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Nr. 2 Erster Blatt

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186. Jahrgang

Zreitag, 3. Januar 1956

Metzener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

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25 Jahre Krieg.

Don unserem römischen E.-Korrespondenien.

Vatikan und Abessinienkonflikt.

Rom, Anfang Januar.

Sieht man vom Mächtekrieg in China und vom Burenkrieg ab, den Kämpfen, die unser unruhiges Jahrhundert einleiteten, so hätten wir bei Ausbruch des afrikanischen Krieges den dreißigjähri­gen Kriegfeiern" können, denn im September 1095 rourb der russisch-japanische Krieg beendet, der Japan das Sprungbrett zu seinem gegenwärtigen kriegerischen Vorgehen verschaffte. Da aber für Rußland auch das große Ringen in Ostasien schließlich nur ein Kolonialkrieg war, sind wir, wenn wir uns auf Europa beschränken wollen, erst bei einer fünfundzwanzigjährigen Kriegsdauer angelangt: 1911 begann der italienisch-tür­kische Krieg und damit der moderne Kampf ums Mittelmeer, der den Rest un­seres Jahrhunderts ausfüllen wird.

Krieg, nichts als Krieg. Das eben ist der Fluch dieser bösen Macht, daß sie fortzeugend Böses muß gebären. Der italienisch-türkische oder Tripoliskrieg zeugte den B a l k a n k r i e g, der Balkankrieg den Weltkrieg, der Weltkrieg den türkisch-grie­chischen Krieg, den russisch-polnischem Krieg usw. Ein böses Undsoweiter.

Seit 25 Jahren sind die italienischen Waffen in Afrika nicht mehr zur Ruhe gekommen. Unmittel­bar nach der endgültigen Unterwerfung Libyens, die in den letzten Jahren auch süd­tiroler Blutopfer forderte, begann der Auf­marsch in Abessinien. Als Kriegsgrund wurde der gleiche angegeben wie 1911: Gefährdung der italienischen Kolonien. Damals wie heute ver­leibte Italien die eroberten Gebiete ohne weiteres dem Königreich ein, ohne den Friedensschluß abzu­warten, und behandelte die trotzdem noch weiter­kämpfenden Eingeborenen als Rebellen. Immerhin hat man von dem Galgen, der damals in Europa so böses Blut machte, in Abessinien bisher keinen Gebrauch gemacht. Rom führt den Krieg mit star­ker Betonung als Befreiungskrieg, als zivilisatori­schen Kreuzzug und ist am meisten darüber erbit­tert, daß der Völkerbund diesen christlichen Charak­ter nicht anerkennen will. Umgekehrt wirft man Italien Heuchelei vor und Rom erblickt nichts an­deres in der englischen Behauptung, der Sanktions­krieg werde nur um des Genfer Rechtes wegen ge­führt. Praktisch wird in keinem Falle ein X aus dem U, e s herrscht eben Krieg.

Das Jahr 1936, das nicht minder als das ver­gangene ein Anno cruciale oder Anno fatale sein wird, ein Schicksalsjahr blutigen Ranges, beginnt mit einem Doppelkrieg, wenn nicht einem drei­fachen: dem abessinischen Feldzug, den Italien als reines Privat- und Kolonialunternehmen betrachtet wissen möchte, dem S a n k t i o n s - krieg des Völkerbunds und dem je nach dem Standpunkt schon lange, seit zwei oder 20 Jahr­hunderten im Gange befindlichen oder erst in den Geheimkabinetten rumorenden Kampf ums M i t t e l m e e r. Im Grunde genommen natürlich alles einunddasselbe. Ist es als traditionelle Hebung noch begreiflich, wenn die Staatsmänner in Fensterreden feine Unterschiede machen, so ver­steht man schlecht, daß es immer noch Leute gibt, die daran glauben. Für die armen Teufel, die ihre Spargroschen durch großzügige Währungsmani­pulationen verloren haben, kommt es auf das gleiche heraus, ob die Ursache als Inflation, De­valvation deklariert wird. Deklariert ach, lassen wir es einmal bei dem Fremdwort, es klingt so hübsch geschäftsmäßig. Und was läßt sich nicht alles unter dem DeckmantelSanktionen" verstecken, währendSühne" doch von einer zu brutalen Of­fenherzigkeit wäre. Immer taktvoll, wir wissen es ja von denReparationen" her. Wenn damals die Entente Lösegeld verlangt hätte, man denke!

So hübsch verschleiert geht es nun auch im Mit­telmeer zu. Frankreich und Italien scheinen am gleichen Strang zu ziehen, die Riesenfestungen Korsika und Sardinien aber richten ihre langen Rohre gegeneinander. Denn was auch an Augen­sand für harmlose Zeitungsleser auf den Pariser Boulevards erzeugt werden mag, es bleibt dabei, daß Frankreich immer Abessinien sagt und Deutsch­land meint. Wie übrigens nicht wenige Eng­länder auch. In allen Gesprächen, die Mussolini mit den Botschaftern der Stresafreunde führen muß, um eine Formel für die Weiterführung der Beendigung des afrikanischen Feldzuges zu finden, beginnt der entscheidende Abschnitt stets mit den Worteni m Falle, daßUnd dann ist von der unbe­teiligten, schweigenden und wachsenden Großmacht die Rede. Der Negus ist nur ein Bauer auf dem

F^^^daß"' zieht aber Frankreich doch, w'nn auch schweren Herzens, die enge Freund­schaft mit England dem Herzensbündnis mit der lateinischen Schwester vor. Und der Duce merkt bei jedem Blick auf die Landkarte, daß trotz aller schönen Worte die Welt halt doch in Suez und Gibraltar verrammelt bleibt. Schicksalhaft ist sein Ringen um Freiheit. Der Mann auf der Straße macht sich so seine Gedanken, wenn er vor den riesigen Landkarten stehenbleibt, die zur Erläute­rung des Sanktionenkrieges aufgestellt sind: Alles schwarz ringsum, nur nach dem Nordmeer geht, über Oesterreich und Ungarn hinweg die weiße, die freie Bahn. Und umgekehrt beneiben jetzt alle Politiker das aus den Fesseln des Völkerbunds be­freite Deutschland: Ihr könnt wählen wie chr wollt, ihr habt Handlungsfreiheit, aus den Verfemten oder Geduldeten von gestern seid ihr die Umworbe-

n66o8ege°bebnn!6i8 Gespräche am Drehpunkt der

Mittelmeerachse, in Rom. . ,,

Hingegen ist das Gespenst eines o f f e n en

Mittelmeerkrieges, eines kriegerischen Zusammen-

Hoffnung auf gegenseitiges Entgegenkommen.-Sanktionen bedrohen päpstliche Finanzen.

Paris, 3. Januar. (DNB. Funkspruch.) Der römische Sonderberichterstatter desJour" übermit­telt seinem Blatt die überraschende Behauptung, daß man in zuständigen Kreisen des Vatikans mit der Möglichkeit einer Regelung des abessinischen Streitfalles rechne. Bereits während der Weih­nachtstage habe man im Vatikan eine ganz neue Hoffnungsfreudigkeit an den Tag gelegt, nachdem man dort seit Monaten pessimistisch gewesen sei. Im Vatikan glaube man, Mussolini habe sich davon überzeugen lassen, daß die Rege­lung auf jeden Fall über Genf erfolgen müsse. Man glaube dort gleichfalls, daß Eden sich nicht einem neuen Plan widersetzen werde, derbescheidener" als der vorn 8. Dezember sein werde, und der als Gegenleistung für die Sicherheit der italienischen Grenzen und der ita­lienischen Unternehmungen einen Gebietsaus­tausch nicht vorsehe.

Oeuvre" schreibt, daß auch der Vatikan stark von den Sühnemaßnahmen be­troffen werde. Die Zahl der Pilger und Be­sucher sei sehr zurückgegangen. Vor allem aber hät­ten d i e Finanzen des Vatikans einen schweren Schlag erlitten. Obwohl der Vatikan ein souveräner Staat sei, verfüge er nämlich nicht über eigene Banken. Seine Gelder würden von italieni­schen Staatsbanken verwaltet, die aber kein Geld mehr vom Ausland erhielten. Ein päpst­licher Abgesandter sei deswegen bereits zweimal in Genf vorstellig geworden. Man versichere in Rom, daß Laval versprochen habe, sich für den Fall zu interessieren, um dem Vatikan eine San­der st e l lu n g zu sichern. Trotz eines Dementis des Observatore Romano" behaupte man in Rom, daß Italien und der Vatikan eine Art Clearing-Abkom­men getroffen hätten. Italien werde darin gestattet, den im Ausland fest gefrorenen Pe­ter-Pfennig zu Ankäufen zu verwen­den. Der Vatikan erhalte dafür vom italienischen Staat Lire. Das Blatt glaubt sicher zu sein, daß diese Finanzmaßnahme bereits mindestens einmal durchgeführt sei. Sicher sei auf jeden Fall, daß die katastrophale Verminderung der Einnahmen des Vatikans einen Grund mehr be­deutete, die Versöhnungsbemühungen fortzusetzen.

*

Der Peterspfennig ist* bekanntlich das finanzielle Rückgrat des Vatikans. Er war im Mittelalter eine zuerst in England dem Untertanen auferlegte Abgabe an den Papst. Die Abgabe betrug 300 Mark Silber. Jeder Freie, der Vieh im Werte von 30 Pfund besaß, mußte einen Pfennig (Denar) zahlen, den Denarius oder Census Sankti Petri. In England blieb diese Abgabe bis zur Reforma­tion bestehen, wenn sie oft auch unregelmäßig ober auch nur zum Teil entrichtet wurde. Nach dem Vorbilde Englands wurde eine solche Abgabe seit dem 12. Jahrhundert auch in Dänemark, Polen, Schweden und Norwegen, später vorübergehend auch im Ordenslande Preußen erhoben. Der heutige Peterspfennig war anfangs eine freiwillige Liebes­gabe für den bedrängten Papst, als 1860 ein gro­ßer Teil des Kirchenstaates an das geeinte Italien verloren ging. In Oesterreich, dann auch in Irland wurde er damals aufgebracht. Er ist dann allge­mein geworden und diente feit dem Ende der welt­lichen Herrschaft des Papstes und der Ablehnung der im italienischen Garantiegesetz vorgesehenen Rente für den päpstlichen Haushalt und die Kir­chenverwaltung. lieber die Höhe der aufgebrachten Summen gehen die Meinungen stark auseinander. Seit dem französischen Kulturkampf sind die Ein­nahmen stark zurückgegangen und sollen nur noch 2 bis 3 Millionen betragen haben.

Nach den Lateranoerträgen zwischen dem faschi­stischen Italien und der Kurie ist zwar der Vati­kanstaat von Italien in jeder Hinsicht unabhängig und bildet ein Staatswesen mit eigener Hoheit. Aber der Staat, der nur etwas mehr als 500 Ein­wohner zählt, besitzt keine eigene Bankver­bindung. Bisher war es die Banca Com- merziaie Italiana in Rom, die sich mit den ausländischen Transaktionen des Vatikans beschäf­tigte, ein Unternehmen, das unter der Kontrolle des

italienischen Staates steht. Im Innern Italiens war die Banca di Santo Spirito (Die Bank des Heiligen Geistes) mit der Wahrnehmung der Ge­schäfte des Vatikanstaates betraut. Auch diese Bank liegt jedoch außerhalb der Mauern des Vatikans und gehört völkerrechtlich zu Italien. Die Tatsache nun, daß es den Völkerbundsstaaten untersagt ist, Zahlungen nach Italien zu überweisen, hat auto­matisch auch die Zuwendungen an den

Heiligen Stuhl betroffen, dessen Einnahmen seit dem 15. November geradezu katastrophal zu- sammengeschmolzen sind. Der päpstliche Nuntius in Bern' soll bereits beim Völkerbundsekretariat vor­stellig geworden sein, um eine Milderung der be­stehenden Bestimmungen durchzusetzen. Jedoch scheint seine Aktion bisher vergeblich gewesen zu sein, obwohl gerade Laval sich für die Interessen des Heiligen Stuhles eingesetzt haben soll.

Erhöhte Aufmerksamkeit an der ägyptisch-libyschen Grenze.

Britische Verstärkung der Grenzgarnison. Eine kriegerische Neujahrsfeier.

London, 3. Jan. (DNB. Funkspr.) In einer Meldung aus Sollum berichtet Reuter über die m i - litärischen Vorsichtsmaßnahmen aus b ei b e n Seiten der ägyptisch-libyschen Grenze. Danach sollen italienische Wachen Tag und Nacht auf den Dächern der Forts stehen und Aus­schau nach irgendwelchen Bewegungen auf der ägyptischen Seite halten. Truppen des ägyptischen Kamelreiterkorps, die auf den Hügeln verteilt seien, beobachten ihrerseits die italienischen Drahtverhaue. Jedesmal wenn in der Nähe von Sollum eine Truppenbewegung vor sich gehe, steige ein italienisches Erkundungs­flugzeug auf, das sich jedoch sorgfältig auf der libyschen Seite der Grenze halte. Der Korrespon­dent meldet weiter, daß am Neujahrsmorgen

Hebungen britischer und ägyptischer Truppen mit Panzerwagen und Lastwagen statt­gefunden hätten. Den italienischen Grenzposten sei auf eine Anfrage gesagt worden, daß es sich nur um eine Neujahrsfeierlichkeit handle. Das Schicksal von Sollum im Falle eines Angriffs vom Westen fei ungewiß. Bisher fei Sollum nur von einem ägyptischen Infanterie-Bataillon bewacht worden. Man habe angenommen, daß ein italieni­scher Vormarsch aus der Cyrenaika erst bei Mersa Matruh, also 240 Kilometer von der Grenze entfernt, auf Widerstand stoßen würde. Während der letzten 14 Tage feien jedoch britische Verstärkungen in Sollum ein­getroffen.

Das Bombardement von Doklo.

Staatssekretär Suvich spricht mit dem schwedischen Gesandten.-Die römische presse droht den Abessiniern mit verschärften Vergeltungsmaßnahmen.

Rom, 2. Jan. (DNB.) Wie amtlich bekannt­gegeben wird, hat Staatssekretär Suvich am Neu­jahrstag den schwedischen Gesandten zu sich gebeten, um ihm von den italienischen Fest­stellungen über das in der Gegend von Dolo durchgeführte Luftbombardement, bei dem der Direktor der schwedischen Roten-Kreuz-Abtei- lung verwundet worden sei, Mitteilungen zu machen.Eine Aktion zur Bombardierung der abessinischen Somalifront", so heißt es in dem amt­lichen Bericht,war als Vergeltungsmaß­nahme gegen die von Abessiniern an italienischen Gefallenen und Gefangenen verübten Grausam­keiten angeordnet worden. In der Umgebung von Dolo hatte das Bombardement eine Gruppe bewaffneter Abessinier und einige Zelte zum Ziel, die, wie sich ergeben hatte, dem abessinischen Kom­mando gehörten. Es scheint, daß eine Bombe in der Nähe des Feldlazaretts eingeschlagen und dessen Direktor Dr. Fritz Jlander verletzt hat." Unter dem Ausdruck des Bedauerns über die Verwundung des Lazarett­arztes hat Staatssekretär Suoich die Aufmerksam­keit des schwedischen Gesandten auf die tenden­ziösen Darstellungen gelenkt, die von dem Vorgang gegeben worden sind, um die öffentliche Meinung Schwedens irre zu führen.

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Aus einer weiteren amtlichen Mitteilung geht hervor, daß das Bombardement von Dolo als Vergeltungsmaßnahme dafür gedacht war, daß die Abessinier den in Gefangenschaft ge­ratenen italienischen Fliegerleutnant M i n n i t i geköpft hatten. Deshalb wurde gleichzeitig mit den Bomben ein Flugblatt folgenden Inhalts abgeworfen:Ihr habt ein en unserer Flie- a e r, der in Gefangenschaft geriet, getötet, indem Ihr ihm den Kopf abgeschlagen habt. Ob der Mißachtung aller menschlichen und internatio­nalen Gesetze, auf Grund deren Gefangene un- ! verletzlich sind und mit Achtung behandelt wer­

den müssen, erhaltet Ihr dafür das, was Ihr verdient."Giornale d'Jtalia" schreibt: Da das Leben der Italiener und ihrer Schützlinge in keiner Weise von den Abessiniern geschont werde, könne es für das Leben der Abessinier keine Gnade mehr geben. Die heutige Vergeltungs­maßnahme für die Ermordung eines italienischen Fliegers genüge nicht mehr.Lavore Fas- cifta" spricht dann offen von der Anwendung dermodernsten und mörderischsten Kriegsmittel", von denen bisher Italien Ab­stand genommen habe.

Sm Bericht

des schwedischen Konsuls.

Stockholm, 2. Jan. (DNB.) Vom schwedischen Konsul in Addis Abeba traf Donnerstag mittag im Auswärtigen Amt folgendes Telegramm ein. Die letzten amtlichen Nachrichten besagen, das das schwedische Rote-Kreuz-Lager, das It. der Konvention gekennzeichnet war, am 30. Dezem­ber bombardiert wurde. Die Kranken­zelte wurden mit Maschinengewehren beschossen. Dr. Hylander erlitt rechtsseitige Verletzungen, ein anderer Schwede erlitt Kieferver- letzungen. Die übrigen Landsleute sind u n - verletzt.

Nach dem jetzt in Addis Ab e b a eingetroffe­nen Bericht des Ras Desta über die Bomben­abwürfe am 30. Dezember, bei denen auch das Lager des schwedischen Roten Kreuzes getroffen wurde, waren an dem Angriff zwölf italie­nische Flugzeuge beteiligt. Der Verband­platz wurde in 300 Meter Höhe überflo­gen. In dem Bericht wird ferner mitgeteilt, daß 28 verwundete Abessinier, die dort ge­pflegt wurden, getötet worden sind. Die Zahl der verwundeten abessinischen Krieger wird mit etwa 50 angegeben.

stoßes mit England, nirgends aufzuspüren. Merk­würdig, daß es im englischen Unterhaus so oft an die Wand gemalt wird, von der Weltpresse ganz zu schweigen. So fehl am Platze im vorigen Jahr der Optimismus war, so unberechtigt scheint heute diese Schwarzseherei. Es müßte erst noch bewiesen werden, daß Mussolini die Verhängung der Oel- sperre als einen feindseligen Akt bezeichnet habe, und wenn es so wäre, warum 'dann das Fest­beißen auf die Formeln der Kriegsetikette, die doch durch die Abschaffung des Ultimatums und der Kriegserklärung gänzlich beseitigt wurde?

Auch übersehen die Kriegsgläubigen, daß Italien schwerlich einen Krieg in Europa führen könnte, wenn seine Heere schon durch Oelmangel in Afrika lahmgelegt werden. Und gar einen Krieg gegen England und Abessinien? Womöglich noch dazu gegen einige Völkerbundsstaaten? Das heißt denn doch die Wehrkraft Roms über- und die Klugheit Mussolinis unterschätzen. Wenn schon Staatsmänner den Teufel hinmalen, um einen Ruckzug ZU ver­schleiern ober die Wirkungslosigkeit einer Maß­nahme zu beschönigen, so sollte wenigstens der 'äeitunqsleser nüchtern bleiben. Kein Grund »ur Panik vorhanden! An den Krieg als Dauer­zustand werden wir uns wohl oder übel gewöhnen

müssen, und daß aus den 25 Jahren 30 werden, ist auch möglich, aber mit dem Gedanken einer nahen Wiederholung der europäischen Katastrophe braucht man deswegen noch nicht zu spielen.

Militärische Unterstühung nur für den besonderen Fall des Abessinienkonflikts.

London, 2. Jan. (DNB.) In London wird i n Abrede gestellt, daß die französische Regierung das britische Kabinett um die Versicherung militärischer Unter st ützung für Fälle er­sucht hat, die nichts mit den Möglichkeiten zu tun haben, die sich unter Umständen aus der Erzwin­gung de r Sühnemaßnahmen im italienisch- abessinischen Konflikt ergeben könnten. Die Bespre­chungen zwischen den französischen und britischen Be­hörden bezögen sich einzig und allein auf den erwähnten Konflikt und auf den Fall, daß ein Land, das die Entscheidung des Völkerbun­des ausführe, für Vergeltungsmaßnahmen heraus- gesucht werde.

Vernunft gegen Leidenschaft."

Eine französische Mahnung an Italien.

Paris, 3. Jan. (DNB. Funkspruch.) Der Vor- sitzende des großen linksstehenden französischen Frontkämpfer-VerbandesUnion Föderale", Henry Pichot, richtet in einem Zeitungsaufsatz einen Appell an die italienische Vernunft. Aus Italien kämen Warnungen, wenn nicht gar Drohungen verhüllter oder unverhüllter Natur an die Adresse Frankreichs. Dies sei weder korrekt noch vornehm und könne keinen Erfolg haben. Man müsse sich weniger oft fragen, ob Frankreich seine Freundschaft gegenüber Italien halte, sondern viel­mehr, ob Italien zur Freundschaft gegenüber Frankreich stehe. Die Frage, ob es möglich sei, daß Mussolini der Mann sei, der sein Land, Frankreich und weitere Staaten i n einen europäischen Krieg stürze, wo­bei Italien ein ungewöhnliches Risiko eingehe, könne heute mitJa" beantwortet werden. Ein großes Kolonialland, wie z. B. Frankreich, könne nicht glauben, daß die Eroberung Abessiniens für Italien eine Frage auf Leben ober Tod sei. Die Italiener trieben seldst das Drama auf