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Was soll ich denn mit einem Auto?

ROMAN VON KÄTHE METZNER.

Urheberrechtsschutz: Fünf-Türme-Verlag, Halle (S.).

6 ForNe^ung. Nachdruck verboten!

Augenblicke lang krabbelte sie in den vielen Losen. Ihre Hand sollte jetzt entscheiden. Um den roten Mund huschte unwillkürlich ein Lächeln. Dann griff sie herzhaft zu.

Also die Wahl ist gefallen. Fortuna hat ent­schieden. Der glückliche Gewinner ist die Losnum­mer: 17 979!!! Siebzehn tausend neun hundert neunund sieben zig!l!"

Gerlindes Augen wurden mit einem Male groß und größer. Ihr Mund stand halb geöffnet. Sie starrte auf ihr Los. Die Zahlen tanzten .. 'rauf 'runter 'rauf... Ordneten sich wieder wie Soldaten in eine Reihe. Wurden riesengroß und schrumpften wieder zusammen aber sie blieben dieselben.

Kein Zweifel, auf ihrem Los stand die Nummer 17 979!

Ein Zittern durchlief ihren Körper: dann sagte sie leise in das gespannte Schweigen hinein:

Ich glaube, es ist meine eigene Nummer!"

Was???"

Aller Blicke hingen an dem schönen Mädchen. Die Herren unten im Saal klatschten, trampelten, schrien laut:

Bravo! Bravo!"

Der kleine Mannequin stand plötzlich im Mittel­punkt: aber so ganz anders als zuvor: Umjubelt, beneidet, beglückwünscht.

Der Leiter des Festausschusses strahlte und lachte über das ganze Gesicht. Alles lachte und strahlte. Die Welt war mit einem Male so hell und freund­lich.

Sie ist ihres eigenen Glückes Schmied gewesen!" sagte der Herr neben Gerlinde laut in das Publi­kum hinein. Dann nahm er die verdutzte Gerlinde am Arm und führte sie über die Treppe in den Saal hinunter.

So, mein kleines Fräulein, dieses schöne Auto gehört von dieser Stunde an Ihnen. Wenn Sie wollen und können, so dürfen Sie nachher schon damit heimfahren."

Alle waren von ihren Plätzen aufgestanden. Jeder wollte die kleine glückliche Gewinnerin sehen.

Nur eine wäre am liebsten auf und davon ge­laufen das war sie selbst. Gerlinde, die das alles überhaupt nicht fassen und begreifen konnte.

Und so sagte sie in diesem Augenblick, da sie der Brennpunkt des Interesses war, etwas, das die Berliner lange nicht vergessen konnten, denn es

löste Erschütterung und Heiterkeit zugleich bei ihnen aus:

Was soll ich denn mit einem Auto?"

Gersheim, der ganz in Gerlindes Nähe stand, lief es ganz kalt über den Rücken.

Daß daran noch keiner gedacht hatte? Das Mäd­chen hatte wirklich recht. Vielleicht..., nein, gewiß, war sie arm, konnte nicht fahren, hatte weder Geld für Steuern, noch für Garage, noch für Benzin.

Liebes, süßes, kleines Mädchen! Eine Fülle von Koseworten drängte sich aus Günter von Gers­heims Herzen empor, aber sein Gesicht verriet nichts von dem, was in ihm vorging. Nur sein Herz sagte ihm, daß er dieses Mädchen wiedersehen müsse.

Doch einmal geht auch das Schönste vorbei. Und so war es auch an diesem Tage.

Angefüllt von Erlebnissen, kehrte Gerlinde heim. In ihren Ohren rauschte und brauste es.

War das alles Wirklichkeit gewesen? Oder war es nur ein Traum? Ein Märchentraum?

Eine Enttäuschung gab es. Gisela war nicht da­heim. So mußte die Mutter allein alles über sich ergehen lassen.

Tränen liefen über Frau Steinbrücks blasse Wangen.

Lindchen! Meine kleine, liebe Linde! Was hast du alles erlebt! So ein Glück! Gisela wird sprach­los darüber sein...!"

Gerlinde wartete mit ihrer Mutter. Sie horchten auf jeden Schritt draußen auf dem Treppenflur. Gisela aber (am nicht.

Die Zeit des Abendessens ging vorüber. Es wurde zehn Uhr. Elf Uhr.

Gerlinde fielen schon die Augen zu.

Lege dich zu Bette, mein Herzchen! Dann wirst du es ihr morgen erzählen. Du mußt morgen früh wieder frisch sein im Dienst."

Ich brauche erst von Mittag an zu arbeiten, Muttchen! Wir sollen mal richtig ausschlafen."

Um so besser, Kind. Doch nun schlaf!"

Wo nur Gisa bleibt, Muttchen? Es wird ihr doch nichts zugestoßen sein?"

So Gott will, nicht, Linde."

Gerlinde schlief ein mit einem glücklichen Lächeln. Sie schlief fest und tief: aber in dieser Nacht hatte sie viele unruhige Träume. Und auch ein Paar seltsame, schwermütige Männeraugen ließen sie irgendwie nicht los.

Frau Steinbrück aber konnte kein Auge schließen.

Sie hatte das elektrische Licht lange ausgeschaltet aus Sparsamkeitsgründen.

Die nahe Turmuhr schlug dreimal. Drei Viertel zwölf Uhr...

Frau Steinbrück schaltete das Licht wieder ein. Eine Unruhe war in ihr, die sie unablässig in der kleinen Wohnung hin und her trieb.

Sie schaute auf die Straße hinunter. Ab und zu kam noch ein verspäteter Fußaänger. Sväter grölten ein paar Betrunkene einen Schlager. Dann war es wieder still.

Wo blieb Gisela?

An der Tür zum kleinen Schlafzimmer der Schwestern horchte Frau Steinbrück. Gerlinde at­mete tief und regelmäßig. Sie schlief fest.

Wieder trat die arme Mutter ihre ruhelose Wan­derung an. Das Herz tat ihr weh und klopfte un­heimlich stark.

Frau Steinbrück schluchzte in sich hinein. Sie kannte dieses Warten. So hatte sie auf Waldemar Steinbrück gewartet, manchen Abend, manche Nacht und einmal kam er nicht mehr.

Aber Gisela? Sie war ein Mädchen. War noch jung. Einundzwanzig Jahre alt. Hatte sie so wenig Macht über ihr Kind? Hatte sie Gisela nicht streng genug erzogen und sich die Zügel zu früh aus den Händen nehmen lassen?

Unten fuhr ein Auto vor.

Frau Steinbrück war es, als müßte ihr Herz stehenbleiben. Der Chauffeur öffnete den Schlag, und gewandt sprang Gisela heraus.

Dann hörte Frau Steinbrück, wie die Haustür ins Schloß fiel und Schritte die Treppe herauf­kamen.

Als Gisela leise die Flurtur schloß, drehte Frau Steinbrück schnell das Licht ab. Sie saß wie an­gewurzelt in ihrem Stuhl. Versuchte, sich aufzurich­ten. Doch matt sank sie wieder zurück.

Es war ihr unmöglich, jetzt ihrem Kinde gegen­überzutreten.

Nur ihre Gehörnerven waren doppelt gespannt.

Sie hörte, wie Gisela im Korridor die Halbschuhe auszog und auf den Zehenspitzen in das Schlaf­zimmer schlich.

Da endlich entkleidete sich auch Frau Steinbrück. Aber so sehr sie sich auch mühte, die unruhigen, quälenden Gedanken zu verscheuchen, sie fand keinen Schlaf.

Vom Turm herüber schlug es ein Uhr.

4. Kapitel.

Im Modenhaus Merkur war Gerlinde an dem Tage, der der großen Modenschau folgte, der Mittelpunkt.

Gerlinde Steinbrück, der kleine, ärmlich gekleidete Mannequin, der glückstrahlend gewesen mar, als ihm ein Vertrag mit 130 Mark Monatsgehalt ge­macht wurde, war Über Nacht eine kleine Kapita­listin geworden. Besitzerin des entzückendsten Sport­zweisitzers, den man sich nur denken konnte.

Die schwarze Lotte und die blonde Erna und die Erika und die Else und wie sie alle hießen waren heute ganz aus Rand und Band.

Kinder! Ich prophezeie euch: unser Lindekind mit dem werden wir alle noch etwas ganz an­deres erleben. Das ist der Anfang. So fängt es bei allen an, mit denen das Leben etwas vor hat!"

Die schwarze Lotte war auf einen Stuhl gestiegen und dozierte aus ihrer Höhe wie ein Professor. Doch sie sprang auch ebenso plötzlich herunter, wie sie hinaufgeklettert war.

Fräulein Scholz, die erste Direktrice, stand tnt Türrahmen.

Na, Kinder! Euch ist das Glück von der Kleinen wohl allen ein bißchen in den Kops gestiegen. Aber ich verstehe ja... Ich habe mich ja selber so sehr gefreut."

Der guten alten Seele traten vor Rührung dis Tränen in die Augen, während sie Gerlinde behut­sam über die hellblonden Haare streichelte.

Aber Scholzchen! Sie muß doch heute etwas zum Besten geben nicht wahr? Darum kommt sie doch nicht herum!"

Ernas blaue Augen verdrehten sich wie im­mer schwärmerisch. Ach, wie lange war es schon ihr Traum, einmal Apfelkuchen und Schlagsahne essen zu können, bis sie selber nicht mehr wollte. Jetzt schien ihr die Erfüllung so nahe wie noch nie.

Nein" die anderen brüllten und quietschten durcheinander, als ob sie an Spießen steckten, darum kommt sie nicht herum!"

Jetzt lachte auch Gerlinde heiter mit.

Ihr habt ja recht. Natürlich will ich das. Aber vor dem Ersten geht es doch leider nicht. Ich habe gar keinen Pfennig Geld zur Verfügung."

Da mache dir nun keine Gedanken, mein Süßes! Ich pumpe dir schon. Oder ... nicht wahr, Scholz­chen, Sie geben ihr mal einen kleinen Vorschuß?!"

Die alte, freundliche Dame lächelte und zog ihre Geldbörse kopfschüttelnd.

Was ihr alles für Wünsche habt?! Hier sind ... wenn ich Ihnen aushelfen darf, Fräulein Steinbrück?"

Ach, ich würde Ihnen sehr dankbar sein. Viel­leicht bis zum Ersten fünf Mark."

Alles in schönster Ordnung!" jubelte Erna, die ihren Appetit kaum noch unterdrücken konnte.

Zehn Minuten später brachte ein Boy aus der nahen Konditorei ein riesenhaftes Paket, während die Mädels in der Kantine einen schönen Kaffee hatten kochen lassen.

Ein hoher Berg Schlagsahne türmte sich auf und neben prachtvollem Apfelkuchen lagen die herrlich­sten Tortenstückchen, daß den Mädels schon vorher das Wasser im Munde zusammenlief.

Die gute alte Scholz die jungen Mädchen ahnten nicht, daß sie in ihrer Gutmütigkeit zu den geborgten fünf Mark stillschweigend noch ein Fünf- markstück draufgelegt hatte. Alles hatte gestern so gut geklappt, und die Chefs hatten sie vorhin so gelobt, daß sie auch irgendwie von sich aus ein bißchen Freude stiften mußte.

Doch mitten in den großen Schmaus hinein klingelte das Haustelephon.

Kundschaft da! Möchte bitte jemand zum Dor« führen kommen!"

Ach!" Die Gesichter wurden lang.

Jetzt gerade gerade jetzt sollte eine vorführen!? Da stand Gerlinde schnell und entschlossen auf.

Bleibt schon sitzen! Ich mache es schon!" (Fortsetzung folgt!)

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