Ausgabe 
4.3.1933 Erstes Blatt
 
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Nr. 54 Zweites Blatt

Oie Gasfernversorgung

Der Giehener StaLtrat hat in seiner jüng­sten Sitzung einem Vorvertrag mit der Hessischen kommunalen Gasfernversorgung (Hekoga) wegen Gaslieferung aus der geplanten Gasfernleitung von Siegen über Gießen, Dad-Rauheim usw. flugcftimmt. Dieser Beschluß bedeutet, wie wir in Rr. 47 desGieß. Anz." bei der Besprechung jener Etadtratssihung bereits hervorhoben, einen sehr bemerkenswerten Wendepunkt in der Giehener kommunalen Der- sorgungswirtschaft.

Wer sich dec ernsten Sorgen bewußt ist, die bei der Stadtverwaltung und in den Kreisen der Kommunalpolitiker wegen unserer Gaswerknöte schon seit Jahren bestehen, wird den Beschluß des Stadtrats nur begrüßen. Gs war eine schwie­rige und oft undankbare Arbeit zu leisten, bis dieser Plan zur Reise gelangte. Zeitweise stan­den die Dinge sogar so, daß das Scheitern der Hekoga-Pläne näher lag als ihr Gelingen. Er­freulicherweise gelang es aber der hingebungs­vollen Arbeit der führenden Männer der Hekoga, zu denen als Vertreter der Stadt Gießen Bür­germeister Dr. Hamm gehört, der jahrelangen Vorbereitung der Pläne den positiven Abschluß zu sichern, falls das letzte Hindernis, die Fi­nanzierung des Baues, noch bewältigt werden kann. Die Inangriffnahme des Leitungsbaues hängt nämlich von der Bewilligung der Geld­mittel ab, die von der Auhrgas-AG. beim Ar- beitsbeschaffungskommissar des Reiches im Rah­men des Arbeitsbeschaffungsprvgramms bean­tragt worden sind. Die Aussichten auf eine Ent­scheidung im Sinne der Antragsteller dürften aber günstig sein, da ja das Reich gerade Arbeiten dieser Art fördern will und außerdem hier eine Arbeitsmöglichkeit von längerer Dauer besteht.

Der Anschluß der Stadt Gießen an die Gas­fernversorgung vom Ruhrgebiet hat eine doppelte Bedeutung. Zunächst wird dadurch unsere Stadt endlich ihre seit Jahren bestehenden Gas­werksorgen los. Die Lösung dieser Frage bringt die Beseitigung des Gaswerkbetriebes im Weich­bild der Stadt mit sich. Zwar ist nicht damit zu rechnen, daß sofort nach der Inbetriebnahme der neuen Leitung alle Anlagen des jetzigen Gaswerk­betriebes entfernt werden können, jedoch wird die Gaserzeugung eingestellt, und damit werden auch die für die Rachbarschaft des Gaswerkes oft recht empfindlichen, aber an sich unvermeidlichen Ge­rüche des Werkes aufhören. Die Gasometeranlage wird vorerst noch an dem jetzigen Standort verblei­ben müssen, bis die weitere Entwicklung des Fern­versorgungsbetriebes schließlich einen Gasometer- Reubau notwendig machen wird, für den jetzt schon ein Platz außerhalb der Wohnviertel vor­gesehen ist. Im Personalbestand des Gaswerks dürfte voraussichtlich eine allzu einschneidende Aenderung wohl nicht zu erwarten sein, da na­türlich auch für den Fernversorgungsbetrieb der erforderliche Verrechnungsapparat rn.it dem nö­tigen Hilfspersonal zur Verfügung bleiben muß. Der Vorteil der Gasfernversorgung für unsere Stadt besteht aber nicht nur darin, daß wir einen kostspieligen Reubau eines Gaswerkes, um den wir angesichts des Zustandes der jetzigen Anlage in den nächsten Jahren nicht mehr herumgekommen wären, nicht zu bewerkstelligen haben werden, son­dern er ist auch darin zu erblicken, daß es nach dem Anschluß unserer Stadt an das Ruhrgasnetz möglich sein wird, vor allem den Gießener In­dustrie-, Gewerbe- und Handwerksbetrieben die billigere Abgabe eines vom Selbstkostenstandpunkt der Unternehmungen aus wesentlich vorteilhafte­ren Gewerbe-Gases zur Verfügung zu stellen. Die­ser Faktor wird für die Unternehmungen, die jetzt erhebliche Ausgaben für den Kohlenbezug zu tra­gen haben, von großer Bedeutung fein. Ob und inwieweit künftig auch die Kochgaslieferung für die Haushaltungen im Preis günstiger gestaltet wer­den kann als heute, ist nach unseren Informatio­nen im gegenwärtigen Zeitpunkt noch nicht näher zu beurteilen. In städtebaulicher Hinsicht besteht der Vorteil des Ferngasanschlusses darin, daß wir in absehbarer Zeit das Gelände des jetzigen Gaswerkes von allen technischen Anlagen frei be­kommen und dadurch Raum gewinnen für einen künftigen Rathausbau, durch den dann endlich die schon seit Jahren geforderte Zentralisierung der Stadtverwaltung in einem Rathaus auf dem Gaswerksgrundstück in Verbindung mit der jetzi­gen alten Bürgermeisterei möglich werden wird. Zur Verwirklichung dieser Pläne sind natürlich andere wirtschaftliche Verhältnisse als heute die unerläßliche Voraussetzung.

Reben dieser lokalen Bedeutung der Gasfern­versorgung steht der allgemeinwirtschaftliche Vor­teil dieser Anlage für die Provinz Oberhessen, ins­besondere zunächst für den Kreis Gießen. Ohne den Anschluß Gießens an das Gasscrnversor- gungsneh wäre diese Anlage für Oberhesscn über­haupt nicht möglich gewesen, da der Gießener Gas- konsum für die Wirtschaftlichkeit des Unterneh­mend von ausschlaggebender Bedeutung ist. Dank der Beteiligung unserer Stadt, die sich dabei selbst-

________Samstag, 4. März 1933

zialwerte wie tiahmcqcr, Reichsbank und Mannes­mann lagen darüber hinaus um bis zu 1,50 v. H. höher, und die Umsatztätigkeit war zunächst noch recht lebhaft. Vereinzelt machte sich jedoch auch einiges Realisationsbedürfnis bemerkbar, wobei man auch auf die morgige Wahl verwies, die etwas zur Zurückhaltung mahnte. IG., Deutsche Erdöl und die gestern abend stark forcierten Eontigummiaktien, sowie einige andere Papiere erlitten 'Verluste um bis zu 1 o. H. Im übrigen eröffneten noch höher Schiffahrts- und Verkehrswerte, Zement Heidelberg, Zellstoff Waldhof, Scheidcanstalt, Schuckert, Bude­rus, Phönix und Daimler. Die Nachricht, daß in Newyork ein zweitägiger Bankenfeiertag oerfü^t fein soll, hat die Zurückhaltung verstärkt, und die Kurse neigten auf weitere Glattstellungen im Ver­laufe allgemein von 0,50 bis 1 v. H. zur Schwäche. Reichsbank gaben sogar 1,50 v. H. nach. Im weite­ren Verlaufe unterlagen die Kurse bei kleinem Um­satz einigen Schwankungen, teilweise traten auch kleine Besserungen ein. 3m allgemeinen bestand je­doch Zurückhaltung.

Am R e n t e n m a r f t herrschte diefesteSt imun g noch meist vor, da am Pfandbriefmarkt noch kleine Kundenorders zur Ausführung kamen, so daß hier neue Erhöhungen von etwa 0,50 v. H. eintraten. Deutsche Anleihen lagen .zunächst etwas höher, bröckelten aber später leicht ab, ebenso späte Reichsschuldbuchforderungen, Stadtanleihen und son­stige festverzinsliche Werte erfuhren nur unwesent­liche Veränderungen. Tagesgeld war zu 4,50 v. H. unverändert.

Wettervoraussage.

Roch immer bleibt unsere Witterung unter dem Einfluß der Störungstätigkeit, die sich nun­mehr bis über Polen hin entfaltet hat. obwohl ihr Kerngebiet noch über den britischen Inseln lagert. Fortgesetzt werden von Westen her Staf­feln ozeanischer Lust heranbefördert, die eine ge­wisse Wechselhaftigkeit Hervorrufen. Reben wech­selnder Bewölkung kommt es auch zu kurzem Aufklaren, und zeitweise treten Riederschläge auf. Dabei bleibt es im wesentlichen noch mild, doch dürften später die Temperaturen etwa- zu­rückgehen.

Aussichten für Sonntag: Wechselnd bewöllt, auch kurz aufheiternd, noch ziemlich mild und zeitweise Regenfälle.

Aussichten für Montag: Fortdauer deS wechselhaften Wetters mit einzelnen Rieder­schlägen, Temperaturen etwas sinkend.

Lufttemperaturen am 3. März: mittags 12,3 Grad Celsius, abends 7,6 Grad: am 4. März: morgens 7,2 Grad. Maximum 12,6 Grad, Minimum 6,6 Grad. Erdtemperaturen in 10 cm Tiefe am 3. März: abends 0,1 Grad; am 4. März: morgens 0,2 Grad Celsius. Niederschläge 5,0 mm. Sonnenschein­dauer VA Stunden.

Kirchliche Nachrichten

Evangelische Gemeinden.

Sonntag, den 5. März 1933. Jnvokavit.

Sladtkirche. 9.30 Uhr: Pfr. Becker: 11: Kinderkirche für die Markusgemeinde: Pfr. Becker; 18: Psarr- assistent Knell. Iohanneskirche. 9.30: Pfr. Ausfeld; 11: Kinderkirche für die Johannesgemeinde; Pfr. Ausfeld; 18: Pfr. Bechtolsheimer; Beichte und hl. Abendmahl für Lukas- und Johannesgemeinde; 20: Missionsstunde; Pfr. Groh. Kapelle des Allen Friedhofs. 9.30 Uhr: Pfr. Lenz; 11: Kinderkirche für die Luthergemeinde; Pf. Lenz. petruskapelle. 9.45: Pfarraffiftent Knell. Gemeindesaal (Liebigstroße Nr. 56). 14: Taubstummengottesdienst und Feier des hl. Abendmahls; Pfr. Bechtolsheimer. Klein-Lin­den. 9: Gottesdienst; hl. Abendmahl für die Jungver­heirateten; 11: Äindergottesdienft. Heuchelheim. 10: Hauptgottesdienst; 13: Kindergottesdienst. Dieseck. 9.45: Hauptgottesdienst; 11: Kinderkirche. Alten-Vuseck. 10: Gottesdienst; 13: Passionsandacht. Großen-Bufeck. 10.30: Gottesdienst. Oppenrod. 13: Gottesdienst. Kirchberg. 10: Kirchberg: 13.30:

Montag, den 6. März 1933.

Kirchberg. 20.30 Uhr: Lollar; Bibelstunde.

Katholische Gemeinden.

Samstag, den 4. März 1933.

Gießen. 16.30 und 19 Uhr: Beichte.

Sonntag, den 5. März 1933. 1. Fastensonntag.

Gießen. 6.30 Uhr: Beichte; 7: Messe; Kommunion der Männer und Jünglinge; 8: Kommunion; 9: Hochamt mit Predigt; 11: Messe mit Predigt: 17.30: Passionsandacht Grünberg. 9.45: Messe mit Pre­digt. Hungen. 17.30: Vortrag und Andacht. Laubach. 10: Hochamt mit Predigt: 14.30: Christen- lehre und Andacht. Cid). 7.30: Hochamt mit Pre­digt; 20: Vortrag und Andacht. Nidda. 8.30: Hoch­amt mit Predigt. Schotten. 10.30: Hochamt mit Predigt

Dienstag, den 7. März 1933.

Gießen. 18.30 Uhr: Fastenandacht.

Sonntagsdienst d.Aer-te luAvotheten am 5.3. 38. Dr. Malech. Dr. Hofmann. Hrrfchavotheke.

tahnant: Dr Breuning ,v

^Nehmen Sie zum Aufwaschen, Spülen und Reinigen Henkels <K

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gbechesseni

Oie Stätte -es neuen Reichstags.

verständlich in erster Linie nur von der Wah­rung der eigenen Interessen leiten ließ, ist es auch für Bad-Rauheirn möglich gewor­den, sich den Vorteil dieser Anlage zunutze zu machen. Die gleiche Möglichkeit wird den Städten Butzbach und Friedberg zur Verfügung stehen, die zwar eigene Gaswerkbetriebe besitzen, aber zur Deckung des Spihenbedarfs wohl gute Verwendung für das Ruhrgas haben dürften. Be­deutung wird die Ferngasversorgung wohl auch für Lollar gewinnen können, da dort in dem Duderuswevk Verwendung für Gewerbegas anzu­nehmen ist. Für Gießen und für die anderen Orte ist noch zu beachten, daß in Zukunft das Gas als Heizstoff für die Wohnungen immer mehr an Bedeutung gewinnen wird, da natürlich der Gasverbrauch, wenn er zu mäßigen Preisen er­folgen kann, für die Haushaltungen wirtschaft­licher sein wird als die mit Bahnfracht und son­stigen Transportkosten belastete Kohle. Für die der Gasfernversorgung bis jetzt noch fernstehen­den Orte wird es jedenfalls notwendig sein, diese Versorgungsmöglichkeit ernstlich in den Bereich der kommunalen Erwägungen einzustellen, damit den Einwohnern die wirtschaftlichen Vorteile der neuzeitlichen Gasversorgung an die Hand gegeben werden.

Die Pläne für den Bau der Fernleitung find seit langer Zeit fertig. Hoffentlich wird nunmehr die Finanzierung möglichst rasch zu einer an­

nehmbaren Lösung gebracht, damit der Bau un­gesäumt in Angriff genommen werden kann. Für den Arbeitsmarkt in unserem Wirtschaftsbezirk wird dadurch die Möglichkeit einer fühlbaren Ent­lastung für längere Zeit gegeben fein. Dielen Fa­milien würde dabei ein Weg aus der gegenwär­tigen Rot erschlossen, aber auch die Gesamtheit des Wirtschaftslebens würde davon Ruhen ha­ben, denn durch diese Arbeitsbeschaffung wird es möglich sein, breiten Bevölkerungsschichten wie­der verstärkte Kaufkraft und Aufnahmefähigkeit für Erzeugnisse unserer Wirtschaft zu geben, für die unter den jetzigen Verhältnissen leider kein Geld vorhanden ist. Hoffentlich läßt die letzte posi­tive Entscheidung, die Finanzierung, nicht mehr lange auf sich warten.

Wirtschaft.

Sranffurf lebhaft und fest.

Frankfurt, 4. März. (WTB. Drahtmeldung.) Nachdem an der gestrigen Abendbärse aus den schon feit Tagen bekannten Ursachen bei lebhaf­tem Geschäft zum Teil neue Höchstkurse er­reicht wurden, konnten sich bei Beginn der Wochen- fchlußbörse auf noch vorliegende Publikumsauf­träge überwiegend neue Besserungen von durchschnittlich 0,50 bis 0,75 v. H. durchsetzen. Spe-

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