Nr. 292 Zweites Blatt
(Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Montag, 14.vezemberM6 — ......
Bücher unter dem Weihnachtsbaum
„(Europa'
den
ZU-
Verweser gewählt und mit der Macht und Befugnissen betraut, die einst dem Monarchen gekommen waren.
— Fanny Gräfin von Wilamowitz- Moellendorff: Erinnerungen und Be gegnungen. Mit 16 Bildern. Preis kart. 3,60 RM., Leinen 4,50 RM. Verlag von Martin Warneck, Berlin W 9. — (538.) — Die Verfasserin ist Schwester Carin Görings, eine Tochter Schwedens und später Gattin eines preußischen Gardeoffiziers. Gräfin Wilamowitz-Moellendorff kennt die Welt aus vielen Reisen, und überall findet sie Berührung mit bedeutenden Menschen. Jedes Kapitel ist interessant, ab es handelt von der Kindheit, dem Eintritt in die große Welt, der ersten Auslandsreise usw. Ihre Heirat führt die Verfasserin dann nach Deutschland, zunächst nach Potsdam, wo ihr Mann bei den Garde-Ulanen stand. Dann siedelte die Familie über auf das alte Familiengut Gadow. Auf beiden Etappen werden wir eingeführt in das Leben der Gesellschaft, an den Hof. Der Krieg fordert Trennung der Gatten, Graf Wilamowitz stirbt im fernen Osten, in Bagdad. Nun sehen wir die Gräfin mehrer unermüdlichen Arbeit; was Menschen zerstört hatten, mußte wieder aufgebaut werden. Erst arbeitete sie in Schweden, um Gaben aller Art nach Deutschland senden zu können. Die Arbeit wächst. Sie geht selbst nach Berlin, nimmt sich besonders der Kinder und Frauen an und konnte viel Not lindern. Aber immer großer wird das Arbeits-
— Rudolf Koch: D i e Weihnachtsgeschichte, ein Blackbuch in zehn Holzschnitten. Preis in Pappband 1,80 RM. im Insel-Verlag zu Leipzig. — (512) — Rudolf Koch, der berühmte „Offenbacher Schreiber", zag seine beste schöpferische Kraft aus dem Zusammenleben mit der Familie, er war auch eine innerlich tief religiös veranlagte Natur, der seine Kunst immer wieder in den Dienst des Höchsten stellte. Aus beidem erwuchs ihm die Gabe, diese Weihnachtsgeschichte gestalten zu können mit der ganzen schlichten Frömmigkeit der alten Holzschnitt-Meister und doch ganz gegenwartsnah in der Auffassung des Berichts des Evangelisten Lukas über die weltbewegenden Ereignisse der Heiligen Nacht. Bilder und Schrift wurden nach Art der alten Blockbücher zusammen aus demselben Holzblock geschnitten und geben so jene künstlerische Einheit, die auch einen Vorwurf wie die Weih- nachtsgeschichte uns mit immer neuen Augen sehen läßt. —e.
— Novalis Werke in einem Bande. Preis Geschenkleinen 4,80 RM., Halbleder 7,50 RM. Walter Hädecke Verlag in Stuttgart. — (567) — Diese schone Ausgabe besorgte der Dichter Wilhelm von Scholz. Der sorgfältigen Bearbeitung fügte er das geistvolle „Fragment über Novalis" an, das tief in das Innere des Dichters führt und seine überzeitliche Bedeutung herausstellt. Zum schönsten gehören seine Hymnen an die Nacht und die Marienlieder. Die Geistlichen Lieder sind Perlen unserer Dichtkunst. Das Buch enthält als Gesamtausgabe auch den großen Roman Heinrich von Ofterdingen, auch die Bruchstücke zur Fortsetzung des Ofterdingen und, was besonders wertvoll ist, auch die Tieckfchen Bemerkungen über die beab-
Gvinhusvud baut Finnland
Don Erkki Räikkönen.
Weise, wie man sie sich nicht hatte träumen lassen können, Wirklichkeit geworden war ..."
Am Senatsplatze angekommen, richtete Manner- Heim seine Schritte zum Senatsgebäude, wo die gesamte Regierung zur Sitzung versammelt war. Dann trat der Senat, von der Heeresleitung und dem diplomatischen Korps gefolgt, während die Nationalhymne „Unser Land" erscholl, auf den Platz hinaus. Dort wurden sie begrüßt vom Landtag, der Stadt, den Studenten und den Vertreterinnen der finnischen Frauen.
„Ein feste Burg" klang empor, als Svinhufvud und Mannerheim mit Gefolge und die Deutschen, von Graf von der Goltz geführt, zum Dankgottesdienst in die Nikolaikirche hinaufgingen.
„Der Herr ist meine Stärke und Lobgesang und ist mein Heil. Das ist mein Gott, ich will ihn preisen; er ist meines Vaters Gott, ich will ihn erheben", war der Text der Feierpredigt.
Unter Orgelklang verließen sie die Kirche und begaben sich zum Runebergdenkmal auf der Esplanade, wo General Mannerheim zu Pferde die Parade des weißen Heeres abnahm. Regiment auf Regiment marschierte an dem Heerführer vorbei, während die Kapellen den Karelischen Reitermarsch spielten und dröhnende Hochrufe die Helden des Freiheitskampfes grüßten.
Dieser Tag war im buchstäblichen Sinne der Tag der Freiheit: am Tage vorher nämlich hatte sich die letzte Zuflucht der Russen in dem selbständigen Finnland, das befestigte Ino gegenüber der russischen Festung Kronstadt, ergeben.
Frei war das Land im Osten wie im Westen. Ein edler Geist von Opferbereitschaft hatte das gesamte weiße Finnland zum Kampf um seine Freiheit zusammengeschweißt. Das weiße Heer hatte die schweren Kämpfe bestanden. Aber viele Tausende aus seinen Reihen waren dahin. Sie ruhen nun in der Heimaterde, deren Freiheit sie mit ihrem Leben erkauften. Mit ihrem Herzblut haben sie den Traum von der Selbständigkeit Finnlands verwirklicht.
Svinhufvud aber wurde zwei Tage nach der großen Feierparade vom Landtag zum Reichs-
u11- Langsam, mit scharfem Blick die grauen ^ielhen musternd, ritt der weiße General grüßend die Front ab. Aus tausend Kehlen dröhnte ihm Antwort entgegen. Und er lächelte den Männern zu wie alten Bekannten und ritt dann weiter. Dann gab er ein Zeichen, und gefolgt von seinen tausenden kampf- und leidgestählten Männern trat er leinen historischen Zug in die Hauptstadt des freien Finnlands an, die im Frühlingssonnenschein seiner harrte. Ein siegreiches Heer folgte seinem siegreichen Führer. Keine Paradearmee in glänzenden Uniformen, nein, ein eben aus dem Kriege gekommenes graues Feldheer, ein Bauernheer, aus dem Nichts geboren, das sich selber ausgerüstet, seine Waffen
Xet( vom Feind genommen und Taten vollbracht hatte, die nach Jahrhunderten den größten Traum verwirklichten, den je ein Volk sich selbst erfüllen kann." 1
Durch die fahnengeschmückte sonnige Stadt ging der Marsch des weißen Heeres.
„Wohl hatte man in Helsinki früher große Volksmengen versammelt gesehen", erzählt ein Augenzeuge, „nie jedoch so viele und nie so freudevolle, 1° herzlich begeisterte Menschen wie die hauptstädtische Bevölkerung an diesem Tag Hochrufe, die zu einem einzigen machtvollen Huldigungssturm an- schwollen, empfingen unsere weißen Krieger, als sie durch die Straßen marschierten."
Voran zu Pferde General Mannerheim; Blumen schmückten seinen Weg, und das Volk jubelte ihm zu. „Besonders warm wurden die karelischen Truppen und ihr Führer, Oberst Sihvo, empfangen", heißt es weiter. „Die Straßen und Plätze entlang flutete eine Woge von Begeisterung, als er mit seiner Schar anrückte. Schon am Tage vorher waren sie Gegenstand stürmischer Huldigung gewesen; jetzt am Festtag des weißen Heeres kannte der Jubel des Volkes keine Grenzen. In dem Führer der Karelier grüßte es seine Jäger, die ganze Jägerbewegung, die heilige Heldenmär der vaterländischen Geschichte, die jetzt auf die wunderbarste
sichtigte Fortsetzung des Ofterdingen. Ferner finden wir die Lehrlinge zu Sais, die „Christenheit" ober „Europa", die Fragmente — sowohl die zu Lebzeiten des Dichters gedruckten als auch die aus dem Nachlaß — sowie wichtige Anmerkungen. Verständnisvolle Bearbeitung und würdige Ausstattung machen diese Neuausgabe gleichermaßen zu einem wertvollen Geschenk.
— "1 e15; Dezember feiert Pehr Evind svinhufvud der Präsident des befreundeten finnischen Volkes, seinen 75. Geburtstag. Wir kürzlich im Albert Langen-
® & .^lag in München erschiene- xen ^^-"^nhufvud baut Finnland", in bem Erkki Räikkönen den Kampf dieses Ä-mannes gegen den Bolschewismus um die Gründung des finnischen Staates schildert, folgenden Auszug.
Wie ganz anders als vor dreieinhalb Monaten, m k feJnCrs gewaltsamen Unterbrechung, war das 9 bei feiner ersten Sitzung am 15. Mai bot! Verödet standen die Bankreihen der Sozialdemokraten, von denen die meisten m den Ausruhr verwickelt waren. Ein einziger hatte sich m die Sitzung gewagt. Dafür waren die Bür- gerlichen ausnahmslos erschienen. Auch Ehrengäste waren da: von d e r G o l tz mit seiner militärischen Begleitung der deutsche und der schwedische ®e> s°n°te, viel deutsches Militär und finnische Frei- Heitskampfer, die schon für die große Parade am folgenden Tag nach Helsinki gekommen waren.
Auf feinen alten Plätzen saß der Selbständig- feifsfenat Der Landtagspräsident gedachte der stürmischen Ereignisse und der zwei Landtagsmänner, die dem Aufruhr zum Opfer gefallen waren: Antti Mikkola und Ernst Saari. Dann dankte er dem Senat für den schweren Dienst am Vaterland, den er geleistet hatte.
Und nun betrat Svinhufvud die Rednerbuhne. Er umriß das große Geschehen in großen Zügen:
"Mit Todesverachtung stürzten sich die kühnen Bauern von Pohjanmaa unter der Führung ihres energischen Oberbefehlshabers den gut gerüsteten Aufrührern und ihren russischen Helfern entgegen. Nord-Pohjanmaa tat sich zusammen mit Süd-Poh- janmaa, und binnen kurzem war die Verbindung zu den ausländischen Mächten über Nord-Pohjan- maa geöffnet. Zugleich der Weg zur Vereinigung mit dem tapferen karelischen Heer, das mit bewundernswerter Willenskraft und Zähigkeit einen großen Teil von Karelien befreite. Als auch unsere tn Deutschland zu einer besonderen Truppe ausgebildeten Jäger Anfang Februar auf finnischen Schiffen ins Vaterland heimkehrten — vom ganzen Volk erwartet und herzlich empfangen —, da erhielt unser von vaterländischer Begeisterung und Freiheitsliebe geschaffenes Volksheer einen unschätzbaren Zuwachs." — Weiter sprach Svinhufvud von Deutschlands Hilfe, von den schwedischen Freiwilligen und den schweren Kämpfen: „Ihre tiefe Dankbarkeit spricht die Regierung dem Heer, seinen Führern und Mannschaften aus, ihr inniges Beileid auch jenen tausenden finnischen Heimen, die das Leben ihrer Ernährer ober ihrer Söhne hingegeben haben, ba bas Vaterlanb es so forberte. Und t«f bewc«gt gedenken wir «nserer zahlreichen Volksgenossen, bie — waffenlos — in Erfüllung ihrer Pflicht beim Morgengrauen unserer völkischen Freiheit der Blutgier aufgehetzter und betrogener Mitbürger zum Opfer fielen. Gesegnet wird ihr Andenken in diesem Lande sein, solange im finnischen Volke Freiheitsliebe lebt!" Nach Berührung der wichtigsten außenpolitischen Fragen schloß er: „Mit Freude hat die Regierung bemerkt, daß das Volk sie in ihren Bestrebungen unterstützt. Als Frucht dieses Zusammenwirkens begrüßen wir nun das von den Unterdrückten befreite Vaterland."
Als der nächste Tag anbrach, hatte sich auch das Heer versammelt. Züge auf Züge waren herangerollt und hatten die Truppen gebracht: die Tapferen von Vilppula und die Ahvola-Helden, die Eroberer von Tampere und Rautu, Männer in grauer, grober Zwillichkleidung mit kampfgehärteten Zügen. Schon vor Mittag standen sechzehntausend bereit. Ein Jäger erzählt:
„Am Parademorgen versammelten sich die Truppen im Tiergartenpark, von wo sie in geschlossenen Formationen in die Hauptstadt einmarschieren
feld. Gräfin Wilamowitz reift nach Amerika, um für die Not in Deutschland Verständnis zu wecken. Sehr interessant ist, was die Aufzeichnungen hiervon erzählen, von ihrem Besuch bei Hoover und vielen anderen Begegnungen. Auf der Rückreise trifft sie Tagore und kann ihm in Stockholm helfen. Wir lesen weiter von engen Beziehungen zu dem Erzbischof Söderblom, zu Sven Hedin, den Dichtern Heidenstam und Karlfeldt. — Wir sind dann wieder in Deutschland, hören von Göring, Goebbels und anderen führenden Männern, lassen uns von einer Begegnung mit dem Führer erzählen, weilen mit der Verfasserin bei dem Herzogspaar von Braunschweig in Gmunden. Das Buch schließt mit einem Ausklang „Auf der Wartburg", worin die Gräfin ernste unb besinnliche Töne anschlägt. — Aus allem spricht bie große Liebe zu Deutschland und der Wunsch aufrichtiger Freundschaft mit Schweden.
— Marcel Dupont: Murat. Reiter, Marschall von Frankreich, Kaiserlicher Prinz und König von Neapel. Aus dem Französischen übersetzt von Otto H. Fleischer. Mit vier Bildtafeln. Preis steif broschiert 6 Mark, Seinen 7,50 Mark. Wilh. Gottl. Korn Verlag, Breslau. — (433) — Marcel Dupont ist ein Pseudonym, hinter dem sich ein höherer Offizier verbirgt. Sein Buch indessen schildert Murat als Menschen und vor allem als das, was er zu allererst war: als den geborenen Reitergeneral, der sein Leben am vollsten lebt, wenn er mit dem Säbel in der Faust zur Attacke gegen den Feind galoppiert. Es ist ein erstaunliches Leben, das dieser Gastwirtssohn unb einstige Priesterzöglinq geführt hat, biefer von unersättlicher Ruhmsucht und Machtgier getriebene Soldat, dem sich nach seiner Begegnung mit dem General Bonaparte und seiner Verheiratung mit dessen Schwester Karoline eine glänzende Laufbahn eröffnet, der sich in allen Ländern — van Aegypten bis Rußland — mit beispielloser Tapferkeit schlägt und in allen Kriegen des Kaisers an entscheidender Stelle steht, der auf dem Höhepunkt seines Ruhmes den Thron von Neapel besteigt unb dessen Stern mit dem Stern des Kaisers erlischt: in Kalabrien fällt er seinen Feinden in die Hände und endet unter den Kugeln eines Exekutionskommandas, nachdem er in feinen letzten Stunden eine innere Größe gezeigt hat, bie er als König nie gekannt. Das Buch Duponts ist ein großartiges Gesamtpanorama des napoleonischen Zeitalters.
— Hans Kloepfer: Sulmtal und Kai - nachboden. Ein steirisches Bilderbuch. Mit reichem Buchschmuck von Emmy Singer. Seinen 6 Mark. Verlag der Alpenland-Buchhandlung Südmark, Graz-Wien-Leipzig. — (493) — Rosegger, der liebenswürdige steirische Dichter, der Tausende Reichsdeutscher mit den Eigenheiten österreichischen älplerischen Volkstums vertraut machte, hat in der Gegenwart einen würdigen Nachfolger gefunden: Dr. Hans Kloepfer ist in Köflach, dem Hauptorte des weststeierischen Braunkohlengebietes, seit Jahrzehnten als Werksarzt tätig und mit Bauern, Arbeitern und Kleinbürgern innig verbunden ist. Er kennt die Freuden und Sorgen der kleinen Seute, er bleibt nicht spielerisch an der Oberfläche, sondern schürft in Tiefen, wo überraschende Schätze verborgen sind, erforscht allch liebevoll die Vergangenheit unb gestaltet baraus Bilder aus bem Seben, hoch- deutsche unb munbartliche Gebichte, Erzählungen unb Schilberungen voll anschaulicher Kraft, duxch- fonnt von Güte unb Humor. — Der vorliegende Banb schließt sich ben betben vorausgegangenen: „Aus bem Bilderbuche meines Sehens" unb „Ge-
Bäume ausreißen ?
Sie kennen doch die wunder* bare Stimmung, in der man buchstäblich Bäume auöreißen lÄ möchte. Schaumwein macht ein bißchen übermütig.......
M- SCHAUMWEIN
fcingt Jr&hsinri!
Dem Nordpol kam noch vor Abschluß des Jahrhunderts Fridtjof Nansen näher als alle Vorgänger, indem er 1895 auf feiner berühmten „Fram"- Reife bis 84° 4' nördlicher Breite vordrang unb hierbei zugleich die überraschende Entdeckung machte, daß der Nordpol höchst wahrscheinlich nicht auf" Sand sondern in einem tiefen Meere lag. Vierzehn Jahre später, 1909, gelang es dem Amerikaner Peary, diesen nördlichen Achsendrehpunkt der Erde, den er schon feit den neunziger Jahren mit unbezähmbarer Energie in immer neuen Expeditionen systematisch bestürmt hatte, wirklich zu erreichen. In der Tat auf schwimmendem Meereise. Allerdings trat ein anderer Amerikaner, F. Cook, hervor, der behauptete, schon ein Jahr früher dort gewesen zu fein, und es ist nicht mit restloser Klarheit festgestellt worden, was an dieser Behauptung wahr ist. Jedenfalls war das eine der beiden großen Probleme noch vor Ablauf des ersten Jahrzehntes des neuen Jahrhunderts gelost.
Das andere freilich schien noch in weiter Ferne 3U liegen. War doch die antarktische Welt unendlich viel furchtbarer vereist, als die arktische. In Breitegraden, unter denen bei uns noch große Stätten modernen Sebens liegen, wie Seningrab, Stockholm, Oslo, Bergen, Drontheim, sind wir dort schon nahe der Grenze allen nicht maritimen Sehens angelangt, bieten ungeheure Eisberge ober zusammenhängende Eismauern weithin aller Schifffahrt Halt. Hier war rings um ben Pol noch ein Raum etwa hoppelt so groß wie ganz Europa völlig unbekannt. Diesen galt es zunächst einmal ,u berennen, zu verkleinern, ehe man, so schien es, an bie Eroberung seines innersten Punktes überhaupt denken konnte.
An diesem Kampf um die Antarktis überhaupt haben auch wir Deutschen uns ehrenvoll beteiligt. Dr Georg Neumayer, der Direktor der Deutschen Seewarte, ist hier ein Hauptrufer im Streit gewesen, der mit begeisternden Worten immer wieder auf die Notwendigkeit hinwies, die Sudpolwelt zu erforschen. Und als im Beginn des Jahrhunderts mehrere Kulturnationen sich zusammentaten, um nach einheitlichem Plan dies Werk an verschiedene Stellen zugleich in Angriff zu nehmen, da sandte auch das Deutsch- Reich unter Erich n ° n D r y - aallki eine große, wohlgerustete antarktische Ex- UiHon au7 di- in'd-n Jahren 1901 bis 1903 südlich oom Indischen Ozean in dem „Kmstr-Wll- delm II -Land" den Nordrand des hier noch gonz unbekannten, gänzlich in Eis vergrabenen Sud- polarkontinentes f°ststellt° und> dortüberwinternd eine wissenschaftliche Arbeit ersten Ranges durchführt-, deren Ergebnisse heut in einer großen Reche
Die Eroberung des Südpols.
Iton Professor Dr. Georg Wegener.
Im zweiten Viertel des vorigen Jahrhunderts begann, was man bas „letzte Zeitalter der Entdeckungen" zu nennen pflegt. In dem mächtigen rauschartigen Kraftgefühl, das der Menschheit aus der damals so gewaltig sich entwickelnden Technik erwuchs, ging sie daran, die große Aufgabe der Entdeckung der Erdoberfläche zu vollenden, bie letzten noch weißen Flecke der Erdkarten zu tilgen. Es waren das insbesondere das schwer zugängliche Innere der großen Kontinente und die beiden eis- umftarrten Polarkappen des Erdballs. Ein neues Heroenzeitalter der Forschungsreisen bricht herein, das nun rasch mit den Geheimnissen Jnnerafnkas, Jnnerasiens, Australiens usw. aufräumt unb Namen unsterblich macht wie S i v i n g st o n e Stanley, Schweinfurth, Barth, Nachtigal, Prschewalski, Sven Hedin und viele andere. Um die Wende zum 20. Jahrhundert ober doch in dessen allerersten Jahren sind hier nahezu alle Probleme großen Stils gelöst. Einzig um die beiden Pole gibt es noch unbekannte Gebiete van wirklich bedeutendem Umfang unb mit dem ganzen dämonischen Zauber, ben die Terra incognita nun einmal auf den Menschengeist ausubt. .
Gewiß, auch in der Arktis sowohl wie in der Antarktis war noch im 19. Jahrhundert Außerordentliches geleistet und nicht minderer Entdeckerruhm errungen worden, von James Roß ange fanden bis zu Fridtjof Nansen, aber immerhin, bien'bü-b noch ganz elementar Große- an erster Entschleierung des Unbekannten zu tun Vor allem aalt es h7er zwei Punkte zu erreichen, deren Eroberung gewissermaßen Ehrensache der Menschheit war, den N°?dp°l und den Sudpol. Während ;n den voroufgehenden Jahrhunderten daran noch niemand überhaupt zu denken gewagt hatte, Tiaren dies neuerdings unzweifelhaft die beiden populärsten Probleme der Erdentdeckung überhaupt geworben. fflerX mit ihnen hat sich der Abenteuersinn und bie Einbildungskraft des 19. Jahrhunderts m,t Vorliebe beschäftigt. An der Spitze natürlich Jules Derne der große Magier der modernen, durch jenen Kr'aftaustausch der neuen ^echmk beflügelten Phantasie Wer von ben alteren Sefern erinnert sich nicht wie er seinen Kapitän Hatteras den Nord- Kapitän Nemo den Sudpol erreichen läßt? Den Nordpol, wie man damals als selbst verständlich annahm, -us einem hochragenden Fest londe, den Südpol Mit Unterseeboot tn einem Meere Inmitten schwimmenden Eises.
von Bänden vorliegen. Eine zweite bedeutende deutsche Südpolarexpeditton führte 1911/12 Wilhelm Filchner in das Wedbellmeer im Süden des Atlantik und drang dort weiter südwärts vor als irgendein Vorgänger; freilich auch fo nur ungefähr so weit gegen den Pol, wie auf unserer Halbkugel allsommerlich mühelos bie spitzbergischen Touristenschiffe kommen.
Trotzdem wagten auch im Südpolgebiet einige beherzte Männer bereits an den Südpol selbst zu denken. Es waren vor allem die Engländer, bie sich ja in ber Tat schon durch die antarktischen Entdeckungsfahrten ihres James Cook in den siebziger Jahren des 18. Jahrhunderts und ihres James Roß in ben vierziger bes 19. Jahrhunderts eine moralische Apwartschaft auf die Führung in der Südpolarforschung erworben hatten. Zwei Männer, Robert Scott und Ernest Shackle- ton, trieben seit 1902 teils zusammen, teils wetteifernd Angriff auf Angriff auf bem Este südlich bes von Roß entdeckten Victoria-Landes gegen ben Pol vor. Von ihnen gewann der letztere 1909 bereits die Breite von 88° 23. Er war also nur noch 180 Kilometer vom Pol, als er wieder umkehren mußte. Das Jahr darauf brach Robert Scott aufs neue mit einer trefflich 'ausgerüsteten Expedition auf, und jetzt erreicht er, mit vier Begleitern, wenn auch unter Einsatz der äußersten Kraft und halb vernichtet durch unausgesetzten Kampf mit grauenvollen Schneestürmen, am 18. Januar 1912 den Südpol — da aber sieht er inmitten der grenzenlosen Eiswüste dieser furchtbaren Gegend an einer Stange die norwegische Flagge wehen!
Folgendes war inzwischen geschehen. Der norwegische Polarforscher Roald Amundsen, ein Mann von unbändiger Tatkraft und Abenteuerlust, ber sich schon einen Namen dadurch gemacht batte, daß er als erster und bisher einziger 1903/06 auf bem kleinen Robbenfangschiff „Gsöa" die nordwestliche Durchfahrt um Nordamerika praktisch ausführte, hatte im Jahre 1910 eine neue, längere Zeit vorbereitete Nordpolarexpeditton angetreten, auf der er zunächst sein Erpedittonsschiff — kein anderes als die berühmte „Fram" Fridtjof Nansens um bas Kap Horn herum zur Bering- straße führen wollte. Unterwegs im Atlantik erklärte er plötzlich feinen völlig überraschten — und bann begeisterten — Leuten, da er ja dicht an der Antarktis vorüber müsse, wolle er, wefl der Nordpol inzwischen doch entdeckt sei, unterwegs erst einmal versuchen, ben Südpol zu erreichen, ehe er weiterführe zu den nunmehr rein wissenschaftlichen Arbeiten im Norden. Das Glück will es, daß er diesen Versuch in einer neuen Gegend unternimmt,
östlich vom Victoria-Land, die ungleich weniger als die tradittonell von Scott und Shackleton gewählten Reisegebiete von jenen fürchterlichen, auf besonders schroffen Geländeunterschieben beruhenden Schneestürmen heimgesucht wird. Hier gelinat es dem kühnen Manne wirklich, in einer Art Husarenritt mit seinen Schlitten und Hunden das große Ziel zu erreichen. Am 14. Dezember 1911, also vor nunmehr 25 Jahren, langt er, fünf Wochen früher als Scott dort an und pflanzt die Fahne feines Landes auf dem südlichen Pol auf. Auch hier ist es genau umgekehrt wie man sich zu Jules Vernes Zeit gedacht hatte. Der Südpol liegt auf dem Hochplateau eines Kontinents, in einer Meereshöhe von 3127 Meter. Dann kehrt er mit feinen Leuten wohlbehalten zu feinem Schiffe zurück und fetzt feine Reife nach der Beringftraße fort.
So bewunderungswürdig auch diese Leistung des Norwegers ist, wir dürfen sie doch nicht berühren ohne noch ein Wort des ehrenden Gedächtnisses an Robert Scott und die Seinen hinzuzufügen. Hier hatte nun wirklich ein anderer ihnen die Ehre vorweggenommen. Gebrochen in ihrer letzten Kraft durch die ungeheure Enttäuschung sind sie auf dem Rückmarsch alle zugrunde gegangen. Ihre Tagebücher wurden später gefunden unb enthüllten uns eine Tragödie, die ebenso durch die körperlichen und seelischen Leiben wie durch das Zeugnis einer wahrhaft erhabenen Kameradschaftlichkeit im Untergang zu den ergreifendsten der Menschheitsgeschichte gehört'.
Zeitschriften.
— Im Säuglingsalter sind Ohrerkrankungen, besonders im Herbst und Winter, durchaus nicht selten. Wie äußert sich bie Erkrankung des Ohres? Wie erkennt die Mutter bei Säuglingen und kleinen Kindern Schmerzen? Wie lange dauert z. B. eine akute Mittelohrentzündung? Wie kann verhütet werden, daß der Säugling überhaupt an einer Mittelohrentzündung erkrankt? lieber alle diese Fragen liest die junge Mutter in dem Dezemberheft der bekannten Zeitschrift „M utter und Kind" (Verlag Staude, Berlin W 30), und zwar in dem Artikel von Dr. H. Tollkühn, Berlin, „Ohrertrankungen bei Säuglingen". Auch die Beiträge: „Wie kommt es zu Sprachfehlern?", „lieber Haarpflege" unb die Fortseßung der Artikelserie , Störungen der Mut» terschastsvorgänge" werden jede Mutter interessieren. Im übrigen steht der größte Teil des Inhalts dieses Heftes unter dem Eindruck des nahenden Weih- nachtsfestes. Reizende Bilder veranschaulichen den Text.


