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20.5.1933 Erstes Blatt
 
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Nr. M Zweites Blatt

Siebener Anzeiger (Senecal-Anzeiger für Gderheffeii)

Samstag, 20. Mai 1955

Nationaler Witte und nationale Ideologie

Don Dr. Paul Rohrbach.

Wir befinden uns in Deutschland mitten in einem sieghaften Sturmlauf auf den historischen Materialismus. Wir verlangen danach, Ideen- Politik zu machen und haben sie im Innern auf das Schild unseres nationalen Willens ge­hoben. Da ist es nützlich, daß wir uns bei an­deren grohen Nationen umsehen, aus welcher Art von nationaler Ethik sie ihr nach außen wirkendes politisches Kraftgesühl nähren.

D'_» französische Ideologie heißt: Frank­reichs Sache ist stets zugleich die Sache der Menschheit! Der Franzose empfindet darum nie­mals einen inneren Konflikt zwischen dem Recht Frankreichs und. dem Recht anderer Völker. Frankreichs Recht geht immer vor.üesta Dei per Francos! Gottes Taten durch die Franzosen so schrieb schon ein frühmit­telalterlicher französischer Chronist. Heute heißt es modernisiert:Frankreichs Taten für die Menschheit!" Der Frankfurter Friede von 1871 war einAngriff aus die Menschheit"; das Der- sailler Diktat war ein Dienst an ihr. Wer diese Sinnesart des Franzosen vergißt, wird ihm ge­genüber immer falsch und eindruckslos argumen­tieren. Das gilt auch für so akute und praktisch« Fragen, wie Abrüstung, Schuldenzahlen u. dgl.

Aehnlich wie die französische lautet auch die englische nationale Ideologie: Wenn die Welt besser werden soll, so muß sie nur immer eng­lischer werden! Ein so typischer Engländer wie Lord Curzon, der spätere Ricekönig von Indie setzte seinem berühmten Buch über die Probleme des Rahen Ostens die Widmung voraus:Denen, die da glauben, dah das englische Weltreich das größte Gnadengeschenk Gottes an die Menschheit ist." Rücksichtsloser war Cecil Rhodes, als er sagte: Lins Engländern ist die Verantwortung für die Zukunft unserer Ration auferlegt, und darum müssen wir von der Welt so viel für uns nehmen, wie wir bekommen können! Die natio­nale Ideologie des Engländers bildet auch den Hintergrund zu der oft gemachten Erfahrung, daß cs für ihn keine politischen Prinzipien gibt. Man handelt von Fall zu Fall und trägt denTat­sachen" (tacts) Rechnung. Selbstverständlich dient dabei jede Handlung Englands dem Fortschritt der Menschheit.

Die Ideologie des Amerikaners ist von der englischen abgeleitet. Ieder Amerikaner fühlt sich als Missionar für die politischen, so­zialen und kulturellen Ideale, die inGottes eigenem Lande" gelten. Mit der ParoleRettet die Welt für die demokratische Idee!" konnte Wil­son das amerikanische Volk in denKreuzzug" gegen Deutschland treiben. Alle Verhetzung durch die alliierte Propaganda, alle materiellen In­teressen des Großkapitals, das den Alliierten Kriegsanleihen gewährt hatte, hätten nicht ausgc- rcicht, die amerikanische Leidenschaft zu entflam­men, wenn nicht das dabei gewesen wäre, was ein so guter Kenner seines eigenen Volkes, wie Frank Simonds, die Missionsidee des Amerikanertums nennt.

Die so charakterisierten Ideologien der brci ge­nannten Völker haben alle einen nahe verwandten Hintergrund: den Glauben an eine universale Berufung des eigenen Volks. Sogar das R u s s e n t u m erhob im Zarismus mit feiner Predigt vomHeiligen Rußland" und erhebt jetzt im Moskauer Bolschewismus den Anspruch, eine universale Idee zu verfolgen.

Lehrreich ist es, unter diesem Gesichtspunkt die jetzigen Vorgänge in O st a s i e n, den Kon­flikt zwischen Iapan und China zu beobachten. China war im alten chinesischen Bewußtsein der Weltstaat schlechthin, das Mittelreich; die chinesische Kultur war die Weltkultur. Diese Ideologie zerbrach aber unter der Erfahrung, bas abendländische Technik und abendländische Kriegsmaschinen stärker waren, als das konfu­zianische Kulturideal. Der Sohn des Himmels, dessen göttlich gedachte Autorität das Reich zu­sammenhielt, verlor seinen Thron, und China fiel darüber auseinander. Es hat keine große,

universal gerichtete Ideologie mehr, und es ist heute ebenso wenig mehr ein Staat, wie das Heilige Römische Reich Deutscher Ration vor zwei Iahrhunderten ein Staat war.

Das Umgekehrte sehen wir bei Iapan. Aus dem Zusammenwirken der heroischen japanischen Ethik und des explosiven Drucks der Heber- völkerung hat sich, genährt durch die politischen Erfolge von vier glänzenden Zahrzehnten, eine kraftvolle nationale Ideologie entwickelt. Iapan will den großen asiatischen Völker­bund schaffen, der ein nordchinesisch-mandschu­risches Kaisertum, eine zentral- und südchinesische Republik, ein selbständig gewordenes malayisches Indonesien, eine von Amerika unabhängige Re­publik der Philippinen und ein von den Eng­ländern befreites Indien unter japanischer Füh­rung gegen Europa zusammenschweißen will. Diese Idee ist bei den geistigen Führern Iapans in raschem Wachstum, und sie gibt der japa­nischen Politik ihre gewaltige Kühnheit und Stoß- kraft.

Bei keinem der Völker, die wir genannt haben, ist der nationale Wille von der nationalen Ideologie zu trennen. Wie steht es nun damit bei uns Deutschen? Wenn wir auf diese Frage antworten sollen, so müssen wir davon ausgehen, dah wir kaum erst dazu gelangt sind, einen nationalen Staat zu bilden, ja, unser deutscher Rational-Staat ist auch heute noch erst eine Hoffnung, noch keine volle Wirklichkeit. Wir befaßen ein nationales Selbstgefühl zur Zeit des mittelalterlichen Kaisertums. Dieses aber ging

zugrunde, und als wir der nationalen Zensplit­terung anheimgefallen waren, blieb uns nichts übrig, als unser nationale- Ziel in der staat­lichen Einigung zu suchen, d. h., im Vergleich zu unfern vorgeschritteneren Rachbarn, in der Beschränktheit und in der Rähe, denen kein universaler Zug anhaftete. Aehnlich erging eS den Italienern.

Wir Deutsche und von den Italienern gilt dasselbe können nur dann daran denken, mit unsrer nationalen Idee Eindruck auf die Welt zu machen, wenn wir imstande sind, ihr eine universale, missionarische Ideologie zu geben. Sollen wir also sagen, wie die Engländer: Wenn die Welt besser werden soll, muh sie deutscher werden? oder wie die Franzosen: Deutschlands Sache ist immer die Sache der Menschheit? Retn. Kopien überzeugen niemanden. Wir haben etwas Besseres. Wir sind das einzige große Volk, das eine Ideologie der Arbeit besitzt. Wir kön­nen zu all den Völkern, die noch emporkommen wollen, sprechen: Kommt zu uns, lernt ar­beiten und steigt auf! Sittliche Kultur haben heißt: Arbeit tun um der Arbeit willen, ar­beiten, wie das deutsche Volk arbeitet. Das zu sagen, ist keine Lieberheblichkeit. Deutsche Ar­beitskultur in Forschung, Wirtschaft, Erziehung und auf allen andern Gebieten des Lebens ist nicht bloß reale Leistung, sondern sie hat dar­über hinaus etwas Schöpferisches in sich, das aus dem deutschen Geiste kommt. An diesem I Stück unseres Wesens mag in der Tat einmal | die Welt genesen.

Oer Fall Gereke vor Gericht.

Berlin, 18. Mai. (ERB.) Der Prozeß gegen den früheren Reichslommissar für Arbeitsbeschaf­fung, Landrat a. D. Günther Gereke, der be­schuldigt ist, in der Zeit seiner Verwaltung des Verbandes der Deutschen Landgemeinden und bei der Leitung des für die Wahl des Reichspräsiden­ten v. Hindenburg aufgestellten Komitees Un­treue und Betrug verübt zu haben, nahm vor der VIII. Strafkammer des Landgerichts I fei­nen Anfang. Reben Dr. Gereke ist der frühere Derbandssekretär Arthur Fr ei gang ange- klagt. Der Angeklagte hat erklärt, daß er die ihm zustehende Aufwandsentschädigung nicht entnom­men und auch sonst kein Entgelt erhalten habe. Diese Angaben seien unrichtig gewesen, er habe für die Zeit vom 1. Iuli 1922 bis Ende 1925 42 000 Mark entnommen. Er habe auch später noch eine Umlage, zugunsten notleiden­der Gemeinden für sich verwertet. Dieser Be­trag habe sich auf etwa 32 000 Mark belaufen. Außerdem habe er noch 10 000 Mark auf an­dere Weise erhalten. Von dem Geld des Hin­denburg-Wahlkomitees habe Dr. Gereke große

Summen für Wahlpropagandazwecke auf Bank­konten überschreiben lassen, deren Verwalter der Angeklagte Freigang war und deren Inhaber Tochtergesclttchaften des Lanbgemeindeverlages waren. Für den ersten Wahlgang seien 685 000 Mark, für den zweiten Wahlgang 706 000 Mark übertriefen worden. Da die Beträge für die ge­nannten Zwecke nicht restlos verbraucht worden seien, habe sich ein Ueberschuß von ins­gesamt 452 000 Mark ergeben. Mit Hilfe des Angeklagten Freigang habe sich Gereke von einer Druckerei in Berlin quittierte Rech­nungen über in Wahrheit nicht ge­leistete Arbeiten in Höhe von 481 000 Mark beschafft und an Hand dieser Rechnungen dem Hindenburg-Ausschuß seine Abrechnung voraelegt. Anstatt der obengenannten Ueberschüße habe die Abrechnung dann Fehlbeträge aufgewiesen. Hiervon konnten etwa 350 000 Mark be­schlagnahmt werden- Den Rest in Höhe von etwa 96 000 Mark hatte er in Teilbeträgen auf sein Konto überweisen lassen.

Tartarin auf -em Kriegspfa-e.

Don unserem A. 8.-Derichterstatter.

(Rachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!) Toulouse, Mai 1933.

Dah Frankreich eine Einheit ist, hat sich längst als ein Märchen erwiesen. Paris ist seit Jahrhunderten nicht mehr dieHauptstadt der Welt", auch nicht mehr dasKulturzentrum Europas". Lind auf französischem Boden selbst gehen die Stämme und Minderheiten ihre eigenen Wege. Mag auch noch immer die Tatsache, daß eine Pariserin, die in einer Provinzstadt er­scheint, ein rotes, blaues oder sonstwie gefärbtes Band am Hute trägt, fast alle Frauen und Mädchen dieser selben Stadt veranlassen, ein ganz ähnliches Band als letzten Modeschrei auf ihre Hüte zu nähen. Im übrigen aber denkt man am Quai d'Orsay, im Pariser Auhenamt, anders als in den neuen Kaffees auf den Champs Clysees, wo sich dieFlüchtlinge" aus Deutschland ein Stelldichein geben, und ganz anders denkt man in der Rormandie, in der Bretagne, in

Savoyen oder im Tarn, im Roussillon oder im Ariöge.

Die Welt kennt eigentlich nur Paris und macht sich wenig Gedanken darüber, wie der französische Katalane denkt oder der Bretone oder, ganz allgemein gesprochen, der fran­zösische Provinzler, der Kleinrentner, die Söhne und Enkel des Herrn Tartarin aus T a r a f i o n, jener so glücklich umrittenen Phan­tasiegestalt des französischen Kleinstädters aus der Feder des großen Alphonse Daudet, der sich im übrigen, wie es so schön heißt, im Grabe um­drehen würde, könnte er vernehmen, was sein viel kleinerer Sohn L6on in der nationalistischen Action Franxaise" verzapft und verzapfen läßt ...

Dieser Tartarin des Iahres 1933 will, ins Al­pendeutsch übersetzt, feine Ruh' Ha n. ilnö die­ser Tartarin hat Angst. Er ist seltsamer­weise fest davon überzeugt, daß dasHitlerreich"

ihn überfällt, und er weiß nicht recht, ob Frank­reich besser daran tut, aufzurüsten, noch mehr al- bisher, um Deutschland Schrecken cinjujagcn, oder ob man nicht lieber Deutschland in Gottes Ra men seine Gleichberechtigung ein Wort übrigens, das in den französischen Zeitungen gesperrt, in deutscher Fassung, unüberlegt, gleichsam als Be­griff, gedruckt wird gibt, damit Deutschland keine Ursache mehr hat. aujubegebrcn. Wenn Herr Tartarin mit einem spricht, so gibt er sich als Nationalist, ist stolz daraus, daß der neue Kreuzer Emile - Berlin" im Zeichen derAbrüstungskonse- renz" vom Stapel gelaufen ist, ober dah auf die Bitte des Ministerpräsidenten und Kriegsministers Daladier der Innenminister Chaulemps die Prä­fekten Frankreichs in einem Rundschreiben auffor- berte, zusammen mit den Militärbehörben dem Pazifismus in Frankreich mit allen Mitteln und radikal den Garaus zu machen, sowie alle Kriegs- bicnftocrrocigerer entweder zu bekehren ober rück­sichtslos einzulochen.

Aber ebenso, wie der französische Provinzler Ziel und Methode sowie die ganze Denkungsart des neuen Deutschland verkennt, so sind auch seine Äußerungen unwahr und u n a u f r i d) t i g. Er rasselt mit dem Regenschirm und hat Angst, sieht Gespenster. Da hat man das Gerücht ausge- streut, die Reichsregierung hätte in den Pyrenäen eine Radiostation errichtet und wäre draus und dran, irgendwelche dunklen Pläne durch Unterwer­fung der ganz und gar unter französischem Ein­fluß stehenden Bergrepublik Andorra zu verwirk- lichen. Tatsächlich hat man jetzt einen sehr energi­schen Herrn nach Andorra geschickt, wo ihm die Joventud andorrana, also die andorranische Ju­gend, bereits zugejubelt haben soll. Man unter­schätzt eben ein wenig die Sorgen, die Deutschland hat. Aber Herr Tartarin hat ja Zeit. Und er schließt von sich auf andere. Das ist eine der Er­klärungen dafür, daß man auch im französischen Süden vondeutschen Machenschaften" spricht und deutschen Annektionsabsichten in den Pyrenäen.

An der etwas trägen Earonne liegt friedlich in einer friedlichen Landschaft louloufe mit fei­nen schönen alten Kirchen, seiner ehrwürdigen Kathedrale, an der die Bauhandwerker dem Zahn der Zeit entgegenwirken, mit seiner berühmten Basilika, seinem bereits stark spanisch orientierten Leben und seinen dunkelhaarigen Menschen mit dem rollenden, unfranzösischenR" in der Sprache. Die guten Leutchen kennen nicht den Kummer und die Sorgen, die entsetzliche Not des mitteleuropäi­schen Menschen, der unter der Knute der Friedens- biftate unb ihren Folgen stöhnt. Unb diesem von Natur aus so friedlichen Äüdfranzosen wird nun mit Gewalt eingeimpft, daß er bedroht sei, wenn der Deutsche sich anschickt, den Strick zu zerreißen, der ihm die Kehle zuschnürt! Es sitzen die Hetzer in Paris imLe Dome, imCollisec und imCafd dc la Paix und predigen Haß gegen Deutsch- landland. Und ein wenig davon flutet auch bis an die Ufer der Garonne und ölt die ohnedies schon schnelle Zunge eines Touloujer Bürgers, der feinen tiefschwarzen, fürchterlich starten Kaffee trinkt und dabei von einer Gefahr durch ein Deutschland spricht, das er mit dem besten Willen von der Welt nicht begreifen kann. Die schlimmsten Dinge, die auf dieser Welt geschehen, verdanken ihren Ur- jprung dem Unoer st and, jener Geistesver- faffung, von der man behauptet, daß selbst Gotter gegen sie vergebens kämpfen. Dabei ist Tartarin gar nicht dumm, und wenn er sich auf sein eigenes Urteil verließe, er würde so manchem Pariser Patrioten" das Leben sauer machen. Aber die französische Regie klappt eben vorzüglich unb er­streckt sich leider nicht allein auf übrigens herzlich schlechte Tabakwaren.

3ufammenfaffung der Gaue Hessen und Hessen-Nassau-Süd der NSDAP.

WSR. Rach einer Mitteilung desDölkischen Beobachters" hat der Führer verfügt, daß die Gaue Hessen und Hessen-Rassau-Süd der RSDAP. zu einem GauHessen-Rassau" unter der Leitung des Gauleiters Sprenger zusammengefaßt werden. Der Gau Hessen- Rassau-Rord führt von jetzt ab die Bezeichnung GauKurhessen".

Oeutsche Gchnst.

(£ine zeitgemäße Anregung.

Man hatte sich in Deutschland langsam daran ge­wöhnt, daß die deutsche Schrift in immer stärkerem Maße verschwand und von der internationalen La­teinschrift verdrängt wurde. Auch heute findet nie­mand etwas Besonderes daran, daß man in den Straßen deutscher Städte oft weit gehen muß, um in dem Wust von Gcschäftsauffchriften doch einmal eine vereinzelte zu finden, die in deutscher Druck­schrift angefertigt ist. Auch auf dem Gebiet des Buch­wesens nimmt immer stärker der Lateindruck über- Hand. Ja, vor kurzem kam gerade hier eineSieges- nachricht" in die Oesfentlichtcit. Während bisher seit dem Kriege die in Deutschland gedruckten Bücher zu rund 57 v. H. in deutschen Buchstaben gedruckt wurden und nur rund 43 v. H. in lateinischen, hat sich dieses Verhältnis in den letzten vier Jahren er- schreckend gewandelt unb nun in bas Gegenteil ver- kehrt. Im Jahre 1932 gab es nur noch 43 v. H. deutsch gedruckte Bücher, während schon 57 v. H. m Lateindruck erschienen. Also ein erschreckender Rück­gang des Frakturdruckes sogar schon auf einem Ge- biet auf dem er bisher immerhin noch das Ueber- gewicht besaß! Dementsprechend ist die Propaganda jener Kreise in der letzten Zeit auch immer starker geworden, die uns die fremde schrist aufdrangen wollen. _ .

Deutschland hat sich in der letzten Zeit zu sehr vie­len Dingen zurückgefunden, die eine verstoßene Epoche alszu deutsch" verpönte. Diele einst selbst­verständliche Gedankenlosigkeiten sind nahezu ver- schwanden. Sollte es da nicht möglich sein, daß ein nationales Deutschland auch zu einem Kulturgut zu- rüdfänöe, das bis heute leichtfertig verschleudert wird? Dar wenigen Tagen hat eine überwältigende Mehrheit der Stadtverordneten einer Stadt in der Öberlausitz beschlossen, im amtlichen Verkehr nur noch deutsche Schrift zu verwenden, die städtischen Be­amten dazu anzuhalten, daß sie sich nicht nur im amtlichen Verkehr der deutschen Schrift bedienen und bei allen städtischen Aemtern ausschließlich deutsch- schriftige Schreibmaschinen zu verwenden sind. Ist das ein Anzeichen dafür, daß Deutschland sich auch auf diesem Gebiet auf sich selbst besinnt? Heißt das, daß Deutschland trotz der hochschlagenden Wellen der inneren Politik schon jetzt so zu alten Quellen

zurückkehrt? Zwar erscheint es so, als wäre die Frage, ob wir nun deutsch ober lateinisch schreiben ober brücken, nicht so wichtig, besonbers wenn man auf ber Gegenseite sagen hört, baß bie lateinische Schriftauch" eine beutsche sei, ober von berso­genannten" beutschen Schrift spricht; es tue dem Deutschtum keinen Abbruch, wenn man die deutsche Schrift allmählich durch die lateinische verdrängen ließe; überhaupt fei es lediglich ein« reine Äußer­lichkeit, ob man nun so ober fo schreibe unb brücke, und da man mit dereigensinnigen" deutschen Schrift ja doch nur eine schädliche Grenze ziehe und weil das Ausland sie nicht lesen könne, fei die latei­nische oorzuziehen.

Also reine Zweckmäßigkeitsgründe sollen es sein, die die Aufgabe eines fo wichtigen Kulturgutes be­fürworten? Es wird da auch darauf verwiesen, daß ja auch die junge, doch bestimmt sehr nationale Tür­kei von ihren alten Schriftzeichen abgegangen fei. Das ist allerdings salsch; die Schriftzeichen, die in der Türkei vor der Schriftreform gebräuchlich waren, waren keine türkischen, sondern den Türken fremde, nämlich die arabischen. Zudem ist da denn doch noch ein kleiner Unterschied. Während die arabischen eben­so wie die Schristzeichen der in Rußland und Teilen des Balkans gebrauchten Cyrillika für den Auslän­der völlig unleserlich sind, kann der gleiche Auslän­der die deutsche Druck- und auch die Schreibschrift sehr gut lesen. Wie wäre es sonst möglich, daß eine so große Zahl englischer, französischer, amerikanischer, spanischer Zeitungen ihren Kopf in deutschen Zier- buchstaben führen, etwaTimes",Matin",New Port Times",De Telegraaf" (Holland) unb viele andere? Dagegen steht wohl eines unbedingt fest: Hätten etwa Franzosen oder Engländer wie wir Deutschen eine Eiaenschrist, die für jeden Ausländer lesbar und kein Hindernis ist, sie würden den, der für den Ersatz durch sogenannte Weltlettern wirbt, ächten und ein so wichtiges Volksgut politisch aus- nutzen. Ihnen läge nichts daran, durch eine Verbeu­gung vor irgendeinem Ausland und eine damit ver­bundene Vernichtung alten, eigenständigen Volks­gutes Wohlgeneigtheit einzuhanoeln, die dann doch ausbleibt.

Bismarck wurde immer sofort mißtrauisch, wenn bas Auslanb, auf das wir Deutsche so schreck­lich gern sehen, mit einer seiner Maßnahmen unein­geschränkt einverstanden war. Sehen mir, wie sich das Ausland, besonders das uns nicht wohlgeson­

nene, zur deutschen Schriftfrage stellt; hier fei der Blick ins Ausland erlaubt. Alle Völker, die seit lan­ger Zeit mit dem Deutschtum in enger Nachbarschaft leben, sehen die deutsche Schrift als einen eindeuti­gen Ausdruck deutschen Wesens und deutscher Ge­sinnung an. In Italien, Polen und Jugoslawien ist der Gebrauch ber deutschen Schrift in deutschen Schu­len, soweit diese überhaupt bestehen dürfen, streng untersagt; die Tschechoslowakei, Litauen und eine Reihe anderer Staaten kennen zwar kein'Verbot, aber sie sehen den Gebrauch deutscher Schrift äußerst un­gern. Sie wissen sehr wohl, daß durch die deutsche «chrift das Eindringen ihrer eigenen fremdvölkischen Propaganda und die Aufsaugung des deutschen Volkstums stark erschwert wird. Sie wissen aber auch, was man im Deutschen Reich nicht wissen will: unsere Grenzlandsdeutschen sind in ^anj überwiegen­der Mehrheit der Ansicht, daß ihr Deutschtum mit der deutschen Schrift geradezu steht und fällt. Dor einiger Zeit wurde das Ergebnis einer Umfrage bekannt, die der Deutsche Schutzbund bei einer sehr großen Zahl führender Auslandsdeutscher veranstal­tet hatte. Hier ergab sich ein einhelliges Bekennt- n i s zur deutschen Schrift, das auch in Deutschland nachdenklich stimmen sollte. Die deutsche Schrift ist gerade für diese Deutschen ein Volksgut von größter Wichtigkeit. Jedes deutsche Dorf jenseits der Reichsgrenzen ist sofort daran zu erkennen, daß alle Häuseraufschriften in deutschen Buchstaben ge­halten sind, unb die Auslandsbeutschen finb stolz dar­aus, daß sie sich auch dadurch von ihren fremden Nachbarn deutlich unterscheiden. Bei ihnen herrscht völlige Verständnislosigkeit dafür, daß man in der großen Heimat, nach der sie immer hoffend blicken, ein so bedeutungsvolles Kulturgut leichtfertig ver­schleudern will, oie kennen die Bedeutung der Tat­sache, dah etwa in Sudetendeutschland tsche­chische Regierungszeitungen, die in deutscher Sprache erscheinen, wie etwa die berüchtigtePrager Presse", in lateinischen Lettern gedruckt sind. Sie haben es einst begrüßt, als eine große westdeutsche Zeitung, die jahrelang an den lateinischen Settern festhielt, dann doch durch den Einspruch ihrer Leser gezwun­gen wurde, wieder zur Fraktur zurückzukehren. Sie verurteilten es aber auch mit Recht, wenn zwar alle reichsdeutschen Zeitungen in deutscher Druck­schrift erscheinen, aber in steigendem Maße zwischen den deutsch gedruckten Text lateinische Zwifchenüber- schristen einschieben; ein Brauch, der leider gerade

in den letzten Jahren imnzer mehr eingerissen ist. Nicht zuletzt übrigens auch bei nationalen Zeitungen, wie gerade zwei ganz rechts stehende große Zeitun­gen zwar in deutschem Druck erscheinen, aber an ihrem Kops den Namen in lateinischen Settern setzen.

Keine Äußerlichkeit ist es also, wenn von dustch- bewußter Seite in stärkstem Maße die Verdrängung ber deutschen Schrift bekämpft und für die Wieder­einsetzung in ihre Herrschaftsrechte gefochten wird. Keine Aeußerlichkeit ist es auch, wenn von der natio­nalen Regierung auf das Bestimmteste erwartet wird, daß sie so bald wie möglich mit dem Unfug aufräumt, daß an vielen Schulen des Reiches die lateinische Schrift den ABC.-Schützen als erste unb pätcr erst unb nur nebenbei bie beutsche Schrift bei» gebracht wirb. Die Fibeln in fremben Buchstaben oIlten so bald wie möglich verschwinden, zumal da die Sehrerschaft in überwiegender Mehrheit in dem Widerstand gegen diese Gedankenlosigkeit einig ist. Es darf jetzt nicht mehr so sein, daß man, wie es bei früheren Regierungen geschah, von oben her diesen Versuchen, der Verdrängung ber beutschen Schrift burch bie Schule Vorschub zu leisten, untätig zusieht. In Deutschland muß es wieber zu einer Selbstver­ständlichkeit werden, daß die Schrift herrschend ist, die in ihrer heutigen Form auf Albrecht Dürer zurückgeht, der die bis dahin gebräuchlichen Zeichen in deutschem Geist erneuerte. Höchste Notwendigkeit ist die Besinnung darauf, daß kein anderes Kultur­volk wie das deutsche, achtzig Jahre nach Guten­bergs Erfindung sich eigens für dey Buchdruck eine besondere, dem gesteigerten Schänheitsbedürfnis ebenso wie seiner Sprache unb der neuen Technik argepafjte Stilart ber mittelalterlichen geschriebenen Schrift geschaffen hat. F. L.

Film.

Fräulein", sagte ein Herr zu einer Dame,ich komme zwar nicht viel ins Kino, aber Sie haben Ähnlichkeit mit einer Filmschauspielerin. Ich glaube, es ist Renate Müller nein, doch nicht. Aber, warten Sie mal Magba Schneider nee, bie ist anders. Vielleicht verwechsle ich Sie mit Lee Parry?"

Möglich."

Sie sollten zum Film gehen. Ich habe Be­ziehungen."

Vielen Dank. Ich heiße Lilian Harvey."