Nr.M Viertes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Mittwoch, 29. Mai 1935
Junge deutsche Nation.
Gradeaus!
Von Herybert Menzel.
Heber die Zäune und über die Mauern, Heber die Gräben! So war es uns Spiel. Heber die Zäune und über die Mauern Setzen wir weiter! Hns leuchtet das Ziel!
Jugend ist stürmisch, und Jugend umgeht nicht. Was sich ihr hindernd entgegenstellt!
Jugend will eignen Wetz, Jugend versteht nicht Altes Verwehren in malgrüner Welt.
Heber die Zäune und über die Mauern!
Fahne will Wind, und der Mut sucht Gefahr.
Wir haben Schwung, und wir woll'n nicht vertrauern Hinter den Gittern „Noch nicht!" und „Nicht wahr!"
Euer das Gestern, doch unser das Morgen, Jugend kann fliegen, da ihr nur noch hinkt! Jugend kann lachen, so lacht sie der Sorgen, Da doch die hellere Zukunft schon winkt!
Tempo! Tempo!
Aufzeichnungen eines Jungvolk- prefsewartes
Vergraben zwischen riesigen Stößen Papier sitze ich an meinem Tisch. Bearbeite Blatt nach Blatt, während drüben die Schreibmaschinen klappern, Menschen kommen und gehen. „Bericht vom Stammaufmarsch" — „Bericht von der Fähnlein- fahrt". Zum Verrücktwerden, kein vernünftiges Zeug, immer solcher abgedroschener Kram! Vor und hinter mir arbeiten die Kameraden des Jungbannstabes. Da ist Fritz, er ist Verwaltungsmensch. Das ist nach meinem Empfinden die blödeste Arbeit: riesige Aufstellungen, nicht endenwollende Tabellen, Abrechnungen, Quittungen, Belege, bezahlt, noch offen, das ist sein Arbeitsbereich. Ich bedaure ihn. Rolf, der „Adju" des Jungbannführers, sichtet die Eingänge: Beschwerden, Gesuche, Meldungen. Nur das Wichtigste erhält der Jungbannführer. Sonst würde der überhaupt nie fertig. In der Ecke steht der große Mappenschrank. Mappe neben Mappe: „Verordnungsblätter der RIF." — „Verkehr mit PO." — „Stamm III" — „Beschwerden".
Es ist ein pfundiger Geist in unserem Stab. Da ist Horst, von der Abteilung Schulung. Der ist ganz nobel, verdient einen Batzen Geld und bringt stets etwas mit. Aber nicht nur deswegen ist er beliebt. Auf der Fahrt ist Horst der wildeste und kühnste. — Da ist Rudi von der Abteilung Ertüchtigung, eine Sportskanone, dem so leicht niemand gleich- kommt. Fritz, unser Verwaltungsmann, ist nur außerdiestnlich beliebt, denn er quält die Menschen immer wegen noch offener Rechnungen. Und nun unser „Alter", der Jungbannführer. Im Dienst ist er streng und genau.
Aber ich sitze immer noch. „Früh 9 Hhr stellten wir uns auf und zogen los in Richtung ..." Das ist nichts. Weg! Der Papierkorb ist voll bis obenan. Es klopft. Alfred schiebt die Klappe hoch. Eine Frau ist es, sie kommt wegen ihres Jungen und will zum Jungbannführer. Alfred meldet sie an, dann wird sie eingelassen. Gesprächsfetzen dringen zu uns herüber. Jugendwo ist Streit und Zank gewesen. Was geschieht nicht alles in einem so großen Jungbann! Die Frau geht wieder. Inzwischen ist em Stammführer da, der zum „Alten" bestellt ist. Hier dauert es nicht lange. Mit rotem Kopf kommt der heraus, sagt nur „Strafurlaub" und geht. Post kommt. Alfred sitzt beim „Alten", der diktiert: „Wir bitten um Ueberlassung Ihres Grundstückes in der Zeit vom 10. bis 15. für ein großes Zeltlager ...
Ich renne ein paarmal im Zimmer auf und ab, dann setze ich mich wieder. Heute abend noch muß die Jugendbeilage im Tageblatt vorliegen, und nichts Gescheites da. Da muß ich eben selbst was schreiben. Ich beginne, streiche alles wieder durch. Nach zehn Versuchen komme ich in den richtigen Stil. Nicht lange dauert es, da liegt ein kleiner Artikel vor mir, irgendeine Sache, die ich da mal aus Fahrt erlebt habe. Ich gebe den Bogen Horst zum Durchlesen. „Na ja", meint er, was bedeuten soll: „Laß mich mit deinem Kohl in Ruhe." Ja, einen
Artikel hätte ich, das ist aber viel zu wenig. Also noch mehr und weiter suchen.
Stunden sind vergangen. Eine fertige Beilage liegt vor mir. Sogar zwei Bilder habe ich. Ich haste durch die Straßen. Steige die schmale Stiege zur Redaktion hinauf. Schriftleiter Koch, der unsere Jugendbeilage bearbeitet, begrüßt mich herzlich. Wir verstehen uns gut und kennen uns seit länger. Er freut sich, daß ich ihn nicht im Stich gelassen habe. „Gar keine Zeit heute, muß noch zu einem Werbeabend, Herr Koch" — „Also, Heil Hitler, bis Donnerstag zum Umbruch". Ich komme atemringend wieder zur Jungbanngeschäftsstelle. Unser „Alter" hat sich gerade fertiggemacht. — „Du, Haku, du fährst gleich mit mir!" „Ist mir recht." Draußen steigen wir auf unsere Jungbannmaschine. Der „Alte" tritt an, kräftig zieht die Maschine, und in rascher Fahrt geht's los Wir steigen die Treppe zum Saal hinauf. Rechts und links stehen Jung- volkjungen. Es ist höchste Zeit, drinnen beginnen sie gerade. Ein hellerleuchteter Saal, der bis auf den letzten Platz besetzt ist Wir nehmen ganz vorn an einem Tisch Platz, wo fich alle Ehrengäste niedergelassen haben. Auch die Vertreter der Zeitungen sind erschienen. Sofort wieder Dienstgespräche. Sie wollen dies und jenes wissen und kritzeln alles in ihren Block. Sie fragen, schreiben und fragen. Alle Pressemenschen machen das so.
Fanfarenstöße lassen uns aufsehen. Im Nu verstummen alle Gespräche. Es wird ganz sttll im Saal. Die Beleuchtung wird vermindert. Der Vorhang geht auf, und im grellen Licht sehen wir eine Schar brauner Jungen. Kraftvoll, breitbeinig stehen sie da. Gute Haltung, die Hemdsärmel sind heraufgerollt. Sie stehen unbeweglich. Sie singen. Eines der wuchtigen Lieder, die wir auf der Fahrt, im Lager oder im Heim fingen. Szene folgte auf Szene.
Der Abend ist aus. Die Menschen strömen hinaus An den Ausgängen stehen auf einmal Jungen mit Sammelbüchsen da. Groschen nach Groschen fällt hinein. Draußen verabschiede ich mich von den Pressevertretern. Sie haben ihre Anerkenung zu diesem Abend ausgesprochen Es war ein voller Erfolg. „Es ist was völlig Neues, etwas, das wir bisher nicht kannten, das zeigte das Jungvolk heute abend", sagte mir der eine Berichterstatter.
Ich sitze schon wieder auf dem Sozius. Wir rasen zurück an die Stadt. Ich muß noch einmal in die Jungbanngeschäftsstelle. Es ist zwar schon 11 Uhr, aber der Bericht von diesem Abend muß unbedingt noch heute abend ans Gebiet abgeschickt werden. Ich bin der einzige, der noch zu dieser Stunde in den Arbeitsräumen des Jugendhauses auf der Schreibmaschine klappert. Der „Alte" sitzt in feinem Zimmer. Er hat auch noch zu tun. Es ist gegen 1 Uhr, als wir gehen.
So lebt der Pimpf in seinem Zeltlager.
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Auf dem Hochschul-Sportplatz der Avus in Berlin hatte das Berliner Jungvolk ein Musterlager auf- gebaut, um Eltern, Angehörigen und Freunden zu zeigen, wie sie in ihren Lagern leben. Hier bläst ein Pimpf vor seinem Zelt zum Sammeln.
Kanufahrt im Mai.
So um April, Mai herum stellen sich bei mir fahrplanmäßig die Sorgen für den Sommer ein: „Womit werden wir unsere Wasserfahrten machen?" Damit sah es allerdings übel aus, nachdem mein altes Paddelboot in Bruch gegangen war. Also mußte ich sehen, wo ich ein neues Boot herbekam. Endlich fand ich das Gewünschte. Der Handel wurde getätigt und das Boot zu Wasser gebracht. Ich drahtete daraufhin nach Beuthen: „Pampi! Komme feldmarschmäßig ausgerüstet, um Boot 12 Kilometer oderaufwärts nach Beuthen zu bringen."
Pampi kam feldmarschmäßig ausgerüstet. Es war zum Lachen. Ein Rucksack und eine vollgepfropfte Faltbootstabtasche. Das war sein ganzes „Handgepäck". Wir gingen zum Hafen, wo mein neues Boot im Wasser lag. Wir hatten bannig großen Mut, wenn es auch kalter April war. Wir mußten eben das Boot nach Beuthen bringen. So gingen mir daran, die vielen Sachen fachmännisch im Boot zu verstauen.
Schließlich fanden wir zwischen den Sachen doch noch zwei Sitzplätze und „stachen in See". Die Kiste schaukelte bedenklich. Vollgepropft und hoch mit Gepäck beloben, ließ sie sich kaum vorwärts bringen, obschon wir gleich unser zackigstes Tempo los- löffelten. April bleibt eben April. Als es anfing zu regnen und die Oder mit Windstärke 11 ging, schlugen wir uns gegenseitig vor, umzudrehen und die Eisenbahn zur Heimfahrt zu benutzen.---
Gott sei Dank! Im Hasen war keiner der alten Zuschauer mehr zu sehen. Als sich aber wieder neue ansammelten, gaben wir durch geistreiche Randbemerkungen zu verstehen, wie schön es doch auf der großen Fahrt von Breslau bis hierher gewesen sei. Da sahen wir offene Mäuler und mächtiges Grinsen und gaben dabei gar nicht mal an.
So endete die Bootsfahrt im Mai äußerst trocken in der Eisenbahn! Als wir alle Lieder auf der Mundharmonika heruntergespielt hatten und Pampi ttübselig werden wollte, strich ich mir würdevoll den Bart und sprach: „Bruderherz, wir haben heute etwas durch Erfahrung gelernt. Jeder Junge, der in dieser Zeit auf Kanufahrt gehen will, sollte wissen, daß man ein Boot erst im Wasser ausprobieren muß, wenn man es kaufen möchte, und daß man mit dem Zollstöckchen zuerst nachsehen muß, ob es nach einem vernünftigen, mitteleuropäischen Schnittmusterbogen gebaut ist!" Diesen großen Ausspruch tat Friederich, der Pirat.
Vater pelle beim Elternabend.
Vater Pelle war immer etwas mißtrauisch gewesen gegen das, was sein junger Sohn, der so ganz aus der Art geschlagen schien, eigentlich in der HI. trieb.
Nein, das hatte er früher nicht getan, als er Schlosserlehrling war. Jetzt ist Papa Pelle Invalide und will sich einen geruhsamen Lebensabend machen. Wenn nur der Junge nicht immer... Jetzt sogar hat man noch seine Sorgen. Ja, das Fritzchen. Vater Pelle würde es lieber sehen, wenn er ein bißchen mehr ruhen würde. 'Aber Ruhe hat der Hitlerjunge Fritz nicht. Bewegung muß der haben. Immer Dienst am Abend. Ist denn zweimal in der Woche viel Dienst? „Nein", sagt Fritz. „Doch", sagt Papa Pelle. „Aber ich mache doch Dienst gern!" „Ja, wenn schon", sagt auch die Mutter, „du kommst aber immer erst um 18 Uhr von der Arbeit, und dann immer triefe Hetzerei..."
Am anderen Abend kommt Fritz strahlend vom Dienst. „Was meinst du, Vater, nächste Woche Elternabend? Da siehste mal, was wir treiben im Spiel- und Heimabend."
Vater und Mutter Pelle sitzen auch im Saal. Das sollte mal was Richtiges geben. Na ja, er wollte schon heute abend mit Fritz zu Hause kritisieren.
Dann war der Fahneneinmarsch der Jungen. (Stramme Bengels, sagt sich Vater Pelle im stillen, wollen mal sehen. Ein Fahnenlied fangen die Jungen. In Ordnung, dachte der Papa. In Ordnung, sagte Fritz ja auch immer.
Eine Prinzessin und ein Königreich.
Deutsche Landmädel beim Stegreifspiel.
Wir stürmten die Treppe unserer BdM.-Führe- rinnenschule hinauf in die Zimmer. Eben war uns ein wunderschönes Märchen erzählt worden, das sollten wir nun in einer Viertelstunde als Stegreifspiel bringen. Ein fieberhaftes Suchen, Lausen, Anpassen und Umziehen begann ...
Noch nie war in unserem Lehrgang solch eine Aufregung gewesen. Das ist ja erklärlich, denn wir Landmädel hatten noch niemals beim«Stegreifspiel mitgemacht, und nun sollte in 15 Minuten eine jede von uns einen König, eine Prinzessin, eine Magd oder Hofdame spielen.
Drüben im Zimmer „Allenstein sah es schlimm aus Die hohen Fenster waren der schonen, hier selbstgewebten Vorhänge beraubt und starrten nun dunkel und kahl in die Weite. In „Braunsberg durchsuchte Lena verzweifelt das Ammer nach einem Marschallstab; und Emmi aus „Danzig putzte vor Aufregung dauernd ihre Brille.
Nur in „Seeburg" herrschte Grabesstille — xoe 1 von dort alles nach „Wartenburg ubergesiedelt war, wo nun Hochbetrieb herrschte. Hilde zerrte verzweifelt an ihrer Trainingshose und dachte laut: „Hätte ich doch nur Vaters alte Jacke hier ...
Aber viel Zeit zum Heberlegen war nicht, also rasch hinunter in die Küche zur Plättkammer. Dort erwischte sie endlich eine alte Jacke, die besonders linksseitig gut zu gebrauchen war. Eine Schirmmütze wurde dem alten Milchmann roegorganiftert
. So, und jetzt nur noch ... hach, da gongte es schon! Ein Page öffnete weit die Tür, und wir waren in unserem Märchenreich:
Eine Anzahl Untertanen sitzen malerisch verteilt auf Bänken und Kissen. Hoheitsvoll rauscht die Königin herein, lichte Gewänder (die geraubten Vorhänge) umwallen ihre Gestalt. Seine Majestät der König folgt ihr würdig und gemessen, und endlich, blond, langzöpfig, zierlich, die kleine Prinzessin .,. Hofdamen, der Hofmatschall — ganx Würde. Auf allen aber lastet die Trauer über die schreckliche Krankheit der Prinzessin, die irgendeine Sehnsucht im Herzen trägt und nicht weiß, wonach. Es
gelüstet sie nicht nach Bratkartoffeln, nicht nach Bohnenkaffee und auch nicht nach Roggenmus ...
Ein Aufruf des Königs verspricht dem, der sie zu heilen versteht, Prinzessin und Königreich. Diele schöne Prinzen versuchen ihr Glück, aber sie enden alle im finsteren Kerker, der dem Erfolglosen bestimmt ist.
Da lebt nun irgendwo - in dem Königreich ein Bauer mit feinen Söhnen. Auch Je beschließen, der Prinzessin zu helfen: der eine ist ein berühmter Arzt, und der andere führt als großer Professor einen ganzen Wagen voller Bücher mit sich. Beide aber wandern ebenfalls ins Gefängnis, weil auch ihre Kunst nicht half.
Da verläßt der jüngste Sohn seinen Acker und seine Pferde und wandert an den Hof des Königs. Er singt der Prinzessin seine Lieder, nimmt sie mit aufs Feld, lehrt sie arbeiten: gräbt mit ihr Kartoffeln, füttert die Schweine, kurz, er zeigt ihr alles, was der Alltag auf einem Bauernhof fordert. Sie erkennt ihr bisheriges Nichtstun, lernt den Wert der Arbeit schätzen und gewinnt den Bauernburschen lieb. Der König ist glücklich über die Heilung seiner Tochter und willigt in die Hochzeit ein. —
Das ist der Inhalt des Märchens, das wir spielen sollten. Im ersten Augenblick standen wir etwas ratlos herum, weil wir glaubten, wir müßten irgend etwas Besonderes bringen, wir sollten v or- fpielen. Aber das brauchten wir ja gar nicht
Die Prinzessin ziert sich anfangs noch ein bißchen, sie ist ein wenig schüchtern; aber im Grunde genommen ist sie doch sehr stolz, daß sie die Prinzessin sein darf; man sieht das an ihren leuchtenden Augen. Ich soll der Bauernbursche sein. — Nun soll ich sprechen — ja, was sage ich da nur?
Ich denke an meinen Bruder, wenn der etwas erzählt, breit, langsam und rauh — ich sehe ihn über den Hof gehen, er nimmt lange Schritte, und bei jedem Schritt schiebt er einmal die linke und dann die rechte Schulter vor. Hnwillkürlich wird mein Gang auch weit und ausholend, meine Sprache dunkel und langsam.
Hnd nun kommen auch die anderen in ihr Spiel hinein, einfach, weil auch sie an Vorbilder aus dem wirklichen Leben denken, deren Gebärden, Worte nachempfinden und so gleichsam in das Spiel
hineinwachsen, so daß es echt und ungezwungen wird.
Wort reiht sich an Wort; Handlung entsteht; und wir erleben das Märchen noch einmal, indem wir es auf unsere Art neu gestalten.
Dora Kuhrke.
Pimpf schreibt einen Brief.
Nun ist Ferdi schon acht Tage von zu Hause fort, liegt mit seinen Kameraden norm Zelt und läßt sich in der Mittagspause von der Sonne bescheinen. Da muß er an zu Hause und an die Eltern denken, und auf einmal fällt ihm ein, daß es jetzt bald an der Zeit ist, einen Brief zu schreiben.
Also kauft er sich am Postzelt eine Marke und kramt dann in seinem Affen nach Briefbogen. Ganz glatt sind sie zwar beileibe nicht mehr und sauber noch viel weniger. Aber was schadet das!
Als sich Ferdi zum Schreiben zurecht rückt, kommt sein Freund Hansl hinzu und sieht ihm über die Schultern hinweg auf das Papier.
„Du, was soll man nun eigentlich schreiben?" meint Ferdi. „Es muß doch schnell gehen, und der Bogen soll aber auch voll sein." Hansl grübelt, aber sie können beide den Anfang nicht finden. Doch geschrieben muß ja was werden.
Und Ferdi schreibt:
„Liebe Eltern!"
Buchstaben für Buchstaben malt er hin. Auf dem Papier find zwar keine Linien, aber es wird trotzdem ziemlich gerade. So! „Liebe Eltern!", das hätte er nun stehen. Die Fortsetzung wird ihm schon auch noch einfallen.
Ferdi überlegt hin und her, und Hansl sitzt daneben und aähnt. Briefe schreiben sei langweilig, meint er, besonders wenn man zusieht. Ferdi seufzt nur zu dieser Feststellung und kaut energisch am Bleistift. Aber jetzt hat er s!
„Es ist hier sehr schön und das Essen sehr gut."
Aus. Fertig. Wenigstens mit dem einen Satz. Und nun? Was interessiert denn eine Mutter noch? Geländespiele, Waldläufe, Sport? Das alles aufzuführen dauert viel zu lange, das muß man erzählen. Aber daß ihn gestern fein Führer mit hinunter an den Rhein nach Zoons genommen hat, weil da vielerlei zu erledigen war und Ferdi in dem Städt
chen gut Bescheid weiß, das muß er sofort mitteilen, das ist wichtig. Also geht es weiter:
„Gestern, am Sonntag, war ich mit meinem Fähnleinführer am Rhein bei Zoons."
Ferdi ist gewiß kein Egoist, weil er sich zuerst nennt, aber wer achtet da auch gleich drauf! Und dann fließt das eben so aus dem Bleistift raus, wenn auch ziemlich langsam. Aber halt doch, bei dem Zoons fehlt ja das zweite o! Na, machen wir eben einen Strich darüber. Hoffentlich lesen die zu Hause nun nicht Zöns. Ein bißchen Geographie werden sie doch sicher noch im Kopf haben, und ein wenig Einfühlungsvermögen wahrscheinlich auch.
„Wir sind morgens um sechs Uhr vom Lager abmarschiert und waren in einer Stunde in Benrath. Von da aus sind wir mit einem Dampfer nach Zoons gefahren. Das war einfach fchnafte!"
Ferdi holt tief Luft und lacht. Sollen die aber staunen, wenn sie das lesen! Aber was soll man nun noch schreiben? Ach was, Ferdi ist schlau. Er kommt bereits zum Schluß.
„Mehr schreib' ich Euch nicht, das andere erzähl' ich lieber." Und nun kurzerhand den Gruß daruntersetzen, ist eigentlich etwas plötzlich. Also fügt Ferdi noch hinzu: „Jetzt will ich schließen, denn wir müssen gleich antreten."
Und Ferdi bemerkt zu seinem Erstaunen, daß sich die anderen schon allmählich auf den Weg machen. Auch Hansl mahnt zur Eile. Menschenkind, sitzt er denn schon bald eine Stunde an diesem Briese? Aber rasch Schluß gemacht!
Ja, und jetzt das Ende! Wie schreibt man denn da? „Herzliche Grüße Euer ..."? Unsinn, das klingt viel zu sentimental! Ferdi blickt fragend zu Hansl hinüber, der sich überhaupt kein bißchen um ihn kümmert. Dann schreibt er kurz entschlossen: „Mit deutschem Gruß — Ferdi."
Und nun ist er froh, seinen dreiviertelstundelangen Brief beendet zu haben. Es gibt nur noch eine kleine Auseinandersetzung wegen der Kommas. Hansi meint, da müßten in den einen Satz noch xroei hin, aber Ferdi ist anderer Ansicht und bleibt dabei, allen grammatischen Beweisen vollkommen unzugänglich.
„Vorhin hast du dich auch nicht um meinen Brief gekümmert, jetzt laß ihn so!"
Aber am Ende kleben sie ihn doch gemeinsam zu und bringen ihn zum Postzelt.
Kunitz.


