Oberpräsident Koch hat feine Oienstgeschäste wieder übernommen.
Berlin, 23. Dez. (DNB. Amtlich.) Oberpräsident und Gauleiter Koch hat in ein schwebendes Disziplinarverfahren gegen einen Beamten vorzeitig eingegriffen. Während der deshalb gegen ihn geführten Untersuchung war er beurlaubt. Nachdem diese Untersuchung abgeschlossen ist und Oberpräsident und Gauleiter Koch auf die Unzweckmäßigkeit feines Verhaltens verwiesen wurde, hat er auf meinen Befehl die Dienstgeschäfte des Oberpräsidenten wieder übernommen. Alle anderen Gerüchte über die Beurlaubung des Oberpräsidenten Koch sind unzutreffend und unwahr. Oberpräsident und Gauleiter Koch genießt nach wie vor das Vertrauen des Führers und Reichskanzlers und seiner vorgesetzten Behörde. Göring, Ministerpräsident.
Der Stellvertreter des Führers hat an Pg. Erich Koch folgendes Telegramm gerichtet: „Lieber Pg. Koch! Es ist mir eine Freude, Ihnen mitteilen zu können, daß die parallel zur staatlichen geführte parteiamtliche Untersuchung lediglich feststellte, daß Sie einem Verfahren vorgriffen, alle anderen Vorwürfe jedoch zu Unrecht erhoben wurden und Sie somit Ihr so erfolgreiches Wirken für Ostpreußen wieder voll aufnehmen können. Heil Hitler! Rudolf Heß."
Im Zusammenhang mit einer Untersuchung, während der der Oberpräsident von Ostpreußen, Erich Koch, beurlaubt war, sind über ihn unwahre Gerüchte und Verleumdungen verbreitet worden. Lediglich auf seinen Wunsch werden die Urheber der Gerüchte nicht strafrechtlich verfolgt. Es wird jedoch ausdrücklich darauf aufmerksam gemacht, daß eine neuerliche Verbreitung auf Grund der entsprechenden Gesetze g e - ahndet wird.
Zweite Verordnung zum Neichsbürgercreseh.
Berlin, 23. Dez. (DNB.) Der Reichsminister des Innern hat eine Zweite Verordnung zum Reichsbürgergesetz erlassen, die klarstellt, welche jüdischen Person en als Beamte und als Träger eines öffentlichen Amtes im Sinne des § 4 der Ersten Verordnung zum Reichsbürgergesetz anzusehen sind. Die Verordnung bringt ferner für jüdische Beamte, die ohne Versorgung ausscheiden, und für gewisse Gruppen von jüdischen Trägern eines öffentlichen Amtes, wie z. B. die Notare, denen die Gebühren selbst zufließen, die Möglichkeit, bei Würdigkeit und Bedürftigkeit Unterhaltszuschüsse zu erhalten. Ebenso wird jüdischen Beamten ohne Versorgung und den genannten jüdischen Notaren die Möglichkeit der Kündigung ihrer Wohnungen eröffnet, wie dies seinerzeit bei Durchführung des Berufsbeamtengesetzes geschehen ist. Die Verordnung bestimmt schließlich, daß Juden leitende Aerzte an öffentlichen Krankenanstalten sowie freien gemeinnützigen Krankenanstalten und Vertrauensärzte nicht sein können und mit dem 31. März 1936 aus ihren Stellungen ausscheiden.
Vorläufige Einstellung von Reise- bewrliigungen nach der Schweiz.
Berlin, 23. Dez. (DNB.) Amtlich. Nach dem Scheitern der Verhandlungen über eine Verlängerung der bis zum 15. Dezember 1935 geltenden Reiseverkehrsregelung hat die schweizerische Regierung mitgeteilt, daß sie von sich aus beschlossen hat, den Reiseverkehr aus Deutschland bis zum 15. Januar a u f einen Höch st betrag von fünf Millionen Franken zu beschränken. Die deutschen Regierungsstellen sehen sich dadurch gezwungen, zu prüfen, ob nach dieser einseitigen Maßnahme der Schweiz die geltenden Vereinbarungen über den Reiseverkehr noch aufrecht erhalten werden können. Es ist nicht anzunehmen, daß diese Prüfung noch vor den Feiertagen abgeschlossen werden wird.
Die von der Schweiz angeordnete Festsetzung eines Höchstbetrages müßte die Folge haben, daß die Reisebewilligungen nach der Schweiz weiter
hin nicht mehr wie bisher von den örtlichen Reisebüros ausgestellt werden könnten, da hierbei keine Gewähr dafür gegeben wäre, daß der von der Schweiz festgesetzte Richtbetrag nicht überschritten würde. Die Erteilung der Reisebewilligungen könnte nur durch eine Zentralstelle in Berlin erfolgen. Das weitere darüber wird gegebenenfalls sobald wie möglich mitgeteilt werden.
Inzwischen sind die örtlichen Reisebüros und Ausgabestellen vorläusig angewiesen worden, die Ausstellung von Reisebewilligungen nach der Schweiz bis auf weiteres einzustellen.
„(Stiftung für Opfer der Arbeit auf (See.'“
Die gewaltigen Stürme des letzten Jahres haben so große Verluste an deutschen Seeleuten verursacht, daß die Auslandsorganisation der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterparkei und der Deutschen Arbeitsfront als politische, soziale und fachliche Betreuer der Seefahrer sich ver
pflichtet gefühlt haben, sich für die Versorgung d e r Hinterbliebenen einzusetzen, um dadurch die größte Not lindern zu helfen. Nach dem Willen des Führers darf es in Zukunft nicht mehr Vorkommen, daß die Witwen und Waisen solcher Arbeitsopfer auf die knappen Leistungen der öffentlichen Fürsorge angewiesen sind. Es ist deshalb aus gestifteten Mitteln der NSDAP., der DAF., der Behörden, der deutschen Seestädte, der „Stiftung für Opfer der Arbeit" sowie der Reichsverkehrsgruppe „Seeschiffahrt" mit den deutschen Reedern und dank deren besonderer Unterstützung eine Stiftung errichtet, die den Namen „Stiftung für Opfer der Arbeit auf See" führt. Diese gliedert sich an die vom Führer gegründete „Stiftung für Opfer der Arbeit" an. Aus ihr sollen alle Angehörigen von verunglückten Seeleuten nach besonderen Richtlinien betreut werden. Das Grundvermögen beträgt zunächst 100 000 Mark. Es sind bereits die ersten Bewilligungen in Höhe von 10 000 Mark zum Weihnachtsfest erfolgt.
Aus aller Welt.
Wiederinbetriebnahme des Fernsehsenders Berlin—Wihleben.
Im Rahmen einer technischen Feierstunde fand im Fernsehlaboratorium des Reichspostzentralamtes die Wiederinbetriebnahme des Fernsehsenders Berlin-Witzleben statt. Wie bekannt, waren seinerzeit bei dem Brande der Berliner Funkausstellung auch die Fernsehanlagen in Witzleben zum großen Teil vernichtet worden. Im Rahmen der Eröffnungsfeier erklärte Oberpostrat Diplom-Ingenieur F l a n z e, deutsche Schaffenskraft habe in denkbar kürzester Zeit einen Schaden wettgemacht, der nicht nur die Pioniere des Fernsehens betraf, sondern auch einen Verlust für das Volksganze darstellte. Er übergab die neuen Anlagen im Namen des Reichspostministers dem Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda für den Betrieb durch die Reichsrundfunk- gesellfchaft.
Hierauf übernahm Ministerialrat D e m a n n im Auftrage von Dr. Goebbels den neuen Fernsehsender „Paul N i p k o w" Berlin für den Programmbetrieb durch die Reichsrundfunkgesellschaft. Er betonte, daß es das Bestreben des Reichspostministers sei, an dem großen Ziele fördernd und helfend mitzuwirken, damit alle deutschen Volksgenossen an dem Erfolge deutscher Geistes- und Schaffenskraft teilnehmen könnten. Am 15. Januar 1936 werde die Reichsrundfunkgesellschaft die Darbietungen auf dem Gebiete des Fernsehens wieder eröffnen.
Der stellvertretende Reichssendeleiter B o e s e, der im Namen des Reichssendeltziters und der Reichsrundfunkgesellschaft für die Ermöglichuna des Programmbetriebes dankte, wies in feinen Ausführungen u. a. auf die zukünftige Programmgestaltung hin und hob hervor, daß alle Kräfte, die am Ausbau des Fernsehens mitarbeiteten, das Programm derartig gestalten würden, daß im kommenden Olympia-Jahr 1936 die Umwelt gller Völker aufhorchen werde. Wie es im Rundfunkprogramm einen Zeitfunk, ein Echo des Tages oder der Woche gebe, so werde mittels des heute betriebsfertig zur Verfügung gestellten Ton- und Bildsenders ein Bildberichtdienst eingerichtet werden, für den das Olympia-Jahr ein nahes Ziel weise: die direkte Uebertragung der Kampf- spiele vom Reichssportfeld in den Augusttagen des kommenden Jahres.
England im Nebel.
Eine dichte Nebelwand in einer Länge von rund 340 Kilometer erstreckt sich seit Montagmorgen über den größten Teil Süd- und Mittelenglands. Da gleichzeitig scharfer F r o st herrscht, ist infolge der Glätte der Kräftwagenverkehr auf den Landstraßen fast völlig lahmgelegt. Der Eisenbahn- und Luftverkehr ist starken Verzögerungen -ausgesetzt, und auf der Themse ist die Schiffahrt völlig eingestellt. In den Küstengewässern haben viele Schif.fe Notanker geworfen, und fast aus allen Gegenden des Landes werden mehr oder weniger schwere Verkehrsunfälle gemeldet. In London betrug die Sicht in den frühen Nachmittagsstunden des Montags an nie' Stellen kaum einen Meter.
Sla Kältewelle.
Auch in Berlin i>c ein plötzlicher Kälteeinbruch zu verzeichnen. In den Außenbezirken wurden noch
um 9 Uhr 10 Grad Kälte gemessen. Es hat allerdings nicht den Anschein, als ob dieser starke Frost von langer Dauer sein würde. Nach Ansicht der Wetterkundigen steht vielmehr schon sehr bald eine wesentliche Erwärmung in Aussicht und es ist nicht ausgeschlossen, daß schon am zweiten Feiertag der Nullpunkt wieder erreicht ist. In Breslau sanken die Temperaturen aus minus 10 Grad, in Sprottau auf minus 14 Grad. Auch in den schlesischen Bergen liegen die Tiefsttemperaturen 10 Grad unter Null. In West- und Süddeutschland liegen die Temperaturen fast durchweg noch über Null.
Hoher Schnee im Westerwald.
Während der letzten Tage erlebte der hohe Westerwald Schneegestöber wie seit langen Jahren nicht mehr. Stellenweise liegt der Schnee bis zu 1,50 Meter Höhe. Viele Gemeinden mußten ihre Einwohner zum Schneeschaufeln aufrufen, um die unterbrochenen Verkehrsmöglichkeiten wiederherzustellen. Viele Autos, die sich etwas voreilig herausgewagt hatten, blieben stecken und mußten von Pferden oder mit Hilfe starker Männer aus ihrer hilflosen Lage befreit werden. Zahlreiche Häuser waren mitunter so voll Schnee geweht, daß man kaum die Fenster sehen konnte. Die Schneepflüge mußten mehrfach eingesetzt werden, damit wenigstens auf den Hauptverkehrsstraßen der Betrieb notdürftig aufrechterhalten werden konnte. Der gesamte hohe Werster- wald bietet eine Winterlandschaft von bezaubernder Pracht.
Jüdische Schiebergeschäfle in Dien.
Der jüdische Schriftsteller und Journalist Heinrich Eduard Jacob in Wien ist auf Veranlassung der Polizei verhaftet worden, weil er zusammen mit seiner Schwester umfangreiche Schiebungen in Wertpapieren begangen hatte. Wiener Blätter berichten über den Fall Aufsehen erregende Einzelheiten. Es hat sich herausgestellt, daß die 37jährige Schwester Jacobs, Alice, die mit ihrem Bruder im gleichen Haushalt lebte, das Haupt einer weitverzweigten internationalen Bande von Abenteurern ist. Sie fuhr ununterbrochen zwischen Paris und London hin und her und wickelte dabei ihre Geschäfte ab. Ihr letzter großer Betrug mit gestohlenen Northern-Railways- Aktien brachte ihr 28 000 Schilling ein. Sie stand mit einer dunklen Londoner Fin'anzgesellschaft in Verbindung, die in der internationalen Unterwelt sehr bekannt ist. Kürzlich bot sie einer Wiener Firma gestohlene Obligationen der Stadt Genua an. Sie scheint auch mit einer Bande in Verbindung gestanden zu haben, die falsche Mexikanische Schecks planmäßig aus Wien in die Tschechoslowakei schmuggelte. — Wie jetzt aus der Tschechoslowakei gemeldet wird, wurde Alice Jacob, die aus Wien geflüchtet war. in Gräfenberg verhaftet. An ihren verbrecherischen Geschäften scheint ihr Bruder verdient zu haben.
Vier Personen im Kraftwagen verbrannt.
Ein furchtbares Verkehrsunglück ereignete sich auf der sogenannten Himmelsleiter, einer steil ansteigenden Straße zwischen Rötgen und Waldheim im Aachener Bezirk. Ein von Monschau kommender Personenwagen stieß mit einem ihm entgegenfahrenden Kraftomnibus zusammen. Durch den furchtbaren Anprall wurde der Motor des Personenkraftwagens vollkommen zerstört. Der
Benzintank explodierte. Im Augenblick war bei? Kraftwagen in helle Flammen gehüllt. Die vier Insassen 'konnten sich nicht mehr aus dem Wagen befreien und erlitten den Flammentod. Der Führer des Omnibusses sowie die Fahrgäste versuchten gleich nach dem Zusammenstoß Hilfe zu leisten. Sie schlugen, da die Türen sich festgeklemmt hatten, die Scheiben des Wagen ein. Es gelang ihnen aber lediglich, eine Frau aus dem Wagen zu zerren, die jedoch bereits tot war.
Familie Lindbergh auf der Flucht nach Europa?
Die Familie des Obersten Lindbergh soll sich, einer Meldung der „Neuyork Times" zufolge, aus einem nicht näher bekannten Dampfer als einzige Fahrgäste auf dem Wege nach England befinden, um dort dauernden Aufenthalt zu nehmen. Der Grund dieser Aufsehen erregenden Flucht soll, wie das Blatt schreibt, in den zahlreichen Ent- führungs- und Todesdrohungen gegen das dreijährige zweite Söhnchen liegen, die Oberst Lindbergh in der letzten Zeit erhielt und in der Um möglichkeit, seiner Familie ein * ungestörtes Leben zu sichern. Das Fliegerehepaar habe sich daher veranlaßt gesehen, die Vereinigten Staaten zu verlassen, und hoffe, in England ihr Kind in Ruhe und Sicherheit erziehen zu können. Oberst Lindbergh wird angeblich feine bisherige Tätigkeit als fach- verständiger Berater der Panamencan Airways und ber Transcontinental and Western Air beibehalten.
Die Meldung der „Neuyork Times", die in ganz Amerika größtes Aufsehen erregt hat, scheint sich zu bestätigen. Es konnte einwandfrei festgestellt werden, daß das Ehepaar Lindbergh mit seinem Söhnchen mit dem amerikanischen Dampfer „American Jmporter" von Neuyork abgefahren ist. Ein naher Freund Lindbergh s, dessen Name nicht angegeben wird, bestätigt im übrigen, daß Lindbergh die Absicht habe, nach England überzusiedeln, da er mit der Wiederaufrollung des Falles Hauptmann durch den Gouverneur von New Jersey unzufrieden sei. Die Besitzung des Ehepaars Lindbergh in Hopewell wurde bereits vor längerer Zeit der Kinderfürsorge übereignet.
Zur Abreise der Familie Lindbergh nach Europa wird noch bekannt, daß die Familie tatsächlich die einzigen Fahrgäste auf dem Dampfer „American Jmporter" sind. Eine Anzahl weiterer Fahrgäste, die Schiffsplätze auf diesem Dampfer belegt hatten, wurden in letzter Minute auf einen anderen Dampfer gebracht. Alle beteiligten Stellen lehnen im übrigen jede Stellungnahme zu der Angelegenheit ab.
Gnadengesuch für Hauptmann.
Die Verteidiger des wegen Ermordung des Li nd d e r g h - Kindes zum Tode verurteilten Hauptmann haben beim Gnadengericht des Staates New Jersey (USA.) ein Gnadengesuch eingereicht. Da einer der Richter beim Gnadengericht erkrankt ist, benötigt, Hauptmann fünf von den sieben verbleibenden Stimmen einschließlich der des Gouverneurs Hoffman für die Gnadengewährung. Einzelheiten des Gesuches wurden in Übereinstimmung mit dem Gesetz nicht veröffentlicht.
Die endgültige Schließung des Sarges Pilfudskis.
In der Leonhardsgruft im Krakauer Wawel-Schloß fand am Sonntag eine kurze militärische Feier statt, bei der der Kristallsarg mit der sterblichen Hülle des Marschalls Pilsudski in einen Bronzesarg eingeschlossen wurde. An der Feier nahmen die Witwe des Marschalls sowie seine beiden Töchter und ein Bruder des Marschalls teil, ferner der polnische Kriegsminister, Vertreter der Generalität, der Krakauer Wofwode und das Krakauer Offizierskorps. Der jetzige Bronzc- f a r g soll am 12. Mai 1936, dem ersten Todestag des Marschalls, durch einen geschlossenen silbernen Sarg ersetzt werden, der dann in einem marmornen Sarkophag in der Gruft unter den „Türmen der silbernen Glocke" in der Kathedrale des Wawel-Schlosses stehen wird. Vor der endgültigen Schließung des Sarges des Marschalls fand durch eine Abordnung von Aerzten nochmals eine Nachprüfung des balsamierten Zustandes statt, die ein zufriedenstellendes Ergebnis hatte.
Der letzte männliche Nachkomme des „Ritters mit der eisernen Hand" gestorben.
Wie das christlich-soziale „Neuigkeitsweltblatt" meldet, ist in Wien Freiherr Reinhard Götz von Berlichingen im 83. Lebensjahr gestorben. Mit ihm ist die Linie des berühmten Götz von Ber- lichingen, der im Jahre 1504 seine rechte Hand verlor und sie durch eine eiserne ersetzte, im Mannesstamm erloschen.
Aiäft möds werden, Annelies!
ORofltan von Bernhard Lonzer.
Urheberrechtsschutz: Aufwärts-Verlag, Berlin.
18. Fortsetzung. Nachdruck verboten!
Wieder ließ er einen Blick über Mia hingleiten, der eine deutliche Aufforderung für Günter enthielt. Günters Gesicht drückte keine übermäßig angenehme Ueberrafdjung aus. Der Bursche hatte natürlich auf der Lauer gelegen, um es durchzusetzen, daß er mit Mia bekannt wurde! Aber man mußte wohl oder übel der Form genügen.
„Herr Schulenburg — Frau Rechberg", stellte Günter also vor. „Meine Braut kennen Sie ja bereits."
Wieder machte Schulenburg seine Verbeugung. Seine Blicke verschlangen Mia förmlich.
„Wir sind uns nicht ganz unbekannt, wenn ich nicht irre", lächelte sie mit einem verwirrenden Augenaufschlag.
„Ich hatte das Glück, gnädige Frau. Wenn auch nur aus der Ferne — sozusagen ..."
„Na, das ist doch immerhin etwas. Bei bescheidenen Ansprüchen ...", lachte sie dunkel.
Er legte das Gesicht in komische Falten.
„Bescheidene Ansprüche machen erfahrungsgemäß und leider nicht satt ..."
Sie ließ ein erneutes Lachen hören, das wie ein Girren klang.
„Sehr richtig. Ich stehe auch auf dem Standpunkt: Alles oder nichts!"
Günter war sichtlich unruhig und verstimmt.
„Es paßt heute leider ganz und gar nicht", sagte er, zu Schulenburg gewandt. „Ich habe meine Braut abgeholt, und wir sind eben im Begriff, zu gehen. Ein andermal vielleicht ..."
„Ach, das ist schade!"
„Nun", schien Mia zu überlegen, „ich werde im Weinrestaurant von Bekannten erwartet — es ist eine luftige Gesellschaft — wenn Sie also absolut ein paar Stunden totschlagen müssen und sich unter meine Fittiche begeben wollen ..."
Schulenburg strahlte.
„Sehr liebenswürdig, gnädige Frau! Ergebensten Dank! Sie erwerben sich damit ein Verdienst um eine einsame Seele."
Auf Günters Stirn erschien eine Falte.
„Oder wollen wir nicht doch noch ein Stündchen zugeben?" wandte er sich zögernd an Annelies.
Aber sie blieb fest.
„Ich möchte jetzt wirklich nach Hause. Du kannst ja noch bleiben, wenn dir daran liegt ..."
Er atmete tief und wandte sich mit einem bedauernden Achselzucken wieder zurück.
„Sie sehen ja, es geht wirklich nicht. Dann also viel Vergnügen!"
Kühl und flüchtig lag Mias Hand einen Augenblick in der seinen. Ihr Blick ging über ihn hinweg.
Dann wandte sie sich mit betonter Liebenswürdigkeit Annelies zu:
„Es tut mir aufrichtig leib, Fräulein Fahrenkamp. Gute Besserung also! Und auf baldiges Wiedersehen!"
Annelies und Günter gingen.
„Ein unangenehmer Mensch, dieser Schulenburg!" sagte Günter draußen, um eine einigermaßen glaubwürdige Erklärung für seine schwere Verstimmung zu aeben.
Annelies schwieg dazu. Sie kannte die Ursache zu dieser Verstimmung ganz genau. Mia Rechberg legte es mit voller Absicht darauf an, Günters Eifersucht zu erwecken. Und diese Absicht war ihr nur zu gut gelungen. Wie sehr mußte Günter dieser Frau doch wieder verfallen sein! War es nicht ein aussichtsloses Beginnen, ihn aus dieser unseligen Verstrickung lösen zu wollen? War es nicht besser, ihn — wenn auch unter Schmerzen — freizugeben, als sich den täglichen Qualen des zwecklosen Zusehenmüssens auszusetzen?
Stumm legten sie die wenigen Schritte bis nach Hause zurück.
7. Kapitel.
Die Rosen blühten zum zweitenmal. Ihr Duft lag wie eine schwere Wolke über dem abendlichen Garten. Günter atmete die Luft in tiefen Zügen ein, aber sie war zu voll von dem späten Blühen, als daß sie die Brust hätte befreien können.
Der „Rosengarten", ein freier und sonniger Teil des großen Gartens, war der Obhut Onkel Kor
binians unterstellt. Er pflegte seine Lieblinge mit Hingabe und Gewissenhaftigkeit und wachte fast eifersüchtig darüber, daß nicht etwa der Gärtner oder sonst eine fremde Hand sich darum bemühte. Günter blieb vor den hochstämmigen Büschen stehen und neigte sich über die wundervollen Blüten, die in allen Farben brannten und noch voll waren von der Sonne des Tages. Sie waren noch schöner als der erste Rosenstar, waren schwerer und gehaltvoller, als hätte das Jahr an seiner Wende ihnen seine gan$e köstliche Reife mitgeteilt. Alles, was zum zweitenmal blühte, war schöner, reifer und gehaltvoller. Auch das Herz.
Auch das Herz ...? Günter atmete schwer. War dies zweite Blühen nicht noch viel beklemmender und beunruhigender als das erste stürmische Aufblühen?
Er wandte sich plötzlich ab und ging dem anderen Ende des Gartens zu. Die Mutter war mit Annelies zu einer Bekannten gegangen. Der Senator nahm an einer Sitzung teil. Es war gut, daß man einmal Gelegenheit hatte, mit sich selbst ins reine zu kommen. Mit weiten Blicken sah Günter in die Abendferne, die der rosige Himmel über den dunklen Bäumen vor ihm auftat.
Korbinian Sartorius saß im Turmzimmer. Er sah ihn langsam herankommen wie einen Traum- wandelnden.
„Du scheinst ja auch an der Fernensehnsucht zu kranken", sagte er, als Günter eintrat. Es klang wie Vorwurf und leiser Groll durch seine Stimme.
„Wenn du es sagst, wird es schon seine Richtigkeit haben. Du hast ja Erfahrung in dieser Hinsicht!" erwiderte Günter gereizt.
„Gut pariert! Aber ich meine, es ist doch ein kleiner Unterschied dabei. Meine Sehnsucht nach den Weiten der Welt war etwas sehr Reales, und ich habe dabei ja auch meine Befriedigung gefunden. Du aber scheinst mir auf dem besten Wege, dich in uferlose Fernen zu verlieren und bestenfalls in
l einem riesigen Katzenjammer zu landen."
„Du bist ja sehr besorgt um mich! Aber wenn das wirklich eintritt, was du befürchten zu müssen e, bann ist das ja doch wohl meine ureigenste genheit, die ich ganz allein auszubaden habe."
„Wieder ein kleiner Irrtum! Ich glaube sehr stark, daß du dabei nicht allein der Leidtragende bist.
Es gibt nämlich noch andere Leute, die davon betroffen werden, und die es nicht verdienen, mit ins Unglück gerissen zu werden. Bitte das freundlichst zu bedenken!"
Günter biß sich auf die Lippen und schob die Hände in die Taschen.
„Du siehst Gespenster. Ich bin ein bißchen auseinander, vielleicht überarbeitet. Das ist alles. Ich habe auch schon daran gedacht, mir noch ein paar Tage Urlaub zu nehmen und mich in irgendeinen stillen Winkel zu verkriechen, wo man sich wieder in Ordnung bringen kann."
„Das wäre vernünftig. Du siehst wirklich nicht gut aus. Und in der Stille kommt man am leichtesten wieder in Ordnung. Ich habe ja Erfahrung in dieser Hinsicht — wenn ich mich deiner Worte von vorhin bedienen darf ..."
Günter lächelte matt.
„Du bist zu gut und vielleicht auch zu sehr im Recht, Onkel Korbinian, als daß man sich ernsthaft mit dir streiten könnte! Aber ich möchte noch ein bißchen an die Lust. Die Brust ist zu eng und zu schwer von mancherlei; man muß sie draußen ein bißchen ausweiten."
Günter verließ den Turm durch die schwere, eisenbeschlagene Tür in der Mitte der aus mächtigen Quadern errichteten Mauer. Ein paar Stufen führten hinab auf den Wiesengrund, durch den der schmale Pfad, von einem breiten Wege gekreuzt, an dem Werder vorüber zum Fluß führte.
Die knorrigen alten Eichen auf dem Werder ragten wie dunkle Riesenschatten in den rosig überhauchten Himmel. Günter schritt darauf zu. Leise, abgerissene Klänge wehten im Abendwind zu ihm herüber. Sie kamen von der Terrasse des Continentalhotels. Günter schritt schneller aus und überquerte die vorgeschobene Spitze des Werders. An der rechten Längseite dehnte sich ein fast unübersehbares Feld von niedrigen, aber dichten Weiden- büschen aus, das bis zum Fluß hinabreichte. Günter hatte das Gefühl,.als ob die Welt, diese verwirrende und bedrängende Welt weit hinter ihm läge. Wit oft war er als Knabe und auch nach in spateren Jahren durch die Weiden gestreift, hatte sich Flöten geschnitten ober ftunbenlang mitten in biefer wundervollen Wildnis gelegen.
(Fortsetzung folgtl)


