Ein Lied vom Glück.
Vornan von Anny von panhuys.
29. Fortsetzung Nachdruck verboten!
Zehn Minuten später saß sie in einem einfachen, sauberen Zimmer, hatte eine Tasse gewärmten Kaffee vor sich, und die 'Alte lächelte mütterlich lieb: »Hetzt erzählen Sie, Kind!" Und Olga erzählte
Nachdem sie geendet, legte ihr die Alte die Hand auf die Schulter.
„Und darum wollten Sie sterben um so ein Nichts? Reisen Sie fort! Sorgen Sie dafür, daß Sie den Mann nicht mehr sehen. Männer, wie chn, vergißt man bald, glaube ich."
Olga schüttelte den Kopf.
„Nein, Männer, wie ihn, veraißt man niemals!
„Kann sein, Kind, ich weiß das nicht bestimmt, ober Sie dürfen sich nicht zum Tode verurteilen, weil er ein Bruder Leichtsinn ist, der die Frauen nicht achtet, die ihn zu sehr verwohnt haben. Es gelang mir schon ein paarmal, Mädchen und Frauen, auch ein paar Männer, vom letzten Schritt zuruckzuhal- ten. Man nennt mich deshalb hier in der Gegend .Die Lebensretterin'. Glauben Sie mir, ich höre den Spitznamen sehr gern."
Olga fragte leise: „Aber warum tun Sie das? Warum? Sie werden nicht einmal immer Danr ernten!" , . . „
Die Frau mit dem grauen Scheitel und den klaren blauen Augen nickte: „Nein, Dank ernte ich nicht immer, sogar sehr selten: aber darauf kommt es auch nicht an." Ihre Stimme war jetzt wie umflort. „Meine Tochter war zwanzig Jahre, als sie sich im Wasser das Leben nahm, mein Sohn tat mit Drei, undzwanzig dasselbe. Ich habe beiden nicht helfen können. Sie liefen mit ihrem Leid, das ich nicht kannte, neben mir her und liefen mit ihrem Leid von mir fort ins Wasser hinein. Mir ist s, als hatte ich etwas gut zu machen, weil ich nicht genug acht auf die beiden gegeben habe. An Fremden versuche ich dies gutmachen."
Olga war erschüttört von dem kargen Bekenntnis der alten Frau, warum sie eine so sonderbare Lebensretterin geworden war. Ihr eigener Kummer schien ihr mit einem Male nicht mehr so duster, das Wasser lockte nicht mehr.
Sie trank ihren inzwischen kalt gewordenen Kaffee aus und stand dann langsam auf.
„Ich danke Ihnen von Herzen. Sie brauchen meinetwegen nichts mehr zu fürchten, ich mache keine Dummheit."
Sie drückte Innig die Hand der Frau und draußen winkte sie ein gerade leer oorüberfahendes Auto herbei. Erst als es *i)r dem Spezialitätentheater hielt, fiel ihr zu spät ein: sie wußte weder Namen noch Adresse der Frau, die sie am Sterben gehindert hatte. Nicht einmal ein paar Blumen konnte sie ihr schicken, ehe sie selbst morgen abreifte. 1
€te ging In den Saal, nahm ihren Platz rin. Nach einmal, jum allerletzten Male, wallte sie Nomon Vega sehen und Horen, -sie kam gerade Zurech., eben war die Nummer der vier ^senttnier an der Reihe. Da standen sie schon auf der Subne, begrubt von lebhaftem Applaus, eie dankten und fetzten sich.
Olga war, als fiebere sie vor Haß. Der ®°nn oben der schlanke Mann mit ben nadjlDuntten 21 ugen und dem glänzenden, tief gewellten Haar, der Mann mit der 'Bronzehaut und den blitzenden Zah- ^n worein Schuft. Ins Gesicht schlogenmußteie ihn hier vor allen Leuten: ihn lächerlich machen müßte sie, damit er wie am Pranger stand.
Sie dachte an ihr Sterbenwollen und dachte an die alte Frau, die sie zurückgehatten hatte. Sie Mete die Hände im Schoß und nahm sich vor, ruhig zu bleiben. Morgen reifte fie ja ab, morgen war Ra- man Sega aus ihrem Leben ausgestrichen.
Die vier auf der Bühne setzten sich, und, die Gitarren in die richtige Lage drückend, fangen sie ein gemeinsames Lied. Einen Tanga van verlorener 'Dann rückte Ramon Sega seinen Stuhl ein wenig vor. Die Gitarren begannen in schleppendem Tempo eine verworrene Begleitung, und dahinein lang Ramon Sega. Seine Stimme war em wenig rauy, doch er wußte sie meisterhaft zu benutzen Ab und zu wurde sein Gesang zum Sprechen, fast zum 92üiernrafenb klatschte man ihm Beifall und er fang noch einen Tango, einen rhythmisch scharf betonten, klangschönen Tanga: seine Stimme lachte und weinte.
Olga saß ganz still und wartete, bis Marlene an der Reihe war, zu singen. Wie immer hatte auch sie großen Beifall, und es war wohl niemand im Saal der ihre argentinische Herkunft angezweifelt hätte.
Nach der Nummer ging Olga in die Garderobe. Sie wußte, jetzt mußte sich Ramon Sega erst ab- schminken und umziehen. Wenn sie Marlene schnell behilflich war, konnten fie beide schnell fortkommen, und die Gefahr, Ramon Bega noch einmal begegnen zu müssen, konnte wahrscheinlich vermieden werden.
Und sie wurde vermieden! Kein Wort erzählte Olga der Freundin von ihrem Erlebnis mit Ramon Bega; aber sie blieb dabei, schon morgen abzureisen, wozu ja Marlene selbst ihr geraten hatte.
Am nächsten Bormittag zu ziemlich früher Stunde, stand sie mit ihrem Köfferchen am Bahnhof. Marlene hatte sie begleitet. Alles war zwischen den Freundinnen gründlich besprochen worden. Olga reifte zunächst zu Marlenes Baker, der sie gern aufnahm, bis fie, was ja Zeit hatte, eine paffende Stellung gefunden haben würde. Marlene umarmte die Freundin zärtlich.
„Auf Wiedersehen, Olga! Im nächsten Sommer machen wir ein paar Wochen Ferien, meinte Senor
Bega, bann sehen mir uns hoffentlich wieder! Grüße den Bater herzlich, und bleibe mir gut!"
Dann stieg Olga ein, und der Zug fuhr an. Ein Winken, ein paar flatternde Tüchlein, und die Trennung war da.
Olga sank traurig auf ihren Platz nieder. Sie hatte sich nicht von Ramon Bega verabschiedet, auch nicht von seinen beiden Kollegen. Marlene sollte sagen, fie habe eine Depesche erhalten, deren Inhalt ihre sofortige Abreise notig gemacht habe.
Jetzt aber hätte fie wer weiß was dafür gegeben, wenn ihre Hand noch einmal in Der des Mannes gelegen den sie zu hassen glaubte und Den sie Doch liebte. Trotz allem liebte, üoer alles!
*
Es herdstrite Marlene hatte inzwischen viel erlebt Sie war schon viel herumgekommen in Den wenigen Monaten, seit sie zu Den Argentiniern gehörte, unD hielt gute KameraDschaft mit Den Dreien, Die keiner Der Männer zu durchbrechen versuchte. So standen sich alle vier gut und durchreisten Die Wllt.
Jetzt war man in Paris, rourDe allabenDlid) bejubelt, unD Marlene nutzte Die Gelegenheit ihres Hierseins, Die Stadt kennenzulernen, aus. Dank ihrer Sprachkenntnisse brauchte sie Dabei keine be- sonDeren Schwierigkeiten zu fürchten.
So roanDerte fie auch eines Nachmittags Durch Die Gäßchen, Die Den Montmartre wie ein Netz über- Ziehen, und blieb zuweilen vor einem Der vielen Läden stehen. Die Allhändlergeschäfte interessierten sie besonders. Was für ein Durcheinander von Seit- famfeiten gab es in den Schaufenfterchen manch-
Sie hatte eben ein ganz originelles Lädchen entdeckt, und es bereitete ihr Vergnügen, die Augen durch das Gewirr Der verschieDenartigsten Dinge spazieren zu lassen, Die im Fenster aufgestapelt waren. Da gab es alte Tabakspfeifen aus Meerschaum unD Bernstein, Da gab es alte Meßgewänder, ein Portemonnaie mit einer großen goIDenen ftrone und Fächer mit verblaßter Malerei. Schmuck- truhen aus alten Tagen und Kissen mit Wappen. Alte Stiche und Bücher, ein paar Helme und blinkende Waffen. Da Drängten sich auch ein paar Albums mit Elfenbeineinfassung zusammen unD auf schmuddeligem Samt verschiedene Schmuckstücke.
Marlene stutzte. Sonderbar war das! Auf dem Samt, ganz nahe, nur durch eine Dünne Scheibe von ihr getrennt, lag ein vierblättriges Kleeblatt an Dünner Goldkette. Kleine grüne Steine deckten die Fläche Des Kleeblattes, und Marlene mußte immer- ZU auf das Anhängerchen Hinsehen, Denn sie kannte es ja aus ihrem Traum, Den sie in Der ersten Nacht im Schlosse von Mattstem geträumt hatte.
Eigentümlich war es. Daß sie Das Kleeblatt hier fanD. Sie war keiner Ueberlegung fähig und betrat den Laden.
Ein alter Herr fragte nach ihren Wünschen.
Sie erkundigt« sich nach dem Preis des Schmuck- stücks.
Er lächelte.
„Eine Köstlichkeit ist Das Kleeblatt", lobte er „ich könnte es Ihnen aber billig überlassen, ich habe Das Stück nämlich schon lange liegen. Es ist nur etwas für erlesenen Geschmack. Ich kaufte es in besseren Zeiten unD gäbe es Ihnen für hundert Frank."
Marlene überlegte: nach der Umrechnung in deutsche Währung schien der Preis nicht hoch. Sie begehrte das Schmuckstück zu sehen, konnte kaum abwarten, bis sie es in den Händen hielt. Die Borber- feite des Schmuckstückes hatte fie ja schon von draußen gesehen, von Der Straße aus, nun wollte fie Die Rückseite betrachten, sich überzeugen, ob man aus Dieser Beschaffenheit Den Schluß ziehen Durfte: es sei vielleicht einmal auf einem anDeren Gegen- ftanD befestigt gewesen.
Sie Dachte mit leichtem Frösteln an den Dolch.
Nach verschiedenen vergeblichen Bersuchen hatte der alte Herr endlich das Kleeblatt aus Dem Fenster geangelt, unD Marlenes Finger schlossen sich um Das leicht verstaubte Ding. Sie hielt es Dicht vor Die Augen, Drehte es langsam, fast zögernD um und mußte sich Mühe geben, Haltung zu bewahren. Denn Der Rückseite sah man Deutlich an, es war wirklich einmal an einem anDeren Gegenstand) befestigt gewesen. Marlene hatte jetzt Die volle Gewißheit; sie hielt Das Kleeblatt in HänDen, bas auf bcm Dolch gesessen, ben sie unter bcn Büchern in berBibliothek von Maltstein gefunben hatte.
Sic war sofort entschlossen, das Kleeblatt zu kaufen, fragte aber:
„Können Sie mir nicht erzählen, woher der An- Hänger stammt? Die Herkunft bcs Schmuckes, ben ich trage, interessiert mich natürlich"
„Da ist nicht viel zu erzählen, Madame. Der Anhänger stammt von einem Zirkuskünstler, einem gewissen Brussak, der hier vor acht Jahren im Zirkus auftrat, wo ich ihn auch sah. Er konnte was; aber mit dem Geld kam er anscheinend nicht recht aus. Ein blonder Kerl war er, von Nationalität Deutscher oder Oesterreicher. Er trug den Anhänger an der Uhrkette, und als er einmal hier bei mir vorbeikam, fragte er mich, wieviel ich ihm für das Kleeblatt gäbe. Er ließ es gleich hier, und ich zog ein Kettchen durch die Oese, weil es mir so leichter verkäuflich schien."
Marlene besaß Gelb genug, den Anhänger bezahlen zu können; sie verdiente ja jetzt genügend. Mit dem sorgfältig verpackten Schmuckstück in ihrem Handtäschchen verließ sie den Laden und eilte zurück in ihre Pension. Sic riegelte sich in ihrem Zimmer ein, wollte ihren Kauf in aller Ruhe betrachten.
Eine volle Stunde brachte sie damit zu; aber es gab dann für sie auch keinen Zweifel mehr, die leere Stelle des Dolches mußte gerade von dem Kleeblatt ausgefüllt werden. Sie durfte sich da auf ihr Gedächtnis verlassen. Wie auf ein Papier auf- gezeichnet, sah sie die betreffende Stelle auf dem Dolchgriff vor sich.
(Fortsetzung folgt.)
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Im Namen der Hinterbliebenem
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Nach langem, schwerem Leiden, mit Seduld und großer Ergebung getragen, ist heute nacht meine geliebte Frau, unsere liebe Mutter, Oroßmutter und Schwester
Es ist bei bcm Kreisamt Alsfeld Antrag auf Errichtung einer Pflichtinnung — Zwangsinnung — für das Maurer- und Weißbinderhandwerk im Kreise Alsfeld
Unsere liebe Mutter, Schwiegermutter und Oroßmutter
Frau Karoline Thiemer, geb. Nagel
Ist heute nacht im 87. Lebensjahr verschieden.
Für die trauernden Hinterbliebenem
Hans Thiemer und Familie
Die Trauerfeier findet Samstag, den 21. Oktober, vormittags 10 Uhr, auf dem Neuen Friedhof statt.
AmisverkiindiguiWn aus Den oberhessischen Kreisen.
Mrri« Alsfeld.
E» ist bei bcm Kreisamt Alsselb Antrag auf Errichtung einer Pslichtinnung — Zwangsinnung — für bas Wagnerhanb- werk im Kreise Alsselb gestellt worben
Zur Ermittlung ber Mehrheit der beteiligten Handwerker bestellt bas Kreisamt Herrn Syndikus Röhr von ber Handwerkskammernebenstelle Gießen als Kommissar
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