Das Wunder
der Maguffr Weiser
Roman von Fr. Lehne.
Urheberschutz durch C. Ackermann, Stuttgart.
6. Fortsetzung. Nachdruck verbotenl
Die Herren erhoben sich und begaben sich hinüber ins Empfangszimmer, in dem sie aber nur die Kommerzienrätin antrafen.
Eduard Weiser küßte ihr ergeben die Hand, indessen seine Augen sehnsüchtig Magussi suchten. Die Dame des Hauses sprach einige verbindliche, liebenswürdige Worte. Dann wandte sie sich mit bedeutungsvollem Blick an den Gatten.
„Willst du Magussi sagen, daß Besuch da ist? Du wirst sie im Wohnzimmer finden."
Wenige Augenblicke stand Magussi dem ihr von den Eltern bestimmten Gatten gegenüber. Der Kommerzienrat hielt ihre zuckende Hand ganz fest. Sie war sehr bloß, sie hatte die Lippen aufeinandergepreßt, und der Ausdruck eines weidwundgeschossenen Wildes lag in den blauen Augen.
Mit durstigem Blick sah Eduard Weiser sie an, sie, die der XitaiNn und der Wunsch seiner Tage seit langem war. Er verneigte sich tief vor ihr.
„Geben Sie mir Ihre Hand, Eduard!" sagte der Kommerzienrat.
Der Angevedete streckte ihm seine Rechte entgegen, die er nahm und in die er Magussis widerstrebende Hand legte.
„Gott segne euern Bund! Ich vertraue Ihnen unser höchstes Gut an. Eduard!"
„Ich danke Ihnen dafür. Und Magussi soll es nicht zu bereuen haben, daß sie sich mir zu eigen gegeben hat."
„Das habe ich doch nicht getan!" wollte sie schreien, ,,id) will doch nicht, nein!" —
Aber die harten, grauen Augen des Vaters, die unablässig und befehlend auf ihrem Gesicht ruhten, erstickten ihr das Wort im Munde. Sie senkte den Kops. Kalt und leblos lag ihre Hand in der Eduards, der zärtlich darüber hinstrich, ehe er seine Lippen darauf drückte.
„Eduard, t)en Verlobungskuß gibt man der Braut auf den Mund."
Magussi zuckte bei den in scherzendem Befehl gesprochenen Worten des Vaters zusammen; glühendrot wurde sie, als sie jetzt Eduards Gesicht dicht vor dem ihren sah — und dann — sie hätte ihn von sich stoßen mögen — seine Lippen suchten ihren Mund. Herb verschlossen, in stummer Abwehr hielt sie den ihren. Unbeschreibliches ging in ihr vor; sie kam sich entwürdigt, entheiligt vor; fühlte Eduard Weiser denn nicht, wie widerwärtig er ihr war in diesem Augenblick?"
Der Kommerzienrat ließ Sekt bringen; man wollte auf das Wohl des Brautpaares trinken.
Gezwungen nur nippte Magussi aus ihrem Keich. Der Vater hielt ihr sein Glas entgegen zum Anstößen; mit bösem Blick sah sie ihn dabei an. Dann setzte sie das Glas so hart auf den Tisch zurück, daß der Fuß abbrach und die perlende Flüssigkeit ihr über die Hand rann, sich mit den roten Blutstropfen vermischend, die aus der leichten Schnittwunde, die sie sich am Zeigefinger zugezogen, hervorquollen. Sie wickelte ihr kleines Taschentuch darum, das sich bald purpurn färbte.
„Ah, Scherben bringen Glück!" rief mit gut gespielter Heiterkeit die Kommerzienrätin, der aber gar nid)* so zumute war; denn Magussis Haltung flößte ihr eine unbestimmte Besorgnis ein. Noch kaum ein Wort hatte sie gesprochen, und jeder Zoll an ihr war eisige Ablehnung.
„Ja, Glück, Magussi, viel Glück sollen dir die Scherben bringen, — so viel ich geben kann, und das ist nicht wenig!" sagte Eduard innig. „Komm, lasse die Wunde sehen!"
Magussi entzog ihm die Hand wieder, die er gefaßt, und verbarg sie auf dem Rücken; kurz wehrte sie: „Es ist nicht der Rede wert."
„Ich habe ein kleines Pflaster dafür!" Er nahm aus seiner Brieftasche ein Büchlein mit Heftpflaster, von dem er ein Stückchen lostrennte. Trotz ihres Widerstandes faßte er ihre Hand und klebte das Pflaster auf die kleine Verletzung; das Taschentuch mit der feinen Spitzenkante steckte er in seine Tasche.
„Danke!" Sehr kühl und abweisend klang dieses eine Wort.
„Einen Augenblick, Magussi! Es ist noch nicht ganz in Ordnung."
Er griff nochmals in die Tasche und brachte ein Kästchen hervor, dessen Deckel er aufspringen ließ, — „ein zweites Pflaster, meine Magussi!"
Und im nächsten Augenblick funkelte an ihrer linken Hand ein köstlicher Brillant, fast zu groß und schwer für diese kinderhaste Hand.
Mit Staunen und Bewunderung sah die Kommerzienrätin dieses herrliche Geschenk, für das die junge Braut gar keinen Blick hatte.
Auch der Kommerzienrat war ein wenig überrascht über die Kostbarkeit der Gabe, — der Ring war ein Vermögen wert!
„Und die Verlobungsringe besorgen wir zusammen, meine Magussi. Ich denke, wir fahren mit der Mama jetzt gleich zu meinen Eltern und dann nach der Stadt."
„Er kann die Zeit wohl nicht erwarten, bis er mir die bindende Fessel angelegt hat!" dachte Magussi feindselig. Sie glaubte ihn zu hassen, ihn, der so gewaltsam von ihr Besitz genommen. Immer noch fühlte sie peinlich den Druck seiner Lippen. Das erstemal, daß eines Mannes Mund den ihren berührt — ohne ihren Willen, und das hatte sie in ihrem keuschen, mädchenhaften Empfinden tief verletzt. Ihre Verlobung hatte sie sich überhaupt anders
gedacht, — sich in hingehender Lieoe an einen Mann zu schmiegen und in seliger Erwartung dem ersten Kuß entgegenzuzittern — und um dieses Glück hatte man sie gebracht.
Und dennoch hatte sie alles geduldig über sich ergehen lassen und hatte nicht widersprochen, wie sie sich doch fest oorgenommen? Wie klein erschien sie sich vor sich selbst, daß sie nicht so viel Mut aufgebracht; jedoch unter den Augen des Vaters, die nicht von ihr wichen, war sie nicht mehr Herrin ihres Willens geblieben; dieser strenge Blick lähmte sie förmlich.
Aber sobald sie Gelegenheit hatte, mit Eduard allein zu sein, würde sie ihm ganz offen und ruhig sagen, daß sie ihn nicht liebe und nur vom Vater gezwungen seine Braut geworden sei. Das nahm sie [i-'i fest vor.
Es drängte Eduard jetzt, sie seinen Ellern als Tochter zu bringen. Er hatte Magussi schon immer geliebt, hatte sich aber bescheiden in Entfernung gehalten, da ihm zum Hofmachen und Flirten jegliches Talent fehlte.
Nun war sie dennoch die Seine geworden. Das Glück leuchtete ihm aus den ehrlichen braunen Augen, als er mit der Braut und ihrer Mutter durch die Straßen der Stadt fuhr. Jeder blickte sich nach ihnen um, und schmerzhaft beinahe fühlte Magussi das Geranne und Getuschel — die lieber» rajchung ihrer Bekannten. Denn ihre Verlobung war für jeden eine Ueberraschung — für sie selbst ja die größte!
Und vor allem — was würde Lilo von Äonfilius sagen! Sie kam sich der Freundin gegenüber so schuldbewußt vor, so versteckt und hinterhältig!
Als ob ihre Gedanken Lilo herbeigezogen — da, war sie das nicht, die da eben aus einem Pelzgeschäft heraustrat?
Groß und erstaunt wurden Lilos schwarze Augen, als sie Magussi in Begleitung von Eduard Weiser erblickte; einen Augenblick hemmte sie chre Schritte, um stebenzubleiben, besann sich jedoch anders und ging fremd weiter, ohne zu grüßen.
Nein, das durfte nicht fein!
Magussi ließ das Auto halten, des Widerspruchs der Mutter nicht achtend.
„Lilo, Lilo!" rief sie, sich erhebend, worauf die Gerufene, innerlich voll Neugierde, umkehrte und die Herrschaften im Wagen begrüßte.
Magussi verstand wohl den fragenden, verwunderten Blick der Freundin; abwechselnd rot und blaß wurde sie; sie brachte es jedoch nicht über die Lippen, zu sagen, daß sie sich verlobt.
„Es freut mich, Frau Lilo, daß Sie die erste unserer Bekannten sind, denen ich das neueste Brautpaar vorstellen kann — Magussi und Herr Weiser!" sagte die Kommerzienrätin mit sehr gemessener Freundlichkeit, dabei auf die Neuverlobten deutend.
„Du hast dich verlobt, Magussi, und hast mir nichts vorher davon gesagt? O, ganz böse muß ich dir sein über diese Heimlichkeit —"
,,x)d) halle ja noch keine Gelegenheit, Lilo! Morgen werde ich es nachholen. Vielleicht besuchst du mich —"
Lilo schüttelte den Kopf.
„Das ist unmöglich, Magussi, nach den Zeilen deines Vaters, die mir sehr weh getan haben!"
„Ich wußte nichts davon", entgegnete Magussi leise, „Papa hat im Merger über mich geschrieben. Wir müssen uns unbedingt über Verschiedenes aussprechen."
Lilo verstand den bedeutungsvollen Blick, den ihr Magussi bei diesen Worten zuwarf; sie nickte; denn sie war sehr neugierig zu erfahren, wodurch diese überraschende Verlobung so schnell zustande gekommen. Sicher durch Zwang des Kommerzienrats; den Eindruck einer glücklichen Braut machte Magussi ganz gewiß nicht.
„Du rauchst nicht?"
„Nein, danke, Lilo."
„Du hast jetzt aber doch nicht mehr nötig, so viel Rücksicht auf deine Stimme zu nehmen, da du deine Künftlerträume hast begraben müssen —"
Magussi sprang auf; sie legte die Hand gegen die Stirn — „ad), quäle du mich wenigstens nicht,
„Wer quält dich denn, Liebe?"
„Alle und alles!"
Die beiden Freundinnen faßen in Lilos sehr phantastisch eingerichtetem Damenzimmerchen. Alles Mögliche hatte Lilo zusammengetragen, damit es recht eigenartig wirkte, und bunt und lebhaft waren die Farben der Kissen und Decken; es gab für das Auge kaum einen Ruhepunkt in diesem Raum der das überspannte Wesen seiner Bewohnerin wider- spiegelte.
„Sprich dich aus, Liebste! Du weißt ich meine es gut mit dir. Armes Kind! Aus einer Gefangenschaft in die andere! Aus der Gefangenschaft der Eltern in die Gefangenschaft der Ehe! Nun sage mir, wie alles so schnell gekommen ist!"
„Den Anstoß dazu gab die Fahrt mit dir nach Leipzig. Papa befahl — ich sollte dadurch von meiner Theaterleidenschaft geheilt werden. Als ob das möglich wäre—"
„Nun, wenn man einen fo netten Verlobten hat! Eduard Weiser ist einer der bestangezogenen Herren der Stadt. Du liebst ihn doch?"
„Nein!" Ganz hart und klar klang dieses „Nein"«
„Und bist dennoch seine Braut geworden?"
,Lch sagte dir schon — auf höheren Befehl! Wie habe ich mich gegen Papas Bestimmung gesträubt — und zuletzt mußte ich mich doch fügen. Die stärksten Willen kann er zerbrechen. Und dann war da die Mama — sie tat mir so leid! — So lasse dir erzählen, was ich durchgemacht! — Viel Zeit habe ich nicht. Diese Stunde jetzt habe ich Mama förmlich abgetrotzt — Punkt halb sechs steht der Wagen vor deiner Tür. Ich kann nicht mehr über mich verfügen."
(Fortsetzung folgt.)
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Die Trauerfeier findet Freitag, 10. August, nachmittags 2.30 Uhr, auf dem Neuen Friedhof statt. — Von Beileidsbesuchen bitte abzusehen.
Gott dem Herrn hat es gefallen, heute vormittag 11.30 Uhr meinen lieben, herzensguten Gatten
Gestern mittag entschlief sanft nach kurzer, schwerer Krankheit mein lieber Mann, unser guterVater, Schwiegervater, Bruder,Schwager und Onkel
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