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Nr. 9 vierter Blatt

Samstag, y. Zanuar 1936

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)

Theaterais Schein undWirktichkeit

wird mit Hilfe langer Lineale umrissen. Viele bunte Farbtöpfe stehen herum; allerlei buntes Jnventarium bildet den Rahmen in diesem großen Malersaal. Im Kellergeschoß ist außerdem eine große Schreiner-

WW

Hinter den Kulissen des Gießener Stadttheaters

Die Bühne wird für die Aufführung hergerichtet. (Aufnahmen [8]: Neuner, Gießener Anzeiger.)

Die Theaterbesucher unserer Stadt und des Lan- des unserer engeren Heimat kennen das Gießener Theater nur aus der Perspektive des Zuschauer- raumes. Für die meisten unserer Volksgenossen wird diese Perspektive auch wohl die einzig mögliche bleiben müssen, denn der Raum hinter den Kulis­sen kann nicht Tummelplatz des Wissensdranges für jedermann fein. So bleibt denn also für die Theaterbesucher nur die Welt des vollendeten Scheins, wie sie sich von der Bühne her darstellt, wie sie Illusionen vermittelt, wie sie durch den Dichter und den Darsteller Spannungen schafft, auslöst und auflöst, den Zuschauer aus der Wirklichkeit seines Alltags reißt, ihn für Stunden fesselt und dann wieder in die Wirklichkeit zurückgleiten läßt. So oft aber auch das Theater blutvolles Leben gibt, so oft wird man sich auch darüber klar sein, daß bei aller Wirklichkeitsnahe das Theater Schein bleibt.

Es klänge aber paradox, wenn man nicht als selbstverständlich wüßte, daß sich diese Welt des Scheins im Theater auf klaren Wirklichkeiten auf­baut, aus einer Fülle des greifbar Materiellen, geschaffen wird aus einer Unsumme von Arbeit und Wille, aus Begeisterung und Idealismus, aus Intuitionen und jener Hingabe, aus der allein Ueberzeugungskraft und Lebensnähe erwachsen kann

Wer einmal Gelegenheit hat, die gedachte und tatsächliche Linie zwischen Zuschauerraum und Sühnenraum zu überschreiten, steht urplötzlich in­mitten dieser Wirklichkeit, ja, er wird förmlich von ihr überfallen und lernt Theater kennen als eine Im­pression der Arbeit urib des Fleißes, die ein ebenso starkes Erlebnis bedeuten kann, als jenes, das von Bühne zu Zuschauerraum vermittelt wird. Ja, hier wächst das Erlebnis aus der Wirklichkeit.

Der Eindrücke, die hinter den Kulissen auf den Unbefangenen warten, sind Legion. Schon der Büh­nenraum hintergründig, tief und breit ist ein eigenes Kapitel. Links und rechts ragen die Be­leuchtungstürme auf, in deren einem auf unglaub­lich kleinem Raum ein komplizierter Mechanismus

Werkstatt untergebracht, in der mehrere gelernte Schreiner vollauf zu tun haben. Ferner findet man überall im weitläufigen Haus Handwerker, die von der Pike auf ihr Fach verstehen müssen.

Es fällt nicht schwer, sich auszudenken, welch hohe Anforderungen an die Schneiderei unseres Gießener Theaters gestellt werden. Da gibt es Kostüme aller Völker anzufertigen, Phantafiekostüme, Stilkostüme, Trachten, auch die Kovfbedeckungen und vieles an­dere mehr. Und überall müssen sorgfältiges Studium der charakteristischen Merkmale und ein großes handwerkliches Können vorausgesetzt werden. Im­mer wieder muß Neues angefertigt werden, obwohl im Kleiderfundus bereits Taufende von Kleidungs­stücken aufbewahrt sind, auf die selbstverständlich immer wieder zurückgegriffen wird.

Der Theaterfriseur muß mit vielen Perücken be­reit, mit einer unendlichen Fülle der Haartrachten vertraut fein, immer wieder gilt es auch neue Perücken anzufertigen und anzupafsen. Vor jeder Generalprobe, wie auch vor jeder Aufführung herrscht in seinem Kabinett Hochbetrieb, denn der Friseur hat nicht nur Perücken anzufertigen, er hat sie den Schauspielern auch aufzufetzen, und zwar so kunstgerecht, daß der Zuschauer möglichst über» Haupt nicht merkt, daß die Darsteller Perücken tragen. Was hier für den Friseur gilt, trifft auch für die Theaterfriseufe zu, die mit den verschiedenen oft sehr kunstvollen Damenfrifuren nicht weniger Arbeit hat.

Intendant, Schauspielerinnen und Schauspieler, Dramaturg und Regisseur, Bühnenbildner und Be- leuchter, Gewandmeisterin und Theaterfriseur stehen immer wieder einmal im Lichte der Öffentlichkeit, stehen mit ihrer Arbeit immer sichtbar vor dem Publikum, von ihnen wird oft gesprochen, sie stehen auch immer als Repräsentanten des Theaters vor uns wie wenig wird aber von jenen Helfern auf der Bühne gesprochen, die den Aufbau der Kulissen vorzunehmen haben, die bei mancher Aus-

In der Damengarderobe vor dem Auftritt.

sührung oft mehrmals auf- und abbauen müssen, in fliegender Hast, und dock alles muß im Lichte der Scheinwerfer bestehen können. Von den Bühnenarbeitern wird vor allem Schnelligkeit und handwerkliche Geschicklichkeit verlangt, sie müssen manche Anordnung des Bühnenbildners ober des Inspizienten nach einer Handbewegung verstehen und in die Tat Umsetzern An Urnen liegt es zum

ausgestrahlt wird!

Wenn die Kulissen, das prunkvolle ober schlichte Zimmer, bas ganze Haus ober ber Häuser mehrere, ober gar eine ganze Lanbschaft, auf ber Bühne stehen, orbentlich zusammengefüat ober aber ganze Wohnungen, Säle, Treppenhäuser, Balkone, Frei­treppen, Tempel aufgerichtet sind, bann nimmt ber Zuschauer all biefe Dinge nur allzu oft als Selbst- verstänblichkeit hin. Welche Unsumme ber Arbeit ging aber auch hier voraus!

So manche Dekoration muß erst im Mobell ge­schaffen werben, unb zwar maßstäblich genau, so daß es ohne weiteres in bie notwendige Größe übertragen werden kann. Sorgfältig müssen die Ausmaße der Dekorationen mit der menschlichen Körpergröße in das richtige Verhältnis gebracht werden Häufig genug müssen Aufbauten sehr stabil fein und viele Darsteller selbst in heftiger Bewegung sicher zu tragen vermögen. Hier muß verantwor­tungsbewußt hieb- unb stichfeste konstruktive Arbeit geleistet werben selbstverstänblich bei aller Spar­samkeit. So hat auch ber Bühnenbilbner keinen leichten Posten. Oben im großen Malersaal über der Bühne erhalten bie Kulissen ihre Farbe unb bie bekorativen Formen. Vieles muß schmissig aus freier Hanb gezeichnet unb gemalt werben, manches

untergebracht ist, von dem aus alles Licht auf ber Bühne unb im Zuschauerraum beherrscht werden kann. Der Beleuchter kann auf dieser Schaltwarte mit Strömen gerichteten oder diffusen Lichts, mit blendend weißen, mit roten, blauen, gelben, grünen usw. Strahlen spielen, wie um einen Vergleich zu gebrauchen, ein Klaviervirtuose auf seinen Tasten. Wie wichtig das Licht über dem Schauplatz ber Dinge auf ber Bühne ist, geht schon baraus hervor, baß eine Fülle ber äußerlichen Stimmungen allein nur burch bas farbige, burch bas gebämpfte ober das strahlenbe Licht geschaffen werben kann. Son­nen- unb Monblicht, Kerzenschimmer ober vage auf» gehelltes Dunkel muß er gleich überzeugenb zu schaf­fen wissen. Wie oft auch muß er mit Lichtkegeln raschen Bewegungen folgen Keine leichte Arbeit! Dazu bie Hitze, bie unbarmherzig von ben Lampen

Der Bühnenbildner unseres Theaters vor einem Modell. An der Schaltwarte in einem der Beleuchtungstürme.

Im Perückenkabinett des Th eaterfrifeurs. Aus Wolken von Seide und Tüll werden wunderbare Kostüme.

Die Gewandmeisterin an einem ungarischen Kostüm.

Teil mit, daß die Pausen nicht zu lang geraten. Was bas zum Beispiel bei ber Aufführung eines Shakespeareschen Stückes mit häufigem Szenen­wechsel bebeutet, ist leicht zu erraten.

Zweifellos ftnb bie technischen Einrichtungen unse­res Gießener Stabttheaters burchaus zweckmäßig.

Bei der Arbeit im Malersaal.

Zweifellos sind viele geschulte Kräfte am Werk, viele, ja, fast alle sindvom Bau", aber ein leichtes Ar­beiten gibt es beim Stabttheater nicht. Theater in kleineren Stäbten haben es überhaupt nicht leicht, benn sie können nicht ein einziges, vielleicht befon» bers faffenfüllenbes Stück 50 ober 100 Mal auf­führen, wie bas in ber Reichshauptstabt ober in anberen Großstäbten geschehen kann. So sieht sich bie Intenbanz unseres Theaters vor ber Notwenbig- keit, immer roieber neue Aufführungen herauszu­bringen unb bie Ausstattung bafür zu schaffen. Die Darsteller haben sich immer roieber in neue Rollen hineinzufinben unb in vielen Proben wirb vor­bereitet, was bie Zuschauer angenehm unterhalten soll. In ben Generalproben bringt bie Arbeit auf ihren Höhepunkt unb wenn ber Regisseur an feinem Pult im Zufchauerraum sitzt, bann muß alles was an Aeußerem zur Aufführung gehört, soweit enb- gültig fertig fein, baß es eigentlich nur noch weni­ger Korrekturen bebarf.

Wenn man, geführt von fachkunbiger Hand, durch das Haus wandert, so sieht und findet man vieles, was Interesse erwecken muß. An der Innenseite der Bühnenwand sind auf kleinen Räumen viele Schein- roerfer angebracht, für die Feuerwehrleute sind unter ben Beleuchtungstürmen Kabinen geschaffen, in benen Sanb, Wasser unb Minimax für alle Fälle bereitgehalten finb, im tiefen Bühnenraum stehen immer roieber Kulissen bereit, hinter ber Bühne be» finbet sich eine Requisitenkammer, in ber ungefähr alles vom Blumenstrauß bis zum Likörglas vorzufinben ist, was man sich an kleinen Äusstat- tungsgerätfchaften nur benken kann, lieber bie Bühne führen mehrere Gänge unb Brücken und im Schnürboden hängt eine Fülle von Vorhängen unb Dekorationsteilen, die in ihrer ganzen Länge hoch­gezogen werden können.

Es ist fast ein phantastischer Anblick zu nennen, aus großer Höhe, vom Schnürboden und von der höchsten Brücke unter dem Dache aus, zwischen den dunklen Schluchten der Vorhänge hinunterzublicken auf bie von weichem Licht übergossene Bühne, auf ber sich festlich gefleibete Menschen bewegen spre­chen, tanzen, fingen, gleichwohl hier oben kaum etwas zu hören ist, ba bie weichen Stoffe allen Schall fangen. In einer umfangreichen Arbeit wächst Aufführung um Aufführung heran Mit einer ver­hältnismäßig geringen Anzahl von Arbeitskräften muß alles bestritten werben, wenn bas Theater nicht zu einem untragbaren Zuschußbetrieb werben soll. Bei aller Intensität ber Arbeit, bei aller Spar­samkeit. bie geforbert wird, muß die künstlerische Leistung gewahrt bleiben, mit ber ja jebes Theater steht unb fällt.

Wieviel mehr hätten angesichts alles besten bie Volksgenossen in Stabt unb Lanb Anlaß, bankbar zu sein bafür, baß in ber aufopfernben Arbeit bes Gießener Theaters Stunben ber Erhebung geschaffen werden, um bie unsere Stabt von vielen anberen gleichgroßen unb größeren Stäbten mit Recht ve» neibet wirb. Dieser Dankbarkeit burch guten Besuch bes Theaters Ausbruck zu geben, ist bie einzige Möglichkeit unb zugleich bie Pflicht ber Volksgenof- fen,'allen benen, bie im Theater wirken, bie Arbeit zu erleichtern und zu verschönen«