Lin Lied vom Glück.
3tOman von Annv von panhuys.
(Schluß.)
Olga hatte chren Nomen genannt und bei Mar« len« en fragen kiffen, ob sie zu ihr in die Garderobe kommen dürfe. Sie war darauf sofort zu ihr geführt worden.
Marlene hatte sich schon abgeschminkt und war eben dabei, ihr Straßenkleid anzuziehen. Olga flog ihr stürmisch um den Hals, lachte und weinte vor Glück über das Wiedersehen.
„Du bist viel hübscher geworden, Fräulein Groh- auge“, versicherte sie, „das Reisen ist dir gut bekommen."
„Wie geht es dem Vater?", war Marlenes erste Frage.
„Sehr gut!" war die zufriedene Antwort. „Sein Magenleiden bessert sich, weil er essen kann, was er mag, und nicht mehr zu essen braucht, was der Geldbeutel vordem gestattete. Und seit er sich einen Berliner Spezialarzt leisten kann. Er ist ein ganz vergnügter oster Herr geworden, der lieb und gut zu mir ift*
Sie streichelte Marlenes Rechte.
„Eine Neuigkeit, Marlene: Achim von Malten war gestern bei deinem Vater: er wollte deine Hbreffe, um sich bei dir zu bedanken. Das Kleeblatt aus Paris brachte ihm nämlich Glück! Der Mörder ist dadurch gefaßt und Malten natürlich glänzend .freigesprochen worben."
Zum Schluß sprach sie überstürzt schnell: sie konnte einfach nicht anders.
Marlene sank auf einen Stuhl. Sie konnte vor jäher glücklicher Ueberroschung nicht sprechen. Wie herrlich die Botschaft war daß Achims Unschuld er- mielen wurde. Ein Laut, gemischt aus Lachen und Beinen, rang sich über ihre Lippen.
Olga fuhr ihr zärtlich über das Haar.
„Tr möchte dir danken, Marlene! Er möchte dich eher auch um Verleihung bitten für das damals und fürchtet nun, du ließest dich vielleicht von ihm nicht sprechen."
Marlene zitterte vor Glück. War es denn möglich, ba» Wunderbare: Achim war freigesprochen, und er »erlangte nach ihr? Träumte sie bas nicht nur? War <• wirklich unb wahrhaftig wahr?
Sie flüsterte mit brennenben Wangen unb feuchten Augen: ,Lch bin immer für ihn ba, immer — meine Liebe ist unendlich viel größer, als mein damals so schwer gekränkter Stolz. Das habe ich längst er- könnt."
Olga strahlte vor Zufriedenheit.
„Drüben, in einem Wartesaal des Bahnhofs Friedrichstraße, sitzt er und fiebert und bangt, ob du kommen wirst. 3d) bringe dich jetzt zu ihm, ich habe es ihm versprochen. Wir waren zusammen in der Vorstellung."
Marlene fprang auf.
,So nahe ist er mir, und heute noch, auf der Stelle werbe ich ihn sehen?" Gan; fassungslos fragte sie es, wartete aber keine Antwort ab, begann sich fertig umzukleiben. Gar nicht schnell genug ging es ihr — ihre Nerven waren vor glücklicher Erregung angespannt bis zum Zerreißen.
Arm in Arm verließen beibe die Garberobe.
Draußen vor der Tür bes DortetSs ftanb plötzlich Ramon Sega da. Er zog tief den Hut, streckte Olga die Hand entgegen.
„Baronessa mia! Wie freue ich mich!"
Olgas Augen verschleierten sich: aber sie reichte ihm die Hand. Es blieb ihr ja wohl nichts anderes übrig.
Er fragte: „Wohin gehen die Damen? Darf ich mich anschließen?"
Olga schrie ganz laut: „Sein!" Wild und unbeherrscht entfuhr es ihr.
Er legte ihr beruhigend die Hand auf den Arm.
„Baronessa mia! Ich habe letzthin unterwegs Ihrer Freundin meine Sünde gegen Sie gestanden, aber auch meine Liebe für Sie." Er nahm herrisch Olgas Arm und neigte sich vor ihr nieder. „Ich haoe dir in Hamburg Komödie oorgespielt, Kind, weil ch mich nicht zu sehr in dich verlieben wollte. Ich behandelte dich schlecht, weil ich dich liebte. Für eine Liebschaft warst du mir zu schade. Doch ich habe dich zu lieb, und morgen wäre ich mit Marlene zu dir gekommen. Aber nun will ich mein Glück schon heute!>aben, Mädel. Noch ein paar Kontrakte arbeite ich ab, dann mache ich Schluß. Windhunde sind in der Freiheit gefährlich. Ich habe Geld genug und verdiene mit meinen Kompositionen noch weiter. In meiner Heimat irgendwo wartet ein kleiner Rancho auf unsere Liebe und unser Glück!"
„Du!" Olga ließ sich von ihm stützen, sonst wäre sie zusammengebrochen. Mehr als die eine Silbe „du" brachte sie auch nicht über die Sippen — das Glück verschloß sie ihr.
Marlene drängte: „Kinder, wie benehmt ihr euch auf der Straße?! Komm, Olga, bringe mich zu Achim ober laß mich lieber allein gehen! Sage mir genau, wo ich ihn finde!"
Olgas Energie erwachte: sie lief voran: „Äomm mit, allein lasse ich dich nicht gehen!"
„Wer ist Achim?" fragte Ramon Vega unb sah Marlene an.
Sie gab leise zurück: „Er ist der Mann, den ich geliebt habe und noch liebe. Das Schicksal trennte uns — jetzt will er mich sprechen "
Im Wartesaal saß Achim von Malten, sich noch immer mit dem Gedanken abplagenb, ob Marlene wohl kommen würbe. Bis sie plötzlich vor ihm stand. Ihre Augen strahlten ihn an, ihr Munb lächelte weich, und ihre süße Stimme sagte zärtlich:
„Achim, wie freue ich mich, baß ich dir helfen konnte. Aber du brauchst mir nicht dafür zu danken, unb ich habe dir nichts zu vergeben. Und nun komm hier fort, Olga Zabrow und ihr Verlobter — die zwei haben sich nämlich eben am Ausgang des .Wintergartens' verlobt — erwarten uns drüben im Speisesaal unseres Hotels. Hier kann man ja doch nicht miteinander reden."
Trotz aller Erregung bewahrte Marlene doch Haltung. Ihr Auftreten war sicherer und weltgewandter geworden, ihre Kleidung eleganter als früher, fand Achim von Malten. Er küßte ihr wortlos die Hand.
Sie verließen schweigend zusammen den Warte- faal. Draußen fragte Achim: „Und wer ist der Verlobte der Baronesse? Darf ich cs wissen?"
Sie erwiderte: „Ramon Vega, der Führer der vier Argentinier."
Er schüttelte den Kopf, aber er sagte nichts. Doch plötzlich kam jungenhaft kecker Mut über ihn, und er fragte leise unb zärtlich: „Wollen wir beibe bem guten Beispiel folgen unb uns auch auf der Straße verloben?"
Erft schwieg Marlene: bann aber nahm sie Achim von Mästens Arm unb erwiberte innig: „Ich habe bich noch immer lieb, Achim! Machen wir einen großen Strich unter bie Vergangenheit — die Zukunft soll unser sein."
Er preßte ihren Arm an sich, und ihm war es, als müsse er ihr viel liebe, zärtliche Worte Jagen; aber sein Glück blieb stumm — es war zu groß.
Im Frühjahr läutete die Glocke der kleinen Schlohkirche von Maststein mit ihrem müden Sümmchen ftoh übers Land, unb zwei glückliche Paare schwuren sich vor dem Altar ewige Treue.
Marlene war bis vor kurzem noch bei den vier Argentiniern gewesen, die sich nun aufgelöst hatten, denn Ramon Vega wollte mit seiner bildschönen jungen Frau weit über bas Meer nach Argentinien zurück, ihr bort in seiner Heimat eine neue Heimat geben. Die Seefahrt war bann zugleich bie Hochzeitsreise. Zunächst aber sollten beibe ein paar Wochen im Schloß verleben, zusammen mit Achim unb Marlene, bie keine Reise vor hatten, bie hierbleiben wollten. Sie hatten es beibe so gewünscht.
i Frau von Malten war sehr froh darüber, unb I Paul Werner auch: er sollte fortan hier im Schlöße wohnen mit feinem Spitz unb feinem Kanarienvogel. Im linken Seitenflügel waren die Zimmer frei, die vordem bie Inspektorin innegehabt.
Als es Abend geworden und die wenigen Gäste gegangen waren, trennten sich auch die beiden Paare. Achim führte Marlene in die für sie beide hergerichteten Zimmer, und Ramon Vega führte Olga in die für sie beide bestimmten.
Achim bat Marlene: „Sing mir ein Lieb, mein Sieb, ein Sieb für mich ganz allein!"
Da fetzte sich Marlene im bräutlichen Kleide an den Flügel, den er ihr neu geschenkt, unb sie Jang fein Lieblingslied.
Nachdem sie geendet, schloß er sie in feine Hrmt unb flüsterte innig: „Tu bist wie ein Dunber, bas zu mir kommt! Ja, Marlene, bas bist bu, bu Liebste, du Geliebteste!"
Sie küßten sich unb vergaßen alle Sorgen der Vergangenheit.
Auch Ramon Vega unb Olpe küßten sich Der Argentinier hielt das schmale Baroneßchen in seinen Armen, lachte ihr glückselig ins Obr: .Letzt habe ich dich unb halte dich fest, du süßes, über alles geliebtes, eifersüchtiges, kleines Wesen."
Und unten im Musikzimmer, neben den Raumen Frau von Mästens, nahm Auguste zu später Stunde ziemlich geräuschlos und vorsichtig, mit Hilfe eines Dieners, das große Gemälde der weißen Reiterin von der Wand. Sie handelte eigenmächtig; aber so ein altes Hausfaktotum wie sie durste sich bas wohl erlauben. Es war ihr vorhin erst eingefallen, bas Bild zu entfernen, unb sie erklärte dem Diener:
„Es ist bester Jo! An dem Spuk hängen doch so gräßliche Erinnerungen, und ohne das Bild vergißt die Herrschaft wohl ein bißchen rascher. Es gibt ja hier im Schloß Zimmer genug, wo bas ganze Iayr über kein Mensch hinkommt; in Jo einem soll bie ©efpenjterfrau weiterbaufen. Ich fürchte mich vor keiner Geisterrache mehr, seit ber Erfinder der weißen Reiterin im Zuchthaus sitzt und die befehlshaberische Inspektorin dazu. Gottlob, daß der Himmel über Maststein wieder wolkenlos geworden ist." Mit tränenschimmernden Augen fügte sie aus tiefstem Herzen hinzu: „Glück unb Segen über bas jungt Paar!"
Droben am Firmament Junkellen unzähligt Sterne; aber am schönsten funkelten sie über dem alten Schloß nahe der böhmischen Grenze. Hoch» zeitslichter waren sie heute, Kerzen ber Siebe, vom Schöpfer aller Dinge entzündet.
— Ende. —
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