Ausgabe 
10.11.1933 Erstes Blatt
 
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10. Fortsetzung.

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Ein Anruf am Telephon bat Madien am nächsten Tag zur Mutter. Es war Madien keineswegs sehr wohl zumute, als sie den Weg dorthin einschlug. Grude hatte sich erboten, ihr den Wagen zur Ver­fügung zu stellen. Aber sie wollte Zeit gewinnen. Wahrscheinlich würde ihr die Mutter von Christa» Nachricht sprechen.

Sie legte sich jetzt schon alles zurecht, was sie sagen würde. Die Hauptsache blieb, daß sie sich gren-" zenlos erstaunt zeigte und keine Blöße gab. Wenn sie sich nicht selbst verriet, konnte ihr niemand etwa»

geschrien? Aber nein, Madlen. Das hast du wirk­lich nur geträumt"

oie sah auf den Stoß ausgeschnittener Hüllen und ließ die Augen darauf ruhen.Nichts vonBelang?* fragte sie, aber ihre Hände zitterten, als sie einen der Briefe aufnahm.

Nichts! Nein! Ich habe sie bis zum letzten durch­gesehen. Es wäre lieb, wenn du mir den Dank für all die Gratulationen abnehmen würdest Es sind fast durchweg solche. Das Geschäftliche erledige ich selbst.

In ihrem Gehirn tanzte alles durcheinander. Er schob ihr den Stoß zu und wunderte sich, wie hastig sie ihn an sich nahm und damit aus dem Zimmer verschwand. Er^mußte lachen über ihren Eifer und ihre Neugier. Sie war eben doch noch ein große» Kind.

. Hülle für Hülle legte Madien vor sich hin. Der eingeschriebene Brief von Christa war nicht dabei. Eine jähe Angst überfiel sie. Wo war er? Wer hatte ihn an sich genommen? Lena? Aber die war ja viel zu gewissenhaft, um einen Bries, der ihrem Chef gehörte, zu öffnen ober ihn gar verschwinden zu lassen. Wer dann? Rolf ? Ausgeschlossen'

Dann kamen ihr Zweifel. Vielleicht doch! Wenn er den Zusammenhang ahnte? Wenn er von dem Bries, den sie unter die angekommene Post zu Hause geschmuggelt hatte, daraus schloß, daß auch Felir einen bekommen haben mußte?

Sie wollte nach Lena klingeln und wagte es nicht, in der Furcht, sich selbst eine Blöße zu geben, wenn sie fragte, ob Rolf etwa hier gewesen und Felix' Korrespondenz durchgesehen hatte.

Wenn wirklich, erfuhr sie cs noch früh genug. Denn Rolf war der Letzte, der sein Wissen hinter dem Berge halten würde. Aber beweisen konnte ihr nimand etwas. Niemand konnte mit Gewißheit be­haupten, daß sie die beiden Briefe zurückgehalten hatte. Auch Rolf nicht.

Es ging schon gegen Mitternacht, als Grude aus seinem Zimmer herüberkam, um nach ihr zu sehen. Sie saß noch immer in der Ecke des Diwans und blickte ihm aus unsicheren Augen entgegen.

Es war ein unheimliches Gefühl, ein Verhängnis über sich schweben zu wissen, von dem man nicht sagen konnte, wie oder wann es über einen herein- brach.

Zehn Tage nach der Trauung kam Dr. Grude mit seiner jungen Frau nach Wien zurück.

Lena hotte den Wagen an die Bahn geschickt und dunkle Rosen in die Vasen des Eßzimmers gesteckt. Das Wetter war nicht gerade dazu angetan, große Wiedersehensfreude auszulösen. Unaufhörlich rieselte der Regen an den Scheiben herab.

Auf Der Straße liefen die Passanten unter ihre Schirme geduckt und die vorüberflitzenden Autos verspritzten ganze Sturzbäche nach allen Seiten.

Als der Wogen vor dem Tor hielt, drückte Lena oben bereits die Hand auf die Klinke der Flurtüre. Sie wagte es nicht, in die Halle des Treppen­hauses zu treten. Ihr Gesicht war bleich. Er mußte es sofort bemerken. So blieb sie im Halbdunkel des Ganges stehen und horchte, wie die Schritte der Ankommenden den ersten Absatz der Treppe nah­men.

Die junge Frau lief dem Manne voran. ,.Da sind wir, Lena!"

Deren Hände waren wie Eis, als sie sich Madlen entgegenstreckten.Herzlich willkommen, Frau Dok­tor!"

Diese lies in den Flur hinein und sah von dort dem Gatten entgegen, der eben unter die Türe trat. Grüß Sie Gott, Lena! Sind wir nicht pünktlich?" Er gewahrte trotz des Halbdunkels die Verände­rung, die mit ihr oorgegangen war.Sind Sie krank gewesen? Jo? Warum haben Sie denn nichts davon geschrieben? Wir hätten ganz gut ein paar Tage früher kommen können. Aber jetzt bin ich ja da und Sie sollen sofort Ihren Urlaub haben. Ich behalte mir den Vertreter noch vier Wochen, inzwischen können Sie einmal richtig aussponncn."

Sie sind sehr liebenswürdig, Herr Doktor!"

Sie sahen sich beide an, und während er dachte: Was ist denn nur mit ihr?" konstatierte sie, daß er viel besser aussah, als es in der letzten Zeit der Fall gewesen war. Aber es vermochte sie kaum mit Freude zu erfüllen.

Vom Eßzimmer her klang jetzt das Lachen der iungen Frau.Schau nur, Felitsche, wie aufmerk­sam!" Sie trug ihm die Vase mit den dunklen Rosen entgegen.Schönen Dank, Lena! Und wie nett Sie gedeckt haben! Wir sind in der Tat sehr hungrig, nicht. Lieber? Was gibt es denn Gutes? Wir sind sehr verwöhnt worden! Man ißt fabelhaft in der Schweiz!" Und während sie ihr Hut und Mantel auf den Arm legte, befahl sie:Schicken Sie uns jetzt das Mädchen, daß es sofort serviert. Wir sehen uns dann vor dem Zubettgehen noch einmal."

Ohne Lenas Antwort abzuwarten, klappte sie hinter dieser die Tür ins Schloß.

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Grude war erstaunt, setzte zum Sprechen an und schwieg, als das Mädchen eintrat und die Suppe auf den Tisch stellte. Erst nachdem das Mädchen hinaus- gegangen war, fragte er:Was ist mit Lena?"

Was soll fein?

Er zeigte auf die beiden Gedecke.

Ach so! Sie nahm eine Rase aus dem Strauß und legte sie neben seinen Teller.Die soll wohl mit uns essen?"

Das ist doch selbstverständlich!"

,Hch wüßte nicht, warum das selbstverständlich ist, warf sie hin, nahm eine zweite Rose aus der Vase und begann sie achtlos zu zerblattern.Sie kann doch auf ihrem Zimmer essen."

Er legte den Löffel zur Seite und sah sie an.Sie hat seit fünf Jahren mit mir am Tisch gesessen, Madien.

Eben", lachte sie ärgerlich.Das ist doch lange genug, denke ich. Sie wird doch begreifen, daß jetzt, wo du verheiratet bist, die alten Zustände aufhörcn müssen.

Zustände? Sein Gesicht war nicht sehr geist­reich. Er blickte ihr mit offener Verblüffung in die Augen.Darf ich fragen, wie das gemeint war?"

Wie ich es gesagt habe! Du bist doch noch ein rechtes Kind, Felitsche!" Sie hob sich aus dem Stuhl, trat hinter ihn und legte die Arme um feinen Hals, um sie dann über seiner Brust zu falten. Glaubst du denn wirklich, daß ein Mädchen fünf Jahre lang bei einem Manne bleibt, wenn es nicht in ihn verliebt ist?"

Sie hatte nicht erwartet, daß ihre Rede eine solche Wirkung auslöjen würde. Mit einem Ruck machte er sich von ihr frei.Schweig!" schrie er zornig.Es ist niederträchtig, daß du sie in dieser Weise ver­dächtigst."

Madien, von allen guten Geistern verlassen, dämpfte nun auch ihrerseits die Stimme nicht mehr. Gott, wenn du das verdächtigen heißt, ich habe natürlich nicht das Geringste gegen sie einzuwenden. Sie ist deine Assistentin, du bezahlst sie und fertig. Sie kann meinetwegen auch ab und zu einmal eine Tasse Kaffee mit uns trinken. Aber im übrigen", ihre Finger schnippten in die Luft. .Hetzt, wo du verheiratet bist, wirst du ihr ohnedies nicht mehr so begehrenswert erscheinen."

Treib mich nicht zum Aeußersten", fuhr er auf, chob den Stuhl zur Seite und wollte nach der Tür.

Aber sie versperrte ihm den Weg.Felitsche, das mußte doch einmal gesagt werden. Wenn nicht heute, dann morgen. Es hätte mich sonst erwürgt."

Er schob sie von sich und wollte Antwort geben. Aber das Mädchen kam eben und brachte Salat und Braten. Er mußte sich wieder setzen.

Es wurde ein schweigsamer, erster Abend in ihrem gemeinsamen Zuhause. Wiederholt horchte Grude nach dem Flur. Es blieb alles ruhig. Wo mochte Lena fein? Und was mochte sie denken? Er würde nachher ein Wort der Entschuldigung zu ihr sagen. Vielleicht war es ihr sogar lieber, allein zu speisen,

als mit ihnen beiden. Was Madlen da von Verliebt- fein gefagt hatte, war ja heller Blödsinn.

Und dann begriff er plötzlich den Grund von deren Rede. Sie war eifersüchtig auf Sena. Daß er das nicht in Betracht gezogen hatte! Offenbar gab es überhaupt keine Frau, die nicht an dieser Krankheit litt. Aber er konnte ihr nicht helfen. Das mußte sie sich unbedingt noch abgewöhnen. Er konnte als Frauenarzt unmöglich darauf Rücksicht nehmen. Wohin sollte Das führen?

Er ließ sich wieder auf seinen Stuhl nieder und sagte gütig:Mißtraust du mir denn, Madien?" Er griff über den Tisch und legte die Hand auf die ihre.Du darfst versichert sein, daß es niemals mehr für mich eine andere Frau geben wird als dich.

Und Christa?" Sie erschrak selbst vor ihrer Ver­messenheit.

Er wurde noch bleicher.Selbst auf eine Tote bist du noch eifersüchtig, Madien? Ach, Kind, warum quälst du uns beide denn so unnütz! Ich gehöre ja nur Dir."

Sie kam zu ihm herübergelaufen, setzte sich auf feine Knie und mit aus seinem Teller. Erst als das Mädchen kam, um abzuservieren, flüchtete sie wieder auf ihren Stuhl zurück.

Als der Tisch geräumt war, schaltete sie den Lüster aus und ließ die Stehlampe in der Ecke aufflammen. Aus den Diwan gekuschelt, streckte sie Die Arme nach ihm aus.

Er kam herüber, liebkoste ihre Wange und legte ihr eine Felldecke über die Knie. .^Halte jetzt ein bißchen Siesta, Madlen. Ich habe zwölf Tage nicht mehr an meinem Schreibtisch gesessen. Es wird eine Menge zu erledigen geben. Ich schicke Dir Kollegen Hoeßlin. Er ist ein glänzender Gesellschafter, Du wirst dich sicher amüsieren. Auf Wiedersehen, Kind!"

Sie sah ihm mit einem Ausdruck zwischen Furcht und Neugier nach. Jetzt würde Die große Katastrophe eintreten.

Seife erhob sie sich, öffnete die Tür für einen Spalt, hörte ihn nach seinem Arbeitszimmer gehen und dann nach Sena rufen.

Minuten stand sie so. Nichts war zu vernehmen.

Sie schlich den Gang zurück, legte Das Ohr an das Schlüsselloch und hörte ihn sagen:Es bleibt selbst- verständlich zwischen uns o, wie es bisher ge­wesen ist."

Und dann Senas Erwiderung:Ich danke Ihnen, Herr Doktor."

Madien fühlte sich unsicher, glaubte zu hören, wie sich die Küchentür öffnete und huschte in ihr Zimmer zurück. Eine Viertelstunde saß sie völlig unbeweglich, immer Darauf wartend. Daß sich etwas Fürchterliches ereignen müsse. Der Brief Christas konnte ihm bei Der Durchsicht Der KorresponDenz unmöglich entgehen.

Einmal glaubte sie einen Schrei vernommen zu haben, riß Die Tür auf unD rannte zurück.

Was ist Denn?" fragte er erstaunt, als sie zu ihm an Den Schreibtisch gestürzt kam.Ich habe

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