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Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffen)
Nr. 190 vierter Blatt
Samstag, 15. August 1936
Die Dreschmaschine brummt!
Nun steht die Dreschmaschine wieder auf ihrem alten Platz, mitten im Dorfe, in unmittelbarer Nähe eines Weihers. Das Anfahren ist alljährlich ein Ereignis. Nicht nur für dre Klemen, sondern auch für' die Großen, denen es doch längst etwas altes sein dürfte. Mir geht es nicht anders. Auch ich eile ans Hoftor, wenn das vertraute Dröhnen und Nattern erklingt, und die Schuljugend mit dem frohen Ruf „Die Dreschmaschine kimmt" über die Siraße eilt.
Der Dreschplatz ist in den kommenden Wochen Tref punkt und Tummelplatz der Buben. Mancher kneift zu Hause aus, um auch „mitzugucken zu helfen". Wenn in der nächsten Zeit ein Vater seinen hoffnungsvollen Sproßling vermißt, dann weiß er bestimmt, wo er ihn zu suchen hat. Und wenn er es nicht weiß, wird ihn schon seine Ehehälfte daran erinnern: „Gieh emoul bei die Dreschmascbin, do wird de Nautnotz schun soi." Beide wissen das aus ihrer Jugendzeit. Und wenn sie auch einmal ärgerlich über den ausgekniffenen Burschen sind, im Grunde ihres Wesens verstehen sie ihn doch. Sie haben es ja auch nicht anders gemacht. Und es wäre ihnen schließlich ein Rätsel, wenn ihr Junge aus der Art schlüge. Die Dreschmaschine übt nun' einmal eine große Anziehungskraft auf die Dorfjugend aus. Der eigenartige Nimbus bleibt, obwohl durch technische Verbesserungen die früheren romantischen Begleiterscheinungen verschwunden sind.
Der ratternde, bellende Bulldogg zieht jetzt mühe- los Dreschwagen, Presse und Werkzeugkarren auf den Arbeitsplatz. Nicht etwa jeden für sich, nein, alle auf einmal. Es dauert nicht lange, da ist auch schon der ganze Betrieb in Ordnung, und es kann sofort losgehen. Wie mühselig war dagegen in früheren Zeiten der Transport! Die rauchgeschwärzte Lokomobile mit ihren breiten Rädern, dem mächtigen Dampfkessel und dem großen' Schwungrad, dem langen Schornstein und allem anderen Drum
und Dran hatte ein beträchtliches Gewicht. Vier starke Pferde mußten vorgespannt werden, um das schwarze Ungetüm fortzuschaffen. Wenn es über die Straße rollte, klirrten nicht nur die Fensterscheiben, sondern Teller und Tassen fingen auf dem Tische an zu tanzen. Das war ein Rattern, Knarren und Dröhnen! Peitschen knallten! Pferde wurden angefeuert! Funken sprühten unter den eisenbeschlagenen Hufen! Und hinter dem interessanten Auszug ein Schwarm froher Kinder, die lebhaften Anteil nahmen an dem für sie überaus mistigen Ereignis. Das war einmal und kommt nie
den Anschein, als sei es damit noch nicht zu Ende. Der Bauer studiert die Wetternachrichten immer pessimistischer und läßt dabei doch niemals alle Hoffnung fahren ...
Nicht wie meist um diese Zeit des Jahres leuchten die Getreidehaufen hellgelb im Feld; fahler ist die Farbe des Strohes geworden unter den starken Regengüssen. So hat der Bauer seine Sorge, an der auch der Städter jetzt mehr Anteil nimmt, als es in früheren Jahren geschah, da man damals fälschlich vielfach glaubte, gegeneinander stehen zu müssen.
Heute ist das anders geworden. Wenn man über die Felder geht, bemerkt man hin und wieder junge Menschen, die nicht unmittelbar dem bäuerlichen Lebenskreis angehören. Der Arbeitsdienst ist vielfach mit dabei, und es ist interessant, zu wissen, daß die Mannen des Gießener Arbeitsdienstlagers im Busecker Tal helfen und in der näheren Umgebung der Stadt, daß in der Licher Gegend und in der Wetterau mancher Arbeitsdienstmann aus dem Lager Biedenkopf für die Erntearbeit beurlaubt den Bauern hilft. Nicht jeder kann gleich die Sense in die Hand nehmen (nachdem die Getreidemähmaschine nur in wenigen Gegenden unserer Heimat eingesetzt werden kann), aber es gibt bei der Ernte ja nicht nur zu mähen, sondern auch zu binden, auf Haufen zu stellen, aufzuladen, abzuladen, Tiere zu führen usw. Mit der Sichel das wie gewalzt liegende Getreide zu schneiden hat aber doch mancher gelernt und ist damit dem Bauern zur wertvollen Hilfe geworden.
Am vergangenen Sonntag stand auch Gießener SA. zur Erntearbeit bereit, und am morgigen Sonntag werden wieder SA.-Kameraden auf Abruf bereitstehen. Hitler-Jugend und BDM. haben ebenfalls zur Mithilfe bei der Ernte aufgerufen, und der Ruf verhallte nicht ungehört. Wenn Volksgemeinschaft und Verbundenheit zwischen Stadt
und Land wachsen und vertieft werden sollen, so geschieht es sicherlich auf diese Weise am besten! Hier wirkt die Tat immer mehr als das Wort. Wie gut ist es auch, daß der Städter dabei aus eigener praktischer Arbeit das Verständnis für den Bauern gewinnt...
Wer z. B. am vergangenen Sonntagmorgen den Weg aus der Stadt hinaus fand, vielleicht nur nach
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Sack um Sack füllt sich mit der wertvollen Frucht
Wieseck oder nach dem Hangelstein zu, der hörte schon von weitem das Brummen der Dreschmaschinen, die am Dorfausgang nach Alten-Buseck zu, unter eigens dafür errichteten offenen Hallen, ihr Lied erklingen ließen. Viele Hände waren am Werk, um die Stunden zu nutzen. Und wie es in Wieseck war, so wird es auch in mancher anderen Gemeinde gewesen sein. Wir haben zu keiner Zeit und an keinem Tage des Jahres das Recht, etwas verderben zu lassen, was erhalten werden kann. Deshalb muß in dieser Zeit ausnahmsweise auch der Sonntag für die Ernte zu Hilfe genommen werden, wobei man sicher sein kann, daß der Bauer nur dann Sonntags an die Arbeit geht, wenn es unbedingt sein muß! Verdient er doch seinen freien Sonntag redlich und oft schwer genug.
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Sicherlich hat sich schon mancher Gedanken darüber gemacht, woher wohl das dumpfe Brummen der Dreschmaschine eigentlich kommt! Die Antwort ist nicht schwer zu geben. Das Kernstück der Dreschmaschine und der Teil der Maschine, der bie eigent» liehe Drescharbeit leistet, ist bieSchlagleisten - t r 0 m m e l, die etwa zur guten Hälfte von einem Mantel umgeben ist, der ebenfalls an feiner Innenseite mit etlichen Schlagleisten versehen ist.
Zwischen der Trommel und dem Mantel ist nur ein geringer Zwischenraum, den die zu dreschende Frucht zu passieren hat und in dem sich der eigentliche Dreschvorgang abspielt. Diese Schlagleistentrommel rotiert mit einer Geschwindigkeit von über 1000 Umdrehungen in der Minute. Wird nun diese Vorrichtung mit Korn beschickt, so entsteht das charakteristische Brummen der Maschine, das in weitem Umkreis zu hören ist. Man könnte es auch
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Die Dreschmaschine auf dem Felde, umgeben von schwerbeladenen Wagen, ein Symbol der Erntezeit.
, und sorgfältig werden die Säcke zugebunden.
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das Hohelied der Arbeit nennen, denn es ist meist das Zeichen dafür, daß der Bauer seine arbeits- reichste Zeit im Jahre hab
Arbeit an der Dreschmaschine ist schwer. Die Stunden müssen bis zum äußersten ausgenutzt werden. Ein Wagen soll dem anderen folgen und die Maschine möglichst ununterbrochen im Betrieb sein, wenn der Bauer und der Dreschmaschinenbesitzer auf ihre Rechnung kommen sollen. Haben doch nur die wenigsten Landwirte eine eigene Dreschmaschine, abgesehen von einigen großen und größten Gütern. So geschieht das Dreschen meist im Lohndrusch nach festen Sätzen, die sich nach bestimmten Gesichtspunkten (Stellung von Hilfskräften, Stellung des Betriebsstoffes durch den Dreschmaschinenbesitzer, oder durch den Bauern usw.) richten. Macht pro Stunde soundso viele Mark! Pausen in der Arbeit gibt es nur, wenn die Fruchtart gewechselt wird, wenn Roggen der Gerste oder dem Weizen folgt. Und auch diese Pausen sind kurz bemessen.
Die Arbeit der modernen Dreschmaschinen ist universell. Sauber gereinigt rinnt das Korn rasch in die Säcke, in Ballen gepreßt und gebündelt kommt das ausgedroschene Stroh auf verstellbar schräger Bahn aus der Maschine und kann von einem Manne leicht verladen werden.
Aller Staub und alle SpSlzen werden von einem Exhaustor aus der Maschine getrieben und durch ein langes Rohr auf einen Haufen oder gleich auf einen Wagen geblasen. Und während von oben her die Maschine eine Garbe nach der anderen verschlingt, füllen sich die Säcke prall und kann auf der anderen Seite ein Wagen Stroh nach dem anderen abgefahren werden.
Es ist immer wieder ein bestrickendes Bild, die Dreschmaschine auf freiem Felde bei der Arbeit.zu sehen. Es sieht häufig so aus, als sei eine Wagenburg aufgefahren. Immer stehen mehrere Wagen voll Getreide beisammen, hochbeladen, gleichsam, als warteten sie, an die Reihe zu kommen (es ist ja auch so) und immer neue Wagen rollen an. Wenn aber die Dreschmaschine im Dorf steht, dann wird die Straße häufig genug zum Engpaß. Ein Wagen steht hinter dem anderen, und nur allmählich rücken sie nach.
An der Dreschmaschine gibt es immer viel Staub. Er bringt überall in die Kleidung. Die Spelzen
(Aufnahmen |7J: Neuner, Gießener Anzeiger.)
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Nun brummt sie schon einige Tage. Ich muh mich erst wieber an sie gewöhnen. Frühmorgens reißt mich das Rattern des Bulldoggs, der die Stelle b r Lokomobile vertritt, aus bem Schlummer, unD ab.nbs kann ich oft vor lauter üßaaengeraffd nicht einschlafen. Aber bamit finbe ich mich ab. Noch zwei ober drei Tage, unb ich merke bie "orenben G rausche nicht mehr. Man gewöhnt sich ja schlietz- lich an alles. .
Und bann freue ich mich über das monotone, gleichmäßige Brummen ber Dreschmaschine. Es i|i für mich ein liebes, altes Lieb, bas ich in ber Erntezeit nie missen möchte, weil es mich an so vieles erinnert. Nicht nur an ben nahenben Herbst. Nein, vor allen Dingen an meine glücklichen Jugenbjahre, an das liebe Elternhaus, bie Schulzeit, Äugend- freunbe unb noch manches anbere. Dieses unscheinbare Lieb gibt mir alljährlich viel zu denken. Es ist sehr alt unb boch mit jebem Jahre wieber neu. Es läßt sich nicht in Worte fleiben unb in das Notcnsystem zwängen. Es ist nicht abwechsiurigs- reich, nicht klangvoll und sentimental, und doch i| mir’s so lieb wie das schönste Volkslied.
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Aber nicht nur für die Volksgenossen der Dorf- gemeinschast hat das Lied der Dreschmaschine seinen tiefen und immer neuen Reiz, sondern auch fu den Städter ist die Dreschmaschine ein Begriff, bem nichts Alltägliches anhaftet. Auch so mancher Städter, der auf das Dorf kommt, kennt das eigenartig beglückende Gefühl, das jeden erfüllt, wen er am Kornauslauf der Dreschmaschine die Hand aufhält und die kühlen Körner durch die Finger rieseln läßt, die Körner, die Brot bedeuten. Nah. rung für Mensch und Tier, oder aber Saatgu und damit immer wieder neue Nahrung, bie mühsam bem Boben abgerungen werden muh.
Wahrhaftig: hart genug abgerungen besonders in diesem Jahr! Dem Bauer, wenn er letzt dreschen kann, ist nichts geschenkt wollen. Wie viele können noch nicht einmal an das Dreschen denken. Noch steht Frucht auf dem Halm, wenn auch das meiste bereits auf Haufen steht! Aber wie lange steht es schon auf Haufen! Ein Regenschauer nach dem anderen ging darüber hin, machte das Getreide naß, unb kärglicher aber stechenber Sonnenschein, ber gleich wieber neue Gewitterregen heraufbeschworte, tr? *11«. tc es wieder. Die Natur wiederholte dieses Spiel in der letzten Zeit reichlich oft, unb es hat nach ben lang- unb kurzfristigen Wettervoraussagen
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Dhonlinfs- Der Wea bes (Betreibe? in bie Dreschmaschine. — Odenrechts: Gepreßt unb gebünbelt wirb bas gebroschene Stroh verloben.
Untsn'linksr Der hochbeladene Wagen ^Frucht" fährt vor- Unten rechte Ein moderner Traktor gibt die Nntnchsttast.
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