Samstag, 19. Dezember (936
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Nr. 297 viettes Blatt
Kleines Volk erlebt ein Märchenspiel.
Federhut, der Hofmarschall, erteilt dem kleinen Ballett väterliche Ermahnungen für ihren Auftritt vor dem König und seinem Hofstaat.
Wir hatten bei uns zu Hause ein schönes altes Märchenbuch mit vielen Bildern, das alle die Märchen enthielt, die von Urgroßmutters Zeiten her von Generation zu Generation erzählt werden und zum unsterblichen Besitz unseres Volkes gehören. Da war von Schneewittchen zu lesen, vom Dornröschen, vom Däumerling, Hänsel und Gretel, von Schneeweißchen und Rosenrot, dem Gestiefelten Kater, von Zwerg Rase und — zu allen den Märchen waren Bilder beigegeben, ganzseitige bunte Drucke und auch einfache Zeichnungen im Text, die noch heute (nachdem zwanzig Jahre und mehr vergangen sind, daß uns die Mutter das letztemal daraus vorlas) uns vor dem geistigen Auge sind. Der älteste der Brüder hat zu seinem Hochzeitstag das Buch mit unter den Geschenken vorgefunden. Wir anderen Brüder wissen, daß das Büch nicht verloren ist. Das Buch war ein Teil unserer frühen Fugend und war eine Wirklichkeit. Selbstverständ-
entgegen, wenn Menschen von Fleisch und Blut in der natürlichen Umgebung des Märchenlandes auf- ; treten, handeln, singen und spielen und wenn immer. wieder das Gute siegt
Auch an unserem Gießener Stadttheater werden! alljährlich eines oder mehrere Märchen aufgeführt und man gibt sich dabei alle Mühe, um den Kindern das Erleben zu verschaffen, das ihnen ein Märchenspiel nun einmal bedeuten soll So hat । unser Stadttheater die Märchenoper „Hänsel und, Gretel" herausgebracht, die in diesem Jahre zur wiederholten Aufführung gelangte und nicht nur das Entzücken der Kinder bildete, sondern auch das aller Erwachsenen, die dabei sein konnten.
Aber daneben wurde und wird gegenwärtig auch noch das Spiel von der „Prinzessin Allerliebst" oder dem „Wundersamen Regenschirm" aufgeführt, das wir schon an anderer Stelle beschrieben haben, so daß hier nicht noch'einmal erzählt zu werden braucht, wie der junge Ziegenhirt Heino nach vielen Gefahren im Zauberwald doch noch zu seiner Prinzessin Allerliebst kommt, und zwar gerade am Heiligen Abend. *
Viele Kinder gingen also in diesen Tagen wieder in das Theater. Auch Kinder vom Lande kamen herein, denn der Besuch eines Märchenspiels soll ja nicht das alleinige Vorrecht der städtijchen Jugend sein. Die Kinder vom Lande kamen mit ihren Lehrern und befanden sich dabei in treuer Obhut. Wie waren sie alle gespannt, auf das, was ihnen das Theater bringen wird! Und wie pünktlich fanden sie sich ein, meist schon eine halbe Stunde vor Beginn der Aufführung, um ja nichts zu versäumen! Da war überall ein eifriges Hin- und Herreden, und der Mund, insbesondere der Mädchen, stand keinen Augenblick still. Endlich wurden die Tore des Theaters geöffnet, und viele derer, die das Theater zum ersten Male sahen, machten große Augen. In den Garderobenischen gab es bald darauf ein buntes Gewimmel, denn jedes der Kinder wollte den Mantel und die Mütze auch an dem Haken mit derjenigen Nummer aufhängen, die auf dem Theaterbillett stand. Das ging nun jeweils
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Der Prinz aus Sauergurkenland bei seiner vergeblichen Werbung um die Prinzessin (Aufnahmen [6]: Neuner, Gießener Anzeiger.)
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lich gab es auch für uns eine Zeit, da wir glaubten, das Buch mit dem spöttischen Lächeln der 16- und 17jährigen abtun und ihm den Platz im Bücherschrank streitig machen zu können. Aber die Mutter rettete es damals, wohl weil sie wußte, daß wir uns eines Tages darüber freuen würden. Und Mütter pflegen in solchen Dingen immer recht zu haben. —
So wie ein Märchenbuch eine Wirklichkeit ist, so kann auch eine Märchenaufführung ein Erlebnis fein, das über Jahre in die Ferne wirkt. Hauptsächlich dann, wenn das Ereignis nicht allzu häufig im Leben eines Kindes wiederkehrt und dadurch das Wesen des Besonderen erhält, den Charakter des Festlichen. Oft genug ist ja das Märchenspiel, hauptsächlich dann, wenn es mit den vielfältigen Mitteln eines richtigen Theaters aufgeführt wird, ein tieferes Erlebnis, als es das vorgelesene oder selbst gelesene Märchen sein kann. manche Mutter hat aus ihrer Kindheit heraus das Lied von den vierzehn Englein aus der einmal gehörten Humperdinckschen Märchenoper „Hänsel und Gretel" als Wiegenlied für ihr eigenes Kind übernommen.
Wie deutlich tritt dem Kinde der Kampf zwischen den guten und den bösen Geistern im Märchenspiel
durchaus nicht geräuschlos zu, und wenn nun irgendein Hans seine Nummer immer noch nicht gefunden hatte, dann waren gleich vier oder fünf Kameraden bereit, ihm den richtigen Haken ausfindig zu machen.
Und die Türbeschließerinnen konnten sich dann des Ansturms kaum erwehren, denn alle wollten so schnell wie möglich auf ihrem Platze sitzen, wenn auch nicht etwa ruhig sitzen und still der Dinge zu harren, sondern nur eben, um da zu sitzen, wo sonst die Erwachsenen den Platz behaupten Ferner mußte einmal gründlich Umschau gehalten werden, um zu wissen, wie es in einem solchen Theater eigentlich aussieht. Und zum zweiten mußte festgestellt werden, wer eigentlich alles da ist, mit oder ohne Mama oder Papa. Schließlich muß man seine nächsten Nachbarn einmal gründlich begucken, mit denen man hier einige gemeinsame Stunden verbringt.
Diejenigen, die in den vorderen Reihen sitzen, müssen natürlich auch einmal einen langen Blick in die geheimnisvolle Tiefe des Orchesterraumes tun, in dem gerade jetzt und kurz vor Beginn die Geigen und Bratschen gestimmt werden und die Musiker mit den Blasinstrumenten noch einmal die Tonleiter hinauf- und hinunterrennen. So mancher der Jungen war kaum von der Barriere fortzubringen, während sich die Mädchen an den Geheimnissen des Orchesterraumes weniger interessiert zeigten. Schließlich aber, als der Herr Kapellmeister mit seinem Taktstock das Zeichen zum Beginn der kurzen Ouvertüre gab, huschten auch die hartnäckigsten Neugierigen auf ihre nahen Plätze. Bis dahin wurde von den Kindern, je nach dem Temperament, heftig und in aller Unruhe d-er Erwartung, auf den Stühlen hin- und hergerutscht.
Aber als dann die Ouvertüre begann, bahnte sich doch die Stille der letzten und höchsten Erwartung an. Als gar die Lichter verlöschten und für Se-
Heino, der Ziegenhirt, Prinzessin Allerliebst und die Hofdame t Briüenguckerle bei Den Ziegen auf der Weidewiefe.
Alle Aufmerksamkeit dem Spiel auf der Bühne. — Fasziniert schauen Buben und Mädchen zu, ab es dem giftigen Rotrack, dem Fliegenpilz, tatsächlich gelingen fall, das Prmzetzchen Allerliebst zur Frau zu gewinnen.
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Wie froh und heiter schauen die Kinder alle darein, als die Sache doch das gute Ende nimmt, der arme Ziegenhirt zum Prinzen wird und er die Prinzessin zur Frau bekommt.
künden eine tiefe Dunkelheit im großen Raume herrschte, da war es so still geworden, daß man die berühmte Stecknadel hätte zu Boden fallen hören können. Das Märchenspiel begann. —
Für zwei Stunden rissen die Schicksale der Prinzessin Allerliebst und des Hirtenbuben Heino, die Sorgen und Nöte des Königs und der Königin die Aufmerksamkeit der Kinder an sich und alle waren sie mit ganzer Seele dabei. Da wurden die Gesichter der Kinder zu aufgeschlagenen Büchern, in denen zu lesen war, mit welcher Kraft und Innigkeit sie mit dem Hirtenknaben fühlten, wie sie über die unmöglichen Prinzen dachten, die um der Prinzessin Hand anhielten und was sie von dem hinterhältigen giftigen Fliegenpilz hielten, der auf heimtückische Weise dem Heino den Wunderschirm gestohlen hatte, mit dem er die Prinzessin zu gewinnen hoffte. Wie fürchteten die Kinder im Zulchauer- raum für Heinos Leben und Sicherheit im Zauberwald und auch der Reigen der Elfen und der Erdmännchen konnte sie nicht über die gefährliche Situation täuschen. Die Gesichter der Kinder wurden zu Spiegeln der mitfühlenden Seele. Und doch nahm jedes der Kinder das Spiel um etwas anders auf. Wenn das eine unserer Bilder einen Eindruck davon zu geben vermag, dann ist zu erkennen, wie einer der Jungen das Geschehen auf der Bühne bequem auf die Lehne der Stuhlreihe vor ihm gestützt, zwar aufmerksam, aber doch in der vollen Ruhe des eigenen Gleichgewichts verfolgt. Und an-
ein von den Gestalten begleitet worden sein, mit denen sie das Theater für einige Stunden zu» sammengeführt hatte. N.
Krippenspiel auf Burg Aordeck.
Das Dörfchen Nordeck lag schon im tiefen Fne- den, als am vergangenen Donnerstagabend ein großer Omnibus in das Dorf ratterte, für Minuten die Stille unterbrach, um schließlich dicht unterhalb der Burg halt zu machen. Ein kräftiger Regen ging nieder und es war so finster, daß man kaum die Hand vor den Augen sehen konnte. Nur wenige Lampen brannten in den Gassen des Dorfes und ihr Licht spiegelt sich vielfach wider in den Pfützen, glänzte über den nassen Steinen des holprigen Pflasters. Niemand von den Einwohnern war auf den Straßen zu sehen; es schien, als schliefe das ganze Dorf.
Aber oben auf der Burg, die auf steilem Fels das Dorf überragt, waren viele Fenster erleuchtet, denn die Burg erwartete Gäste, jene Gäste, die im Omnibus kamen und die nun über Pfützen und holpriges Pflaster hinweg auf kurzem Weg zur Burg' emporstrebten, die sich doppelt romantisch ausnahm, da nur wenige Lampen die Höfe und die Toreingänge beleuchteten. Der Regen, der an die Mauern klatschte und der Wind, der an den Läden rüttelte, der Anblick der aufragenden
dere wieder lassen durch die lebendige Sprache der Augen erkennen, daß die Entscheidungen auf der Bühne auch ihre Entscheidungen sind. So man- cher Junge und manches Mädchen hält den Atem an und in einigen gar setzt sich die Erregung, die von den Geschehnissen ausgebt bis in die Hände fort Wieder andere sind ganz in die Sache versunken und scheinen ihrer Umwelt verloren zu sein. Der Alltag der Schule ist meilenweit entrückt, die Pflichten des Dienstes im Jungvolk und im BDM. scheinen einer anderen Welt anzugehören und sind für zwei Stunden abgelöst durch eine Welt der Illusion. Die Kinder befinden sich mit ihrem ganzen Sein im Märchenland und auch die wenigen Erwachsenen, die hierneben ihren Kindern
Die Türbeschließerinnen hatten alle Hände voll zu tun, um des Ansturmes der Jugend Herr zu werden.
im Märchenland ver
weilen, sind den Dingen des Alltags entrückt. Mählich nähert sich das Spiel seinem Ende. Heino ist im Besitze des Schirmes und schließt den Wunderschirm, den der giftige Fliegenpilz auf seiner Wanderung zum Königsschloß immer offen gehalten hat, böswilligerweise, so daß es drei Monate lang regnete und der König in größte Sorge geriet. Da schien denn im Lande des Königs die Sonne wieder und auch auf den Gesichtern wurde es heller. Als dann gar noch der Hirtenknabe im Purpurmantel und als Prinz erschien und als der Wunderschirm zum heiligen Abend noch einen Tannenbaum mit blitzenden Lichtern zaubert und der Schnee leise herabrieselt, da wurde aus aller Spannung und Sorge eitel Freude und wie befreit sangen die Kinder mit, als zum Abschluß das Orchester das Lied von der stillen heiligen Nacht spielte.
Als der Vorhang sich langsam zu senken begann, da rauschte der Beifall der dankbaren Kinder auf, und alle Freude kam damit zum Ausdruck, die sie über den glücklichen Ausgang des Märchens erfüllte.
Mauern — das alles mag in manchem der Gäste Gedanken an das deutsche Mittelalter und an die deutsche Ritterzeit wachgerufen haben, die uns ja aus vielen Sagen, aus verbürgten Urkunden, aus der dichterisch beschwingten Ballade in allem Glanze und aller Herrlichkeit, aber auch in allem Leid, in Gewalttat und Unrecht zum Bestandteil deutscher Geschichte geworden ist. Die Gäste an jenem Abend (aus demKreise desVereins für Bauernkultur,Gießen) waren aber nicht gekommen, um an einem großen Feste teilzunehmen, wie vielleicht die Fülle der erleuchteten Fenster hätte vermuten lassen können, sondern, um eine kleine Feierftunde mitzuerleben, die alle Jahre um diese Zeit die Bewohner der Burg Nordeck und manchen Gast in der kleinen Burgkapelle vereingt.
Die Schüler und Schülerinnen der Dr. Erdmann» schen Schule, die seit über zehn Jahren aus der Burg Nordeck ihre Heimstätte bat, führten in der kleinen Kapelle der Burg ein Weihnachts-Krippenspiel auf, das nach mittelalterlichen Motiven aus dem 15., 16. und 17. Jahrhundert gestaltet und zu neuem Leben erweckt worden war. Die schlichte
Als die Kinder hinaustraten in den regnerischen Abend, der sich inzwischen herniedergesenkt hatte, hinaus in die Dunkelheit, erwartet von Mutter oder älteren Geschwistern, da trugen sie noch vielen Glanz hinaus, von dem dann mancher Vater nach seiner Heimkehr von der Arbeit in langen Erzählungen und Schilderungen dessen erfuhr, was es ouf der Bühne, was es im Märchenreich alles an Freudigem und Traurigem zu sehen gegeben hatte. Und fo manches Kind wird bis in den Traum Hin-
Kapelle der Burg, deren Schönheit der große Spitz- bogen bestimmt, der den Raum der Gemeinde von dem Chore trennt, war bis auf den letzten Platz besetzt. Ein Cbristbaum, mit brennenden Wachskerze» besteckt, verbreitete zarten Duft und WeihnachisstiM'» mung im Raum; an den Wänden des Chores brannten einige große Kerzen und füllten den Chorraum mit ihrem flackernden Licht.
Die Gäste der Burg brauchten nicht lange der Ereignisie zu warten/deren Schauplatz der trau»


