186. Jahrgang
Kr.84 Erstes Blatt _____ 186. Jahrgang Mittwoch, 8. April 1956
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Gietzener Anzeiger
General-Anzeiger für Oberhessen
Der Abessinienkonflikt erneut auf der Genfer Tagesordnung.
Wird Italien seine Friedensbedingungen bekannt geben?
3m italienischen Vomber über Dessie.
Dis zur Hauptstadt kein Widerstand zu erwarten.
Der militärische Zusammenbruch Abessiniens.
Die Turiner „Starnpa" schreibt, die Geschichte werde nicht in Genf gemacht, sondern sie werde mit Blut geschrieben. Eine Bestätigung dieses ewigen Gesetzes sei am Montag im Unterhaus gegeben worden, wo der englische Schatzkanzler Neville Chamberlain jede Absicht Englands, nicht nur auf koloniale Besitzungen, son- dern auch auf Völkerbundsmandate zu verzichten, entschieden bestritten habe. Die "Völker, welche einen Platz an der Sonne brauchten, müßten ihn sich erobern. Gerade dies machten die Soldaten Italiens in Afrika. Das Gesetz, das für die Engländer gelte, gelte auch für die Italiener.
Französische Stimmen gegen Fortsetzung der Sanktionen.
Paris, 8. April. (DNB. Funkspr.) Zu den bevorstehenden Besprechungen in Genf erklärt der „Motin", wenn im 13er Ausschuß die Frage oon weiteren Sanktionen gegen Italien zur Sprache komme, müsse Flandin entschlossen m i t Nein antworten oder sich nach chilenischem Beispiel der Stimme enthalten oder nach dem Vorbild Ekuadors im Augenblick der Abstimmung verschwinden. Der „Excelsior" meint, es käme einzig und allein auf den europäischen Frieden an. Der italienisch-abessinische Streit finde gerade jetzt ohne fremdes Zutun oon ganz allein seine Erledigung auf militärischem Gebiet
höhe umflogen worden sei, schien so gut wie ausgestorben. Deutlich sichtbar seien nur einige Rot-KreuzLazarette gewesen. Die Tatsache, daß die sonst übliche abessinische Luftabwehr völlig ausgeblieben fei, schien zu beweisen, daß die restlichen abessinischen Truppen mit dem Regus läng st in südlicher Richtung auf Addis Abeba zu abgerückt seien.
Der Kriegsberichterstatter des DRV. hat auf dem Flug den Eindruck gewonnen, daß die Italiener, die bereits in der Nähe von Kobbo standen, Dessie ohne ernste Hindernisse nehmen und weiter gegen Addis Abeba vor- st o h e n könnten. Besonders bezeichnend scheint ihm die Tatsache, daß bereits einige Dörfer in der, Gegend von Dessie die weiße Flagge gehißt haben.
Die Genfer Dreizehn.
Wer nicht abergläubisch ist, kann es in Genf werden. In der Völkerbundsstadt tritt heute der sog. Dreizehner-Ausschuß zusammen, der einst beauftragt wurde, durch seine Vermittlung den Frieden in Ostafrika wiederherzustellen. Er soll angeblich auch heute noch versuchen, eine Basis der Verständigung zwischen Italien und Abessinien 3U finden. Bis zu diesem Zeitpunkt hat der Ausschuß allerdings in ganzem Umfange versagt. Aber auch sein größerer Bruder, der sog. Achtzehner- Ausschuß, dem die Pflicht oblag, durch die härtere Methode der Sühnemaßnahmen die Beendigung des abessinischen Krieges zu erzwingen, war nicht glücklicher. Beider Tätigkeit war von ausgesprochenem Pech verfolgt. Während die Ausschüsse redeten und berieten, ging der Krieg in Afrika lustig weiter. Seit einem halben Jahre kämpfen nun die Krieger des Negus und des Duce gegeneinander, und es ist nicht zweifelhaft, welcher von den beiden Gegnern den Sieg an seine Fahnen heften wird.
So sieht sich hun die Genfer Liga mitsamt ihren Ausschüssen in einer recht peinlichen Lage. Ueber fünfzig Mitgliedsstaaten des Völkerbundes erklärten im Oktober vorigen Jahres Italien zum „Angreife r", und sie verpflichteten sich, entsprechend dem Wortlaut des Genfer Statuts, den Angreifer durch Sanktionen zu bestrafen, sowie den Streit zu schlichten. Eine wie geringe innere Kraft aber muß diesen beschworenen Satzungen innewohnen, wenn ein halbes Hundert großer, mittlerer und kleiner Mächte es nicht fertig bringt, ihnen Geltung zu verschaffen. Es gibt keine andere Erklärung für diesen katastrophalen Mißerfolg der Genfer Politik, als die Erkenntnis, daß Inhalt und Form dieser Staatenliga nicht mehr übereinstimmen, daß die Buchstaben und Paragraphen der Bundessatzung nicht mehr ausdrücken, was das allgemeine Rechtsgefühl der Völker von einer internationalen Ordnung fordert.
Diese Erkenntnis scheint sich nun auch in dem Land durchzusetzen, das sich bisher in seiner Völkerbundstreue von niemandem übertreffen lassen wollte: in England. Die britische Regierung hatte im vergangenen Herbst den abessinischen Streitfall geradezu als Generalprobe der kollektiven Sicherheit bezeichnet. Heute muß diese Regierung feststellen, daß die Probe gänzlich negativ im Sinne des alten Völkerbundsgedankens verlaufen ist. Die Schuld an diesem Zusammenbruch der alten Ideale aber trägt nach englischer Meinung in erster Linie nicht Italien, auch nicht das Genfer System, sondern Frankreich. Denn die Pariser Diplomatie war es vor allem, die immer wieder ein schärferes Vorgehen gegen den „Friedensbrecher" verhinderte und die sich erst nach langem Hin und Her dazu entschloß, dem englischen Drucke wenigstens teilweise nachzugeben.
Auch späterhin^ im weiteren Verlauf des abessi- nischen Konfliktes, ist Frankreich stets bemüht gewesen, aus Furcht vor einem völligen Verlust der italienischen Freundschaft dem Tatendrang der Engländer alle möglichen Hindernisse in den Weg zu legen. Die Kollektivität, wie sie in Paris aufgefaßt wurde, war eben eine französische, aber keine englische oder völkerbündische Kollektivität. Daran dürfte sich bis zum heutigen Tage auch nichts geändert haben. So blieb den Engländern nichts anderes übrig, als beizeiten aus diesen Erfahrungen die notwendigen Folgerungen zu ziehen. Der praktische Sinn der Briten nahm sofort eine Umstellung der äußeren Politik vor, als es klar wurde, daß die Franzosen im Ernstfälle dem englischen Vorschläge einer weiteren Sanktionsoerschärfung (Oelsperre!) nicht folgen würden. Seit dieser Zeit wiederholt man in London ständig, daß man in der Verfolgung der Völkerbundsvorschriften keinen Schritt weitergehen würde, als auch die anderen Mächte zu gehen bereit seien.
Ueber diese taktische Einschränkung des Sanktionsfeldzuges hinaus begann sich der Zweifel an der Zweck- und Rechtmäßigkeit der Genfer Einrichtung überhaupt immer mehr im englischen Volke zu vertiefen. Ein seit fünfzehn Jahren gehegter und gepflegter Glaube wurde langsam erschüttert. Es ist außerordentlich bezeichnend, daß dieses Problem heute schon oon der Regierung in London so offen behandelt wird, wie es der Schatzkanzler N e o i l l e Chamberlain am Schlüsse der letzten Unterhausaussprache tat. Er wies mit bemerkenswerter Energie auf die Schwierigkeiten und Gefahren hin, die von der Politik der kollektiven Sicherheit untrennbar find, und er begrüßte die Unterhausdebatte, weil sie dazu beigetragen habe, jene Neuerwägung des gesamten Aufbaues des Völkerbundes in feiner heutigen Form herbeizuführen, die nach seiner Ansicht in naher Zukunft unvermeidlich fei. Chamberlain fügte dann noch das gewohnte Argument hinzu, daß England nicht die ganze L a st der kollektiven Sicherheit auf seine eigene Schulter nehmen dürfe, daß vielmehr die anderen Mächte nicht nur bereit, sondern auch in der Lage sein müßten, ihre Rolle ebenfalls zu spielen.
Nimmt man noch hinzu, daß die Sprache der englischen Presse gegenüber Italien sehr viel milder geworden ist, obgleich gerade in letzter Zeit Mussolini mit seinen Siegen die Möglichkeit der ursprünglich geplanten Völkerbundsregelung in immer weitere Fernen rückte, so wird ersichtlich, daß man sich in England ernstlich mit dem Gedanken einer allgemeinen Völkerbundsreform vertraut zu machen beginnt. Der Dreizehner-Ausschuß, dessen Vertreter heute am schönen Genfer See zusammen- treffen, wird der veränderten Lage Rechnung tragen müssen, und niemand in der Welt würde bei feinem Hinscheiden eine Träne vergießen.
Englische Erwartungen.
London, 8. April. (DNB. Funkspr.) Zu den heute beginnenden Genfer Besprechungen schreibt der „Daily Telegraph": Großbritannien und Frankreich würden voraussichtlich Italien fragen, ob es nunmehr gewillt sei, seinem Vormarsch in Abessinien Einhalt zu gebieten. Dabei werde man in der einen oder anderen Form zu verstehen geben, daß man beim Abschluß eines Waffenstillstandes mit Abessinien d i e Sanktionen gegen Italien auf- heben werde. Man erkenne, daß langwierige und schwierige Verhandlungen notroenbig sein werden, um die Bedingungen für eine endgültige Regelung festzusetzen. Die erste und wichtigste Aufgabe bestehe aber darin, dem „Hinschlachten der in Wirklichkeit wehrlosen abessinischen Bevölkerung" ein Ende zu machen. Wenn Baron Aloisi nicht ermächtigt sein sollte, diese Frage zu erörtern, so erwarte man, daß Madariaga, der Vorsitzende des 13er Ausschusses, sich nach Rom begeben werde.
Die Atmosphäre in Gens werde wahrscheinlich in den nächsten Tagen in Höch st em Maße geladen sein. Man werde die grüßen Schwierigkeiten haben, um eine weitere Spannung zwischen England unb Frankreich zu vermeiden. Abgesehen davon, daß die französische Regierung eine nachgiebigere Haltung gegenüber den italienischen Verstößen einnehme als Großbritannien, sei ein Zusammenprall der Ansichten Englands und Frankreichs über den deutschen Friedensplan unvermeidlich. Eden werde nicht der französischen Behauptung zuslimmen, daß die Bemühungen um eine Versühnung fehlgeschtagen seien. Er werde vielmehr dabei bleiben, daß weitere versuche unternommen werden müßten, um zu erreichen, daß die fachlichen Vorschläge für die Sicherung mit Deutschland in allen Einzelheiten besprochen werden könnten.
„Daily Herald" schreibt, man erwarte, daß Flandin in einer privaten Aussprache mit Eben, noch vor dem Zusammentritt des 13er-Ausschusses, nachdrücklich die Meinung zu vertreten gedenke, daß es zwecklos sei, die Sanktionen sort- z u s e tz e n. Der Völkerbund solle vielmehr alles daran setzen, die besten Friedensbedingungen für Abessinien zu erreichen, ohne sich an die formellen Grundsätze der Völkerbundssatzung allzu sehr zu halten. Er werde wahrscheinlich die Vertagung des Ausschusses auf nächste Woche vorschlagen, falls die italienische Regierung bereit sei, bann einen Vertreter nach Genf zu schicken, um ihre Friebensbedingungen bekanntzugeben. „Daily Expreß" teilt mit, baß Eben voraussichtlich auf die Festsetzung eines Zeitpunktes bestehen werde, zu dem der Krieg beendet sein müsse. Friedensver- handlungen würden nicht stattfinden, ehe nicht diese Bedingung erfüllt sei. England werde ferner eine umfassende Untersuchung der italienischen Giftgas-Angriffe fordern. „Daily Mail" berichtet aus Genf, die französische Regierung werde sich nachdrücklich weigern, sich bei den gegenwärtigen Verhandlungen über Oelsanktionen zu äußern. Angesichts der militärischen Erfolge Italiens dürften die Bedingungen Mussolinis eine Einigung schwierig machen. Die Verhandlungen würden deshalb wahrscheinlich solange hinausgezögert werden, bis die italienischen Truppen Addis Abeba b e= e tz t hätten.
Die „Times" ist der Ansicht, daß Großbritannien unter allen Umständen aus den nun einmal eingeschlagenen Weg des Völkerbundes, Sanktionen zu verhängen, verharren müsse, wenn Mussolini nicht einlenke und sich zu vernünftigen Friedensbedingungen bereit erkläre. In dem Augenblick, in dem Vorschläge gemacht worden sind, um Europa ein neues Frie- denssystem zu geben, könne es sich kein Völkerbund leisten, jene Politik aufzugeben, die gegenüber der italienischen „Herausforderung" allein möglich ei. Ein „Z u g e st ä n d n i s a n d i e U m st ä n d e", wonach man einen nicht herausgesorderten Angriff offen billigen und den Kaiser von Abessinien in der Stunde seiner höchsten Rot opfern würde, wäre ein merkwürdiger Beitrag zur Erzielung des Friedens und dürfte sich nicht dem Dreizehner-Ausschuh emp- ehlen. Das Suchen nach einem vernünf-' tigen Frieden gehört zu den ersten Aufgaben des Völkerbundes. Wenn ein soforliger Waffenslill- tand und Verhandlungen unter Teilnahme des Völkerbundes möglich wären, so sei dies gut und chön. Wenn aber nicht, so hätten die Völkerbundsmächte keine Wahl, als zusammenzuhalten und ihre Karten weiter auszuspielen.
Der „Daily Telegraph" meint, die Aufgabe, die dem 13er Ausschuß obliege, fei von größerer Be- beutung als bie inoffiziellen Besprechungen zwischen ben Rest-Locarnomächten. Leiber sei mit einer 11 n- einigfeit im 13er Ausschuß zu rechnen, was sehr bedauerliche Folgen haben würbe. Das Hauptaugenmerk bes 13er Ausschusses müsse darauf geridü-tf fein, so fehneö mi» möglich dfe E»vstel -
lung der Feindseligkeiten herbeizuführen. Das entscheidende Wort hänge allerdings von Mussolini ab, man könne nur hoffen, daß er nicht bie völlige Vernichtung ber abessinischen Unabhängigkeit wolle, was eine lange unb kostspielige militärische Besetzung kosten würbe. — Der „Daily Heralb" befürchtet, baß ber Völkerbund sein ganzes Ansehen einbüßen würbe, wenn er in der jetzigen Zwangslage se-tne Grundsätze aufgäbe. Edens Ansehen würde über Nacht verschwinden, wenn er unter irgendeinem Druck seine eigene bisher verfolgte Politik, hinter der das Vertrauen ganz Englands stehe, verlassen würde.
Lücke in der SaMonssronl.
Mailand, 8. April. (DNB. Funkspr.) Zu dem Entschluß Ecuadors, sich nicht mehr an der Sanktionspolitick gegen Italien z u beteiligen, schreibt „Corriere della Sera", diese Geste der Befreiung von der „englisch-frei- maurerisch-genferischen Tyrannei" sei sehr ermutigend. Sie sollte Schule machen. Italien erkenne den großen Wert der Entscheidung des kleinen, aber edlen lateinamerikanischen Staates an. Der Beschluß sei um so bedeutsamer, als der Vertreter Ecuadors dem Dreizehner-Ausschuß an geh ör e. Die Front der Sanktionisten gerate ins Wanken. Moralisch sei sie bereits durch die Rebellion eines ihrer Mitglieder verurteilt.
Asmara, 8. April. (DRV.) Der Kriegs- berichter st alter des DRV. meldet, daß er am Dienstag in einem von Graf Liano selbst gefeuerten schweren Bomber aneinemFlugvon Asmara über Makalle längs der alten R'gus- straße bis südlich Dessie teilgenommen habe. Der Apparat, der durchschnittlich in 4000 Meter Höhe geflogen sei und die Strecke von insgesamt 1200 Kilometer in sechs Stunden zurück- gelegt habe, sei zeitweilig auf 100 0 Meter heruntergangen, um bessere Sicht zu bekommen und um die feindlichen Ansammlungen unter Feuer nehmen zu können. Es habe sich aber keine Gelegenheit ergeben, Bomben abzuwerfen, da keinerlei Reaktionen des Feindes festzustellen gewesen seien. Lediglich in einem Tal nördlich von Dessie sei eine kleine abessinische Gruppe gesichtet worden, die sich auf dem Rückzug befunden habe. Die Stadt Dessie, die mehrmals in geringer
Nach dem Drama am Aschangi-See besteht kein Zweifel mehr, daß das Reich des Negus militärisch zusammengebrochen ist. Seit Marschall B a b o g I i o die Leitung der italienischen Expeditionstruppe in seine Hände nahm und die Serie der großen Februar-Schlachten begann, war das Schicksal Abessiniens entschieden. Die europäischen Beobachter freilich konnten nicht ahnen, daß die italienische Kriegführung so schnell zu entscheidenden Erfolgen kommen würde, wie es nun tatsächlich geschehen ist. Eine Reihe von großen, verhältnismäßig gut ausgerüsteten Heeren stand noch vor zwei Monaten dem Negus zur Verfügung, und die Italiener hatten damals erst einen im Verhältnis zu der riesigen Größe Abessiniens recht bescheiden wirkenden Oren ,3 ft reifen im Norden und Süden des Feindeslandes besetzt. Heute stehen die italienischen Stoßtruppen fast schon im Herzen Aethiopiens, ohne daß sie bei ihrem weiteren Vormarsch noch andere Widerstände zu überwinden hätten, als die Hindernisse bes tropischen Klimas,und der Bodenbeschaffenheit.
Von militärischen Gegenwirkungen hat Marschall Badoglio wohl ernstlich nichts mehr zu befürchten. Nacheinander wurden die gegnerischen Heerhaufen der Rase Kassa, Seyoum und Jmru teils vernichtet, teils zur Auflösung gebracht. Nicht viel anders erging es nun auch dem Kaiser Halle Selassie selbst, der, alle bösen Erfahrungen seiner Unterführer in ben Wind schlagend, sich mit dem größten Teil seiner Garde geschlossen den vordringenden italienischen Armeekorps entgegenstellte. Mag es abessinische Kriegssitte, mag es eine fehlerhafte Ueber- Icgung gewesen fein, die den Negus zu diesem Entschluß drängte, jedenfalls hat der Herrscher ber Amharen bämit fein politisches Tobesurteil selbst unterschrieben. Die Reste seiner Armee flüchten nun in süblicher Richtung, unb man weiß nicht: wird diese Lawine der Verzweiflung nun in Dessie, wird sie vielleicht in Addis Abeba, oder wird sie überhaupt nicht zum Stehen kommen?
Einen einzigen Heereskörper gibt es noch auf abessinischer Seite, der nicht besiegt wurde unb ber feine Stellung bisher halten konnte. Es ist bie Armee des Ras N a s i b u unb des ehemals türkischen Generals W e h i b Pascha. Diese Armee steht allerdings weit im Innern des Landes, i m Raume von Harrar und Dschidschiga, also durch eine Wüste von vielen Hunderten Kilome
ter Breite von den italienischen Somali-Truppen unter General Graziani getrennt. Die von Süden aus gegen Abessinien operierenden italienischen Truppen, die ja viel weniger zahlreich sind als im Norden, haben den gewaltigen Zwischenraum zwischen der Somali-Grenze und der inner« abessinischen Bergfestung bisher nicht überwinden können. Dazu reichten wohl weder ihre technischen Hilfsmittel noch die vorhandenen Verpflegungsmöglichkeiten aus. Nur im Südweften, wo das Gelände etwas günstiger ist, fand jener berühmte Vorstoß auf Neghelli statt, der gewissermaßen den ablenkenden Auftakt zu den Entscheidungsschlachten im Norden bildete.
Ob Marschall Badoglio sich nun, nachdem die geplanten Operationen in Nordabessinien vorläufig zu einem siegreichen Abschluß gebracht worden sind, auch dazu entschließen wird, den Südtruppen den Befehl zum weiteren Vormarsch zu gehen, muß abgewartet werden. Der italienische Sieg wird aber solange nicht vollkommen fein, bis nicht auch die letzte militärische Stütze des Negus, eben jenes Bahnschutzkorps um Harrar herum, zerbrochen ist. Eine Rettung des abessinischen Kaiserreiches durch die Heerhausen des Ras Nasibu, selbst wenn diese sich mit den übriggebliebenen Teilen der Garde vereinigen sollten, ist allerdings kaum zu erwarten.
Wenn man nach den Gründen suchen will, die zu der militärischen Katastrophe Abessiniens geführt haben, so darf man diese wohl nicht allein in der Ueberlegenheit der modernen Kampfmittel suchen, mit denen die Soldaten Mussolinis in sehr reichlichem Maße ausgerüstet waren. Dieser Vorteil wurde weitgehend ausgeglichen durch die Natur des unbekannten Landes, die der beste Bundesgenosse der Abessinier war und ist, es zeigte sich in diesem Kolonialkrieg vor allem wieder die geistige und charakterliche Ueberlegcn» h e i t des disziplinierten europäischen Soldaten über halbwilde Völkerschaften. Die Abessinier sind ja kein Volk, keine Nation in unserem Sinne, sondern bunt zusammengewürfelte Rassen und Stämme, die sklavenhaft unter der Herrschaft einer amharischen Oberschicht dahinleben. Und auch das, was man als den abessinischen Staat bezeichnen könnte, ist feil einheitliches Reich, sondern eine lose zusammen* hängende Ländermasse, die erst im Lause der letz- ten Jahrzehnte von den Vorfahren des Negus durch Raub, Heirat und Kauf notdürftig zufammenge-


