Nr. 277 Zweites Blatt
Eichener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheften)
Samstag, 25. November 1933
Die Wolke über dem Stillen Ozean.
Von Dr. Paul Rohrbach.
Die Vereinigten Staaten und Sowjetrußland haben sich sehr plötzlich und auffallend genähert. Nach 16 Jahren hat die Regierung im Weißen Hause in Washington die Regierung im Roten Kreml anerkannt, und in der amerikanischen Presse wird gemeldet, Rußland werde für 350 Millionen Dollar Bestellungen an Amerika vergebenlandwirtschaftlichen Maschinen, elektrische Apparate usw. Wer wird glauben, daß dies die eigentliche Grundlage der eben abgeschlossenen Aktion ist?
Natürlich bildet Japan den Hintergrund der amerikanisch-russischen Verständigung. Seit einem Jahr etwa haben die politisch leitenden Kräfte in Japan den losen Schleier fallen lassen, der noch über ihre Ziele gebreitet lag. Als ich vor zwei Jahren in Japan war bat muh die japanische Kolonialgesell- * ,n ^okio um einen Vortrag über das Thema: „Mit welchen Mitteln kann ein übervölkertes Land sich helfen?" Die Antworten liegen auf der Hand: Auswanderung, Jndustriali- f t e r u n g, Erwerb von Kolonien. Auswanderungsgebiete befaß Japan damals nicht, auch die inzwischen eroberte Mandschurei ist für den japanischen Bauern zu kalt. Nordam-rika und Australien sind Angehörigen der Gelben Rasse verschlossen. Industrialisierung ist eine gefährliche Hilfe für ein Land, das nur nach überseeischen Gebieten, meist in Der Ferne, exportieren kann. Auch Siedlungskolo- nien besitzt Japan nicht.
In der Unterhaltung nach dem Vorträge wurde auch das vierte, vorher nicht genannte Mittel ge- streift: der Eroberungskrieg großen Stils. Man ging mit einem Lächeln darüber weg. In der Mandschurei ist ein Anfang gemacht worden — aber nicht von Eroberungen in gewöhnlichem Sinn, sondern einAnfangzurjapanischen Hegemoniebildung in ganz Ost- und Sudostasien. Dieser Gedanke wird jetzt offen in den nationalpolitischen Schulungsklubs, in den Hochschulen und hier und da sogar in der Presse Ja- vans erörtert. Wenn man vorsichtig sein will, so ge- schicht es „theoretisch". Praktisch wurde ein Finger- Zeig deutlich, als vor kurzem die chinesische Regie- runa den Boykott japanischer Waren aushob. Die Verständigung ist also in der Stille beschlossen. China wird den Mandsureistaat unter japanischer Oberhoheit anerkennen, und Japan wird vermutlich der sogenannten Zentralregierung in China für die Festigung ihrer vorläufig noch sehr mangelhaften Autorität irgendwie den Rücken stärken. Dafür wird China politisch der japanischen Führung folgen.
Die amerikanischen P h i l i p pi n e n und das hol- ländische I nsu linde sind für die imperialistische Schule Jung-Japans weitere natürliche Ausdeh- nungsobjekte. Hier wie dort ist die Bewegung der eingeborenen Malayen gegen die Herrschaft der frem- den Weißen im Gange. In Siam ist Revolution, nationaler Modernismus gegen das patriarchalische, absolute Königtum. Für Japan ist das sicher ein sehr interessanter und interessierender Vorgang. B r i - t i s ch - I n d i e n wird gespannt beobachtet. In A f - gh anist an ist eine lapanische Vertretung einge- richtet, lieber diesem ganzen Komplex liest der Ja- voner schon heute unsichtbar die Worte: „Asiati- scher Völkerbund", selbstverständlich unter der Führung Japans.
Dies ist jetzt die große nationalpolitische Ideologie Japans: Zusammenfassung der asiatischen Groß-und Kleinvölker vom Indus bis zur Behring- Straße in einem gegen die Ansprüche der weißen Rasse gerichteten Bund. Vielleicht liegt er noch weit im Felde, aber manchmal haben solche Ideologien auch rasche politische Füße. Das weiße Austra- lien wäre dann verloren, die Vereinigten
Staaten wären über den Stillen Ozean auf die kalifornische Küste zurückgeworfen. Und Rußland? Während der ersten blutigen Jahre des Bolschewismus plante Japan schon die O k k u p a ■ Hon Sibiriens westwärts bis zum Baikal-See. Wladiwostok war von japanischen Truppen besetzt. Es war zu früh, Amerika drohte, und die Uneinigkeit Europas war noch nicht im Völkerbunde verkörpert.
Ob Ost-Sibirien als Ganzes wirklich zu besetzen sich lohnt, mag man bezweifeln. Vielleicht würden die Lena-Goldfelder in japanischen Händen mehr liefern als in russischen. Vielleicht haben die Japaner auch in der Stille schon nach anderen Mineralien prospektiert. Für Siedlungszwecke ist das Land völlig unbrauchbar. Nicht einmal in seinen südlichsten Teilen, Transbaikalien und dem Küstengebiet zwischen Wladiwostok und der Amurmündung, ist loh- ncnder Ackerbau in größerer Ausdehnung möglich. Aber Wladiwostok selbst und das Küstengebiet sind recht wünschenswerte Objekte. Mit ihnen wäre Japan alleiniger Herr des ganzen inneren Meeres von der Koreastraße bis zur Amurmündung. Wladiwostok in russischem Besitz stört, auch wenn es von den alten Plänen nichts übrig behalten hat als den Namen: Beherrscherin des Ostens.
So laufen die Linien des amerikanischen und des s o w j e tr u ss i sch e n Interesses in der Richtung gegen Japan zusammen. Merkwürdig, daß Vie englische Linie sich nicht auch schon dazwischen gezeigt hat — aber vielleicht ist es schon ein Symptom dafür, wenn der diplomatische Korrespondent des Londoner „Daily Telegraph" schreibt, eine „Viermächtebesprechung" sei dringend notwen
dig, nur nicht eine solche, wie der Pakt von Rom sie vorsehe, sondern eine zwischen England, Amerika, Japan und Rußland!
Wie kann Rußland daran denken, bei seiner zerrütteten Wirtschaftslage, seiner niedergebrochenen Währung, bei der Hungersnot in der Ukraine, im Kaukasus, an der Wolga, die schon Millionen von Menschen hingerafft hat, selbst im Bunde mit Amerika der Gefahr eines abermaligen Zu- menstoßes mitIapan entgegenzusehen? Ist es denkbar, daß es mit seinen gegen die zarische Zeit viel leistungsunfähiger gewordenen Bahnen, mit dem Widerwillen seiner bäuerlichen Heeresreser- ven gegen jeden auswärigen Krieg, und nun gar gegen einen mit Japan, auf bessere Erfolge hofft als die Armeen von 1904 und 1905? So gestellt würde die jjrage wahrscheinlich auch in Moskau verneint werden. Es gibt aber eine kriegerische Chance für Rußland, und das ist e i n gewaltiger Flug- 3 « u g ü b e r f a 11 auf die japanischen Großstädte, Arsenale, Fabriken, Werften. Von Wladiwostok nach Tokio ist es nur so weit, wie von Berlin nach Paris. Zahl, Qualität und Mannschaften der Sowjetflug- zeuge im Fernen Osten könnten sich mit amerifani« scher Hilfe stark und nachhaltig vermehren. Die Russen fallen gute Flieger sein, die Amerikaner sind es auch. Die japanische Flugwaffe dagegen wird von Sachkundigen nicht sehr hoch bewertet. Tokio hat vier Millionen Einwohner und hat aus Holz und leichtem Rahmenwerk mit Oelpapier gebaute Häuser. Man stelle sich vor, daß diese Stadt mit allem was darin ist, durch Brandbomben in Flammen und Rauch zu Grunde geht! Das ist die Wolke über dem Stillen Ozean. Und dazu Abrüstungskonferenz!
Hitler schasst Arbeit!
weitere bewilligte Maßnahmen im Arbeite beschaffungsprogramm:
Tagewerk«
auf der
Maßnahme Baustelle
Jnstandsehungs- und Erneuerungsarbeiten
an kreiehäusern, Schulgebäuden sowie sonstigen Gebäuden kreisangehöriger Städte und Gemeinden des Obertaunuskreises 4707
Inslandsehungs- und llmbauarbeiten am städtischen Hause Kasseler Straße 1 in Hann.-Münden 2000
Entwässerung einer 12,5 ha großen Acker- landsläche Gemeinde Pfaffenwiesbach 1450
Jnstandsehungs- und Ergänzungsarbeiten
an verwaltungs- und Wohngebäuden des Kreises und der bürgerlichen Ge
meinden im Kreise Alzey 2230
Herstellung und Einbau von Enteisenungs-Filteranlagen für die Brunnen der Randsiedlung Goldstein 3000
Erweiterung bestehender Wasserwerksanlagen in den Gemeinden Hallgarten, Reudors, Oestrich und Winkel 4300
Deutsche Krieger in der „Grünen Hölle".
Von unserem St.«Äerichierstatier.
(Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten.) Buenos Aires, Ende Oktober 1933.
Bekanntlich sind die Vermittlungsaktionen i m Chacokrieg zwischen Bolivien und Pa- raguay gescheitert, und auch weiterhin werden etwa 80 000 Soldaten versuchen, sich im Dickicht des Urwaldes gegenseitig zu töten. Am Pilkomayo hört die Kultur auf. Nur vom Süden aus beginnt die Kolonisation vorzudringen und scheucht die nomadisierenden Jndianerstämme, die mit Bogen und Giftpfeilen bewaffnet, auf ihren Äagdzügen durch das Dickicht schleichen, aus ihrer Ruhe auf. Im übrigen ist dort das Paradies von Klapperfchlan- gen und von allerlei giftigen Infekten. Im ewigen Schatten sumpfiger Niederungen, in die niemals ein Sonnenstrahl bringt, lagern Fieberdünste. Riesenspinnen, Echsen und hungrige Kaimans wühlen im Schlamm, um ein Wasserschwein oder einen großen Vogel zu erbeuten. Falter, die die Farbe der Morgenröte und der Sterne auf ihren Flügeln ge- zeichnet tragen, flattern durch die heiße Luft. Ganze Armeen von Libellen, smaragdene und goldglänzende, spielen am Rande einer Lichtung. Völker von Papageien ziehen krächzend um die Baumkronen. Dringt man tiefer in den Urwald ein, 'fo bleibt zwar das undurchdringliche Dickicht, aber der Boden ist ausgedörrt, die Wassertümpel werden rar, und der Eindringling in die Wildnis des Chaco kann verdursten.
In diesem zum großen Teil noch unerforschten Gelände des Chaco führen Bolivien und Paraguay nun seit mehr als einem Jahr einen unerbittlichen Krieg. Wenn es auch dem Außenstehenden nicht möglich ist, die zwingende Notwendigkeit dieses Ringens zwilchen den beiden halbindianischen Nachbarstaaten zu erfassen, da es sich um den Besitz ober Nichtbesitz von Urwald st recken hanbelt, bie im Grunbe roeber für Bolivien noch für Paraguay einen realen Wert barstellen, so bars man doch ben Krieg nicht bagatellisieren, benn auch b o r t kämpfen un b ft erben Menschen für i h r
Vaterland und erdulden Strapazen, wie man sie sich in Europa kaum vorstellen kann.
Da die Werbetrommel für Freiwillige in den meisten südamerikanischen Staaten gerührt wird, und da auch in den Elendsvierteln von Buenos Aires sich zahlreiche Soldaten für den Chacokrieg, sei es nun auf feiten Paraguays oder Boliviens gemeldet haben, fo gibt es Augenzeugen genug, die entweder verwundet ober erkrankt ober auch auf Urlaub roieber in bie Hauptftabt Argentiniens zurückgekehrt find unb Einzelheiten von ben Kampfhanblungen erzählen. Neben Sübameri- tanern sinb es hauptsächlich Deutsche unb Russen, die der Weltkrieg entwurzelt und die in der Suche nach Glück ober Abenteuern sich für den Krieg anwerben ließen. Die Zeitungen in Asuncion berichten oft von Helbentaten Deutscher, bie ben eigenen Solbaten als Beispiel angeführt werben. Das Tragische babei ist, baß auch auf feiten der Bolivianer Deutsche kämpfen, unb so geschieht es benn, baß im Urwalb bes Gran Chaco beut- s ch e Br über gezwungen sind, auseinander zu schießen. Es ist interessant, daß die Oberbefehlshaber im Chacokriege Ausländer find. Die paraguayische Armee steht unter dem Ober- fommanbo eines bekannten russischen Generals aus bem Weltkriege, bie bolivianische unter dem Oberbefehl bes deutschen Generals K u n d t, der die bolivianische Staatsbürgerschaft angenommen hat, und bereits längere Jahre als Instrukteur in La Paz wirkte.
Die Soldaten und Offiziere, die auf feiten Boliviens kämpfen, schildern General Kundt als einen Mann, der keine Furcht kenne. Seiner Energie und Tapferkeit sei es zu verdanken, daß die bolioia- Nischen Soldaten, die als Hochlandbewohner das Klima der Niederungen des Chaco nur schlecht vertragen, sich ohne Murren den furchtbaren Strapazen unterzögen. UeberaU ginge der General mit gutem Beispiel voran. Während der Kämpfe im „Campo Jordan", fo wird erzählt, hätte General
Kundt sein Leben beinahe verloren. Dichte Dschungeln umgaben die Lichtung, auf der die bolivianische Vorhut ihr Lager aufgeschlagen hatte. Artillerie und Maschinengewehre hatten blind in der Richtung des Feindes geschossen, aber die Gegner hatten sich nicht zu Gesicht bekommen. Trotzdem nur einige hundert Meter bie Fronten ooneinanber trennten, war es unmöglich, einen Aufklärungsdienst einzurichten: das tropische Unterholz war derart mit Lianen und anderen Schlinggewächsen durchflochten, daß an ein Vordringen nicht zu denken war.
Da die Nacht schwül und heiß war, ließ General Kundt sein Moskitonetz außerhalb der in aller Eile aufgeworfenen Schanze auffpannen und begab sich zur Ruhe. Bald ertönte wieder bas feinbliche Feuer, aber ber General ließ sich baburch nicht stören, ba eine Ueberrumpelung bes Lagers unmöglich war. Plötzlich erwachte er gequält von Moskitostichen, unb ba ihn bie Plagegeister in ganzen Scharen umsummten, erhob er sich ärgerlich, um bie Or- donnanz zu rufen, bie ihm ein fehlerhaftes Moskitonetz gegeben hatte. Nun stellte es sich heraus, baß ber ganze obere Teil bes Netzes bicht über bem Gesicht bes Generals von Kugeln burch- löchert war. Ein paraguayischer Scharfschütze hatte augenscheinlich von einem hohen Urwalbbaume aus auf bas weiße Ziel bes Moskitonetzes fein Gewehr abgeschossen. Hätte sich ber General im Schlafe bewegt, wäre er ein toter Mann gewesen. Kaum, daß sich General Kundt hinter die Schanze, zurückgezogen hatte, kam aus den Bäumen eine neue Salve, die diesmal besser traf. Die Moskitos hatten General Kundt das Leben gerettet.
Oft werden auf hohen Bäumen Nester für Maschinengewehre eingerichtet, die äußerlich den improvisierten Hütten auf Tigerjagden gleichen. Oft sind die Feinde nur hundert Meter von einander entfernt, ohne sich schon zu sehen, man orientiert sich nach dem Schlagen der Buschmesser und versucht bann, einen Nahkampf herbeizuführen. Da Sanitätspersonal fehlt unb bie Felbhospitäler schwer erreichbar sinb, so bebeutet eine Verwunbung fast immer einen qualvollen Tob. Im Dezember beginnt bie erbrücfenbe Hitze bes Hochsommers, bie bie Strapazen verboppelt. Es ist höchste Zeit, daß endlich die Bemühungen der südamerikanischen Staaten um einen Waffenstillstand zwischen Para- guay und Bolivien einen Erfolg haben.
Herbstlicher Weg in die Gemeinschaft.
<3on Marianne Lendzian.
Herbst ist es nun ... zwischen dem abgeernteten Apfelbaum und den beiden Pappeln, die reichlich Blätter verloren haben, sonnen sich in ben letzten mageren Strahlen Winterkleiber unb Federbetten. Rote welkende Dahlien und gefärbtes Weinlaub sehen hübsch aus neben bleichender Wäsche. Die Ra- senfläche lohnt keinen letzten Schnitt mehr, den Liegestuhl und die Korbsessel läßt man unbesorgt- nachlässig auch des Nachts draußen ... man wird sie nun nicht mehr brauchen. Ade Sommer, ade Garten, ade Kirschbaum und Stachelbeerbusch ... Wer wird euch übers Jahr ernten?
Nebers Jahr ... Das ist so unendlich weit und ein langer Weg bis dahin. Auf dem Tisch der Terrasse liegen Berge beschriebenen Papiers: bie Zentralheizung brennt, man wirb sich wärmen unb es wird ein tröstender Gedanke sein, daß es so wenigstens Glut spendet.
Oben in ber Mansarbe wird gehämmert, Garderobehaken und Silbernägel eingeschlagen, bie Jun- gensschränke abmontiert, bie ausgebient haben unb weiter roanbern, anderen zu bienen; übermorgen kommen: ber Telephonmann, den Anschluß verlegen; dann die Söhne: benn Klingelleitung muß man )a haben (schon bamit ber Postbote unb bie Milch- frau herein können). Diese Schelle ist Kampfobjekt seit Wochen; man möchte sie außen am Hause; erstens ist sie weit billiger, kostet roeber Strom noch Transformator, noch Draht; zweitens träumt man nächtelang heimlich von Bimmeln am Fenster oben, mit grünem, perlbesticktem Zug an ber Tür, wie Großmutter sie hatte. Das sei polizeiwidrig, erklären die Jungens, dazu schauderhaft, unb sabotiere bas eb(e Elektrohandwerk aufjerbem sei es genau so lächerlich, wie bie joee von neulich: mit einem Pferbewagen in ein verträumtes Dorf zu fahren, um einen Bauernwirtsgarten zu suchen, mit Klatsch, mohn, Herbstzeitlosen unb Tränenben-Herz-BIumen (fo etwas gäbe es nicht, und gar in Großstabtnähe — karierte Betten habe man auch verlangt — und abenbs Harmonikamusik bazu, man komme reichtlich früh ins kindische Alter!). Aus ist's mit dem unheimlich geworbenen Traum von der Troddel-Bim- mel, von ländlicher Romantik. Ein letztes bleibt noch: Wenn die Jungen fort find, die elektrische Schelle, Telephon unb Rabio eingebaut, wenn die kraftvollen Männer der engsten Familie Truhen unb Spinde, Bücher, Manuskriptkasten und Ar- beitstisch hinaufbefördert haben, wenn Ruhebetten I unb Speiseecke so placiert sind, wie es sich für einen I georbnten, zielbewußten Menschen des 20. Jahr- I
hunderts gehört, wenn all die moderne Sachlichkeit und Technik erst oben eingezogen ist, wird man allein hinaufgehen — um nun wohl immer allein Zu bleiben ... wie man es sich so oft in verrückten Stunden gewünscht hat ... Und man wird erst einmal alles durcheinander bringen. Die kleine Schwester wird kommen, mit kleinen altmodischen Blumentöpfen unter dem Arm — an den winzigen Scheiben, durch die man nur eine Handvoll Himmel sieht (genügt ja auch ...; ’s ist ja ohnedies trüb im Winter und früh dunkel) werben winzige Blumenbretter angemacht, weiß, mit schmalen Stäbchen dran — und Aurikeln, Anemonen und Krokusse blühen auch einsamen alten Leuten ... Man wird auch den schwarzen Peter einschmuggeln — obzwar er stinkt; er kann ja aufs Dach hinauslausen und hat sich im Sommer genug ausgetobt in den Gärten ... Mag er sich beherrschen ... Andere müssen's auch ...
Dann wird die kleine Schwester gehen. Peter wird immer wieder leise „miau" sagen, nach der Tür gucken, sich nach seinen Katzenfrauen unb zahllosen Sornrnersprößlingen sehnen (ober auch nach Vögeln — so genau weiß man bas bei diesem Räuber nie.).
Man wird in der unmodischen Unordnung hocken, vor der Schreibmaschine und der elektrischen Lampe, bie, weiß der Himmel, da auch nicht hineinpassen, die man als Sklave ber Gewohnheit aber nicht entbehren mag — unb bann wird man sich endlich... bei sich ... allein ... zu Hause ... fühlen. Wird man? Man sollte! Man wird ja alles haben, was man sich so lange gewünscht hat: Ruhe zum Ar- I beiten. Keiner wird kommen und fragen: „Wo liegt bie Schere?", „Wann gibt es frische Wäsche?", „Ist bas Essen noch nicht fertig?", „Was soll eingeholt werben?". Keine Glocke wirb schellen: „Ich möchte den oder jenen sprechen — o, ich warte gerne bei Ihnen, wenn er ja boch in einer Stunde schon beim» kommt". Es wirb keine Asche auf dem Teppich liegen, nicht Obstschalen auf seidenen Kissen, bas Brotmesser wird im Schubfach unb nicht auf bem Schreibtisch sein, bas bauernbe Hin unb Her, Auf unb Ab wird aufgehört haben. Die Türen werden geschlossen sein. Still wird es sein ganz, ganz still. Still und allein wird man es haben. So wie man es sich so lange ersehnt ... Und man wird dasitzen, mitsamt seiner Stille, seiner Ruhe und Einsamkeit, ohne Anderer-Lcuts-Wünsche, mit der jammernden Katze, ben Anemonen (hinter feinen weißen Stäb- eben), mitten in bem erfüllten Traum unb wirb bie Telephonklingel anstarren, bas nackte Papier in ber grinfenben Schreibmaschine unb ... sollte es etwa dem Rundfunk einfallen, Volkslieder zu senden, Grieg oder Chopin, bann wirb man es unweigerlich ber Katze nachtun ...
Der Mensch ist doch ein närrisches pnd unlogisches I
I Geschöpf — da, wo du nicht bist, wohnt das Glück ... Oder liegt es am Herbst? Die Ernte war reich, I die Scheunen sollten gefüllt sein: bas Merkwürdigste ist nur: es läßt sich nicht auf Vorrat leben unb alle Versionen vom geruhsamen Abenb nach reichlichem Tagewerk sinb mehr ober weniger schöne Dichterworte.
Es ist nicht gut, daß ber Mensch allein sei, sprach Gott unb schuf ihm Gefährten. Heute sucht sich der Mensch seine Gefährten selbst, unb — bas ist auch eine Folge des verlorenen Paradieses — nicht im- mer mit Geschick und paradiesischer Sicherheit — mandjer Irrtum unterläuft ihm — und manchmal ist's wohl auch besser, allein zu bleiben als in unpassender Gesellschaft. Dann: gehen auch bie glückhaften Sommer dahin, die Jungen bauen eigene Nester, und je herbstlicher es wird, desto schwerer wird es, rechte Gesellschaft für kalte Wintertage zu finden. Im Frühling, im Sommer bes Lebens ist die Gemeinschaft vieler schön: im Herbst, im Winter, am häuslichen Herbe ist halt ber Platz zum Wär- men schmäler. Unb daran mag es wohl liegen, daß man ihn schwerer findet, vergibt und teilt in diesen Lebensjahreszeiten.
Drum wird man sich in feiner altmodischen Mansarde einspinnen in die lebendige Vergangenheit, wird Kinderbilder vorholen, alte Schulhefte, Zopf- schleifen, Schülermützen ... wenn die Außentüren verriegelt sind, werden sich die Truhen offnen: Berge von Briefen werden springende Schatten in den einsamen Raum werfen, und die klagende Katze wird man aussperren. Wird es so sein? Man sollte sich nichts vormachen: Das mit der Perlenklingel, der Pferdekutsche und der vergangenen Romantik ist geradeso ein Spuk, wie die Idee mit den ver- gilbten Briefen und dem Hände- unb Herzwärmen am erloschenen Kamine (den ohnedies die Zentralheizung verdrängt hat.).
Vorbei. Sei friedlich, mein Herze. Weitaus die Pforten, draußen braust dein Leben, solange du noch nicht erloschen bist. Gerade und dennoch.
Und so wird man Peter ganz vernünftig zu seinen Bräuten in die Gärten schicken, wird sich einen anständigen Kaffee brauen, die Grillen zu vertreiben, wird auf ber braven Maschine den vertrödelten Aufsatz fabrizieren, oder den längst fälligen Brief an die Schwiegertochter tippen und morgen, wenn das alte treue Möbel, das Telephon schellt und dieser ober jener aus der engeren oder erweiterten Familie wieder etwas fragt ober will, wirb man sagen: „Immer hereinspaziert, je mehr von euch, desto besser — du, kleine Schwester — du, kroßer Bruder, — ihr alle, die ihr mühselig und beLaden seid, kommt her, mich zu erquicken ... Es ist >ucht gut, daß der Mensch allein und ... unnötig I
Die ersten Briefmarken.
Wer hat die aufklebbare Briefmarke erfunden? Diese Frage will augenscheinlich nicht zur Ruhe kommen. Englische Philatelisten bereiten schon jetzt eine Internationale Ausstellung in London vor, burch die der 100. Geburtstag der ersten englischen Briefmarke gefeiert werden soll, die von Rowland Hill eingeführt und am 6. Mai 1840 von der englischen Post ausgegeben wurde. Die Tat der „Entdeckung" ist Hill von verschiedenen anderen Engländern streitig gemacht worden; man glaubte aber bisher, daß Großbritannien die Heimat unserer Briefmarke sei. Doch nun tritt Griechenland mit diesem Anspruch auf den Plan unb behauptet, bie erste Briefmarke minbeftens neun Jahre früher ausgegeben zu haben, als bies bei ben ersten beiben britischen Marken, ber schwarzen Penny unb ber blauen Twopence, ber Fall war. In dem „Philate- listischen Journal von Großbritannien" wird darauf hingewiesen, daß in einem kleinen griechischen Dorf kürzlich unter einer Menge von alten Dokumenten, die bis in bie Zeit ber griechischen Revolution zuruckgehen, ein zum Teil zerrissener Bogen bedruckter Papierstreifen gefunben würbe, von Denen jeber nach bem Aufbruck ben Wert von 40 Lepta hatte. Diese frühen griechischen Marken, bie Zur Freimachung ber Briefe von ber griechischen Post ausgegeben würben, waren kürzlich bei einer Versammlung ber englischen Philatelistischen Gesell- schäft ausgestellt. Es sinb rechteckige Papierstücke, bie m gewöhnlicher Weise gebrückt würben unb in ber Mitte bie Wertangaben enthalten, umgeben oon einer Art Perlenornament. So unansehnlich sie erscheinen, müssen sie boch als bie ältesten bekannten Vorläufer ber Briefmarke anerkannt werben, bie wir heute kennen unb benutzen. Die Mar- fen würben von ber Druckerei der griechischen Regierung auf der Insel Toros im Frühling 1831 hergeftellt, und der jetzt entdeckte Bogen trägt auf ber Rückseite die Unterschrift des damaligen Gou- verneurs G. Glarakis und des Postbirektors M. Apaliras. Wenn auch nicht feststeht, ob biefe Mar- fen zur Vorausbezahlung von Postbeförberungen ober zur Freimachung bei ber Ablieferung bienten, |o ist boch bewiesen, baß sie eine längere Zeit in Gebrauä) waren unb schon lange, bevor bie eng- loche Briefmarke ihren Siegeszug antrat. Uebri- gens werden von dem Journal auch Zahlen mitgeteilt, die die Gesamtmenge der Briefmarkensorten feststellen. Danach wurden von den Postanstalten der Welt 56 874 verschiedene Briefmarken ausge« geben, davon in Europa 17 860, in Afrika 12 684, in Asien 10 438, in Amerika 9680, in Westindier« 3333 und in Ozeanien 2879. Die Zahl nimmt beständig um 1500 bis 2000 neue Arten in jedem Jahr zu.


