Ausgabe 
12.5.1933 Erstes Blatt
 
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Oie stummen Gäste von Zweilinden

Roman vonAnny vonpanhuyet.

Copyright by Belletristische Korrespondenz Bechthold.

38 Fortsetzung. Nachdruck verboten I

Endlich konnte der alte Herr ihr gurufejt:Aber, Catalina, mit welchem Rechte sprichst du von Din­gen, die ich dir nur anvertraute, weil ich wollte, du solltest rücksichtsvoll gegen unsere arme Angela sein, die sehr unter der Erkenntnis litt, wie schnell sie von dem Manne vergessen wurde, den sie liebte. Sie ge­stand mir ihr Leid, ihren großen Kummer, aber du durftest nicht darüber reden."

Keiner von ihnen merkte, daß Angela, die doch versprochen, nachzukommen, ihnen schon ganz dicht folgte und die letzten Sätze der heißblütigen Catalina vernommen hatte. Sie yörte Konrad von Zweilin- dens Stimme sagen:

' ,Lch bin der jungen Dame, obwohl sie wenig glimpflich mit mir umgegangen, sehr dankbar für ihre Offenheit, die besonders den Borzug hat, gleich alle Irrtümer aus dem Wege zu räumen. Ich komme mir jetzt vor wie ein Angeklagter, dem sein Bergehen vorgehalten und der sich nun verteidigen darf. Meine Verteidigung ist kurz. Ich mußte in Barcelona aus Gründen, die ich einsah, mit Rücksicht auf meine Mutter, meinem Liebesglück entsagen. Wie schwer mir das wurde, will ich nicht betonen, aber ich bin nicht verlobt. Ich kenne die Baronesse Rückert, die man meine Verlobte nennt, seit Jahren, und ihre Eltern sowie meine Mutter sähen es gern, daß wir ein Paar würden. Ich liebe immer noch Angela; die Baronesse aber liebt einen anderen Mann, und um uns vorläufig Ruhe vor den Familienwünschen zu verschaffen, spielten wir ein einiges Paar. Wenn wir zusammen sind, schwärme ich ihr von Angela vor und sie mir von dem Inspektor ihres Vaters. Gegen unsere offizielle Verlobung haben wir uns aber beide zur Wehr gesetzt. Im Herbst soll sie stattfinden, wir hoffen beide, bis dahin wenigstens einen Weg gesunden zu haben, wie die Baronesse zu ihrem Glück kommen kann; für mich besteht ja leider keine Aussicht dazu."

Der Pfarrer und Catalina tauschten beide einen langen Blick. Was Konrad Zweilinden vorgebracht hatte, um die Anklage zu entkräften, klang alles wahr und echt. Auch Angela, die ihnen auf leisen Sohlen folgte, dachte, wie sie dem geliebten Manne

doch so bitteres Unrecht zugefügt hatte. Ihr Herz klopfte stürmisch, und ihr Antlitz brannte. Oh, wenig­stens hatte er doch das Andenken an ihre schöne Liebe nicht geschändet. Er liebte sie noch, und sein Sehnen und Verlangen galt keiner anderen. Wie wundervoll das war!

Der Pfarrer sagte laygsam:Daß Ihnen Angela einen anderen Namen nannte als den, unter dem Sie Angela gekannt, geschah mit voller Berechtigung. Sie heißt von ihrer Mutter Landa, von ihrem Vater Figueras, denn Senjor Esperao war nur ihr Stief­vater. Ihr Vater, der schon vor ihrer Geburt starb, hieß Figueras. Seine Frau heiratete später den Deutschen, der so sehr an dem Mädchen hing, daß er ihr erst dicht vor seinem Tode mitteilte, daß er nicht ihr leiblicher Vater war."

Der Pfarrer erschrak, und Catalina riß die schönen großen Augen noch weiter auf. Was war denn nur plötzlich in Herrn von Zweilinden gefahren? Er blickte sie ja beide so überaus strahlend an, als hätte er eben die allerschönste Nachricht der Welt gehört. Er sah aus, als wüßte er vor toller Freude gar nicht aus noch ein. Und nun faßte er, stehenbleibend, nach den Händen des Pfarrers, drückte sie mit V> wohetuender Innigkeit, daß der alte Herr einen leich­ten Schmerzenslaut nicht zurückhalten konnte.

Oh, Herr Pfarrer", begann er endlich atemlos, wissen Sie denn, daß Sie mir eben eine wahre Himmelsbotschaft gegeben haben. Er war ja der ein­zige Hinderungsgrund zu unserem Glück, zu unserer Vereinigung, dieser Nome, den Angela getragen. Nur weil Angela die Tochter des Grafen Speerau oder wie er sich in Spanien nannte, des Senors Ejperao war, wandte sich meine Mutter gegen mein Glück. Die Tochter jedes anderen Mannes wird sie Sern als Braut ihres Sohnes willkommen heißen!

m Himmels willen, wo ist Angela? Ich muß sie so­fort sprechen, jede Minute ist kostbar, jede Minute ist ein Diebstahl an unserem Glück."

Plötzlich rief es laut hinter ihm:Konrad, mein Konrad!" Als er* sich umwandte, stand Angela da, in der düsteren Trauerkleidung von geradezu hin­reißender Schönheit, und blickte ihm mit tränen­überströmten Augen und dem wundersamsten Lie­beslächeln der Welt entgegen. Er vergaß den Pfarrer und die schöne, temperamentvolle Catalina und eilte mit schnellen Schritten auf die Wartende zu, riß sie an sein Herz und küßte sie, glücklich, über­glücklich vor Seligkeit.---

Am nächsten Tage gab es mit Molly Rückerts Vater einen bösen Aurftritt. Konrad Zweilinden be­hauptete, er habe sich in die eine Spanierin, die jetzt in Schloß Wiesental wohne, bis über die Ohren ver­liebt. Als offener Mensch dürfe er Molly nicht an­

lügen, es fei besser, einen Irrtum vor der Ehe ein- zusehen, als nachher, wenn es zu spät wäre. Zum Glück hätte ja noch keine offizielle Verlobung mit Molly stattgefunden.

Der sehr jähzornige Baron tobte förmlich. Er er­regte sich:Sie haben mein Mädel blamiert, kom­promittiert und lächerlich gemacht, Herr von Zwei- linden. Ich werde Molly rufen, sie mag Ihnen er­klären, für was sie Sie hält."

Da mußte nun Molly herbei. Sie tat bestürzt, die kleine Komödiantin, warf Konrad Zweilinden ein paar verständnisvolle Blicke zu und grollte tief em­pört:Niemals hätte ich dir dergleichen zugetraut, Konrad, niemals! Aber aufdrängen will ich mich dir nicht, heirate nur die Spanierin mit den schwarzen Augen. Ich habe sie n.ulich gesehen. Aber blamiert und kompromittiert hast du mich wirklich, ich schäme mich vor allen Leuten/' Sie wandte sich mit verstell­ter Zitterstimme an den Vater.Du, ich habe es schon lange bemerkt, der Inspektor liebt mich; man müßte ihm ein bißchen entgegenkommen, jetzt, wo ich wieder frei bin. Denn, wenn ich mich möglichst schnell mit ihm verloben würde, gäbe es keinen un­nötigen Klatsch."

Sie weinte jetzt vor Angst, ihre Komödie, die sie ein Stündchen zuvor mit Konrad Zweilinden ver­abredet, könnte mißlingen. Sie schluchzte:Alle meine Freundinnen werden zischeln und lachen, wenn Konrad mich nun sitzenläßt und ich ertrüge das nicht. Lieber möchte ich nicht mehr leben! Glaube nur Vater, Joachim Werbeck liebt mich, und ich könnte ihn auch gern haben, denn Konrad hasse ich jetzt. Und, und"

Sie schluchzte zum Steinerweichen.

Der alte Polterer brüllte Konrad Zweilinden an: Gehen Sie zum Deibel, Sie Windhund, der mit sonem armen Jungmädchenherzen Fangball gespielt hat, und eilen Sie sich ein bißchen, ich will Sie nicht mehr sehen!"

Konrad blinzelte Molly zu und beeilte sich, der freundlichen Aufforderurig Folge zu leisten.

Acht Tage später teilten Karten des Barons Rückert allen Freunden und Bekannten die Ver­lobung seiner einzigen Tochter Molly mit dem Guts- injpektor Joachim Werbeck mit. Wie er eigentlich da­zu gekommen, sichben langen Lulatsch" als Schwie­gersohn auszusuchen, war ihm selbst nicht ganz klar.

Es war Molly also gelungen, was sie bezweckt; und hinter dem Rücken ihrer Eltern ging sie nach Wiesental und umarmte die schöne Spanierin als Freundin.

Wenn wir erst verheiratet sind, der Joachim und ich, setze ich dem Vater die Wahrheit vor", lachte sie, dann kann er nichts mehr dagegen unternehmen

und söhnt sich auch mit Konrad aus, und wir kom­men alle zu eurer Hochzeit."

Strahlend vor Glück brachte Konrad die geliebte Angela zu seiner Mutter, die er vorbereitet hatte; und sie zog das dunkellockiae Mädchen an ihre Brust und segnete es mütterlich, bas ihr Sohn liebte, denn in den Adern des schönen Geschöpfes rann ja kein Tropfen von dem Blute des Grafen Speerau, den sie einmal so sehr geliebt und dann bitter gehaßt.

Sie hörte von Angela, auf welche Weise er aus der Welt gegangen, und da zog es durch ihr Herz wie Vergeben.

Aber sie wußte nicht, um wieviel größer seins Erdenschuld noch war, und es würde nun für immer ein Geheimnis bleiben, wer es gewesen, der dort, wo das Kreuz am Wege stand, die Mordwaffe er­hoben. Weder sie noch Angela würden jemals darauf verfallen, wie nahe sie beide dem Mörder gewesen und daß Wulf Speerau deshalb im blauen Mittel­ländischen Meere seinen sündigen Leib hatte reim waschen wollen von aller Schuld.

26.

Ein kleiner Beamter im Städtteil Coll Blanch in Barcelona war offiziell Angelas Vormund, aber er hatte seine Pflichten gern an den Pfarrer Dasella abgegeben, und wie em guter Vormund beriet der Pfarrer nun mit Konrad Zweilinden und besten Mutter wegen Angelas Hochzeit.

Angela erwähnte dem Pfarrer gegenüber eines Tages die seltsame Geschichte des Schlosses.Sie haben ja gestern die Geschichte von den stummen Gästen von Zweilinden gehört, Senjor Cura, nicht wahr? Ich wünsche mir brennend gern, dieser alte, eigenartige Spuk fände sich an meinem Hochzeits­tage auch zum Mahle pünktlich ein."

Frau Bettina machte eine Bewegung der Abwehr. Wünsche dir das nicht, mein liebes Kind, denn ich gebe dir die Versicherung, ich hatte schon mehr­mals das sehr zweifelhafte Vergnügen des Besuches dieser Gäste, und ihr unsichtbares Erscheinen hatte stets Unheil im Gefolge. Mir graut ehrlich vor ihnen! Ich wünsche von Herzen, sie ließen sich nie­mals mehr in unserem Bankettsaal nieder. Seil mein Mann im vorigen Jahre an unserem silbernen Hochzeitstage so jäh verstarb, sind sie nicht mehr be- mertt worden, aber mir ist es, als ob man sie schon dadurch aufscheuchen könnte, daß man von ihnen spricht. Das letztemal sprach Molly Rückert von ihnen, meinte genau wie du, sie wünsche, daß diese stummen Gäste erscheinen möchten; und sie tarnen bann auch wirklich."

(Fortsetzung folgt.)

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