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$amstag,27.3uli 1935

Ir.173 Sechster Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

Tag der Ernte.

Oeuischer Bauernfleiß füllt die Scheuern Oberhessens mit reichem Erntefegen.

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führt der Bauer die Sense

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Wohlverdientes Frühstück nach harter Arbeit auf dem Feld.

Beim Garbenbinden. Auch die Jüngsten Helsen mit.

Bau bis mitten hinein in

Körner ausfallen. In der

Rasche Arbett mit der Maschine.

Auf hochbeladenen Wagen wird die Ernte eingebracht.

im Felde so bebet

Nun störet die Aehre ein leiser Hauch, wenn eine sich beugt, die andre auch.

Es ist, als ahnten sie

gestört.

Es ist nun die schönste, aber auch arbeitsreichste Zeit für den Landmann. Wohl ist manches Stück Poesie für immer dahingegangen. Fast überall hören wir die Maschinen rasseln. Sie schneiden die stolzen Halme und binden gleich die Garben. Knechte und Mägde haben sie nur noch aufzustellen. An lauen Sommerabenden hören wir in der Schmiede das Zischen der Maschinenmesser, die hier am Schleif­stein geschärft werden. Aber doch schallt auch noch aus gar manchem Hause des Dorfes das gleichmä­ßige Tack-Tack des Landmannes, der seine Sensen und Sicheln mit dem Hammer dengelt.

Früh am Morgen ziehen die Schnitter und Schnitterinnen hinaus. Es gilt, einen Teil der Arbeit zu erledigen, noch ehe die Sonne alle ihre

das Getreide fällt.

frs ist Erntezeit. Wo noch vor einigen Wochen ba grüne, wogende Getreide im Winde rauschte, lief man heute die reife Frucht.

der Sichel Schnitt Die Blumen und fremden Halme

erzittern mit. (Martin Greif.)

Getreidehausten auf Stoppelfeldern, flimmernde Luft über den Aehren, blauer Himmel und weiße Haufenwolken am Himmel fließen zum Sinnbild der Erntezeit zusammen. (Aufnahmen [6]: Neuner, Gießener Anzeiger.)

die Erntewagen hinausfahren in die Felder und den reichen Segen bergen. Dann ist die Frucht etwas angezogen", also die beste Zeit zum Ausladen.

Die Tage der Ernte sind aber nicht nur die ar­beitsreichsten, sondern auch die stolzeste Zeit für unsere Bauern. Denn nun bringen sie das ein, was nach langen Monaten unter beständiger Pflege und beinahe kann man sagen, unter Angst ge­wachsen und gereist ist. Wie oft hat der Bauer nach dem Himmel geschaut! Wird das Wetter gnädig an unfern Feldern vorübergehen? Oder wird ein grau­samer Hagelschlag alle unsere Hoffnungen vernich­ten?

Nun endlich sind die Tage der Ernte gekommen. Mit welcher Freude hat der Bauer am Sonntag feinen Acker umschritten und festgestellt, daß die Körner nun genügend hart sind und daß der Schnitt beginnen kann. Mit welcher Andacht hat er über die weite goldene Fläche geschaut!

Uralte Sitten und Gebräuche fallen uns in der Erntezeit ein. Wo sind sie geblieben? Der Ernte­kranz, das Erntebier, die letzte Garbe, die Gott zu Ehren auf dem Acker liegen bleiben mußte? Nur noch vereinzelt werden die schönen Gebräuche geübt. Aber im Herzen innen fühlt auch heute noch jeder Bauer den heißesten Dank für Gottes Gaben

Im grellsten Sonnenschein arbeiten die Bauern; was kümmert sie Hitze und Schweiß? Die schwerste Arbeit mit Freuden tun, das wird gesegnet werden. Und soll die Arbeit, die allen Volksgenossen das tägliche Brot schasst, nicht mit Freuden getan wer­den? Es gibt freilich leichtere Arbeiten, als die Frucht schneiden, einbinden und aufstellen. Da muß zugepackt werden, da darf man sich nicht vor den harten Halmen und den scharfen Disteln fürchten. Das ist eine andere Arbeit, als das Heuwenden und das Kartoffelhacken. Aber unverdrossen wird die Erntearbeit getan. Schnitter und Schnitterinnen beginnen ihr Tagwerk mit Gesang, und singend ziehen sie am Abend nach Haus.

Und sollte es nicht auch heute noch vorkommen, daß man in Not geratenen Nachbarn hilft? Gott­fried Keller erzählt in seinem wundervollen Ge­dichtSommernacht":

In meiner Heimat grünen Talen, da herrscht ein alter schöner Brauch: Wann hell die Sommersterne strahlen, der Glühwurm schimmert durch den Strauch, dann geht ein Flüstern und ein Winken, das sich dem Aehrenfelde naht, dann geht ein nächtlich Silberblinken von Sicheln durch die golbne Saat.

Das sind die Burschen jung und wacker, die sammeln sich im Feld zuhauf und suchen den gereiften Acker der Witwe oder Waise auf, die keines Vaters, keiner Brüder und keines Knechtes Hilfe weiß ihr schneiden sie den Segen nieder, die reinste Lust ziert ihren Fleiß.

Kraft entfaltet. Schon stellen sie sich in einer Reihe auf, die Mäher mit der Sense, deren Schärfe noch einmal geprüft wird, und dem Wetzstein, der aus dem Blechgefäß am Gürtel hervorlugt. Dann be­ginnt die Arbeit der nimmermüden Hände.

Walt's Gott!" sagte der Bauer, als er die erste Frucht im Herbste aussäte.Walt's Gott!" sagt er in diesen Tagen beim ersten Sensenschnitt; denn der Bauer ist der vorderste in der Reihe der Schnitter.

Die Sensen tun gleichmäßig ihre Arbeit. Lang-

Und so bleiben die Getreidehaufen stehen, bis Tage kommen, an denen die Sonne nicht mehr so heiß brennt, damit beim Ausladen nicht gar so viele ~ 1 Morgensrühe sieht man

wagen sich mit ihrem _ den Fruchtacker. Hier sind sie ja viele Monate un-

Qenn wir eben durch die deutschen Lande man- im, grüßen uns beiderseits der Landstraße öte goldenen Getreidefelder.

Es wogt das Korn im Sonnenbrand, darüber die Glocken schallen Sei mir gegrüßt, mein deutsches Land, du schönstes Land von allen!

(Schönaich-Carolath.)

ßdnser täglich Brot ist gewachsen und steht nun oe reife Frucht vor uns. Kein Unwetter hat die fnne geknickt und die Aehren auf die Erde ge- b:L-ft. Aufrecht, nur gebeugt durch die Schwere der fljmer, erwarten sie zum Teil noch die Schnitter.

2ie Felder sind stiller geworden. Die Singvogel Hni lange nicht mehr so lebendig wie im Vorsom-

Nur die Lerche schwingt sich unverdrossen von dir Erde in die Luft und trillert ihr Lied. Langst ift ihr Nest im Kornacker, in dem sie ihre Brut auf- zeg verlassen. Die Jungen fliegen schon und singen

Wenn wir an den Getreideäckern hinwandeln, form strömt uns der Duft der reifen Aehren ent- g-g-n. Die ganze Luft ist erfüllt baoon Unwillkür­lich flüstern wir: Unser täglich Brot!

(am sinken die Halme und legen sich auf ihre noch stehenden Kameraden. Aber flinke Schnitterinnen nehmen mit ihren Sicheln die abgemähten Halme weg. Strohseile liegen schon bereit. Bald sind die Garben gebunden und werden, wenn der ganze Acker geschnitten ist, zu Haufen zusammengestellt. Das geschieht meistens um die Abendzeit. Ist das Wetter so, daß man Regen befürchtet, dann werden auf diese Haufen besondere Hüte aufgesetzt. Das ganze Bild hat sich im Laufe eines Tages geändert. Wo am Morgen noch die Halme im Winde rausch­ten, da stehen nun dieHausten", die Aehren wohl­geborgen unter dem schützenden Hute. Für Kinder ist das der schönste Aufenthalt an heißen Tagen und beim Versteckspiel.

2ms meiner Jugendzeit ist mir ein Pfad in Gr­ün rung geblieben, der gleich hinter den letzten Steuern begann und dann quer durch die Felder filmte. Dieser Fußpfad durchschnitt die Aecker m btr Mitte. In jedem Frühjahr wurde er umge- ö[ixit, aber nach wenigen tagen war er wieder hit.etreten. Das war ein altes Recht, dieser Pfad, ml niemand nahm Anstoß daran. Wenn nun in Wum Teil des Feldes das Korn heranwuchs, dann m en die Menschen auf dem schmalen Pfade rote ir rinem Walde. Rechts und links ragten die (f[ nten Halme in die Höhe, und nur ganz große fenner ober Frauen konnten über das Feld weg-

Für uns Kinder war es immer gar luftig, Wt auf diesem gewundenen Pfade durch die Umfelder zu wandern, und bei Spaziergängen bet n wir immer unfern Lehrer, gerade diesen

ein3u|d)lagen. Da mufiten mir alle 'M tofeichritt marschieren. Von der ganzen Klasse s«) anan nur einige Köpfe heroorragen, die andern innen im wogenden Kornfeld verschwunden. Als tefrr kam der Lehrer. Diese Pfädchen sind lewer

alle verschwunden. Nun müssen wir uns bequemen, immer hübsch rechtwinkelig durch unsere Felder zu pilgern

Bist du schon einmal an einem Getreideacker stehen geblieben und hast gelauscht, welches Leben darin herrscht? Da sind nicht nur die bunten Blumen zwi­schen den Halmen, die uns entgegenleuchten, da wachsen auch Disteln und Ackerwinden schlingen sich um das Getreide. Das ist eine ganz große Lebens­gemeinschaft. Kinder und Städter sehen die roten und blassen Blumen gar gern, der Bauer nennt sie Untraut. Treten sie aber nicht übermäßig stark auf, dann läßt er sie ruhig stehen

Wenn der Wind über das Getreide weht, bann neigen sich bte Halme und Blumen leicht und zier­lich nach allen Seiten. Es ist so, als ob sie mitein­ander flüsterten und sich erzählten von der schönen Sommerzeit. Kommt aber ein Sturm daher gefegt, dann beugen sie sich tief, aber fest zusammenge- brängt halten sie sich gegenseitig unb stützen ein» anber, und nur erst ganz schwerer Regen oder Hagelschlag können die Halme umlegen. Und wie sie einst aufrecht standen in schönster Kameradschaft, so liegen sie nun gemeinsam auf der Erde. Aber auch hier noch wachsen sie und lassen ihre Nährstoffe hin zur Aehre wandern, daß die Körner reifen können.

Aber auch Tausende von Tieren und Tierchen leben im Getreidefeld. Unzählige Nester finden wir in der jungen Saat, die kleinen Häschen haben hier ihr Versteck, Käfer, Fliegen und Mücken kribbeln und krabbeln den ganzen Tag an den Halmen herum. Einige Mäuschen huschen über die Erde, und tief drinnen wohnt der Hamster und wartet auf feine Zeit. Die Rebhühner haben hier ihr Nest, und die scheue Wachtel ruft aus dem Getreideacker. Beim Unkrautjäten ruft sie:Bück den Rück!"Bück den Rück!" und am Morgen:Vertraudem Herrn!"Ver­trau dem Herrn!" Am Abend:Sei wohlgemut!" Sei wohlgemut!" Und wenn die Frucht reif ist und stolz im Winde rauscht, dann hört sich der Wachtelruf so an:Gott Lob und Preis!"Gott Lob und Preis!" Und wenn sie im Herbste von uns schei­det, klingt ihr Ruf:Behüt euch Gott!"Behüt euch Gott!"

Wie oft auch rauscht aus den Aeckern, die an den Wald grenzen, ein Rudel Rehe heraus! Ja, wir sahen diese Tiere schon in Weizenäckern, ganz dicht an der Hauptverkehrsstraße. Auch Füchse und Dachse