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Vornan von Gert Nothberg.
(Urheberschutz durch T. Ackermann, Romanzentrale Stuttgart.)
12 Fortsetzung Nachdruck verboten.
Doktor Lansing war eingetreten, mit stummer Rührung blickte er auf das junge Geschöpf, dem sein Können ein so reiches Glück brachte. Pia sah ihn, ging schnell auf ihn zu, weinte laut.
„Herr Doktor, ewig bin ich in Ihrer Schuld. Verzeihen Sie mir, dah ich so wenig Zutrauen zu Ihrem Plan hatte."
Ihre dunkelblauen Augen sahen ihn durch Tränen an, ihre kleinen Hände umklammerten in überquellender Dankbarkeit die seinen. Er aber wußte in diesem Augenblick, wie sehr sie gelt t:n unter ihrem ilnglüd. Und er sah liebevoll in die schimmernden Augen. Seine Wünsche regten sich wieder. Der Druck seiner Hand war warm und herzlich. Seine Stimme klang weich.
„Ich freue mich ganz besonders, daß gerade ich es bin, der Ihnen helfen durfte, mein gnädiges Fräulein." — Pia sah ihn an, und da wußte sie, was der Mann fühlte, dem sie so viel verdankte. Und dem sie nicht das geben konnte, was er verdiente.
Doktor Lansing sagte:
„Ietzt aber dort in den Liegestuhl! — der kleine Patient mutet sich sonst zu viel zu."
Lächelnd ließ Pia es geschehen, dah er sie zum Liegestuhl führte und schnell hineinschob. Er setzte sich noch ein Diertelstündchen zu ihr und plauderte mit ihr. Dann ging er, da am Rachmittag ein neuer Patient eingeliefert worden war, ein Baumeister, der durch einen Fehltritt auf dem Gerüst in die Tiefe gestürzt war und nach dem er noch sehen wollte. Mit einem fröhlichen Gruß schritt er zur Tür.
Pia saß sinnend da. Die Schwester hatte das Zimmer verlassen, um den Damen ein Plauderstündchen zu ermöglichen. Frau Horlinger sagte leise:
„Liebe Pia, Doktor Lansing liebt Sie. Haben Sie es noch nicht bemerkt?"
Pia lächelte versonnen. Dann sagte sie:
„3a. vielleicht haben Sie recht, liebe Frau Horlinger, doch ich werde ihm nun nicht so danken können, tote er es sich wünscht."
„Er ist ein sehr sympathischer Mensch. So viel ich bemerkt habe, sind fast alle Schwestern mehr oder weniger in ihn verschossen."
Pia sagte: „Ja, er ist gewiß ein liebenswerter Mensch, doch ich —“ Sie brach ob, blickte in die Ferne, sah Harry von Acherns hohe Figur, seine dunklen, leidenschaftlichen Augen, hörte seine tiefe, warme Stimme und dachte erschauernd:
„Mit dieser Liebe im Herzen diesen Mann belügen. der mir soviel gegeben hat?"
Und da kam ihr plötzlich e n seltsamer Gedanke. Wie sonderbar, rätselhaft war doch die Liebe! Dem sie eine traurige Kindheit und Iugend verdankte, der ihr früher nur weh getan hatte, der schuld war an ihrem jahrelangen Leiden, den liebte sie mit einer Kraft, die sie nie für möglich gehalten hätte! Und der, der ihr jetzt die frohe Iugend schenkte, der sein reiches Können für sie eingesetzt hatte, dem konnte sie nichts fein! Waren das nicht Irrwege, die die Liebe ging?
Pia lehnte müde den Kopf zurück. Ihre Augen schlossen sich. Frau Horlinger setzte sich nebeln sie, und ihr kamen eigenartige Gedanken. Wenn Pia eher geheilt worden wäre, ob dann Harry von Achern nicht doch dem blonden Mädchen mehr Beachtung geschenkt hätte? Pia liebte ihn, das wußte die alte erfahrene Dame ja längst. Und sie war wirklich schön und anmutig, die kleine Pia. Frau Horlinger dachte an die verwöhnte junge Frau Harry von Acherns. Die alte Dame wehrte den schwarzen Gedanken, die da immer wieder kommen wollten. Warum war sie nur so fest überzeugt, daß mit der jungen Frau kein Glück nach Achern kam? Ganz in diesen Gedanken versunken, fuhr sie erschrocken zusammen, als Pias leise, klare Stimme ihr Ohr traf:
„Liebe, gute Frau Horlinger, ob es Sünde ist, mit einer großen Liebe im Herzen einen anderen Mann zu heiraten, den man nicht liebt, dem man aber in tiefster Seele dankbar ist?"
Frau Horlinger streichelte Pias Hande. Die Beantwortung dieser Frage legte ihr eine große Verantwortung auf. Dennoch sagte sie fest:
„Es ist keine Sünde, wenn der betreffende Mann es weih. Er wird sicher alles tun, um die Liebe der geliebten Frau zu erringen. Es ist vielleicht auch das beste Mittel, über eine Unglück iche Liebe hinwegzu'ommen. An wen dachten Sie bei Ihrer Frage, liebe Pia?"
„An — ich meinte nur so. Aber es muß doch furchtbar schwer fein, ein Leben lang an einer solchen Liebe zu kranken."
„3a, schwer ist es Wohl."
Die alte Dame sagte es ganz leise und versonnen. Pia schwieg.
Die Tage tarnen und gingen. Ein sonniger Herbsttag reihte sich an den anderen. Doktor Lansing sagte an einem dieser Tage:
„Run habe ich nichts mehr zu tun. Ich habe mich noch nie im Leben über eine gelungene Operation so gefreut wie In diesem Falle. Ich bin stolz, dah ich Ihnen helfen durfte. Wenn Sie nach Achern wollen, steht dem nichts mehr im Wege."
Pia erschrak. Sie hätte gewünscht, daß sie noch recht lange hier bleiben dürfe. Doch einmal muhte sie ja doch fort von hier. Sie dankte ihm noch
einmal herzlich für seine Mühe und Aufopferung. Er lächelte und nahm ihre Hand mit warmem Druck in die seine.
„Sie waren gern hier? Hier, wo man Sie so quälte?“
Sie schüttelte den blonden Kops.
„(Sie wissen es besser. Rie kann ich Ihnen vergelten, was Sie an mir getan haben."
Zum ersten Male fiel es Pia schwer aufs Herz, dah Harry von Achern auch das noch würde bezahlen müssen. Almosen, immer Almosen — und jetzt war es ja doppelt bitter, diese Almosen von ihm anzunehmen. Lansings Stimme klang an ihr Ohr:
„Es gäbe einen Weg, um hier bleiben zu können, gnädiges Fräulein. Ich liebe Sie, und ich wäre der glücklichste Mensch, wenn Sie sich entschliehen könnten, meine Frau zu werden."
Ganz ruhig und fest klangen die Worte. Run wartete er. Wie würde sie sich entschlichen? Er wuhte ja, daß sie Achern liebte und aus diesem Grunde die Heimkehr fürchtete. Pias liebes Gesicht war sehr blaß, als sie sagte:
„Ich mühte mich glücklich schätzen, die Frau eines solchen Mannes werden zu können: doch es wäre ein Unrecht an Ihnen, denn ich habe einen anderen lieb.“
Ihre schlichte Aufrichtigkeit entzückte ihn — trotz aller Enttäuschung. Er sah sie an, und sie senkte die Augen vor diesem Blick. Die ganze große Liebe des gereiften, ernsten Mannes lag darin. Er sagte jetzt leise, eindringlich:
„Ich kann warten. Sie sollen sich nicht heute und morgen entscheiden. Aber wenn Sie mich eines Tages brauchen, dann rufen Sie mich."
Mit impulsivem Cntschluh reichte sie ihm ihre Hände.
„Ich nehme die Bedenkzeit an. Und nochmals meinen herzlichsten Dank für das, was^Sie an mir taten.“
Pia reifte heim. Doktor Lansing brachte sie zum Bahnhof, winkte ihr nach, und Pias Weihes Tuch flatterte noch lange aus dem Fenster. Lansing hatte ein wehes Gefühl im Herzen. Es war wie eine Ahnung, dah die junge Mädchenblüte doch für ihn verloren war.
Reuntes Kapitel.
Pia Eichendorff weilte nun wieder in Achern. Es war kurz vor Weihnachten, und es gab natürlich alle Hände voll zu tun. Edelgarde kümmerte sich um nichts. Sie lag meistens auf dem Ruhebett und las. Diese Winterwochen auf dem Lande waren dem verwöhnten Grohstadtlind entsetzlich. Achern widmete sich ihr, soviel er konnte, doch ihn erwarteten täglich soundsoviel Pflichten, daß er eben doch nicht immer bei ihr sein konnte. Er war gut und nachsichtig gegen ihre zuweilen ausbrechenden Launen, weil er sich vorgenommen hatte, ein gutes Verhältnis in seiner Ehe her
zustellen. Pia bekam er nur beim Essen zu Gesicht. Sie wirkte still und bescheiden im Hintergrund. Sie ging jetzt schlank und graziös dahin. Achern hatte ihre Hände mit schmerzhaftem Druck in die seinen genommen, als sie vor Wochen aus Lansings Behandlung zurückgekehrt war. Und als sie scheu in seine Augen sah, da wuhte sie, was für eine Last ihm durch ihre Herstellung von der Seele genommen worden war. Und sie hatte ängstlich in feinem Gesicht geforscht. War er glücklich geworden?"
„Liebe Pia, es hat sich hier nichts geändert, du hast nach wie vor hier in Achern deine Heimat, in der du dich wohlfühlen sollst. Weiht du das, Pia?"
Sie hatte genickt.
„Ich weih es, Harry." Und bei dieser Antwort hatte Pia an die unfreundlichen Blicke und Worte Edelgardes gedacht.
Pia machte sich nützlich, wo es irgend ging. Sie vertrat die junge Schloßfrau, die sich um nichts kümmerte, und hielt ihr so jeden Tadel, der sie doch vielleicht einmal von den Lippen ihres Mannes getroffen hätte, fern.
Pia fühlte nur manchmal, wenn sie sich überanstrengte, eine kleine Schwäche im Bein: doch das gab sich, sobald sie sich ausruhte. Ihre tiefe Dankbarkeit gehörte dem Mann, der ihr durch feine ärztliche Kunst soviel Gutes getan. Rur eins hatte sie immer wieder bedrückt: die Rechnung würde hoch gewesen fein für den Aufenthalt im Sanatorium. Aber Harry hatte auf ihre ängstliche Frage nur ernst gesagt:
„Das soll dich nicht drücken, Pia. Erstens ist es mir eine große Erleichterung meines Gewissens, dah du wieder gesund bist. Zweitens hat Doktor Lansing eine lächerlich niedrige Rechnung aufgesetzt, und drittens wirst du selbst bald reich sein. Also sprich nicht mehr davon."
Pia hatte über diese Worte nachgegrübelt. Sie selbst bald reich? Hatte der Pflegevater ihr vielleicht gar etwas vermacht, und sie erhielt ihr Erbe, wenn sie einundzwanzig Iahre alt war? Gewiß, das würde es sein. Pia faltete die kleinen Hände. Dann wollte sie fortgehen von Achern! Es war so übermenschlich schwer, zu sehen, wie Edel- §arde so gedankenlos die Liebe dieses Mannes esah. Pia hatte keine Ahnung, wie tief enttäuscht Harry von Achern bereits war, dah er längst wußte, was er an Edelgarde besah. Edelgarde hatte gleich die ersten Wochen eine umfangreiche Aenderung des Schlosses, vielmehr der Einrichtung vorgenommen. Achern hatte es nicht zugeben wollen, denn er hing an den alten, kostbaren, stilechten Möbeln. Doch Edelgarde hatte ihn aus- gelacht. „Puh, Harry, wie unmodern! Das kannst du mir nicht zumuten. Fort mit dem alten Gerümpel! Wir verkaufet^ alles, da kommt noch ein anständiges Stück Geld dabei heraus."
(Fortsetzung folgt.)
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