Ausgabe 
20.5.1933 Erstes Blatt
 
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fir. Drittes Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gderheffen)

Samstag, 20. Mai 1955

Wandem und weisen Bäder und Sommerfrischen.

Würzburg.

Don Rudolf G. Binding.

Nirgends langweilig zu sein weder vor sich noch vor den Fremden, weder im Anblick noch im Wesen: das ist das Merkmal, ist Eigentum und Eigenschaft von Würzburg vor anderen Städten. Es lockt und fesselt. Es lockt und fesselt auch den immer wieder, der es kennt. Es lockt nicht mit Veranstaltungen und besonderen Sehenswürdigkeiten obgleich es deren genug und in Fülle besitzt sondern schon als Stadt. Es fesselt nicht nur mit seinem Bilde, sondern auch mit seinem Wesen. Manche schöne Städte gibt cs, deren Schönheit öde ist oder öde geworden ift: wie vergangen, todgeweiht, weh­mütig und. verfallestd. Hier ist nichts von dem. Diese Stadt lebt und lockt. 3hr Blut ist nicht kalt geworden und ihre Steine sind warm. Selbst der Riesenbau der Residenz, ein Flügelbau über allen Flügeln und ein Frontbau über allen Fronten, Balthasar Reumanns köstlichste Tat, deren schimmernde Säle und üppige Pracht jetzt leer stehen, ist zu eingebo.ren, dem Leben dieser Stadt zu eingesenkt, ist zu krastvoll, zu jung, um vergangen zu sein.

Die unzähligen Fenster nebeneinander zu sehen jedes gleich und jedes schön ohne Er­müdung über dem breitesten Grundriß, in wun­derbaren Abständen und Verhältnissen, wie eine Selbstverständlichkeit: das ist zu kühn, zu grob gedacht, zu froh und zu stark, um zu sterben. Die Treppen bewahren ihren Schwung, ihre Macht und ihr Schweben, selbst wenn keine Dischofsschleppe über die breiten niedrigen Stu­fen schleift Der Hofgarten, dieschönste An­lage Deutschlands", mit seinen verwegenen, lust­vollen, schmiedeeisernen Torflügeln, mit den stei­nernen Kindergruppen, den liebenden Kämpfen von Kindern und kindlichen Frauen: das alles ist näher, wahrer, stärker, belebter, volkseigener und volkstümlicher als anderswo.

Unö im übrigen erst recht: die vielen Türme dieser Stadt. Taster und Empfänger mensch­licher frommer Sehnsucht, sie ragen nicht über erkaltenden Kirchen in ihren Himmel; die lang­gestreckten Bauten, frühe eigenen und großen Gcmeinsinns, immer mit praktischem, tätigem, genießendem und schaffendem Leben verbunden, die Bürger- und 3uliusspitäler mit der schönen Unterwelt und ihrer Weinkeller und Zechstuben, aus denen sich mancher nur schwankend wieder ins Reich der Sonne emporhebt, alle die viel- räumigen Darockpaläste und -Häuser, sie dienen der Art der Bewohner dieser Stadt fröhlich und wohlgemut von altersher. Sie dienen ihr weiter und entsprechen ihr.

Der Himmel, in den jene vielen Türme Würz­burgs ragen, wird von einem geräumigen, mäßig hohen Rund von Bergen gestützt von einem Kranz. Würzburg hat seinen eigenen Himmel. Einen der Berge, der hervorragt, hat die Stadt dicht an ihrer Seite und die Zitadelle liegt auf ihm. Der Berg beschützt die Stadt, und da er es mit seinen Befestigungen nicht mehr vermag, beschützt er sie landschaftlich.

Man sicht den Fluß von weither zwischen seinen Bergen aus Süden in das geräumige Rund ein­treten, und da er es durchfließt, durchfließt er die Stadt. Auch er begibt sich in den Schutz des Zestungsberges. Aber er gehört der Stadt mit beiden Ufern, mit vielen Fischen und schiff­barer, eifriger Strömung, mit der er sich an sanfteren Hügeln hin wie nach einem be­sonderen Dienst in westlicher Richtung entfernt und dem Auge entzieht.

Der Kranz aber ist ein Rebenkranz. Er um- kränzt die Stadt. Würzige Trauben mit etwas schwermütigem Saft und gesunder unverhohlener Kraft verbergen sich unter dem Laubgewinde. Man könnte versucht sein, zu sagen, daß der Wein dieser Gegend von allen deutschen Weinen der deutscheste ist; deutscher als selbst der Rhein­wein: einfacher, innerlicher, von sich selbst durch­drungen, nicht ganz leicht zu begreifen. Er ist vielleicht von geringerer Eleganz als die west­lichen der flüchtige Mosel- und der Der- führerische Rheinwein aber von echtestem Blut- und Artbewuhtsein, von keiner Ueber-

schwenglichkeit und von keinem fremden Wind­stoß bewegt.

Hier ist fränkisches Land das Land maß­voller eingeborener Schönheit, sowohl im Land­schaftlichen als in den Städten und in der Kunst: hier ist deutsche Schönheit. Wenn man auf der alten Mainbrücke steht und dem Fluh nachgeht in Gedanken, an den kleinen geschlossenen Städten vorüber. Haßfurt, Ochsenfurt, Gmünd. Miltenberg, Wertheim. Aschaffenburg bis nach Frankfurt, wo das Fränkische endet und dem Rheinischen. Westlichen sich zuneigt, fühlt man fast körperlich, wie sehr man unter dem Himmel Würzburgs in einer Mitte steht. 3n großen, sanften, ausladenden Windungen, nicht reihend, nicht übereilt, nicht gewaltsam, still und doch froh geht der Fluh dahin, und hier meint man glänzt er am Abend am innigsten und tiefsten, am ungetrübtesten gemeinsam mit der Stadt im Kranz des weiten fruchtbaren Reben- geländcs.

Die Stadt des Rokoko nennt man die Stadt. Aber es ist nicht das Rokoko anderer Städte. Es ist großartiger, sozusagen gediegener und

deutscher geblieben als anderswo; es blieb dort von der Pracht und der Wacht des Barocks überschattet, das sich maßvoll verhielt, sich nicht verstieg wie in südlichen Ländern, das sein Blut aus eigenem Blut des Landes und der Menschen nahm.

Dieses Blut der Menschen ist warm, froh und fromm. Es ist es noch immer. Es kann es ewig bleiben. Und alles in gutem Sinn Hier ist Frömmigkeit sinnlich geworden und Sinnlichkeit fromm. Diese irdischen Madonnen Riemen» s ch n e i d e r s. in höchster greifbarer handwerk­licher Kunst in den Kirchen wahrnehmbar, selig und freundlich zugleich sie grüßen dich aus tausend Gesichtern. Sie blicken dich, im Stein ein wenig lebloser, von hundert Straßenecken als die atmenden Geister dieser Stadt an, die den Fremden gerne zu sich kommen lassen. Und es regt sich wieder wie von selbst ein frühes Gedicht in mir. das sie mir abforderten, als ich sie das erstemal sah und verstand sah und verstand als den Ausdruck dieser Stadt: die Würzburger Marien-

Zweitägige Wanderung in das obere Lahniai.

1- lag:

Laasphe Schloß Wittgenstein Jlsetal Lahnhof.

Ueberaus lohnend ist eine Wanderfahrt an die Quelle und den oberen Lauf unseres heimatlichen Flusses. Eine Landschaft von hervorragender Schön­heit entschädigt uns reichlich für die etwas lange Bahnfahrt. Das Dampfroß bringt uns über Mar­burg nach dem im oberen Lahntal reizend gelegenen Luftkurort Laasphe, wo wir unsere Wanderung be­ginnen. Wir gehen von hier über das waldum- rauschte, leider nicht zugängliche Schloß Wittgenstein, durch das ehemalige Zigeunerdorf Saßmannshausen zur Feudinger Hütte. Hier treffen wir rote Striche, denen wir folgen und durch das überaus liebliche und romantische Ilsetal, das in Heiligenborn sein Ende findet, an der Ilsequelle vorbei auswärts gehen. Das Zeichen leitet uns weiter zunächst durch Wald, später auf der sog. Eisenstraße zum Lahnhof. (607 m), den wir nach 4%ftünbiger Wanderung erreichen. Hier finden wir für die Nacht gute und preiswerte Unterkunft. Im nahegelegenen Forsthaus befindet sich nach der landläufigen Annahme die Quelle der Lahn, die gegen ein geringes Entgelt besichtigt wer- den kann. Hinter dem Gasthof führt ein Weg in wenigen Minuten zur 635 m hohen Stiegelburg, von wo sich ein weiter Blick in das Siegerland bietet.

2. lag:

Lahnhof Forslhaus Hohenroth Vormwald Hilchenbach.

Am andern Morgen wandern wir weiter auf der Eisenstraße, einer tadellosen Waldstraße. Wir kom­men zunächst an der, von einer kleinen Mauer ein­gefaßten, von stattlichen Buchen überschatteten Sieg­quelle, später an dem gastlichen, anmutig gelegenen Forsthaus Hohenroth vorüber. Auf der ganzen Wanderstrecke zeigt vns nunmehr die Einheitliche Markierung des Sauerländischen Gebirgsoereins den Weg. Wir kommen an der Kronprinzeneiche am Fuße des Schloßbergs vorbei zur Bahnstation Vormwald, die eine ungemein idyllische Lage hat, und hierauf auf schönen, abwechslungsreichen Wald­wegen nach unserem Endziel, dem sauberen Städt­chen Hilchenbach, von wo wir über Marburg wieder zurückfahren. Diese Fahrt ist namentlich in ihrem ersten Teil äußerst interessant, da die Bahn auf einer (Entfernung von 6 km eine Steigung von 234 m zu überwinden hat, wodurch man mehrere Male einen prächtigen Blick auf das in der liefe liegende Hilchenbach und später eine weite Aussicht auf das mit zahlreichen Ortschaften und Fabriken übersäte Siegerland hat. Wanderzeit am zweiten Tag eben- falls 4% Stunden.

Reifewinke.

Dillenburger Lranier-Keslfpicle 1933.

Die Oranierstadt Dillenburg begeht in diesem Jahre die 400. Wiederkehr des Geburtstages des Prinzen Wilhelm von Oranien. 3m Mittelpunkt der Feierlichkeiten, die im August ihren Höhe- punkt erreichen, steht ein großes historisches Fest­spielWilhelm, Prinz von Oranien" auf der Frei­lichtbühne bei den Ruinen des ehemaligen Schlos­ses. Die Festsprele stehen unter der künstlerischen Leitung von Otto Fricke, ehemaligem Mitglied des Frankfurter Schauspielhauses. Der Urauffüh­rung zu Pfingsten werden im 3uni, 3uli, August und September weitere Aufführungen folgen.

Hcimaltrcffen aller Mccklenbugcr 1933.

Ganz Mecklenburg rüstet zu einer Veranstal­tung. wie sie in diesem Ausmaß bisher noch nicht stattgefunden haben dürfte. 66 Städte und Dör­fer veranstalten unter dem Protektorat des Herrn Ministerpräsidenten G r a n z o w, Schwerin, und des Herrn Staatsministers Dr. v. Michael, Reustrelitz, in der Zeit vom Mai bis Septem­ber heimatliche Feste der verschiedensten Art, die dazu dienen sollen, den aus der Feme herbeieilen­den Landeskindern die Stätten der Kindheit erneut lieb und wert zu machen, ihnen die enge Verbun­

denheit des deutschen Menschen mit der Heimat- scholle zu zeigen. Zu dieser Veranstaltung hat man ein offizielles Werbe heft herausgegeben, das allen Mecklenburgern ein herzliches Will­kommen zuruft mit der Aufforderung:Kaamt all nah Huus!"

Dieses Heft bringt in seinem Hauptteil neben den Geleitworten der Regierungen und verschie­denen illustrierten Aussätzen über Mecklenburgs Land und Leute vor allem das Programm aller Orte und gibt Kunde davon, wie zündend der Gedanke des Heimattreffens gewirkt hat, mit wel­cher Liebe den einkehrenden Landeskindern die Heimat entgegenkommt und wieviel Mühe und Sorgfalt aufgewendet worden ist, den Veranstal­tungen auch einen hohen kulturellen Wert zu sichern. Darum wird das Mecklenburgische Hei­matjahr auch für Richtmecklenburger einen beson­deren Anlaß bieten, einmal Mecklenburgs eigen­artige Schönheiten der Landschaft, der unzähli­gen Seen im Kranze prächtiger Wälder, der wald­reichen Ostseeküste oder feinen außerordentlichen Reichtum an baulichen Schöpfungen von aller­größter Bedeutung für den Rorden Deutschlands kennenzulemen. und andererseits die heimatlichen Gebräuche und Feste zu studieren. Das Heimat­jahr 1933 dürste in wirtschaftlicher und kulturel­ler Hinsicht für Mecklenburg größte Bedeutung besitzen.

Zur Lee nach Irland und England.

Neun Tage nach Irland und England mit einem der schönsten und größten Schiffe der deutschen Handelsflotte! zlm 29. Juli wird der 32 565 'Br.- Reg-Tonnen große SchnelldampferKo­lumbus" des Norddeutschen Lloyd von Bremer­haven aus nach den britischen Inseln fahren. In Ir­land. dergrünen Insel", dem Lande alter keltischer Schlösser und Klöster und romantischer Seen, wird Glengariss angclaufcn, von wo aus die Möglichkeit besteht, die Kastelle von Killarney und Kenmare zu besuchen. In EnglandSouthampton, von wo cs zu einem mehrtägigen Aufenthalt nach London geht und anschließend nach der Insel Wight, zur Teilnahme an der berühmten englischen Segelregatta von Eowes. Typisches englisches Leben wird man so kennenler­nen. Ein Höchstmaß an Erholung und Abwechselung bietet das Leben an Bord, die Seefahrt und der Be­such Irlands und Englands.

Trauerfeier

für die verunglückten SA -Leute.

W2N. F r a n f f u r t a. M., 19. Mai. Unter star­ker Anteilnahme der Bevölkerung geleiteten heute nachmittag die Formationen der NSDAP, ihre am vergangenen Sonntag bei Königstein auf jo tra­gische Weise ums Leben gekommene SA.-Kameraden zur letzten Ruhe. Nach einer kurzen Feier in der Trauerhalle des Hauptsriedhofes für die Angehöri­gen bewegte sich der Zug mit den beiden cärgen unter den Klängen eines Trauermarsches durch das Spalier der SA.-Leute zum neuen Friedhof, wo ein freier Platz für die öffentliche Trauerfeier her- gerichtet war. Die gesamten Formationen der NSDAP., sowie ein großer Teil der Frankfurter Bevölkerung umsäumten den Platz. Pfarrer P r o b ft ergriff nach dem Gesang eines Trauerliedes vom SängerchorFlügelrad", dem der verunglückte Willy B ü r I e r t angehört hat, das Wort zu einer kurzen Traueransprache. Er stellte seiner Ansprache die Worte voran:Es ist nur ein Schritt zwischen mir und dem Tode." Das sei eine Mahnung an uns alle, wie auch der Tod dieser beiden deutschen Hel­den eine Mahnung fei, ihren Tod als Ansporn zu nehmen, selbst bereit zu sein für Deutschlands Wohl zu kämpfen und wenn es fein muß, das Leben hin- zugeben. Nach der Ansprache Pfarrer Probsts wurde der Sarg Fritz Rexrodts wieder zur Trauerhalle zurückgebracht, da die Leiche nach dem letzten Wunsch des Verunglückten verbrannt werden soll. Der Sarg Willy Bürkerts wurde, während das Horst-Wessel-Lied leise über den Platz klang und die Fahnen der SA. sich senkten, nach dem Grabe geleitet, wo die Führer der SA. und SS. kurze An­sprachen hielten. Obergruppenführer von Iagow überbrachte die letzten Grüße des Führers Adolf Hitler. Für die Frankfurter SA. legten Stan­dartenführer Wehner und Gruppenführer B et­ter 1 e Kränze nieder. Gruppenführer Beckerle rich­tete an alle SA.-Kameraden den Appell, mitzuhelfen an der Aufstellung eines Gedenksteines, der die Namen aller gefallenen SA. Männer tragen soll. Reichsstatthalter Sprenger ließ durch den Gaupropagandaleiter Müller-Scheid feine letz­ten Grüße übermitteln, Kreispropagandaleiter Klä­ger legte für den Kreis Groß-Frankfurt einen Kranz nieder und Stadtverordneter Schimmel für die Stadtverordneten-Versammlung. Es folgten in langer Reihe die einzelnen Stürme der 6'21. und SS., sowie der Gesangverein, dem Bürkert angehört hat. Unter den Klängen des LiedesIch hott' einen Kameraden" und drei Gewehrsalven wurde der Sarg ins Grab gesenkt, während die Fahnen sich neigten.

Das Kavag-tlrteil in vollem Umfange rechtskräftig.

Frankfurt a. M., 19. Mai. (WER.) 3rt d"r Favagsache teilt die 3ustizpressestelle mit: Das Reichsgericht hat nunmehr auch die -i.cDifion des Rechtsanwalts Dr. K i r s ch b a u m gegen das Urteil der Strafkammer Frankfurt Dom 25. Februar 1932 als offensichtlich unbegrün­det durch Beschluß Dcrtoorfcn. Damit ist das Faoag-Urteil in Dollem Umfang rechtskräftig geworden. Die sämtlichen Verurteilten befinden sich in Strafhaft.

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