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Nr. 6 viertes Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Mittwoch, 8. Zanuar 1936
Asiens Einfluß in Sstasrika.
Don unserem Or. Ho.-Sonderberichterstatter.
Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!
Asmara, 30. Dezember 1935. (Durch Luftpost.)
Jedem Besucher der italienischen Kolonie Eritrea fällt allenthalben die Fülle ostasiati- scherErzeugnisse auf. Selbst in den kleinsten, sich westlich von Asmara bis zur Sudangrenze hin- ziehenden Ortschaften werden ostasiatische Waren feilgeboten. Diese Erscheinung beschränkt sich nicht auf Eritrea, sie trifft vielmehr auf ganz Ost- a f r i k a und darüber hinaus zu. Sie verdient um so größere Beachtung, als die dadurch aufgeworfenen sozial- und bevölkerungspolitischen Fragen infolge des wirtschaftlichen und politischen Einflusses, den Japan seit einiger Zeit in Afrika zu gewinnen versucht, in ein besonderes Licht gerückt werden. Daß auch die italienische Kolonialverwaltung dieser Tatsache ihre Aufmerksamkeit schenkt, wird um so begreiflicher, als die japanische Durchdringung sich in besonderem Maße Abessinien zuwendet.
Es dürfte wenig bekannt sein, daß die ostafrikanischen Gebiete, soweit es sich nicht um Eingeborene handelt, hauptsächlich von O st asien besiedelt sind, in erster Linie Hindus, alsdann Chinesen und schließlich Japaner. Folgende Zahlen sind aufschlußreich: In der englischen Kolonie Kenja leben neben 17 000 Europäern 40 000 Asiaten. Die entsprechenden Ziffern lauten für: Uganda 2000 gelegen 14 000, Tanganjika (ehem. Deutsch-Ost- Afrika) 7000 gegen 32 000, Englisch-Somaliland 100 gegen 2000, Italienisch-Somali- land 2000 gegen 30000. Die mir zur Verfügung stehende Statistik berücksichtigt Südafrika nicht. Bekanntlich aber hat G h a n d i seinen Verteidigungs- feldzug in Durban (Südafrika) begonnen, wo er seine Landsleute gegen die Hinduarbeiter diskriminierende südafrikanische Gesetzgebung in Schutz nahm. Beachtung verdient ferner die Tatsache, daß in Südafrika immer noch gewisse Gesetze unter dem Namen „colour bar‘‘ in Kraft sind, durch die besonders die chinesische Einwanderung unterbunden werden soll.
Diese starke Vertretung des asiatischen Elements in Ostafrika wird von den interessierten europäischen Kolonialregierungen als gefährlich angesehen, weil die Söhne des Fernen Ostens auch in der Fremde engste Fühlung mit der Heimat behalten und als Träger einer besonderen politischen Denkungsart eine solide Grundlage für die wirtschaftliche Durchdringung schaffen. Es ist eine feststehende Tatsache, daß schon jetzt in ganz Ostafrika der gesamte Klein- und Hausierhandel ausschließlich in den Händen von Asiaten liegt, wodurch den europäischen Erzeugnissen starker Abbruch getan wird. Hinzu kommt, daß die europäischen Erzeugnisse, die sich hinsichtlich der ganzen Aufmachung und Preisgestaltung wesentlich von den asiatischen unterscheiden, kaum noch Vertreter in Ostafrika finden. Sehr oft, namentlich in Kenja und Tanganjika, üben die japanischen Händler einen Druck auf ihre Landsleute aus, was zwangsläufig zur Verstimmung und zu Protesten der europäischen Händler führt.
Man kann die Besorgnis des europäischen Handels verstehen, wenn man bedenkt, daß die japanische Ausfuhr nach Ostafrika gegenwärtig um 34 v. H. gegenüber dem Jahre 1934 g e - stiegen ist. Der belgische Kongo hat unter dem japanischen Wettbewerb besonders stark gelitten. Im vergangenen Jahr sind in der belgischen Presse lebhafte Proteste erschienen. Hier ist die japanische Einfuhrtonnage von 200 000 Tonnen im Jahre 1929 auf 1,5 Millionen Tonnen im Jahre 1934 gestiegen. Auch die Elfenbeinküste und Guinea sind von japanischen Erzeugnissen überschwemmt. Die englische Regierung von Rhodesia war im vergangenen Jahr gezwungen, Schutzmaßnahmen gegen den japanischen Wettbewerb zu ergreifen, und im Juli d. I. hat Aegypten auf englische Vorstellungen hin seinen Handelsvertrag mit Japan gekündigt. Gewiß kaufen die Japaner Rohbaumwolle von Aegypten, aber sie überschwemmen den ägyptischen Markt mit Waren, die der englischen Einfuhr unliebsame Konkurrenz machen.
In den letzten beiden Jahren haben die asiatischen Händler sich besonders Abessinien zugewandt. Japan schenkt dem Reich des Negus seit
Das neue deutsche Panzerschiff „Admiral Graf S p e e" wurde in Wilhelmshaven mit einer würdigen Feier in Dienst gestellt. (Scherl-Bilderdienst-M.)
1933 größte Aufmerksamkeit, d. h. seit dem Zeitpunkt, an dem der abessinische Außenminister in Tokio einen politischen und Handelsvertrag mit Japan tätigte. Abessinien — so erklärt man auf italienischer Seite — hat sich auf diese Weise jeder, selbst der wirtschaftlichen Zusammenarbeit mit den benachbarten europäischen Kolonialmächten entziehen wollen. Der Vertrag sei in erster Linie gegen Italien gerichtet gewesen, da das italienisch- abessinische Handelsabkommen vom August 1928 infolge des schlechten Willens der Abessinier trotz aller Vorstellungen Roms toter Buchstabe geblieben sei. Japan habe den Umstand benützt, um sich in Abessinien festzusetzen. Zum Beweis dessen führen maßgebende italienische Kreise an, daß die japanische Einfuhr nach Abessinien über Dschibouti für das Jahr 1934 zwar nur mit einem Wert von 200 000 Franken angegeben werde, daß aber der japanische Export nach Abessinien unter englischer Flagge hauptsächlich über Bombay und Aden gehe, so daß jede wirkliche Kontrolle unmöglich sei. Erst im vergangenen Jahr sei in Aden ein japanische Handelsniederlassung angelegt worden. Unter Berücksichtigung dieser Tatsachen könne man die Belieferung Abessiniens durch Japan auf Werte von rund 50 Millionen Franken veranschlagen.
Mit der wirtschaftlichen Durchdringung gehe d i e politische Hand in Hand. Schon zu Beginn des Jahres 1914 sei die Rede von der Verehelichung einer vornehmen japanischen Dame mit einem, dem Hof in Addis Abeba nahestehenden einflußreichen abessinischen Fürsten gewesen. Infolge der in verschiedenen politischen Kreisen ausbrechenden Erregung sei diese Eheschließung ins Wasser gefallen, aber Japan habe sich dadurch nicht von dem einmal eingeschlagenen Wege abbringen lassen. Die Anwesenheit verschiedener japanischer Persönlichkeiten in Addis Abeba scheine die Vermutung europäischer Kreise zu bestätigen, daß Japan große Landkonzessionen in Abessinien erworben habe, die vornehmlich der Opium- und Baumwollkultur dienten. Selbst in den Kreisen des Völkerbundes hätten diese Gerüchte ihren Widerhall gefunden. Der Vertreter der Regierung von Tokio habe damals — Japan gehörte zu dieser Zeit noch dem Völkerbund an — angesichts der Angriffe der internationalen Presse gegen den Opiumhandel in Abrede gestellt, daß Japan Landkonzefsionen in Abessinien für die Gewinnung von Opium erworben habe. Die in Osaka erscheinende Zeitung „Niki Niki" ihrerseits habe behauptet, daß es sich lediglich um Abenteurer handele, die auf eigene Rechnung und Gefahr ohne Wissen und gegen den Willen der Regierung vorgingen. Doch hätten erst kürzlich französische Blätter einwandfrei nachgewiesen, daß tatsächlich Landkonzessionen an Japan zur Gewinnung von Opium vergeben worden seien. Ueberdies lasse die in Japan im Juli dieses Jahres entfesselte Kampagne gegen die italienischen Ansprüche in Abessinien eindeutig erkennen, daß Japan sich in Abessinien eine weitreichende Basis für eine wirtschaftliche und politische Durchdringung gesichert habe. Ein gewisser Wata- habi, der Vertreter einer bedeutenden japanischen Firma in Addis Abeba, habe das auch bestätigt.
„Japan" — so kann man in einem halbamtlichen italienischen Bericht lesen — „hat zunächst Nord- chi n a erobert, hat dann H o l l ä n d i s ch-J n d i e n mit Menschen und Waren überschwemmt, schließlich die Vereinigten Staaten gezwungen, den Philippinen ihre Selbständigkeit wiederzugeben, weil Japan auf diese Inseln seine Augen
geworfen hatte; jetzt setzt es seinen Vormarsch fort, indem es den europäischen Einfluß in Afrika durch Belieferung Abessiniens mit Waffen und durch die diplomatische Unterstützung dieses Landes zu brechen versucht. Dadurch müssen Verwicklungen entstehen. Italien beabsichtigt nicht, Rassenkonflikte
in Abessinien zu schaffen. Es wünscht die Wiederherstellung des Gleichgewichts des europäischen Einflusses. Es sieht davon ab, jene Reibungsflächen zu schaffen, auf die es der japanische Imperialismus abgesehen hat."
Die Seine hat die Alarmhöhe iiberschriilen.
/W I
Infolge der ununterbrochenen Regengüsse ist der Wasserstand der Seine um 15 cm über die Alarmhöhe gestiegen. Die Seine-Schiffahrt ist fast völlig eingestellt. Unser Bild zeigt die überschwemmten Anlagen in Paris am Ufer der Seine. Die aufgestapelten Kisten mit Weinflaschen drohten weg- geschwemmt zu werden und wurden noch im letzten Augenblick in Sicherheit gebracht. — (Scherl-M.)
Wie wird die zweite Erzeugungsschlacht geschlagen?
Don Dr. Brummenbaum, Reichöhauptabieilungsleiter im Reichsnährstand.
Als im November vorigen Jahres der Reichs- bauernführer die Erzeugungsschlacht verkündete und damit das deutsche Bauerntum zur Steigerung seiner Erträge aus der deutschen Scholle aufrief, da war es jedem Einsichtigen klar, daß diese Schlacht um die Nahrungsfreiheit einer Nation nicht das Werk nur eines oder mehrerer Jahre fein konnte, sondern daß es Jahrzehnte angestrengte- st e r Arbeit des gesamten deutschen Landvolkes und seiner verantwortlichen Führer bedürfen würde, um den Sieg endgültig zu erringen und fest zu verankern. Es ist daher eine Selbstverständlichkeit, daß in diesem Winter das deutsche Bauerntum zur zweiten Erzeugungsschlacht antritt und gleichzeitig die Vorbereitungen für zahlreiche weitere Schlachten in diesem friedlichen Kampfe um die Weltgeltung eines Volkes trifft
Steht auch das Endziel der Erzeugungsschlacht
unverrückbar fest, so wechseln naturgemäß ent- sprechend den verschiedenartigen Vorbedingungen der einzelnen Jahre und den bereits jeweils erreichten Teilaufgaben die Methoden, die zur Erreichung des Ziels notwendig find und daher zur Anwendung kommen müssen. Während es so z. B. im ersten Jahre des Kampfes vor allem darauf ankam, den deutschen Bauern und Landwirt mit der Notwendigkeit der Erzeugungsschlacht und ihren Grundbedingungen bekannt zu machen, können wir in diesem Jahre bereits einen erheblichen .Schritt weiter gehen und dabei zum Teil völlig neue Wege beschreiten.
Die Aufgabe der Reichshauptabteilung II des Reichsnährstandes als Träger der Erzeugungsschlacht wird in Zukunft in erster Linie darin bestehen, für eine planvolle Ordnung der Erzeugung zu sorgen. Diese planvolle Ordnung
Nicht müde werden, Annelies!
Roman von Bernhard Lonzer.
Urheberrechtsschutz: Aufwärts-Verlag, Berlin.
28. Fortsetzung. Nachdruck verboten!
Das Flackern in Mias Augen wurde zum harten Funkeln. Sie wollte wieder auflachen, lauschte aber plötzlich zur Seite. Vor dem Hause mifirben Stimmen laut. Sie warf einen Blick auf die Armbanduhr. Ja, es war Mittag — Günter und der Senator kamen nach Hause.
„Sie sind ein goldig naives Kind!" sagte sie und erhob sich. „Oder Sie besitzen die seltene und beneidenswerte Fähigkeit, sich leicht mit unabänderlichen Dingen abzufinden. Gut, wenn das wirklich der Fall ist. Aber jetzt muß ich gehen, ich habe mich schon länger aufgehalten, als ich eigentlich wollte."
Sie schien es plötzlich sehr eilig zu haben.
„Auf Wiedersehen, liebe Frau Senator! Wenn ich wiederkomme, sind Sie hoffentlich wohlauf. Gute Besserung also bis dahin!"
Annelies begleitete sie mit kühler Förmlichkeit hinaus. Man sah es ihr nicht an, wie schwer es ihr wurde. Als sie die Treppe zur Diele hinabstiegen, begegneten ihnen die beiden Herren. Der Senator begrüßte Mia höflich, aber doch mit leichter Zurückhaltung. Sie schien es nicht zu bemerken und wandte sich mit einem Scherzwort Günter zu. Da verabschiedete der Senator sich gleich wieder uno stieg vollends die Treppe hinauf.
Annelies krampfte sich das Herz zusammen, als sie tatenlos mitansehen mußte, in welch offener, geradezu schamlos offener Weise Mia um Günter warb. In ihrer Gegenwart hatte Mia Rechberg sich bisher doch immerhin etwas Zurückhaltung auferlegt ; aber jetzt glaubte sie wohl, es nicht mehr nötig zu haben. Sie hatte mit der Tante gesprochen und sich gewiß deren Unterstützung ober boch Dulbung zu sichern verstauben. So brach langsam eine Brücke nach der anberen zusammen. Es hatte keinen Sinn, sich noch länger dagegen aufzubäumen.
gen, und man einigte sich dahin, daß man um neun
Er hatte seine Verstimmung noch nicht überwun- Uhr fahren würde.
den, aber Mias offenbare Harmlosigkeit beruhigte und versöhnte ihn wieder. Böse hatte sie es wohl doch nicht gemeint, und gewiß bereute sie ihre Taktlosigkeit. Man hatte ihr ja das Erschrecken darüber deutlich angesehen.
„Wo fehlt es dann?" forschte er unter ihrem ungewöhnlich ruhigen Blick.
„Es handelt sich um den Hauskauf. Ich habe mich immer noch nicht so recht entschließen können; aber jetzt drängt es nun so langsam zur Entscheidung. Die Villa gehört den Erben des verstorbenen Besitzers. Es ist den Leuten um einen seriösen Käufer zu tun, und außerdem verlangen sie einen ganz anständigen Preis, sonst hätten sie mir das Objekt wohl nicht so lange an der Hand gelassen. Aber heute früh habe ich nun Nachricht bekommen, angeblich hat sich noch ein anderer ernsthafter Interessent gefunden. Ich muß also zu einem Entschluß kommen, und da möchte ich gern euren Rat und euer Urteil hören. Fremde Leute mag ich nicht gern hinzuziehen, denn da weiß man ja nie, ob man. wirklich gut und ehrlich beraten wird. Wollt ihr nicht mal mitfahren und euch das Grundstück ansehen? Ihr würdet mir einen großen Gefallen damit tun."
Günter zögerte mit der Antwort und sah Annelies an. Sie war noch immer blaß, aber ihr Gesicht war unbewegt. Ruhig erwiderte sie feinen fragenden Blick
„Wenn du willst, können wir ja mal mitfahren." Er schien nur schwer zu einem Entschluß zu kommen.
„Ja — aber wann?" sagte er überlegend. „Es müßte ja bald sein, und am Sonntag wollen wir doch mit den Eltern fort. Höchstens — ja — ich wollte schon lange ein paar Tage ausspannen, habe es aber immer wieder verschoben; aber von Montag ab habe ich noch mal Urlaub. Mir könnten vielleicht — wenn es euch recht ist, könnten wir gleich am Montag fahren ..."
„Aber natürlich — so lange hat es schon noch Zeit!" versicherte Mia eifrig. „Ich werde gleich heute noch Bescheid geben. Und die Zeit? Vormittags? Ich glaube, da würde es am günstigsten sein."
Annelies und Günter machten keine Einwendun-
Und doch ...! „Nicht müde werden, Annelies!" Ganz deutlich glaubte sie Onkel Korbinians mahnendes und aufrichtendes Wort in diesem Augenblick wieder zu hören. Nein, man durfte nicht müde werden, solange noch ein Hoffnungsschimmer, solange Günter dieser Frau nicht endgültig wieder verfallen war! Dieser Frau, die sein Unglück werden mußte, wenn man vorzeitig schwach wurde und den Kampf aufgab.
Wie aus weiter Ferne hörte sie jetzt Mias laute Stimme plötzlich heranspringen:
„Denke nur mal, Günter, was mir vorhin passiert ist! Ich habe mich ganz entsetzlich verplappert — vor der Frau Senator, und Fräulein Fahrenkamp hat zufällig mit anhören müssen, daß ich deine Jugendliebe gewesen bin. Das ist doch toll — was?"
Sie sah, wie Günter sich verfärbte, und bereute im gleichen Augenblick, daß sie jid) zu diesen Worten hatte hinreißen lassen. Die Siegesgewißheit, die ihr die Aussprache mit Frau Eugenie gegeben hatte, war schuld daran, hatte sie die nötiae Vorsicht vergessen lassen. Günter war sehr feinfühlig und verzieh derartige Taktlosigkeiten nicht so (eicht. Sie suchte den Eindruck ihrer Worte wieder abzuschwächen:
„Es ist mir natürlich unsagbar peinlich, und ich erwähne es jetzt auch nur, damit Fräulein Fahrenkamp sieht, daß wir keine Geheimnisse miteinander haben."
Günter hatte sich notdürftig wieder gefaßt.
„Das war nicht notwendig!" sagte er mit rauh klingender Stimme. „Annelies ist bereits davon unterrichtet!"
Jetzt war es Mia, die sich leicht verfärbte.
„So ...? Durch wen denn?"
„Durch mich."
„Ach ...!"
„Ja! Und ich denke, wir lassen das Thema nun wieder fallen!"
Mia hatte Mühe, ihrer plötzlich aufschwirrenden Gedanken Herr zu werden; aber sie war gewandt genug, der Situation durch ein liebenswürdiges Scherzwort an Annelies das Gefährliche zu nehmen.
Dann wandte sie sich in fachlichem Ton wieder an Günter:
„Weißt du, Günter, ich wollte eigentlich etwas von dir ...!"
„Aber nun will ich euch nicht länger vom Essen abhalten!" sagte Mia. „Sonst fallt ihr mir hier noch um, und die Herrschaften werden auch schon warten, daß ihr kommt.
Annelies und Günter begleiteten sie bis zur Tür.
„Das war vorhin eine üble Entgleisung!" sagte Günter, als sie dann wieder die Treppe hinaufstiegen. „Aber man darf es ihr wohl nicht zu sehr anrechnen, sie ist eben sehr impulsiv und manchmal recht unbedacht. So — Unberechenbar war sie schon früher immer."
Es dauerte eine Weile, bis Annelies eine Antwort fand.
„Na ja . ." entgegnete sie dann ruhig. „Es hat mich auch nicht weiter gestört, es war ja keine Ueberraschung für mich."
Die Frau Senator war erst wieder so richtig zur Besinnung gekommen, als Mia und Annelies das Zimmer verlassen hatten. Das war wirklich eine ganz furchtbare Geschichte! Was würde nur der Gatte dazu sagen! Ob man es ihm lieber vorläufig noch verheimlichte? Aber nein, es war besser, ihn beizeiten einzuweihen.
Sie nahm sich zusammen, als er eintrat; sie wollte ihm nicht den Appetit verderben — aber es wurde ihr schwer, die Unbefangene zu spielen. Gleich nach dem Essen aber zog sie sich zurück und gab ihm einen verstohlenen Wink. Und bann berichtete sie in erneut hervorbrechender Erregung, was sich ereignet hatte.
Der Senator war keineswegs so überrascht, wie sie erwartet hatte; aber die Adern an feinen Schläfen traten scharf hervor.
„Das habe ich schon lange kommen sehen!" sagte er mit tiefem Groll. „Du mußt ja rein mit Blindheit geschlagen gewesen sein, daß du nicht schon längst gemerkt hast, was eigentlich los ist. Ich habe nur nichts gesagt, weil ich dich nicht vor der Zeit aufregen wollte. Da wären wir also nun wirklich so weit! Am liebsten würde ich mir den Jungen mal gehörig vornehmen, aber ich fürchte, das macht die Sache nur noch schlimmer. Das ist doch feine Frau für ihn! Er rennt bestimmt in sein Unglück, wenn er sie wirklich nimmt. Und Annelies — es ist rein zum Verrücktwerden ..."
Sie schwiegen beide und sannen vor sich hin.
(Fortsetzung folgt!)


