Gießen. 3. Klage des Bezirksfürsorgeverbandes Landkreis St. Goar gegen den Bezirksfürsorgeverband Kreis Friedberg wegen Erstattung von Für- soraekosten für Hermann Hiltermann aus Bacha- rach. 4. Klage des Bezirksfürsorgeverbandes Kreis Friedberg gegen den Bezirksfürsorgeverband Kreis Büdingen wegen Erstattung von Fürsoraeaufwen- düngen für die Familie des Hermann Weber aus Leidhecken.
** Mitglieder der ehemaligen Deutschen Angestelltenschaft nicht vom DAF.- Beitrag b e f r e i t. Die Bezirksleituna der Deutschen Arbeitsfront teilt mit: Entgegen allen anderslautenden Mitteilungen sind die bisher beitragsfreien lebenslänglichen Mitglieder der ehemaligen Deutschen Angestelltenschaft nicht vom DAF.-Beitrag befreit. Beitragsfrei sind nur solche Mitglieder, die vorübergehend zum Arbeitsdienst gehen. Auch der Verwaltungsbeitrag, der nur Parteimitgliedern gewährt wiro, kommt für sie nicht in Frage. Im übrigen verweisen wir auf die Richtlinien für Mitgliedschaft der Deutschen Arbeitsfront.
♦* Bibelstunde. Heute, 20.15 Uhr, findet in der Kapelle des Alten Friedhofs eine Bibelstunde statt. Pfarrer Anthes spricht über 1.Petrus 1, Vers 6 bis 12.
** Das Gastspiel der „Vier Nachri ch- t e r". Aus dem Stadttheaterbüro wird uns geschrieben: Erfreulicherweise besteht eine so starke
Nachfrage nach Karlen zum Gastspiel „Die Nervensäge" der Vier Nachrichter, daß die Gießener Theaterbesucher die vorbestellten Karten unbedingt bis spätestens Freitag 13 Uhr abgeholt haben müssen. Wir müssen über vorbestellte und bis zu diesem Termin nicht abgeholte Karten verfügen, um all denen, die bisher keine Karten mehr erhalten konnten, die Möglichkeit des Besuches dieses einmaligen Gastspiels zu bieten.
** Der Aliceschul-Verein wird von Ostern 1935 ab wieder, wie in früheren Jahren, die beiden Ausbildungslehrgänge für technische Lehrerinnen (das Hauswirtschafts- und das Handarbeits- lehrerinnen-Seminar) einrichten. Diese Berufsausbildung kämmt dem Interessenkreise der jungen Mädchen entgegen und gibt ihnen die Möglichkeit, ihre Fähigkeiten auf dem ureigensten Gebiete der Frau zu entfalten. Die bei dieser Ausbildung erworbenen Kenntnisse und Erfahrungen können in der Führung des eigenen Haushalts wertvolle Anwendung finden, darüber hinaus können die Lehrkräfte in der Ausübung ihres Berufes für die Volksgemeinschaft nutzbringende Arbeit leisten. Die jungen technischen Lehrerinnen finden Verwendung als Leiterinnen und Helferinnen im Landschuljahr, als Hilfslehrerinnen an bäuerlichen Werkschulen, im weiblichen Arbeitsdienst. Sie können den Unterricht in Mütter- schulungskurfen, in Kursen der Arb-eitsfront, des BdM. erteilen.
Bürgermeister-Tagung in Gießen.
Die Kreisabteilung Gießen in der Landesdienststelle Hessen-Hessen-Nassau des Deutschen Gemeindetages hielt gestern nachmittag im „Hotel Hindenburg" eine Versammlung ab, die von den Bürgermeistern und Beigeordneten sehr gut besucht war. Der Versammlungsleiter, Bürgermeister Pg. Euler (Wieseck), hieß die Teilnehmer willkommen. Er begrüßte besonders die Vertreter des Kreisamtes und die Referenten. Sodann gab er einige geschäftliche Mitteilungen bekannt.
Die Verteilung der Kriegsehrenkreuze, die in würdiger Form die Tagesordnung einleitete, wurde von
Oberregierungeirat Dr. Schönhals vorgenommen. Er hielt zunächst eine kurze Ansprache und erinnerte daran, daß die Stiftung des Kriegsehrenkreuzes die letzte Handlung des verstorbenen Reichspräsidenten gewesen sei. Er habe es mit ganz besonderer Freude getan, da ja im Dritten Reiche die Ruhmestaten des deutschen Heeres in den fahren 1914/1918 wieder zu Glanz und Ansehen gelangt fein. Das Kriegsehrenkreuz möge Erinnerung an große Tage fein. Der Frontgeist fei, allen Widerständen von Seiten einer volksfremden Regierung zum Trotz, in unsere Gegenwart herübergerettet worden. Die alten Soldatentugenden, Treue, Ehre und Einsatzbereitschaft seien wieder auf den Schild erhoben. Nur ein Deutschland, das sich seiner Traditionen bewußt sei, sei stark. Nachdem ein gemeinsam angestimmtes „Sieg-Heil!" auf den Führer ausgebracht war, schritt Oberregierungsrat Dr. S ch ö n h a l s zur Verteilung der Ehrenkreuze. Insgesamt gelangten in der gestrigen Versammlung 54 Ehrenkreuze, darunter 49 Frontkämpferehrenkreuze zur Ausgabe.
Im weiteren Verlauf der Versammlung sprach als erster Redner
Abteilungsleiter Hoosmann
von der Nassauischen Landesversicherungsbank in Wiesbaden über das Thema „Versicherung der Gemeinden". Der Redner beschäftigte sich im einzelnen mit der Feuerversicherung, mit der Haftpflicht- und der Unfallversicherung und schließlich auch mit Einbruchs-Diebstahl-Dersicherung. Er erläuterte im einzelnen das Verhältnis zwischen der Versicherungsanstalt und dem Versicherten. Er war bemüht, verschiedene Vorurteile gegen verschiedene Versicherungszweige aus dem Wege zu räumen und
gab dabei wertvolle Aufschlüsse über die Art und Weise der Dersicherungsleistung.
Oberregierungsrat Dr. List
vom Arbeitsamt Gießen referierte über Notstandsarbeiten und über die Unterbringung von Arbeitslosen aus den Großstädten in den ländlichen Bezirken. Er erinnerte zunächst an den günstigen Ausgangsstand für das Frühjahr im ganzen Reich hinsichtlich der Zahl der Arbeitslosen und wies dann auf die Notstandsmaßnahmen hin, bei denen es sich, wie immer wieder festgestellt werden könne, durchaus nicht um eine künstliche Arbeitsbeschaffung handle, sondern stets um Maßnahmen, die im normalen Gang der Dinge von den Gemeinden in Angriff genommen werden müßten. Mit Notstandsarbeiten solle, sofern sie genehmigt seien, sofort begonnen werden. Für den Sommer werde man zwar mit der Inangriffnahme der Arbeiten an der Reichsautobahn in Oberhessen rechnen können, die Zeit bis dahin solle aber nach besten Kräften ausgenutzt werden.
Gemeinden, die in der glücklichen Lage seien, keine Arbeitslosen zu haben, sollten sich ohne weiteres bereitfinden, trotzdem zu ihrem Teil an der Behebung der Arbeitslosigkeit beizutragen.
In den Großstädten sei die Zahl der Arbeitslosen oft noch erheblich. Vor allem sollten die Jugendlichen aus der Großstadt herausgeholt werden' auf das Land. Es müsse natürlich darauf gesehen werden, daß den Arbeitswilligen aus der Stadt auch erträgliche Bedingungen geschaffen werden. Die Industrie sei in letzter Zeit stabil beschäftigt gewesen.
In seinen weiteren Ausführungen beschäftigte sich der Redner noch mit der Frage der verheirateten Landarbeiter und schließlich mit der Frage der Landhelfer. Er betonte, daß in Zukunft jeder Landhelfer, der eingewiesen werde, vorher ärztlich untersucht werde. Daß sich die Schar der bisher vermittelten Landhelfer als durchaus geeignet erwiesen habe, gehe allein schon aus der Tatsache hervor, daß heute noch 72 v. H. der eingewiesenen Helfer auf dem Lande tätig seien. — Schließlich referierte
Oberforstmeister Nicolaus
über das Reichsjagdgesetz und griff in seinen Erörterungen in der Hauptsache jene Fragen heraus, die für die Bürgermeister wichtig sind. Dem neuen
Reichsjagdgesetz liege der Gedanke zugrunde, das Wild unserer Wälder auch den folgenden Generationen zu erhalten.
Ls solle zwar kein übermäßiger Vildbesland herangezüchlet werden, dafür aber ein quali- kativ hochwertiger Bestand.
Das Reichsjagdgesetz entspreche in seinen wesentlichen Punkten dem Preußischen Jagdgesetz. Alle Jagdgesetze der Länder würden durch das Reichsjagdgesetz außer Kraft gesetzt. Aktuell seien jetzt vor allem die Fragen der Jagdoerpachtung. Nach Maßgabe des Grundbesitzes würden nunmehr in den einzelnen Gemeinden gemeinschaftliche Jagdbezirke geschaffen. Aus den Grundbesitzern bilde sich eine Jagdgenossenschaft, deren Vorsteher der Bürgermeister fei. Für die Jagdausübung gebe es drei verschiedene Möglichkeiten. Das Jagdrecht könne die Genossenschaft selbst ausüben, die Jagd könne verpachtet werden oder von einem angestellten Jäger ausgeübt werden. Eine weitere Möglichkeit
bestehe darin, die Jagd ruhen zu lassen. Der Jagdvorsteher (Bürgermeister) habe mit der Jagd selbst nichts zu tun, er sei vielmehr der Verwalter des Vermögens der Genossenschaft, lieber bas Ausmaß der Jagdausübung entscheide der Kreisjägermeister. Für die einzelnen Jagdbezirke würden in Zukunft Abschußpläne aufgestellt, die genau eingehalten werden müssen. Das Reichsjagdgesetz trete am 1. April in Kraft. Übergangsbestimmungen seien vorgesehen. Vor dem 1. April, vor der Festlegung der einzelnen Jagdbezirke, dürfe nicht neu verpachtet werden. In Zukunft dürfe eine Jagd nur noch an einen Jäger verpachtet werden, der mindestens drei Jahre im Besitze des Jagdscheines ist oder nur einem solchen Jäger, der ohne Bedenken in die Deutsche Jägerschaft ausgenommen werden könne.
Auch dieser Vortrag wurde mit großem Interesse verfolgt. Verschiedene Anfragen aus dem Kreise der Zuhörer beantwortete der Reimer sofort. Die anregende Versammlung fand mit einem dreifachen „Sieg-Heil!" auf Führer und Vaterland ihren Abschluß.
Vom Proletariat zum Arbeitertum.
Oer frühere Oberprüsideut Winnig spricht in Gießen.
Auf Einladung des Goethe-Bundes sprach gestern abend in der Neuen Aula der Universität der frühere Oberpräsident von Ostpreußen August Winnig über das Thema „Vom Proletariat zum Arbeitertum".
August Winnig, der in seiner Jugend das Maurerhandwerk erlernte, dann Redakteur der Maurerfachzeitschrift „Grundstein", später Vorsitzender des Deutschen Bauarbeiter-Verbandes und einer der führenden Männer in den freien Gewerkschaften war, wurde am 1. Juli 1919 zum Oberpräsidenten der Provinz Ostpreußen ernannt, am 23. März 1920 aber von der damaligen Regierung vom Amte suspendiert und zur Disposition gestellt, weil die von ihm vertretene nationale politische Linie in schärfstem Gegensatz zu der marxistischen und internationalen Einstellung der damaligen Machthaber stand. Im Verlaufe der Jahre kam August Winnig dann in immer größerem Gegensätze zu den Männern, mit denen er früher gemeinsam marschiert war, weil er deren marxistischen und internationalen Kurs als verderblich für das deutsche Volk mit Entschiedenheit bekämpfte.
In seinem gestrigen Vortrag betonte August Winnig einleitend, es gehe bei dem Thema „V o m Proletariat zum Arbeitertum" um die Entwicklung vom Menschen, um die Ueberwindung des proletarischen Menschen durch den Sieg des arbeitertümlichen Menschen. Dann sagte er in seinem etwa anderthalbstündigen, außerordentlich fesselndem Vortrag u. a.:
Der proletarische TNensch ist der Leugner der Volksgemeinschaft und der Motion, der Feind des nationalen Gedankens und der Wirtschaft, Volksgemeinschaft und Kation sind in seinen Augen nur Lügen.
Er fühlt sich frei von jeder Verantwortung gegenüber der Volksgesamtheit und lehnt alle Pflichten gegenüber der Nation ab. Dieser proletarische Mensch ich ein Mensch ohne Ehre, ein Gottloser, für den es keinerlei Autorität gibt. Wenn eine Autorität an ihn herantritt, lehnt er sich dagegen auf. Die Gesamthaltung des proletarischen Menschen besteht in einem einzigen Nein.
Dagegen sieht der arbeitertümliche Mensch auf hoher Stufe. Lr fühlt sich dem Volksganzen und seiner Nation verpflichtet und verbunden, er wird in seinem ganzen Handeln geleitet von dem Bewußtsein der größten Verantwortung für sein Volk.
Ihm sind Volksgemeinschaft und Nation nicht Lügen, sondern lebendige Wirklichkeit, mit der er in allen Schicksalen in Liebe verbunden ist. Er ist ge
festigt im Glauben an fein Volk und im Glauben an eine über uns waltende Macht. Darum ist seine Gesamthaltung durch ein aufbaubereites und aufbaufreudiges I a bestimmt.
Diese beiden Erscheinungsformen des Arbeiters sind nicht etwa eine Phantasie, sondern lebendige Wirklichkeit. Den proletarischen Menschen haben wir ja alle jahrzehntelang als eine furchtbare und gefährliche Drohung in Millionen erlebt.
Der Redner gab hierauf in großen Umrissen einen Rückblick auf die Entstehung dieses proletarischen Menschen, der sich vom letzten Drittel des 18. Jahrhunderts ab zunächst in Frankreich und England und dann auch bei uns herausbildete. Der Vortragende erinnerte dabei an die Entwicklung vom Handwerk zur Industrie, an die Arbeitsteilung bei der Produktion aller Güter, an den Einzug der Maschine in die Werkstätten und Arbeitssäle, an die Neuformung des Warenverkehrs und an die starke Bevölkerungsvermehrung, die das deutsche Volk im Verlaufe des 19. Jahrhunderts auf 66 Millionen Menschen anwachsen ließ. Alle diese Wandlungen bedingten für Millionen von Menschen das Suchen und Ringen nach neuen Brotmöglichkeiten, und so entstand, da die Scholle nicht genug Brotmöglichkeiten bot, die Fabrik und der Fabrikarbeiter. Mit erschütternder Eindringlichkeit erinnerte der Vortragende in diesem Zusammenhänge an das überaus schwere Los der ersten und der zweiten Generationen der Fabrikarbeiter, die durch die Macht der Entwicklung aus ihrer Gemeinschaft auf der heimatlichen Scholle herausgerissen und dadurch wurzellos wurden, in den Städten und in den Fabriken zusammenströmten, um hier neues Brot zu suchen, aber auch in der Hoffnung, wieder einen Rückhalt, eine neue Gemeinschaft der Wärme und der brüderlichen Liebe zu finden, stattdessen jedoch auf die eiskalte Welt der frühkapitalistischen Zeit stießen, in der die Menschen nicht nach Seelen ober Köpfen, sondern nur nach Händen und ihrem materiellen Wert bewertet wurden, jede Rücksichtnahme auf den Menschen schwand und der ungehemmte Eigennutz geradezu zur Sitte wurde. Hier erlebte der Arbeiter der
Helma lächelt.
KÄmüialwman von Klothilde von Siegmann.
Urheberrschtsschutz: Fünf-Türrne-Verlag, Halle (S.).
12. Fortsetzung Nachdruck verboten!
Am nächsten Morgen gab sich Hopman dem Genuß des Frühstücks hin, das nur feine Wirtin, die gute Werner, fo zubereiten konnte, wie er es liebte.
Er hatte von der Zeit, da er als Volontär in Scotland $arb gewesen, das englische Frühstück schätzen gelernt.
Und so bescheiden er sonst sein konnte, in bezug auf diese erste Mahlzeit war er ein wenig üppig. Wie man frühstückt, so arbeitet man!, pflegte er zu sagen. Und die arme Frau Werner hatte schon manchen Tanz mit den Lieferanten der Umgegend geführt, bis sie für ihren Herrn jeden Morgen dies frische Seezungenfilet hatte, das dann, auf dem Grill gebraten, wie eine kleine, gerollte Scheibe fer» viert wurde. Gerade gab sich Hopman diesem Genuß hin: „Seezunge von der Werner zubereitet, dazu frischen Tee und Toast, englischen Tee, Martins — dafür gebe ich den schönsten Kriminalfall her!"
„Aber nicht die kleine, süße Krabbe, diese Helma von Bodenberg!" neckte Martins. Aber er hatte kaum ausgesprochen, als Hopman heftig erwiderte:
„Lieber Alter, ein für allemal, Fräulein Helma von Bodenberg bleibt bei unserer Unterhaltung aus dem Spiel!"
„Na, na! Seit wann bist du denn gleich so aus bem Häuschen?" meinte Martins beruhigend und warf einen belustigten Blick auf Hopmans rot geworbenes Gesicht. Hat's bich auch einmal gepackt?, dachte er bei sich. Sonst war Hopman immer der- jemgc, der Martins mit seinem leicht entflammbaren Herzen neckte. — Aber Martins fühlte, es war besser, sich jetzt nicht dafür zu rächen.
Hopmans Wut war schon wieder verflogen; es tat ihm leib, ben treuen Freund angefahren zu haben. Bald frühstückten sie wieder einträchtig zu- fammen: Martins sein „Kleinmädchenfrühstück", wie Hopman die allmorgendliche Kanne Kakao Martins' spöttisch nannte.
Strahlend servierte Frau Werner das Frühstück. Das war doch endlich wieder einmal richtig, wenn der „Herr" im Hause war. Martins galt ihr nicht als voll — sie betreute ihn mit mütterlicher «Sorgfalt. Aber Hopman war doch eben der Herr im Hause, daran war nicht zu rütteln.
Gerade waren sie beide mit dem Frühstück fertig, als das Telephon läutete.
„Mister Dundee aus London läßt anfragen, ob Herr Hopman in Berlin wäre und zu ihm ins .Adlon' kommen könnte."
Hopman sprang lebhaft auf. Dundee war einer der berühmtesten englischen Kriminalkommrsiare ge-
wesen. Jetzt hatte er sich ins Privatleben zurückgezogen, um die Erfahrungen aus einer langen Tätigkeit in Scotland Pard wissenschaftlich und journalistisch zu verarbeiten.
Er befand sich gerade auf einer Studienreise durch die Gefängnisse der europäischen Staaten, wie er Hopman am Telephon in seiner lebhaften Art erzählte.
Hopman sagte zu, in zwei Stunden im „Adlon" zu fein und auf Mister Dundee unten in der Halle zu warten.
„Freut mich, den alten Burschen einmal wieder- zusehen. Habe manchen interessanten Fall in den Londondocks mit ihm gejagt — und in Whitechapel. Ich kann es eigentlich nicht begreifen, daß der alte Spürhund sich zur Ruhe gesetzt hat und theoretische Bücher schreiben will."
„Nun, ich denke, Dundee ist nicht mehr der Jüngste. Sagtest du nicht, er wäre bald an die Sechzig?"
„Uno wenn ich hundert Jahre alt würde, ich würde meinem Berufe nicht Valet sagen", war Hopmans Antwort. Dann vertiefte er sich wieder in feine Zeitung.
„Weißt du, Martins", meinte er zwischen der Lektüre, „wir haben in Hamburg weiß Gott auch so ein bißchen Londoner Hafenviertel. Da haben sie doch wieder in einer Fleet von Sankt Pauli einen Unbekannten gefunden, der mit dem Schlag- ring niedergeschlagen und in einem Kaschemmen- feiler gefunden wurde. Die Verbrecher hatten gerade bei einer Razzia die Falltür zu dem Wasser des unter dem Hause fließenden Fleetkanals geöffnet, um den Besinnungslosen hineinzustürzen. Durch das überraschende Hinzukommen der Polizeistreife wurde der Mord verhindert. Der Verwundete ist ins Krankenhaus gebracht worden. Er hat die Besinnung noch nicht roiebererlangt. Ausweispapiere wurden nicht bei ihm gefunden, so daß man keinerlei Anhaltspunkte hat, wer der lieber- fallene ist und woher er stammt. Na, mal schauen, ob die Hamburger Kriminals für den armen Kerl bald das Gedächtnis wiederfinden."
Hopman machte sich langsam zum Ausgehen fertig.
„Ganz nett!" meinte er, als er sich feinen gutsitzenden neuen Herbstanzug anzog, sich die kleine blaue Schleife band. „Es tut doch gut, wieder mal aus der Monteurkluft herauszukommen.
„Lange wird die Freude doch nicht dauern", warf Martins ein, „sicherlich zieht es dich doch wieder nach dem Schauplatz deiner Tätigkeit — nach Gernrode."
Hopman sah gedankenvoll vor sich hin: „Weißt du, mir geht es wie einem Jagdhunde, der die Fährte verloren hat; ich laufe hierhin und dorthin — und ich finde die richtige Witterung nicht wieder. Aber was ja nicht ist, kann ja noch werden", schloß er philosophisch.
15. Kapitel.
Als Hopman im „Adlon" nach feinem alten Freunde Dundee fragte, bekam er den Bescheid, daß Dundee zu einer kurzen Besprechung gefahren wäre und Hopman um eine kleine Weile Geduld bitten ließe.
Während Hopman ein paar Worte mit einem der Geschäftsführer plauderte, hörte er, wie der Angestellte, der die Telegramme und Ferngespräche annahm, zu einem anderen sagte: „Telegramm von Hamburg, ,Atlantik', Gepäck von Herrn von Gernsheim liegt als Passagiergut auf dem Bahnhof, Gepäckschein hier inliegend in diesem Eilbrief. Gepäck soll sofort abgeholt und auf ein Zimmer im ersten Stock gebracht werden."
Hopman horchte interessiert auf. Das traf sich ia gut. Da würde er ja diesen Herrn von Gernsheim sehen, ehe der auf Gernrode ankam.
Aber warum hatte Helma, der Verabredung gemäß, ihn nicht von der Ankunft ihres Detters und Adoptivbruders in Berlin benachrichtigt? Es kam doch alles darauf an, daß man Herrn von Gernsheim zur Zeit einweihte.
Er ging in die Telegrammannahme und gab ein dringendes Telegramm an Helma auf, in dem er in verabredeter Chiffresprache anfragte, ob die Ankunft von Helmas Adoptivbruder schon bestimmt wäre. Schon eine Viertelstunde später hatte er bas Antworttelegramm in Händen.
Er schüttelte den Kopf, verglich die Worte mit dem Chiffreschlüssel, den er Helma mitgeteilt. Es kam kein anderer Sinn heraus: Angeforderte Kleesendung noch nicht avisiert — das hieß aus der Geheimsprache in gutes Deutsch übersetzt: „Horst von Gernsheim noch nicht angemelbet, wundere mich über unpünktliche Lieferung."
Diese Worte bedeuteten nichts anderes, als daß Helma über den Verbleib Gernsheims nichts bekannt war. Und warum sandte eigentlich Gernsheim fein Gepäck als Expreßgepäck? Gewöhnlich, wenn man von einer fo nahegelegenen Station reifte, wie es Hamburg zu Berlin war, nahm man doch feine Sachen mit?
Hopman wußte selbst nicht, warum ihm dies alles durch den Kopf ginO Doch gewohnt, auf alles, was ihn instinktiv beschäftigte, zu achten, schob er diesen Gedanken nicht fort.
„Sagen Sie mal", fragte er den Angestellten, „würden Sie mir Bescheid sagen, wenn dieser Herr von Gernsheim hier angekommen ist? Aber bitte!" Er drückte dem Angestellten etwas in die Hand. Der verstand und nickte unmerklich. Er kannte Hopman und wunderte sich nicht, daß sich der für diesen oder jenen der Gäste interessierte.
„Hallo, Hopman, old boy!" rief eine Stimme hinter Hopman. Ein derber Schlag auf feine Schultern vollendete die freundschaftliche Begrüßungsmethode Mister Dundees.
Bald saßen die beiden Kriminalmänner in lebhaftem Gespräch im Rauchzimmer des Hotels, bis
es Zeit zum Diner war. Dundee, der vollgeladen war mit Erzählungen über das, was er bisher in den Gefüngissen des Kontinents gesehen hatte, bat Hopman, mit ihm zusammen zu lunchen. Hopman willigte gern ein:
„Ich bin ein paar Tage auf Urlaub hier, da kann ich mir einmal ein paar gemütliche Stunden mit Ihnen leisten. Will nur schnell meinem Freunde Martins zu Hause Bescheid geben, falls irgend- welche Nachrichten für mich einlaufen."
Während Dundee vorausging, um in dem ©rill- room des Hotels einen behaglichen Platz zu belegen, strebte Hopman der Telephonzelle zu. Wie er wieder herauskam, sah er gerade einen eleganten, etwas schweren Herrn mit dem Rücken zur Halle an der Schranke stehen und mit dem Angestellten verhandeln. Der Angestellte nahm einen Schlüssel vom Schlüsselbrett.
„Sehr wohl, Herr Baron!" sagte er laut und warf dabei einen Blick zu Hopman herüber. Hopman hatte verstanden! Das war Baron von Gernsheim. Er schlenderte näher. „Bitte, den Theaterplan für heute abend!" sagte er und sah dabei wie zufällig zu dem Baron herüber.
Ein unmerkliches Stutzen kam in seine Augen — dieser Baron von Gernsheim sah aber dem Bilde, das Helma ihm seinerzeit auf Schloß Gernrode gezeigt, gar nicht ähnlich, vor allem hatte er für jemanden, der jahrzehntelang in den Tropen gelebt, eine auffallend blasse, europäische Gesichtsfarbe.
Jetzt blickte der Herr auf Hopman. War ihm der abschätzende Blick aufgefallen, den Hopman ihm zugeworfen? Mißtrauisch, flackerten seine Augen auf — und eine kleine, kaum sichtbare Narbe an der Stirn flammte plötzlich rot, als wäre eine Erregung über den Unbekannten gekommen.
Schon wandte er sich brüsk um, ging schnell neben dem Zimmerkellner die Halle entlang bis zum Lift, der ihn den Augen Hopmans entführte.
Nachdenklich ging Hopman dem Grillroom zu.
„Was machen Sie denn für ein nachdenkliches Gesicht?" fragte Dundee, der das Mittagessen bereits mit einem seiner geliebten Whiskydrinks eingeleitet hatte.
„Hören Sie, Dundee! Glauben Sie, daß ein Mensch, der jahrelang in den Tropen gelebt hat, eine Gesichtsfarbe haben kann wie ein kleines Jn- ftitutefräulein? Blaß und zart?"
„Nein! Glaube ich nicht! Warum sollte ich auch?"
Hopman erzählte darauf dem aufmerksam zuhörenden Engländer seine Zusammenkunft mit dem Baron von Gernsheim.
„Warum haben Sie ihn nicht direkt angesprochen? Der Hieb ist immer die beste Parade", meinte Dundee, „wenn Sie irgendwelches Mißtrauen in die Person des Herrn von Gernsheim setzen?"
(Fortsetzung folgt!)


