M.134 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffen)
Mittwoch, l2.Zuni 1935
Aus der Provinzialhauptstadt
ten sich von Fußreisen ab, die er allein ober in Begleitung eines Freundes unternahm. Auf diesen Wanderungen reifte er gleichsam durch seine Epoche und nahm die kleinen Begebenheiten zum Vorwand, um mit der Offenheit, die sein Wesen ausmachte, die Wahrheit zu sagen. Auch die Gedichte enthalten, wenn sie auch oft der klassischen Form ermangeln, diesen goldenen Kern: Schiller liebte dies an ihnen und ließ sie deshalb gerne in seiner Zeitschrift erscheinen.
Seume blieb unverheiratet. Als er im Mai des Jahres 1810 nach Teplitz ging, um dort Bäder für sein Leiden zu nehmen, überfiel den Siebenundvierzigjährigen ein jäher Tod. Die damals durch Napoleon gedemütigte Nation wußte, was der Verlust dieses aufrechten Mannes bedeutete. „Wir Deutschen haben jetzt alles verloren ..heißt es in einem Brief an Seumes Freundin Elisa von der Recke. „Seume hat endlich durch sich selbst das Schicksal bezwungen. Allgemeine Achtung, Liebe und Freundschaft guter Menschen in allen Klassen, von den Fürsten bis zum Handwerker herab, haben ihm die Leiden seiner früheren Jahre vergolten", lautet ein Nachruf. Wieland schreibt: „Seit Herders Tod hat mich nichts so tief und schmerzlich gerührt."
Schützt den Wald!
Wer einmal einen Waldbrand erlebt hat, der denkt nur mit Grauen daran zurück. Denn hier ist ein wütendes Element am Werk, das oft jahrhundertelanges Wachstum, jahrzehntelange Arbeit und auf jahrzehnte nicht wieder zu ersetzende Werte in wenigen Stunden vernichtet. Wir denken namentlich zurück an die gewaltigen Schäden, die in vergangenen Trockenjahren, namentlich auch im letzten Sommer, durch Waldbrände entstanden, denken zurück an die Gefahren für Leib und Leben, Haus und Hof der Bauern in den angrenzenden Dörfern der Brandreviere. Und jeder Deutsche sollte heute wissen, wie wichtig jeder nutzbare Baum, jeder Quadratmeter Waldboden ist, soll die Versorgung der deutschen Wirtschaft mit Holz nicht gefährdet werden. Niemand soll denken, daß das feuchte Frühjahr, das im Gegensatz zu früheren, die Waldbrandgefahr nicht mit sich brachte, nun auch für den Sommer die äußerste Vorsicht unnötig mache. Nicht umsonst sind vom Reichsforstmeister die scharfen Bestimmungen herausgegeben worden, die jedermann berechtigen, jeden festzustellen, oder im Weigerungsfälle festzunehmen, der beim Feuermachen oder Rauchen im Walde ertappt wird. Denn der Wald ist Volksgut, Waldschaden ist Volksschaden!
Was ist zu tun, wenn der Waldbrand bemerkt wird, wenn wir vielleicht einsam durch den Wald wandern und plötzlich auf eine Rauchfahne ober bie Branbstelle stoßen? Jetzt heißt es schnell hanbeln. Es ist meist aussichtslos, als Einzelner zu versuchen, bas Feuer zu ersticken. Das wichtigste ist vielmehr, schnellstens bie nächstgelegene Försterei, bie nächstgeleqene Gemeinbe zu unterrichten. Da heißt es, alle Kräfte hergeben, um schnellstens zum nächsten Bauernhaus, zum nächsten Dorf, zum Bahnwärter, zum Forsthaus, ober wo einem irgendeine menschliche Ansiedlung bekannt ist, zu laufen. Weiß man, wo ein Fernsprecher ist, so sind selbstverständlich von hier aus Försterei, Gendarmerie ober Feuerwehr zu benachrichtigen. Jeber muß wissen, baß er verpflichtet ist, nach ben Anweisungen bes inständigen Forstbeamten . ober bes Führers ber Feuerwehr mit Hanb anzulegen. Gegenüber biefer Pflicht steht alles anbere zurück. Ihre Verweigerung ist strafbar. Unb vor allem heißt es hier Disziplin zu üben, sich unterzuorbnen.
Die Frage aber, wie ber Walbbranb am besten zu bekämpfen ist, hat nicht ber Laie zu entscheiben, sonbern ber verantwortliche Forstbeamte, ober ber Leiter ber Feuerwehr. Ob es sich nun barum han- belt. ein Gestell frei von allem Graswuchs zu machen, ober ob ein Graben gezogen werben muß unb ein Streifen kahlgefchlagen, ober ob es sich um Anlage eines Gegenfeuers hanbeln muß, all bies kann nur ber Erfahrene unb Sachverftänbige ent- fcheiben. Gerabe bie Anlage eines Gegenfeuers
Gefährliche Malerei.
Es hat immer Künstler gegeben, bie von ihrer Aufgabe innerlich so ergriffen waren, baß ihnen kein Opfer zu groß war, um ihr Werk zu vollenden. Ja, es gibt Beispiele, daß sich Maler um der Kunst willen in äußerste Lebensgefahr begaben. Wir brauchen nur an den bekannten russischen Kriegsmaler Wassili Wereschtschagin zu denken, der während seiner gefahrvollen Tätigkeit, oft mitten im Kampfgelände, nicht weniger als sieben Kugelwunden erhalten hat. Einmal befand er sich in Zentralasien mit einer kleinen russischen Truppe, bie van ben Tataren eingeschlossen würbe; auch ber Künstler mußte zum Gewehr greifen unb viels Tage mitkämpfen, bis bie Abteilung sich ben Durchbruch erzwingen konnte. Bei einer anberen Gelegenheit, währenb er bas Bilb eines Toten malte, geriet er in bas bichteste Schlachtgetümmel unb mußte sich unter bie Kämpfenben mischen, um nicht selbst niebergemacht zu werden. Michael M u n k a c s y hatte sich geradezu in sein Werk verbissen, so daß er für nichts mehr Zeit hatte und darüber den Verstand verlor. Sechsundzwanzig Jahre lang hat er fast ununterbrochen, nur mit kurzen Pausen, gearbeitet. Oft war er die ganze Nacht tätig unb entwarf bie Einzelheiten; näherte sich ein Bild ber Dollenbung, so konnte Munkacsy kaum schlafen. M e i f f o n i e r würbe einst gefragt, wie er auf seinem Gemälbe Napoleons im Jahre 1814 eine so überzeugende Darstellung des beschneiten Weges mit den tiefen Wagenspuren und dem Eindruck der Pferdehufe herausbekommen hätte. Darauf erzählte er, daß er lange auf einen heftigen Schneefall gewartet und dann, als die ersehnte Gelegenheit eingetreten wäre, auf einer Landstraße bei Paris gemalt hätte. Es war einer der kältesten Tage, und der Mann, der in feinem Auftrage mit einer alten Lafette hin- unb Hersuhr, um bie notwendigen tiefen Wagenspuren zu erzeugen, stellte die Arbeit ein, so daß Meissonier auch hier selber eingreifen mußte. Um den Glanz des harten gefrorenen russischen Schnees zu erzielen, bestreute der Künstler ben Weg mit Salz. Ehe er seine Stubien beenbet hatte, war ihm ein Ohr erfroren. Der französische Maler G e - ricault stellte einst mit großer Betrübnis fest, baß seine zahlreichen gesellschaftlichen Verpflichtungen ihn so sehr von feiner Arbeit abhielten, baß er mit bem Gemälbe „Schiffbruch ber Mebusa" nicht weiterkam. Er ließ sich beshalb bas Haar scheren, so baß er sich nirgenbs mehr sehen lassen konnte, unb schwor, es erst roieber wachsen zu lassen, wenn bas Bilb beenbet märe. Der „Schiffbruch ber Me- bufa" würbe bas beste Werk seines Lebens.
Abenteuerliches Nasem.
3um 125. Todestage von I G Seume Lon Dr. Robert Braun
Die „Leipziger Zeitung" vom Juli 1781 enthält eine Notiz über bas Derschwinben eines jungen Mannes. „Er war 18 bis 19 Jahre alt", heißt es „mittlerer Statur, trug sein schwarzbraunes Haar, welches ein wenig tief in bie Stirne gewachsen war, in einem steifen Zopfe, und hat sehr starke, schwarze Augenbrauen. Bei seiner Abreise trug er ein braunes Kleid von feinem Tuche mit Stahlknöp- fen, eine grüne gewirkte Weste, schwarze Beinkleider unb Stiesel. Seine Degenscheibe war mit Schlangenhaut überzogen unb seine Wäsche mit I. G. S. bezeichnet."
$ G S. — Johann Gottfried Seume. Er entstammte einer alten Bauern- unb Brauerfamilie, hatte bie üblichen Schulen ber Zeit unb bie Universität in Leipzig besucht, ba brachte ihn die damals anbrechende Aufklärung in schwere Verwirrung. Da sein Gönner, ein Graf H o h e n t h a l, dem orthodoxen Luthertum angehörte, und Seume fürchten mußte, mit ihm in Konflikt zu geraten, ent= chloß er sich, die unerträglich gewordenen Verhältnisse abzubrechen. So verließ er heimlich Leipzig mit dem unbestimmten Plan, in Frankreich m eine Militärschule zu kommen. Schon am dritten Abend der Flucht fiel er in die Hände von hessischen Werbern, die herumstreichende Männer einfingen. Diese wurden dann in die Festung Ziegenhayn gebracht, in bie blauen, rot gefütterten Rocke ber Uniform gesteckt unb an bie Englänber als eine Art Frembenlegionäre verkauft, um in bem Krieg mit ben nordamerikanischen Kolonien Derwenbung zu finben.
Nach einigen Monaten schweren Drills stand auch Seume „eingepökelt" auf dem Transportschiff, das mit feiner Fracht von Bremerhafen nach ber neuen Welt fahren sollte. Die Kost auf biefem Schiff bestand vorzüglich aus Erbsen mit Speck ober — umgekehrt, wobei Seume bas Alter bes Specks auf etwa fünf Jahre schätzte. Nach ber Ankunft in Halifax würbe baselbst ein Zeltlager bezogen. Hier bekam Seume Gelegenheit, bie „roilben Huronen kennen zu lernen. Er litt aber unter bem harten, einförmigen Lagerleben. Da kam ihm Rettung. Einem Offizier, bem Freiherrn von.Münchhau- s e n, war es aufgefallen, baß unter ben Solbaten ein ihm bisher unbekanntes Lieb gesungen würbe. Es besang in schwermütiger Weise bas Leben ber Rekruten in ber Festung Ziegenhayn. Auf bie Frage, woher bieses Lied stamme, nannte man ihm
Oie Ermordung des Zaren und die europäischen Mächte
Don üniversiiätsprofessor Dr. Gustav Wolost, Gießen.
Die russisch-französische Allianz, die so viel zur Entstehung des Weltkrieges beigetragen hat, hat wie jedes große Ereignis der Geschichtsforschung manche Anregungen gegeben. In beiden Ländern nahm die Durchforschung ihrer früheren Beziehungen einen großen Aufschwung, und ein Lieblingsgegenstand war das Tilsiter Bündnis Napoleons I. und Alexanders I., bas mehrere Jahre lang bas europäische Festlanb beherrschte. Natürlich wohnte vielen biefer Arbeiten bie politische Tendenz inne, das Bündnis ber beiben Autokraten zu verherrlichen unb es als Vorbild für die Gegenwart hinzustellen, aber trotzdem haben sie sich als fruchtbar erwiesen. Viele neue Quellen wurden aus den Archiven veröffentlicht, in Deutschland unb anderen Ländern beteiligte man sich an ber gelehrten Arbeit, so daß manche neue Erkenntnis, namentlich über die auswärtige Politik Napoleons, gewonnen werden konnte.
Es scheint, daß auch die aHerneue ft e Phase der russisch - französischen Freundschaft nicht ohne Wirkung auf die historische Forschung bleiben soll. Ein Anfang, freilich höchst tendenziöser Natur, ist bereits gemacht worden, und zwar von einem besonderen Kenner der russisch-französischen Beziehungen, von Paleologue, dem französischen Botschafter in Petersburg während des Weltkrieges. Er hat bereits vor einem Jahrzehnt inhaltreiche und geschickt geschriebene Tagebücher über seine Erlebnisse in Rußland herausgegeben und manche Schwäche im öffentlichen Leben Rußlands enthüllt, jetzt hat er, offenbar um die neue Freundschaft populär zu machen, einen besonders heiklen Punkt in den früheren Beziehungen behandelt.
Eine peinliche Erinnerung für die Franzosen mußte stets das Schicksal des Zaren sein. Zwei Jahrzehnte lang hatte man ihn überschwenglich gefeiert, im Kriege erwies er sich als treuer Verbündeter, ber durch die Aufopferung von Millionen rusfischer Soldaten Frankreich vor der Niederlage rettete und die Wiedereroberung Elsaß-Lothringens ermöglichte: er bezahlte diese Politik mit seinem und seiner Familie Untergang; Frankreich rettete i h n nicht, ja, man wußte nicht einmal, ob es einen Rettungsversuch unternommen hat. Hier setzt nun Paleologue ein, um das Gewissen seiner Landsleute zu beruhigen. Nicht Frankreich oder eine andere Ententemacht, bie alle mit ben Sowjets zerfallen waren, sagt er, hatten bie Ausgabe, Nikolai II. zu retten, sondern Deutschland. Kaiser Wilhelm II., sein nächster Verwandter unb langjähriger Freunb, besten Armeen in Ruß- lanb stauben, hätte in ben Friebensverhanblungen von Brest-Litowsk nur ein Wort zu sagen brauchen, um ben entthronten Herrscher zu sichern: er hat es kaltherzig unterlassen, obgleich er wußte, daß bas Leben Nikolais bebroht war unb ist somit ber wahrhaft Schulbige an ber Ermordung ber Familie Romanow.
Die Absicht liegt klar zutage: zugleich Entlastung Frankreichs und Belastung Deutschlands, des Gegners der alten wie der neuen Allianz; wie im Kriege soll die deutsche Politik wieder als barbarisch und unmenschlich hingestellt werden. Für den ferner Stehenden klingt die Beweisführung bestechend, dennoch ist sie durch und durch hohl, und der Pfeil springt beim kräftigeren Anpacken der Frage sofort auf den Schützen zurück. Ein Aussatz von Kurt I a g o w im Maiheft der „Berliner Monatshefte" (Quader-Verlag; 2,40 RM. vierteljährlich), denen wir so manchen Beitrag zur Zerstörung der Schuldlüge verdanken, hat diese neueste Verleumdung Deutschlands in ihrer ganzen Blöße aufgedeckt. Die überlegene, souveräne Art, wie Jagow eine wuchtige Anklage nach der anderen auf die Entente
Tochter. Die englische Regierung empfand die Vorgänge selbst als schmachvoll: sie Iwang den Botschafter nach dem Kriege, aus dem Manuskript seiner ^Denkwürdigkeiten diese Episode zu stretchen, seiner Tochter verdanken wir die Kenntnis der Wahrheit.
Somit haben die Bundesgenossen des Zaren seine Entfernung aus Rußland verhindert unb bamit sein Schicksal heraufgeführt. Kurz nach- bem jene Gelegenheit versäumt war, gewannen bie Bolschewisten bas Regiment unb schafften ben Zaren nach Sibirien, um ihn ungehindert durch Einflüsse von außen beseitigen zu können, wenn politische Leidenschaft oder ihr Vorteil sie dazu antrieb. Die Verantwortung für das „schändliche Drama von Jekaterinburg", wie es Paleologue nennt, trifft nicht Deutschland; der Vertreter ber Entente wirb aus einem Kläger zum Angeklagten, unb er hat sich selbst sein Urteil mit bem, was er über ben Kaiser unb Deutschlanb sagt, ae= sprachen.
Zeitschriften.
— Jebe Mutter wirb vor neue Aufgaben gestellt, bie sie neben ber Erfüllung ihrer täglichen Hausarbeit noch bewältigen muß, wenn ein krankes Kinb im Haufe ist. Die Pflege des kranken Kindes stellt an die Mutter große Forderungen; viele hierbei auftauchende Fragen findet die Mutter in dem Artikel „Die Mutter am Krankenbett" im Juniheft ber Zeitschrift „M utter unb Kinb" (Verlag Staube, Berlin W 30) ausführlich behandelt. Auch bie weiteren Beiträge „Sommerburchfall", „Warum schläft bas Neugeborene so viel?", „Messer, Gabel, Schere, Licht ...", „Photographiert Eure Lieblinge", „Lauter kleine Sünben bei der Morgengymnastik" usw. werden der jungen Mutter wertvolle Anregungen geben.
Hochschulnachrichten.
Dr.-Jng. habil. Otto Streck, Dozent für Energiewirtschaft unb Hybraulik an ber Technischen Hochschule München ist zum orbentlichen Professor in ber Fakultät für Bauwesen an ber Technischen Hochschule Berlin ernannt worben.
Professor Dr. Wilhelm Schlenk, Orbinarius für Chemie an ber Universität Berlin, ist zum orbentlichen Professor an ber Universität Tübingen ernannt worden.
muß mit aller Vorsicht geschehen. Dann freilich ist schon oft ein riesiger Waldbrand zum Stehen gekommen, wenn die beiden Feuer sich anzogen und an der Stelle ihres Zusammenstoßes mit einem Male im Augenblick, da das wütende Element sich zur höchsten Vernichtung entfaltete, aus Mangel an Nahrung in sich zusammensanken. Aber diesen Erfolg sichert nur die kunstgerechte Entfachung des Gegenfeuers. Doch niemals sollte es erst soweit kommen, daß die „Brennhexe" ihr Werk beginnen kann.
NSDAP., Gießen-Nord.
Bezahlung der Hilfskastenbeitrage der SA.-7Nknner im Bereiche der Ortsgruppe Giehen-Aord.
Am Donnerstag, 13., und Freitag, 14. Juni, in ber Zeit von 20.30 bis 23 Uhr, entrichten im Cafe Leib, Walltorstraße, alle Angehörigen ber SA., NSKK-, Reiter-SA., Motor-SA. unb Marine-SA., bie im Bereiche ber Ortsgruppe Gießen-Norb wohnen, ihren Hilfskassenbeitrag für bas britte Vierteljahr.
Wer an biefen beiben Abenben nicht bezahlt, läuft Gefahr, bei ber Hilfskasse in München abgemelbet zu werben.
Deutsche Arbeitsfront.
NS.-Gemeinschaft „Kraft durch Freude".
Rheinfahrt am 2 3. Juni.
Zu unserer Rheinfahrt können wir noch etwa 300 Meldungen annehmen. Fahrpreis nur 5 Mark, mit Mittagessen 5.80 Mark. Mit der Meldung ist zugleich der Fahrpreis zu entrichten.
Sonderzug nach dem Nürburgring.
Der Kreis Offenbach fährt am 28. Juli einen Sonderzug nach dem Nürburgring, wo an diesem Tage das Rennen um den Großen Preis von Deutschland ausgetragen wird. Der Kreis Gießen kann sich mit 300 Volksgenossen an dieser Fahrt beteiligen. Der Fahrpreis einschl. Eintritt und Sportgroschen beträgt etwa 7.— bis 7.50 Mark. Wenn genügend Meldungen kommen (800), setzen wir auch einen Zug für den Kreis ein. Meldungen bet allen KdF.-Warten in den Ortsgruppen und Betrieben.
NG.-Gemeinschast„Kraft dnrck Freude'"
Mssenfchafl im Dienste des Volkes.
7. Vortrag: „Tierseuchenbekämpfung durch Tierseuchenforschung.
Dieser Vortrag des Herrn Professors Dr. Zwick findet am Donnerstag, 13. Juni, nicht im Großen Hörsaal der Universität, sondern im Hörsaal des Veterinärhygienischen und Tierseuchen-Jnstituts, Frankfurter Straße 87, statt. Wiederum ein Vortrag von allgemeinem Interesse. Diese Seuchen unserer Haustiere sind ansteckende Krankheiten, durch die der Volks- und Landwirtschaft alljährlich ein nach vielen
mit Beschimpfungen gegen die Gestürzten: die Zarin sei eine Boche und habe im Kriege zum Schaden der Entente für Verständigung mit Deutschland gearbeitet, und der Zar sei ein Verbrecher, weil er sich ihren Befehlen unterworfen habe. Der Roheit dieser Worte entspricht ihre Ehrlichkeit: man wußte aus Paleologues Berichten in Paris genau, wie deutschfeindlich bie Zarin gesinnt war unb wie sehr sie jeben Sonberfrieben verabscheute. Der wahre Grunb, baß Frankreich bie Aufnahme der Zarenfamilie ablehnte, war die Besorgnis, daß sie in Arbeiterkreisen unpopulär fei, und dasselbe Gefühl herrschte in England. Die Mitglieder der ßabourpartei, setzte Lloyd George dem Könige auseinander, würden Streiks und Unruhen entfesseln, wenn der Zar lande. Dies Bedenken schlug durch. Die Einladung wurde zurückgezogen, zur Verzweiflung Buchanans, der die moralische Verpflichtung der Entente anerkannte: „Sie haben Angst, das ist der wahre Grund, sie haben Angst", sagte er voll Bitterkeit zu seiner
schleudert, kennzeichnet seine Arbeit wissenschaftlich wie literarisch als kleines Kunstwerk.
Mit leichter aber sicherer Hand beseitigt Jagow die Behauptung, daß die deutsche Regierung unb speziell der Kaiser jeden Rettungsversuch abgelehnt habe. Unmittelbar nach der Entthronung des Zaren (15. März 1917), als die bürgerliche Regierung Kerenfki-Miljukow am Ruder war, Deutschland mit Rußland noch im Kriege lag und die Entente die eigentliche Herrin in Rußland mar, hat die deutsche Regierung sich mit der Rettung der Zarenfamilie einverstanden erklärt und auf eine Anfrage ber bänischen Regierung versprochen, ben englischen Kreuzer, der sie an ber Murmanküste an Borb nehmen sollte, nicht torpebieren zu lassen, obgleich bie feinbfeiige Gesinnung bes Zarenpaares nicht unbekannt war. Der Vorwurf, Deutschland habe in B r e st - L i t o w s k die Schonung ober Auslieferung nicht verlangt, erlebigt sich von selbst: Deutschland hatte keine Macht, eine solche Forderung durchzusetzen. Rußland stand nicht, wie Paleologue wider besseres Wissen behauptet, unter deutscher Botmäßigkeit; konnte doch Deutschland nicht einmal nach dem Frieden die Ermordung seines Botschafters, des Grafen Mirbach, und bes Feldmarfchalls Eichhorn verhindern und Genugtuung für den unter den Augen der russischen Behörden begangenen Frevel erlangen. Dor allem wußte man in Berlin genau, daß eine Verwendung für ben Zaren nur sein Los verschlimmert, vermutlich seine sofortige Ermordung herbeigeführt hätte, da die bolschewistische Regierung darin die Absicht, die monarchische Gegenrevolution zu unterstützen, gesehen hätte. Daher waren der deutschen Regierung auch nach dem Frieden die Hände gebunden, aber sie hat in Moskau nachdrücklich darauf hingewiesen, daß die Ermordung des Zaren Abscheu in ber gesitteten Welt Hervorrufen werde, und sie ist wiederholt f ü r bie Zarin und ihre Töchter als „Prinzessinnen deutschen Geblüts" eingetreten, ja sie bat Auswechslung gegen einen gefangenen russischen Sozialistenführer an. Es war vergeblich. Die Sowjetregierung gab ausweichende, hinhaltende Antworten und setzte dies Spiel in vollkommener Unehrlichkeit fort, nachdem das Gemetzel von Jekaterinburg bereits vollzogen war, so daß die deutsche Regierung, die lange Zeit nur vom Tode des Zaren Nachricht erhielt, sich mehrere Male für die schon Getöteten verwendet hat.
Die deutsche Regierung hat also alle Forderungen der Politik unb ber Menschlichkeit erfüllt: ganz anbers bie Entente. Sie hatte tatsächlich nach ber Absetzung Nikolais mehrere Monate bie Herrschaft in ber 5) an b, bie neue Regierung wünschte sogar seine Abreise ins Auslanb, unb der englische Botschafter Buchanan empfahl seiner Regierung dringend, eine Einladung ergehen zu lassen und einen Kreuzer an die Murmanküste zu schicken. In Rußland, schrieb er — und dasselbe lesen wir in Paleologues Tagebüchern —, fei das Leben des Zaren nicht mehr sicher, jeden Tag könne ein Umschwung die Bolschewisten, seine Todfeinde, zur Herrschaft bringen ober ein Attentat unternommen werden. In England, dessen König dem Zaren als direkter Vetter weit näher verwandt war ato der Kaiser, also aus dynastischen wie politischen Gründen sich mehr als dieser zur Rettung berufen fühlen mußte, war das Kabinett anfangs nicht abgeneigt, auf Buchanans Appell an feine menschliche Gesinnung zu hören, aber bald kam von zwei Seiten Widerstand: von Frankreich und von Lloyd George, dem Ministerpräsidenten. Der französische Verbündete erwiderte auf eine englische Frage, wie er über die Aufnahme des Zaren in einem Ententelande denke, den Namen des Sergeanten Seume, und als Münchhausen zu dem Zelt kam, wo der Soldat wohnte, erschien ein kleiner Mensch, mit einer alten Pferdedecke bekleidet, der finsteren Blickes den Offizier musterte.
Beide wurden Freunde. Sie wanderten an der öden Küste hin ober streiften burch bie Wölber, und Seume, der stets einen Klassiker bei sich trug, las daraus Münchhausen vor. Da 1783 der Friede zwischen England und den Kolonien geschlossen wurde, kam Seume nicht ins Gefecht, sondern wurde mit der deutschen Mannschaft wieder m die Heimat befördert.
Dreimal versuchte Seume, feinen Ketten zu entfliehen, vergeblich. Deswegen zu Arrest verurteilt, schrieb er mit Kreide auf die Kerkertur: „Tu ne cede malis, sed contra audentior ito!“*, worüber einige Offiziere in Streit gerieten, weil einer von ihnen behauptete, es sei kein kunstgerechter Hexameter. Schließlich entschied der Häftling, den man zu diesem Zwecke holen ließ, daß die Zeile von Virgil stamme und also wohl anerkannt werden müsse. Dadurch wurde man auf den kleinen, klassisch gebildeten Soldaten aufmerksam und erließ ihm die weitere Strafe. Das nächste Mal aber sollte es kein Pardon für ihn mehr geben: der unverbesserliche Ausreißer wurde zum Tode verurteilt. Da erschie- nen die Bürger von Emden, wo die Garnison lag, selbst Kinder'kamen zum Kasernenhof, für den beliebten Seume um Gnade zu bitten. Der Oberst trat vor und verkündete, daß dem Deserteur die Todesstrafe wegen seines guten Verhaltens in Kerkerhaft umgewandelt sei. Und er erwähnte halblaut gegen die Bürger, daß Seume — nichts gegen eine Verköstigung von ihrer Sette einzuwenden haben werde.'Nun sandten sie so reichliche Speisen an den Häftling, daß er sie nicht bewältigen konnte und Braten an seine Umgebung abgab.
Nach dem Abschied vom militärischen Dienst wurde er Sekretär des russischen Generals I g e l- ström- als solcher erlebte er in Warschau bie Schrecken bes polnischen Aufstandes, ber ber zweiten Teilung Polens oorausgmg. Auch hier im Volksaufruhr unb Feuer der Kartätschen, blieb Seume der deutsche Stoiker: hinter den Barrikaden der Sandsäcke, jeden Augenblick des Todes gewärtig, las er seinen Homer.
Seume nimmt eine eigenartige Stellung unter den deutschen Dichtern ein: in der Zeit der Klassik holte er seinen Stoff aus dem unmittelbaren Leben. Die Schriften, die ihn berühmt machten besonders „Der Spaziergang nach Syrakus, lei-
*Weiche dem Unheil nicht, nein, mutiger geh' ihm entgegen.


