Nachdruck verboten!
5. Fortsetzung.
„Na, Gott sei Dank, daß sich diese Geschichte so harmlos aufklärt! Dem Jungen sollte man eine langen — und damit basta! Uebrigens, haben Sie heute abend Zeit, mit mir irgendwo ein Glas Wein zu trinken? Ich habe ein bißchen das, was man Ludengraus nennt."
Doktor Miller sagte zu. Er war immer gern mit bem intelligenten, befreundeten Manne zusammen. Auch hoffte er, etwas über diese Stimme zu Horen, mit der er telephoniert hatte, und die ihm so merkwürdig bekannt im Ohr fortklang. —
An einem der nächsten Nachmittage erschien bei Frau von Merten wieder ein Mieter. Ein Herr, der in gebrochenem Deutsch bat, ihm das freie Zimmer zu zeigen. Irene übernahm die Verhandlungen. Sie wurde mit dem Ausländer, einem hageren, dunklen Manne von unbestimmtem Alter, mit scharfen Augen hinter einer großen Brille, schnell einig. Er bewilligte sogar ohne Zaudern einen etwas höheren Preis. Herr Wassiliew bat nur darum, bald einziehen zu dürfen.
„Ich werrde garrnicht stören. Bin ich anspruchsloser Mensch geworden. Vorr Revolution ich habe abwechselnd gelebt in Petersburg und Moskau. In beiden Städten hatte ich eigene Häuferr. Nach Revolution bin ich geflüchtet. Derr größte Teil von Vermögen ich habbe verloren. Einen Teil ich hatte schon vorr Krieg in England angelegt, davon ich lebbe."
„Ich hoffe, daß Sie nicht politisch tätig sind", bemerkte Irene. „Wir sind hier — unversehens — sehr international geworden. In dem Zimmer wohnt eine Französin, außerdem allerdings wohnt noch ein deutscher Herr hier."
„Schade! Ich hätte in meiner Jugend mehr sollen treiben Französisch!" erwiderte der Russe, mit einem fast traurigen Gesicht. „Ich habbe aberr so getibbt Deutschland, daß ich habbe imerr nurr gesprochen außer Russisch Deutsch. Englisch und Französisch ich kann leider nichts."
„So, Berta", sagte Irene draußen lächelnd, „wieder ein Ausländer."
„Die reine Menagerie!" räsonierte die alte Berta. „Nu' fehlt bloß noch ein Chinese, dann können wir auf den Jahrmarkt ziehen. Bin mal neugierig, wann die Französin auch mit dem anbandelt!?"
„Na, schimpfen Sie nicht, Bertchen. Der neue Mieter spricht zur Abwechslung kein Französisch. Da
Yvonnes Geheimnis
Vornan von Klothilde von Stegmann llrheberrechtsschuh: Fünf-Türme-Derlag Halle (Saale)
Seeburg lächelte, goß sich sein Glas wieder voll und hob es in Augenhöhe.
„Ich habe Ihnen vorhin zweimal Bescheid getan, lieber Doktor! Aller guten Dinge sind drei! Trinken wir auf den glücklichen Zufall."
Bedächtig füllte Doktor Miller sein Glas neu; ein leises Befremden war in ihm. Seeburg schien ja gehörig Feuer gefangen zu haben. „Ist es unbescheiden, zu fragen, wo Sie diese Schauspielerin, die hier in Deutschland noch wenig bekannt ist, kennengelernt haben?"
Lachend gab Seeburg zur Antwort: „Muf, sehr bequeme Weise: in meinem eigenen Zimmer."
„Wie? In Ihrem eigenen Zimmer? Bei Mertens? Das ist doch eigentlich ein merkwürdiger Ort, die Bekanntschaft einer jungen Dame zu machen?!"
„Im allgemeinen ja, Herr Doktor! Aber wenn man, ohne es zu wissen, den Koffer einer Dame in seinem Zimmer stehen hat, dann ist es nicht erstaunlich, wenn die schöne Besitzerin sich um ihr Eigentum kümmert."
„Dann müßte dieser Koffer etwas von dem fliegenden Koffer in dem allen Märchen haben, denn im allgemeinen spazieren doch Koffer nicht selbst in den Wohnraum interessanter junger Leute?"
„Lieber Direktor, lassen Sie um Gottes willen den Kriminal heute beiseite! Kein Feld für Sie! Alles so einfach wie möglich. Fräulein Yvonne ist meine Zimmernachbarin."
„Ja, das ist allerdings eine einfache Aufklärung. Ich kann eben meinen Beruf nicht ganz verleugnen. Wenn ich Sie recht verstanden habe, ist Ihnen diese schöne Dame gar nicht über den Weg, sondern über Ihr Zimmer gelaufen? Ich sagte vorhin schon, ich bin nicht sehr für das Neue. Sehen Sie, Herr Baron, wenn früher der Koffer einer jungen Dame ver- sehentlich in das Zimmer des Nachbarn gelangte, bann ging diese junge Dame zur Klingel und sagte dem Mädchen: ,Sehen Sie doch mal zu, ob ein Koffer, der soundso aussieht, vielleicht in ein anderes Zimmer geraten ist?' Aber sich gleich selbst auf die Suche zu machen, das nenne ich modern! Wie ich mir Fräulein Irene so oorft^Ue, die hätte sicher den altmodischen Weg gewählt."
„Sicher, lieber Doktor! Nur Fräulein Yvonne kann das nicht! Die gute Berta würde das nämlich nicht verstehen, was sie tun soll. Fräulein Yvonne svricht kein Wort Deutsch. Ich hätte sie übrigens doch nicht für einen solchen Philister gehalten — nehmen Sie es nicht übel!"
„Nee, ich nehme es wirklich nicht übel, Baron! Aber eines möchte ich doch gern wissen" — ein spähender Zug trat auf Doktor Millers Gesicht —: „Ist das die junge Dame mit dem eigenartigen Hellen Ton in der Stimme, der etwas an das Zwitschern eines Vogels erinnert? Ein silberner Ton, möchte ich sagen, Herr Baron!"
(Fortsetzung folgt.) ____
„Guten Abend, lieber Doktor! Sie haben mir mit Ihrem Anruf heute eine große Freude gemacht. Ich bin sehr vergnügt, daß sich die angebliche Diebstahlsaffäre so harmlos aufgeklärt hat. — Bringen Sie mir wieder den Mosel von neulich Abend! wandte er sich an den herantretenden Kellner. „Oder haben Sie inzwischen eine neue Spezialität hier ausgekundschaftet?"
„Ich bin nicht sehr für das Neue, Herr Baron; es ist selten gut! Ich bin bei der alten Marke geblieben."
„Also, dann mir auch eine! Vielleicht gehen wir dann zu einer noch besseren Marke über. Ich bin heute in jo guter Laune, daß ich Lust dazu hätte."
„Gratuliere, Herr Baron! Sie scheinen also mit Ihrer Wohnungswahl sehr zufrieden zu sein? Trinken wir einen stillen Schluck auf das Gedenken des armen Merten."
Seeburg erhob fein Glas und bot Doktor Miller Bescheid.
„Und nun, Baron, wenden wir uns wieder den Lebenden zu'l Auf Fräulein Irenes Wohl, wenn ich mir gestatten darf! Sie zeigten neulich soviel Anteilnahme für ihr Schicksal. Hat sie sich getröstet?"
Seeburg nippte an seinem Glase und hob es dann gegen Doktor Miller. Seine Worte tarnen etwas zögernd:
„Ich habe leider keine Gelegenheit mehr, ein persönliches Wort mit Fräulein von Merten zu wech- sein. Sie stellt sich fremd und kühl zu mir als ob sie mir beweisen wollte, daß sie eine junge Dame ist, die auf sich hält und keine Annäherung duldet.
Dabei bestand bei mir doch wahrhaftig nur ein warmes Interesse für die Schwester des alten Kameraden, wenn ich das kleine Mädel auch nett gefunden habe. Aber jetzt setzt sie eine Miene auf, als ob sie mich jeden Augenblick in die Schranken zuruck- weisen müßte."
„Drollig!" sagte Doktor Miller. „Ich hatte mir eigentlich ein ganz anderes Bild von Fräulein von Merten gemacht. Sie muß ihrem Bruder doch gar nicht ähnlich sein? Der war die Impulsivität selbst. Allerdings — das werden Sie wohl auch beobachtet haben, Herr Baron —, wenn ihm etwas nicht paßte, dann hatte er eine eisige Art und verbreitete etwas von Unnahbarkeit um sich. Wenn man sich nicht darum kümmerte, dann legte sich das wieder."
„Die kühle Art Fräulein von Mertens wäre mir vielleicht gar nicht so aufgefallen, Doktor, wenn ich nicht inzwischen das gerade Gegenstück von Fräulein von Merten durch einen glücklichen Zufall kennen- gelernt hätte. Ich bin doch weiß Gott über die erste Jugendschwärmerei hinaus; aber so etwas Entzückendes und Graziöses wie dieses Fräulein Yvonne Dumont können Sie sich gar nicht vorstellen."
„Yvonne Dumont? Den Namen muß ich doch kennen? Dom Film her glaube ich", meinte Doktor Miller überlegend. „Wer ist denn die Dame, und wo hat der glückliche Zufall sie mit Ihnen bekannt- gemacht?" __________
können wir die beiden ruhig nebeneinander em» quartieren."
Irene sagte es hastig und mit gemachter Gleichgültigkeit zu ihr.
„Wäre mir schon lieber gewesen, der Herr Baron könnte auch nicht französisch sprechen!" brummte Berta. Mit ihren scharfen Augen hatte sie alle Wandlungen in Irenes Stimme erkannt. „Der französische Floh hopst allweil im Korridor herum, wenn der Herr Baron kommt oder geht. Die muß reinweg ihre Uhr nach ihm gestellt haben, und dann geht es los, daß einem gruselig werden könnte. Neulich habe ich Tee reinbringen müssen, und dann hat der Herr Baron eine geschlagene Stunde drin gesessen und Tee getrunken. Bei uns ist er ja noch nicht gewesen, der Herr Baron! Aber das windige Franzosenzeug, das schmeißt mit den Augen, daß einem angst und bange wird."
Irene zog die Augenbrauen zusammen. Auch sie hatte sich über Seeburgs schnelle Freundschaft mit Yvonne Dumont gewundert, und wie ein leiser, feiner Schmerz war es in ihr aufgeftiegen.
„Lassen wir's gut (ein, Berta. Wir sind ja schließlich auch keine Filmschauspielerinnen. Wir jinb nicht interessant. Aber — was geht es uns an?!"
Die alte Berta sah verstohlen von ihrer Näherei auf. Sie kannte doch Fräulein Irene seit ihrer Kinderzeit ... Was war denn das für ein trauriger Ton? Sie erschrak, sagte aber nichts.
*
Die schwarze, große Tür, die Yvonnes Zimmer mit dem des neuen Mieters verband, wollte sich nicht ganz ins Schloß drücken lassen. Irene bemühte sich vergeblich, den Schlüssel ganz herumzudrehen, damit sie ihn abziehen konnte, nachdem sie zugeschlossen hatte. Der Portier wurde geholt. Da es nicht anders ging, schlug er ein paar Nägel senkrecht ein, die ein Zurückweichen der Tür verhinderten. Er trieb die Nägel nur zu einem Viertel in den Fußboden. Da ein Schrank vorgerückt wurde, bemerkte man sie nicht. Die Tür schloß jetzt. Irene nahm den Schlüssel'an sich.
Kurz darauf kam der russische Mieter.
Als Berta am nächsten ^age im Zimmer des Fräuleins Dumont aufgeräumt hatte, kam sie ärgerlich zu Irene.
„Das Schloß ist bloß nicht zugegangen, weil Fräulein Dumont Papier an ihrer Seite dort aufbewahrt hatte. Einen anderen Platz hat sie wohl nicht gefunden. Dabei hat sie einen Papierkorb im Zimmer."
Es war ein Stück einer französischen Zeitung, bas Berta im Türspalt gefunden hatte. Achselzuckend legte es Irene fort.
5. Kapitel.
Doktor Miller saß in der kleinen Weinstube am Lützowplatz, in der er mit Seeburg neulich gewesen war. Seeburg schien sich um ein paar Minuten zu verspäten. Doch da kam er ja schon. Offensichtlich in bester Stimmung. __________»____________
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