Ausgabe 
17.2.1933 Frühausgabe
 
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Aus der Provinzialhauptfladt.

Der ermäßigte Gepäcktarif für Warenproben und Musterkoffer. Dach einer der Industrie- und Handelskammer Siesten von der Reichsbahndirektion Frankfurt am Main zugegangenen Mitteilung werden durch Beschluß der Ständigen Tariflommifsion die Tarifbestimmungen im Deutschen Eisenbahn-Per­sonen- und Depäcktarif Teil I zu einem noch besonder« bekanntgegebenen Zeitpunkt geändert. Die Ermästigung wird künftig nicht nur auf Ge­schäftsreisende, die Warenproben und Muster­koffer mit sich führen, beschränkt, sondern allen Geschäftsreisenden gewährt, die Warenproben und Muster i n Koffern, Korben, Taschen, Stom­meln, Kartons oder anderer handelsüblicher Der- Packung mit sich führen müssen. Hierzu zählen auch die Gegenstände, die zur Vorführung der Warenproben und Muster notwendig sind.

Jedes Gepäckstück, für das die Ermästigung beansprucht wird, muh mit einem deutlichen, dauerhaften Kennzeichen (Buchstabe, Dummer, Firmenbezeichnung oder Wortmarke) versehen sein. DaS Gepäckstück muh die Kennzeichnung selbst tragen. Die Kennzeichen dürfen sich nicht auf Dellebezetteln oder Anhängern befinden, auf besonderer Tafel nur, wenn diese auf dem Ge­päckstück fest angebracht ist. Alle Gepäckstücke eines Reisenden soweit er für mehrere Firmen tätig ist, alle Gepäckstücke für dieselbe Firma müs­sen das gleiche Kennzeichen tragen. Diese Aen- derung der Tarifbestimmungen zieht eine Aen- derung des Vordrucks der Bescheinigung zur Erlangung des ermäßigten Tarifs nach sich.

Von dem noch bekanntzugebenden Tage des Inkrafttretens der Tarifänderung ab dürfen nur die neuen Vordrucke verausgabt werden.

Spende für die Winternothilfe.

Bei der Geldspenden-Sammel stelle des Gießener Anzeigers für die Gießener Winternothilfe wurden von Herrn Karl Jäckel, Landgrafenstraße, als dritte Rate 10 Mark für das Winterhilfswerk eingezahlt.

Weitere Spenden werden jederzeit mit Dank an­genommen.

Vornotizen.

Aus dem S t ad 11 h e a te r b ur e a u wird uns geschrieben: Heute, von 20 bis 23 Uhr, 19. Vorstellung im Freitag-AbonnementDas DreimädetlhauS", Operette in drei Akten mit Musik nach Franz Schubert: Spielleitung: Wrede-Moehl-Väulke. Operettcnpreise. Schülerkarten haben Gültigkeit. Die letzte Aufführung von ShakespearesHamlet" morgen, 15 45 Uhr. Da die Nachfrage nach Karten zu der als SchülervorsteNung geplanten Auffüh­rung auch aus den Kreisen der übrigen Theater­besucher sehr groß ist, hat die Intendanz die Schülervorstellung zur Volksvorstellung erweitert- Spieldauer von 15 45 bis 19 Uhr. Für Schüler Schülerpreise, für Erwachsene Vollsvorstellungs- preise. Die nächste Wiederholung der Operette Das Dreimäderlhaus" findet am Sonntag, 19. Februar, 18.30 Uhr, als Fremdenvorstellung ?u ermäßigten Opereltenpreisen statt. Schüler­arten haben Gültigkeit. Ende 21-30 Uhr.

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Evangelische Pfarrpersonalie. Durch die evangelische Kirchenregierung wurde dem Psarrverwalter Wilhelm Seemann zu Schwickartshausen bei Nidda der Charakter als Pfarrer erteilt.

** Eine Siebzigjährige. Am morgigen Samstag kastn Frau Elise Behrens, wohnhaft Asterweg 16, in geistiger und körperlicher Frischs ihren 70. Geburtstag feiern.

* Arbeitsjubiläum. Heute sind es 25 Iahre, daß der Schneider Hermann Becher, Dammstraße 43 wohnhaft, bei der Firma W. Engelhardt, Plockstraße, beschäftigt ist.

Forstpersonalie. In den Ruhestand versetzt wurde der Förster Iohann Valentin Dayerer zu Gontershausen auf sein Nachsuchen mit Wirkung vom 1. April 1933 ab.

* Schwurgerichtstagung in Gießen. Das Schwurgericht der Provinz Oberhessen wird am Dienstag und Mittwoch nächster Woche in Gießen Sitzungen halten. An beiden Tagen stehen Anklagen wegen Meineids zur Verhandlung.

** Kontingentierung der Schächtun- ?en in Hessen. Der Hessische Landtag hat eschlossen, die Schächtungen in Hessen nach dem Bedarf der rituellen Bevölkerung zu kontingen­tieren. Die Negierung hat nun an die Kreis- ämter die Aufforderung gerichtet, ihr bis zum 1. März den Entwurf einer Polizeiverordnung über die Kontingentierung der Schächtungen zu­gehen zu lassen.

** Tagung des hessischen Gustav- Adolf-Dereins in Friedberg. Der Vorstand des Hessischen Hauptvereins der Gustav- Adolf-Stiftung beschloß in seiner letzten Sitzung, die diesjährige Hauptversammlung am 9. und 10. Iuli in Friedberg abzuhalten. Zu dieser Haupt­versammlung werden bedeutende Vertreter der Gustav-Advlf-Sache aus dem In- und Ausland erwartet.

Große Strafkammer Gießen.

* ® i e ß e n, 14. Febr. Im August v. I. war an einem Sonntagmorgen in der Südanlage an der Stelle, an der die Bismarckstraße auf die Anlage stoßt, ein Kraftwagen mit einem aus südlicher Richtung lommenßen Motorrad zusammengesto- ßen. Durch den Zusammenstoß wurde der Motor­radfahrer, ein junger Mann von etwa 20 Jahren, in weitem Dogen auf die Straße geschleudert und dabei so schwer verletzt, daß ihm in der Klinik ein Bein abgenommen werden mußte. Sein Mit­fahrer, der ebenfalls einige Meter weit geschleu­dert wurde, kam mit inzwischen verheilten Ver­letzungen davon. Wegen fahrlässiger Körperver- Ici/ang in Tateinheit mit Zuwiderhandlungen ge­gen die Bestimmungen der Kraftfahrzeugverord­nung hatte sich heute der Führer des Kraftwa­gens, ein damals seit längerer Zeit im Dienste eines Auto Vermieters stehender Berufskraftfahrer, zu verantworten. Zu seiner Verteidigung gab er an, daß der Motorradfahrer den Zusammenstoß dadurch verschuldet habe, daß dieser auf der fal­schen Straßenseite und mit großer Geschwindigkeit gefahren wäre. Durch die zahlreichen Zeugen wurde aber dem Angeklagten das Gegenteil nach­gewiesen. Der Angeklagte hatte beim Einbiegen von der Dismarckstraße in die Südanlage, Rich­tung Frankfurter Straße, die Kurve scharf ge­schnitten. Anstatt daß et, wie vorgeschricben, um auf die rechte Fahrbahn zu kommen, die Kurve

im weiten Bogen genommen hat, hat er beim Einbiegen in die Sudanlage die jedem Kraftfah­rer geläufigen und von ihm genau zu beachtenden Fahrregeln nicht beachtet, obwohl er gerade ver­möge seines Berufes zur erhöhten Sorgsaltspflicht gesetzlich verpflichtet war. Ein Zeuge bekundete, daß der Zwischenraum zwischen dem linken Bord­stein am Gymnasium und dem von dem Ange­klagten gesteuerten Kraftwagen so schmal gewesen wäre, daß nicht einmal ein Radfahrer hätte da­zwischen durchfahren können. Bei Beachtung der im Interesse der Verkehrssicherheit erlassenen Vorschriften feilend des Angeklagten wäre der Zusammenstoß vermieden worden. Mit Rücksicht auf die Schwere des Verschuldens und die Folgen seiner Pflichtvergessenheit war das Gericht der Ansicht, daß der Strafzweck durch eine Geldstrafe nicht zu erreichen sei, und verurteilte den An­geklagten, dem inzwischen wegen seiner Unzuver­lässigkeit durch die Verwaltungsbehörde auch der Führerschein entzogen worden ist, zu 3 M 0 n a - ten Gefängnis.

Amtsgericht Gießen.

Aus dem Oberbayerischen stammend, ohne festen Wohnsitz und Erwerb, ledig, 29 Iahre alt, 6 6 mal vorbestraft, darunter zirka 40maI wegen Bettelns und Landstreicherei, am 23. (Ja­nuar d. 3. aus der Zellenstrafanstalt in Butzbach entlassen, bereits am folgenden Tage wiederum wegen einer unter sehr erschwerenden Umständen in Gießen in der Nähe des Polizeigebäudes am gleichen Tage verübten Bettelei festgenommen und am 14. d. M. deswegen zu der hochstzu­lässigen Haft strafe von 6 Wochen ver­urteilt. So ungefähr würde ein Auszug aus der Konduitenliste des Angellagten lauten. Dieser hatte bettelnd bei einer Frau an der Flurtüre vorgesprochen. Nur aus Angst, wie sie selbst als Zeugin erklärte, ließ sie ihn in die Küche ein und bewirtete ihn dort. Während der Be­wirtung erklärte er ihr, um sie gebefreudiger zu machen, allerlei Märchen, so wollte er in einem benachbarten Ort seine Frau in einer Scheune sterbend zurückgelassen haben. Nach der Bewir­tung benahm er sich anders, er rief ihr zu, sie wisse wohl nicht, wen sie bewirtet habe, er sei ein Räuber und Dieb, wenn sie ihm nichts ge­geben hätte, würde er ihr mit dem Messer den Hals abgeschnitten haben und deutete dabei in nicht mißzuverstehender Weise auf seine Tasche. Die Frau enthielt sich eines Strafantrags: sie tat aber im Interesse der Allgemeinheit das einzig richtige, namentlich um andere vor ähn­lichen Vorkommnissen zu bewahren. Sie ließ zu­nächst den Bettler ziehen, ohne ihn irgendwie zu behelligen, dann aber meldete sie den Vor­fall unter einer Personalbeschreibung des Täters sofort der Polizei, der es gelang, ihn alsbald zu verhaften. Neben der Strafe erkannte das Gericht auf Ue&ertoeifung an die Landespolizei­behörde, die dadurch befugt ist, diesen gewalt­tätigen Menschen bis zu 2 Iahren in einem Arbeitshaus oder dergleichen unterzubringen und auf diese Weise die Bevölkerung, wenigstens auf einige Zeit, vor ihm und seinen Brutali­täten zu schützen.

Drei Polizeiwachtmeister fuhren in einer Nacht auf Fahrrädern durch die Stadt, und zwar aus dienstlichen Gründen ohne brennende Laterne. Ein junger Mensch, der ihnen begegnete, rief sie mit den Worten:Ihr Bauern" an. Der von dem Angeklagten bestrittene Wortlaut der Aeußerung ist durch beeidigte Zeugnisse ein­wandfrei nachgewiesen. Auch ihr beleidigender Charakter steht außer Zweifel, und er konnte mit seiner Verteidigung nicht gehört werden, er habe nur sagen wollen, auch die Bauern dürften bei landwirtschaftlichen Fahrten ihre Fuhrwerke bei Dunkelheit unbeleuchtet lassem Der von ihm an­geblich beabsichtigte, übrigens kaum zutreffende Vergleich hätte, um straflos zu sein, in ganz andere Worte gekleidet werden müssen. So aber erhielt der Angeklagte wegen Beamtenbeleidi­gung eine Geldstrafe von20Wark. Straf­mildernd kam in Betracht, daß er immerhin über die unterlassene Beleuchtung, die Gefahren für die Passanten in sich geborgen habe, unge­halten gewesen sein mag.

Ein schon einige Male verwarnter, auch wegen der nämlichen Uebertretung vorbestrafter Fa­brikant wurde wegen Störung der Sonntagsruhe zu einer Geldstrafe von 10 Mark verur­teilt. Er hatte an einem Sonntagbormittag sein Auto für eine Fahrt am Nachmittag reinigen lassen. In der Verhandlung suchte er einen Notstand zu konstruieren, widersprach sich aber in seinen eigenen Angaben derart, daß von einem solchen keine Rede sein konnte. Daß er den Knecht für seine Arbeit besonders entlohnte, änderte an der Uebertretung nichts.

OberheUche provinzia'I-rgung der Zei ttumspariei.

WSN. Friedberg, 16. Fcbr. Die Zen­trumspartei Oberhessens ocrar.ftaCcte hier als Auftakt für die kommende Wahl eine gutbesuchte Vertretertagung, die von dem Land- tagSabgcorbneten Weck 1 er (Rackenberg) gelei­tet wurde. Reichstagsabgeordneter Dr. B 0 ck i u s (Mainz! hielt ein Referat über die politische Lage, in dem er die Zentrumspolitik der letzten 14 Iahre verteidigte, die eine Opferpolitik zur Rettung der deutschen Einheit gewesen sei. Durch die Wahl vom 5. März müsse eine Mehrheitsbildung ohne Zentrum unmöglich gemacht werden. Da bei den jetzigen Regierungsparteien in entscheidenden Fragen gegensätzliche Au sassungen beständen, er­wachse bei der Inangriffnahme praktischer Maß­nahmen die Gefahr scharfer Spannungen. Zur Frage des Vollstreckungsschutzes bemerkte der Red­ner, daß' er in der Hauptsache wieder dem ost- elbischen Großgrundbesitz zugute komme. Die Pa­role des Zentrums sei auch in der Zukunft der Kampf für christliche Kultur und soziale Gerech­tigkeit.

Oer Darmstädter Volksbankprozeß.

WSN. Darmstadt, 16. Febr. In der heu­tigen Sitzung des Dolksbankprozesses wurde das Verfahren gegen den Angeklagten Krämer wegen Erkrankung zunächst abgetrennt. Auf Anregung des Zeugen Mager beschloß das Gericht, diesem Einsicht in die früher von ihm geführten Bücher über die Effektengeschäfte des Direktors Becker zu gewähren und dadurch älnklarheiten zu beseitigen. Die weiter als Zeu­gen vornommenen Bankbeamten Fink und D a tz bestätigten im wesentlichen die Aussagen der

früher gehörten Bankangestellten über die Ekfek- tengeschäfre des Vorstandes und einzelner Auf­sichtsratsmitglieder. Anschließend wurden bann vom Vorsitzenden die großen Konten bei der Volksbank einer eingehenden Darstellung unter­

zogen unter besonderer Herausarbeitung der star­ken Differenz zwischen Kredit und Sicherheit. Diese Darstellung soll am Freitag fortgesetzt werden unter näherem Eingehen auf die Konten der verschiedenen Baugenossenschaften.

Die Welt des Spielzeugs.

Oie Stadt Sonneberg veranstaltet eine Ausstellung.

Von $. W. Henrich.

Die im Mittelalter sehr wichtige und stark be­lebte Handels* und Heerstraße von Nürnberg nach Leipzig führte über den Südthüringer Wald hin­aus zuin Rennsteig. Steinfabrikation war die älteste Industrie der Waldbewohner. Schiefertafeln, Mar­melsteine und Griffel kommen daher. Steiner, Koh­ler, Scheier, Horn, Löffler, Schindhelm, Sieder, Schelhorn heißen die Leute heute noch. Viele tra­gen Tiernamen: Wolf, Geyer, Eichhorn, Haas, Specht, Rebhan usw. Ackerbau ist nur wenig da. Da die Nürnberger auch allerhand Spielzeug nach Leipzig brachten, machten sich das die Waldbewoh­ner zunutze und beteiligten sich an der Anferti­gung von Holzpuppen, den sogenannten Docken. Dann stellten sie auch Spanschachteln her, geschnitzte und bemalte Reiter, Pferdchen, Schäfchen, Wiegen, Engel, Wägelchen, Esel und Soldaten. Das trug doch wenigstens etwas Verdienst in die arm­seligen Hauser, in denen die kinderreichen Familien lebten. Von Geschlecht zu Geschlecht verstärkte sich der Sinn für die H e r ft e 11 u n g p 0 n Spiel­zeug, die reizvoller war als die Anfertigung von Tellern, Schüsseln, Lotteln, Mehlkübeln, Salzmetzen und Schindeln. 1735 ist Kinderspielzeug in einigen dreißig Mustern in Sonneberg, der heutigen süd­lichsten Kreisstadt Thüringens, vertreten, das da­mals schon jährlich zwölftausend Zentner an Gü­tern, aber nicht nur Spielwaren, nach auswärts lieferte.

Immer mehr neue Berufe entstanden, die Kuckucks­macher, die Drechsler, die Geigenmacher, die Trom- melmacher, die Wägeleinsmacher, die Schisflein- schnitzer, vor allem die Bossierer, die Wismuthmaler, die Dockenmacher, die Holzmaler usw. Das alles neben der Glasindustrie und der Fabrikation von Christbaumschmuck. 1807 erfand Johann Friedrich Müller das Papiermache, eine Mi­schung von Mehl, Leim und Papier, das sich be- sonders für die Herstellung von Puppen- und Tier­bälgen eignete. Zu den bisherigen Berufen kamen nun dieDrücker", Augeneinsetzer, bann Karton­macher, Modelleure, Packer, Einbinder und nicht zu­letzt der Frachtfuhrmann. Ende des 18. Jahrhunderts kamen jährlich etwa 160 000 Taler Geld ins Land, davon über 80 0 00 Taler f ü r Spielwaren allein. Die Arten des Spielzeugs wurden immer mannigfaltiger. Nun wurden auch Pfeifen, Flöten, Waldhörner, Nußknacker, Dukatenmännchen herge- ftellt. 1826 stieg der Absatz auf 18000 Zentner von etwa tausend Arten Spielzeug. Don 1851 an nahm die Puppe eine besondere Stellung ein. Die Lei­stungsfähigkeit Sonnebergs wurde auf den Welt­ausstellungen 1893 in Chicago, 1900 in Paris, 1904

in 6t Louis und 1910 in Brüssel durch Kollektiv­gruppen erwiesen.

Zu den neueren Arten Spielzeug gehören dann die mechanischen, die Brett- und Kuousspiele, die Baukästen, Attrappen (Behälter für Konfekt usw.) und schließlich Masken und Karnevals­artikel, ferner die gestopften Tiere, vor allem Teddybären, Groteskpuppen für die Sofaecke. 1913 hatte die Weltproduktion an Spielzeug einen Wert von 230 Millionen erreicht: Sonneberg stellte da­von für 45 Millionen Mark Spielzeug her. Die In­flationszeit wurde für den Export besonders gün- ftig. Heute liegt die Südthüringer Spielzeugindustrie, an der die Sonneberger Bevölkerung zu 90 Prozent beteiligt war, schwer darnieder.

Sonneberg besitzt aber einen kostbaren Schatz, das Deutsche Spielzeugmuseum, in dem über hunderttausend Artikel ausgestellt sind, das bedeutendste Museum dieser Art, das es auf der Welt gibt, und das Spielzeug aus allen Zeiten, vom altägyptifchen Pferdchen bis zur modernsten Künstlergruppe und aus aller Herren Ländern be­sitzt. Amerikaner, Engländer, Holländer waren bis in die jüngste Zeit alljährlich nach Sonneberg ge­kommen, um sich neue Muster an Spielzeug an- zuschauen und die Ware zu bestellen. Jetzt ist es still geworden. Die Not sitzt in den Häusern. Der Hunger fordert seine Opfer. Der Kreis Sonneberg mit seinen 80 000 Einwohnern ist Not gebiet geworden. EineSonneberger Spielzeug- schau 1 9 3 3 mit Sonderausstellung" wird dieses Jahr in Sonneberg unter dem Protek­torat des Reichspräsidenten v. Hindenburg von April bis September veranstaltet. Sie soll auf die südthüringer Spielzeugindustrie besonders Hinwei­sen und wird vor allem das Spielzeug zeigen, das in Südthüringen hergestellt wird. Man wird da staunen über die Vielfältigkeit des Sonneberger Spielzeugs. Die angefchloffene Sonderfchau wird Produkte der bedeutenden Glasindustrie, der Por­zellanfabrikation und der Christbaumschmuckherstel­lung aufweisen und auch einen Einblick in das Schaf­fen der Sonneberger freien Künstler gewähren.

Wer dieSonneberger Spielzeugschau 1933 mit Sonberaußftellung" besucht, hilft der notleidenden Bevölkerung des Kreises Sonneberg; er wird aber auch neben dem Besuch der Ausstellung und des Spiel­zeugmuseums wahrnehmen, daß Sonneberg sich einer herrlichen Lage am Südhange des Thüringer Waldes erfreut und den Ausgangspunkt zu den reizvollsten Ausflügen im grünen herzen Deutsch­lands bietet.

Buntes Allerlei.

Wie entstehen Explosionen?

Die furchtbare Katastrophe im Saargebiet hat glücklicherweise in der Geschichte unserer Kata­strophen kaum ihresgleichen: die Explosion in der Landsberger Allee zu Berlin, die vor fünf Iah­ren vor sich ging, läßt sich an Ausmaß und Scha­den mit diesem ilnglück nicht vergleichen. Aehn- lich furchtbar aber war die Explosion, die sich im Iuli 1926 in Lake Denmark im Staate der ame­rikanischen Union New Iersey ereignete und bei der zahlreiche Menschenopfer und ein Verlust von über 100 Millionen Dollars zu beklagen waren. Drei Ortschaften wurden damals vernichtet. Heber das Wesen dieser Vorgänge, die so ungeheure Kräfte auslösen, ist man lange im Unklaren ge­wesen. Die ersten ilntersuchungen stellte der große englische Chemiker Humphry Davy an. Er fand das Gesetz, daß jede Flamme als die Verbren­nung einer explosiven Mischung von Gas oder Dampf und Luft zu betrachten sei. Es handelte sich nun darum, das Fortschreiten einer Flamme durch eine explosive Mischung von Gasen genau zu beobachten, um der Entstehung der Explosion auf die Spur zu kommen. Diese Versuche waren natürlich überaus gefährlich, und manches Leben ist ihnen zum Opfer gefallen. Erst der berühmte französische Chemiker Derthelot hat gegen Ende des 19. Jahrhunderts die grundlegenden Unter­suchungen durchgeführt, die zeigten, wie eine Ex­plosion entsteht. Witt man die Fortpflanzung von Flammen durch explosive Gasgemische be­trachten, so muß man zwei Phasen unterschei­den. Wird eine solche Mischung entzündet, so breitet sich die Flamme auf eine Entfernung von wenigen Fuß zunächst mit ziemlich gleichförmiger fangfamcc Geschwindigkeit ausO Man hat diese Geschwindigkeit beim sog. Knallgas auf 35 Meter in der Sekunde berechnet. Das ist die Anfangs­stufe, die man als Entzündung bezeichnet. Hat die Flamme diese Sircae durchmessen, so gerät sie ins Zittern: die Schwankungen werden immer stärker und stärker und schwingen rückwärts und vorwärts mit Bewegungen von wachsender Aus- schlagsgroße. Dann erlischt die Flamme entweder oder sie rast nun mit einer großen, stets zuneh­menden Geschwindigkeit vorwärts, und dann ent­steht das, was man alsDetonation" bezeichnet. Die Vorwärtsbewegung der Flamme heißt Ex- plosionswette, und von ihr werden dann die furchtbaren Zerstörungswirkungen hervorgeru­fen. Derthelot hat das Gesetz aufgeftellt, daß die Geschwindigkeit der Cxplosionswelle von der Länge der durchschlagenden Gassäule unabhängig ist und daß sie für ein und dieselbe Gasmischung unter bestimmten physikalischen Bedingungen stets einen festen Wert besitzt.

Wie $rou Roosevelt sechs Oinge auf einmal tut.

Eine bemerkenswerte Geschäftigkeit sott die Gattin des neugewählten amerikanischen Präsi- deuten, Frau F. D. Roosevelt, nach dem Bericht eines Neuhorker Blattes entfalten. Sie ist zu gleicher Zeit Lehrerin, Leiterin eines Möbelgeschäftes, Herausgeberin einer Zeitschrift, Schriftstellerin, eine beliebte Rednerin in öffent­lichen Versammlungen und Mitarbeiterin von Fürsorge-Organisationen. Keins dieser sechs Tä­tigkeitsgebiete hat sie aufgegeben feit der Wcchl ihres Gatten, sondern genügt den an sie heran­tretenden Repräsentationspflichten noch nebenbei.

Das Geheimnis ihrer erstaunlichen Arbeitsleistung sieht sie selbst darin, daß sie ihre Zeit einzuteilen weiß und keine Minute untätig ist. Sie benutzt niemals den Lift in ihrem Hause, sondern rennt die Treppen herauf und herunter, weil sie findet, daß sie dann schneller vorwärts kommt. Sie besorgt alle ihre Telephongespräche selbst und lieft oder schreibt während ihrer Fahrten. Stets hat sie eine ganze Ladung von Manuskripten und Büchern bei sich und 0erfaßt viele ihrer Reden erst in der Droschke, mit der sie zu der Versammlung fährt. Im Innern der Stadt be­dient sie sich mit Vorliebe der Untergrundbahn, wett sie erprobt hat, daß sie so schneller vor­wärts kommt als im Kraftwagen.Ich habe in letzter Zeit viele Briefe bekommen, die mir vor­werfen, daß ich andern Leuten die Arbeit weg­nehme", sagte sie.Aber dieser Vorwurf wäre nur dann richtig, wenn ich etwas tun würde, was auch andere tun können. Das ist aber nicht der Fall. Meine Tätigkeit an der Todhunter- Schule z. B-, wo ich sechs Stunden in der Woche gebe, hat dazu geführt, daß viele andere Arbeit erhalten haben. Die Lehrerzahl hat sich seitdem verdoppelt." Frau Roosevelt wird nur eine ein­zige persönliche Sekretärin mit ins Weiße Haus nehmen, Malwina Thompson, die schon seit zehn Jahren ihr bei ihren Arbeiten hilft.Frau Roosevelt ist ihrem ganzen Temperament nach überaus beweglich und stets in einer glücklichen gleichmäßigen Laune", sagte diese Dame.Da­durch, daß sie nur selten an sich denkt und stets nur ihre Tätigkeit im Kopse hat, wird fie den ganzen Tag über wie durch einen inneren Motor angetricbcn. Für Vergnügungen oder Einkäufe hat sie nicht viel Zeit, und wenn sie sich ihre Toiletten besorgt, so lauft sie die Garderobe für ein ganzes Iahr an einem Nach­mittag."

Oas vergeßliche kleine Mädchen.

Ein kleines Mädchen in Nairobi (Kenialand, Ostafrika) ist der einzige Mensch, der wußte, wo sich eins der reichsten Goldfelder des neuen Gold- landcs Kakemaga befand und unglücklicherweise hat sie den Ort vergessen. Ihr Vater ist ein Bergwerksingenieur und war mit seiner Familie zu einer Suchreise nach den Goldfeldern aufge­brochen. Er machte an verschiedenen Stellen Halt, um Gesteinsproben mitzunehmen. Seine Tochter, ein elfjähriges Kind, vergnügte sich da­bei, ebenfalls solche Steine in der Timgegend zu- sammeln. Als der Vater am Abend die während des Tages genommenen Proben untersuchte, fand er nichts, was auf besonders reiche Spuren des kostbaren Wetalles führte. Aergerlich hatte er gerade seine Arbeit beendet, als das Mädchen, das unterdessen mit den von ihm gesammelten Steinen gespielt hatte, sagte: .Papa, sieh dir doch das hier mal anl Dabei Überreichte sie dem Vater ein Stück Quarz. Der Ingenieur erkannte sofort, daß hier .das Richtige" vorlag, nämlich das Stück goldhaltigen Quarzes, das die größte Goldmenge aufwics, das er je gesehen hatte. .Wo hast du denn das aufgelesen?" fragte er c;tfgeregt Aber die Kleine konnte ihm keine Auskunft geben. Sie hatte ihre Steine so zufällig und auf einem so weiten Gebiet gesammelt, daß eS ihr unmöglich war, sich zu erinnern, woher diese kostbare Probe stammte. Der Ingenieur hat bisher vergeblich nach der verborgenen Goldquelle gesucht an der er so nahe vorüberging.