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7.3.1933 Erstes Blatt
 
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öirnLtag, k. März 1935

Gichener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen

Nr. 5b Zweites Blatt

Am Mein unter den Franzosen vor 10 Jahren.

Nach einem Tagebuch miigeieilt von Kr.

Unter den Drangsalen durch die Franzosen während der Zeit des passiven Widerstandes am Rhein im Jahre 1923 hatten d i e Eisen- bahnbebiensteten besonders schwer zu lei­hen. Rach genauen Zählungen wurden 78 Prozent von ihnen, meist mit Familie, ausgewiesen. Ein­mütig hatten sie mit dem Einbruch der Franzosen in das Ruhrgebiet den Dienst im ganzen besetzten Rheinland verlassen. Es fuhr kein einziger Zug mehr. Offensichtlich hatten die Franzosen mit solcher Maßregel nicht gerechnet. Es dauerte Wochen, bis sie, gchrzlich unzureichenden, Ersah aus Frankreich herangeholt hatten. Be­greiflich, bah fie alles versuchten, die deutschen Eisenbahner zur Wiederaufnahme des Dienstes zu bewegen. Zuerst lockte man mit glänzenden Versprechungen, dann folgten Drohungen und bald Gewaltmaßnahmen. Es setzten die Aus­weisungen aus dem besetzten Gebiet ein. Damit nicht genug. Wo sich irgendwie nur der Schein eines Anlasses bot, schritt man, zu Verhaftung und Einkerkerung. Die Gefängnisse des ganzen Landes waren bald überfüllt.

Das Folgende mag nach einem Einzelschicksal ein Bild geben davon, was aufrechte deutsche Männer damals in französischen Gefängnissen erlitten haben, nur weil sie treu ju Dienst und Pflicht standen. Die Darstellung ist der Auszug aus einer tagebuchartigen Riederschrift eines Eisenbahninspektvrs, der damals dem Bahnhof Gau-Algesheim bei Bingen Vorstand. Die Aufzeichnungen erfolgten sogleich nach der Entlassung aus dem Gefängnis. Sie sind ein Dokument deutschen Heldentums in deutscher Rot- -eit.---

15. Mai 1923: Ahnungslos begab ich mich am 14. abends zur Ruhe. Kaum war es jedoch Tag geworden, als es mit Fausten heftig gegen die Zimmertüre polterte. Meine Frau und ich lagen noch zu Bett, sprangen sofort heraus und gaben Antwort. Trotzdem wir wußten, daß es Fran­zosen waren, fragte ich, wer draußen sei. »So­fort öffnen, sonst treten wir die Türe ein", rief es von draußen. Gleichzeitig traten auch schon mehrere Füße gegen die Türe, so daß ich rasch öffnete. Run stürzten drei Franzosen und ein deutscher Spitzel in das Zimmer und schrieen mich an. warum ich nicht sofort geöffnet hätte, jeden­falls hätte ich noch Schriftsachen beseitigt. Ich verneinte, während meine Frau protestierte, dah sie uns im Bett überfielen und einer Dame nicht wenigstens Zeit zum Ankleiden ließen. Sodann begannen sie mit der Durchsuchung der Wohnung, Schränke und Schubladen, fanden jedoch nichts. Alsdann eröffneten sie mir, ich müsse ihnen nach Mainz zur Demehmung folgen. Meine Frau könne mir noch Kaffee kochen, sie würden in­dessen noch einen Kollegen von mir holen. Rach- dem sie noch die Küche durchsucht hatten, ent­fernten sie sich bis auf einen Franzosen, der zu meiner Bewachung blieb. Er machte meiner Frau eine Andeutung, wonach diese nicht im Zweifel war, daß man mich ins Gefängnis bringen werde. 2ch übergab meiner Frau noch meinen Trauring und nahm Abschied, denn inzwischen war das Auto mit dem mitverhafteten Obersekretär W. vorgefahren. Run ging es fort nach Mainz.

Um 7 Uhr kamen to:r im Polizeigefängnis an. Da saßen wir bis 1 Uhr, ohne daß sich jemand um uns kümmerte. Um 1 Uhr wurden unsere Verhaftungsbefehle ausgefertigt und es erfolgte die Ueberführung in das Mainzer Gefängnis. 2m Bureau wurden die Personalien ausgenom­men, und danach wurden wir in die sogenannten Aufnahmezellen überführt. Das sind drei Zellen in unbeschreiblichem Zustand, in die alle Gefan­genen erst ein bis zwei Tage hineingesperrt werden. Eine dieser Zellen wird also geöffnet, ein Stoß von hinten gibt uns den Dortritt, und donnernd schlägt die eiserne Tür hinter uns zu. Wir setzten uns auf die beiden Stühle und starr­ten uns an, sprechen konnten wir nicht, die Kehle war wie zugeschnürt. Ein widerlicher Geruch bringt in die Rase. 2n der Ecke steht ein Ab-

Germer, Pfarrer in Großen-Linden.

orttübel. feit Tagen übervoll: der Deckel kann nicht geschlossen werden. Die Wände und ein schmutziger Äroh'ack sind mit Kot beschmiert. Rach einiger Zeit kommt ein Franzose, jagt uns von den Stühlen und holl diese samt dem Tisch aus der Zelle. Run setzten wir uns aus den Fuß­boden. Unsere Ditte, den Kübel ausleeren zu dürfen, wurde abgelehnt. Aus Ekel dankten wir für die in schmutzigen Gesäßen dargebotene Abend­suppe. Die Rächt war fürchterlich. Dir hatten keine Ahnung, warum wir verhaftet waren. Wir froren, ich legte meinen Mantel auf die Erde, auf dem wir abwechselnd zu schlafen versuchten. Es ging aber nicht. Am nächsten Morgen wurde ich abgeholt zum Derhör. Es wurde mir vor­gehalten. es lägen verschiedene Anzeigen gegen mich vor.Wissen Sie, warum sich der Weichen­steller Sy in Gau-Algesheim erhängt hat?" Rein."Sie wissen doch aber sicherlich, welche Vermutungen darüber umgingen.2a, daß er in der Angst, ausgewiesen zu werden und Haus und Hof zu verlieren, in geistiger Um­nachtung die Tat beging. Darauf der Franzose: Rein, er hatte sich bei uns zum Dienst gemel­det, und Sie haben das gewußt und ihn be­droht. 2ch stellte das entschieden in Abrede. Weiter wurde mir vorgehalten, ich hatte zusam­men mit dem gleichfalls verhafteten Obersekretär den Widerstand gegen die französische Eisen­bahnregie organisiert und in einer Versammlung die Teilnehmer bedroht, falls sich einer bei den Franzosen zum Dienst meldete. 2ch stellte alles in Abrede. Man stellte mir noch in Aus­sicht, daß ich sofort entlassen würde, wenn ich die Beschuldigungen zugestehe. Vergeblich. Man brachte uns wieder in unsere Zelle. Rachrnit- tags wurde ich nochmals vernommen. Run wurde mir vorgehalten, ich sei bestimmt in der Woh­nung des W. gewesen, und man habe Zeugen, daß ich ihn aufgehängt habe, mindestens doch ihn in den Tod getrieben habe. Die Beschuldigung war so ungeheuerlich, daß ich darunter seelisch -zusammenbrach. Ich sollte ein Mörder sein! Am Abend brachte uns ein deulschsprechender Franzose in eine Zelle im zweiwbersten Stock, gab jedem ein Leintuch und zwei Decken, eine Waschschüssel und zwei Eßnäpfe.

Als am anderen Morgen die Zelle für einige Minuten geöffnet wurde, konnten wir uns mit unserem Zellennachbam bekannt machen. Cs war der Postverwalter von Weisenau. Gr erzählte, er sitze schon 72 Tage hier, und man habe ihn an­fangs immer auf baldige Entlassung vertröstet. Darauf richteten wir uns hcüislich ein. Die Zellen wurden täglich nur breimaf für einige Minuten geöffnet, morgens um 8 Uyr zum Empfang von Kaffee, mittags und abends zum Essenempfang. Die sogenanntenpolitischen Gefangenen", etwa 50. alles Deutsche, lagen auf einem Stockwerk. Durch Vermittelung des Roten Kreuzes wurde erreicht, daß wir täglich um 2 Uhr auf dem Ge- fängnishof spazieren gehen, auch Lebensmittel­pakete und Tabak in Empfang nehmen und Bücher aus der Gefängnisbücherei. Die schon Abgeur­teilten bekamen noch einige Erleichterungen: meh­rere Beamten der Cisenbahndirektion waren bar» i unter. Einmal die Woche durften uns unsere Frauen besuchen. Durch zwei Eisengitter auf zwei Meter voneinander getrennt, durfte man sich fünf Minuten unterhalten unter Aufficht eines Wärters.

Einiges über meine Mitgefangenen: Ein mehr als 65jähriger war der Bürgermeister von W. Er litt furchtbar. Er konnte das Essen nicht ver­tragen, hatte immer Durchfäll und lag meist auf seinem Strohsack. Rach seiner Verurteilung kam er sogleich zur Entlassung, da die zwölfwöchige Untersuchungshaft ihm auf die Strafe ungerech­net wurde. Später erhielt er den Ausweisungs­befehl und erlitt dabei einen Schlaganfall. Seine 65 2ahre alte Frau kam danach ebenfalls für mehrere Wochen ins Gefängnis, weil sie dem Ausweisungsbefehl nicht sofort gefolgt war. Don der Handelskammer waren einige Beamte da, weil sie im Handelskammergebäude eine Post einge-

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richtet hatten (die Reichspost hatten die Fran­zosen stillgelegt). Einer von ihnen wurde geschla­gen und in die Dunkelkammer gelegt. Hier wurde er nach 24 Stunden fast verblutet aufgefunden. Er hatte einen Selbstmordversuch unternommen. Ein anderer Gefangener, ein höherer Beamter, hatte sich beschwert, daß ein Unteroffizier ihn geduzt hatte. Am nächsten Tage saß er dafür schon in der Dunkelkammer. Die im 2.mi einge­lieferten Sabot ore" (Zerstörer der Eisenbahnen usw.) kamen eine Zeitlang mit uns auf den Hof. Dadurch erfuhren wir von deren Behandlung. Sie durften nicht schreiben, erhielten keine Pakete, lit­ten Hunger und wurden geschlagen. Darunter war ein Student aus Magdeburg. Er war bei seinen Dernehmungen furchtbar mißhandelt worden und hatte darum zweimal versucht, sich das Leben zu nehmen. Da er Hunger litt, steckten wir ihm heimlich Lebensmittel zu. Dor seiner Verurteilung bat er seinen Verteidige^ nicht um Milde zu er­suchen und keine Revision einzulegen, da er den Tod der weiteren qualvollen Gefangenschaft vor­ziehe. Er wurde mit zwei Genossen zum Tode verurteilt, später jedoch zu lebenslänglicher Zwangsarbeitbegnadigt".

Rach fünf Wochen erfolgte unsere Lieberführung nach dem Gefängnis in Wiesbaden. Hier sollte es uns sogleich übel ergehen. Alles wurde uns ab­genommen, Messer, Löffel, Gabel, und uns vor die Füße geworfen. Die Zelle war ein schmutziges Loch, voller Mäuse und Ungeziefer. Die Aussicht führten Schwarte. Sie sahen höhnisch zu, wenn wir die Abortkübel schleppten und die Zelle rei­nigten ...

Soweit der Auszug aus dem Tagebuch. Volle 9 Wochen dauerte noch die Qual des Gefange­nen. Eine ordentliche Gerichtsverhandlung. fand nie statt. Eines Tages eröffnete man den Ge­fangenen, sie seien entlassen, und schaffte sie über die Grenze des besetzten Gebietes.

Forderungen des Mehgergewerbes.

WSR. F r a n k f u r t a. M., 6. März. Der Vor­stand des Bezirksvereins ..Beide Hessen und Rassau", dem sämtliche Fleischertnnun- gen von Hessen und Hefsen-Ras- s a u angehören, beschäftigte sich in einer Vor- standssihung mit der Lage des Fleischer­gewerbes. Es wurde erflärt, daß der unge­heure Steuerdruck, der durch die Schlachtsteuer auf dem Fleifchergewerbe lastet, fallen müsse, wenn nicht zahlreiche Betriebe zum Erliegen kommen sollen. 2n einer Entschließung heißt es.Von der Regierung fordern wir, daß es nicht bei den vor

den Wahlen oft gehörten Beteuerungen bzgl. der Erhaltung eines gesunden Handwerkerstandes ver­bleibt, sondern daß auch durch gesetzliche Maß­nahmen den naturnotwendigen Belangen , bes Fleischergewerbes Rechnung getragen wird." Es wurde darauf hingewiesen, daß die landwirt­schaftlichen Hausschlachtungen dem Fleischerhandwerk eine schwere Konkurrenz machen und verlangt, daß jede landwirtschaftliche Hausfchlachtung als gewerbliche Schlachtung an- zufehen ist, wenn Fleisch ober Wurst hieraus an Dritte gegen Entgelt abgegeben wird. EG wurde erwähnt, daß in letzter Zett auch von Erwerbs­losen Schlachtungen getätigt werden mit der Absicht, Fleisch an Dritte gegen Entgelt zu verkaufen. Auch derartige Schlachtungen seien als gewerbsmäßig anzusehen und müßten den­selben Bestimmungen unterliegen, wie sie dem Fleischergewerbe in polizeilicher und hygienischer Hinsicht auferlegt feien. Es wird verlangt, daß die Schlachthofgebühren unter allen Um ständen abgebaut werden und die Ergänzungsschaugebühren nur von denjenigen zu entrichten sind, die eine Grgänzungsschau In An­spruch nehmen. Man erhofft von der Regierung Verständnis für die Rotlage deS Handwerks und erwartet, daß durch gesetz­liche Maßnahmen der schrankenlosen Gewerbefrei­heit Einhalt geboten wird. Ein Mittel dazu sei die Einführung der Handwerkerkarte.

Gictzencr Wochcnmarktpreise.

* Gießen, 7. März. Es kosteten auf dem heu­tigen Wochenmarkt: Süßrahmbutter 110, Landbut­ter 100, Kochbutter 80, Matte 20 bis 25 Pf. daS Pfund, ©iet, inländische, 9, Käse 5 bis 10 Pf. das Stück, Wirsing, gelb, 10 bis 12, grün 20, Weißkraut 8 bis 10, Rotkraut 10 bis 12, Gelbe Rüben 10 bis 12, Rote Rüben 10, Spinat 30, iln* ter-Kohlrabi 6 bis 8, Grünkohl 15 bis 20, Rosen­kohl 30 bis 35, Feldsalat 120 bis 150, Zwiebeln 10, Meerrettich 30 bis 50, Schwarzwurzeln 25 bis 30, Kartoffeln 3, Aepsel 20 bis 30, Dörrobst 35 biS 40, Honig 40 bis 45, Rüfse 40, 2unge Hähne 70 bis 90, Suppenhühner 70 bis 80 Pf. das Pfund, Tauben 40 bis 60, Blumenkohl 30 bis 60, Salat 25 bis 30, Endivien 10 bis 30, Lauch 5 bis 10, Rettich 10 bis 15. Sellerie 10 bis 30 Pf. das Stück, Radieschen 25 Pf. das Bund, Kartoffeln 2,50 Mk.

Daten für Dienstag, 7. März.

1829: der Afrikasorscher Eduard Vogel in Krefeld geboren; 1922: der Mediziner Karl Ludwig Schleich in Saarow-Pieskow gestorben; 1932: der französische Staatsmann Aristide Briand in Paris gestorben.

Was gewünscht wird".

?ius den Akten des englischen Patentamtes.

Das englische Patentamt gibt seit einigen Zäh­ren jährlich eine Schrift heraus unter dem Titel ..Was gewünscht wird. Darin werden die Erfin­dungen aufgeführt, auf die nach den an das Amt ergangenen Mitteilungen die Menschheit wartet. 2n der neuesten Ausgabe sind nicht weniger als 895 solcher Wünsche aufgeführt. Gegen 400 da­von werden als wirkliches Bedürfnis bezeichnet. Das 2nftitut weiß, wer die Erfindung begehrt und sie wissenschasllich ausnuhen mochte. 2n eini­gen Fällen ist auch schon ein Erfinder auf diese Weise mit dem Suchenden in Verbindung gebracht worden. Außerdem aber gibt es noch säst 500 schone 2been. deren Rotwendigkeit nicht so offen zutage liegt, die aber von regen Gei­stern ausgedacht, wenn' auch frellich noch nicht praktisch verwirllicht sind. Darunter befinden sich allerlei Sachen, die dem gewöhnlichen Sterblichen mehr seltsam als begehrenswert dünken. Gewiß, es wäre z. B. ganz hübsch, wenn man beim Kinobesuch unter seinem Sitz ein Behältnis fände, in dem man Hut und Mantel unterbringen kann; auch breite Armlehnen, auf die man sich stützt, wären erwünscht, und Vorrichtungen, um die Zigarre und anderes abzulegen. Aber es geht ja auch ohne das. Besonders zahlreich sind die frommen Wünsche, die sich auf die Kleidung er­strecken. Was denken Sie von einem selbstleuch- tenben Kragenknopf? Welch ein Labsal, wenn man im Dunkeln bieses unentbehrliche 2nftrumcnt der wrnnl chen Kleidung sofort finden konnte. Auch unz.rbrechliche Kragen mit nicht reibendem Rande wären nicht zu verachten. Ein Taschentuch, das auf der einen Seite weih und auf der andern farbig ist. würde als Schmuck sich ebenso treff­lich erweisen wie im praktischen Gebrauch. Drin­gend gesucht wird eine Rasierklinge, die nie geschärft zu werden braucht. Zigaretten, deren Äsche nicht herunterfällt, Zigaretten mit leuchten­dem Korkmundstück. die verhindern, dah der Rauchende im Dunkeln das falsch? Ende in den Mund steckt auch das sind Ziele, des Schweißes der Edlen wert. Besonders eifrig un Wünschen sind die Hausfrauen. Eine Ma'chine. die bei Krabben die Hülle entfernt, scheint uns nicht

so dringlich, ebenso ist auch ein mechanischer Spargelschäler nur in wenigen Monaten für die Küche vonnöten. Ein besonders ausgeruhter Kops ist der Genießer, der in seinem Bett eine Falltür anbringen mochte, damit er die Fühe auf den Boden setzen kann, wenn er im Bett seine Mahlzeit einnimmt. Ein anderer verlangt eine praktische Kratzvorrichtung, die alle Teile des Rückens erreicht. Wird es jemals gelingen, eine Maschine Hetzustellen, die dem Omnibus- schafsner unten anzeigt, wieviele Leute oben sitzen, so dah er nicht erst hinaufzugehen braucht? Ein Attentat auf die Ohren der Reifenden hat der­jenige vor, der verlangt, daß die Stationen in den Abtellen durch Lautsprecher ausgerufen werden. Schon verständlicher ist der Wunsch einer alten Dame nach einem Apparat, der das Bellen eines Hundes nachahmt, so daß der Anschein eines Wächters hervorgerufen wird,wenn es notwendig ist". Angenehmer wäre schon die Vor­richtung. die im Halsband untergebracht werden soll, um das Dellen eines Hundes zu dämpfen. Ein schlichterer Wunsch istder Regenschirm, den man nicht verlieren kann", und wirklich bahn­brechend für die Dichtung wärePapier mit vorgedrucktem Schema für die anzuwendenden Dersarten".

Große Schauspieler in aller Welt.

Wir haben heute vielleicht mehr gute Schauspie­ler als zu irgend einer anderen Zeit, und wenn es auch an Genies fehlen mag, die einen inter­nationalen Rus besitzen, wie er früher großen Mimen zuteil wurde, so lebt uns doch etwa in Albert Bassermann noch ein Meister der älteren Generation, der es mit den bedeutendsten Schopsergestalten unserer Bühne aufnehmen kann. Freilich, von dieser deutschen Schauspiellunst ist verhältnismäßig wenig im Ausland be­kannt, wo nur der Rame Reinhardts im leuchtenden Glanz am Ruhmeshimmel steht. Des­halb wird uns selbst das Urteil eines erfahre­nen englischen Theatermannes, Charles B. Coch- ran, das er in einem Londoner Blatt über die besten Schauspieler von heute abgibt, nicht ganz maßgebend sein. Die Ramen der internationalen Bühne, die er nennt, sind aber immerhin inter­essant. Cochran geht von einem Gespräch mit Sa­

rah Bernhardt aus, das er mit ihr wenige Monate vor ihrem Tode hatte. Man sprach über die großen Schauspieler, und diegöttliche Sarah" klagte beweglich über das Verschwinden der Heroen, die den Brettern erst ihre Weltbedeu­tung verliehen. Sie nannte damals Lucien © u i - try als den letzten der großen Schauspieler.Wo sind sie heute hin?" rief sie,England hat kei­nen 2rving, 2talien keinen Salvini, Amerika kei­nen Edwin Booth!"

Cochran muh ihr damit zustimmen, daß die Epoche der schauspielerischenRiesen" vorbei sei, und er erklärt das daraus, daß das klassische Drama heute nicht mehr so die Welt der Büh­nen beherrsche wie in jenen vergangenen Tagen. Bei den Aufgaben, die der Scyau.pieler heute zu losen hat, kann er nicht die gewaltigen Span­nungen entfalten, vermag er nicht alle seine Kräfte und Leidenschaften zu üben, wie dies für die Ent­faltung seines ganzen Talentes notwendig wäre. Der Mime von heute, dem meist die Darstellung alltäglicher Menschen, abnormer Erscheinungen oder gebrochener Raturen obliegt, entbehrt das Training, das allein die gewaltigen Schöpfun­gen der Weltliteratur barbieten. Aber mit die­ser Einschränkung gibt es nach der Ansicht Coch- rans eine unerschöpfliche Auswahl von guten Darstellern für jede Ausgabe, die man heute stellt. Wenn man von mir verlangte", schreibt Coch­ran.die schwierige Ausgabe zu losen, welche Schauspieler heute an der Spitze stehen, so würde ich sagen, daß die beste Schauspielerin der Welt Elisabeth Bergner ist und der jjjefte Schau­spieler Werner Krauß, beides Deutsche. Rach Krauß würde ich einen sehr hohen Platz dem Amerikaner Alfred Lunt einräumen. Der beste Opernsänger der Welt ist Schaljapin, ein Russe. Dvonne Printernps ist hervorra­gend in allem, was sie angreift, und mit dieser Einschränkung würde ich als den größten Ope­rettenkünstler Gitta A1P a r bezeichnen. Der beste Clown ist ©rock, ein Schweizer, der beste Komiker der Engländer George Rooey, und für die beste Exzentrik-Schauspielerin halte ich Cicely Courtneidge. Don hervorragenden Schau­spielern. die sich im modernen Konversations­stück auszeichnen, hebt Cochran in Frankreich Dic- tor Boucher und Raimu hervor. Einzelne 1 Ramen aus der Londoner Schauspielerschar hütet

er sich zu nennen, weil er keinem Anrecht tun will. Als die glänzendsten Gestalten der italieni­schen Bühne erscheinen ihm R u g g i e r i, die Tra­gödin Emma Grammatica und Maria Abda, die gleichmäßig ausgezeichnet im klassi­schen Drama wie in Rollen Pirandellos ist.

Oer Letzte aus dem Zulu-Krieg.

Wie aus 2ohannesburg in Südafrika gemeldet wird, ist der Letzte aus dem Zulu-Kneg vor 100 Jahren, Stephanus Molife, ein früherer Sklave, im Alter von 115 2ahren $u Ladysmith in Ratal gestorben. Er war noch ein lebendiges Zeugnis jener fernen Tage, in denen die Sklave­rei blühte und die Zulus in den 2ahren von 1820 bis 1840 in blutigen Kämpfen gegen die Buren aufftanben unb sich bas Küstenland des jetzigen Ratal unterwarfen. An diesen Kämpfen hatte Molife als junger Mensch teilgenommen. Seine frühesten Erinnerungen gingen zurück bis zu dem Tag, da er als ein kleiner 2unge irgendwo in der alten Kap-Kolonie die Ziegen hütete. Da er­schienen plötzlich drei Ochsenwagen, auf denen Du­ren durchs Land zogen. Molife hatte noch niemals vorher einen Weißen gesehen unb war zuerst er­schreckt. Aber bald siegte die Deugierde über bia Furcht: er ging näher heran, unb als ihm einer der Männer ein Geschenk hinhielt, griff der 2unge danach, worauf er am Arm gepackt und in den Wagen hineingezogen wurde. Trotz seines Schrev- ens und Strampelns wurde er mit fortgeführt, und seitdem war er ein Sklave, der seine Eltern niemals wiedergesehen hat. Er wuchs in der Skla- verei auf, aber er sehnte sich immer danach^ in die Heimat zurückzukehren, und entfloh als jun­ger Mann seinen Herren. Doch es war ein weiter Weg von Ratal, wohin ihn die Duren gebracht hatten, bis zu den Seinen in der Kcw-Kolonie, unb so gab er bie Suche auf und schloß sich den Zulu-Truppen an, bie gegen feine Feinde, bie Duren, kämpften. Er nahm teil an ber berühmten Schlacht am Blood-River, in ber bas Heer ber Zulus vernichtet würbe, entging aber glüÄich bem Tobe unb ließ sich schließlich in Labysmith nieber, wo er an ben Abhängen bes Ambulwana-Gebirges einnc kleine Sieblung grünbete. Hier hat er über 80 Jahre lang gelebt unb eine zahlreiche Familie um sich versammelt; er würbe reich unb mächtig unb herrschte in feinem Gebiet wie ein König.