Nr. 262 Drittes Blatt
Tießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesien)
Zreitag. 8. November 1935
Truppeneinzug in Büdingen.
(Eigener Bericht des
* Büdingen, 7. Nov. Der heutige Tag der Hissung der neuen Reichskriegsflagge und der Vereidigung der Rekruten in allen Garnisonen des Reichs wurde für Büdingen ein ganz besonders festlicher Tag. Das M. - G. - Bataillon 3 hielt in o fizieller Form seinen Einzug.
Der frühe Morgen brachte hier auch zunächst die Gissung der neuen Raichskriegsflagge und die Rekrutenvereidigung. Im offenen Viereck traten die drei Kompanien auf dem Sportplatz an. An der Feier nahmen die Politischen Leiter, SA. und SS., sowie zahlreiche Ehrengäste teil. Die Einwohnerschaft säumte in dichten Scharen das Aufmarschfeld.
Nach der Meldung der angetretenen Mannschaften und deren Begrüßung durch den Kommandeur, Oberstleutnant T h e u r i ch , wurde bei präsentiertem Gewehr der Stabskompanie die Reichskriegsflagge gehißt. Den
Feldgottesdienst zur Rekrutenvereidiauna
leitete das Musikkorps des Bataillons mit dem Niederländischen Dankgebet ein. Dann hielt der evangelische Geistliche Pfarrer Page eine An- prache. Er wies auf die Verpflichtung des deut- chen Soldaten hin, in göttlichem Auftrag den deut- chen Boden zu schützen, auf dem wir stehen.
Der katholische Geistliche, Pfarrer N a r z, sprach von der Heiligkeit des Eides.
Dann sprach der Bataillonskommandeur, Oberstleutnant Theurich zur Vereidigung der Rekruten. Zum ersten Male find, so führte er u. a aus, alle Einheiten des Standortes vereinigt, zur Flag- genhissung und zur Vereidigung der Rekruten. Die neue Reichskriegsflagge versinnbildlicht, daß Reich, Wehrmacht und Nationalsozialismus untrennbar zusammengehören. Ihr geloben wir Treue, Treue zum Führer bis in den Tod. Unter der Reichskriegsflagge sollt ihr den Eid ablegen auf unseren Führer, den Obersten Befehlshaber der Wehrmacht. Ihr seid, so fuhr der Kommandeur fort, der erste
Gießener Anzeigers.)
Jahrgang, der aufgerufen wurde. Mit der Wiedereinführung der Wehrpflicht hat uns der Führer den Schutz der Heimat anvertraut. Ihr sollt nun ausgebildet werden! Erziehung und Ausbildung beruhen auf den Erfahrungen des ruhmreichen Heeres der Vergangenheit, der besten Armee der Welt, und im nationalsozialistischen Sinne der Gegenwart. Seien Sie sich der Ehre bewußt, einem Truppenteil anzugehören, von dem schon immer Besonderes erwartet wurde Zur feierlichen Bekräftigung der Bereitschaft zum Einsatz für Führer und Reich legen Sie nun den Eid ab
Gemeinsam, bei erhobener Hand, sprachen dann die Rekruten den Eid nach, den der Kommandeur verlas.
Nach der Verlesung des Erlasses des Führers zur Reichskriegsflagge, nach dreifachem Sieg-Heil auf den Führer und nach den Klängen des Deutschland- und des Horst-Wessel-Liedes nahm der Kommandeur den Vorbeimarsch der Truppen ab.
Festlicher Sinzua der Truppen in die Stadt.
Den offiziellen Einzug der Truppen in ihre Garnison feierte die gesamte Bevölkerung. Alle Straßen und Gassen waren mit Hakenkreuzfahnen, Wimpeln, Girlanden und Tannengrün prächtig geschmückt. Ueberall herrschte ein beängstigendes Gedränge. Jungvolk, Hitlerjugend und BDM. bildeten Spalier. Die Einwohnerschaft stand wie eine lebendige Mauer an den Straßen. Pünktlich kamen die Soldaten, mit klingendem Spiel voraus, vom Kriegerdenkmal her am Untertor an. Ein wahrer Blumenregen hatte sich bereits in der Bahnhofstraße über sie ergossen. Auf ihrem Marsch durch die Stadt wurden ihnen dann noch viele Blumengrüße zuteil. Kein Mann blieb ohne den Schmuck der zartfarbigen Herbstastern.
Empfang am Unferfor.
Am Untertor wurden die Truppen offiziell empfangen. Bürgermeister Diem er hielt an den
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Der Kommandeur, Oberstleutnant Theurich, sprach zu seinen Soldaten vor der Vereidigung.
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auf dem Marktplatz. — (Aufnahmen [2]: Neuner, Gießener Anzeiger.)
Aufmarsch zur Kundgebung
Kommandeur eine kurze Ansprache, in der er seiner und der Bevölkerung großen Freude über den Einzug der Soldaten in Büdingen Ausdruck gab. Oberstleutnant Theurich dankte für den herzlichen Empfang durch Bevölkerung und Bürgermeister und sagte: „Herr Bürgermeister! Wir wollen gut zusammenstehen!"
Unter Böllerschüssen und dem Geläut der Kirchenglocken zogen die Truppen, nachdem dem Bataillonskommandeur durch zwei Mädels vom BDM. prächtige Sträuße weißer und roter Nelken überreicht worden waren, durch das Tor in das Städtchen ein, mit gewaltigem Jubel begrüßt von der begeisterten Menge. Die Truppe machte einen hervorragenden Eindruck. Auf dem Marktplatz, auf dem sich neben den Politischen Leitern und der SA. Tausende von Volksgenossen eingefunden hatten, marschierten die Soldaten in drei Säulen auf, um an der Kundgebung teilzunehmen.
Kundgebung aus dem Marktplatz
Die Sängeroereinigung „Liederkranz-Sängerlust" gab der Feier mit dem Beethovenschen „Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre" den Auftakt.
Als erster Redner sprach Kreisleiter G ö r n e r t, der die Soldaten herzlich willkommenhieß und betonte, daß nun auch in Büdingen Arbeiter, Bauern und Sodaten in schöner Einheit verbunden seien. Die gemeinsame Aufgabe müsse sein, über alle Klassen hinweg die Volksgenossen zu bewußten Nationalsozialisten zu erziehen. Die Partei werde stets bestrebt sein, mit der Wehrmacht bestes Einvernehmen zu halten, denn beide seien verbunden im Gelöbnis zu treuer Pflichterfüllung für Volk und Vaterland.
Kreisdirektor Becker sprach als nächster Redner davon, daß der Einzug der Truppen in Büdingen nicht l^ur ein Ereignis für die Stadt, sondern auch für den Kreis sei. Die Freude darüber sei allgemein, da man ja wisse, daß unser deutsches Volk nur Ehre und Achtung unter den Völkern erfahren könne, wenn es eine starke Führung und eine starke Wehr sein eigen nennen könne. Jedermann sei voll Dankbarkeit, daß Büdingen einen Teil des
neuerstandenen deutschen Volksheeres berherbergen dürfe.
Bürgermeister Sterner betonte, daß der Stadl nunmehr ein langgehegter Wunsch in Erfüllung gegangen sei. Deutschland habe durch den Führer in der Wehrmacht die Ehre wiedergewonnen. Jedermann in der Stadt fühle sich der Wehrmacht herzlich verbunden. Mit dem Wunsche, daß sich die Soldaten in Büdingen wohlfühlen möchten und der Stadt Segen daraus erwachsen möge, schloß der Bürgermeister seine herzliche Ansprache.
Dann dankte der Bataillonskommandeur, Oberstleutnant Theurich, im Namen des Bataillons der Bevölkerung der Stadt und ihrem Bürgermeister, dem Kreisleiter und dem Kreisdirektor für den überaus herzlichen Empfang. Möge Büdingen, so fuhr er u. a. fort, den Soldaten eine zweite Heimat werden. Die reich geschmückten Straßen, die vielen Blumengrüße, die starke Beteiligung der Bevölkerung an der Feier am frühen Vormittag, die gastliche Bewirtung und die stramme Haltung, selbst im kleinsten Pimpf, das alles seien Zeichen, wie sie erfreulicher nicht gedacht werden könnten. Er dankte für die Willkommgrüße und betonte, daß auf der NSDAP, und der Wehrmacht die Stärke des Staates beruhe. Er dankte allen Helfern, die dazu beigetragen haben, die Soldaten gut unterzubringen und ihnen die erforderlichen Möglichkeiten zur Ausbildung zur Verfügung stellten. Nicht zuletzt dankte der Redner auch den zahlreichen Arbeitern, die in treuester Pflichterfüllung und eifrigster Arbeit bemüht sind, die Kasernen so bald wie möglich zum Einzug der Truppen herzurichten. Mit dem Wunsche, daß es in Büdingen bald so sein möchte, wie in alten Garnisonstädten, und^mit einem Gedenken in Treue und Dankbarkeit zum Führer klang die Ansprache aus. In das dreimalige Sieg-Heil auf den Führer des Reiches und Volkes Adolf Hitler stimmte jedermann freudig ein. Gemeinsam wurden sodann unter Begleitung des Musikkorps des Ma- schinen-Gewehr-Bataillons 3 die ersten Verse des Deutschlandliedes und des Horst-Wessel-Liedes gesungen. Eine ausgezeichnete Lautsprecheranlage ließ jeden Volksgenossen, auch wenn er entfernter in enger Gasse stand, die eindrucksvolle Kundgebung
Goethe kommt nach Weimar.
Von Or. Erwin Kroll.
„Kind, Kind! nicht weiter! Wie von unsichtbaren Geistern gepeitscht, gehen die Sonnenpserde der Zeit mit imfers Schicksals leichtem Wagen durch .. Wohin es geht, wer weiß es? Erinnert er sich doch kaum, woher er kam!" Mit diesen Worten Egmonts schließt Goethe das vierte Buch von „Dichtung und Wahrheit" und läßt die. Schilderung seines Lebens in dem Augenblicke aufhören, als er sich anschickt, der Einladung des jungen Herzogs Karl August von Weimar zu folgen. Er hatte ihn im Dezember 1774 kennen gelernt, als Karl August mit seinem Bruder Konstantin auf der Reise nach Paris in Frankfurt eingekehrt war. Damals hatte der militärische Erzieher der beiden Prinzen, Hauptmann von Knebel, gleichfalls ein Bewunderer des Dichters, die Bekanntschaft vermittelt. Man war sich rasch näher gekommen, als Goethe dem Prinzen feine Ansichten über Mösers „Patriotische Phantasten" entwickelte und dabei zeigte, daß er an den Dingen des tätigen Lebens starken Anteil nahm. Die Gespräche wurden in Mainz, dem nächsten Aufenthalt des Prinzen, fortgesetzt, und hier ergab sich auch über den „Fall Wieland" volle Uebereinftimmung. Wieland war Lehrer der Prinzen und einer der damaligen Leuchten Weimars: Aber nicht gegen den gefeierten Dichter des „Mufarion" und „Agathon", nicht gegen den lieber- setzer Shakespeares hatte sich Goethes Satire gerichtet; seine Farce „Götter, Helden, Wieland" galt nur dem Kritiker und Redakteur Wieland. Sie war zudem von dem Angegriffenen so vornehm und überlegen, so „geistreich abschließend" beantwortet worden, daß Goethe, nachdem er den Prinzen er- klärt, wie bei der Veröffentlichung jener übermüti- gen Schrift weniger er, als seine Freunde, vor allem Lenz, im Spiele gewesen wären, sich jetzt gern bereit fand, an Wieland einen versöhnlichen Brief zu schreiben.
Das neue Jahr (1775) brachte Goethe eine neue Liebe: nach den Naturkindern Gretchen, Kätchen, Friederike und Lotte ist es jetzt ein Mädchen „von Stand", Elisabeth Schönemann, seine „Lili". Wieder gerät er in den Zwiespalt zwischen Liebe und Freiheitsdrang, und eine Schweizerreise soll ihm Klarheit verschaffen. Unterwegs trifft er den Erbprinzen von Karlsruhe wieder und lernt feine Braut kennen. „Meine Gespräche mit beiden hohen Personen", erzählt er in „Dichtung und Wahrheit", „waren die gemütlichsten, und sie schlossen sich bsi der Abschieds-Audienz wiederholt mit der Dersicherung: es würde ihnen beiderseits angenehm
sein, mich bald in Weimar zu sehen". Inzwischen waren Goethes Erwartungen noch durch den Maler G. M. Kraus gesteigert worden, der eben aus Weimar zurückgekehrt war und die dortigen Zustande in Wort und Bild ausbreitete. Ende September 1775 besuchte der inzwischen zur Regierung gelangte Herzog auf feiner Hochzeitsfahrt nach Karlsruhe die Frankfurter Messe und verabredete mit Goethe, dieser sollte sich bei der Rückfahrt seiner Gesellschaft anschließen und nach Weimar mitkommen. Wie sehr Goethe diesem Plan zuneigte, erzählt er selbst in „Dichtung und Wahrheit".
Am 12. Oktober kam das herzogliche Paar auf der Heimreise wieder durch Frankfurt. Man ver- abredete, daß Goethe mit einem in Karlsruhe zurückgebliebenen Mitgliede des Weirnarifchen Hofes, Herrn von Kalb, in feinem Landauer nachfolgen sollte, der erst in Straßburg fertiggestellt wurde. Goethe packte also Kleider und Manuskripte und nahm Abschied von seinen Freunden. Aber der Oktober verging, und weder der herzogliche Wagen noch eine Nachricht traf ein. Schon triumphierte der Vater, der von Anfang an gegen die Weimarer Pläne gewesen war und in dem Ganzen nur einen „luftigen Hofstreich" sah, mit dem man den Sohn habe äffen wollen. Schließlich begann dieser selbst der Meinung des Vaters zuzuneigen; qualvoller wird sein Zustand. Die Freunde glauben ibn ab-- gereift. Anfangs ist ihm die Einsamkeit willkommener Anlaß gewesen, am „Egmont" weiter zu schaffen. Jetzt kommt auch diese Arbeit ins Stocken. Die Spanung wird unerträglich. Endlich beschließt er, nicht länger zu warten, sondern die vom Vater empfohlene Reise anzutreten. Am 30. Oktober, morgens ganz früh, verläßt er das Elternhaus, aber schon beim ersten Reisehalt, in Heidelberg, trifft ihn ein Eilschreiber des Kammerherrn von Kalb, der selbst wider Erwarten in Karlsruhe aufgehalten worden war. Schon ist der Postillon vorgefahren, der Goethe nach Frankfurt zurückbringen soll. Vergeblich die Vorstellungen seiner Wirtin, die einen Heiratsplan für den Dichter eingefädelt hat. Dieser reißt sich endlich los mit jenen leidenschaftlichen Worten Egmonts ...
*
Was brachte Goethe nach Weimar mit, was erwartete ihn? Die erste Epoche seines Schaffens hatte er abgeschlossen. Frankfurt, Leipzig, Straßburg — erster Sturm und Drang lagen hinter ihm. Schon melden sich aber im „Urfaust" Bestrebungen, die aus der Gefühlsgebundenheit hinausdeuten in ein tätiges Leben. Weimar wird diesen Bestrebungen den reichsten Inhalt geben. Seine Gesellschaft, fein Staat wird den Menschen Goethe formen, und mit dem Menschen wird auch der Künsller nach dem
Gesetz eines „Stirb und werde" schließlich jene Fülle und Breite des Daseins erreichen, die den Namen Goethe zu einem der erlauchtesten unter den Deutschen macht.
Einstweilen ahnt Goethe, als er am 7. November 1775 fünf Uhr morgens früh, begleitet von seinem Diener Seidel in Weimar einfährt, nicht, daß es ein Aufenthalt für den Rest seines Lebens, für siebenundfünfzig Jahre fein würde. Aber schon spürt man das Leuchten des neuen Sterns, der da über dem kleinen Weimar aufgegangen ist. W i e- land wird zuerst getroffen, und er schreibt: „O bester Bruder, was soll ich dir sagen? Wie ganz der Mensch beim ersten Anblick nach meinem Herzen war! Wie verliebt ich in ihn wurde, da ich am nämlichen Tage an der Seite des herrlichen Jünglings zu Tische saß!---Seit dem heutigen Morgen
ist meine Seele so voll von Goethe wie ein Tautropfen von der Morgensonne ..." Aber dieses Leuchten wird so stark, daß es den alten Dichter beunruhigt. So bekennt er einige Monate später: „Goethe bleibt vermutlich vielleicht noch lange hier. Er ist mächtig umsponnen und versucht nim das Abenteuer, von welchem ich abgestanden bin, so wie ich sah, daß es für einen anderen aufgehoben fei... ®r tut das Mögliche, und was den andern unmöglich wäre, noch dazu. Aber... wie viel mehr würde der herrliche Geist tun, wenn er nicht in dies unser Chaos gesunken wäre, aus welchem er doch — mit allem seinem Willen, aller seiner Kraft — war ich nicht schon achtunddreißig Jahre alt, da ich mich doch durch eine magische Einbildung und die noch stärkere Magie des verführerischen Gedankens, viel Gutes im großen, auf Jahrhunderte zu tun, an diesen Hof ziehen, in dieses gefahrvolle, mit Precipicen umgebene — und beim Tageslicht befehn doch immer mehr unmögliche Abenteuer verwickeln ließ? Goethe ist erst sechsundzwanzig Jahre alt. Wie sollt er, mit dem Gefühl solcher Kräfte, einer noch größern Reizung widerstreben können ...
Was aber noch für Wieland ein „unmögliches Abenteuer" ist, wird für Goethe ein Schicksalsweg, der ihn zu Höhen führt, die den Blick — von Weimar aus! — über die ganze Welt, über alles Menschliche und Göttliche eröffnen. So stark wird der Zusammenhang zwischen dem Dichter und der Stadt feiner Wahl empfunden, daß bei feinem Begräbnis das Wort fällt: „Weimar wird nun wieder in fein altes Nichts zurücksinken, woraus es genommen ist, da Goethes Geist zu Gott stieg". Wir wissen es besser: Weimar ist nicht versunken. Sein Name ist Sinnbild geworden. Mag er noch so mißbraucht sein, er deutet doch auf den besten Teil der geistigen Heimat der Deutschen.
Wie lange hält ein Hosenboden?
Ehe an die Beantwortung dieser nicht etwa scherzhaft, sondern sehr ernst gemeinten Frage herangegangen wird, muß den Müttern ausgelasse- ner Buben eine Enttäuschung bereiten werden. Wie lange der Hosenboden eines Jungen hält, der auf jeden Baum klettert und dem Mauern und Zäune und Hecken nur als willkommene Gelegenheiten erscheinen, um feine Turnkünste zu erweisen, wie lange unter diesen Umständen ein Hosenboden hält, das wissen nur die Mütter selber. Auf diesen „Sonderfall" beziehen sich Fragestellung und Beantwor- tung nicht. Das Standard-Büro der Vereinigten Staaten, das sich auch mit der Haltbarkeit von Hosenböden beschäftigte, wollte lediglich ermitteln, wie oft sich ein Mann hinsetzen kann, bevor eine gewisse Stelle seines Beinkleides durchgeschabt ist. Man hat sich sehr eingehend damit beschäftigt und dazu eine ganze Reihe kunstvoller Apparate gebraucht, um zu halbwegs zuverlässigen Ergebnissen zu gelangen. Die Beanspruchung des Hosenstoffes auf der Sitzfläche erfolgt durch Reibung und Spannung. Der Angestellte, der vor seinem Schreibtisch sitzt, bewahrt nicht völlige Ruhe; ebenso mutet er beim Aufstehen und beim Niedersetzen dem Boden seines Beinkleides Reibungen zu. Die Wirkung dieser Reibung wurde auf einer Maschine geprüft, in die Stoffproben eingefpannt und dann unter einer Walze mit einer bestimmten Zahl von Reibungen in der Minute gepreßt wurden. Die Zahl der Reibungen wurde automatisch ausgezeichnet. Man konnte also genau feststellen, wieviel Reibungen den Stoff abnutzen und schließlich zum Zerreißen bringen. Auch zur Messung der Spannung mußte man einen kunstreichen Apparat erfinden. Man sitzt ja nicht nur auf den Beinkleidern; wenn man die Schuhe anzieht, wenn man sich bückt und bei heftigen Bewegungen wird der Stoff angespannt. Wie viele solcher Spannungen notwendig sind, bis der Stoss aus dem „Zerreißungspunkt" angelangt ist, wurde durch eine Einspannung verschiedener Stoffe in einen kreisrunden Rahmen ausgeprobt, der den Stoff in beliebiger Stärke und beliebig oft spannt. Auch diese Vorgänge wurden ausgezeichnet. Das Ergebnis der gesamten Prüfungen war dies: Der glückliche Besitzer einer Hose aus den besten Stof- fen kann sich siebenundneunzigtausendmal niedersetzen und wieder aufstehen, bevor der Hosenboden durchgerieben ist. Das erscheint zunächst als eine überraschend hohe Zahl, aber bei einiger Ueberle- gung wird man feststellen, daß sie den Hosen keineswegs eine ungewöhnlich lange Lebensdauer gewahrt. Wer gar den Vorsatz fassen wollte, jedes Nie- versetzen und Aufstehen zu zählen, der wäre fortlaufend mit Aufzeichnungen beschäftigt.


