Nr. Nb Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Dienstag, (9. Mai Mb
Die Tragödie einer englischen Königin.
3um 400. Todestage der Anna Boleyn am 49. Mai.
Die Gestalt der Anna Boleyn, der zweiten unter den sechs Frauen Heinrichs VIII. von England, ist uns heute wieder lebendig geworden durch den in der ganzen Welt gezeigten Film, in dem sie besonders heroortritt. Das Frauenschicksal, das vor 400 Jahren blutig endete, hat die Geschichtsschreiber viel beschäftigt. Die Zeitgenossen dachten im allgemeinen nicht gut von dieser Königin, aber nur wenige, die die Dokumente geprüft haben, kamen zu der Meinung, daß die gegen sie erhobenen Anklagen irgendwie berechtigt wären; die meisten waren von ihrer Unschuld überzeugt, und darüber kann kein Zweifel bestehen, daß die Pro-
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(Scherl-Bilderdienst-M.)
zeßführung gegen sie ungerecht und graufam geführt und daß kein zwingender Beweis gegen sie vorgebracht worden ist. Sicher ist auch, daß sie sich in den letzten Tagen, in denen sich ihr Geschick vollendete, zu einer Größe erhob, die sie das Schwerste gefaßt tragen ließ.
Anna Boleyn, die einer nicht lange vorher geadelten Familie entstammte, hatte als Kind bis zu ihrem sechzehnten Jahr am französischen Hofe gelebt und war dann nach London in den Hofstaat der ersten Gattin Heinrichs VIII., Katharina von Arragon, gekommen. Sie hatte dem König, der für die neunzehnjährige Schönheit bald entflammt war, gewarnt durch das Beispiel ihrer Schwester, die kurze Zeit seine Geliebte und dann verstoßen worden war, auszuweichen versucht, und auf sein stürmisches Drängen zunächst gefordert, er solle sich nach allen Richtungen freimachen; als sie seine Geliebte geworden war. hatte sie unablässig daraufhingearbeitet, Königin zu werden. Die von Heinrich VIII. durchgeführte Scheidung von Katharina spielt m der Kirchengeschichte Englands eine große Rolle; sie gehört mit zu den Gründen, die zu der Loslösung der englischen Kirche von Rom führten. Anfang 1533 stand Anna Boleyn am Ziel ihrer Wünsche, sie wurde zunächst heimlich mit dem König getraut, aber schon im Sommer desselben Jahres feierlich in Westminster gekrönt, und im September wurde sie Mutter eines Mädchens, das später, nach vielen Wechselfällen, die große Königin Elisabeth werden sollte. Daß sie dem König keinen männlichen Thronerben gebar, war ihre eigentliche „Schuld". Darüber kam es zu heftigen Szenen zwischen ihr und dem König, der seine Gunst bereits einem ihrer Hoffräuleins, Jane Seymour, zugewandt hatte. Ihr wurde nun das
gleiche Los zuteil, das sie Katharina zugefügt hatte. Jetzt begann die Verfolgung, die der Ratgeber des Königs, Thomas Cromwell, einleitete. Es wurde ihr vorgeworfen, daß sie fünf Liebhaber gehabt habe, darunter ihren eigenen Bruder, und diese fünf wurden vor Gericht gestellt, verurteilt und hingerichtet, obwohl sie standhaft leugneten, bis auf einen, der unter der Folter Geständnisse ablegte. Dann begann auch der Prozeß gegen die Königin Anna selbst, nachdem man in aller Eile ihre Ehe mit dem König als ungültig erklärt hatte.
Am 15. Mai fand die Gerichtssitzung im Tower vor einer Kommission von Lords statt. Außer der Untreue wurde ihr vorgeworfen, daß sie dem König nach dem Leben getrachtet habe. Sie verteidigte sich bescheiden, aber beredt und mit so überzeugenden Gründen, daß alle Zuhörer glaubten, sie würde freigesprochen. Aber die Lords fanden sie schuldig; mit Tränen in den Augen verkündete der vom König beauftragte Richter das Urteil, daß sie je nach der Entscheidung des Königs verbrannt oder enthauptet werden solle. Sie nahm es mit den Worten hin: „O, Vater, o Schöpfer, du weißt, daß ich diesen Tod nicht verdiene", und zu den Lords gewandt, fügte sie hinzu, daß sie sie wegen ihres Urteils nicht anklage, „aber ich bin immer eine wahre und treue Gattin des Königs gewesen "
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Nach zwei Tage Frist wurden ihr gewährt, die sie größtenteils in der Gesellschaft ihres Geistlichen zubrachte. Der Gouverneur des Tower, Kingstons, berichtet, daß sie eine so große, heitere Gemütsruhe bewies, wie er noch niemals an jemand in gleicher Lage gesehen hatte. Allen Unbefugten wurde verboten, den Tower zu betreten; ein Zeichen dafür, wie sehr man befürchtete, daß Mitleidsäußerungen laut werden könnten.
Als der Gouverneur am Morgen des 19. Mai erschien, sagte sie nach wiederholten feierlichen Beteuerungen ihrer Unschuld: „Ich erfahre eben, daß ich nicht vor Mittag sterben soll, und ich bin so traurig darüber, denn ich hoffte, dann schon hinüber zu sein und ledig aller Pein". Als er ihr versicherte, daß Schmerz ihr erspart bleiben würde, erwiderte sie: „Ich ließ mir sagen, daß der Henker, der aus Calais herübergeholt wird, geschickter sei, als jeder andere: das ist recht gut, denn ich habe einen so kleinen Hals", und damit umspannte sie ihn mit ihrer Hand und lachte ein wenig, da sie sich diese Anspielung auf ihren sehr zarten und schlanken Hals nicht versagen konnte. „Ich habe schon so oft Menschen vor ihrer Hinrichtung gesehen, Männer und Frauen",' fügt Kingstons dazu, „und sie waren voll Todesangst, aber diese Frau schien in dem Gedanken ihres so nahen Todes nur Freude und Glück zu empfinden."
Später versammelten sich die Herzöge von Suffolk und Richmond, der Bürgermeister und Ratsherren, eine Abordnung von Bürgern auf Befehl des Königs auf dem Rasenhof innerhalb des Tower. Um Mittag öffnete sich das Tor, Anna erschien und wurde zum Schafott geleitet, in ein schwarzes Damastgewand gehüllt und begleitet von ihren Hofdamen. Mit Erlaubnis des Gouverneurs hielt sie eine Ansprache an die Versammelten, in der sie erklärte, sie wolle sich nicht entschuldigen. „Ich bin nur um zu sterben hierhergekommen und so demütig mich dem Willen meines Herren, des Königs, zu unterwerfen. Wenn ich je im Leben gegen die Gnade des Königs frevelte, so sühne ich das mit meinem Tode. Aber, seien meine Fehler groß oder klein, so empfehle ich euch, meine Freunde, für das Leben und Wohlsein eures Königs zu beten, eures und meines höchsten Herrn, einer der besten Fürsten, die je die Erde trug und der mich immer so wohl behandelte, wie es besser nicht sein kann; darum erdulde ich gutwillig den Tod und bitte demütig die ganze Welt um Verzeihung." Dann nahm sie das Häubchen ab und bedeckte ihr Haar mit einer Kappe aus Leinen, während sie zu ihren Be
gleiterinnen sagte: „Ich vermag euren Beistand nicht zu lohnen, aber ich bitte euch, euch über mein Hinscheiden zu trösten. Wie es auch sei, vergeßt mich nicht. Seid getreu dem König und der, die ein glücklicheres Los zu eurer Herrin und Königin berufen wird. Schätzt eure Ehre mehr als das Leben, und wenn ihr betet, vergeßt nicht meine arme Seele." Nun kniete sie nieder; eine ihrer Begleiterinnen verband ihr die Augen, und als sie ausrief: „Gott sei meiner Seele gnädig", trennte ein Schwerthieb ihr Haupt vom Körper.
Der Leichnam wurde in der Kapelle des Tower beigesetzt. Von König Heinrich aber wird berichtet, daß er an dem Tage, an dem die Königin Anna starb, weiße Kleidung angelegt habe, um seine Verachtung der Unglücklichen auszudrücken; es ist nie bekannt geworden, aus welchem Grunde er sie so unerbittlich haßte. Das Ziel, Jane Seymour zu heiraten, hätte er durch die Erklärung der Ungültigkeit seiner Ehe allein erreicht. Die Hochzeit mit dieser fand am nächsten Morgen statt. C. K.
G.JL-fport
Deutsche Motorrad-Meisterschaft.
Im Kampf um die deutsche Motorrad-Meisterschaft haben die Solomaschinen am Sonntag auf der Solitude-Rundstrecke bei Stuttgart ihren zweiten Lauf ausgetragen; als erster wurde das Eilen- riede-Rennen gewertet. Die nächsten Entscheidungen fallen am 14. Juni beim internationalen Eifelrennen, am 2. August beim Hockenheimer Motorradrennen, am 6. September beim Internationalen Schleizer Dreiecks-Rennen, sowie bei den beiden Bergrennen am Kesselberg (30. Juli) und Schau- insland (30. August). Jeder Bewerber um den Titel muß in seiner Klasse drei Straßenrennen und beide Bergrennen bestreiten.
Ein Sieg bringt fünf Punkte ein, der zweite Platz drei, der dritte zwei und der vierte einen Punkt. Der Stand der Wertung ist nach Eilenriede und Solitude folgender:
2 5 0 c c m :
1. E. Kluge-Zschopau (DKW.) 8 P.
2. A. Geiß-Zschopau (DKW.) 5 P.
3. W. Winkler-Zschopau (DKW.)
4. Kohfink-Biettgheim (Jmperia-Rudge)
3 5 0 c c m :
1. H. Fleischmann-Nürnberg (NSU.) 8 P.
2. H Richnow-Berlin (Rudge) 3 P.
3. Maier-Mannheim (Norton) 2 P.
500 ccm :
1. Otto Ley-Nürnberg (BMW) 8 P.
2. K. Mansfeld-Breslau (DKW.) 5 P.
3. H. Müller-Zschopau (DKW.) 4 P.
4. H. Fleischmann-Nürnberg (NSU.) 3 P- 5. Bodmer-Ebingen (DKW.) 1 P.
Die Seitenwagen-Fahrer haben noch keinen Lauf zur Meisterschaft ausgetragen.
Zwei neue Leichtathletik-Rekorde.
Einen deutschen Rekord im Hammerwerfen gab es am Samstagnachmittag in Mannheim. Im Rahmen eines Klubwettkamp- fes zwischen den Mannheimer Vereinen TV. 1846, Post und MTG., den der Turnverein mit 10 419,239 Punkten vor Post (9586,934) und MTG. (8966,892 Punkten) gewann, erreichte der Turnvereinler Bernhard Greulich mit 52,02 Meter eine neue deutsche Bestleistung im Hammerwerfen. Greulich, der seit Jahren schon einer der besten badischen Kugelstoßer und Diskuswerfer ist und sich auch als Hockey-Verteidiger einen Namen zu machen wußte, betätigte sich seit dem vergangenen Jahre — seit das Hammerwerfen im Programm der Vereinsmeisterschaften steht — in dieser Disziplin. Er hat unter Anleitung von Sportlehrer Christmann seit Monaten ein intensives Spezialtraining durchge- führt. Sein erster Start in der neuen Saison brachte ihm am Samstag gleich den Rekordwurf. Am Sonntag bestritten einige der besten deutschen Hammerwerfer in Mannheim einen Wettbewerb. Der neue Rekordmann konnte sich diesmal allerdings nicht besonders hervortun; er wurde mit „nur" 49,29 Meter Zweiter. Den Sieg holte sich mit
daracciolü gewann den Großen preis von Tunis.
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In dem Rennen um den Großen Preis von Tunis auf der berühmten Rundstrecke von Karthago siegte Rudolf C a r a c c i o 1 a (Mercedes-Benz), den unser Bild während des Trainings in Tunis zeigt. Von elf gestarteten Wagen konnten insgesamt nur vier das Rennen durchhalten. — (Scherl-Bilderdienst-M.)
„Oer Kurier des Zaren."
Gloria-Palast.
Unter den zahlreichen Romanen des phantasie- begabten Franzosen Jules Verne ist der 1875 erschienene „Michael Strogoff" weniger bekannt als etwa die „Reise nach dem Mond"; erst Hans Kyser hat die Abenteuer des Leutnant Strogoff vom Kurierkorps des Zaren (Alexanders II:) in seinem Drehbuch zu neuem und etwas unheimlichen Leben erweckt. Der Kurier erhält aus der Hand des Herrschers den Befehl, die Aufmarschpläne der Russen in die von den aufständischen Tataren bedrohte sibirische Stadt Irkutsk zu bringen. Was er auf diesem langen Wege an Gefahren und Abenteuern erlebt und erleidet, bis er endlich, endlich feinen Auftrag erfüllen und an der Spitze der angreifenden Reiterei die Aufständischen in die Flucht schlagen kann, das macht den eigentlichen Inhalt des Films aus. Der Abenteuer sind wahrhaftig nicht wenige, und es wird dem Beschauer nicht leicht gemacht, aus dem Uebermaß von Bewegung, von Handlung und Spannung die Idee vor Augen zu behalten, die doch wohl als innerer Antrieb den stürmisch bewegten Vorgängen zugrunde lag: ein Mann und Offizier opfert sich heroisch und mit aller Selbstverleugnung auf, um seinen Auftrag zu erfüllen, dem Herrscher die Treue zu halten, seinem Vaterlands zu dienen. Ohne Zweifel ein Motto, das einer schöpferischen Gestaltung wert ist. Bei Richard E i ch b e r g , der den Film für die Europa inszeniert hat, ist das scharf herausgearbeitet — zu Anfang und zu Ende. In dem größeren Teil des Films zwischen diesen beiden Polen wird es, zugunsten anderer Elemente, verdeckt und in den Hintergrund geschoben. E i ch b e r g hat, wie man sieht, erstaunliche Mittel zur Verfügung gehabt — es ist an Menschen, an Material, an Bauten und sonstiger Ausstattung nicht gespart worden — und erzielt mit diesen Mitteln außerordentliche, allerdings fast nur äußerliche Wirkungen. Er schildert das Wüten der Aufständischen mit Mord und Brand, mit Flucht und Verfolgung in stürmischer (übrigens filmisch geschickt und sicher erfaßter) Bewegung, in unheimlichen und beklemmenden Szenen. Er baut den Zarenpalast mit repräsentattvem Pomp auf; er entwickelt die Kämpfe um Irkutsk... mit gesprengten Türmen, brennenden Festungsgräben, mit Massenattacken von Fußvolk und Reiterei; er veranstaltet eine Wettfahrt tn Tratten, daß man sich an „Ben Hur" erinnert fühlt, wie anderwärts an Karl May und Tom Mix.
Wirken schon solche Partten zwar spannend, aber ausgesprochen sensationell, so ist die Blendungs- szene im Lager der Aufständischen (der Kurier steht wie das Bleichgesicht unter den Rothäuten am Marterpfahl, während nebenan im Kohlenbecken das Eisen glühend gemacht wird) schon hart an der Grenze dessen, was man dem Besucher zumuten kann. Auf dergleichen war man bisher nur in Hollywood - Filmen gefaßt. Die Titelrolle spielt W o h l b r ü ck , den wir eben erst als „Studenten von Prag" sahen. Wer ihn als Kurier erlebt und sonst noch nichts von ihm gesehen hätte, würde kaum ahnen können, was er als Darsteller zu leisten vermag. Dabei kann kein Mensch behaupten, daß diese Rolle etwa der Aktivität ermangele, und rein äußerlich, körperlich und sportlich kann W o h l - brück hier einmal dem staunenden Zuschauer vor- führen, was er außerdem kann. Er lenkt sein Dreigespann im wildesten Karacho wie ein ausgelernter römischer Wagenlenker, er reitet, er schwimmt, er schießt und ficht und haut um sich mit blankem Säbel, daß das Parkett merklich in Wallung gerät. Und der Zweikampf des Kuriers mit feinem erbitterten Gegner und Verfolger Dgareff (gegen Ende) wirkt, wenn man von der Uniform absehen will, wie eine jener realistischen Episoden, die der Film in zahlreichen Kriminalreißern mit bewundernswerter Sachkenntnis und Ausführlichkeit auszumalen liebte... Dann folgt jene glorreiche und malerische Attacke, von der bereits die Rede war. Man wundert sich am Ende, daß die Europa den Kurier gerade durch Wohlbrück spielen ließ; das wäre eine Paraderolle für Albers geworden. Alexander Galling gibt den Dgareff, einen erschreckenden Wüterich, in bestechender Maske, mit gefährlichen Ausbrüchen... Die Höflich in der Rolle der Mutter Strogoffs sehr gut, ohne freilich die Ueberrealiftif einiger Szenen dämpfen zu können. Menschlich überzeugend auch die sanfte, stille Nadja der Maria And er gast, und die Zangara, die von Hilde Hildebrand angenehm verhalten und sensationslos gespielt wird. Theo Lingen als englischer Kriegsberichterftatter mit gutsitzenden, trockenen Randglossen, Vesper- mann und Ze sch-B allot (als Zar) seien nicht vergessen
Im Beiprogramm: zwei gute Kulturfilme (vom javanischen Theater und vom Pferd in der deutschen Wehrmacht), dazu die Ufa-Wochenschau mit einem Bildbericht von der Göring-Rede am 1. Mai.
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Die Mücke.
(5ine Anekdote von Karl Lerös.
Der Lokomotivsührer, der den Nachtschnellzug zu fahren hatte, fühlte sich, als er auf der mächtigen Maschine unter den ersten donnernden Dampfstößen in die feuchtwarme Nacht hinausglitt, von einem Vorgefühl nahenden Unheils bedrückt und bedrängt. Er war zu anderen Zeiten ein derber, plumper, etwas barscher Mann, der pünktlich, ruhig und ohne langes Bedenken seine Griffe und Hantierungen tat. Nun aber stand er in einer ihm sonst ganz fremden, zerrenden, überwachen Gespanntheit und starrte aus dem Fenster auf die Strecke, als gelte es, dem ersten unvermuteten Vorstoß eines tückisch verborgenen Feindes zu begegnen. Es war gegen Abend ein starkes Gewitter niedergegangen; nun war die lichtlose Nacht ganz mit Feuchte vollgesogen, die alles widrig lau überrieselte und als modrig schmeckender Dunst den Atem benahm.
Als der Zug, die Ebene verlassend, zwischen den ersten waldigen Hängen des Gebirges dahinfuhr und der Führer nach einem Blick auf die Uhr die Geschwindigkeit steigern wollte, sah er eine Erscheinung, die feine schon zum Hebel gehobene Hand herabsinken ließ. Der Dunst hatte sich hier in einen weißlichen Nebel gewandelt, aus dem die elektrischen Scheinwerfer der Lokomotive anfänglich scharf abgesetzte Lichtkegel schnitten. In dem rechten Lichtkegel aber, der rasch sich erweiternd und dann machtlos verströmend in den Nebel stieß, lebte und regte sich ein Schatten. Nicht deutlich, nicht greifbar; ein zuckendes Huschen, ein Flirren, dann ein gespenstisches Bäumen und Regen großer Gliedmaßen: nun wieder ein bebendes Geflatter, ein irres Kreisen, ein Niedersinken — und plötzlich ein langsames hilfloses Greifen ins Leere.
So schwebte es unablässig, immer da und doch nie ganz erkennbar, immer vor dem Zuge her. Der Führer fühlte, wie ihm ein nie gekanntes Grauen ans Herz griff. Er packte den Heizer, der eben mit Kohlen vom Tender kam, an der Schulter und wies ihm die Erscheinung; der aber, ein frecher, gleichgültiger Bursche, sah nur kurz hin, zuckte die Achseln und riß, ein paar unverständliche Spottworte schreiend, die Feuertür auf. Nun wollte der Führer mit einem entschlossenen Ruck der Schultern die Beklemmung abschütteln und wieder zum Hebel greifen; wieder aber ließ er, noch einmal hinausblickend, den Arm sinken. Immer war es vor dem Zuge, unablässig da und doch nie ganz erkennbar; ein zuckendes Huschen, ein Flirren, ein irres Krei
sen, ein bebendes Geflatter, ein gespenstisches ©reifen großer Schattenarme ins Leere.
Der Führer, von einem jähen, heißen Zorn gepackt, beschloß plötzlich, dieser unerklärlichen, geisterhaften Bedrohung ein Ende zu machen, und fei es um den Preis des Lächerlichwerdens und des dienstlichen Verweises. Er stieß den Fahrthebel herab und zog die Bremse. Klirrend knallten die Bremsklötze gegen die Räder; der Zug schlingerte, stampfte, kreischte — lief langsamer, stand. Als der Führer abgestiegen war und nach einem vergeblichen Rundblick den Scheinwerfer untersuchte, fand er alsbald die Ursache der seltsamen, immer noch andauernden Erscheinung. In dem Raume zwischen den beiden Linsen des Scheinwerfers war eine große Stechmücke gefangen, die, versengt und erstickt, mit einem ihrer langen Flügel feftgeflemmt, langsam zappelnd ihre letzten Zuckungen tat.
Der Mann stand eine Weile, das auf seiner Handfläche liegende Tier betrachtend, stumm vor der ungeduldig zischenden Maschine, ohne auf die erregten Fragen des herbeigeeilten Zugführers und die höhnischen Bemerkungen des Heizers zu antworten. Dann wollte er sich langsam, wie von einem Traum befangen, wieder der Maschine zuwenden — als plötzlich ein starker Windstoß den Nebel zerriß und die Strecke weithin vom Licht der Maschine und einem fahlen Mondglanz erhellt wurde. Da nun sah man, daß knapp dreißig Meter vor dem haltenden Zug die Strecke ein Gewirr von Trümmern war. Ein vom Regen losgewaschener Felsblock war mit einer Lawine von Steinen und Baumstämmen auf die Strecke gestürzt und hatte sie zerschmettert und verschüttet.
Während überall im Zuge Türen aufklappten, Reisende fragend und schreiend durcheinander liefen, Schaffner Laternen schwangen und der Zugführer Befehle brüllte, stand der Lokomotivführer eine Weile regungslos; dann, in einem jähen Erbeben, schwankte er und sank, die weitgeöffneten Augen immer noch auf das tote Tier in feiner groben Hand geheftet, langsam in die Knie.
Die Aelmlichkeit.
Der Münchener Komiker Karl Valentin spricht einen Herrn auf der Straße an: „Sie, sagen 'S amoi, sinn Sie net mit bene Dingskircken, bene Hinterhuber, verwanbt?
„Dös bin i selber," antwortet ber Gefragte.
Da verklärt sich Valentins nachbenkliches sicht, unb er antwortet:
„Ja, geh, baher Ham 'S a ene solche Aehnlichkett mit bene Hinterhuber!"


