Kirchenbuch zu vermitteln vermag, wenn man es mit aufmerksamem und liebevollem Herzen liest.
Die Folianten sind schwer von all dem Schicksal, das sie umschließen. Aber es hat wenig Wert, wenn man mit neugierigen, sensationslustigen Augen an sie herantritt. Dann ist es, als rückten ihre Zeilen zusammen zu einem unergiebigen Gitter, das sich vor das Leben unserer Altvorderen schiebt.
Es sind ia nur trockene Daten, die da auf den vergilbten Blättern stehen. Sie berichten von Taufe, Eheschließung und Tod. Sie streifen das Menschenleben nur an seinen äußersten Punkten. Und nur selten verraten sie etwas von den näheren Umständen, die zwangsläufig zu einer jeden Eintragung gehören.
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Schon bei den Taufen gibt es für den Familienforscher manchen Anlaß, der zum Nachdenken, zum Lesen zwischen den Zeilen anregt. Da ist einmal bei vielen Kirchenbüchern der Umstand, daß sie nur den Tauftag eines jungen Menschen verzeichnen. Den Familienforscher aber geht das Geburtsdatum an. In den meisten bürgerlichen Verhältnissen wird er richtig raten, wenn er vom Tauftag an drei Tage zurückrechnet und das so gewonnene Datum als den Geburtstag des Kindes betrachtet. Bei Adelsfamilien ist unter Umständen eine längere Spanne in Anrechnung zu ziehen, die benötigt wurde, um entfernt wohnende Paten zu benachrichtigen und zu erwarten.
In fast allen Taufregistern nehmen die Gevattern einen breiten Raum ein. Der sorgsame Familienforscher wird sie nicht unbeachtet lassen. In
wünscht hätte, und auch die englischen Zugeständnisse auf der Dardanellenkonferenz in Montreux vermochten nicht die Herzlichkeit des alten Verhältnisses wiederherzustellen. Im Hinblick auf die schlummernde Spannung in den Beziehungen zwischen England und Italien legt die Londoner Regierung jedoch gerade auf die Freundschaft der Türkei, vielleicht auch mit einem Seitenblick nach Moskau, großes Gewicht. So ist es denn nicht verwunderlich, daß die überaus freundlichen Kommentare der türkischen Presse anläßlich des Besuches des Königs in englischen Kreisen starke Genugtuung ausgelöst haben. Man weiß, daß das Selbstgefühl des aufstrebenden türkischen Staates hierdurch eine Steigerung erfahren hat, die auf die künftige internationale Entwicklung im Mittelmeer vielleicht nicht ganz ohne Einfluß bleiben wird.
Die Begegnung des Königs Eduard mit dem König von Bulgarien, die nur von kurzer Dauer war, wird in London nur kurz verzeichnet, fällt aber zweifellos in den Rahmen der oben angedeuteten Tendenz. Hervorgehoben wird in der englischen Presse schließlich die Freundlichkeit des Empfangs, der König Eduard in Wien zuteil wurde. Alles m allem kann festgestellt werden, daß der König, dessen Volkstümlichkeit sich nicht auf die englischen Grenzen beschränkt, seinem Lande nach englischer Auffassung wieder einmal einen Dienst erwiesen hat, indem er dazu beitrug, das etwas ins Wanken geratene Ansehen Englands auf dem Balkan und in der Türkei wieder zu stärken.
der Regel geht der Vorname eines oder mehrerer Paten auf den Täufling über. Bei den erstgeborenen Kindern spielen die Namen der Großeltern eine gewisse Rolle. Die väterlichen Großeltern unter den Paten sind meist aus dem Familiennamen zu erkennen. Den Familiennamen der Mutter weiß man nicht immer und kann ihn dann zuweilen aus dem der Paten schließen. Freilich dürfen solche Kombinationen nur äußerst vorsichtig geknüpft werden. Man kann sich nur auf sie verlassen, wenn sie durch gleichlaufende Vorkommnisse bestätigt werden. Ist der Vorname, den der Täufling bekommt, unter denen der Paten nicht vorhanden, so geht man häufig richtig in der Annahme, daß er sich mit dem des Landesvaters oder der Landesmutter deckt.
Bisweilen kann man an Hand zahlreicher Kindtaufen die soziale Stufenleiter der Eltern mit durchlaufen. Das erste Kind einer Familie meldet z. B. der Vater als Handwerksgeselle an. Beim zweiten ist er Meister und Bürger, also in der Stadt bereits seßhaft geworden. Bei weiteren Kindern finden roj| ihn wieder als Ratsverwandten, als Bür- gergutWesitzer, als Diertelsmann, als Kirchenältesten oder als Dberälteften der Innung.
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Es finden sich auch Mitteilungen, zu denen sich der Eintragende in gerechter Entrüstung hat hinreißen lassen Sie werfen Schlaglichter zwischen die spröden Daten. So lesen wir in einem der ältesten Taufregister in Lübbenau im Spreewald im Jahr 1679 eine Notiz zu einer Eintragung: „Dieses Kindes Mutter Dorothea Fritzschin ist in ihrer Liederlichkeit bis nach Luckau hochschwanger gegangen. Zu Luckau hat sie dieses Kind geboren. Und ist mit demselben anderen Tages in starker Kälte anher nach Lübbenau gekommen mit dem Vorgeben, ihr Kind sei nicht getauft. Wir haben ihr und ihrem Manne geglaubt und dieses Kind zur Taufe angenommen. In einigen Tagen aber ist kündbar geworden, daß gedachte Fritzschin ihr Söhnlein zu Luckau auch schon hat taufen lassen und also uns hier schändlich betrogen habe." Um in den doppelten Genuß der Patentaler zu kommen, hat sich also des Kindes Mutter zu dieser Schwindelei hergegeben. Immerhin in ihrem Zustand und im
Zwischen den Zeilen der Kirchenbücher.
Don unseren Ahnen und ihren mancherlei Schicksalen.
Don Ruth Köhler-Irrgang.
kalten Februar eine nicht ungefährliche körperliche Leistung. Und wie kümmerlich müssen die Verhält» nisse gewesen sein, die die Menschen auf derlei Ge» danken kommen ließen.
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In gewissen Gegenden können wir den Fall antreffen, daß Taufeintragungen auf dem Kopfe stehen. Dann ist damit zu rechnen, daß der Täufling unehelich gezeugt wurde. Das sogenannte unechte Kind nimmt überhaupt einen reichlich breiten Raum in den Kirchenbüchern ein. Man kann und soll nicht mit leichtem Erröten an ihm vorbeigehen.
Auf die Wesensart der Geistlichen, dazu auf die allgemein gültige Einstellung zu solchen Vorfällen menschlich, allzu menschlicher Art läßt die Form solcher Eintragung manchen Schluß zu. Da sind Pfarrherren, die mit einer warmen, traurig gestimmten Milde, mit mahnendem Ernst den Fehltritt und seine Folgen verzeichnen. Da sind andere, die über den Kopf des unschuldigen Kindleins hinweg eine Strafpredigt über die Eltern ergehen lassen. Dann klingt es etwa wie eine Eintragung in dem Kirchenbuch einer süddeutschen Stadt: ..Ist ein gott- und ehrloses Paar gewest, so seine Sünden im Wasch- und Backhause begangen hat!"
Man muß sich nur wundern über die eingehende Kenntnis, die dieser Geistliche von dem Lebenswandel seiner Schäfchen gehabt hat.
Hart und kurz sind gewöhnlich die Mitteilungen der ©terberegifter in den Kirchenbüchern. Zuweilen geben sie die Todesursachen an. Das richtet sich nach der örtlichen Gewohnheit, auch nach der Genauigkeit des Eintragenden. Sehr häufig muß man sich jedoch aus der Aufeinanderfolge des Geschehens, aus dem Maß, in dem die einzelnen Familien betroffen sind, ein Bild machen. Es werden viel, sehr viel Kinder geboren. Aber zuweilen haben wir den Eindruck, als wenn dieses Leben nur geschenkt würde, um etwas zu haben, danach sich die unerbittliche Hand des Schicksals strecken kann. Der Fall ist nicht selten, daß drei, vier Kinder einer Familie in einer Woche starben. Wir müssen dann mit Seuchen rechnen, die ihre Ernten hielten. Je grausamer der Tod mähte, um so kürzer, verhaltener werden die Eintragungen. — Und wie oft wird der toten Mutter das Neugeborene mit in den Sarg gegeben! Das blühende Sichmehren des Volkes forderte viel junges Frauenleben, das einem mangelhaften medizinischen Wissen und fehlender Hygiene zum Opfer fiel.
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Dies alles aber ist das Erleben einzelner, von dem das Kirchenbuch dem aufmerksamen Forscher verrät. Zu erschütternder Klage aber erhebt stch sein stummer Mund, wenn das Schicksal der Völker über seine Gemeinde dahinschreitet. Dann ist es kaum noch notwendig, zwischen seinen Zeilen zu lesen. So meldet ein Kirchenbuch der Rhön:
„Anno 1630 sind die Kaiserlichen Völker, Spanier genannt, zu gewalttätiger Reformation hierher gelegt und dadurch verursacht worden, daß in folgenden Jahren keine Kinder in diesem Taufbuch zu finden." „Anno 1635 die giftige Sterbensseuch hier grassieret, anno 1636—37 der bittere Hunger gefolget!" — lieber das Einzelleben schweigt das Kirchenbuch in dieser bitteren Zeit. Was gilt das Dasein der Person, wenn auf dem ganzen Lande die harte Hand des Schicksals liegt?!
Es „regnet" Raupen.
Laasphe, 20. Sept. (LPD) Durch das verheerende Auftreten eines nach Millionen zählenden Raupenzuges sind die Buchenwälder im Staats forst Lahnhof (an der Lahnquelle) wie auch an der Siegquelle auf dem Ed er köpf gänzlich entlaubt und k a h 1 g e f r e f f e n worden. Es handelt sich bei dem Schädling um den sogenannten Buchens pinne r, der derart massenhaft diese Waldungen aufgesucht hat, daß man beim Durchschreiten des Waldes annehmen könnte, es fei am Regnen, so zahlreich fallen dauernd die Raupen zur Erde. Die betroffene Waldgegend ist gleichzeitig von einem widerlichen Geruch erfüllt.
Gießener Giadttheater.
Grabbe-Gedenkfeier.
Die erste Morgenfeier der neuen Spielzeit war dem Andenken des Dramatikers Christian Dietrich Grabbe gewidmet, dessen 100. Todestag jetzt allenthalben in Deuschland begangen wird. Die Veranstaltung wurde mit dem Präludium aus der a-moIUSuite, op. 103, von Reger, gespielt von August Rein (Geige) und Frau Irene Allrog- g e n - W a 11 e r (Klavier), sehr stimmungsvoll eingeleitet. Darauf hielt der Dramaturg Paul Nieren eine Gedenkansprache, in der er u. a. darlegte, wie die Besinnung auf das völkische Drama in Deutschland mit Notwendigkeit auch den Blick auf Grabbe zurückgelenkt habe, dessen menschliche und künstlerische Existenz der Vortragende in großen Zügen zu umreißen bemüht war. Er schilderte die Einsamkeit des verwilderten Genies, den tragischen Zwiespalt zwischen seinem Ehrgeiz und der Erfüllung seiner Pläne und Ziele, die unlösbaren Widersprüche in Grabbes Leben und Werk, und deutete die Gründe seines Zusammenbruchs sowohl von der menschlich-privaten wie von der künstlerischen Seite seines Wesens aus. Der Redner verwies auf die unselige Mischung von Herkunft, Erbmasse und Charakter, die sich in Grabbes ganzem Leben verhängnisvoll ausgewirkt habe, auf feine unglückliche Ehe und seine verpfuschte bürgerliche Existenz; er schilderte in lebhaftem Kontrast dazu das Ideal von Grabbes dichterischer Sendung, sein Verhältnis zur Geschichte und seine Verbundenheit mit Volk und Heimat, wie es sich vor allem in seinen großen Dramen „Napoleon'. „Hannibal" und in der „Hermannsschlacht" spiegelt. Sein Ziel, die Erneuerung des deutschen nationalen Dramas, fei freilich nur fragwürdig und bruchstückhaft er- reicht, doch fei zu hoffen, daß wir heute, hundert Jahre nach Grabbes Tode, der Erfüllung nähergekommen seien als je zuvor.
Die Vortragskünstlerin Friedel Hintze (Berlin) sprach anschließend — die schwierige Prosa übrigens völlig frei beherrschend und mit beseelter Einfühlung in die menschlichen und künstlerischen Dokumente eines höchst ungewöhnlichen Lebens — zunächst einen wahrhaft rührenden Jugendbrief, den Grabbe als 15jähriger Schüler an seine Eltern schrieb, und in dem sich schon die ganze Leidenschaft und geistige Unruhe des genialischen Menschen an- kündigt; ferner eine kurze Novelle aus dem letzten Lebensjahr des Dichters, eine düster verhangene Szene zwischen Mutter und Sohn; dann einen er- schlitternd hoffnungslosen Bries an seinen Verleger Äettembeil aus dem Jahre 1827, Zeugnis einer
schon unaufhaltsam dem Untergang zuneigenden Existenz; zuletzt das wenig bekannte Gedicht „Friedrich Barbarossa", das wie eine gedrängte Vision von Grabbes dramatischen Gestalten und Szenen wirkt.
August Rein und Frau Allroggen-Walter schufen hierauf mit der Arie aus der a-moll= Suite, op. 103, von Reger eine feinsinnige lieber- leitung zu den beiden Szenen, die — unter der Spielleitung von Wolfgang Kühne — den Abschluß der Feier bildeten: aus dem Lustspiel „Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung" spielten Herr Lindt (als der Dichter Rattengift) und Herr Kühne (als Teufel) eine von barockem Humor und scharfer Persiflage erfüllte Szene, die für eine gewisse Seite von Grabbes Natur überaus bezeichnend ist: beide Darsteller übrigens geschickt eingestimmt auf den grotesken und exzentrischen Ton, der das ganze Werk durchzieht. Zuletzt hörten wir eine große Szene aus dem „Napoleon": Alarm und Aufbruch auf Elba. Herr Neuhaus in der Titelrolle gab der Gestalt des verbannten Kaisers die Züge des herrischen und zähneknirschend aufbe- gehrenden Cäsarentums, die seine Erscheinung in diesem Schauspiel kennzeichnen. Ferner wirkten' mit die Herren Geißler (Bertrand), Rosenthal (Offizier) und Schorn (polnischer Legionär). —
Die Hörer folgten mit gespannter Aufmerksamkeit und spendeten lebhaften Beifall. Den kommenden Morgenfeiern wäre ein besserer Besuch dringend zu wünschen.
Leo Lenz und Ralph Arthur Roberts: „Der Kampf mit dem Tatzelwurm."
Der Sonntagabend war ganz der harmlosen Unterhaltung gewidmet: das dreiaktige Lustspiel um den sagenhaften Tatzelwurm von Lenz und Roberts wirkte wie ein Nachklang der bei uns für diesmal ausgefallenen Sommerspielzeit. Uebrigens handelt es sich nicht um den alpenländischen „Lokallindwurm", der eine Zeitlang ähnliches Aufsehen erregte wie das Ungeheuer im Loch Neß, sondern um einen mächtigen, wenn auch etwas zerknitterten Industriellen, von dem alle Welt redet, obwohl ihn niemand je zu Gesicht bekommen hat. Daher der Name. Dieser Industrielle, Geheimrat Strupp, hat sich als Schauplatz einer wichtigen Konferenz mit seinen Geschäftsfreunden ein einsam gelegenes oberbayerisches Jagdschloß ausgesucht, 'in welchem vor Zeiten die selige Lola Montez einmal geweilt haben soll, was den Räumlichkeiten eine ebenso pikante wie romantische Note verleiht. Die Herren, sehr besorgt um die Geheimhaltung ihrer Besprechungen, entdecken alsbald eine dürftig bekleidete junge Dame hinter einem Vorhang des
romantischen Schlößchens: natürlich eine Spionin der Konkurrenz. Zwar ist das Mädchen tatsächlich bei der Konkurrenz angestellt, aber von Spionage keine Spur, das Zusammentreffen war Zufall, und selbst die mangelhafte Bekleidung wird halbwegs glaubhaft motiviert. Diese Dame wird nun vom Tatzelwurm in eigener Person (aus geschäftlichen Gründen) eingesperrt und bewacht, hat aber Gelegenheit, während ihrer Haft eine alte Rechnung mit dem Geheimrat zu begleichen, der den Beziehungen der jungen Dame zu seinem Neffen (hier als Protokollführer ebenfalls anwesend) jeinerzeit ein schnödes Ende bereitete. Na, sie sagt ihm denn auch nach allen Regeln der Kunst und auf Grund ihrer gefestigten Weltanschauung Bescheid, daß dem älteren Herrn aus der Industrie erstmal der Atem wegbleibt; dann bekehrt er sich zusehends. Das Mädchen entweicht trotz vielen Vorsichtsmaßregeln aus feinem Turmverlies und kommt dem Tatzelwurm in Berlin geistesgegenwärtig zuvor: doch ist ihreRevancheebenso geschickt wie großzügig, und der Alte muß einsehen, daß er seine (Befangene menschlich wie geschäftlich ziemlich falsch eingeschätzt hat, geht in sich und bittet sie in aller Form um ihre Hand ... aber für den Neffen, dem er sie zuvor nicht hatte geben wollen.
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Die Spielleitung — im Programm nicht angegeben — hatte Herr Kühne; er konnte zwar gewisse Längen und technische Umständlichkeiten, auch ein paar Ueberdeutlichkeiten nicht verstecken, legte aber Gewicht auf gefällige Konversation, besonders in der gutplacierten Hauptszene des Mittelaktes, und hatte im übrigen mit der wirksamen Ausnutzung drastischer Situationen allerlei Heiterkeitserfolg. Herr Löffler hatte sich die Ausgestaltung des romantischen Montez-Schlößchens recht angelegen fein lassen.
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Hans Geißler spielte den „Tatzelwurm" mit norddeutscher Knurrigkeit und gemessener Reserve — offenbar nach dem Vorbild von Ralph Arthur Roberts persönlich. Charlotte Krause als fälsch, lief) verdächtige Sekretärin: sehr Couragiert in frischer Jugendlichkeit, selbstsicher und mit dem Mundwerk auf dem rechten Fleck. Ein bemerkens- wertes Konsortium von Jnduftriekanitänen und Finanzleuten stellten die Herren Volck, Neuhaus, Rosenthal und Nieren, während Herr Schorn der etwas salzlosen Rolle des Dr. Hellbach die besten Seiten abgewann. Als biedere Einheimische wirkten Maria Gerhardt und die Her- ren (Beiger und Seitz auf oberbayerisch zur Erheiterung des Hauses, das die Neuigkeit mit freundlichem Beifall entgegennahm. hth. .
Kunst und Wissenschaft.
Neuerscheinungen im Verlag Hugo Vermühler.
Der Hugo Bermühler Verlag, Berlin-Lichterfelde, kündigt folgende Neuerscheinungen an: Handbuch der in Deutschland geschützten wildwachsenden Pflanzen. Herausgegeben von der Reichsstelle für Naturschutz. Mit 72 naturgetreuen mehrfarbigen Bildtafeln der vollkommen und teilweise geschützten Pflanzenarten. Leinen etwa 7,50 RM. Die in diesem Handbuch abgebildeten Pflanzen sind auf Grund des Reichsnaturschutzgesetzes und der neuen Naturschutzverordnung unter Schutz gestellt worden. Hier wird es jedermann möglich gemacht, die geschützten Pflanzen nicht nur dem Namen nach, sondern auch im naturgetreuen farbigen Bild kennenzulernen. — Kleine Tier- feelenfunbe. Eine allgemeinverständliche Darstellung der Forschungsergebnisse über das Seelenleben der Tiere mit praktischen Versuchsanleitunaen. Von Dr. Werner F i s ch e I. Mit zahlreichen Abbildungen, Seinen 3,60 Mark. Das für alle Tierfreunde bestimmte allgemeinverständliche Werk enthält bebilderte Aufsätze über die verschiedensten tierseelenkundlichen Fragen. — Oskar Hein- r o t h : „G efiederte Meistersänger — Neue Folge". Das zweite tönende Lehr- und Hilfsbuch zur Beobachtung und Bestimmung der heimischen Vogelwelt. Herausgegeben mit Unter- stühung des Reichsbundes für Vogelschutz E. V., Stuttgart und unter Mitarbeit mehrerer Fachleute der Carl Lindstrom AG., Berlin. Das Werk besteht aus einem handlichen Textband in Taschenbuch- große mit zahlreichen ein- und mehrfarbigen Bildern auf Kunstdrucktafeln, drei Schallplatten (25 Zentimeter Durchmesser), mit Rufen und (Befänden von 19 wichtigen Vertretern der heimischen Dogelwelt nach Aufnahmen aus freier Natur und einem praktischen Schutzkasten. Preis 19,— Mark. Das Werk bietet die Möglichkeit, dem ganzen Volke und besonders unserer Jugend Ohren, Augen und Herzen dem Verständnis der Vogelwelt und der Vogelsprache zu erschließen.
500 )ahre Frankfurter Stadtarchiv.
In diesen Tagen feiert das Frankfurter Stadtarchiv fein 5OOjähriges Jubiläum. Es hat diese Gelegenheit zu einer umfassenden Ausstellung aus seinen außerordentlich reichen und mannigfaltigen Beständen benutzt. Z. B. enthalten die Kaiserurkunden Stücke non RR 2 bis 1802, die Papsturkunden solche von 1142 bis 1760.


