Ausgabe 
25.1.1933 Erstes Blatt
 
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Vornan von Gert Nothberg.

(Llrhebcrschuh durch C. Ackermann, Romanzeutrale Stuttgart.)

11 Fottletzung Nachdruck verboten.

Pias schöne, dunkelblaue Augen gingen scheu an Acherns Blick vorüber, so oft er sie forschend ansah. Ihre Abreise wurde für nächste Woche auf Donnerstag festgelegt. Als Achern ihr dann die Hand gab und sie die ihrige hineinlegte, da sah er erstaunt in ihr Gesicht. Pia zitterte am ganzen Körper. Da war es Achern, als risse ein Vorhang entzwei, der ihm bisher etwas Köstliches verhüllt hatte. Pia liebte ihn! Er war Frauenkenner genug, um sich zu sagen, daß er sich nicht tauschte. Arme, kleine Pia, auch das noch!" dachte er erschüttert.

Pia hatte längst ihre Hand aus der feinigen gelöst, aber noch immer fühlte Harry von Achern die kleine Mädchenhand in der seinen. Wie ein scheues, verirrtes Vögelchen hatte sie in seiner Hand gezittert. Ein dunkles Gefühl war plötzlich in ihm, wie vor etwas Schwerem, Traurigem, das er nicht mehr aufhalten konnte.

Doktor Lansing war der einzige, der lebhaft plauderte. Frau Horlinger war die Eröffnung, daß Pia vielleicht noch geheilt werden konnte, zu plötzlich gekommen. Ganz still fast sie da. Ihr Herz hing an Pia. Mein Gott, wenn auch sie noch einmal fröhlich im Park von Achern umher­springen tonnte! Wenn das möglich wäre!

Als Lansing sich später verabschiedete,- gab Achern ihm ein ganzes Stück zu Pferde neben dem Wagen her das Geleit.

Am Kreuzweg, von wo man Schloß Gollwern liegen sah, sagte Lansing: ,

So, jetzt winkt Ihnen Besseres, lieber Achern. Leben Sie Wohl, und ich bin selbstverständlich bei Ihrer Hochzeit zugegen. Auf frohes Wiedersehen! Grüßen Eie in Gollwern! Mein Onkel wird es krumm nehmen, daß ich es fertig brachte, um Gollwern herumzufahren. Aber tch muß am Abend noch zu einer wichtigen Sitzung zurücksein."

Achern dankte für die aufgetragenen Grüße, und die Herren verabschiedeten sich herzlich von- einander.

Harry von Achern aber ritt nicht nach Schloß Gollwern hinüber. Dort erwartete man ihn heute vergeblich.

Pia weilte in dem mitten im Wald gelegenen Sanatorium Doktor Lansings. Täglich war sie ihm dankbarer, daß sie hier sein durfte. Ihr Herz klopf e in schmerzhas er Sehnsucht nrch dem Mann ihrer Liebe, der in wenigen Tagen mit einer anderen getraut wurde. Pia krampfte die weißen Hände ineinander, kämpfte gegen diese Liebe an

in verzweifelter Qual, und wußte doch, daß diese Liebe sich niemals aus ihrem Herzen reihen lieh. Aiemals dachte sie daran, daß sie dieses HauS geheilt verlassen könnte. Sie hatte sich zu fest in dem Gedanken eingelebt, daß sie dieses Ge­brechen besaß, als daß sie einen Erfolg gesehen hätte. Die täglichen schmerzhaften Massagen, die Behandlung durch Elektrizität, die gymnastischen Hebungen, all das ertrug sie gern. Sie hatte nur immer den einen Gedanken: wenn es nur recht lange dauern würde!

Ein kühler, sonniger Spätherbsttag. Pia saß mit einem Buch auf der Dank in der Sonne und las. Vielmehr, sie wollte lesen, doch es gelang ihr nicht, ihre Gedanken zu konzentrieren. Da legte Pia endlich das Buch resigniert beiseite. Dicht neben ihr nickten auf hohen Stauden leuch­tende, bunte Georginen. Ein paar gelbe Blätter raschelten zur Erde nieder. Pia fröstelte in der warmen Sonne und zog den weichen Mantel enger um die schmalen Schultern. Seit gestern war Doktor Lansing fort. Denn heute war Edel- gardes Ehrentag! Mit von Tränen verdunkeltem Blick sah Pia auf ihre kleine Armbanduhr. Gleich zwei Hhr in wenigen Minuten wurde Harry von Achern im großen, zur Kapelle umgewandel­ten Gartensaal von Schloß Gollwern getraut!

Lieber Gott, laß ihn glücklich sein!" betete Pia mit blassen Lippen.

Ein kleiner Vogel setzte sich auf die Lehne der Bank, zwitscherte hell und eindringlich. Mit tränennassen Augen sah Pia auf das kleine Ge­schöpf. Als sie wie liebkosend die Hand ausstreckte, flog es davon, fang droben im Geäst der alten Kiefer weiter.

Pia wollte nicht mehr an all das Schmerzliche denken, und doch drängten sich die Bilder immer deutlicher in ihre Gedanken. Sie sah die schleier- umhüllte Gestalt der schönen Edclgarde, sie sah Harry von Acherns hohe Figur im Frack, der ihm so gut stand. Sie sah, wie sie sich küßten, und sie schloß die Augen. Doch die Bilder wichen nicht. Da senkte Pia tief den Kops und dachte: Ich bin ja nicht die einzige, die eine unerwiderte Liebe im Herzen trägt und darüber hinwegkom- men muh."

Ganz langsam rollten erlösende Tränen über Pias blasse Wangen. Don der Stadt drüben läuteten die Glocken. War da auch eine Hochzeit, oder bettete man^einen stillen Schläfer zur letzten Ruhe?

Pia sah in die leuchtende Blütenpracht der Georginen und horchte auf das metallene Lied der Glocken.

Doktor Lansing war zurück. Oberflächlich hatte er ihr einige Kleinigkeiten erzählt. Auch daß die Neuvermählten ihre vierzehntägige Hochzeits­reise nach der Schweiz angetreten hätten. Es seien furchtbar viele Gäste dagewesen. Sr hätte sich

nur immerzu gefragt, wo denn nur die ganzen Verwandten auf einmal hergekommen seien. Das Hochzeitsmahl sei ein Märchen gewesen.

Pia hörte die Worte an sich vorüberrauschen. Sie sagte nichts. Sah eS auch nicht, daß er ihre auffallende Blässe mit Besorgnis betrachtete. Doch er sagte kein Wort darüber, und Pia war mit ihren Gedanken in einem fremden Lande, wo jetzt zwei Glückliche weilten. Doktor Lansing sagte dann:

Ach ja, ich soll Ihnen doch recht viele herz­liche Grüße sagen von Herrn von Achern, und hoffentlich ginge alles nach Wunsch, er wünschte es von Herzen."

Ich danke Ihnen, Herr Doktor", sagte Pia leise,doch für wen hat es wohl Außen, ob ich so bleibe, wie ich bin, oder ob sich in meinem bisherigen Leben etwas ändert?"

Ihre Stimme klang müde. Wenn er ihren Seelenzustand nicht genau gekannt hätte, dann hätte ihn ihre Teilnahmslosigkeit kränken müssen. So aber sagte er nur freundlich:

Manchmal ist es bei so einer Sache das beste, wenn man sich nicht zu großen Hoffnungen hin­gibt. Man wird dann nicht zu sehr enttäuscht, wenn es mißlingt."

Pia sah ihn an und nickte. Er sagte ihr jetzt, daß er schon die nächsten Tage benützen werde, um die Operation vorzunehmen.

Wir chloroformieren natürlich. Sie merken nichts, haben keine Schmerzen. Hinterher viel­leicht etwas, doch das wird erträglich fein.

Pia aber dachte:Wenn ich doch gar nicht wieder aufzuwachen brauchte."

Doch sie legte dankbar ihre Hand in die seine.

Daß Sie sich so viel Mühe um mich machen, Herr Doktor. Ihre anderen Patienten werden ganz eifersüchtig auf mich werden."

Das glaube ich nicht", sagte er scherzend. Sie sind hier im Sanatorium Gegenstand all­gemeiner Anbetung."

Er sagte das ganz ruhig. Pia wandte das Ge­sicht ab. Mit zuckendem Mund sagte sie:

Anbeten? O nein, man bemitleidet mich, und das ist sehr bitter.

Lansing brach eine ftammenbrote Georgine, besah sie aufmerksam von allen Seiten und meinte Hann:

Sie irren, man hat Sie tatsächlich lieb. Sie wollen eS nur nicht sehen."

Schweigend ging Pia neben ihm inS Haus zurück.

Die Operation war vorüber. Doktor Lansing sah finster und übermüdet aus. Er lehnte an einem der hohen Fenster in dem großen, hellen Saal und schrieb einige lateinische Worte in sein Buch. Er verhehlte es sich keineswegs, daß die Operation schwerer war, als er gedacht, und daß nun alles von einem günstigen Heilungsprozeß

abhing. Er hoffte es so innig, daß alles gut werden möge, wie er noch nie einen vollen Erfolg sich wünschte.

Pia lag im schönen weihen Bett in ihrem Zimmer, und eine Schwester und Frau Horlinger saßen bei ihr. Pia war vorhin erwacht. Sie wußte nicht gleich, was geschehen war. Ihre Augen folgten den Sonnenkringeln, die an der Zimmerdecke tanzten. Im rechten Bein spürte sie ein schmerzhaftes Zerren und Brennen. Da wußte sie plötzlich, was mit ihr geschehen war. Sie wandte den Kopf, lächelte der freundlichen Schwester zu, und dann legten sich ihre weißen Hände um die mütterlichen Frau Horlingers. Doktor Lansing kam am Abend, als die Patientin schon schlief, und Schwester Martha, eine ältere, zuverlässige Pflegerin, bereits die Aachtwache übernommen hatte. Doktor Lansing sah prüfend auf die blassen Hände. Er griff vorsichtig danach. Fieberheiß! Also Vorsicht! Er schärfte der Schwe­ster alle Verhaltungsmaßregeln noch einmal ein und ging dann leise hinaus. Selbst wenn alles gut verlief, dann mußte Pia m'.ndestens vierzehn Tage im Bett bleiben. Jetzt hieß es eben warten, die innere Ungeduld meistern. Er liebte z das schöne Mädchen täglich mehr, und doch fart) er, daß er vorerst keine Hoffnung hatte, sieVch erringen zu können. Frauen wie Pia Eichendorff rissen eine Liebe nicht so schnell aus dem Herzen. Manchmal gingen Frauen dieser Art sogar an einer heißen, unerwiderten Liebe zugrunde. Wenn nicht die Zeit seelisch heilend eingriff und ihm Pias Herz sich nicht von selbst zuwandte, er­zwingen lieh sich da nicht das geringste. Das mußte Doktor Lansing ganz genau. Und wenn er sie nun für einen anderen heilte? Wenn ihre Liebe dereinst sich doch noch einmal einem Mann zuwandte, und er selbst war dieser Mann nicht?

Lansing lächelte. Aun, dann hatte er es eben für einen anderen getan. Wenn man jede gute Tat mit Eigennutz vollbringen würde, dann hätte sie ja eben doch von vornherein jeden Wert ver­loren. Langsam ging Doktor Lansing hinüber in sein Zimmer. Er sah bis gegen Mitternacht über ein wissenschaftliches Werk gebeugt und hatte alles andere vergessen.

Die vierzehn Tage waren vorüber. Aengstllch tat Pia den ersten Schritt. Sie hatte ein eigen­artiges Gefühl im rechten Bein, das immer schwach gewesen war. So, als habe dieses Dein plötzlich einen Halt bekommen. Sie ging ein paarmal im Zimmer auf und ab, wurde immer sicherer, sie schleppte den Fuh fast nicht mehr nach, und wenn sie es noch ein wenig tat, dann war es wohl mehr die Gewohnheit. Pia blieb stehen, sah Frau Horlinger an und jauchzte plötzlich:

Ich kann laufen», richtig laufen wie jeder andere gesunde Mensch ist denn das kein Traum?" (Fortsetzung folgt)

Denken Sie an Stoffe/ denken Sie an L* Bernard

Gott dem Allmächtigen hat es gefallen, unsere herzensgute Mutter, Schwiegermutter. Gioßmutter und Urgroßmutter

Frau Katharine Väth, geb. Will

gestern abend */ill Uhr im 82. Lebensjahr zu sich zu rufen

Die trauernden Hinterbliebenen:

Wilhelm Wissig Witwe und Familie

Philipp Luh XII. und Familie

Philipp Albert Arnold und Familie Georg Väth und Familie Karl Väth und Familie

Leihgestern, Lang-Göns, Großen-Linden, Beuern, den 25. Januar 1933

Die Beerdigung findet Freitag, den 27. Januar, nachm./j3 Uhr statt

___________0-2 1

Unsre liebe Mutter, Schwiegermutter, Großmutter, Urgroßmutter und Schwester

Marie Weigel, geb. Jung

ist gestern nacht 150 Uhr nach langem Leiden im Alter von 83 Jahren sanft entschlafen.

Die trauernden Hinterbliebenen.

Klein-Linden. Frankfurts.M., Rodheim a. d. Bieber, den 25. Januar 1933.

Die Beerdigung findet Donnerstag, den 26. Januar, nachmittags um 3 Uhr, vom Trauerhause Wetzlarer Straße 49 aus statt.

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