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Nr. 208 Zweiter Blaff

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)

Samstag, 5. September 1936

DieNotderWiffenschast

-Öon Dr. Eugen Diesel

Freie Forschung ungehinderte Ausbreitung aller wissenschaftlichen Ergebnisse, ohne andere Begrün- bung, als daß dies eben zu geschehen habe, unab­lässige Versuche, Weltbild, Religion, Sitte nach dem Stande der Wissenschaft auszurichten, hemmunas- lofe Anwendung der wissenschaftlichen Forschuna auf die Technik solche Wirksamkeit war ein bis Zwei Jahrhunderte lang sehr angesehen. Warum sollte es auf diese Weise nicht weiter gutqphen^ Warum leben wir nicht mehr im freudigen Taumel des Fortschritts, wo es doch in der Tat auch heute nicht an großen Leistungen der Wissenschaft ge­bricht? Sind nicht unsere Vorfahren zu beneiden die, beglückt darüber, daß sie Wahn und Aberglau­ben, Not und Armut bekämpften und mit klarer Tatkraft den Weg in ein neues Zeitalter bahnten, den Sieg der Wissenschaft als das höchste Ereignis der Weltgeschichte priesen?

Aber die unentwegte Wirksamkeit von Wissen­schaft und Technik erschütterte die überkommenen Grundlagen von Gesellschaft. Kultur und Politik. Zwar hat sich die moderne Wissenschaft alsobald selbst als eine, und wie sie meinte, vernünftigere und bes­sere Grundlage empfohlen. Dabei übersahen ihre Vertreter, daß das Leben zu vielgestaltig ist, als daß es sich allein den Anweisungen der Wissen­schaft fügte. Unter dem Gespinst der freien, ewig sich wandelnden Wissenschaft, welches das Leben überzog, verblieben Unsicherheit und Unbehagen. Diese Wissenschaft hatte dem Zustand der Mensch­heit großartige Züge aufgedrückt, vermochte aber nicht alles Erwartete oder Versprochene zu leisten, auf all den Gebieten nämlich nicht, die ihrem Wesen nach sich der Einordnung und Beherrschung durch die eigentümliche Denkweise der modernen Wissenschaft entziehen. Zudem war ihre Entwick­lung so geschwind, ihr Selbstvertrauen so grenzen­los, daß sie übersah, wie oft das seelische 'und so­ziale Leben im Widerspruch stand mit den Zustän­den, die sich unter den ungehemmten Wirkungen der wissenschaftlich-technischen Arbeit einstellten.

Nach dem Weltkriege, der in seiner politischen und militärischen Eigenart ebenfalls den Einfluß des verwissenschaftlichten Lebens nicht verleugnet, begann dann die Beunruhigung über den neuen Weltzustand zu jener Erscheinung beizutragen, die man die Weltkrise nannte. Man brachte die offen­bar drohende Gefahr eines Zrsammenbruchs unse­rer Kultur in Zusammenhang mit der schranken­losen Wirksamkeit von Wissenschaft und Technik. Man sprach damals bewundernd von der Weisheit früherer Epochen, etwa des Mittelalters, das in be­wußter Voraussicht der zerstörenden Folgen einer ungehemmten Wissenschaft gewandt und damit jahr­hundertelang eine feste, und, wie man meinte, der unseren überlegene Lebensform bewahrt habe.

Aber der mittelalterliche Widerstand gegen den wissenschaftlichen Weg und die Freiheit des Geistes mar ganz einfach der Ueberzeugung entsprungen, daß die herrschenden Mäche und Dogmen bedroht seien. Es handelte sich um einen fast politisch be­dingten Machtkämpfer, der dann schließlich zugun­sten der Wissenschaft entschieden wurde. Wer von uns bereut im Ernst, daß jener über der Menschheit liegende Bann und Zwang gebrochen wurde? Nein, der »wissenschaftlicheAufbruch" der vergangenen Jahrhunderte ist und bleibt eines der großartigsten Ereignisse der Weltgeschichte. Seine beispiellosen Ergebnisse, sein unzweideutiger Sieg sind nur zu begreifen, weil er als tragende Idee ein Geschlecht nach dem anderen erfüllte und weil diese Idee im geistigen Wesen des Menschen begründet ist. Nun führte freilich die fast hemmungslose Ausnutzung dieses Sieges das herbei, was sich nach großen Sie­gen fast immer einzustellen vflegt: die Hybris, das heißt die Ueberhebung, die Maßlosigkeit, die Ueber­zeugung, daß man die letzten Zauberformeln schon in der Hand habe oder bald gewinnen werde. Es stellten sich Totalitätsansprüche der Wissenschaft ein. Auf allen Lebensgebieten, auch dort, wo sie nichts zu suchen hatten,' wollten nun die Wissenschaften I

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herrschen, so daß eigentlich nur das wissenschaftlich begrundbare galt und nunmehr soziale und poli­tische Zustände angestrebt wurden, die sich auf das freie Spiel der Wissenschaften und ihre Ergebnisse gründen sollten.

Dieser maßlose Herrschaftsanspruch der Wissen­schaft auf das gesamte Dasein hat, wie wir alle wissen, Gegenkräfte erweckt, die entweder berufen sind, das wissenschaftliche Zeitalter zu beenden (wo­mit auch unser ganzer Kulturaufbau zusammen­bräche), oder aber die Wissenschaft zu den anderen Mächten des Lebens und der Völker ins rechte Verhältnis zu fetzen und überhaupt ein neuartiges wissenschaftliches Leben zu begründen. Man hat in­zwischen auch philosophische Ausschau gehalten nach Mitteln, mit denen der schrankenlosen Zerfaserung des Geistes und des Willens der Zersplitterung der Gesellschaft und des Lebensgefühls durch die Fol­gen der Wissenschaft und der Technik Einhalt ge­boten werden könnte. Man verkündete die höhere Bewertung des Charakters, die Vereinfachung der geistigen Haltung, die Zurückdrängung des Fort­schrittglaubens. In Deutschland vor allem prokla­mierte man die Vorherrschaft des Grundsatzes der Nation vor dem derobjektiven" Wissenschaft und der unbedingten, also nicht an den nationalen Werten ausgerichteten Freiheit des Geistes. Natürlich ist man weit davon entfernt, den Wert der Wissen­schaft überhaupt zu leugnen; aber ihr Herrschafts­anspruch im Sinne des 19. Jahrhunderts wird nicht mehr anerkannt.

Das heutige Verhältnis zur Wissenschaft in Deutschland ist ferner durch folgendes bestimmt: Eine von der objektiven Wissenschaft abhängige Haltung kann nicht die Kraft zu einem politischen Durch­bruch liefern. Eine solche Kraft mußte aber zur Erzielung des Erfolges in Bewegung gebracht wer­den. Die Revolution konnte sich also nicht auf den wissenschaftlichen Typ stützen, sie benötigte den un­belasteten Glaubens- und Willenstyp.

Unsere Zeit bekennt sich ja auf ihre Weise ebenso stark zur Wissenschaft und zur Technik wie das 19. Jahrhundert. Die Freude an der Wissenschaft ist freilich gedämpfter. Dazu errichtet die Not des Zeitalters Hemmnisse und Schranken. Aber eine seelische Gegenbewegung gegen den Totalanspruch der Wissenschaft begrüßen wir fast alle. Wir treffen sogar auf hervorragende Leute aus dem traditio­nellen Lager der Wissenschaft, der Technik, der In­dustrie, die von Zweifeln geplagt sind und nunmehr in der negativen Beurteilung von Wissenschaft und Technik übers Ziel schießen; dabei lassen sie der trotz allem geliebten Wissenschaft und Technik ihre geistige und materielle Förderung angedeihen und könnten auch gar nicht sagen, wie man anders ver­fahren sollte. Darum wenden sie sich heftig gegen die Angriffe oder Schädigungen der Wissenschaft von anderen Lagern und von anderen Standorten aus. Diese anderen wenden sich gefühlsmäßig und aus-einer unklaren politischen Haltung heraus in gewissem Sinne gegen die Wissenschaft. Aber auch ihre innere Stimme ist nicht zu beschwichtigen. Sie wissen genau, daß es ahne Wissenschaft nicht geht, daß trotz allem und allem auch die Zukunft unter dem Zeichen der Wissenschaft stehen wird, ja, daß man aus nationalen Gründen gar nicht anders kann, als die Wissenschaft zu fördern.

Es handelt sich also um sehr seltsam verschränkte psychologische Lagen, um Widersprüche und Uneinig­keiten, die allen vertraut sind, die heute in der Wissenschaft stehen. Da aber alle sich darin einig sind, daß nach wie vor auch unser Zeitalter ein wissenschaftliches und technisches ist, so heißen die Schlachtrufe nicht: Hie Wissenschaft, hie Gegner der Wissenschaft! Vielmehr herrscht eine psychologische Verstrickung, die einen klaren Kampf nicht recht ermöglicht, obwohl allerhand Kampfesstimmungen umherschwelen Die Fronten mißverstehen sich. Es bleibt vieles im Gefühl stecken und wird nicht aus­gesprochen. Gedanken von der Vorherrschaft der Politik sind mißverstanden worden und bringen Unsicherheit und Mißbehagen in den geistigen und praktischen Gang der Wissenschaft. Dabei geht, wie es ja nicht anders sein kann und wie es auch nie­mand anders wünscht, in den Hörsälen, den Labo­

ratorien, den Werken die Arbeit weiter. Der Mensch der Wissenschaft aber ist oft genug von großer Sorge und Unsicherheit ergriffen. Der psychologische Krampf ist noch nicht gelöst. Man fühlt den wissen­schaftlichen Betrieb gefährdet und führt ihn doch im nächsten Augenblick weiter, und es geht weiter und muß weiter gehen. Man diskutiert. Man reibt sich aneinander. Warum? Zweifelt irgendwer an dem Gesetz, wonach wir die Straße der Wissenschaft weiterzuschreiten haben?

Liegt denn nicht das Problem verzweifelt ein­fach? Ist es wirklich so schwer, Wissenschaft zu be­treiben und den Willen, den Charakter des Volkes hierbei nicht zu vernachlässigen? Leugnen wir es nicht: Die Wissenschaft ist in psychologische, aber auch praktische Nöte geraten. Das ist eine mißliche Angelegenheit, gerade in nationaler Hinsicht. Denn in diesen Jahren machen viele Staaten, so besonders Amerika und England, unerhörte Anstrengungen, um mit allen zu Gebote stehenden Mitteln die wissenschaftliche Forschung zu fördern. Sie sind davon überzeugt, daß die kulturelle und politische Macht der Zukunft in unmittelbarstem Zusammen­hang steht mit den Ergebnissen der Forschung von heute und morgen. Nur auf dem Wege der Wissen­schaft, der Forschung, der Technik sind ja Größe und Selbstbehauptung eines Volkes denkbar. Die Anspannung, die zur höchsten wissenschaftlichen Leistung führt, ist der politischen Anspannung eben­bürtig. Wissenschaft und Politik sind in vieler Hin­sicht gar nicht zu trennen. Aber freilich dürfen wir

nicht vergessen: Das Zeitalter hat sich verändert, die Stimmung des 19. Jahrhunderts ist dahin. Der Rückschlag gegen den Fortschrittstaumel des 19. Jahrhunderts ist keineswegs eine Barbarei, sondern ein Zeichen der Selbstbesinnung und der Suche nach neuen Wegen. Wenn wir uns zur Wissen­schaft bekennen, dann gerade müssen wir ver­meiden, sie im Sinne des 19. Jahrhunderts zu propagieren, und nichts anderes zu wollen als die Wiederherstellung alter Zustände, nämlich die Ver­wissenschaftlichung des Lebens, die Verkennung von Mächten und Gesetzen, die außerhalb der Wissen­schaft stehen. In Deutschland soll ja die Verschmel­zung aller Lebensgebiete zu einer höheren Einheit vollzogen werden. Das Neue kann sich nicht ohne Spannungen und Kämpfe vollziehen. Darum er­leben wir Schwierigkeiten und die Wissenschaft ist manchem Stoß ausgesetzt. Sehen wir zu, daß die Wissenschaft nicht Schaden leidet, ehe wir die neuen Wege deutlich erblicken.

Wir bekennen uns also zur Wissenschaft! Wir be­kennen uns auch zu einer neuen Zeit! Ganz nüch­tern sehen wir, daß die höchsten Wirkungen und Möglichkeiten der Nation durch die Wissenschaft er­möglicht werden, aber die Wissenschaft dient nicht sich selbst, sie hat nicht den Auftrag, die Völker zu verwissenschaftlichen unfrxaüe Lebensgebiete unter ihren Zwang zu stellen, sondern den, dem Volk, dem Menschen, der höheren Zukunft Europas und der ewigen Sehnsucht des erkennenden Geistes zu dienen.

Wiedersehen mit Nürnberg.

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Blick von der Burg auf die Sfabf der Reichsparteilage. (Scherl-Bilderdienst-M.)

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Wehmütiger Gcha k.

Zum 100. Todestage Ferdinand Raimunds am 5. September.

Er wollte ein großer Tragiker werden, wenigstens ein großer Vermittler der Tragik, ein tragischer Mime! Aber sein Talent, seine Stimme, seine mimi­schen Ausdrucksmöglichkeiten entsprachen seiner Sehnsucht nicht. Er litt schwer darunter; auch noch zu der Zeit, als er auf anderem Gebiete der Dich­tung und Darstellung, besonders auf dem Gebiet? zarter Komik, außergewöhnliche Erfolge hatte, sah er in diesen Erfolgen keinen tieferen Sinn, glaubte hier an keine Sendung, an keinen Beruf ^und sagte beispielsweise zu einem Kollegen:Es ist seltsam. Je höher die Wogen des Beifalls mich umrauschen, je stürmischer mich die Gunst des Publikums er­hebt, desto unzufriedener werde ich mit mir selber. Ich fühle in meiner tiefsten Brust, was ich mir selber lDum zu gestehen wage, wie unzulänglich mein Genre ist, wie er in demselben ganz und gar unmöglich ist, Großes zu leisten. Es ist recht trau­rig! Mit der letzten Scholle, die man einst meinem Sarge nachwerfen wird, ist auch mein Name de Vergessenheit anheimgefallen. Ihr Glücklichen, denen Mutter Natur ein Organ in die Brust gelegt, voll­tönend und kräftig genug, um Shakespeares, Sch l- lers und Goethes herrliche Worte auf der Buhne erklingen zu lassen, jedes warme Zuschauerherz - hebend und begeisternd. Warum gerade mir die es schnarrende, mi'ßlautige Instrument zu meiner g u- henden Seele passend wie eine Straßenorgel zum Kirchengesang?" . ,

Von Anfang an prallten bei R aim u n d Wahn und Wirklichkeit bös aufeinander. Schon de' Bub übt sich im Grimassenschneiden (selbstverständlichen im tragischen Grimassenschneiden!) vor bew> gel; auch als der Vater, der ehrsame^ Drechsler nebenan mit dem Tode rang, konnte er m lassen, so daß die letzten Worte, die der Alte aus- 'chrie, ein Fluch waren über die brotlose s Kleinen. Der kam nun zu einem Zu die Lehre, wohlgemerkt, zu dem >

Hauptlieferant fürs Burgtheater war und mußte in den Zwischenakten gemischtes Eis anb'eten Aber was war das HWn fein Serlanflen, 'fefber su Jpte- en? Er bildete sich aus: im Smgen und Aq eren, 'o aut wies aina __ bei dem einen Schmieren

Direktor fiel er schändlich ab, bei dem eren durfte er (endlich) auftreten . - abetb efe -öul)nc 'ein ungarisches Wandertheater) fl^o

en trostlosesten Brettern, die jemals die We be­deuteten: sie faßten nämlich ,/festen Fuß

Städtchen, wo ein verwaistes Hochgericht als Stätte Thalias diente: wirklich, auf alten Galgenpfosten war dort die Bühne errichtet! So oder schlimmer ging es weiter: Raimund hat es in seinem tragi­schen Ehrgeiz soweit gebracht, daß er als Franz Moor, als Geßler imTeil" ausgelacht wurde. Den Hamlet hat er nicht in der Shakespeareschen Fas­sung, sondern in einer Bühnenparodie gleichen Na­mens gespielt!

Erst als er in der Wiener LokalposseDie Mu­sikanten vom Hohenmarkt" als ulkig-nervöser Vor­stadtgeiger Kratzer! und in BäuerlesBürgern von Wien" als Regenschirmmacher Staberl herausge­stellt wurde, war nicht für ihn, den ewig Un­zufriedenen, aber für die Geschichte des Theaters und auch für die Dichtkunst Raimunds Schicksal im Sinne der Unsterblichkeit, besiegelt.

Er selbst vollendete sozusagenmit einem heiteren einem nassen Auge", die Ausgabe, er dichtete, im Anwachsen und Ansteigen seiner Wirksamkeit, im WienerTheater in der Josephstadt" und weit darüber hinaus auf vielen Gastspielreisen bis nach München und Berlin, nach Hamburg, sich seine Ko­mödien, seine Rollen selbst, natürlich nie °dank- bar genug für diese Doppel-Begabung, die so selten ein Schauspieler hat. Er dichtete und spielte den Bauern als Millionär", und gerade hier gelang ihm eine Szene, die in ihrer Art vielleicht einzig dasteht, nämlich den Abschied des Alters von der Jugend: wie der unbekümmerte Frohsinn in wehmütiger Erfassung des abklingenden, Daseins übergeht, das ist meisterhaft gestaltet, da steht eben vor den Zuschauern und Zuhörern ein Lebensnarr, der zu hoch griff und umpurzelt, ein Kerlchen, über das man vielleicht lachten müßte und dennoch bei­nahe weint. Gerade diese Zwischenstimmung, diese Abart eines stillen Humors, wurde Ferdinand Rai­munds besondere Kunst. Sie kehrt wieder im Hobel­liedDa streiten sich die Leut' herum", das Rai­mund selbst komponiert hat (wie auch die Melodie des Abschieds von der Jugend,Brüderlein fein.." von ihm stammt), und sie kehrt wieder in der tragi­komischen Gestalt des Rappelkopf in dem M"rchen- spielDer Alpenkönig und der Men­schenfeind", dessen LiedSo leb denn wohl, du stilles Haus!" in Raimunds Text und Musik Weltberühmtheit erlangt hat.

Aber vielleicht konnten diese Szenen und Lieder nur darum so reif und schlicht fein, weil Raimund sich nicht etwa freute, nun seine Spezialität gefun­den zu haben und nun in dieser Richtung dichtete, sondern weil sie eigentlich ganz unbewußt und, man möchte sagen: nebenbei entstanden. Als sein Haupt­ziel verfolgte Raimund immer noch und zeitlebens

die hohe Dichtkunst, an Schiller wollte er heran­reichen, als hochgebildet, als gelehrt hätte er gern gegolten. Daher die überschwenglichen Szenen und Vers-Partien, die uns öfter in seinen dramatischen Werken befremden!

Auch als Geschöpf, als Mensch, ist Raimund seines Lebens nie froh geworden. Zu wiederholten Malen hat ihm das Glück einen Strich durch feine Rechnung gemacht. So hatte er sich schließlich daran gewöhnt, ein Narr zu fein, und als das Narren­tum ausblieb, als ihm ein liebender Mensch das Leben verschönte in kummerlosen Jahren, da zau­berte er die Sorge herbei. In unglücklichsten Wahn­vorstellungen machte er seinem Leben ein Ende, seinemverpatzten Leben", wie er selberbekannte"; aber als sehnsüchtigen Widerruf dieses übertreiben­den, undankbaren Bekenntnisses kritzelte der Ster­bende aufs Papier:Zu Gott beten!"

Dr. Johannes Günther.

Zeitschriften.

Der Natursorsche r", vereint mitNa­tur und Technik" (vierteljährlich 2,50 Mark, Einzel­heft 1 Mark. Hugo Bermühler Verlag, Berlin- Lichterfelde) bringt seine September-Nummer als Herbstheft heraus. So erzählt Dr. Heck über das Photographieren von Rotwild in freier Wildbahn und bringt damit für alle Naturfreunde und Licht­bildner willkommene Anregungen. Besonders zeit­gemäß ist auch der bebilderte Aufsatz des bekannten Pilzkenners Stndjenrat Br. Hennia über unsere heimischen Giftpilze, der eine übersichtliche Liste der zahlreichen, viel zu wenig bekannten giftigen Ar­ten bringt. Professor Dr. Haempel veröffentlicht zum ersten Male seine Entdeckung, wie man Fische als Testobjekte für Hormone verwenden kann. Zum Thema der menschlichen Erbforschung spricht Ober­arzt Dr. meä. Hans Bürger-Prinz in seiner auf­schlußreichen Abhandlung über hohe Begabungen und Erbbiologie. Der Physiker Dr. Erich Schneider berichtet unter Beifügung übersichtlicher Zeichnungen über die neuesten Ergebnisse der Kernphysik. Aus dem Gebiete der Technik und Wissenschaft behan­delt Direktor Storch an Hand aufschlußreicher Ab­bildungen das neue Siemens-Farbfilmverfahren für Kinoprojektion. Forschungsergebnisse und kleine Beiträge enthält das neue Heft wieder aus allen! Gebieten der Naturwissenschaften, so daß der Leser dauernd auf dem Laufenden bleibt. Eine herbstliche Anregung zur Naturbeobachtung bringt diesmal Professor Dr. Schoenichen. Die Bücherschau, die Zusammenstellung der Neuerscheinungen, sowie die Preisfrage schließen das schön ausgestattete Herbst­heft des'Naturforschers" ab.

Gastspiel Henny Porten im Gießener Stadttheater.

Im Stadttheater gab gestern abend Henny Por­ten ihr zweites Gastspiel in diesem Jahre. Wir und mit uns gewiß viele Freunde der liebens­würdigen Künstlerin würden es begrüßt haben, wenn sie mit einem neuen Stück, in einer neuen Rolle bei uns erschienen wäre. So sahen wir noch­mals das SchauspielMaria Garland" von Zdenko von Kraft, mit dem sie sich im Januar hier vorgestellt hatte, im wesentlichen, d. h. von eini­gen Umbesetzungen abgesehen, auch die gleiche Auf­führung (Regie: Carl Heinz K l u b e r t a n z), die übrigens im ganzen diesmal nicht so frisch und ge­schlossen wirkte wie beim ersten Male, sondern stellenweise etwas schleppend und zuweilen im Ge­fühlsmäßigen ein wenig überbetont. Im Mittel­punkt natürlich, weich und sehr weiblich in Aus­druck und Haltung, anmutig und gewandt in der Führung des galanten und diplomatischen Dialog­spiels, die Porten. Den Herrn von Fagerau gab diesmal, an Stelle von Bäuerle, knapp, männlich, Fred Döderlein; Carl L a m b e r t i n machte mit verbindlicher Ritterlichkeit den französischen Obersten, Annemarie M ö r i k e, in herber Verhal­tenheit, die Dame des Hauses. Sehr herzlicher Beifall, besonders zum Schluß, galt in erster Linie dem berühmten und beliebten Gast. hth.

Robert Schumann aksNassauer".

Im Mai 1829 reifte Robert Schumann im Post­wagen von Leipzig, wo er studiert hatte, mit Willi­bald Alexis an den Rhein. Er hielt sich in Frankfurt auf, wo er am 13. Mai ankam, nach seinen eigenen Wortenfreilich etwas ärmlicher als die Deutschen Kaiser zur Krönung, aber im Herzen ebenso reich wie alle". Gleich am ersten Morgen nach feiner Ankunft fühlte Schumann eine unbezwingliche Sehnsucht, Klavier zu spielen. Da aber in seinem Gasthause natürlich kein Klavier vorhanden war, und ihm auch sonst feins zur Verfügung stand, begab er sich zum ersten besten Jnstrumentenhändler. Dort gab er sich für den Hofmeister eines jungen englischen Lords aus, der sich einen Flügel kaufen wallte. Angeblich um den Flügel auszuprobieren, spielte Schumann hier drei volle Stunden lang, begafft und beklatscht von einer sich allmählich ansammelnden Zuhörer­schaft. Dann sagte er, er würde in zwei Tagen Ant­wort geben, ob der Lord ihn kaufen würde. Da war er aber schon längst in Rüdesheim und trank Rüdes­heimer.