Ausgabe 
20.3.1933 Frühausgabe
 
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Orchesters Leipzig. Leitung: Prof. Dr. Lud­wig Äeubeck: Richard Wagner.

15.30 bis 17 Uhr:Das Reich ist unser". Funk- Lichtung von Gerhart Menzel.

17 bis 17.55 Ähr: Hörbericht über die Eröff­nungssitzung des Reichstages in der Krolloper. (Sprecher: C. M. Köhn.)

18 bis 19 Ähr: Konzert des philharmonischen Orchesters Hamburg. Dirigent: Generalmusik­direktor Dr. Muck (Weber, Schubert, Beethoven).

19.30 bis 19.45 Ähr: Ansprache des Reichs­kommissars und kommissarischen Ministerpräsi­denten des Landes Bayern, General Ritter von Epp.

20 bis 20.55 Ähr: Hörbericht über den Fackel- zug in Berlin.

21 bis 22 Ähr: Konzert des Rundfunkorche­sters München. Dirigent: Hans QL Winter.

22.05 Ähr: Äebertragung der Festvorstellung aus der Staatsoper Unter den Linden:Meister­singer". 3. Akt.

Lustsperre über Berlin und Potsdam.

Berlin, 18. März. (WTB.) Der R e i ch s kom­mt s s a r für die Luftfahrt hat für den Tag der Eröffnung des Reichstages, 21. 3. 33, d i e Stadtgebiete von Berlin und Pots­dam als Luftsperrgebiete erklärt, um Störungen jedweder Art bei der Feier zu vermeiden. Das Ueberfliegen der genannten Gebiete mit Luftfahrt­zeugen ist daher verboten. Es wird besonders darauf hingewiesen, daß die Durchführung des Ueberfliegverbotes mit allen Mitteln, erforderlichen­falls mit Waffengewalt, sichergestellt werden wird. Für die Flugzeuge des planmäßigen Luftverkehrs wird eine Einflugszone zum Flug­hafen Tempelhof offengehalten.

Wünsche des Einzelhandels in Kessen.

Oer Besuch beim hessischen Staatspräsidenten.

Darmstadt, 18. März. Anläßlich des heu­tigen Empfanges der Vertreter des Landes­verbandes des hessischen Einzelhan­dels durch Herrn Staatspräsidenten Dr. Wer­ner wurden die nachstehenden Wünsche des hessi­schen Einzelhandels überreicht:

1. Ein lückenloses Zugabenverbot.

2. Gesetzliche Regelung der Rabattgewährung im Einzelhandel.

3. Sperre für die Reuerrichtung von Waren­häusern, Groß-Filialunternehmungen, Direktläden von Fabriken und Bersandgeschäften.

4. Verbot der Lebensmittelabteilungen und Er­frischungsräume in Warenhäusern und Einheits­preisgeschäften. Verbot aller sonstigen wesens­fremden Qlbteilungen und Veranstaltungen in den Warenhäusern unb Einheitspreisgeschäften, die nur auf Kundenfang hinauslaufen und mit dem normalen Geschäftsbetrieb nichts zu tun haben.

5. Sofortige Unterbindung der Subventionie­rung von öffentlichen Betrieben, Warenhäusern, Groß-Filialgeschäften und Konsumvereinen.

6. Einführung der Phasenpauschalierung der Ämsatzsteuer zwecks Vermeidung steuerlicher Vor­teile der mehrstufigen Betriebe und Erhebung der phasenpauschalierten Ämsatzsteuer beim Hersteller,

um jede steuerliche Ämgehung, z. B. durch den Hausierhandel u. a. zu vermeiden.

7. Senkung des allgemeinen Steuerdrucks, ins­besondere Abbau der Sondergebäudesteuer und Aenderung des hessischen Gewerbesteuergesetzes im Hinhlick auf eine bessere Anpassung an die Be­dürfnisse des Mittelstandes.

8. Gerechtere Verteilung der steuerlichen Be­lastung im Einzelhandel im Sinne einer Erleich­terung für die kleinen und mittleren Betriebe und einer stärkeren Heranziehung der bisher steuerlich begünstigten Warenhäuser, Grvß-Filial- betriebe, Versandgefchäfte, Direltläden und Kon­sumvereine.

9. Alsbaldige Errichtung von Einigungsämtern in Sachen des unlauteren Wettbewerbs in Hessen.

10. Bevorzugung des mittelständischen Einzel­handels bei der Vergebung von öffentlichen Lie­ferungen und Arbeiten. Abbau der zentralen Materialbeschaffung zugunsten des örtlichen Ein­zelhandels.

11. Verbot jedweden Beamtenhandels ein­schließlich des Anpreisens von Waren in staat­lichen und sonstigen Dienstgebäuden.

12. Scharfe Maßnahmen gegen das Äeberhand- nehmen des Hausierhandels, des Wanderlager­unwesens und des illegitimen Privathandels.

MichsbankprasidenL Or. Schacht über seine Aufgabe.

Berlin, 18. März. (WTB.) Deichsbankprä- sident Dr. Schacht hielt heute abend im Rund­funk eine Ansprache, die über alle deutschen Sender übertragen wurde. Der Reichsbankprä­sident erklärte:

Es ist heute nicht mehr die Zeit für lange Reden, es ist die Zeit zu handeln. Das Geld-, Dank- und Kreditwesen ist keine Ange­legenheit, die nach irgendwelchen mathematischen Regeln ein Sonderdasein führt, sondern ist in stärkstem Maße mit den Interessen der natio­nalen Wirtschaft und damit des gesamten Volks­lebens verwoben.

Ls ist deshalb nicht möglich, eine Notenbank zu leiten, ohne mit den politischen Grundsätzen der Regierung im Einklang zu fein.

Aus Meinungsverschiedenheit über die natio­nalen Grundlagen der gesamtpolitischen Führung habe ich genau vor drei Jahren mein Amt als Reichsbankpräsident niedergelegt. Die Befürch­tungen, die ich damals gehegt habe, haben sich leider erfüllt. Willkürliche Beeinflussung von außen her haben den durch die falsche Aus­landsanleihepolitik schon an sich ge­

schwächten Wirtschaftskörper Deutschlands in sol­chem Maße ausgedörrt, daß die Rückwirkungen davon nicht nur im deutschen Volk selbst, sondern' auch im internationalen Wirtschaftsleben schwer fühlbar geworden sind. Als ich vor drei Iahren aus der Reichsbank schied, stand die Bank mit rund 3,3 Milliarden eigenem Gold und Devisen da. Heute beträgt der eigene Besitz der Reichsbank an Gold und Devisen nur den neunten Teil davon. Der Zusammenbruch der Oesterreichischen Credit-Anstalt Mitte Mai 1931 war die bewußt herbeigeführte Folge einer gegen Deutschland gerichteten Politik. Ihr folgte in Deutschland die Kündigung nahezu aller kurz- i fristigen Auslandskredite seitens der auslän­dischen Geldgeber.

von jenem Ereignis bis heute hat die deutsche Volkswirtschaft rund 10 Milliarden Reichs- mark an das Ausland zurückgezahlt. Das ist ein Aderlaß von so unerhörtem Ausmaß, daß er auch auf eine weniger verarmte Volkswirt­schaft, als es die deutsche nach dem Kriege ist, verheerende Folgen ausüben muhte.

Der Junggeselle und das Vaby.

Von Julius Kreis.

Bekommt ein älteres Fräulein durch irgendeinen Ämstand eine Pistole in die Hand, so wird auf dem Antlitz der Dame Furcht, Verlegenheit, Un- behagen aller Art erscheinen und der Waffen­kundige stellt fest, daß das Fräulein von den tausend Arten, eine Pistole in die Hand zu nehmen, bestimmt Die unglücklichste und wider­natürlichste gewählt hat. Ein Mitleider wird ihr den schreckhaften Gegenstand umgehend abnehmen, die Dame wird den angehaltenen Atem wieder strömen lassen und ihrem Retter einen Blick rührender Dankbarkeit schenken.

So ähnlich geht es dem Iunggesellen, dem eine Fügung plötzlich einen Säugling in die Hände spielt. Run sollen Ehemänner ja auch nicht mit stolzgewölbter Brust so tun, als ob sie die Säuglingspslege mit der Muttermilch eingesogen hätten. Auch der glücklichste, der Passionierteste Vater ist für ein kleines Kind kein sanftes Ruhe­kissen, denn jeder Mann, selbst wenn er von Beruf Schlangenmensch wäre, wird mit einem Säugling auf dem Arm seltsam ungelenk und steifleinen, oder wie unsere Ghmnastiklehrerinnen sagen: ungelockert, unentspannt.

Immerhin: Väter gucken doch manches von den Müttern ab, wie man im Umgang mit Wickel­kindern räuspert, wie man spuckt. Die Begabteren können sogar soweit gefördert werden, daß sie während des Windelwechselns das Kleine mit einiger Schicklichkeit halten können. Auch ist bei ihnen natürlich durch den täglichen Umgang mit dem Bambino, durch die ganze Atmosphäre im Haus keine Schock-Wirkung mehr zu befürchten.

Aber sieh da, den Iunggesellen! Anmutig und unbeschwert zieht er durch den Park. Da sitzt auf der Bank vor sich den blinkenden Kinder­wagen eine junge, hübsche Mutter aus dem Bekanntenkreis.

Mit Gruß und liebreizendem Lächeln kann hier nur jemand vorbeihuschen, der kein Herz, sondern einen Stein im Busen hat.

So begrüßt denn der Iunggeselle die Mutter mit ritterlichem Handkuß und beugt sich dann all- sogleich zu dem Wagen nieder, um zunächst in eine Reihe von Bewunderungsexzessen auszubrechen. Es ist das schönste, beste, gelungenste Kind, das seine Augen je erblickt. Die Mutter ermuntert ihn mit keinem Wort zum Beschluß seines Preis­gesangs, sondern erwartet Auge in Auge noch mehr und weiteres an Superlativen. Bis I

ber Junggeselle atmlos erklärt: Olein, wirklich f o ein Kind hat die Welt noch nie gesehen.

Dann ist er eingeladen, auf der Bank Platz zu nehmen, und der Säugling wird aus dem Wagen gehoben. Run beginnt des Iunggesellen schwere Packung. Für ihn, den ewig Blinden, sieht ein Säugling aus wie der andere, oie riechen ein bioujcn wie frische Laugenbrezeln und Puder, sie fühlen sich an wie ein gutgelungener Himbeer­pudding. (Dies natürlich denkt der Iunggeselle, nicht daß es vielleicht einmal einer sagt!)

Der Junggeselle beginnt nun mit dem Säugling jene Konversation, von der alte Männer von Pol zu Pol annehmen, daß kleine Kinder sich Wei unt rhalten. Und merkwürdig, die meisten Säug- liuge, als liebenswürdige, nette Gefeilscht-,- menschen, gehen auch gleich und mit Interesse auf das angeregte Thema ein. Der Junggeselle streckt seinen Zeigefinger gegen das Nädelchen des Kleinen und sagt Bschwschwsch . . . Dabei bekommt das Antlitz von Mädchenhändlern, See­räubern, Sklavenjägern einen Ausdruck von hilf­loser G'schamigkeit, daß sogar der Säugling lächeln muß.

Hieraus schnalzt der Besichtiger mehrmals mit den Fingern und sagt Dada baba!

Qlber bann ist fein Repertoire erschöpft. Das Kleine streckt die Aermchen nach ber blitzenben Drille aus, worauf bie Mutter, weil fic auch anbere gern am lnck teilnehmen läßt, sagt: Wollen Sie es 'mal einen Qlugenb.id halten, dis ich bie Kissen in Orbnung bringe.

2eht ist ber große Augenblick ba. Unb in bie ungelenken, fteiftoerbenben Arme wird bem Jstng- gcfellen ber Säugling gelegt unb ba sitzt ber Qliann nun. in seinem Leben noch nie so schach­matt, so gänzlich einer fremben Macht untertan.

Olud) ber Säugling spürt bie große Bangnis an seinem Behüter. Auch er wirb Durch das Un­behagen angesteckt, verzieht das bisher sonnige Gesicht zur Grimasse und fängt bann durch lein Bschwschwfch mehr zu beschwichtigen zu greinen an. Lassen Sie ihn nur ... sagt die □Hama vom Kinderwagen her. Der Herr aber fdndt einen diskreten Blick auf seine neue Fla­nellhose nieder-.voll Besorgnis. Wie oft toirö ba bem kleinen Kind unrecht getan! Es ist gar nicht so, wie wir Große vielleicht wären, wenn wir so klein fein würben.

Qllle Junggesellen in dieser Situation ziehen nun, wie durch einen Weltvertrag gebunden die Uhr und bringen sie an das Ohr des Säuglings. Der Herr, ber eben noch vor einer Stunbe über Die bibergentiale Fermate ber kulturellen Potenz- loeffijienten gesprochen, sagt voll Lampenfieber: Tik-tak-tik-tak ...

Solche Riesenzahlungen haben uns bennoch nicht vor einer zwangsweisen Regelung unseres Zah­lungsverkehrs mit bem Ausland bewahren kön­nen. Diesem Kontrollzwang allein verdanken wir es, baß bie Wertbestänbigkeit ber Mark aufrecht­erhalten worben ist.

Die Entziehung von 10 Milliarben Mark in einem Zeitraum von weniger als zwei Jahren hat ben Schrumpfungsprozeß ber beutschen Wirtschaft erheblich ver­schärft. Die Aufgaben für eine nationale Rotenbankpolitik ergeben sich baraus von selbst. Wir werben jeben möglichen Weg beschreiten müssen, um bie Reichsbank toieber mit Golb unb Devisen anzureichern. So­lange bie internationale Welt fortfährt, sich un­seren Waren zu versperren, werben wir eine starke eigene Initiative für bie Erreichung dieses Zieles nicht entbehren können. Dabei Darf das Ausland versichert sein, daß wir

unsere kommerziellen Schuldverpflichtungen in vollem Umfange anerkennen.

Ich hoffe aber, daß die übrige Welt gemeinsam mit uns den internationalen Zah­lungsverkehr wieder in Gang bringen wird, ohne ben auch ber Warenverkehr nicht wieder in Gang kommen kann.

Solange indessen die Reigung, unsere Waren­exporte aufzunehmen, in ber Welt so gering ist wie jetzt, ober sogar sich noch verringert, werben

wir nicht unzhin können, der Pflege des in* 1 änbischen Marktes eine weit stärkere Be­achtung zu schenken, als bisher. Wo immer sich produktive Möglichkeiten in Deutschland ergeben, fei es in ber Landwirtschaft, fei es im Gewerbe, wirb Die Reichsbank Hilfsstellung geben. Gerabe ber Initiative unb Verantwortung bes einzelnen tieinen Geschäftsmannes, Fabri­kanten, Landwirts und Unterneh­mers wird jedes mögliche Entgegenkom­men gezeigt werden müssen, nachdem bie Ueberorganifation unb Bureaukratisierung ber großen Konzerne nicht nur soziale, fonbern auch so manche wirtschaftlichen Rachteile ans Licht gebracht hat.

Die künftige Währungspolitik wird ihrer Aus­gabe, die Wertbeständigkeit der Reichsmark zu erhalten, unverändert treu bleiben. Aber sie wird mit größtem Nachdruck daraus ausgehen, diese wertbeständigkeit wieder organisch in einer kraftvollen Wirtschaft zu verankern.

Die gleiche Willensrichtung von Reichsregierung unb Reichsbank wirb ein einheitliches Zusammen­arbeiten im gesamten Finanz-, Bank- unb Kredit­wesen, sowohl bei ben staatlichen, wie gegenüber ben privaten Stellen gewährleisten. Große Ar­beit steht hier bevor. An diese Arbeit wollen wir jetzt Herangehen zum Wohle unseres arbei­tenden unb arbeitswilligen Volkes.

Line neue wiktschaMe AolvewrdMW.

Berlin, 18. März. (WTB.) Der Reichs- präsibent hat eine Notverordnung über Maßnahmen auf dem Gebiet der Finanzen, der Wirtschaft und der R e ch t s p f l e g e er­lassen.

In Kapitel 1 wird baä Besoldungsgesetz behandelt. Die Bestimmung des Besoldungsge­setzes, daß von je drei frei werdenden Planstel­len ber Besolbungsorbnung eine Plan­stelle wegzufallen hat, wird bis zum 31. März 1936 in ihrer Gültigkeit verlän­gert. ba unter ben obtoaltenben Verhältnissen auf die Beibehaltung ber an sich mit dem 31. März b. I. ablaufenben Bestimmung nicht ver­zichtet werden kann. .

Ferner werden die durch die Erste, Zweite unb Dritte Gehaltskürzungsverorbnung ungeordneten Gehaltskürzungen, bie! bis zum 31. Ja­nuar 1934 befristet waren,, zur Erzielung einer einheitlichen Veranschlagung der Besoldungsmit» tel für bas Rechnungsjahr 1933 bis zum 31. März 1 934 verlängert.

Auf dem Gebiet ber Zollverwaltung ent­hält die Rotvecordnung in den Kapiteln Hi unb IV einige weitere Maßnahmen zur Bekämpfung des immer noch äußerst starken Schmuggels, fer­ner Vorschriften zur Aenderung des Gesetzes über das Branntweinmonopol, die auf die Erhöhung ber Zwangsbeimischung von Spiritus zu Treib­stoffen zurückgehen, sowie einige Vorschriften zur Qlenberung bes Salzsteuergesetzes.

In den Kapiteln V bis IX werden Maßnah­men auf bem Gebiet ber Steuerverwal­tung getroffen.

Da bie Lage der Reichsfinanzen einen Verzicht auf die besonderen Linkommensbelastungen. die in den Jahren 1930 und 1931 eingesuhrt wurden, nicht gestattet, bleiben die Zuschläge sowie die Abgaben zur Arbeitslosenhilfe, die auch bis zum Ende des Rechnungsjahres 1933 weiter gelten soll und der Zuschlag der Auf­sichtsratsmitglieder bestehen.

Die bisherige Regelung der Erhebung ber Vermögenssteuer wirb auch auf das Rech­nungsjahr 1933 ausgedehnt. Die Vermögenssteuer beträgt hiernach ebenso wie im Rechnungsjahr 1932 80 v. H. der auf Grund des Vermögens vom 1. Januar 1931 ermittelten Vermögens­steuer für das Rechnungsjahr 1931.

Die Realsteuersperre, die mit dem 31. März d. 2. ablaufen würde, wird auch für

bas Rechnungsjahr 1933 aufrechterhalten, da eine allgemeine Erhöhung ber Realsteuern für bie Wirtschaft unerträglich sein und ben zu ihrer Belebung ergriffenen Maßnahmen zuwiber- laufen würbe. In gewissem Umfang soll aber die Realsteuersperre gelockert werben. Ins- besonbers soll bies der Fall sein, wenn die bestehenden Steuern außergewöhnlich niedrig sind.

Auf. dem Gebiet der F i l i a l ff e u e r gibt die Verordnung die Möglichkeit einer v e r - s ch ä r fu n g. Für Länder, in denen eine warenhaussleuer besteht, wird die Landes­regierung ermächtigt, die Steuersätze der Warenhaussteuer bis höchstens auf das Dop­pelte der bisherigen Steuersätze zu erhöhen und den Kreis der der Warenhaussteuer unterliegenden Betriebe zu erweitern.

Wichtige Bestimmungen enthält die Verordnung über Aenderungen des Münzgesetzes. Die 1-RM. - Stücke sollen künftig aus Nickel geprägt werden. Ferner ist, um den Wünschen des Verkehrs entgegenzukommen, beabsichtigt, bie 5 - R M. -Stücke in einer kleineren Form neu auszuprägen unter Erhöhung der jetzigen Le­gierung von 500/000 auf 900/000 Feinsilber, so bah bie neuen 5--RM.»Stücke ben gleichen Silber­inhalt haben werben, wie bisher. Die 2 - R M. - Stücke werben ebenfalls in einer anderen Form mit einer höheren Legierung neu geprägt. Die 3-RM. -Stücke werden eingezogen und außer Kurs gesetzt. Die entstehenden Kosten werden durch den Verkauf des in den einzuzie- henben l-RM.-Stücken enthaltenen Silbers ge­deckt. Der beteiligten Industrie unb ben Münz­stätten wirb auf einen langen Zeitraum Arbeit gegeben.

Die Verordnung verlängert weiter die Gel- tungdbauer bes Pächterkrebitgesetzes um zehn Jahre.

Unter Zurückstellung ihrer grundsätzlichen Be­denken gegen jede Subventionspolitik hat sich die Reichsrcgierung entschlossen, dem Reichs­präsidenten vorzuschlagen, letztmalig weitere 30 Millionen Reichsmark zur Stützung ge­werblicher Kreditgenossenschaften bereitzustellen.

In diese Hilfsaktion sollen auch in gewissem Um­fang die sogenannten Mittelstandsaktienbanken einbezogen werden.

Aber ber Säugling, zielstrebig von Kinbes- beinen an, trachtet mit seinen Händen nach ber Drille, faßt sie unb klammert sich baran. wie ein geübter Fassgbenkletterer.

Hier hat bie Hilflosigkeit des Junggesellen ben Gipfel erreicht Um keinen Preis möchte et, ber Gute, ben Säugling ober bie Mama durch rauhen Zugriff kränken, er hat gar keine Vor­stellung, in welchem Maß man überhaupt zu einem Kleinkind aktiv sein kann. Schon hat er feine Punktalgläser im Geist geopfert, er gibt keine Bohne mehr für ihre Erhaltung. Da er­schaut Die QUama lächelnd die Situation und sagt: Ach. geben Sie es doch mir. wenn es Ihnen lästig fein sollte ... Wer hätte den Mut, zu sagen: Ihr Kind, Madame, ist mir lästig.

So sinkt die Drille, durch glücklichen Zufall gelenkt, ins grüne Gras unb bie Mama holt nun boch unter zärtlichen kleinen Deschimpfungen bas Kinbchen toieber zu sich, nicht ohne von allen Seiten zu untersuchen, ob inzwischen nichts an ihm kaputt gemacht würbe.

Der Herr vergleiche oben läßt ben an­gehaltenen Atem wieder strömen, Mama ver­gräbt Den Mund in Die Polster ihres Kleinen, inbrünstig schnabulierend, wie an einem besonders lederen Festgericht.

Der Herr, etwas blaß geworden unb nicht ganz unverstört, erhebt sich voll Anstand, aber doch mit leichter Eile. Er macht nochmal mit Dem Singer bschwschwfch, verbeugt sich und sagt zum Abschied: Ein reizendes Buberl, das ...

Es ist ein Mäderl! spricht bie Mama mit einem Dlick, ber kalt wie Stahl burch so einen Junggesellen geht.

Da wandelt er nun dahin, für die nächsten fünf Minuten um Jahre gealtert, ein seines Nichts durchbohrendem Gefühle nur wieder aufgerichtet bei dem Gedanken, daß diese hübsche junge Dame ba vor ihm vor 1000 Wochen auch so ein Säug­ling gewesen, ist. Wie nett sich so was aus-- wachsen kann ...

Deutsches Dorf im brasilranischen Llrwald.

Es gibt kein ergreifenderes Erlebnis für den deutschen Reisenden in fernen Landen, als wenn 61 aHf. irgend eine Siedlung von Landsleuten stößt, in ber sich bie Heimatkultur noch rein erhalten hat. Von bem Besuch eines solchen deutschen Dorfes bei einer Reise durch die bra­silianische Wildnis erzählt Ernst Hoserichter in .Reclams Universum".Zwischen weiten Pflanzungen von Mais, Mandioka unb Zucker­

rohr liegt in Schatten und Sonne ein deutsches Dors", schreibt er.Dor dem Krämerlaben sitzt ein Mann unb lieft in einer beutschen Tages­zeitung. Sein Gesicht könnte ebenso gut hinter einem Gartenzaun Thüringens hervorsehen. Der Großvater wanderte vor 100 Jahren nach Bra­silien aus, ber Vater kämpfte noch ber Wildnis Fußbreite um Fußbreite ab und erst diese Dritte Generation erntet auf kultivierter Erbe... Töpfe, Tassen, Rägel und andere Werkzeuge seines Labens, der hierVende" heißt, sind deutsche Waren. Die Buchführung muß in por­tugiesischer Sprache gehalten sein aber sonst gehen Dorfauf unb --ab nur deutsche Worte. Auf Kirchweihen wirb heimatlich getanzt unb ge­rauft. Vor dem Schulhaus sind Maultiere an­gebunden, auf denen die Kinder der Urwald- kolonisten züm Unterricht reiten. Aus ben offenen Fenstern klingt deutsche Sprachlehre unb summt ein Wanderlieb durcheinander. Sonntags krachen vom Schießstand des Schützenhauses Ähüsse auf oberbayerische Gebirgsscheiben. Hausfrauen neh­men Streuselkuchen aus der Ofenröhre, baden Zimtsterne und kneten Kartoffelklöße. Unb vom ganzen Dorf haben höchstens brei ober vier Einwohner je im Leben beutsches Lanb mit eige­nen Augen gesehen. Im Wohnzimmer hängt bas Bild einer Schlittenfahrt. Eltern unb Kinder nehmen ben Oelbrud an überheihen Tagen von ber Wand unb versuchen sich an bem nie erlebten Schnee unb Eis abzukühlen. In ber Ecke steht ein Klavier. In Metall gegossen sinb auf bem Deckel Mozart unb Beethoven zu iehen. In feuch­ten Zeiten laufen sie an unb schwitzen mit der ganzen Familie um bie Wette. Ein Lied von Schubert liegt aufgeschlagen. Die Tochter muh dem Besuch zu Ehren fingen. Wir bekommen Dier vorgesetzt, bas schätzungsweise eine Tem­peratur von 28 Grad Celsius besitzt. Hinterm Haus, bas unscheinbar auf Der Erde hockt, treibt ein Garten orgiastisch Blumen, Früchte unb Blät­ter burdjeinanber. Und kein Fürst Europas be­sitzt einen Park, ber sich mit so wild geworbenem Wachstum messen könnte. Im Dorfe gibt es brei Familien, bie zusammen 68 Kinber haben, und in einer andern deutschen Kolonie starb 87jähr:g eine Witwe, bie bei ihrem Tobe 11 Kinder, 105 Enkel unb 219 Urenkel hinterließ... In ben beutschen Kolonien wirb bie alte Heimat zu einer Insel, bie in einer Wilbnis schwimmt. Dach, Mauer, Tischtuch, Nachtgebet unb Ehe­ringe sinb herübergerettete Trümmer einer deut­schen Iugend, die schon vom Großvater vorge­lebt wurde. In ben Nachkommen wachsen sie zu Talismanen an, werben gestreichelt unb wie gute Schulzeugnisse hergezeigt..."