Einzelbild herunterladen

Nr.M Erster Blatt

185. Zahrgang

Donnerstag, 25. Juli 1955

Erschein» rüg llch, autzei Sonntags und Feiertags Beilagen: Die Illustriert« Gieyener Familienblätter Heimat»m Bild Die Scholl«

Monats-Vezugsprets:

Mit 4 Beilagen RM. 1.95 Ohne Illustrierte . 1.80 Zustellgebühr . -.25

Auch bei Nichterscheinen von einzelnen Nummern infolge höherer Gewalt

Aernsprechanschlüffe

anter Sammelnummer 2251 Anschrift für Drahtnach. richten Anzeiger Siesten

Postscheckkonto:

Frankfurt am Main 11686

Eichener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

druck und Verlag: vrühl'sche UniversitSt§»vuch- und Steinöruderci R. Lange in Gietzen. Zchristleitung und Seschastsftelle: Zchulftrahe 7

Annahme von Anzeigen für die Miltagsnummer bis 81 /,Uhr des Vormittags

Grundpreise für 1 mm höhe für Anzeigen von 22 mm Breite 7 Rpf., für Text- anzeigen von70mm Breite 60Rpf.,Platzvorschrift oder schwieriger Satz 25°/0 mehr

Ermäßigte Grundpreise:

Stellen-, Vereins», gemein­nützige Anzeigen sowie ein­spaltige Gelegenheitsanzei- gen 5 Rpf., Familienanzei­gen, Bäder-, Unterrichts» »l behördliche Anzeigen 6Rpf. Mengenabschlüsse Staffel B

Kür die Ostafrika-Politik des Duce.

Faschistische Sympathiekundgebungen in ganz Italien. Nie Presseangriffe gegen England und Japan halten an.

gere Zeit mit dem verfügbaren Gold das durch die Aufwendungen in Nordafrika entstandene Loch zu­stopfen, aber ob die wirtschaftlichen Kräfte Italiens für eine längere Expedition reichen, das ist die Frage, die bei der an und für sich schlechten Wirt- schafts- und Finanzlage Italiens und der Passivi­tät seiner Handelsbilanz gegenwärtig niemand be­antworten kann.

Rom, 24. Juli. (DNB.) Dienstag abend fanden in ganz Italien Volksversammlungen statt, die von den örtlichen faschistischen Verbänden veran­staltet wurden und Sympathiekundgebun­gen für den Duce und seine Ostäfrika» Politik darstellten. An zahlreichen Feiern nah­men auch die für Ostafrika mobilisierten Truppen teil. Ueberall wurden Reden gehalten, in denen die Mißachtung des ganzen Volkes für die gegenwär­tigen diplomatischen Bemühungen zum Ausdruck kam und in denen besonders auf die kürzlichen Er­klärungen des Duce hingewiesen wurde. Flam­mender Protest wurde gegen den japa­nischen Stimmungswechsel und die Auf­hebung des Waffeneinfuhrverbotes nach Abessinien durch England erhoben. Ganz besonderes Aufsehen erregte darüber hinaus die letzte Nachricht, daß England nunmehr auch die Waffen­durchfuhr durch seine Kolonialgebiete ungehindert gestatten will

Die Presse ist kaum noch geneigt, den gegenwär­tigen englisch-französischen Bemühungen irgendwel­ches Interesse zu schenken, sondern geht mit gar wicht mehr zu überbietender Schärfe zu massi­ven Angriffen gegen England über. -Für den Stil dieser Polemik ist der Artikel des o,ß a d o r o Fascista" bezeichnend. Das Blatt schreibt u. a.:Die englische Zivilisation ist im Ver­fall begriffen und durch ihren eigenen Egoismus -unheilbar verurteilt. Wenn eine Nation, wie das »gerade jetzt England tut, soweit herunterkommt, Waffenhandel mit dem barbarischen Abessinien zu treiben, um die Begierden der Schwerindustrie zu befriedigen und dadurch gleichzeitig den Weg einer Zungen Nation wie Italien zu versperren, muß offen »ausgesprochen werden, daß die Zivilisation Eng- tands zum Tode verurteilt ist." Auch in der übrigen Presse wird betont von einer feindseligen Haltung Englands gesprochen.

Die Waffenausfuhr nach Abessinien.

L o n b o n , 24. Juli. (DNB.) Das englische Kabi- mett befaßte sich am Mittwoch erneut mit der Frage der Waffenausfuhr nach Abessinien. Die Ansicht der Minister geht nach Informationen DerEoening News" dahin, daß die Waffenaus- ffuhr in gleicher Weife nach Abessinien und Italien Erlaubt sein müsse. Die Erfordernisse strikter Neutralität machten diese Haltung notwendig. Aller­dings sei eine formale Entscheidung der Regierung unwahrscheinlich, da hierdurch nur die ohnehin schon schwierige Atmosphäre noch verschlechtert wer­den könne. Auf eine Anfrage im Unterhaus er­widerte Handelsminister Runciman:In den letz­ten 4 Monaten sind keine Lizenzen irgendwelcher Art für die Ausfuhr von Waffen nach Italien oder Abessinien ausgegeben worden. Mehrere Abgeord- mete verlangten, daß in der Frage der Waffen­ausfuhr keine unterschiedliche Behandlung zwischen Abessinien und Italien stattfinden solle.

Werbestelle für abessinische Freiwillige in Jleugorf.

HERE

Hm Neuyorker Negerviertel, in Hartem, hat der ss. anafrikanische Verband ein Werbebüro eröffnet, in dem sich Neger freiwillig für Abessinien melden können, um an dem erwarteten Krieg gegen Italien teilzunehmen. Inzwischen wur­den jedoch Anwerbungen für fremde Armeen in Amerika verboten. (Weltbild-M.)

Abessinien braucht Geld.

Für den Ankauf von Waffen und Munition

London, 25. Juli (DNB. Funkspruch). Der abes­sinische Gesandte in London, Dr. Martin, äußert sich auch weiterhin mit großer Offenheit über seine Pläne. In einer Presseunterredung sagte er, er suche zunäch st zwei Millionen Pfund Sterling und dann womöglich weitere fünf Millionen Pfund aufzutreiben. Ursprünglich sollte dieses Geld für die wirtschaftliche Erschließung Abessiniens verwendet werden, aber der drohende Krieg habe jetzt den er st en Anspruch darauf. Er hoffe, die britische Regie­rung werde Kredite für den Ankauf von Waffen gewähren. In Abessinien sei eine be- sondere Kriegs st euer eingeführt worden, die etwa 5 Millionen Pfund einbringen solle. Vor allem sei Munition für Mausergewehre nötig, und zwar viel Munition, weil der Krieg vielleicht lange dauern werde. An Mausergewehren besäßen die Abessinier 100 000 bis 200 000 Stück. Von den Geschützen seien einige ineu, andere hingegen seien 1896 den Italienern bei Ädua ab-

Hur ein Wunder kann

London, 25. Juli. (DNB. Funkspruch.) Der römische Berichkerstalker desNews" Chronicle" be­richtet, es stehe fest, auch wenn es bestritten werde, daß vor genau einem Jahr hohe italienische Offiziere mit Bestürzung erfahren hätten, daß Mus­solini einen Feldzug in Abessinien plane, um einen Korridor zwischen den beiden italienischen Kolonien Somaliland und Lry- trea herzustellen. Sie hätten sich gegen diesen Plan ausgesprochen, ebenso ein an Ort und Stelle befindlicher Ausschuß. Aber Ttglien sei seit einem Jahr dem Krieg mit verhängnisvoller Stetigkeit entgegengetrieben, heute seien die italienischen For­derungen so groß, daß sogar der versöhnliche Völkerbundsrat ihnen kaum zustimmen könne. Soweit sich feststellen lasse, fordere Italien den B e - sih wertvoller und ungeheuer ausge­dehnter Ansiedlungsgebiete und die Uebernahme des Polizeidienstes in den drei oder vier Provinzen, die Abessinien gelassen werden sollten. Somit könne nur ein Wunder diesen furchtbaren Krieg verhindern. Die Italiener würden die von ihnen geforderten Opfer bringen, aber das Volk und Mussolini selbst seien unruhig. Gerade die Heftigkeit der Presseangriffe auf jede Regierung, die die Gerechtigkeit und Weisheit des Krieges anzweifle, fei der beste Beweis für diese Unruhe.

*

Der nationale R a t der britischen Ar­beiterbewegung hat eine Erklärung ver­öffentlicht, in der es heißt, der italienische Faschis­mus suche in Afrika einen Ausweg aus feinen

3lalten unter den Gesetz

Die gewaltigen Rüstungen gegen Abessinien, die Schiffstaufe und jene Summen, die für die Herstel­lung von Kriegsmaterial in Form von Rohstoff- bezügen ins Ausland gehen, haben Italien in die Zwangslage gebracht, die 40prozentigeDe- visendeckung für die umlaufenden 13,03 Milliar­den Lire aufzuheben. An und für sich wäre diese Maßnahme nicht besonders wichtig, da die Währungsdeckung allein, wie das Schicksal der ame­rikanischen und französischen Währung zeigte, nicht genügt, um eine Währung stabil zu halten: aber Italien befindet sich gewissermaßen in e i n er Zwickmühle. Es hat schon wiederholt Vorschrif­ten erlassen, um den Besitz von Gold und Silber bei Privaten in die Staatskassen zu leiten und damit seine Devisenbilanz zu entlasten. Es hat geradezu rigorose Devisenvorschriften, die trotzdem nichts hal­fen, es hat die Emissionssperre, und bei diesem jahrelangen Experimentieren ist die italienische Wirtschaft mit Ausnahme der Schwerindustrie, die direkt für Kriegszwecke arbeitet, immer mehr ver­elendet. Man darf nicht vergessen, daß der italie­nische Zwang, die Staatsfinanzen zu sanieren und gleichzeitig den Export zu stärken, auf Kosten des Exportes ging, also in einem Rückgang der Devisen­anfälle sich bemerkbar machte. Für die politischen Hoffnungen scheint der Wirtschaftskörper Italiens zu f ch w a ch zu sein. Jedenfalls ist trotz der pom- pöfen Erklärung des Obersten Faschistenrates, Ita­lien könne sich im Kriegsfälle mit allen wesentlichen Rohstoffen selbst versorgen, das Gegenteil richtig und hat zu einer Aktion geführt, die gewisser­maßen die Währungsbank für den Kriegsfall mobilisiert ohne Rücksicht auf den Ausgang

Schon vor dem abessinischen Abenteuer war Ita­lien stark verschuldet, die Lira infolgedessen unterwertig. Italien hat eine öffentliche Schuld, die am Ende des Etatsjahres, am 1. Juli 1935, sich

genommen worden. Hinzu käme noch eine Anzahl Maschinengewehre und 5 bis 10 Flugzeuge, lieber die Stärke des Heeres drückte sich der Gesandte nicht deutlich aus. Er sagte nur, alle Männer würden ihr Möglichstes tun, und die Frauen würden sie begleiten und für sie kochen und waschen.

Neuigkeiten aus Abessinien.

London, 25. Juli. (DNB. Funkspruch.) Aus Addis Abeba wird gemeldet, daß dort eine neue iatienifdje Note eingetroffen fei. Ferner wird berichtet, es habe große Heiterkeit erregt, daß die italienischen Konsuln in Harar und Gondar an der dortigen Geburtstagsfeier für den Kaiser teil­genommen hätten, während der italienische Ge­sa n d t e in Addis Abeba als einziger Diplomat dem Empfang ferngeblieben sei. Uebrigens soll auch der amerikanische Präsident Roosevelt an den Kaiser zu dessen Geburtstag herzliche Glückwnsche" gesandt haben. In Alexan­dria dauern die italienischen Ankäufe an. Mehr a l s 300 Ford - Lastkraftwagen mit Ersatzteilen sollen dort zur sofortigen Verschickung nach Eretres angekauft worden sein.

den Krieg verhindern." wirtschaftlichen, finanziellen, politischen und kultu­rellen Schwierigkeiten. Völkerbundssatzung und Kelloggpakt seien in Gefahr. Der na­tionale Arbeiterrat fordert die Regierung auf, so­fort eine öffentliche Sitzung des Völkerbundsrates zu beantragen.

Anfang nächster Woche Ratstagung in Gens.

Paris, 25. Juli (DNB.) In einer Unterredung zwischen Ministerpräsident Laval und dem Gene­ralsekretär des Völkerbundes, A v e n v l, wurde ver­einbart, daß der Völkerbundsrat in den ersten Tagen der kommenden Woche zusammentreten wird. Der genaue Tag wird am Donnerstag feftgelegt werden in einer fern­mündlichen Besprechung, die Avenol mit dem Rats­präsidenten Litwinow haben wird. Die Ein­ladungen werden am Freitag von Genf aus ver­sandt werden. Man hofft, daß die Beratungen über den abessinischen Streitfall so weit geführt werden können, daß die für den 2 5. August vor­gesehene außerordentliche Ratstagung sich erübrigen wird. Laval wird die französische Abordnung selber führen. Eden wird England vertreten.

DieTimes" schreibt, die französische Regierung wünsche ihre Freundschaft mit Italien aufrecht­zuerhalten und die diplomatische Zusammenarbeit der drei Stresa-Mächte zu sichern. Man glaube aber, daß Paris jetzt einsehe, daß Freundschaft und Zusammenarbeit nur aufrechterhalten werden könn­ten, wenn Rom weiterhin seine Verpflich­tung gemäß der V ö l k e r d u n d s s a tz u n g erfülle.

en der Kriegswirtschaft.

auf 105,39 Milliarden Lire belief. Der Fehlbetrag des letzten Jahres ist zwar auf 2,43 Milliarden Lire zurückgegangen, aber diese Besserung ist nur scheinbar, denn verschiedene Sonder-Etats sind bei der Berechnung nicht berücksichtigt und vor allem fehlt jede Angabe über die Ausgaben der ostafrika- nischen Aufwendungen. Das von der italienischen Regierung beliebte Mittel, durch Rückgriffe auf die Postsparkassen sich Mittel zu ver­schaffen, ist nicht mehr anwendbar, seitdem d i e Abhebungen überhand genommen haben, und die Deckung des laufenden Bedarfs durch Schatzwechsel so jüngst in Höhe von 1 Milliarde Lire zu 4 v. H. bei den Kreditinstituten ist eben­falls nicht beliebig zu verlängern, da die Aufnahme­fähigkeit dieser Institute nur begrenzt ist.

Unter solchen Umständen ist es nicht verwunder­lich, wenn bereits vor der neuesten Regelung sich der Kassakurs der Lira im Ausland erheblich ver­schlechterte, bis zu 9 v. H., trotzdem Interventio­nen von der Banca d'Jtalia zeitweilig vorgenom­men wurden, um den Kurs zu halten. Wesentlich aber zeigt sich, was die internationale Fi­nanz w e l t von der Lira hält, wenn man die De­portsätze für Termin-Lira betrachtet. Sie betrugen anfangs Juli noch rund 20 v. H., stiegen aber dann sprunghaft bis auf 35, mit anderen Worten: Die Lira ist eine sehr riskante Währung.

Die Gold» und Devisenbestände betrugen noch Anfang 1934 7,09 Milliarden Lire, Ende 1934 waren sie auf 5,81 zusammengeschmvlzen, und am 30. Juni 1935 wurde eine Deckung von 5,58 Mil­liarden Lire ausgeroiefen, d. h. von nur 41,60 v. H. Damit war die Aussetzung der 40proz. Gold­deckung gegeben, denn inzwischen dürfte ein wei­teres Schmelz en des Währungshor- t e s eingetreten fein. Zwar wird an der Stabilität der Währung mit dem bekannten Disagio von 8 v. H. festgehalten, man glaubt, man könne län-

Hollands Kampf um den Gulden.

Don unserem WI -Berichterstatter.

(Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!) Amsterdam, Juli 1935.

Schon seit geraumer Zeit hat die hollän- dische Regierung mit innerpolitischen Schwie» - rigfeiten zu kämpfen, die vornehmlich aus der Wirtschafts- und Währungs­lage resultieren. Die Lage hat sich nun in den letzten 48 Stunden dadurch zugespitzt, daß die Regierung Colijn in der 2. Kammer ihr Sparprogramm mit der Ver­trauensfrage verband und die Katho­liken, der stärkste Block des bisherigen Regierungslagers, der Regierung das Ver­trauen versagen. Der Artikel unseres Be­richterstatters zeigt die Hintergründe dieser Krise.

Holland steht vor einer wichtigen politischen und wirtschaftlichen Entscheidung. Die Debatten in der Zweiten Kammer über die große Sparvorlage der Regierung, durch die ein Betrag von etwa 75 Millionen Gulden im Staatshaushalt eingespart werden soll, haben einen so starken grundsätzlich­allgemeinen Charakter erhalten, daß durch ihren Ausgang die zukünftige politische- und wirtschaft­liche Entwicklung der Niederlande weitgehend be­einflußt wird.

Bereits seit verschiedenen Monaten wird in wei­ten Kreisen des Landes gegen die von der Re­gierung Colijn betriebene Politik, die bis­her eine ausgesprochen Krisenpolitik war und infolgedessen von wirtschaftlichen und finanzpoliti- schen Erwägungen beherrscht wird, Sturm gelau­fen. Die Gegner der Regierung sind hauptsächlich in den auf ausländische Absatzmärkte angewiese­nen industriellen Kreisen sowie bei der Sozialdemokratie, die in Auswirkung der zunehmenden Arbeitslosigkeit und wiederholter Lohnermäßigungen eine starke Abwanderung ihrer Anhänger befürchten muß, aber auch innerhalb der zur Regierungskoalition gehörenden Katho­lischen Staatspartei, die sowohl auf die Interessen der katholischen Jnduftrieführer als auch auf die Forderungen der katholischen Arbeiterschaft Rücksicht nehmen muß, zu finden. Sie machen gel­tend, daß die zahlreichen von demnationalen Krisenkabinett" ergriffenen Krisen- und Reglemen­tierungsmaßnahmen es nicht haben verhindern können, daß die Lage der holländischen Volkswirt­schaft und damit auch der Staatsfinanzen sich von Monat zu Monat weiter verschlechtert hat. Die von der Regierung vertretene sogenannte Anpassungspolitik wird in den erwähn­ten Kreisen schon lange heftig kritisiert, da sie die allgemein als notwendig empfundene Angleichung der holländischen Volkswirtschaft an die in den letzten Jahren völlig veränderte Struktur der Welt­wirtschaft durch eine fortgesetzte systematische Herabschraubung des Lebens st an- d a r d s sowie der Erzeugung und der Ausfuhr zu erreichen sucht und auf diese Weise von weiten Schichten der Bevölkerung große Opfer fordert.

Die eingangs erwähnte Sparvorlage stellt nun unzweifelhaft einen weiteren entschiedenen Schritt auf dem von der Regierung Colijn schon lange be­schrittenen Wege dar. Sie bedeutet insbesondere, daß von bestimmten Gruppen der Bevölkerung, in erster Linie vom Staatspersvnal, neue Einschrän­kungen in ihrer Lebenshaltung darge­bracht werden sollen. Sie hat deshalb auch erheb­liche Verstimmung hervorgerufen, die von den oben erwähnten Jndustriekkeisen und noch mehr von der Sozialdemokratie, die schon lange den Drang nach der Staatskrippe empfindet, für ihre Zwecke nach Kräften ausgenutzt worden ist.

Sowohl in Pressepolemiken wie auch im Laufe der Debatten der Zweiten Kammer wurde von der Opposition nachdrücklich die Ansicht vertreten, daß die von der Regierung befolgten Methoden sich als eine verfehlte Politik erwiesen hätten und daß die Hauptursache allen Nebels in dem starren Fe st halten an demhohen Goldstandard erblickt werden müsse. Hätte man seinerzeit in Nach­ahmung des von anderen Ländern gegebenen Vor­bildes den Weg der Devalvation beschritten, dann wären viele der eingetretenen Schwierigkeiten weit leichter zu überwinden gewesen und hätte sich in Holland der Prozeß der Anpassung an die übrige Welt viel natürlicher und reibungsloser gestalten können. Wenn man auch damals, so wird in diesen Kreisen weiter betont, den Anschluß verpaßt habe, sv sei es doch noch nicht zu spät, um diesen Fehler wieder gut zu machen. Der geeignete Zeitpunkt hier­zu biete sich gerade jetzt aus Anlaß der entscheiden­den Stellungnahme des Parlaments zur Sparoor- lage der Regierung.

Hiermit war die bisher in der Hauptsache in wirtschaftlichen Kreisen erörterte AlternativeGold­gulden ober Abwertung" in den Mittelpunkt de» politisch - parlamentarischen Kampfes gerückt. Der Kampf um den Gulden konnte nunmehr in offe­ner Fe 1 dfchlacht im Parlament aus« getragen werden. Da die Regierung Colijn und insbesondere der Ministerpräsident persönlich sich wiederholt entschieden auf die ungeschwächte Auf-