Ur. 55 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen) Zamrtag, 8«5ebruar 1936
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Italienische Kamelkarawane aus dem Marsch
Ich weiß es nicht. Aber während ich mit rein-1 Gold im horchenden Raum, und vor der so jäh >r fiinaabe Viktoria war, spürte ich es als etwas verwandelten Gestalt stockte den Hörern der Atem.
Haus
ein
Viermal Devrieni.
Okine Anekdote von Karl £erbö
zimmer.
Als er zurückkam, um die Szene zu proben, in der Rubens in eine Verkleidung als alter holländischer Maler schlüpft, sah er, daß auf der dunklen Bühne sich dem Verbot zum Trotz eine Anzahl von nichtbeschäftigten Damen und Herren des Ensembles versammelt hatte. Sogleich — man probte noch im Straßenanzug— blieb er stehen und sagte: „Mantel und Stock." Mit dem Mantel, den er sich lose um die Schultern warf, mit dem Stock, den er in die Hand nahm, schien er sich zu völliger Verwandlung zu verzaubern, einer gespenstischen Verwandlung: seine Schultern zogen sich zusammen, sein Rücken rundete sich zu leichter Krümmung, seine Wangen schienen einzusinken, seine Augen glühten in tief oerschatteten Höhlen, und um die Krücke des Stockes schloß sich mit hartem Griff eine knochige Greisenhand. Aber es war eine Gestalt voller Erhabenheit, ein Idealbild be* Alters: Er gab, sagte der Erzähler, dieser schönen Maske mit erstaunlicher Verwirklichungskraft die Form, die ihm sein Wunsch als Erscheinung seines eigenen Alters malte. Dann, beim Abgehen, als er in der Kulisse die ergriffenen Gesichter der ungebetenen Zuschauer sah, warf er den Mantel ab, mit der Bewegung, wie man eine Last ab= schüttelt: sein Körper straffte sich mit biegsamem Schwung wie eine aus gewaltsamer Beugung aufschnellende Klinge, er stieß mit einer befreiten Bewegung die Arme in die Luft, lächelte wie von einer Last erlöst und sprang, ehe irgendwer das Wort an ihn richten konnte, auf schlanken, federnden Beinen die Treppe hinan, die zu den Ankleidezimmern führte.
Der Zufall fügte es, daß wenige Minuten später droben eine vom Luftzug aufgewehte Tür dem Erzähler den Blick auf die vierte Verwandlung des großen Mimen freigab: und diese schonungslos grausame Enthüllung zeigte ihm einen sehr alten, von gewaltsamer Anspannung tief erschöpften Mann, kauernd auf dem Stuhl, auf den ihn die Atemlosigkeit hingejchleudert hatte, mit rasselnder
erteilen; sie kann nur den Sinn Huben: Niemand, auch der Begabteste, soll sich einbilden, daß er mit stolzfliegenden Gedanken allein -auskommen und Großes leisten könne; selbst das höchste Talent — mag es bis zum Genie gesteigert sein — kann der Grundlage tüchtigen Wissens nicht entbehren; erst aus solcher Verbindung entstehen in der Geschichte die wahrhaft überragenden Leistungen; und eben solche unentbehrliche Grundlage des Wissens muß von jedem ohne Ausnahme erarbeitet werden. Auch Hindenburg gibt in seinen Lebenserinnerungen dem gleichen Gedanken Ausdruck, wenn er schreibt: „Bei der Tätigkeit des Generalstabs ist oft neben höherem Gedankenfluq gewissenhafte Beschäftigung mit aller möglichen Kleinarbeit erforderlich. Ich habe manch hochbegabten Offizier kennengelernt, der durch Versagen in letzterer Richtung entweder als Generalstabsoffizier nicht brauchbar war, oder als solcher ein Nachteil für die Truppe wurde."
Wie unsere früheren großen Lehrmeister, ein Scharnhorst, Clausewitz, Moltke, so hat auch Graf Schliessen nicht nur eine Weisung erteilt, sondern sozusagen selbst sie uns vorgelebt; noch all die Jahre hindurch, als er schon aus seinem verantwortungsvollen Amt geschieden war, hat er unermüdlich auf das Studium der Kriegsgeschichte als die größte Lehrmeisterin des Soldaten hingewiesen und ist so einer unserer größten Erzieher zu Wissen und Können über den Tod hinaus geblieben, trotz einer gewissen Einseitigkeit, die so manches Mal gerade dem Ungewöhnlichen anhaftet.
,.many climes but one spirit“. Das wird auch diesmal wieder der Sinn der Worte gewesen sein, welche Englands König am Nachmittag des 16. Juli 1935 an Bord seiner Jacht „Victoria and Albert“ in Anwesenheit von Kabinetts- und Parlamentsvertretern an seine Admirale richtete, „Britannia rule the wayes!“ Wie anders könnte es auch sonst sein Imperium allen Gewalten zum Trotze erhalten!
Bald sollte aus diesem Instrumente imposanter Revue ein solches weithin vernehmbarer Sprache deutlichen Schweigens werden. Ein bekannter englischer Fachschriftsteller nannte vor kurzem die englische Flotte „The best negotiator“, den besten Unter- Händler. Er erinnerte dabei an ein altes Nelson- Wort: „A British frigate is the best understood“. Nur mit Hilfe der englischen Flotte, so meint das heutige England, könne der Völkerbund aus bisheriger Rolle lächerlicher Farce heraustreten und rauhe
Wertlos freilich bleibt alles Wissen und Können, wenn nicht als dritte unentbehrliche Eigenschaft der Charakter hinzutritt, um so unentbehrlicher, je höher die militärische Stellung, je einflußreicher der Posten. Da drängt sich nun ein böses Wort dazwischen, das man manches Mal dem Gebiet der Politik entlehnt hat: „Der Generalstab verdirbt den Charakter!" Auf den ersten Blick scheint manche ausfallende Aehnlichkeit zu bestehen: Politik wie Generalstab geben häufig Gelegenheit, sich hervorzutun, der Ehrgeiz findet reichliche Nahrung, ebenso wie das Bestreben, vor anderen zu glänzen; der Erfolg hat für viele geradezu etwas Verführerisches, so laufen sie Gefahr, ihn nicht immer mit den reinsten Mitteln zu erstreben und festhalten zu wollen; kurzum, die Verlockungen, um nicht zu sagen die Fallen, sind zahlreich auf dem Gebiet der Politik wie des Generalstabs, und die Tatsache, daß hier wie dort einer der Versuchung unterlegen ist, scheint die Richtigkeit der Behauptung zu bestätigen, daß Politik wie Generalstab den Charakter verderben. In Wirklichkeit sind aber hier Ursache und Wirkung vollkommenver w e ch s e l t. Wer solchen Versuchungen unterliegt, beweist ja nur, daß es ihm am wichtigsten fehlt, an der nötigen Charakterfestigkeit. Richtig müßte es also heißen: Politik und Generalstab erproben den Charakter, ja, sie offenbaren ihn oft geradezu und scheiden die Spreu.vom Weizen: der Schwache unterliegt den mannigfachen Prüfungen und Versuchungen, der Starke geht gestählt daraus hervor.
Sicher ist es kein Zufall: derselbe Mann, der uns zugerufen „Genie ist Arbeit!" hat auch jene andere in weitesten Kreisen bekanntgewordene Mahnung erteilt: „Viel sein und wenig scheinen, viel leisten und wenig hervortreten, das ist die Aufgabe des Generalstabsoffiziers." Zweifellos besteht zwischen diesen beiden Lehren eine innere Verbundenheit: beide fordern sie die gediegene Arbeit, beide warnen sie vor Selbstüberschätzung. Darüber hinaus wendet sich das Gebot, wenig hervorzutreten, nicht sowohl an den Verstand als an den Charakter; nicht nur nicht prunken mit dem eigenen Wissen und Können, sondern stets sich begnügen mit der bescheideneren Rolle des Gehilfen, das erfordert einen Grad der Selbstlosigkeit, der manches Mal besonders Ehrgeizigen vielleicht übertrieben scheinen mag. Gleichwohl besteht die Forderung durchaus zu recht; denn im Krieg, wo es um das Letzte geht, wo von einem Entschluß Sieg oder Niederlage, das Leben von Hunderttau-
„Pax Britannica.“
Eine maritim-politische Mittelmeer-Betrachtüng.
Von E. Bätsch, Konteradmiral a. D.
Brust nach Luft ringend, die Hand, eine welke Greisenhand, um die schweißfeuchte Stirn gekrampft. Der unfreiwilige Lauscher, aus Ehrfurcht und neid- voller Bewunderung jäh herabgerissen zur Zeugenschaft dieser letzten, von der rachsüchtigen Natur angerichteten Verwandlung, stand einen Augenblick erstarrt, bis der Schleier aufschießender Trä- nen ihm den schauerlichen Anblick dieser letzten Szene wie ein gnädig zur rechten Zeit gesenkter Vorhang entzog.
Zeitschriften.
— „Der Naturforsche r", vereint mit „Na- tur und Technik". Viertels. 2,50 Mark, Einzelheft 1 Mk. Hugo Bermühler Verlag, Berlin-Lichterfelde. Das Februar-Heft der bedeutenden naturwissenschaftlichen Zeitschrift bringt eine stattliche Reihe wertvoller Aussätze aus den verschiedensten natur- kundlichen Gebieten. Sämtliche Abhandlungen entstammen der Feder erster Fachwissenschaftler und Sachverständiger. Bei aller Wissenschaftlichkeit ist die Art der Abfassung aber so gehalten, daß die Aufsätze allgemeinverständlich sind. Die meisten Aufsätze sind hervorragend bebildert. Dr. Ernst Müller-Schwelm legt anschaulich die Bedeutung der Erbmerkmale M und N der roten Blutkörperchen des Menschen für die Blutsaftuntersuchung und Entscheidung der Abstammung dar. Forstmeister Franz Scheidter veröffentlicht an Hand guter Naturaufnahmen seine Untersuchungen über die Eibildung, Eizahl und Eiablage der Schmetterlinge, die viel Neues zu Tage fördern. Aus dem Institut für Umweltforschung in Hamburg stammt die Abhandlung von Dr. E. G. Sarris über die merkwürdige Tatsache, daß sich der Hund als „Herr" fühlt und sich ein ichbetontes Herrschaftsgebiet schafft. Die „Fliegenden Edelsteine", die Kolibris, führen uns Dr. Georg und Joachim Steinbacher in Wort und Bild vor Augen. Prof. Dr. Ferdinand Pax berichtet, wie in den verschiedenen Ländern Krebstiere als Schmuck und Gerät verwendet werden. Prof. Dr. Trotz gibt nach feinen eigenen und den Beobachtungen von Guido Castelli eine Darstellung des Bären als Naturdenkmal; die wertvollen Angaben werden durch aute Naturaufnahmen wirkungsvoll unterstützt. Dr. M. Schwickarth schildert die Hecken im Venn und tritt dafür ein, sie zu schützen. Dr. Helmut Wolter gibt einen Ueberblick über technische, wirtschaftliche und gesundheitliche Bedeutung der Ruhrstaufen. Kleine Beiträge aus allen Gebieten und Forschungsergebnissen in vielseitiger Heben» sicht, ferner Anregungen zur Naturbeobachtung. Bucherbesprechungen, eine Uebersicht über die Neuerscheinungen auf naturwissenschaftlichem Gebiet und die beliebte Preisfrage schließen das ausgezeichnete Heft ab.
Nach den neuesten Meldungen vom abessinischen Kriegsschauplatz haben die Italiener an der Nordfront erneut verschiedene Vorstöße unternommen. — Unser Bild zeigt eine Kamelkarawane, die.Proviant und Munition an die vorgeschobenen Vorposten der italienischen Armee bringen. — (Scherl-Bilderdienst-M.)
Sie freilich kamen nicht zu einer so haushälterischen Einsetzung ihrer Kraft; denn mit schnellen, gleichsam befestigenden Gesten und beiläufigen Bemerkungen, in denen nur zuweilen die Ungeduld mit flüchtiger Schärfe aufblitzte, wies Devrient ihnen in seinen Auftritten Rang und Stellung an und zog um sich - her einen magischen Kreis, dessen Grenzen keiner von ihnen mehr überschreiten konnte. Während der Auftritte, in denen er nicht beschäftigt war, saß er auf einem Stuhl an der Rampe, mit gekreuzten Armen, völlig unbeteiligt; und in der Pause ging er rasch in sein Ankleide-
Labyrinth der Seele.
Von Luise Ullrich.
Der deutsche Film „Viktoria" nach Hamsuns berühmter Erzählung hat sich als eines der stärksten künstlerischen Erlebnisse dieser Tonfilmsaison erwiesen. Luise Ullrich spielt in dem Werk die weibliche Hauptrolle.
Ganz zufällig, beim Durchblättern eines alten Buches, fand ich einen Satz: „Wohin gehen wir denn? — immer nach Haufe." Vielleicht lag es am Tonfall, vielleicht an mancherlei unterirdischen Dm- gen, die mitklangen — ich habe diesen Satz nie wieder vergessen.
Es war etwas Tröstliches, dieses tiefe Gefühl der Sicherheit, daß alle Wege dahin führen, wo man sicher und geborgen ist, zu uns selbst, in die Heimat unserer Seele. Manchmal handelt man ganz unbewußt, geht Wege, die einem ganz unverständlich sind, tut Dinge, die allen unbegreiflich sind, und am Ende sind wir doch dort angelangt, wo immer unsere Sehnsucht war. Vielleicht, daß man das im Leben nicht immer klar überschaut. Aber wenn menschliches Streben und menschliches Irren von einem großen Dichter verklärt und durchsichtig ge- mat wird, dann springt es klar heraus, dieses Seltsame und Merkwürdige, daß alle Wege in unser Haus führen.
Und nun bin ich schon bei Knut H am f u n, von dem wir die wundervollste seiner Liebesnovellen verfilmt haben, und ich durfte die „Viktoria spielen. Es klingt ein bißchen merkwürdig. Knut Hamsun und der Film. Ein Mädchen, dessen Gefühle sozusagen nach innen explodieren - und d e Pro- lektionsfläche, auf der man alles sehen muß Sie liebt mit einer zitternden Sehnsucht und ist zu dem Geliebten abweisend, fast brutal, ^s treibt ste zu dem Mann, und wenn ste ihm endlich gegenüber- steht, fragt sie nach der Zeit. Sie träumt von ihm in endlosen Nächten, aber am Tage geht ste mit kurzem Gruß an ihm vorbei. - Warum? — Das ist das Geheimnis eines großen Dichters — mir andern fühlen nur, fo kann, 0 muß -IN M-nfch handeln, der wie Viktoria ist.
Im Zimmer, wenn man allein ist, bei der Leselampe, wird einem alles ganz klar '
stündlich. Aber im Film? 3n ganz wirklichkeitsnahen, sprechenden Bildern, die uns so h s , wie uns Menschen auf der Straße begegnen . Wird man nicht nur den Vorgang sehen, d»e Geste den Blick, die Haltung — oder wird man auch das er leben, was sich nicht Photographien laßt, weder im Bild, noch im Ton, was nicht emmal ganz klar und feftumriffen in unserer Vorstellung lebt,
Seit langem schon blickt die Welt mit Spannung und Sorge auf das Mittelmeer, auf den mittleren Osten und fein neues abessinisches Zentrum. Gleicht doch der englisch-italienische Gegensatz fast schon dem Zustand eines Krieges. Während die italienische Regierung die Monate des letzten Sommers dazu benutzte, mit aller Energie Kriegsvorbereitungen gegen Abessinien zur Gewinnung notwendiger Kolonial- aebiete zu betreiben, lag Mitte Juli 1935 die kampfkräftigste Armada der Welt, die englische Heimat-, Mittelmeer- und Reserveflotte.in einer Gesamtstärke von 160 Einheiten auf historischer Rheede vor Portsmouth zu Anker, um ihrem König zum 25jährigen Regierungsjubiläum zu huldigen. Solche „Naval Reviews“ waren für Großbritannien schon immer eine Art von Selbstbesinnung, stets eine symbolhafte Stärkung des Empire-Gedankens im Sinne eines
aufzunehmen.
Freilich ist es eine uralte Wahrheit, daß selbst die allerbesten Ideen oder Bewegungen durch Ueber- spannung schließlich mehr Schaden als Nutzen stiften. Vor solchen Uebertreiburtgen muß daher gewarnt werden. Weil es richtig ist, daß der eine oder andere Musterschüler im Leben nicht das gehalten hat, was seine Lehrer und Eltern, am meisten vielleicht er selbst erhofft hatten, so ist noch lange nicht erwiesen, daß ein tüchtiges Wissen für das praktische Leben schädlich sei; und umgekehrt, weil Bismarck bekanntlich kein Musterschüler war, braucht sich noch lange nicht jeder schlechte Schüler einzubilden, daß seine Faulheit und Unwissenheit un- trüglichL Merkmale des Genies seien. Gerade für den Soldaten darf die Losung eben niemals lauten: Wissen oder Können, sondern einzig und allein: Wissen und Können. Aus meiner langjährigen Erfahrung kann ich jedenfalls für die bayerische Armee feststellen: Die besten Kriegsschüler haben sich später auch auf der Kriegsakademie, im Generalstab und, was das Entscheidende ist, auch im Weltkrieg glänzend bewährt; verschwindende Ausnahmen können diese Regel nur bestätigen, genau so wie es umgekehrt vereinzelte Fälle gibt, wo einer erst später heranreifte und dann wesentlich mehr leistete, wie er als Fähnrich versprochen hatte. Wenn mir für die preußische Armee dafür der genaue zahlenmäßige Nachweis fehlt, nehme ich doch als selbstverständlich an, daß es hier genau so gilt.
Es war doch kein geringerer als Graf Schliessen, der das eigenartige Wort aeprägt: „Genie ist Arbeit!" Fast möchte es scheinen, daß der verewigte Generalstabschef mit diesem Wort das Genie seines hohen Nimbus habe entkleiden, es schier zu etwas Alltäglichem hat herabwürdigen wollen, das man sich eben wie andere Dinge im Leben auch erarbeiten könne. Solche Absicht lag Schliessen sicher vollkommen fern; er wollte vielmehr nur feinen Schülern, dem jungen Nachwuchs im Generalstab, eine heilsame Lehre
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Selbstverständliches, daß ich so handelte und solche Wege ging — und daß es für einen solchen Menschen gar keine andere Möglichkeit gab, zu sich selbst, zu seiner Liebe zu gelangen. Es war ein merkwürdiger Zustand. Alle Wege lagen offen, jeder führte klar zu einem schönen Ziel, und ich ging ohne zu zögern den dunkelsten, den widerspruchsvollsten Weg, ohne eine Sekunde daran zu zweifeln, daß es der richtige war. Ich fühlte mich nicht eine Sekunde verwirrt in diesem Labyrinth der Seele — es war der Weg zu meinem Schicksal, der Weg nach Haus.
Ja, wir Schauspieler sind immer Verzauberte, wenn wir die Worte eines großen Dichters sprechen. Für Knut H a m s u n mag das Werk zeugen. Aber über mich selbst wollte ich gern ein paar Worte sagen, über die Zeit, während der ich im geistigen eines großen Dichters lebte.
senden oder Millionen, schließlich das Geschick des Vaterlandes abhängen, da vermag ein hervorragend begabter Gehilfe wohl die prächtigsten Pläne zu ersinnen und auszuarbeiten, aber eines, das Schwerste kann er dem Feldherrn nie und nimmer abnehmen, die stärkste Erprobung des Charakters, die Verantwortung. Den Siegeslorbeer mag der Generalstabschef mit dem obersten Führer teilen, die Niederlage trägt letzterer allein, Zeitgenossen und Nachwelt nennen einen Blücher und Gneise- nau als gemeinsame Ueberwinder Napoleons, Moltke als Siegei» von Sedan, doch billigerweise auch Wilhelm den Siegreichen und nach Tannenberg hat das deutsche Volk Hindenburg und Lu- benoorff auf einen gemeinsamen Sockel gestellt.
Umgekehrt bleibt Mac Mahon für die Niederlage von Wörth und Sedan allein verantwortlich, Ba- zaine — und nicht etwa sein Generalstabschef — wurde wegen der Uebergabe von Metz des Verrats angeklagt; Benedek trug allein bis an sein Lebens- ende in vorbildlicher. Seelengröße den Fluch von Königgrätz und auch der jüngere Moltke hat niemals daran gedacht, das Unglück der Marneschlacht auf andere Schultern zu wälzen. Auch in einem künftigen Krieg werden mehr denn je vielleicht an das Wissen und Können der Führer und Gehilfen die höchsten Anforderungen gestellt werden, der Mut zur Verantwortung als der stärkste Ausfluß des Charakters wird für alle Zeit das Entscheidende bleiben.
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Von Kart v. Schoch, Generalleutnant a. D
Der sogenannte „Musterschüler" hat sich von jeher nicht allzu großer Beliebtheit erfreut, ja, man hat gar oft über ihn die Achseln gezuckt; mit vollem Rechl dann, wenn er ein Stubenhocker war, der sich seine Schulkenntnisse und seine auten Noten a u f Kostender körperlichen Ausbildung erwarb. Leider ist das Gymnasium unserer Jugendzeit (vor 50 bis 60 Jahren) und die damaligen Lehrer nicht ganz von dem Fehler freizusprechen, daß sie das altberühmte Römerwort „mens sana in corpore sano“ zwar gern im Munde führten, aber nicht immer verstanden, ihm auch Geltung zu verschaffen; daß z. B. aus unserer Oberklasse von 36 Abiturienten genau die Hälfte ihrer Militärdienstverpflichtung nicht genügen konnten, war eine betrübliche Tatsache.
Daß man in unserem Beruf ftubenhockende „Musterschüler" am allerwenigsten brauchen kann, bedarf keines Beweises; nicht umsonst haben schon lange vor dem Weltkrieg unsere Vorschriften betont, daß der Offizier auf allen Gebieten Vorbild sein soll; und wenn wir heute sehen oder lesen, welch prächtige Leistungen unser junger Nachwuchs nicht nur auf dem Gebiet der edlen Reitkunst, sondern auch in allen sonstigen Sportarten erzielt, so schlagen unsere alten Herzen in freudiger Begeisterung höher. Erst recht aber muß es uns mit Befriedigung erfüllen, daß solche hervorragenden Leistungen keineswegs auf den Offiziers- oder auch auf" den Soldatenstand beschränkt find, sondern daß die Begeisterung für körperliche Ertüchtigung d i e ganze Nation ergriffen hat, daß vor allem auch die weibliche Jugend der Verzärtelung und Verweichlichung früherer Jahrzehnte völlig entrückt ist — wir hoffen auf alle Zeiten —; ein Geschlecht wächst heran, besser als einstens vorbereitet und gestählt, den Kampf mit dem Leben
Ein Schauspieler, der als junger Anfänger Gastspiel Emil Devr ients am Leipziger Stadttheater mitwirkend erlebte, pflegte in späteren Jahren zu erzählen, daß er in Erscheinung und Auftreten des großen Darstellers die höhere und die niedere Wirklichkeit des gestalteten und des durch keine Gestaltung gebändigten Lebens in erschütternder Verflechtung sich offenbaren sah. Man probte das Schauspiel „Rubens in Madrid von der Birch- Pfeiffer, und Devrient erschien erst auf der vierten oder fünften Probe, nieberfteigenb aus den olympischen Bezirken eines fast schon mythisch gewordenen Ruhmes: ein schlanker, mit lässiger und leiser Anmut sich bewegender Mann, dessen weltmännischer Verhaltenheit man seine sechzig Jahre nicht angesehen haben würde, wenn nicht das Grau über den hager gewordenen Schläfen und ein paar scharfgekerbte Falten sie dem aufmerksameren Blick verraten hätten. Zu solcher Betrachtung aber hatten die aufgeregten und ehrfurchtsvoll beflissenen Mitspieler weder Mut noch Zeit; denn der Gast, der bei der üblichen Vorstellung das verbindlich-unverbindliche Lächeln einer säst kränkenden Zerstreutheit zeigte, nahm in seinen Auftritten alsbald m einer alles zusammenraffenden Weise die Führung. Er selber sprach, immer in derselben zugleich lässigen und straffen Haltung, seine Sätze flüchtig, rasch und mit halbem Ton; nur zuweilen hob sich die em wenig näselnde Stimme plötzlich zu einem Klang, der klirrend aufflog wie rauschender Trommelwirbel oder wie heller Schlag auf Metall tonte: Dann stand <>in Satzgebilde licht rote gleißendes


