Ausgabe 
24.2.1933 Erstes Blatt
 
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Ferngasversorgung der Stadt Gießen.

Der Stadtrat genehmigt den Anschluß unserer Stadt an das Gasversorgungsnetz von der Duhr. - Beratung wichtiger Mittelfiandsfragen.

® i e ß e n, 23. Febr. 1933.

Der Stadtrat trat heute nach mehrmonatiger Arbeitspause wieder zu einer Sitzung zusammen. Das Schwergewicht der Beratungen lag in der nichtöffentlichen Sitzung und hatte die endgültige Entscheidung über den Anschluß der Stadt Gießen an die Gasfernversorgung durch die Heloga zum Gegenstand. Das Haus stimmte der Versorgung unserer Stadt mit Ruhrgas aus Grund der mit der Hekoga vorbe­reiteten Verträge zu. Damit ist in unserer städti­schen Versorgungswirtschaft ein sehr bedeutsamer Wendepunkt eingetreten, durch den unsere Stadt ihre seit Jahren drückenden Gaswerkssorgen los­werden wird. Wir werden auf diesen Beschluß noch besonders zurückkommen.

3m Verlaufe der Sitzung trat zutage, daß lei­der die Finanzlage der Stadt unter dem andau­ernden Verfall der Wirtschaft auch in empfind­lichster Weise Rot leidet. Besonders zu beachten ist die Mitteilung, daß die Verwaltung für das Rechnungsjahr 1932 mit einem Fehlbetrag von rund 800 000 Mark rechnet, gegen­über 400 COO Mark im Vorjahre. Das ist eine an sich wenig erfreuliche Kunde, jedoch muß da­bei beachtet werden, daß dieses Minus nicht aus einem Verschulden der Stadtverwaltung oder der städtischen Körperschaften beruht, sondern durch die allgemeine wirtschaftliche Entwicklung entstanden ist. Wenn es bei diesem Defizit, das natürlich nicht leichtherzig anzusehen ist, überhaupt noch einen Trost gibt, so wäre es der, daß andere Städte von der Größe Gießens noch übler dran sind. Bei diesem Stand der Gemeindefinanzen sah sich der Stadtrat leider gezwungen, der Weiter­erhebung der Bier st euer und der G e - tränke st euer zuzustimmen.

Eine grundsätzliche Aussprache galt der Frage der Arbeitsbeschaffung und der Auftrags­erteilung derStadt andas Gießener tandwerk und Gewerbe. Mit erfreulicher ntschiedenheit, der man nur voll und ganz beipflichten kann, wurde der Standpunkt ver­treten, daß bei Aufträgen der Stadt in erster Linie nur beschränkt auf ganz wenige Aus-

nahmefälle, bei denen es sich um hier nicht ver­tretene Spezialfabrikationen handelt die Gie­ßener Betriebe und Werkstätten berücksichtigt werden sollen. Wir möchten hoffen und wünschen, daß nach dieser Richtung hin künftig Klagen nicht mehr zu führen sein werden. 3e kräftiger die Unterstützung unseres handwerklichen und gewerblichen Mittelstandes durch städtische Auf­tragserteilung sein wird, desto besser wird es auch um die Finanzwirtschaft unserer Stadt be­stellt sein.

Die Gasfernversorgung.

lieber das Ergebnis der gestrigen nichtöffentlichen Stadtratssitzung bei der Beratung der Gasfern­versorgung teilt die Stadtverwaltung mit:

Der Sladlrat Hal in feiner gestrigen Sitzung einem Vorvertrag mit der hessischen kommu­nalen Gasfernversorgung (hekoga) wegen G a s- lieserung aus der geplanten Gas- fernleilung von Siegen über Gießen-Bad- Rauhelm usw. z u g e st i m m t.

Sitzungsbericht.

Anwesend: Oberbürgermeister Dr. Keller, die Bürgermeister Dr. Seib und Dr. Hamm, Beigeordneter Iustizrat Dr. Rosenberg und 36 Stadtratsmitglieder. Der Zuhörerraum ist gut besucht.

Mandatswechsel.

Oberbürgermeister Dr. Keller widmet zu­nächst, während sich das Haus erhebt nur das kommunistische Stadtratsmitglied Storck bleibt sitzen, dem kürzlich verstorbenen Stadt- ratsmitgl^ed Rechtsanwalt Homberger einen ehrenden Rachruf, wobei er die Verdienste des Entschlafenen um die Stadt durch seine Mitwir­kung im Stadtrat, insbesondere aber in der Theaterdeputation hervorhebt.

Anschließend nimmt der Oberbürgermeister die Amtseinführung und Verpflichtung des Man­datsnachfolgers Theodor Rühl vor.

Mittelstandsfragen

Viersteuer und Gekrankesteuer.

Da sich der Fehlbetrag im städtischen Haushalt nicht vermindert, sondern sogar wesentlich erhöht hat, wird vom Finanzausschuß die Weitererhe­bung der Diersteuer und der Getränkesteuer über den 1. April hinaus beantragt. Gegen die Stim­men der Linken wird beschlossen, die Bier­steuer mit Wirkung vom 1. April 1933 ab nach folgenden Sätzen zu erheben: Cinfachbier mit 3,75 Mk., Schankbier mit 4,50 Mk., Dollbier mit 6 Mk., Starkbier mit 9 Mk. für je ein Hekto­liter, ferner die Gemeindegetränke­steuer auch über den 1. April 1933 hinaus mit 10 vom Hundert des Entgelts (Kleinhandels­preis) weiter zu erheben.

Senkung der Slraßenreinigungsgebühren.

Die Ausgaben für Sie Straßenreinigung sind gesunken. Daher wird auf Antrag der Stadtver­waltung beschlossen, die Gebühren für Reinigung der Straßen und Plätze in Gießen mit Wirkung vom 1. April 1933 ab von 28 Pf. auf 25 Pf. jährlich je Quadratmeter der zu reinigenden Fläche zu ermäßigen.

Senkung der Kanalgebühren.

Die gleichen Verhältnisse wie bei der Straßen­reinigung sind bei den Kanalgebühren vorhanden. Auf Antrag des Finanzausschusses beschließt das Haus, mit Wirkung vom 1. April 1933 ab die Kanalgebühren derart zu ermäßigen, daß der An­teil auf je 1000 Mk. des Brandversicherungswer­tes der Gebäude von 1 Mk. auf 80 Pf. herabge­setzt wird. Die Beschlußfassung über die Beibe­haltung von 1 Pf. für jeden Quadratmeter Flächeninhalts wird ausgesetzt. Die Stadtverwal­tung wird in Ausführung eines Antrages Goerz unb_ Gen. ersucht, nachzuprüfen, ob die Kanal­gebühren In die städtische Grundsteuer eingerech­net werden können.

Arbeitsvergebung für die Pestalozzlschule.

Der Bau-Ausschuß beantragt, die Lieferung von Slahltüren für die Pestalozzischule an die Firma Ostertagwerke in Aalen (Wttbg.) zum Preise von 1598 Mark und an die Gutehoffnungshütte A.-G. Oberhausen zum Preise von 1462 Mark, insgesamt also zu 3060 Mark, zu vergeben.

Der Antrag führt zu einer längeren grund­sätzlichen Aussprache über d i e Verge­bung von Arbeiten nach außerhalb.

Stadtratsmitglied Ni c o l a u s (Wirtsch. Dgg.) betont den grundsätzlichen Standpunkt seiner Frak­tion, daß alle Arbeiten nur an Gießener Handwer­ker und Firmen vergeben werden sollen, soweit es sich nicht um Spezialarbeiten handelt, die am Platze nicht hergestellt werden können. Im vorliegenden Falle könne anstatt der Stahltüren die Herstellung von Eichenholztüren treten und dadurch dem Gie­ßener Schreinerhandwerk Arbeitsmöglichkeit gebo­ten werden. Er beantragt, zur nochmaligen Prü­fung der Angelegenheit die Zurückverweisung der Vorlage an den Bau-Ausschuß, der zugleich ermäch­tigt werden soll, die Lieferung in Austrag zu geben.

Bürgermeister Dr. Hamm weist darauf hin, daß die Vorlage im Bau-Ausschuß einstimmig angenommen wurde, wobei der Bau-Ausschuß sich für Stahltüren entschieden und der Verwaltung die Vollmacht gegeben habe, die Arbeiten sofort zu vergeben.

Stadtratsmitglied Horn (Arbgem. d. Mitte) ver­tritt namens feiner Fraktion den gleichen Stand­punkt wie Herr Nicolaus und erklärt, daß es auch ihm und seiner Fraktion dringend erforderlich er- scheine, soweit wie möglich alle städtischen Aufträge in Gießen zu lassen. Im vorliegenden Falle habe I der Bau-Ausschuß bei seinem einstimmigen Beschluß I in keiner Weise beabsichtigt, dem Gießener Hand- I werk eine Arbeitsmöglichkeit zu entziehen. Der Red­

ner fragt die Verwaltung, ob der Auftrag schon ver­geben sei.

Stadtratsmitglied L o e b e r (Arbgem. d. Mitte) betont, daß es in Handwerkerkreisen viel böses Blut mache, wenn städtische Arbeiten nach auswärts ver­geben werden. Er bittet die Verwaltung dringend, damit Schluß zu machen und darauf bedacht zu fein, dem Handwerk soweit wie nur irgend möglich Aufträge zu geben, denn es sehe in unserem Gieße­ner Handwerk sehr traurig aus.

Nachdem Stadtratsmitglied Nicolaus den Standpunkt feiner Fraktion noch einmal unter­strichen und dabei die konstruktive Zweckmäßigkeit von Eichenholztüren hervorgehoben hat, teilt Bür­germeister Dr. Hamm nach Erkundigungen beim Bauamt mit, daß auf Grund des einstimmigen Be­schlusses des Bau-Ausschusses die Arbeit an die bei­den auswärtigen Firmen bereits vergeben ist.

Es entfpinnt sich nunmehr eine längere Aus­sprache über die Frage, ob es zweckmäßig ist, daß auf Grund von A u s s ch u ß b e schl ü s se n Arbeitsvergebungen erfolgen, bevor das Stadtratsplenum zu diesen Ausschußbeschlüssen Stellung genommen hat.

Sladtratsmitglied Ad. Schmidt (Wirtsch. Dgg.) bezeichnet eine derartige Vollmachtertei­lung durch einen Ausschuß als vollkommen falsch und fordert die vorherige Zustimmung des Stadt­ratsplenums bei Arbeitsvergebungen.

Bürgermeister Dr. Hamm macht darauf auf­merksam, daß dieser Standpunkt nicht immer durchführbar sein werde, weil oft Angelegenhei­ten eilig erledigt werden müßten und nicht bis zur nächsten Stadtratssitzung gewartet werden könne, es aber auch nicht möglich sei, den Stadt­rat innerhalb kurzer Zeit immer wieder einzube­rufen.

StadtratSmitglied Mann legt einen Antrag seiner Fraktion vor, muß dem in Zukunft die Aus'chüsse nur dann berechtigt sein sollen, der Verwaltung die Ermächtigung zur Ausführung von Beschlüssen zu erteilen, wenn diese Beschlüsse einstimmig gefaßt worden sind.

Oberbürgermeister Dr. Keller überweist die­sen Antrag dem Finanzausschuß zur Stellung­nahme.

Stadtratsmitglied L o e b e r (Arbgem. d. Mitte) erkennt an, daß man bei der Stadtverwaltung die schwere Rotlage des Handwerks richtig würdigt, und gibt der Hoffnung Ausdruck, daß dementspre­chend auch die Hilfeleistung durch Auftragsertei­lung nicht versäumt werde.

Stadtratsmitglied Lenz (Wirtsch. Vgg.) richtet ebenfalls die Bitte an die Verwaltung, in Zu­kunft soweit wie möglich Arbeitsgelegenheiten zu erschließen und die Aufträge in Gießen zu be- lafsen.

'Stadtratsmitglied Horn (Arbeitsgem. d. M.) unterstützt den Antrag Mann und teilt noch mit, der Bau-Ausschuß selbst habe es bedauert, daß im vorliegenden Falle der Auftrag nicht in Gie­ßen ausgeführt werden konnte.

Bei der Abstimmung wird der obenverzeichnete Antrag des Bau-Ausschusses angenommen.

Lehrwerkstätte der gewerblichen Berufsschule.

Der Finanzausschuß beantragt die Anschaf­fung einer Tischiereimaschine für die Lehrwerkstätte der gewerblichen Be­rufsschule und die Bewilligung von 1450 Mark zu diesem Zweck.

Dürgerme.^er Dr. Seib begründet die Vor­lage mit Rotwendigkeiten zur Ausbildung junger Leute, die bei ihrem Lehrmeister keine Gelegen­heit zur Ausbildung an solchen Maschinen hätten, oder als ungelernte Schüler die Schule be­suchen.

Stadtratsmitglieder Lenz und R i c o l a u s (Wirtsch. Vgg.) widersprechen der Vorlage und betonen, daß diese Auffassung aus sachlichen und auch aus Unterrichtsgründen nicht erforder­lich sei, da die jungen Leute vor allem in ihren Handfertigleitsleistungen geschult werden müß­ten und nach den gesetzlichen Unfallverhütungs­vorschriften auch die Maschine nicht selbst bedie­nen dürften. Beide Redner lehnen die Vor­lage ab.

Die Stadtratsmitglieder Fischer und Goerz (Arbeitsgem. d. Mitte) treten für die Vorlage ein und führen dabei als Begründung die drin­

gende Rotwendigkeit einer umfassenden gewerbe­schulmäßigen Ausbildung der jungen Leute an, außerdem weisen sie darauf hin, daß mit dieser Maschine keine Arbeiten hergestellt werden sollen, durch die dem Handwerk Konkurrenz gemacht werde.

Stadtratsmitglied L o e b e r regt an, doch die Maschinen, die beim Verkauf des Gewerbehauses an die Stadt in den Keller gebracht wurden und dort noch vorhanden seien, wieder in Benutzung zu nehmen, soweit sie zu verwenden wären.

Rach weiterer kurzer Aussprache wird die Vorlage mit Mehrheit angenommen; Herr Loe - ber enthält sich der Stimme.

Rachlragskredik

von 150 000 Mark für das Wohlfahrtsamt.

Der Finanzausschuß beantragt die Bewilligung eines Rachtragslredits von 150 000 Mk. für das Rechnungsjahr 1932 für die Unterstützungs- empfänger des Wohlfahrtsamtes.

Bürgermeister Dr. Seib macht darauf auf­merksam, daß die Zahl der'iUnterstützungsempfän-- ger sich wesentlich erhöht hat und der finanzielle Mehraufwand sich eigentlich auf 210 000 Mk. beläuft. Es sollen jedoch 60 000 Mk. aus dem Reservefonds entnommen werden, so daß der Rachtragskredit sich auf 150 OOO Mk. beläuft.

Stadtratsmitglied Mann (SPD.) teilt mit, daß seine Fraktion besondere Hilfsanträge im Finanz­ausschuß vorgetracht habe, die jedoch angesichts der Finanzlage abgelehnt worden seien.

Stadtratsmitglied Horn (Arbgem. d. Mitte) be­merkt, der Oberbürgermeister habe im Finanzaus­schuß schon die Mitteilung gemacht, daß beim Ab­schluß des Haushalts für 1932 ein größerer Fehl­betrag als im Vorjahre oorliegen werde.

Ls fei mit einem Fehlbetrag von 800 000 Mark anstatt 400 000 Mark im Vorjahre zu rechnen.

Die Steuereingänge ließen immer mehr nach, eine Besserung der Wirtschaftslage habe sich bisher noch nicht gezeigt. Daß unter diesen Umständen leider nicht mehr getan werden könne, als bisher geschehen ei, werde von den bürgerlichen Fraktionen eben- alle sehr bedauert. Man müsse aber auch beachten, baß durch die Gießener Wmternothilfe von der Bürgerschaft und insbesondere von der Geschäfts­welt sehr viel getan werde, um die Notlage der hilfsbedürftigen Familien au lindern. Gegenüber unberechtigten kommunistischen Vorwürfen sei je- denfalls festzustellen, daß sowohl die Stadt als solche, wie auch die Bürgerschaft ihre Pflicht und Schuldigkeit zur Hilfeleistung für die notleidenden Familien bisher immer in vollem Ausmaß getan hätten. Zu begrüßen fei, daß jetzt endlich in der Regierung der Gesichtspunkt der Wiederbelebung der Wirtschaft stärker aks bisher zutage trete.

Stadtratsmitglied Ad. Schmidt (Wirtsch. Dgg.) bezeichnet die aus finanziellen Gründen nicht er- fällbaren sozialdemokratischen Vorschläge als Agi­tationsanträge und hebt hervor, daß zu den bis­herigen Unterstützungssätzen des Wohlfahrtsamts doch auch noch Mietzuschüffe und erforderlichenfalls andere Beihilfen gewährt würden. Der Redner macht weiter darauf aufmerksam, daß die Steuer­eingänge bei der Stadt in den letzten Dreiviertel­jahren sich auf insgesamt 1519 247 Mark beliefen. Davon seien ganz allein aus Steuern des Haus­und Grundbesitzes und des Gewerbes 1025 000 Mark, die die einseitige Belastung einer kleinen Bürgerschicht darstellen. Der Restbetrag fetze sich aus Ueberweisungssteuern des Reiches, Bürger- gerfteuer, Getränkesteuer usw. zusammen, wobei aber auch hier die Haus- und Grundbesi^er und Gewerbetreibenden ebenfalls als Mitträger der Last in Betracht kämen. Jedenfalls sei festzustellen, daß der Haus- und Grundbesitz und das Gewerbe ihrer Steuerpflicht trotz der überaus schwierigen Wirtschaftslage in vollem Umfange entsprochen hätten und Vorwürfe gegen diese Kreise der Steuer­zahler absolut unbegründet seien.

Stadtratsmitglied Mann (SPD.) weist auf die starke Steigerung des Elends in den brei­testen Schichten der Bürgerschaft hin, erkennt aber auch bestimmt an, daß der selbständige Mittel­stand in sehr erheblichem Maße in das gesteigerte Elend hineingezogen worden ist. Als Beweis dafür erwähnt er, daß im Jahre 1923 von den Gießener Daugeschäften rund 91200 Mark an Krankenkassenbeiträgen an die Gießener Orts­krankenkasse abgeführt wurden, im 3ahre 1932 aber nur noch 6000 Mark; aus diesen beiden Zahlen gehe das ungeheure Ausmaß des Wirt­schaftsrückganges klar hervor. Der Redner übt ferner scharfe Kritik an der vom Deich befolgten I Taktik der Abwälzung aller Lasten auf die Ge- I meinden.

v-Zug Brüssel Berlin.

Don Manfred Georg.

»Erzählen Sie doch keine Räubergeschichtenl", wehrte das junge Mädchen, das die Fülle ihres schwarzen Haares kaum tragen konnte, unwillig ab. Sie faß auf Platz 27 des Dritter-Klasse- Waaens Rümmer 9 im v-Zug BrüsselKöln- Berlin.

Der junge Mann ihr gegenüber lehnte sich ver­legen aus seinen Sitz zurück.

»Warum eigentlich nicht?" fragte er und ver­suchte gleichgültig auszusehen.

»Weil Ihre Räubergeschichten genau so erlogen sind wie die in den Büchern. Sie wollen nur dazu verlocken, an Unwahrscheinliches zu glauben und damit vom Sachlichen, Realen, Tageswichtigen ab- zulenken. Sie lügen, weil sie mir durchaus den Flirt mit Ihnen interessant machen wollen, und in den Büchern hier wird gelogen, um den Lesern das Bewußtsein zu rauben, daß sie der linke Schuh drückt oder daß die Sitzung, zu der sie morgen müssen, die unangenehmste ihres Lebens sein wird."

Mit diesen Worten schob das Mädchen einen Stapel buntrodiger Bände verächtlich auf der Holzbank beiseite.

Aber ich will gar nicht mit Ihnen flirten. Dazu bin ich bereits viel zu verliebt. Rach die- fern Geständnis muß ich freilich, damit Sie das Abteil nicht verlassen, zur Sachlichkeit zurückleh- ren. Wo sind wir? Hinter Lüttich schon? Dann möchte ich Sie um etwas bitten. Könnten Sie nicht diese beiden wundervollen Spitzenarbeiten, für die ich nur ungern Zoll bezahlen würde, an fick nehmen? Vielleicht heften Sie sie auf eines Ihrer Kleider? Frauen sind so erfinderisch in solchen Sachen."

Sie erhob sich, murmelte nur überrascht e was von einer Frechheit, die immerhin mindestens so groß sein müsse wie das Vertrauen und ordnete die Spitzen in ihrem Koffer so vollendet, daß er seine Erwartungen übertroffen sah.

Es wurde dunkel. Der Zug jagte der Grenze zu. Laternenschein von draußen begann das Grau

des Abteils mit gelblichen Farben aufzumischen. Er lehnte den Kopf zurück:

Was haben Sie eigentlich gegen Räuber­geschichten?" Meinen Sie, einer, der s e so schreibt, daß sie Bild und Form annehmen, hat sie nicht auch erlebt? Ahnen Sie, junges Kind bitte gittern Sie nicht, das ist kein Kompliment, aber ich spüre, weich' sensationelles Debüt in ihrem Leben diese erste Fahrt ist ahnen Sie, welche Räubergeschichte jenseits aller Räubergeschichten das einfache, nackte, unliterarische Leben ist? Man braucht nur einen Fetzen herunterzureißen, ein bissel auszubreiten und rund herum zu beschneiden, und man hat ein Erlebnis, toll, wild, amüsant und unwahrscheinlich wie das Leben. Manche schämen sich davor, walzen das Wunderbare aus zu Freskogemälden der Langeweile oder züchten sie zu gläsern unfruchtbaren Gebilden der Künst­lichkeit, genau wie die Menschen es mit den Er­eignissen ihres Daseins tun. Ich aber liebe die kurze Geschichte vom räuberischen Leben, die noch vom Blut des Geschehens tropft, ohne Anfang ist und ohne Ende, Und vor allem ohne Begrün­dung! Wie das Klopfen meines Herzens vor Ihnen."

Zollbeamte rissen die Tür auf. Bahnhof Her­besthal. Die Revision verlief glatt. Der Haar- busch des Mädchens siegte über die belgische und deutsche Korrektheit. Man konnte dann noch den Steig dieses unglücklichen Bahnhofes entlang- gehen, dessen Zerschießung einen Krieg eingeleitet gatte. Sie verspürte Durst und kaufte sich eine rötlich glänzende Limonade. Dann durfte er ihren 2Irm nehmen. Es ergab sich, daß sie beide einen kurzen Aufenthalt in Köln hatten.

Sie gingen dort durch das leuchtende Gewühl, sehr vertraut, wie zwei Geschwister. Das Ge­wimmel der Hohen Straße, die Schatten des Domes, die feurige Helle der Gassen, es war wie ein Spuk, und das Traumhafte des Abends verführte ihn zu der Bitte, die gemeinsame fer­nere Reise zu längeren Gesprächen in einem neu SU mietenden Abteil erster Klasse vorzuschlagen. Rur dort würden sie Ruhe haben, zu einem Er­gebnis zu kommen. Sie willigte ein.

Dann schlug es Mitternacht: die Stunde der Weitersahrt. Die Flammen der Hochöfen drangen nur als gedämpfter Lichtschein durch die fest zu- gezogenen Fenstervorhänge des Abteils. Biswe- len gelang es dem zwar wohlwollenden, aber doch immerhin neugierigen Schaffner durch die Schei­bengardinen am Gang zu blicken. Er sah ein jun­ges Mädchen schlafend lang ausgestreckt auf der einen Polsterbank liegen, und ihr gegenüber faß ein junger Mann, der sie mit einem Gemisch von Zärtlichkeit und Melancholie betrachtete. In Essen strich er ihr leise über die Stirn. In Hannover bewegte sie sich dabei und flüsterte: Ich danke Ihnen. Sie sind sehr gut zu mir. In Stendal begann sie mit weichem und entzücktem Gesicht zu erwachen. In Spandau machten sich beide fer­tig, wobei er der langsamere und unbeßolfenere Teil war, da er kein Auge zugetan hatte.

Als sie in Berlin einsuhren, bat sie ihn, nicht mit ihr zusammen auszusteigen. Er faß sie ver­blüfft an und konnte sich nicht entßalten, ein wenig gekränkt zu bemerken:Aber es ist doch gar nichts . . ."

. . geschehen!" ergänzte sie lachend. Dann bot sie ihm unvermittelt die Wange zum Kuß. Ja, ja, wie sagten Sie doch. Eine Geschichte ohne Anfang und ohne Ende. Lind vor allem ohne Be­gründung. Aber wenn ich sie jemanden, der mich aus der Station erwartet, in ihrer ganzen Un­schuld mitteilen würde, er würde mir nur un­willig antworten:

Erzähl' mir doch keine Räubergeschichten!"

Kunst und Wissenschaft.

Das Weltreich der Laesaren."

Im Phaidon-Verlag, Wien, erscheint in Kurze ein neuer Band des Mommsen-Werkes unter dem Titel Das Weltreich der Caefaren" in der gleichen Aus- stattung und zu demselben Preis von 4,80 Mark wie dieRömische Geschichte".Das Weltreich der Cae­faren" bringt in der Hauptsache den Text des sog. 5. Bandes der Römischen Geschichte. Dieser Band ist keine Fortsetzung der Römischen Geschichte sondern eine Kulturgeschichte der gesamten zur Zeit oes römi­

schen Imperiums bekannten Welt.Das Weltreich der Caefaren" bringt außerdem noch sämtliche Ka­pitel aus der Römischen Geschichte, die von Kultur, Kunst, Religion, Sitten und Literatur handeln.

Der Intendant des mecklcnburg-schwerinschen Staatstheaters beurlaubt.

Der Intendant des mecklenburg-schwerinschen Staatstheaters, F e l s i n g , ist von der mecklenburgi­schen Staatsregierung beurlaubt worden. Fel- sing soll mit Schluß der Spielzeit in den einstweiliaen Ruhestand versetzt werden. Mit der kommissarischen Vertretung ist der Generalmusikdirektor Dr. N o b b e beauftragt worden.

Zeitschriften.

In der neuesten Rümmer der 3Hu ft rit­ten Zeitung (I. I. Weber, Leipzig- wird die vielseitige, aufopfernde Tätigkeit des Arztes in der Geschichte aller Zeiten und Staaten geschil­dert. Die Entwicklung der medizinischen Wissen­schaft von den Priesterärzten am Ril und Eu­phrat, über Hippokrales, den Begründer der grie­chischen Medizin, über die Perser Aerzte, die Medizin des Mittelalters bis zu den Höchstlei­stungen der neuen Zeit wird in zwei reich bebil­derten Aussätzen ausgezeichnet: den Abschluß zu dem historischen Ueberbltd von Geheimrat Dr. Sudhosf (Aus der Entwicklung ärztlichen Wis­sens") bildet Dr. Paul Diepgens BeitragDie Entwicklung der Medizin in den letzten hundert Jahren", der die medizinischen Großtaten deS 19. und 20. Jahrhunderts vor Augen führt. Von den Märtyrern der ärztlichen Wissenschaft", deren Ramen in ehernen Lettern in die Bücher der Kul­turgeschichte eingetragen werden sollten, spricht Dr. G. Zehden. Die Stellung des Arztes zum Publikum erörtern Dr. Hellmuth Unger in feinem ArtikelArzt und Patient" und Dr. Walder in dem AufsatzArzt und Kurpfuscher", in dem gegen das unheilbringende Kurpfuschertum Front ge­macht wird. Wie die ärztliche Tätigkeit im Kunstschaffen der alten und der neuen Zeit ihren Riederschlag fand, zeigen zahlreiche Gemälde und Zeichnungen alter und moderner Meister.