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Nr. 260 Zweiter Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen) Donnerstag, 5. November (956
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Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten! Bombay, Ende Oktober 1936.
Ein unscheinbarer kleiner Hindutempel im Stadtteile Byculla im nördlichen Bombay, der Maruti-Tempel, steht seit einigen Tagen im Mittelpunkt der Tumulte und schrecklichen Bluttaten zwischen den Hindus und Mohammedanern der Stadt. Neun Jahre hat dieser kleine Tempel sozusagen in engster Tuchfühlung mit einer ebenso unscheinbaren Moschee gestanden, ohne daß sich die Bekenner des einen oder des anderen Glaubens irgendetwas zuleide getan hätten. Bor einiger Zeit
einen wesentlichen Bestandteil des Hindugottesdienstes darstellt, ihre Andacht in der Moschee gestört
würde.
Das englische Mitglied der Regierung von Bombay, Sir Robert Bell, an den sich beide Parteien gewandt hatten, erklärte, daß die Errichtung der Versammlungshalle in erster Linie eine Angelegen
hatte der Vorsitzende der Hindugemeinde dieses Tempels bei der Stadtverwaltung den Antrag gestellt, eine sogenannte „Sabha Mandap", 23 e r f a m m = lungshalle, am Tempel errichten zu lassen, da die alte vor einigen Jahren wegen einer Straßenerweiterung abgerissen werden mußte, der Neubau aber von der Stadtgemeinde vertraglich zugesichert wor-en war. Die Verhandlungen zwischen den Führern der Hindu- und Muslimgemeinde laufen schon seit Wochen, ohne daß ein Ergebnis erzielt werden konnte, das beide Teile befriedigte. Die Hindus bestehen auf der Ausführung der vertrag-
Manche Menschen sprechen so gern von der „guten alten Zeit", in der es unsere Vorfahren angeblich so viel besser gehabt haben sollen als der Gegenwartsmensch. In Wirklichkeit aber ist das Gegenteil der Fall — das ganze Mittelalter hindurch bis weit in die Neuzeit hinein wurde die Menschheit von einer Angst- und Schreckenspsychose in die andere geworfen. Furchtbare Seuchen — denken wir nur an die P e st — bedrohten die Menschen der damaligen Zeit, die noch dazu in abergläubischen, aber trotzdem bitter ernst genommenen Aengsten vor allen möglichen Teufeln und Hexen lebten und bei jedem harmlosen Kometen von einer wahren Panik der Weltuntergangsfurcht geschüttelt wurden. So hatte der mittelalterliche Mensch eigentlich dauernd vor irgend etwas quälende Angst, und das blieb so — wenn auch in ständig verringertem Matze — bis in die Gegenwart hinein. Und heute? Es ist keine Uebertreibung, wenn man der modernen Forschung das Zeugnis ausstellt, daß sie auf sehr, sehr vielen Gebieten unseres Lebens einen entscheidenden Sieg über die Angst davongetragen hat.
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Wir brauchen wohl nicht näher auszuführen, was es bedeutet, daß sich die kultivierte Menschheit heute weder vor der P e st noch vor der Cholera oder sonst einer Seuche früherer Zeiten mehr zu fürchten braucht — wer die Geschichte der Seuchen kennt, weiß, wieviel sorgenloser unser Dasein dank der Arbeit der „M ikrobenjäger" geworden ist.
Mindestens ebenso wichtig für jeden einzelnen von uns ist aber ein^ anderer „Sieg über die
Unser Bild zeigt Eingeborene bei der Plünderung eines Ladens in Kalbadevi bei Bombay. (Presse-Bild-Zentrale-M.)
Angst", den" die moderne Forschung errungen hat: Wir meinen den Sieg über den Schmerz, der früher ein unumgänglicher Bestandteil der Krankheit war und mit jedem ärztlichen Eingriff trennbar verbunden zu sein schien. Die Angst dem Schmerz, zum mindesten aber die Angst der Operation ist heute geradezu „unmodern" worden, denn vom schmerzlosen Zahnziehen zur schweren Operation in Narkose weiß moderne Medizin genügend Mittel, um jeden
der Angelegenheit vornehmen, wenn sich irgendwas ereignen sollte, was die Ruhe der Einwohner der Umgegend stören könnte.
Obwohl die Mohammedaner noch um einige Tage Aufschub gegeben hatten, um durch Verhandlungen mit der Hindugemeinde zu einem befriedigenden Abschluß zu gelangen, obwohl seit vielen Tagen sich immer stärkere Ansammlungen von Mohammedanern und Hindus am Tempel und an der Moschee zeigten, begann der Bauunternehme r am 15. Oktober die ersten Erdarbeiten sür die Fundamente der Halle. Das war nun das erste Signal für den blutigen Aufruhr, der schon drei Tage in der Stadt wütet. Die Arbeiter wurden von den Mohammedanern mit Steinen beworfen, es entwickelte sich die erste Straßenschlacht zwischen den Hindus und den Mohammedanern. Polizei wurde in Ueberfallwagen herangebracht, aber es genügte diesmal nicht der Gebrauch der in solchen Fällen üblichen Lathis, lange Bambusstäbe und Schilde gegen die Steinwürfe, es mußte bewaffnete Polizei zuhilfe gerufen werden, die von der Schußwaffe Gebrauch machte. Erst dann verlief sich die Menge für kurze Zeit.
Schon am Vormittag des 15. Oktober ging kein Autobus und keine Straßenbahn mehr in das Aufruhrgebiet. Sechs Autochauffeure versuchte ich vergeblich zu bewegen, mich trotz erheblichen schischangebots nach Byculla zu fahren. Schließ^ch sand ich aber doch einen mutigen Taxifahrer, mit dem ich handelseinig wurde. Ich mußte ihm jedoch versprechen, nicht auszusteigen und Aufnahmen nur aus dem Wagen heraus zu machen. So schoben wir uns langsam nach Byculla vor. Unterivegs begegneten wir zahlreichen Verwundeten, die von Polizisten abgeführt wurden, Krankenwagen fuhren dauernd hin und her, um die Opfer in die Krankenhäuser zu bringen, Tote wurden fortgeschafft, dann und wann kamen wir an einem Demonstrationszug aufgeregter Mohammedaner vorüber. Wutverzerrte Gesichter sahen uns an, daß mein Driver angsterfüllt Gas gab, um möglichst schnell an diesen drohenden Gestalten vorüberzukommen, denn keine Versicherung würde ihm, wie er mir sagte, eine Anna geben, wenn die Aufrührer seinen Wagen demolieren. Und ich hätte es auch nicht können!
Endlich erreichten wir den Tempel. Weiße Offiziere standen dort mit einem mächtigen Aufgebot bewaffneter Polizisten. Steine lagen überall herum. Auf einer Seite der Straße hockten die Hindus, auf der anderen die Mohammedaner. Nie habe ich eine solche fanatische Wut in den Gesichtern sonst ganz friedlicher Menschen gesehen. Sie würden sich zerfleischen, wenn nicht die starke Hand der Briten immer wieder eingriffe. In der nächsten Zeit finden die Wahlen statt. Der Führer des Kongresses, Jawaharlat Nehru, reist im Lande herum und predigt die „Befreiung" von der englischen Herrschaft. Hier ist heute ein kleiner Ausschnitt von dieser „Freiheit" augenfällig demonstriert morgen:ebereite am ersten Tage 14 Menschen sinnlos hingemordet, 170 verletzt, davon 50 schwer! Ist dieses Volk wirklich reif für eine Selbstregierunq?
Am 16. Oktober fuhr ich mit einem befreundeten Deutschen durch die Aufstandsviertel. Es schien alles ruhiger zu werden. Alle Läden waren geschlossen. Manche Straßen waren wie ausgestorben, nur
Wie entsteht die Angst?
Oie »gute alte 3ext" fiel von einem Schrecken in den andern. Moderne Wiffenschast besiegte die Furcht.
Von £>r.K Holders
Religionskampfe in Indien
Bon unserem G.L.L.-Berichterstatter.
Ängst vor engen Straßen und Zimmern, eine Eisenbahn- oder Schiffsangst usw. — und stets stellt das, wovor der Patient sich zu fürchten scheint, nur ein „Symbol" für etwas ganz anderes dar, irgendeinen Schreck, eine Enttäuschung oder sonst ein seelisches Erlebnis, das die ins Unterbewußte gesunkene eigentliche Angst Ursache gewesen ist. Die Seelenheilkunoe ist heute glücklicherweise in sehr vielen Fällen in der Lage, derartige Angstvorstellungen durch entsprechende psychische Behandlung zu bekämpfen und schließlich zum Verschwinden zu bringen.
weise waren die Veränderungen bei den Examens-1 lichen Verpflichtung, während die Muslims den kandidaten noch stärker als selbst bei Kranken, die Einwurf machen, daß durch die rituelle Musik, die auf eine schwere Operation warteten.
Es ist eine bekannte Tatsache, daß manche bedauernswerte Menschen an einer sehr seltsamen Angstvorstellung leiden: sie können nicht allein über einen freien Platz gehen, sie haben die „Platzangst". Diese Krankheit — denn das ist die Platzangst — hat ihre Ursache in seelischen Bezirken und ist meist auch nur durch psychologische Maßnahmen heilbar. Die moderne Seelenkunde hat festgestellt, daß die Platzangst in den meisten Fällen eine sogenannte „Angstneurose" ist. Der eigentliche Kern der Platzangst liegt in den dunklen Bezirken des Unterbewußten und ist durch den Patienten meist gar nicht mehr bewußte seelische Vorgänge, bei denen vielleicht eine große Enttäuschung oder ein Schrecken im Spiele waren, ausgelöst worden. Derartige Angstneurosen sind verhältnismäßig häufig — neben der Platzangst gibt es auch eine
Tatsächlich gibt es bestimmte Herzleiden, die mH einem sehr starken Angstgefühl einhergehen. Bei diesen Krankheiten kommt es zu plötzlichen anfallsweisen Störungen am Herzen, deren Folge stets eine starke Beklemmung und eine nicht zu beruhigende Todesangst ist. Ob man nun von einem besonderen „Angstsinn", ähnlich wie von Gehör, Geruch usw., sprechen kann, wissen wir heute noch nicht genau.
Andere Forscher haben die körperlichen Erscheinungen untersucht, die sich an Menschen, die vor irgend etwas Angst haben, beobachten lassen. Die Untersuchungen wurden an besonders ängstlichen Menschen durchgeführt, die vor einer — an sich vollkommen harmlosen — Operation standen, namentlich aber an Examenskandidaten. Dabei stellte es sich heraus, daß die starke seelische Aufregung bei den untersuchten Menschen nicht bloß schneller schlagenden Puls und Erhöhung des Blutdrucks verursachte, sondern daß sich die Rückwirkungen sogar auf die Zusammensetzung des Blutes erstreckten. Die Forscher fanden regelmäßig einen erhöhten Blutzuckergehalt und eine Vermehrung der weißen Blutkörperchen vor. Jnteressanter-
heit zwischen der Stadt- und der Tempelverwaltung sei und daß erstere auf Grund des gesetzlichen Vertrages mit dem Tempelvorstand zur Äusführung der Versammlungshalle verpflichtet sei. Vom Stand- vunkt der Regierung aus habe er kein Recht, sich in diese Vertragsangelegenheit einzumischen, wie auch die Regierung sich nicht darum kümmere, was beide Parteien innerhalb der Mauern ihrer Gotteshäuser tun und lassen, sie würde erst dann eine Kontrolle
Schmerz auszuschalten.
Äls man aber Narkose und örtliche Betäubung noch nicht kannte, gehörten das fürchterliche Brenneisen, die Bein- und Knochensäge und ähnliche Folterinstrumente zum allgemein üblichen chirurgischen Werkzeug! Man wußte zur „Betäubung" eines unerträglichen Schmerzgefühls kein besseres Mittel, als dem armen Patienten eine fast noch schlimmere Wunde an einer anderen Körperstelle zur „Ablenkung" beizubringen. Die Amputationen, das Herausziehen der mit Widerhaken versehenen Pfeile und ähnliche Eingriffe geschahen bei vollem Bewußtsein des Patienten! Die Einführung der chirurgischen Schmerzbetäubung, die noch nicht hundert Jahre alt ist, verwandelte mit einem Schlage ein mittelalterliches Folterhandwerk in eines ’ der ruhmreichsten Betätigungsgebiete der Medizin. Neuerdings führt man sogar komplizierte Nerven- und Rückenmarkoperationen zur Beseitigung der Schmerzen aus: ein interessanter Nachweis für die Wandlung der Begriffe auf diesem Gebiet.
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Der moderne Mensch braucht sich also dank der Ergebnisse unserer modernen Wifsenschaft vor sehr vielen Schrecken früherer Zeit nicht mehr zu fürchten — aber trotzdem interessiert uns nach wie vor die Frage, was eigentlich „Angst" ist und wodurch sie zustande kommt. Wir müssen allerdings zugeben, daß der Wissenschaft bisher eine völlige Losung dieses Problems noch nicht gelungen ist. Immerhin haben es ausgedehnte Untersuchungen der letzten Zeit sehr wahrscheinlich gemacht, daß der eigentliche Sih der Angstempfindung das Herz ist.
Schlüssel zu vergangenen Tagen.
Von Walter Bauer.
Von meinen Reisen und Wanderungen brachte ich keine Schätze mit, weder einem anderen noch mir Mein Koffer und mein Rucksack war niemals schwerer, wenn ich heimkam, Zoll für irgendwelche mitgebrachten Sachen brauchte ich nicht zu bezahlen,' ohne Zögern zeigte ich an jeder Grenze meine Besitztümer. Was ich habe, wird ein anderer für ganz wertlos halten; er würde nur spöttisch lächeln, wollte ich ihm etwas davon anbieten— ich will auch nicht, denn alles, was auf dem Fuße meiner Lampe liegt und den nächtlichen Hauch vieler Arbeitsstunden schon eingesogen hat —• diese Dinge sind mir zu teuer, als daß ich fie einem Spötter schenke, und mir nur sprechen die Steine, mir schenken sie immer von neuem das Vergangene.
Wer würde glauben, daß dieses Steinchen hier, von grünlicher Farbe, mit einem leichten (Übrigen Schimmer, zweitausendfünfhundert Jahre alt ist tr Da waren wir noch nicht im Sinn der Zeit. Ich hob es auf, als ich eine hohe Stunde verbrachte vor dem Tempel in Päftum, als ich im wehenden Kraut mein Griechenland erfuhr. In diesem Stein, der im Augenblick silbern glänzt, als wollte er sein Alter auf menschliche Weise bezeugen, ruhenl Jahrtausende. Er ist mir der Tempel, in ihm duftet der Rauch der Götterfeuer, ich höre den Ruf der Menge zu Poseidon, ich höre das Meer des Gottes ewige Antwort: ich will euren Schiffen günstig fein. Dieses Steinchen empfing Stürme vom Mit- telm"er, das grenzenlose Blau, es empfing den milden Wind, — es ist mir Pästum ganz und gar.
Das wird vielleicht auch ein anderer darin ahnen, ab jie Sonne meines Reisetages, den ^staub des W die Wildnis, die ich durchschritt, das Wiede en mit einem alten Mann im Gasthaus, den ich 'chon in Amalfi und Ravello getroffen hatte, und der jetzt, als er mich sah, vom Tische ausstand und mich begrüßte, als sei er der Hausherr und nicht auch zahlender Gast — das alles kann nur ich darw sehen, und ich sehe es gern.
Dieser kleine Stein ist mir die Welt; ein anderes Reiseandenken könnte mir nicht mehr sagen.
Dnneven liegt ein Stück schwarzer Marmor, den ich benutze, um die Blätter nicht verwehen zu lassen 3d) hob ihn im Gebirge von Carrara auf, dort, wo Michelangelo den Marmor brechen ließ für {ein Gest Iten damit er in ihnen die Größe und ü^u ibar!' üt des Leidens bezeuge. Eben, da ich
diesem Stein, in dem die Nacht der Erde verdichtet und zu Kristallen zusammengepreßt zu leben scheint, betrachte, sehe ich mich in der Kapelle der Medicäer stehen vor der Gestalt des sitzenden Julianus, dessen schattenvolles Gesicht die Trauer der Verse ausströmt ... „Feigheit ist's nicht und stammt von Feigheit nicht, wenn einer seinem Erdenlos mißtraut ..."
Dieser dunkle Stein ist jetzt zehn Jahre in meinem Besitz; als wir damals auf der Straße zu den Marmorbrücken gingen und überall am Wege glänzende Stücke liegen sahen, sammelten wir so viel, daß unsere Rucksäcke zu schwer wurden. Nachher blieb dieses Stück übrig, und es spricht mir wunderbar den Tag aus, den wir dort oben verbrachten, inmitten des kostbaren Stoffes, bestimmt für die Unsterblichkeit würdiger Menjchen.
Wird man es mir so leicht glauben, wenn ich sage, daß ich in der kleinen blaugrauen Muschel, aufgehoben am Strande von Banassola an der ligurischen Küste, den Gesang des alterslosen Meeres vernehme? In ihrer Kühle ruht das Grau vieler Jahre, ich umschließe sie mit meiner Hand, ich möchte sagen: in meiner Hand liegt die Schale des Mittelmeers, liegen Sturm und Schiffbruch und Sternennacht, der Ruf der Fischer, wenn das volle Netz sich hebt.
Die Muschel und die Steine vertragen sich gut mit der winzigen Gestalt eines Buddha in der vertrauten Haltung des Sitzenden. Die habe ich nicht mitgebracht, der Traum von Indien hat sich mir noch nicht erfüllt; ich habe sie geschenkt bekommen von einem mir lieben Menschen, dem ein anderer, der dort war, den schweigenden Gott gab. Bei mir hat er einen guten Platz. Er schweigt. Er hat gesehen, wie ich den Slppf in die Hände stützte und seufzte: es geht nichi mehr weiter, es geht nicht mehr — er schweigt. Oder wäre dies schon eine Antwort des freien Geistes, der den Blick über die Welt erhebt? Gleichviel, was auch das Schweigen, aus dem fernen Osten in dieser Gestalt herübertönend, bedeuten mag — ich möchte den goldfarbenen Heiligen nicht vermissen.
Das sind einige meiner Besitztümer, Schlüssel zu vergangenen Tagen. Sie sprechen mir die Grenzenlosigkeit des Lebens aus, sie bedeuten mir auf ihre stille, jedoch unüberhörbare Weise, daß ich ein flüchtiger Gast hier bin und daß sie länger dauern als mein Herz.
Sie haben ihre eigene Schönheit, die auch ein anderer Betrachter einsehen kann. Was nun ist an dem Stückchen mürben bräunlichen Holzes, das neben ihnen liegt? Mir hat es einen dunklen Glanz,
der den Schimmer des Alters der anderen Gegenstände tief überstrahlt, sie werden wesenlos vor dem, roas in ihm ruht, wovon es durchtränkt ist in jeder Faser. Der Tag, an dem ich es mitnahm, ist mir in einer besonderen Weise unvergeßlich; ich könnte wohl Pästum, Florenz und jede schöne Stadt in meinem Gedächtnis entbehren — diesen Ort nicht. Ich hob es auf, als ich am Hartmannsweilerkopf war und in die Unterstände hinunterkroch wie zu den Höhlen der Heiligen.
Was in dem Stein von Pästum ruht, ist wohl auszusprechen. Was in diesem Stück Holz lebt, das geht über jede Kraft. Das Schweigen über den Hügeln ist die einzige mögliche Dichtung, das Wehen des Windes in den Gräsern ein Gesang von homerischer Größe.
Dieses bräunliche Holz spricht von einer ungeheuren Grablegung, deren dunkler Schein aus unserem Leben niemals verschwinden darf. Wann werde ich wieder im Schatten des Götterhauses gehen? Sehe ich das Holz, das unter dem Einschlag eines Geschosses zersplitterte, frage ich mich aufblickend von meiner Arbeit, die mir plötzlich leer und ausdruckslos erscheint: Wer bist du, was tust du, um vor jenen Gräbern zu bestehen?
„Einmal reiten 20 Pfennige!"
Das Pony als Winterheiser.
Die Gebefreudigkeit des deutschen Volkes bedarf zwar kaum der Aufmunterung. Und doch ist sicher jeder dankbar dafür, wenn Sammler auf einen neuen Einfall kommen, der einen den Griff nach der Geldbörse noch williger und lieber tun läßt. Einen solchen neuen, ganz besonders hübschen Einfall hat die Berliner SS. gehabt. Auf einem Platz in einem der Vororte Berlins stand an einem der letzten Sammeltage SS. mit ihren Büchsen und mit — einem Pony. In unserem motorisierten Jahrhundert ist ein lebendiges Pferd in den Straßen der Hauptstadt ja schon etwas, wonach jeder Tierfreund sich umsieht. Und es war ein so hübsches Pony, pechschwarz, so schwarz wie die Uniformen der Männer, die es hielten. Die Büchsen rasselten: „Einmal um den Platz, 20 Pfennig!"
Viele Kinder kommen an der Hand ihrer ahnungslosen Eltern über den Platz spaziert. Die Kinder erblicken das Pony schon von weitem, haben seinen Sinn sofort erfaßt, lange bevor die Erwachsenen überhaupt etwas gesehen haben. „Ach, Vati, einmal reiten, bitte, bitte!" Gibt es ein Elternherz,
das da widerstehen könnte? Selbst wenn es nicht für den guten Zweck wäre! Schon sitzt der Junge oben, die kleinen Hände greifen in den Voltigiergurt, Zügel gibt es natürlich nicht, so wenig wie Sattel und Bügel. Nur Decke und Gurt. Es ist ganz wie bei den Rekruten. Ein SS.-Mann faßt das Pferdchen am Zaum und beginnt es um den Platz zu führen. „Trab!" fleht der Reiter. Das schwarze Pferd und der Mann im schwarzen Rock setzen sich in Trab. Ja, aber mit dem Deutschtraben ist es eine eigene Sache. Der Junge macht einen Buckel, so krumm wie ein Fiedelbogen, ein bißchen auf die Seite rutscht er auch. Der Führer sieht lachend zu ihm hin, sagt ihm leis? ein Wort. Schon reckt sich die kleine Gestalt kerzengrade empor, die Knie haben ganz netten Schluß, dafür daß er zum erstenmal auf einem Pferde sitzt. Am Startplatz haben sich inzwischen schon eine ganze Menge neue Kinder angesammelt, die auch daran kommen möchten. Der Reiter mustert sie hoch vom Roß herab mit einem stolzen Blick, hebt feierlich den Arm gegen sie zum Gruß. Er fühlt sich wie ein Feldherr. Bis er im nächsten Augenblick wieder mit beiden Füßen auf der Erde steht, ein ganz gewöhnlicher kleiner Junge, während ein anderer in Herrlichkeit auf dem Pferderücken thront.
Das „Geschäft" geht flott. Buben und Mädel lösen einander ab, manche mit mehr, manche mit weniger Schneid. Eigentlich weiß man von so einem Kinde eine ganze Menge, wenn man es einmal hat um den Platz reiten sehen, und wenn man ein bißchen liebevoll neugierig geschaut bat. Die SS. ist unermüdlich. Sie macht sich ihr Sammeln wirklich nicht leicht. Aber es lohnt sich. Leider ist das Wetter nicht gerade schön, sonst würde es sich noch viel mehr lohnen. Eine Zeit lang wird es ein wenig still. Kinder sind schon noch da, sie waren von Anfang an da, ein wenig im Hintergrund und mit sehnsüchtigen Augen. Es sind Kinder ohne Eltern und ohne Groschen. Aber wozu stehen auf der anderen Seite des Platzes noch müßige Erwachsene als Zuschauer? Die Büchsen rasseln: „Hierher zur Kasse bitte! Einmal um den Platz 20 Pfennige". Es gibt genug große Leute, um auch alle Kinder ohne Groschen reiten zu lassen. Und man weiß nicht, wem es mehr Freude macht, den Kindern, den Erwachsenen, die für sie zahlen „dürfen" ober den tapferen Sammlern.
lieber all der Freude ist man wirklich fast in Gefahr, den guten Zweck zu vergessen. Denn dies ist wirklich kein „Opfer", das ist ein Vergnügen. Aber es wird ja auch niemand verwehrt, es so a n zu- sehn und dem nächsten Sammler, der einem begegnet, erst fein Opfer zu spenden. A. v. P.


