Ausgabe 
1.3.1933 Frühausgabe
 
Einzelbild herunterladen

Oer Abbau -er weltlichen Schulen in Preußen.

Berlin, 28. ^cbr. (TU.) Der Reichskommis- sor für das preußische Kultusministerium hat an­geordnet, daß von Ostern d. I. ab in dieSam- melschulen und Sammelklassen für Kinder, die am Religionsunterricht nicht teilnehmen. Lernanfänger nicht mehr ausgenommen werden. Die Sammel­schulen und Klassen laufen in den folgenden Jah­ren jahrgangsweise ab. Soweit sie in den nächsten Sauren noch weitcrbestehen, finden Neu­aufnahmen von Schülern, die nicht schon früher Eammelschulen oder -Klassen besucht ha­ben. nicht mehr statt. Unterricht in Le­benskunde oder sogenannter Moralunterricht wird in den Volksschulen außerhalb der Sammelschulen und -klassen nicht mehr erteilt.

Lernanfänger, die einer Religionsgesellschaft an­gehören, sind nach den allgemeinen Bestimmun­gen in die bestehenden Volksschulen einzuschulen. Solche, die einer Religionsgesell­schaft nicht angehören, sind in diejenige Volks­schule einzuschulen, die ihrem früheren Re­ligionsbekenntnis oder, falls sie einem Bekenntnis niemals angehört haben, dem gegen­wärtigen oder früheren Religionsbekenntnis der Eltern entspricht. Falls ausreichende Feststel­lungen nicht getroffen werden können, bestimmt die Schulaufsichtsbehörde oder die Schuldeputation die Schule.

Die durch die jahrgangsweise Aufhebung der Sammelschulen und Klassen freiwerdenden Lehrkräfte sind gemäß ihrem Religionsbe­kenntnis anderen Schulen zuzuweisen. Angestellte Lehrkräfte, die einem Religions­bekenntnis nicht angehören, sind nach ihrem frühe­ren Bekenntnis anderen Schulen zuzuweisen.

Verwendung deutscher Kräfte im Kundfunk.

Berlin, 23. Febr. (TL) Wie amtlich mit- geteilt wird, hat der Dundfunkkvmmissac des Reichsministers des Innern, Dr. Krukenberg, die Re'.chLrundfunkgesellfchaft auf die Rotlage hingewiesen, in der sich zur Zeit mit vielen an­deren Volksgenossen, ganz besonders auch Vertreter der deutschen Kun st und des deutschen Schrifttums befinden. Sie stelle den Rundfunk als den Wohl größten kul­turellen Auftraggeber vor besondere Aufgaben. Die Befolgung des schon wiederholt gegebenen Hinweises im Programm, weitestgehend nur deutsche Kräfte zu beschäftigen, die nicht anderweit durch Anstellung oder feste Mit- arbeitsvertrage verpflichtet sind, genüge nicht. Aus staatspolitischen Erwägungen heraus er­achte er es vielmehr für wünschenswert, bei Reuabschlüssen für Darbietungen irgend­welcher Art grundsätzlich nur Deichs- deutscheund Angehörigeehemaliger reichsdeutscher Gebiete oder stam- mesverwandter Länder zu berücksich­tigen. Vereinbarungen mit Ausländern, aber nur insofern zu tätigen, als festftehe. daß deren hei­matlicher Rundfunk umgekehrt Reichsdeutsche in entsprechender Weise zu seinen Darbietungen her­anziehe, oder daß ein besonders außenpolitisches Interesse die Ausnahme rechtfertige. "

Oer Kampf geqen den Versailler Bertraq.

Berlin. 28. Febr. (WTD.) Der Arbeits- ausschuh Deutscher Verbände hat den Reichsinnenminister Dr. Frick gebeten, auch in feinem jetzigen Wirkungskreis Einfluß auf den weiteren Kampf gegen den Versailler Vertrag zu nehmen. Jnsbeson^e.e bezeichnete der Arbeits­ausschuß es als notwendig, im Schulunter­richt immer wieder auf den Versailler Vertrag hinzuweisen. 3n der Antwort des Reichsinnen­ministers heißt es u. a.: Rach meiner äleber- zcugung gehört es zu den wichtigsten und vor­dringlichsten Aufgaben nationaler Regierungs- Politik. insbesondere die Heranwachsende Jugend über Bedeutung und Inhalt des Versailler Diktats zu unterrichten. Die Kenntnis dieses für Schick­sal und Entwicklung unserer Ration ausschlagge­benden Vertrags muh zum Bestandteil der

politischen Bildung deS Deutschen werden. Es ist daher e.ne Selbstverständlichleit, dah der Versailler Vertrag und seine Auswir­kungen in den Mittelpunkt des historischen und staatsbürgerlichen Unterricht« in den Schu» len. Fortbildungsschulen und Hochschulen gestellt werden. Ich begrühe es. dah der ArbeitSausschuh deutscher Verbände unter Berücksichtigung der Be­dürfnisse in den Schulen jetzt eine besondere Schrift über das Versailler Diktat herausgibt. Sobald ich im Besitz der Schrift bin, wr^de ich mich im Sinne Ihre« Antrags mit den zustän­digen Ministerien der Länder inS Benehmen setzen.

Zuspitzung -er Lage in Genf.

Genf. 28. Febr. (TL, Die Lage auf der Ab­rüstungskonferenz verschärft sich täglich- Die Sabotageversuche aller wirksamen Abrü- stungsmahnahmen durch die französischen Slaaten- gruppen mehren sich in beschleunigtem Tempo. Die Aussprachen sind ausschließlich darauf abgestellt. Deutschland t) i<e Verantwortung f ü r das Scheitern der Verhandlungen zuzuschieben. Keine Sitzung vergeht ohne Zusam- menstöhe uyd scharfe Auseinandersetzungen. Die Abstimmungen werden kaum mehr ernst genom­men, da die mei st en Mächte sich der Stimme enthalten und die französische Staatengruppe ihre Beschlüsse oft gegen die Stim­men sämtlicher übrigen Großmächte durchsetzt. Die Konferenz besaht sich gegenwärtig ausschließlich mit politischen Fragen, die mit der Abrüstung kaum mehr im Zusammenhang stehen. Die Ver­handlungsleitung der Präsidenten Henderson und Madariagaist völlig auf die französischen Wünsche abgestellt.

Der HauptauSschutz nahm Dienstag einen fran­zösischen Vorschlag an. nach dem diet>or» militärische Ausbildung" in die Dienst­zeit der kontinental-europäischen Armeen mit einberechnet werden sollen. Der ita­lienische Vertreter widersetzte sich den französischen Vorschlägen mit großem Rachdruck offenbar im Hinblick auf die zahlreichen faschistischen Balillos. Pierre Cot suchte anhand eines direkt a u f Deutschland eingestellten Beispiels den Rachweis zu erbringen, dah in Zukunft eine militärische Lleberlegenheit Deutschlands gegen­über Frankreich im Falle der Angleichung der Heeresshsteme bestehen würde, falls eine vor­militärische Ausbildung der jungen Leute zwi­schen 18 und 21 Jahren nicht in die offizielle Militärdienstzeit eingerechnet würde. Der ita­lienische Vorschlag, die gesamte Frage dem Ef­fektivausschuh zu überweisen, wurde auf Vor­schlag Hendersons abgelehnt und der französische Vorschlag der Anrechnung der vormilitärischen Ausbildung auf die Militärdienstzeit angenom­men. Botschafter Radolnh nahm weder an der Aussprache, noch an den Abstimmungen teil.

Die Verhandlungen im Luftfahrtaus­schuß stocken noch immer, da alle Versuche, die deutsche Regierung zu einer Teilnahme an der Behandlung der Internationalisierung' der zi- vilen Luftfahrt zu bewegen, gescheitert sind. Die Locarnomächte haben sich auf eine Formel ge­einigt, in der für alle europäischen Mächte ein Verzicht auf die Gewaltanwendung im Konfliktfalle ohne Erwähnung der Locarno­bestimmungen ausgesprochen wird. Der Völker- bundsrat befaßte sich mit dem englisch-französi­schen Vorschlag eines für alle Mächte geltenden Verbots der Waffenausfuhr nach Bolivien und Paraguay.

lige Aufklärung Über die Vorgänge dieser Tage, ihre Hintergründe und über die Schuldigen zu erhalten.

Schwere politische Zusammenstöße in Wormö.

Worms, 1. März. (WTB. Funkspruch.) Nach­dem sich am Dienstagnachmittag bereits politische Zusammenstöße ereignet hatten, bei denen e i n junger Nationalsozialist durch einen Mes­serstich in die Lunge schwer verletzt worden war, kam es in der Nacht zum Mittwoch abermals xu einem schweren Zusammenstoß vor dem Volkshause. Der Wirt des Volkshauses wurde durch einen Herzschuß getötet. Ein Mädchen wurde durch einen Schuß schwer verletzt. Bei einem Zusammenstoß zwischen politischen Gegnern in der Löwengasse wurde ein Mann durch einen Bauchschuß getötet. Zn das Wormser Krankenhaus ist in der Nacht ein Mann eingeliefert worden, der einen Stich in den Hals erhalten hatte. Die gesamte Wormser Polizei war während der Nacht auf dem Marktplatz zusammengezogen.

polizeiliche Durchsuchungen in $ronffurt

WSR. Frankfurt a. M., 27. Febr. Wie überall in Preußen, wurden auch hier polizei­liche Durchsuchungen vorgenommen. L a. erschienen Kriminalbeamte bei der sozialdemokra­tischen »Volksstimm e". wo sie alte Wahlpla­kate von früheren Wahlen beschlagnahmten und etwa 20 Exemplare der heutigen Ausgabe der »Volks stimme" Mitnahmen. Bei der kommu­nistischen »Arbeiter-Zeitung", die bereits auf vier Wochen verboten worden ist, ist LLher noch keine Durchsuchung erfolgt.

Meine politische Nachrichten.

Reichsminister Göring spricht beute um 19.30 Uhr über öie deutschen Sender zur Not­verordnung gegen die kommunistische Gefahr.

Anläßlich der kommunistischen Brandstiftung im Reichstag und der aufgedeccten Lnsturzpläne der KPD. wird De.chstanzi.er Hitler am Don­nerstagabend um 20.30 Ahr im Deutschen Rundfunk überWeltgesahr des Bolschewis­mus" sprechen.

Das Reichsgericht hat das vom Reichsinnenmini­sterium beantragte Verbot derM ü n ch e n e r Neuesten Nachrichten" für unzulässig erklärt.

*

Der Breslauer Regierungspräsident Happ ist seines Postens enthoben. Der Polizeipräsident von Aachen, Dr. Brems, und der Polizeipräsident von Recklinghausen W ü n d i s ch, sind beurlaubt worden. Wündisch, der der Staatspartei angehört, war früher als Regierungsdirektor Leiter der poli­tischen Polizei im Berliner Polizeipräsidium, dem die Bekämpfung und Ueberwachung der rechtsradikalen Bewegung unterstand.

Der Landrat und Polkzeidirektor von Hanau, Kaiser, ist beurlaubt worden. Die Amtsgeschäfte sind vom Regierungsassessor Fitte übernommen wor­den. Landrat Kaiser gehört der SPD. an.

Die Kommissare des Reichs in Preußen haben den Ministerialrat im Reichswirtschaftsministe­rium Geh. Regierungsrat Dr. jur. Claußen zum Staatssekretär im preußischen Ministerium für Wirtschaft und Arbeit ernannt.

Aus aller Welt.

Elf Todesopfer eines Dorfbraudes in Aegypten.

Bei einer Feuersbrunst, die das in des Rähe von Port Said gelegene Dorf Kar- puti heimsuchte, sind elf Personen in den Flammen umgekommen. 150 Dorf­bewohner sind ohne Obdach.

Lergwerksunglück in Südafrika. 14 Tote.

In Johannesburg sind zwei europäische und 12 eingeborene Bergarbeiter durch E i n st u r z in den 2000 Meter tiefen Schacht eines Kronbergwerks tödlich verunglückt. Man glaubt, daßdaS Unglück durch Versagen des elektrischen Stroms | zur Kontrolle der automatischen Bremse hervor- i gerufen wurde.

Echo der Berliner presse.

Berlin, 28. Febr. (CNB.) Der Reichstagsbrand und die Maßnahmen der Reichsregierung bilden fast das einzige Thema der Berliner Abendblätter. Die der Regierung nahestehende Presse begrüßt ein­stimmig das scharfe Voraehen gegen den kommu­nistischen Terror.Den roten Mordbrennern wird das Handwerk gelegt!" so schreibt derAn­griff" und sagt: Jetzt aber ein radikales Ende gemacht! Was muß noch mehr geschehen, als daß ein 24jähriger ausländischer Kommunist im Auftrag russischer und deutscher Parteistellen dieser Weltpest den Reichstag in Flammen ausgehen laßt! Wie weit sind wir jetzt noch davon entfernt, daß brave Bürger als Geiseln an die Wand ge st eilt wer­den, daß das Gesindel aus seinen Löchern heroor- kriecht, um mit den Plünderungen zu begin­nen, daß der Mob die Gefängnisse öffnet, daß man dem Bauern den roten Hahn aufs Dach setzt? Was ist denn nod) sicher in guter Hut vor dem verbrecherischen Zugriff dieser Blutbanden? DerL o k a l a n z e i g e r" bezeichnet die Maß. nahmen gegen die kommunistische Reichstagsfraktion und gegen die kommunistische Presse nach dem Ge- schehenen und nach der Aufdeckung des weiteren Programms von Aufruhr, Terror, Brandstiftungen als Selbstverständlichkeiten. Diese Maß­nahmen dürften aber jede Beunruhigung der ord­nungsliebenden Bevölkerung überflüssig machen. Wie man diese sofort getroffenen scharfen Maßnah­men als Beweis äußerster Entschlossenheit gucheihen müsse, werde man es auch als ein Zeichen zuver­sichtlicher Stärke billigen, dah die Regierung von der äußersten politischen Maßnahme, von dem Verbot der KPD. noch absehe.

Die »Dörsenzeitung" unterstreicht den Zusammenhang des Brandanschlags mit dem gefundenen Material im Liebknecht-Haus. Cs sei klar, dah die KPD. hinter dem An­schlag auf den Reichstag stehe. Es sei sicher, dah die Kommunisten sich nicht so rasch entmutigen ließen, und dah sie nicht vor dem er st en Faust schlag kapitulieren wür­den. Die Ruhe in Deutschland unter allen Am- ständen aufrechtzuerhalten sei angesichts der durch die kommunistischen Pläne geschaffenen Lage nur mit Hilfe von drakonischen Maßregeln möglich. Die »D A Z." führt aus, die KPD. habe in Deutschland, solange sie isoliert kämpfe, wohl die Macht, Verbrechen zu begehen, aber nicht mehr

die Macht, politische Entscheidungen herbeizufüh- ren. Wir würden nun sogar wahrsa-einlich aus Moskau und von der offiziösen KPD.-Leitung die alte Phrase hören, daß die Partei den »indi­viduellen Terror" aufs schärfste verurteile. Trotz­dem bleibe selbstverständlich die K P D., die ihre Mitglieder auf die Mörder- schulcn nach Rußland schicke, unbedingt für die nach den amtlichen Feststellungen bestehende ille­gale Betätigung der Partei ebenso verant­wortlich, wie für bolschewistische Terrorakte einzelner Kommunisten, auch wenn es sich, wie in dem vorliegenden Falle, um e'ncn holländischen Spartakisten handele. Denn die III. Internationale der kommunistischen Verbrecher hänge unterein­ander genau so zusammen, wie die Gangster in den Großstädten Amerikas.

DerB ö rs e n - C o u r i er" (dem.) fordert rücksichtslose Ahndung jeder erweisbaren Schuld, um so mehr, als eine, und nicht die leichtest­wiegende Folge des Brandverbrechens die Er­schwerung sachlicher Aegierungs- arbeit im ungün st lasten Augenblick sei. Reichsregierung und Preuhenregierung seien in der Vorbereitung der Wahlen begriffen; sie wollten auf Grund ihres Programms und des Wahlergebnisses den neuen Reichstag um eine Ermächtigung für längere Zeit ersuchen. Diese sachliche Auseinandersetzung politischer Kräfte müsse jetzt, unmittelbar vor den Wahlen, durch eine Polizeiaktion größten Stils unterbrochen werden, durch Untersuchung und Ahndung, mit ihrem ganzen Gefolge von Ausnahmematzregeln. Jede Schuld müsse geahndet, aber der Brand müsse gelöscht wer de n, politisch und auch seelisch.

DerDeutsche" (Christ!. Gewerkschaften), der ebenfalls Tat und Täter aufs schärfste verurteilt, gibt der Hoffnung Ausdruck, dah man den oppositionellen Gruppen, die mit den Terroristen nichts zu tun hätte, die Daseinsberechtigung nicht bestreite.

DieGerman! a" appelliert an die Ruhe und Besonnenheit von Volk und Regierung. Das deutsche Volk werde in feiner überwältigenden Mehrheit die Reichsregierung in allen Maßnahmen unterstützen, die zur Aufrechterhaltung der Ordnung in diesen kritischen Stunden notwendig und geeignet seien. Es | habe den dringenden Wunsch, eine baldige und völ- l

Gießener Etadttheaier.

Franz Arnold:Da stimmt was nicht!"

Da stimmte in der Tat verschiedenes nicht, aber zu Fasching nimmt man es wobl nicht so genau; und übrigens war es für manchen von Interesse, Franz Arnold, den man bisher nur in Firma Arnold & Bach kennenlernte, auch einmal ohne den treuen Kompagnon zu erleben.

«

Hochstaplergeschichten sind in der Literatur wie in der rauhen Wirklichkeit leider seit langem keine Seltenheit mehr; und die, Spezialität der falschen Prisen und andern unechten Fürstlichkeiten hat ebenfalls seit geraumer Zeit manches von der ori­ginellen Frische des ersten Einfalls eingebüßt.

Herr Arnold kam auf die Idee, die Sache schwankeshalber mal von der andern Seite her unter die Leute zu bringen. Sein Trick ist dabei, daß in diesem Stück der Prinz, dessen Echtheit von vornherein als ziemlich anrüchig und fadenscheinig bezweifelt wird, sich Im Laufe der Ereignisse tat­sächlich als der richtige erweist. Den falschen be­kommt man pikanterweise überhaupt nicht zu Ge­sicht, nicht mal im letzten Akt, wo sich doch traditio­nell eine ausgiebige Demaskierung zu vollziehen pflegt. * *

Der Herr Generaldirektor, der feine angegriffe­nen Bilanzen durch eine fürstliche Heirat feiner Tochter zu sanieren sucht, ist einem frechen Schwind­ler aufgesessen. Die Tochter ist von dieser geschäft­lichen Transaktion wenig erfreut, was ihr niemand Übelnehmen kann, da sie den ihr zugedachten Ge­mahl nicht wenigstens vorher einmal zu Gesicht bekommt. Oder vielmehr: sie bekommt ihn zu Ge­sicht, aber sie weih nicht, daß er es wirklich ist. Sondern sie denkt, es ist der neuengagierte Chauf- feur, mit dem sie eine Hochzeitsreise, wenn man das so nennen kann, an die Riviera macht. (Da stimmt was nicht.)

Der zweite Trick ist älteren Datums, aber heute noch allgemein beliebt und im Gebrauch: daß näm­lich auf der Bühne dauernd Dinge verhandelt wer­den, die der Zuschauer längst durchschaut hat, wäh­rend von den Mitspielenden die meisten gar nicht

und die andern nur unvollkommen Im Bilde sind. Unfehlbares Rezept für alle Schwänke und viele Lustspiele.

Dem Prinzen, der gar nicht weiß, wie er zu der Ehre und zu der weiten Autoreise kommt, macht die Chauffeurrolle sichtlich viel Vergnügen, und er fin­det auch nichts dabei, sich allerhand Freiheiten zu leisten, die sonst mit dergleichen verantwortungs­vollen Stellungen nicht verbunden zu sein pflegen. Und dem jungen Fräulein Annelore ist das gar nicht mal so unangenehm; sie tut bloß so.

*

Auf eine Verlobung zum Schluß braucht übri­gens nicht erst hingearbeitet zu werden, da die bei- den dank der neckischen Gerissenheit des unsicht­baren Hochstaplers bereits standesamtlich getraut sind. Es kann sich also nur darum handeln, die Scheidung einzuleiten. Aber schon bei der Vor­besprechung merken beide Partner, daß ihnen eigent­lich gar nichts mehr daran liegt. Zumal statt der obligaten Entlarvung diesmal eine einwandfreie Legitimierung des vermeintlichen Schwindlers vor­ausgegangen ist. Jetzt ftimmts.

0

Herr Hub hatte den Schwank inszeniert und ließ es sich angelegen sein, die dankbaren Komplikatio­nen der drei Akte In Faschingslaune zu blühender Entfaltung zu bringen. Da er selbst stimmlich nicht besonders disponiert, aber sonst in großer Fahrt den schwer bedrängten Generaldirektor spielte, konnte es nicht ausbleiben, daß das kleine Ensemble allmählich von seinen stürmischen Tiraden im Stile des dicken Wallburg angesteckt wurde. Herr Löffler hatte für das Iagdschlößchen und das Hotelzimmer an der Riviera hübsche Dekoratio­nen entworfen.

Den Prinzen gab Herr Wrede munter, schlag­fertig und mit Humor. Lisel Beling, anfangs bös und schmollend, fand an der Entwicklung ihrer komischen Hochzeitsreise sichtlich immer mehr Ge­schmack. Kühne machte standesgemäß den fürst­lichen Onkel; Frl. Berger in der etwas intri- fanten Salondamenrolle der Sabine; Herr Hey­er verbindlich und umgänglich als Geheimrat. In kleineren Aufgaben: Michel, Walther-Lede- rer,Heck, Geiger und Steten.

*

Das Publikum schien recht animiert und klatschte freundlich. hth.

Blutgruppen und Blutflecken.

Die Blutgruppen- Lehre ist in der gerichtlichen Medizin In erster Linie deswegen beachtet wor­den, weil es dadurch unter Lmständen möglich wird, eine zweifelhafte Abstammung zu begutach­ten. Aber die größte kriminalistische Bedeutung, die ihr zukommt, liegt in der Identifizierung von Blutflecken, wie Prof. Müller-Heß in der »Deutschen Medizinischen Wochenschrift" ausführt. Wenn festgestellt wurde, dah verdächtige Spuren an Waffen, Kleidern oder sonstigen Gegenständen am Tatort eines Verbrechens von Menschenblut herrühren, ist es häufig entscheidend, festzustellen, ob dieses Blut etwa von dem Verletzten oder Ge­töteten oder von einer anderen Person, etwa dem mutmaßlichen Täter, herrührt. Die Blutgruppen­bestimmung kann für die Aufklärung der Tat von größter Wichtigkeit sein. »Ich habe wiederholt Fälle bearbeitet", schreibt der Verfasser, »wo der Beschuldigte unter dem Eindruck des ihm vorge­haltenen Antersuchungs-Ergebnisses das Ver­brechen eingestanden hat. Meist geschieht das dann, wenn die bis dahin vorgebrachten Ausreden durch die vergleichende Dlutgruppen-Bestimmung widerlegt werden konnten. Der positive Rach­weis, daß Blutflecke von einem ganz bestimmten Menschen herrühren, ist nicht zu erbringen, aber die Möglichkeit einer individuellen Anterscheidung überhaupt bedeutet, abgesehen von den tatsäch- lichen Ergebnissen, häufig einen psychologisch stark wirksamen Faktor, der auch im Zivilverfahren, besonders bei Anterhaltsprozessen, eine nicht zu unterschätzende Rolle spielt. Im ganzen ist die praktische Bedeutung der Blutflecken-Diagnose um fo größer, je enger der Perfonenkreis der der Tat Verdächtigen ist." Leider muß man sich da­bei häufig mit kleinsten Spuren begnügen, und dadurch wird die Untersuchung erschwert. Natür­lich kann die Dlutgruppenbestimmung an Flecken nur dann Wert haoen, wenn zugleich die Grup­penzugehörigkeit des Opfers und des Verdäch­tigen festgestellt werden kann. Zu diesem Zweck ist es notwendig, daß in allen Fällen von Mord, Todschlag oder tödlich endenden Körperverletzung die Dlutgruppen-Zugehörigkeit an der Leiche so­bald wie möglich festgesetzt ist, wie das auch schon mancherorts, z. D. in Baden, eingeführt ist. Don großer kriminalistischer Bedeutung hat sich sodann die Tatsache erwiesen, daß die Blutgruppen- Merkmale sich nicht nur im Blut, sondern auch in anderen Körpersäften, besonders im Speichel,

im Magensaft und im Sperma vorfinden. Es gelingt sogar, selbst an den Spuren angetrock­neten Speichels, der an Zigarettenspitzen haftet, noch die Gruppenbestimmung vorzunehmen.

Erinnerung an Schliessen.

Dem Gedächtnis des Generalstabschefs Grafen von S ch l i e f f e n widmet General von Kuhl im Märzheft von Delhagen Lr Klasings Monatsheften eine gehaltvolle Studie, die nicht allein den militärischen, sondern auch den menschlichen Eigenschaften Schliessens gerecht wird. Der geniale Mann hatte erkannt, wie ungeheuer wichtig der Fleiß für außerordentliche Leistungen ist, und wie er an sich selbst die höchsten Ansprüche stellte, so auch an seine Mitarbeiter. Die Sonn- und Feiertage waren nach seiner Ansicht dazu bestimmt, größere Aufgaben, für die man längere, ungestörte Arbeitszeit brauchte, zu Hause zu be­arbeiten. Mehrere Jahre lang klingelte am Weih­nachtsabend in Kuhls Wohnung ein Bote, der sein Weihnachtsgeschenk in Gestalt einer von Schlieffen auf Grund einer bestimmten Kriegs­lage entworfenen Aufgabe brachte. Er wäre sehr erstaunt gewesen, wenn nicht bereits am ersten Weihnachtstage die Bearbeitung in seinen Hän­den gewesen wäre. Am zweiten Weihnachtstage traf, von ihm verfaßt und geschrieben, die Fort­setzung der Aufgabe ein. In diesen operativen Studien ging er ganz auf. Er konnte kaum er­warten, bis er, wenn die Aufgaben ausgegeben waren, die Entschlüsse der Führer in Händen hatte. Sein Gedächtnis war ungewöhnlich. Dach Jahr und Tag wußte er noch genau, was man ihm bei früheren Gelegenheiten vorgetragen hatte. Man mußte als Abteilungschef sehr auf der Hut und seiner Sache völlig sicher sein, wenn man ihm Vortrag hielt. Er erwartete von jedem unbe­dingte Beherrschung seines ganzen Arbeitsgebie­tes. Eines Tages verlangte er beim Vortrag von einem Abteilungschef Auskunft darüber, ob eine fremdländische Eisenbahnlinie viergleisig ausge­baut sei. Der Abteilungschef bejahte dies, über­zeugte sich aber nach dem Vortrag durch Nach­forschung davon, daß er sich geirrt hatte. Als er nach acht Tagen wieder zu seinem regelmäßigen Vortrag kam, bekannte er dem Grafen Schlieffen seinen Irrtum. ..Ich habe es Ihnen auch nicht geglaubt", war die trockene Antwort.