Marneschlacht in der üblichen Weise, ebenso eines kürzlich verstorbenen verdienten Kameraden aus Griesheim. Er betonte, daß der Führer durch die Wiedereinführung der Wehrpflicht als Ehrenpflicht des deutschen Mannes uns alten Soldaten erst wieder die richtige Soldatenehre zurückgegeben und dadurch bekräftigt hat, daß unsere Gefallenen auf dem Felde der Ehre gefallen sind.
Nach dem Gesang des Deutschlandliedes und des Horst-Wessel-Liedes blieben die Kameraden noch einige Stunden beisammen unter Austausch von ernsten, traurigen, aber z. T. auch heiteren Kriegserlebnissen. Mit Sieg-Heil auf Volk und Führer schloß Kamerad B o p f die würdig verlaufene Feier.
NSDAP., Gießen-Nord.
Abteilung Hilfskasse.
Velr.: Bezahlung der hilfskassenbeiträge für das letzte Vierteljahr 1935.
Am Donnerstag, 19. September, und Freitag, 20. September, in der Zeit von 20 bis 22.30 Uhr zahlen alle SA., RSA., NSKK., Reiter- und Ma- rine-SA.-usw.-Angehörige, die nicht Parteigenossen sind, den Hilfskassenbeitrag für das 4. Vierteljahr 1935 im Caf6 Leib, Walltorstraße.
Wer an diesen beiden Abenden nicht bezahlt, wird in München bei der Hilfskasse abgemeldet.
Auch werden die Hilfskassenbeiträge vorher nicht angenommen.
Vertreter der hessischen Feuerwehren in Dresden
Die Deutsche Volksschau für Feuerschutz und Rettungswesen „Der Rote Hahn" in Dresden, die nicht nur stark von Interessenten aus dem Reiche, sondern auch aus dem Auslande besucht wird, sah in diesen Tagen auch die Vertreter der hessischen Feuerwehren in Dresden. Feuerwehrmänner aus Mainz, Darmstadt, Worms, Offenbach, Friedberg, Alzey, Alsfeld, Büdingen, Lauterbach, Bingen, Nierstein, Nieder - Ingelheim, Birkenau und Gießen (die Gießener Wehren vertreten durch Kreisfeuerwehrinspektor Bouffier und Oberrandmeister Wenzel, denen sich der Ehrenbranddirektor Braubach (Wiesbaden) und der in Dresden ansässige Altveteran der Freiwilligen Gailschen Feuerwehr Hermann Elle angeschlossen hatten) besichtigten eingehend die in über 20 großen Hallen untergebrachte Ausstellung und die Vorführungen der Dresdener Berufs-Feuerwehr, sowie die der Jugendfeuerwehr. Riesige Lust- Schaumfontänen vor dem etwa 30 Meter hohen Steigerhause, die aus 26 Strahlrohren mittels dazu konstruierter Schaumpumpen strömten, hatten eine unübersehbare Menschenmenge angelockt, unter der sich auch eine große Anzahl polnischer Gäste befanden. Es war alles aufs vortrefflichste vorbereitet; die großangelegte Schau-Uebung der vier aufgefahrenen Dresdener Löschzüge von modernster Ausrüstung der Mannschaft und Bauart der Fahrzeuge klappte hervorragend. Die großen brandtechnischen Vorführungen der Dresdener Feuerwehr fanden reichen Beifall auf dem weiten Uebungsplatze, der mustergültig hergerichtet ist. Die Hessen hatten außerdem noch Gelegenheit, die Schönheiten der Stadt Dresden und ihrer herrlichen Umgebung zu schauen und persönlich das Schaumlöschverfahren in verschiedenen bekannten großen Bierhäusern zu probieren, bis die Zeit zur Heimreise rief.
Gießener Wochenmarktpreise.
* Gießen, 10. Sept. Auf dem heutigen Wochenmarkt kosteten: Molkereibutter, das Pfund 1,50 bis 1,55 Mark, Landbutter 1,42 Mark, Matte 20 bis 25 Pf., Käse, das Stück 4 bis 10, Eier (inländische) 11 bis 12, Wirsing, das Pfund 10 bis 15, Weißkraut 10 bis 12, Rotkraut 12 bis 15, Gelbe Rüben 8 bis
12, Rote Rüben 8 bis 12, Spinat 20 bis 25, Römischkohl 6 bis 10, Bohnen (grün) 15 bis 20, (gelb) 20, Unterkohlrabi 8 bis 10, Erbsen 25 bis 30, Tomaten 10 bis 15, Zwiebeln 10, Meerrettich 35 bis 40, Kürbis 6 bis 8, Pilze 30 bis 40, Kartoffeln 4 bis VA Pf., der Zentner 3,50 bis 4 Mark, Frühapfel, das Pfund 10 bis 30 Pf., Falläpfel 5 bis 6, Pfirsiche 40 bis 50, Brombeeren 40 bis 45, Preiselbeeren 45, Birnen 10 bis 30, Zwetschen 10 bis 15, Mira- bellen 20 bis 30, Renekloden 25, junge Hahne 85, Suppenhühner 70, Tauben, das Stück 50, Blumenkohl 5 bis 60, Salat 5 bis 10, Salatgurken 4 bis 25, Einmachgurken 1 bis 2, Endivien 5 bis 15, Oberkohlrabi 8 bis 10, Lauch 5 bis 10, Rettich 5 bis 15, Sellerie 15 bis 40, Radieschen, das Bund 8 bis 10 Pf.
vornotizen.
— Tageskalender für Dienstag: NSG. „Kraft durch Freude": 18 bis 19.30 Uhr Allgemeine Körperschule agf dem Universitätssportplatz; 21 bis 22 Uhr Reiten, Reitschule Schömbs, Brandplatz. — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Lockspitzel Asew".
*
** Vom Botanischen Garten. In der letzten Zeit sind wiederholt Diebstähle an den Beständen des Botanischen Gartens bemerkt worden. Der Rektor der Universität und der Direktor des Botanischen Gartens warnen auf das dringendste vor allen unerlaubten Eingriffen in Staatseigentum. — Der Botanische Garten wird, wie üblich, am 1. Oktober geschlossen; die Schauhäuser werden wegen gärtnerischer Arbeiten bereits am 15. September geschlossen werden.
** Silberhochzeit. Am heutigen Dienstag, 10. September, können Oberpostschaffner Karl Trechsler und Frau Anna, geborene Wende- roth, Anneröder Weg 23, das Fest der Silbernen Hochzeit feiern. Das Jubelpaar ist seit 25 Jahren treuer Bezieher des Gießener Anzeigers.
** Glimpflich verlaufenerVerkehrs- Unfall. Gestern vormittag ereignete sich auf der Marburger Straße zwischen der Karlsruhe und der Wellersburg ein Unfall. Ein Personenkraftwagen, der in ziemlich raschem Tempo aus Richtung Marburg gefahren kam, wollte einen anderen Kraftwagen in dem Augenblick überholen, da beiden Fahrzeugen ein Lieferkraftwagen einer ßoüarer Firma entgegenkam. Geistesgegenwärtig zog der Fahrer, der mit feinem Wagen überholen wollte, die Bremsen, tat das aber so heftig, daß der Wagen
ins Schleudern kam, von der gepflasterten Fahrbahn auf den Reitweg geriet und sich dort mehrmals überschlug. Der Lenker des Fahrzeuges, der allein im Wagen saß, blieb wie durch ein Wunder völlig unverletzt. Die Karosserie des Wagens wurde durch das mehrmalige Aufschlagen auf die Erde schwer beschädigt. Das Auto mußte abgeschleppt werden. Von den anderen beiden Kraftfahrzeugen wurde keines in Mitleidenschait gezogen.
** Ausbruch der Rotlaufseuche. Die Polizeidirektion Gießen teilt mit: In dem Schweinebestand des Heinrich Neuling, Gießen, Wiesecker Weg 40, ist Schweinerotlauf festgestellt worden. Gehöstsperre ist angeordnet.
** Arbeitsdienstkundgebung. Unserem Bericht über die Arbeitsdienstkundgebung ist nachzutragen, ^daß das von Arbeitskamerad Bier au vorgetragene Gedicht „Kameraden, das war ein heißer Tag" nicht von ihm selbst, sondern von Herrn Carl C h r i st verfaßt ist.
** Eine Kochkunst-Vorführung, die durch einen öffentlichen Vortrag über das Thema „Zerrüttete Nerven und ihr Neuaufbau" eingeleitet wurde, fand gestern abend durch den Leiter von Lehrkursen für neuzeitliche Küchenführung Richard B ü ch t e r aus Frankfurt a. M. im vollbesetzten Saale des „Bayerischen Hofes" statt. Der Redner prach im Sinne der Erneuerungsbewegung, wie ie in den Naturheiloereinen, dem Kneipp-Bund, )er deutschen Volkshellbewegung u. a. zutage tritt und deren Ziel eine naturgemäße Heil- und Lebensweise und damit eine völkische Erneuerung ist. Der Redner wies neue Wege; angefangen von der richtigen, rhythmischen Atmung über die Diätlehre zur Körperpflege zeigte er Wege zu einer verinnerlichten, mit wachen Sinnen erlebten Lebensweise, bei der der Mensch zum Vollgefühl des Lebens gelangt. Bei der heutigen Ernährung verbrauche, so betonte er, der Mensch neunmal mehr Nahrungsmittel, als sein Körper verarbeiten könne. An Hand von Beispielen führte er u. a. den Nachweis für eine ausgiebige Verwertung der auf unserem Heimatboden gewachsenen Kräuter und Pflanzen. Richtige Zusammensetzung und Anwendung ermöglichten eine sinnvolle und ausreichende Ernährung und damit eine reinigende und yeilende Wirkung auf den ganzen Organismus. Verabreichte Kostproben solcher heimatlicher Nahrungsmittel in würziger und geschmackvoller Zubereitung zeigten die Vorzüge der in diesem Sinne angewandten Kochkunst.
Obecheffen.
Heimatfest auf Burg Staufenberg.
D Staufenberg, 8. Sept. Heute trat die erst vor kurzem gegründete Heimatvereinigung Staufenberg mit einem wohlgelungenen, echten Volksfeste an die weitere Öffentlichkeit, um diese für die idealen Bestrebungen der Heimatvereinigung zu erwärmen. Es nahm einen überaus gelungenen Verlauf dank der prachtvollen Witterung und genauen Vorbereitung.
Das Heimatfest begann mit einer offiziellen Feier in der schönen oberen Burgruine. Nach einem schneidigen Eröffnungsmarsch der Kapelle L y n k e r (Lollar) begrüßte der Vorsitzende der Heimatvereinigung, Pfarrer G u ß m a n n (Kirchberg), die zahlreich erschienenen Gäste und Mitglieder. Er wies auf die Bestrebungen der Vereinigung hin, auf ihre noch zu lösenden Aufgaben, und verglich die Vergangenheit mit ihrer Zerrissenheit und ihren Ruinen mit der Gegenwart, die uns zur Dankbarkeit und Hoffnung stimmen muß. Er brachte in diesem,
Sinne ein dreifaches Sieg-Heil auf den Führer aus, worauf die Versammlung mit den Nationalhymnen antwortete. Gartenbauarchitekt Schwarz (Gießen) trug sodann ein eigenes Gedicht „Die Staufenburg" zum Heimatfeste am 8.9.1935 vor, in dem die geschichtliche Vergangenheit der Burg besungen wurde. Der Gesangverein Staufenberg (Leiter: Herr Müller) sang darauf zwei fchöne Heimatlieder, „Wo die deutschen Eichen rauschen" und „Im schönsten Wiesengrunde". Es folgten zwei Hans-Sachs-Spiele, das bekannte: „Der fahrende Schüler im Paradeis" und „Der tote Mann". Der Ehrenherold (Ernst G r ö l z) und die übrigen Mitwirkenden — alle aus Staufenberg —, Frau Lina Fink, geb. Orb, Frl. Kath. Schneider, Georg Ruckelshaufen und Wilhelm Feyh erledigten sich ihrer Aufgabe unter großem Beifall mit vollendeter Gewandtheit. Nach einem Musikstück der Kapelle sang die erste Schulklasse (Lehrer R a - b e n a u) ein schönes dreistimmiges Heimatlied. Auch zwei Reigen des BDM. Staufenberg (Frl. Elli
Schmidt) fanden reichen, vohlverdienten Beifall. Sie waren begleitet von dem Harmonikaspieler Wilhelm Feyh. .
Ein frohes Treiben begann dann m der unteren Burg bis zur Essenspause. Danach und bei beginnender Dunkelheit begann die I l l u m i n a 11 o n, die bei der herrschenden Windstille restlos durchgeführt wurde und viele Besucher anlockte. Hell leuchteten weithin die Fackeln vom hohen Turm der oberen Burgruine in das Lahntal hmaus wahrend im Burghof die vielen Lampions ihr mildes Licht warfen und die lebenden Bilder „Die Drescher , „Die Holzfäller", „Die Spinnstube', sowie eine Pyramide des Staufenberger Turnvereins unter grünem und rotem Scheinwerferlicht das Auge erfreuten. Tanz schloß sich an.
Hoffentlich ist der Zweck des Heimatfestes, weitere Kreise zur rechten Heimatliebe zu ergehen, erreicht worden. Besondere Anerkennung verdient der Umstand, daß sich fast alle Kr.ise der Gemeinde Stau- fenberg und einzelne Mitglieder der HeimatverelM« gung restlos in den Dienst der guten Sache stellten. Besonderer Dank dem Künstler, einem Sohne Staufenbergs, der ein in einer Gießener Familie befindliches Gemälde „Staufenberg im Jahre 1874 , im großen Maßftabe vergrößert malte und eingerahmt Der Heimatvereinigung als erstes Geschenk überreichte.
Beigeordneten-Einführung in Grünberg.
+ Grünberg, 9. Sept. Zu der Sitzung des Gemeinderats waren außer den Mitgliedern des Gemeinderats sämtliche städtischen Beamten und Angestellten erschienen. Der Zuhörerraum war stark besetzt. Bürgermeister Wagner gab bekannt, daß das Kreisamt durch Schreiben vom 4. September die Parteigenossen Wilhelm Alb ach zum ersten und Karl W e tz i g zum zweiten Beigeordneten ernannt habe. Einzeln nahm er hierauf jedem den Eid auf den Führer ab, den die Beigeordneten als gemeindliche Beamte gleich dem Bürgermeister zu leisten haben. In feinen weiteren Ausführungen wies der Bürgermeister auf die besonderen Rechte und Pflichten der Beigeordneten hin, wie sie in §35 der neuen Gemeindeordnung festgelegt sind. Als nächste Mitarbeiter des Bürgermeisters soll ein auf gegenseitigem Vertrauen aufgebautes Verhältnis bestehen, ihre Arbeit soll von Verantwortungsbewußtsein getragen sein, bei Vertretung des Bürgermeisters entscheiden sie genau wie dieser nach dem Führerprinzip. Die Hauptsache ist, den rechten Weg erkennen und geradeaus zu gehen. Nach Glückwünschen an die beiden neuen Beigeordneten zu ihrem Amte schloß Bürgermeister Wagner npt dreifachem Sieg-Heil auf den Führer die denkwürdige Sitzung.
Erster Beigeordneter Wilh. A l b a ch ist 35 Jahre alt, er stammt aus dem benachbarten Lindenstruth und betreibt hier feit annähernd acht Jahren eine Tabak- und Zigarrenhandlung. Er ist stellvertretender Ortsgruppenleiter. Der zweite Beigeordnete Karl W e tz i g ist 32 Jahre alt, er stammt aus der Rheinpfalz und übernahm im Jahre 1930 das hiesige Gasthaus „Zum Wilden Mann". Er ist Sturmführer des Sturmes 14/M 147.
Lauterbacher Jude
wegen Tierquälerei verurteilt.
LPD Lauterbach, 9. Sept. Heute vormittag stand vor dem Lauterbacher Amtsgericht der Jude Vogel Wertheim, der sich bei einem Kälbertransport im Juli d. I. der Tierquälerei schuldig gemacht hatte. Die Verhandlung endete damit, daß der Jude wegen Vergehens gegen § 1 und § 9 Abs. 1 des Tierschutzgesetzes zu einer Gefängnis st rafe von einem Jahr und in die Kosten Des Verfahrens verurteilt wurde. In
Zu jedem kommt einmal das SM
Vornan von Ellen Kulm
Urheberrechtsschutz: Fünf-Türme-Verlag, Halle (S.) 16 Fortsetzung. Nachdruck verboten!
Monika zögerte. Sie wußte, wie altmodisch Gerling noch in vielen Dingen dachte. So sagte sie nur:
„Sie heißt Evi von Tanner und lebt mit ihrer Mutter in sehr bescheidenen Verhältnissen. — Doch da kommt sie ja."
Durch die Drehtür kam ein junges Mädchen, das zögernd auf der Schwelle stehenblieb.
Monika lief ihr entgegen, schob den Arm unter den ihren und näherte sich Gerling, der aufgestan- den war.
„Gestatten Sie! Herr von Gerling — meine Freundin Evi von Tanner...!"
„Ich freue mich sehr, Sie kennenzulernen, gnädiges Fräulein!"
Doch da stockte Gerling. Er hatte Evi von Tanner jetzt erst richtig angesehen.
„Aber das ist ja — das ist ja geradezu unglaublich ..."
Monika lachte.
„Nicht wahr? Wir müssen uns also doch sehr ähnlich sehen, wir kreide."
„Und das war also die Ueberraschung, Fräulein von Jnnemann? Ich finde es geradezu fabelhaft."
Sie waren unterdessen in den Teeraum gegangen und setzten sich in eine Ecke, unweit der Musik.
Gerling bestellte beim Kellner. Unterdessen betrachtete Monika die neue Freundin besorgt und fragte leise:
„Aber Evi, Sie sehen heute so schlecht aus? Ist Ihnen etwas?"
„Meine Mutter ist gestern plötzlich erkrankt. Oh, nichts Ernstes! Der Arzt verlangte sogar von mir, daß ich am Nachmittag weggehe. Aber ich habe nun doch keine rechte Ruhe, obwohl ich mein Muttchen gut aufgehoben weiß."
„Nun, bann dürfen Sie jetzt keinen Sorgen nachhängen. Ich habe mich so auf Sie gefreut. Und Sie müssen auch heute nachmittag tanzen — nicht wahr, Herr von Gerling?"
„Ich werde gern mit Ihrer Freundin tanzen, Fräulein von Jnnemann!" sagte Gerling ernst.
Er sprach die ganze Zeit über wenig, ebenso wie die stille Evi, dafür war Monika um fo lebhafter, denn sie war dauernd in Erregung, was geschehen würde, wenn Johnie kam. Hatte doch auch Evi von Tanner keine Ahnung, mit wem sie heute zusammenkommen sollte.
Um fünf Uhr erschien Shirley Preston. Sie hatte ein neues Kleid und eine Menge Schmuck. Sie lächelte ihr bezauberndes Lächeln und setzte sich sofort an den freien Platz neben Gerling.
Sie betrachtete Evi von Tanner flüchtig, dann sah sie zu Monika hinüber:
„Das Fräulein ist wohl eine Verwandte von Ihnen, Fräulein von Önnemannl"
„Nein — nein! Wir sind nur Freundinnen." „Nun ja, gar so ähnlich sind Sie ja auch nicht. Ich finde überhaupt, daß die deutschen Mädchen einander so ähnlich sehen. Bei uns in Amerika ist das ja anders. Da ist jede Frau fast ein Typ für sich."
Sie lächelte bei diesen Worten ihrem eigenen Spiegelbild recht vergnügt zu, denn sie hatte heute einen besonders guten Tag.
Gerling hatte schon zweimal mit Evi von Tanner getanzt, und als nun die Musik wieder einsetzte, verbeugte er sich abermals vor ihr, trotzdem Shirley eine Bewegung gemacht hatte, als erwarte sie bestimmt, daß er sie nun auffordern werde. Hatte er doch gestern abend so viel mit ihr getanzt und ihre große Leichtigkeit und Geschmeidigkeit bewundert.
Evi von Tanner tanzte nicht besonders gut. Sie hatte fast niemals Gelegenheit dazu, und überdies war sie in einer so merkwürdigen Stimmung. Sie wußte gar nicht, was mit ihr war. Eigentlich erschrak sie jedesmal, wenn sich Gerling verbeugte, um mit ihr zu tanzen, und doch fühlte sie dabei ein wunderbares Glücksgefühl. War es nur deswegen, weil er sie so gut und sicher führte? Unwillkürlich schmiegte sie sich fester in seinen Arm. Aber dann begann ihr Herz plötzlich zu klopfen, daß sie fast eine Bewegung machte, als wollte sie sich ihm wieder entwinden. Doch er ließ sie nicht los; sie fühlte es mit einer Freude, die sie bisher nicht gekannt hatte.
„Ich tanze aber schlecht", sagte sie leise.
„Oh, Sie tanzen ganz wunderbar...", antwortete Gerling ernst. Er merkte es gar nicht, daß sie keine Uebung hatte. Ihm schien es, als hätte er nod) niemols so gern getanzt roi'e gerade mit ihr. er blickte auf ihren dunklen, schlichten Scheitel nie- Der und auf ihre schmalen Schultern. Sie war viel kleiner als er und schien ihm so rührend und hilflos.
Als der Tanz zu Ende war, führte er sie zum Difrf) zurück und zündete sich stumm eine Zigarette an. M 9
Evi blickte verstohlen auf ihre Uhr. Ach, es ging schon auf sechs Uhr, und sie mußte doch noch nach Hause zu ihrem Muttchen. Hoffentlich schlief sie auch wirklich fest. War sie nicht doch eine schlechte Tochter, daß sie jetzt hier war. Wenn es sich nur darum gehandelt hätte, Luft zu schnappen, hätte sie doch auch in den nächsten Park gehen können Vergaß sie denn so schnell ihre Mutter, bloß weil sie sich ein bißchen amüsieren konnte?
Die Musik setzte wieder ein. Gerling beugte sich zu Monika hinüber.
„Würden Sie böse sein, Fräulein von Inne- mann", flüsterte er, „wenn ich wieder mit Fräulein von Tanner tanze! Aber Sie sagten doch selbst..."
„Lieber Herr von Gerling, es ist ganz selbstverständlich, daß wir beide heute nur zusehen — nicht wahr, Frau Preston?"
- „Nun, mir ist es nie selbstverständlich, wenn ich zusehen muß. Ich bin eben etwas anspruchsvoller als Sie, Fräulein Jnnemann! Aber mich fragt ja Herr von Gerling gar nicht."
Doch die mit einem allerdings sehr liebenswürdigen Lächeln vorgebrachte Spitze verfehlte ihr eigentliches Ziel.
Gerling hatte sich schon mit Evi entfernt.
Bevor sie zu tanzen begannen, beugte er sich vor und sah ihr besorgt ins Gesicht.
„Sie haben jetzt ein so trauriges Gesicht gemacht, Fräulein von Tanner. Freut es Sie nicht?"
Evis feines Gesicht überzog sich mit glühender Röte.
„Ob es mich nicht freut? Ach, es ist so schön wie ein Traum, daß ich hier bin, und daß Monika so lieb ist, und daß ..."
Sie hatte sagen wollen: „und daß Sie mit mir tanzen", aber Das verschluckte sie hastig, wobei sie noch mehr errötete.
„Ich habe nur keine Ruhe wegen meiner Mutter. Ich muß bald nach ihr sehen, und ich habe einen weiten Weg."
„Machen Sie sich deswegen keine Gedanken, Fräulein von Tanner! Ich bringe Sie mit meinem kleinen Auto nach Hause. Es dauert höchstens zehn Minuten Und wenn mich alle Verkehrspolizisten aufschreiben sollten."
Jetzt lachte sie, und er betrachtete sie entzückt. Wie chr ernstes, schmales Gesichtchen verschönt wurde! Sie sah Monika so ähnlich, aber sie war noch un- oeraleichlich bezaubernder. Ohne daß er es selbst wußte, zog er sie fester an sich. Sie war ja so schmal und leicht. Man mußte sie festhalten, sonst verlor man sie noch. —
Shirley rauchte unterdessen mit zusammengezogenen Brauen ihre Zigarette und betrachtete Monika von der Seite. Die war aber noch dümmer, als sie gedacht hatte. Die merkte ja wohl gar nichts!
„Ich wußte gar nicht, daß Herr von Gerling so flatterhaft ist."
„Herr von Gerling? Ach — wieso denn?"
„Nun, ich dachte immer, daß er Ihnen den Hof macht. Aber nun war er — ich muß es schon offen sagen — gestern ganz entzückend zu mir, und ich mußte seinen Bitten folgen und bis über Mitternacht unten bleiben. Und nun scheint er ja wieder in Ihre Bekannte aanz vernarrt au fein. Und dieses Fräulein, dem sie ihn doch soeben erst vorgestellt haben, scheint ja gar keine Rücksicht auf Sie zu üben."
„Rücksicht? Auf mich... Ach, natürlich, Sie scherzen, Frau Preston. Ich habe ihr doch versprochen, daß sie heute einen guten Tänzer bekommt, und ich freue mich fo, daß sie sich amüsiert. Ich wünschte nur ..."
Aber Monika konnte nicht weitersprechen. Ihre scharfen Augen entdeckten Johnie Klinke am (Eingang des Saales. Er sah sich um und rückte dabei an seiner Brille, die wahrscheinlich ein wenig beschlagen war, so daß er sich nicht orientieren konnte. Aber auch Shirley Preston hatte ihn entdeckt. Sie hob die Hand und winkte ihm zu, zugleich trat der Kellner an ihn heran und wies lym den Weg.
Monika fühlte ihr Herz schlagen. Sie wagte Johnie nicht anzusehen. Sie meinte es mit ihm 9ut — sie wollte ihn vor dieser Shirley Preston retten, die so eifrig nach ihm angelte. Aber jetzt er- schien ihr plötzlich dieses Zusammentreffen, das sie veranlaßt hatte, ganz ungeheuer gefährlich.
Erschrocken hob sie den Kopf, als sie Frau Preston sagen hättet .
„Unser lieber Herr Gerling scheint heute wieder eine neue Flamme gefunden zu haben — sehen Sie, dort tanzt er gerade mit einer Freundin Fräulein von Jnnemanns."
Johnie nickte. Er sah aber kaum hin, sondern trank seinen Tee und strich ein Brot. Er war immer rechtschaffen hungrig nach seinem Arbeitstage.
„Und wie geht es Ihnen, Fräulein von Jnnemann? Ich habe Sie seit gestern abend nicht mehr gesehen."
Er sah Monika liebevoll an. Ach, wenn er wüßte, was Monika im Schilde führte! Vielleicht war ihm diese Zusammenkunft gar nicht recht; vielleicht riß sie von neuem eine Wunde auf, die kaum verheilt war.
Gerade hörte die Musik auf. Der letzte Schlag des Banjos klang Monika wie ein Schicksalsschlag.
Und jetzt sagte Shirley Preston:
„Sehen Sie sich doch die Kleine mal an. Sieht sie denn wirklich Fräulein von Jnnemann gar so ähnlich? Hier am Tisch machen alle Wunder was daraus."
Gerling und Evi waren an den Tisch herangetreten.
„'n Tag, lieber Johnie!" — seit kurzem nannten sich die beiden beim Rufnamen. „Gestatte, daß ich dich einer reizenden Bereicherung unseres Kreises oorstelle — Herr Johnie Klinke'— Fräulein Evi von Tanner, eine Doppelgängerin Fräulein von Jnnemanns sozusagen!"
„Ach...!" sagte Evi. So leise es auch war, es klang wie ein Aufschrei.
Johnie war aufgesprungen. Er starrte Evi an, ohne eines Wortes fähig zu fein.
Gerling lachte vergnügt.
„Ein neuer Beweis dieser faszinierenden Aehn- lichkeit. Sie sehen, Fräulein von Tanner, mein Freund ist gar keines Wortes mächtig vor lieber- raschung! Ja, alter Junge, ich war auch starr!"
Monika streckte schnell den Arm aus und zog Evi neben sich nieder. Diese war so erblaßt, daß Monika fürchtete, sie könnte Umfallen.
Und auch Johnie sprach noch immer kein Wort. Monika beobachtete ihn angstvoll. Hatte sie un- recht getan? Aber wenn es so war, daß er Evi noch liebte, dann konnte ja noch alles in Ordnung gebracht werden.
Und doch — trotzdem diese Szene für Monika, Die' emgeweiht war, so aufregend war: die beiden Ahnungslosen, Gerling und Frau Preston, merkten nichts.
k Sie sprachen eifrig über die Ähnlichkeit der bei- den Mädchen, und Gerling schien großen Gefallen daran zu finden, denn er sagte nun:
„Sitte, drehen Sie Ihren Kopf doch mal nach rechts, Fräulein von Tanner! Ihr Profil hat doch genau dieselbe Linie — das müssen doch auch Sie verblüffend finden, Frau Preston?"
Evi schien ihn nicht zu hören.
Sie beugte sich zu Johnie hinüber und sagte leise und wie flehend:
„Ich — ich hatte wirklich keine Ahnung, daß ich Sie hier antreffe..."
l Fortsetzung folgt H


