Nr. 303 Zweites Blatt
Siebener Anzeiger iGeneral-Anzeigrr für Gberheffen)
Donnerstag, 28. Dezember 1939
Aus der Stadt Gießen.
Profesior Helmke t
Am Zweiten Weihnachtsfeiertag ist Krotofnr Paul Helmke, der langjährige Direktor dc>«; Oberhessischen Museums in Gießen^nSob^heim an der Nahe, wo er nach dem Uebertritt in h-n Ruhestand seinen Lebensabend verbrachte nack kurzer Krankheit im Auer von 73 fahren verdorben
Professor Helmke stammte aus Freienwalde an der Oder, wo er am 1. Mai 1866 geboren war. Nach dem Schulbesuch in Holle a. d. Saale studierte er in Halle und Gießen klassische Philologie und Archäolo- gie. Im Februar 1894 legte er an der Universität Gießen seine Staatsprüfung ab. Hierauf war er in Darmstadt, Butzbach und Friedberg im Schuldienst tätig, bis er Ostern 1917 an das Gymnasium in Gießen versetzt wurde. Als Studienrat wirkte er hier bis zum Jahre 1928. Dann trat er au- seinen Antrag in den Ruhestand. Don 1918 bis 1929 war er Leiter der Lateinkurse an der Universität Gießen.
Nachdem er schan im Jahre 1897, als er noch in Butzbach tätig war, unter Leitung des damaligen Geh. Oberschulrats Soldan bei der Erforschung des Limes mitgewirkt und auch bei den Ausgrabungen am Schrenzer, am Degenfeldkastell an den sog. Gambacher Reitschulen usw. beteiligt gewesen war, wurde ihm im Jahre 1907 nach seiner Uebersiedlung nach Friedberg, wo er an der dortigen Augustinerschule wirkte, vom damaligen Hessischen Ministerium der Auftrag erteilt, die Offenlegung der Kapersburg im Taunus vorzunehmen. Der Ausbruch des Weltkrieges ließ diese Aufgabe aber nicht zur Vollendung kommen. Nach Einführung der staatlichen Denkmalpflege in H ssen wirkte Helmke als Denkmalpfleger für die Bodenaltertümer, und zwar zuerst im Bezirk, dann bis zum Jahre 1932 in der Provinz Oberhessen. In dieser Eigenschaft hat er neben den vorerwähnten Grabungen noch mancherlei andere wichtige Untersuchungen an vorgeschichtlichen Anlagen und Grabhügeln ausgeführt, so im Vorderwald bei Muschenheim, auf dem großen vorgeschichtlichen Friedhof bei Nieder- Mockstadt, ferner an Grabhügeln im Langsdorfer Wald und bei Nieder-Bessingen usw. Römische Spuren untersuchte er, neben den Arbeiten auf der Kapersburg, u. a. bei der Freilegung der Mauern eines Burgus auf dem Johannisberg bei Bad-Rau- Heim und eines zweiten am Winterstein. Den Bur- gus am Winterstein konnte er mit den von dem Deutsch-Amerikaner Gustav Oberlaender in reichem Ausmaß gespendeten Geldmitteln wieder aufbauen; am Turm sind sein Name und der Name des Stifters als Gedenkzeichen angebracht. Die Ergebnisse der von ihm geleiteten Ausgrabungen und Untersuchungen reihte er in die reiche FuUdsammlung des Oberhessischen Museums ein.
Von Beginn seines Wirkens am Gymnasium in Gießen an stellte Professor Helmke seine Arbeitskraft und sein Wissen auch dem Oberhessischen Museum zur Verfügung, zunächst als wisseüschaft- licher Mitarbeiter, dann — nach seinem Ausscheiden ans dem Schuldienst im April 1928 — als Nachfolger des verstorbenen Museumsdirektors Professor Dr. Kramer vom Mai 1928 ab als Direktor des Oberhessischen Museums und der Gailschen Sammlungen. Während der langen Jahre seiner Tätigkeit für unser Museum hat er sich die Ausweitung der Sammlungen, namentlich der vorgeschichtlichen, in hol)em Maße angelegen sein lassen Er hat die Sammlungen nicht nur verdoppelt, sondern sie auch vollständig neu geordnet. Ferner erwarb er das Ge- famtwerk des berühmten Kupferstechers des 18. Jahrhunderts I. G. Wille, der von der Obermühle bei Bieber stammt. Den Heidenturm im Hof des Heims des Museums, des Alten Schlosses, sowie die beiden Verließe des Turms und die Wohnräume wurden von Helmke wieder besuchbar hergerichtet. Ferner hat er für das Museum eine große Anzahl Einzelerwerbungen gemacht. So wurden die
Ovenwälder Eifenbeinschniher arbeiteten für vas WHW.
900 000 Abzeichen für die Saustroßensammlung.
NSG. In den letzten Wochen herrschte in den Werkstuben der Odenwälder Elfenbeinschnitzer reger Betrieb. In den kleinen, sauberen Häuschen, die in die landschaftlichen schönen Täler eingebettet sind, oder sich eng an die Berghänge schmiegen, surrten die Rädchen der Maschinen oder sang die Laubsäge ihr zartes Lied. Hunderte von fleißigen und geschickten Hände waren wieder damit beschäftigt, neue Abzeichen für das Kriegswinterhilfswerk anzufertigen. Wir erinnern uns noch des Edelweißes, das als WHW -Abzeichen im Winter 1934/35 verkauft wurde, und der Narziffen und Margariten mit dem roten Marienkäferchen, die die Volksgenossen im März 1936 und 1937 als äußeres Zeichen ihrer Opferbereitschaft trugen. Diese Abzeichen des Odenwälder Elfenbeinhandwerks fanden überall im Großdeutfchen Reich Anklang. Im gleichen Maße werden sich auch die neuen geschmackvollen AbZeichen der Kunsthandwerker des Odenwaldes die Herzen der Volksgenossen im Rhein-Main-Gebiet erobern.
Die Abzeichen wurden für die Gaustraßensamm- lung des Gaues Hessen-Nassau für das Kriegswinterhilfswerk im Januar hergestellt. In sechs verschiedenen Figuren wurden sie angefertigt, die Tiere darstellen, so einen stehenden und sitzenden Hund, einen Erpel, einen Pfau, eine Schwalbe und einen Hahn. Die Elfenbeinschnitzer in Erbach, Michelstadt und König im Odenwald erhielten einen Auftrag von insgesamt 900 000 Abzeichen, wodurch dieses Handwerk in diesen Winter-Wochen wesentlich belebt wurde. /
Besonderen Wert gewinnt das Abzeichen der Gaustraßensammlung unseres Gaues wieder dadurch, daß es fast ausschließlich Handarbeit ist. Durch viele geschickte und kunstferttge Hände läuft es, bis es, in Kartons verpackt, den Weg zu den Dienststellen des Kriegswinterhilftzwerks antritt. Die Abzeichen find aus Edelkunstharz hergestellt, das ein hochwertiges Material aus Steinkohlenproduk
ten und Holz ist. Elfenbein wäre zu teuer und müßte außerdem mit wertvollen Devisen aus dem Ausland beschafft werden.
Zur Herstellung der Abzeichen sind sechs Arbeitsvorgänge notwendig. Don Prostlstanaen, die den Elfenbeinschnitzern von deutschen Kunstharzfabriken geliefert werden und bei denen sich bereits durch Guß die Konturen der Tiere abzeichnen, werden mit der Kreissäge in gleichmäßiger Stärke die sogenannten Plättchen abgeschnitten. Sie lassen bereits in groben Umrissen die Tierformen erkennen. Dieses Zuschneiden geht außerordentlich schnell. Ein guter Zuschneider legt in der Stunde rund 2000 Plättchen vor.
Dieses Arbeitsverfahren wird nur bei der Herstellung der Hunde, vtzs Erpels und des Hahns angewandt. Der Pfau und die Schwalbe verlangen mehr Handarbeit. Durch die vielen dünnen Einschnitte, die notwendig sind, um den Tieren die richtige Gestalt zu geben, ist die Anfertigung der Gußformen für die Profilstäbe mit großen Schwierigkeiten verbunden. Von den Kunstharzfabriken wird deshalb das Edelkunftharz in dicken Platten geliefert, die von den Elfenbeinschnitzern in dünnen Streifen geschnitten werden. Dom Pfau und von der Schwalbe werden Stempel angeferHgt, mit denen die Tierformen auf die Streifen abgedruckt werden. Mit der Laubsäge werden dann die Abzeichen! ausgeschnitten.
JLre eigentliche Form erhalten die Abzeichen beider Arbeitsverfahren durch das Fräsen, das viel Geschicklichkeit verlangt. Mit dem rotierenden Schneideplättchen muß der Elfenbeinschnitzer die letzten Feinheiten herausholen. Trotz dieser Kunstarbeit braucht ein geübter Fräser, der der eigentliche Schnitzer ist, für eine Figur nicht länger als rund eine Minute. In alle Abzeichen werden dann in die Rückseite die Löcher zum Eindrehen der Anstecknadel gebohrt. In einer Stunde werden etwa 1000 Abzeichen mit einem Loch versehen. Hierauf werden
die Figuren von Mädchen und Frauen bemalt. Mit viel Liebe wird diese Arbeit ausgeführt, denn die Tiere sollen in ihrer Bemalung naturgetreu fein. Da die Abzeichen klein find, muß das Bemalen mit großer Sorgfalt erfolgen. Von anderen Frauen werden schließlich die Anstecknadeln eingeschraubt. Anschließend werden die Abzeichen nochmals geprüft und hundert stückweise in Kartons verpackt.
Mit der Herstellung der Abzeichen, für die 6000 Stangen Edelkunftharz mit einer Länge von 40 cm und 5000 Stangen von 25 cm Länge mit einem Gesamtgewicht von 1700 kg verarbeitet wurden, hat das Kriegswinterhilfswerk, wie in jedem Jahr das WHW., vielen Odenwälder Schnitzern Lohn und Brot gebracht. Das Kunfthandwerk hat wieder unter dem Boykott deutscher Waren im Ausland zu leiden. 75 o. H. seiner Fabrikation ging früher in fremde Staaten. Da im Winter die Herstellung von Reiseandenken für die einheimischen Fremdenorte ausfällt, würden in dieser Zeit viele Arbeitsplätze verwaist sein. Mit Aufträgen sorgt aber das Winterhilfswerk dafür, daß diese Dokksgenossen Beschäftigung haben. Durch die Herstellung der 900000 । Abzeichen fanden rund 600 Volksgenossen etwa vier Wochen lang Arbeit. Darunter sind etwa 400 fremde Gefolgschaftsmitglieber, während sich die übrige Zahl aus Betriebsführern und Familienangehörigen zusammensetzt.
Die Volksgenossen des Gaues Hessen-Nassau werden im Januar wieder ihre Opferbereitschaft beweisen und damit auch im neuen Jahre der Welt ihren Willen zum Sozialismus der Tat bekunden. Kleine Tiere werden an allen Röcken leuchten. Mit dem Erwerb der geschmackvollen Abzeichen zeigen wir aber nicht nur äußerlich unsere Opferfreudiakeit für Führer und Volk, sondern durch den Kauf tragen wir dazu bei, daß viele Volksgenossen unseres Gaues Arbeit fanden.
Jahre feines Wirkens als Mitarbeiter und als Direktor des Oberhessischen Museums für dieses außerordentlich segensreich, und sie brachten unserer engeren Heimat eine reiche Sammlung alten Kulturguts, die einen kostbaren Schatz für unsere Volksgemeinschaft darstellt.
In wissenschaftlichen Zeitschriften und besonders auch im „Gießener Anzeiger" und seinen Beilagen hat Professor Helmke über seine Funde und seine Tätigkeit als Denkmalpfleger zahlreiche Arbeiten veröffentlicht. Daneben hat er Schulen und Vereinen Führungen durch das Museum und zu den Ausgrabungsstätten gewährt, ferner in Städten und Dörfern sowie an der damaligen Volkshochschule in Gießen viele lehrreiche Vorträge gehalten. An der Universität Gießen hielt er Vorlesungen über die Vorgeschichte, das Römische und die Frühgeschichte Deutschlands, besonders des Rhein-Main- Gebrets. Dem Ausschuß des Historischen Vereins für Oberhessen gehörte er feit 1917 an, ferner war er ko rrespond ierend e s Mitglied des Deutschen Archäologischen Instituts und Mitglied der Historischen Kommission für Hessen-Waldeck sowie der Römisch-Germanischen Kommission in Frankfurt am Main.
Im Herbst 1933 schied er aus Gesundheitsrücksichten aus seinem Amt als Direktor des Oberhessischen Museums aus, um von da ab seinen Lebensabend im Ruhestand zu verbringen. Er übersiedelte im Dezember 1933 nach Sobernheim an der Nahe, wohin ihn familiäre Bande zogen. Seine Tätigkeit und feine vortrefflichen menschlichen Eigenschaften haben ihm in Gießen und weithin in Oberhessen sowie darüber hinaus einen großen Freundeskreis
geschaffen, der den charaktervollen Mann in hohem Matze schätzte. Sein Andenken wird auch über das Grab hinaus bei allen, die ihn kannten, in Ehren fortleben.
Dornotizen.
Tageskalender für Donnerstag.
Gloriapalast, Seltersweg: „Maria Ilona". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Hurra, ich bin Papa".
Zwischen den Jahren.
„Zwischen den Jahren" nennt man seit Jahrhunderten die Tage zwischen Weihnachten und Neujahr, und alte Gebräuche leben in diesen Tagen in den Familien. So soll man in den letzten Tagen des Jahres, die der Rückschau dienen, keine grundlegende Arpeit beginnen, sondern erst mit dem neuen Jahr fröhlich und mit frischem Mut anfangen. Die Hausfrau schätzt es nicht, wenn „zwischen den Jahren" gewaschen wird, denn nach einem alten Volksglauben kommt dann das ganze Jahr über die „Wäsche nicht aus dem Haus", d. h. man wird nie mit ihr fertig. Beschaulichkeit liegt über den letzten Tagen des Jahres. Der Kaufmann und der Handwerker gehen, wenn die letzten 2lufräumungsarbeiten von Weihnachten beendet sind, an die Aufstellung der Jahresbilanz, um Erfolg und Mißerfolg festzustellen. Früher war es auch üblich, sich „zwischen den Jahren" mit all denen zu versöhnen, mit denen man Zank und Streit hatte. „Man geht nicht mit Groll ins neue Jahr" hieß es dann. Auch Briefschulden wurden „zwischen den Jahren" erledigt und Besuche gemacht, die man das ganze Jahr über immer wie
der aufgeschoben hatte. Kurz und gut, es ist eine besinnliche Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr, in der man ein wenig Einkehr hält bei sich selbst, bis die Glocken in der Silvesternacht Aufrufen zu neuer Tat und neuer Arbeit.
Oie Polizeistunde in der Silvesternacht.
Nach einer Anordnung des Reichsführers ff und Chefs der deutschen Polizei ist für die Silvesternacht die Polizeistunde auf 1 Uhr festgesetzt worden.
In Anbetracht 'des Ernstes der Zeit wird von allen Volksgenossen erwartet, daß Silvesterfeiern in würdiger Form abgehalten und Ausschreitungen
Schuht die Tiere vor der Kälte! Gedenket der hungernden Vögel!
vermieden werden. Das Abbrennen von Feuerwerkskörpern und ähnlichen Erzeugnissen sowie die Verwendung von sogenannten Scherzartikeln ist verboten. Ebenso wird jedem Volksgenossen angeraten, übermäßigen Alkoholgenuß im Hinblick auf die Verdunkelung und die sich daraus ergebenden Verkehrsgefahren im eigensten Interesse zu vermeiden. Gegen Betrunkene wild schärfstens eingeschritten.
Von Hermann Hesse
leicht oonftatten, man lächelte, Mn nc....... - - , Dank die Handschuhe zurück, und plötzlich stand ch vor einer Auswahl farbiger Hemden und durfte mir eines davon auswählen. Das paßte nur. ch spielte also den Sachverständigen, entsann mid) nad) einiger Versenkung auch richtig meiner K ag nummer, und bald verließen mir mit emem neuen Paketchen den Laden, wo man zur Nachfeier oe Geburt des Heilands heute den ganzen Tag Sp zierstöcke, Handschuhe und Mutzen umtauschte.
Auch mit der neuen Füllfeder ging es red« gut ich mußte mich in dem überfüllten ®efd>aft nor einem angenehmen Fräulein N'ederfetzen bekam ein Schreibpapier und eine Menge von Fed 3 Auswahl vargelegt, und faß da und chneb mw malte Blumen, Sterne und Initialen auf den a qen, bis er voll war. Dann nahm ich «ne der pr bierfen Fede rn mit, und wenn nun auch wetterym
es diese gegensätzlichen Aspekte. Es gibt feine edle, klassische Musik, die nicht zu manchen Stunden wie Kinderlächeln und zu andern wie tieffte Todestrauer aus uns wirkte. So ist die Schönheit immer und überall: holde Spiegeloberfläche, unter welcher verborgen das Chaos lauert. So ist das Glück immer und überall: entzückter Augenblick, im höchsten Strahlen schon erbleichend, hingeweht vom Hauch des Sterbenmüssens. So ist die hohe Kunst, die hohe Weisheit der Auserwählten immer und überall: wissendes Lächeln über Abgründen. Ja sagen zum Leide, Spiel der Harmonie über dem ewigen Todeskampf der Gegensätze.
Süß blickte aus dem Goldglanz der verfließende Purpur, straff spannte sich über die Flügelrippen das feste Grün und die schwarze Zeichnung, spielend zielten die schlanken Farbenzacken ihre Lichtpfeile hinaus. Holder Gast du, entzückender Fremdling! Bist du eigens aus Madagaskar herüber geflogen, um mir einen Winterabend mit Farbenträumen zu erfüllen? Bist du eigens aus dem großen Farbkasten der ewigen Mutter davongelaufen, um mir das alte Weisheitslied von der Einheit der Gegensätze zu singen, um mich wieder zu lehren, was ich schon so oft gewußt und fo oft wieder vergessen habe? Hat dich eigens eine geduldige Menschenhand so zart und sauber präpariert und über deinem kleinen Baumzweig festgeleimt, um einen kranken Mann eine einsame Stunde lang mit deinen blitzenden Spielereien zu entzücken, mit deinen stillen, glühenden Träumen zu trösten? Hat mau dich getötet und unter ein Glas gepreßt, damit dein verewigtes Leiden und Sterben uns ttöstlich se', so wie uns das verewigte Leiden und Sterben der großen Dichter, der echten Künstler merkwürdigerweise lieb und tröstlich ist, statt uns mit feiner Verzweiflung die Seele auszuhöhlen?
lieber die schimmernden Goldflügel spielt blasser das abendliche Licht, langsam erlischt das rötliche Gold und bald ist der ganze Zauber, von der Finsternis geschluckt, nicht mehr zu sehen. Aber er spielt: dennoch das Spiel der Ewigkeit fort, das tapfere- Künstlerspiel um die Dauer des Schönen — in meiner Seele spielt das Lied fort, in meinen Gedanken zucken die Farbenstrahlen lebendig weiter. Nicht, vergeblich ist der arme schöne Falter in Madagaskar gestorben, nicht vergeblich hat eine ängstliche Hand seine Flügel und Fühlhörner und Sammet- Pelzchen fo sauber präpariert und unvergänglich gemacht. Sange noch wird der Heine einbalfamterte Pharao mir aus seinem Sonnenreich erzählen, unb wenn er längst zerfallen ist und auch ich längst zerfallen bin, dann wird irgendwo in einer Seele noch etwas von feinem seligen Spiele und weisen Lächeln blühen, und wird sich weiter vererben, fo wie das Gold des Tutanchamon noch heute glänzt» und das Blut des Heilandes noch heute fließt.
schön gebaute Falter mit schlanken kräftigen Segler- Flügeln und reichem Zackenwerk am untern Flügel saß leicht schwebend auf einem Zweige, der oben grün und schwarz gestreifte Leib war unten rostrot behaart, goto grün glänzte das Köpfchen. Grün und schwarz gemustert waren die Oberflügel, und zwar war es auf der Schau feite ein prächtiges, warm und goldig strahlendes Grün, auf der Rückseite aber ein ganz kühles, zartes, silbern beflogenes Vero- ne{ergrün, in dem die kristallenen Flügelrippen edel schimmerten. Die untern Flügel aber, die phantastisch gezackten, zeigten außer dem grün und schwarzen Muster ein großes strahlendes Feld von tiefem Gold, das im Licht bis ins Kupferrot, ja bis ins Scharlachene spielte, launig gezeichnet von tief- schwarzen Flecken, und zuunterst war der Flügel, wie das Kleid einer Dame, am Saume mit einem feinen, kurzen, aus Blond und Schwarz gemischten Pelzchen besetzt. Außerdem aber hatte dieser Unter- flügel noch ein besonderes Spiel und Merkmal: es war durch ihn eine kurze träumerische Zickzacklinie gezogen, aus reinem Weiß, die löste den ganzen Flügel gewissermaßen auf, machte ihn zu einem losen Spiel auf Lust und Goldstaub und schien jene phantastischen Zacken wie Strahlen traft» voll von sich zu stoßen. Etwas Schöneres, etwas Prächttgeres, Geheimnisvolleres und Liebenswürdigeres als diesen Falter aus Madagaskar, als diesen luftigen astikanischen Traum aus Grün, Schwarz und Gold hätte man aus den Weihnachtstischen der ganzen Stadt nicht finden können. Zu chrn zurückzukehren war ein Freude, sich in seinen Anblick zu versenken ein Fest.
Eine lange Weile saß ich über den Fremdling aus Madagaskar gebückt und ließ mich von ihm bezaubern. An vieles erinnerte er mich, an vieles mahnte er mich, von vielem erzählte er mir. Er war ein Gleichnis der Schönheit, ein Gleichnis des Glückes, ein Gleichnis der Kunst. Seine Form war ein Sieg über den Tod, fein Farbenspiel ein Lächeln der Ueberlegenheit über die Vergänglichkeit. Er war ein einziges vielftrahliges Lächeln, dieser tote präparierte Falter unterm Glas, ein Lächeln von vielen Arten, bald schien es mir kindhaft froh, bald uralt und weise, bald kriegerisch schmetternd, bald schmerzlich spöttisch — so lächelt die Schönheit immer, so lächeln alle Gestaltungen, in denen das Lebendige scheiitoar zu einer Dauer geronnen, die Schönheit des ewig Fließenden scheinbar Form geworben ist, sei es nun eine Blume oder ein Tier, ein ägyptischer Kopf ober die Totenmaske eines Genies. Es war überlegen und ewig, dies Lächeln, unb war, wenn man sich darin verlor, plötzlich auch spukhaft, wild und irr, es war schön und grausam, sanft und gefährlich, voll höchster Vernunft unb voll wildester Tollheit. Ueberaü, wo das Leben für einen Augenblick vollkommen gestaltet erscheint, hat
er gläsernen Provinz zielbewußt auf, wurde an- qehört, und wahrhaftig nahm der gütige Mann die Brille zurück. Nie hätte ich das gedacht. Ich hätte es an feiner Stelle nicht getan.
Der Siegeszug durch die drei gefürchteten Geschäfte, der Gang durch den frischen Winterwind mit der Freundin, die Verwandlung dreier Ver- leqenheitspakete in drei erfreuliche waren Gründe genug, mich froh und dankbar zu stimmen. Beim | Umtausch der Handschuhe hatte ich sogar noch einen | kleinen Taschenspiegel dreinbekommen, den ich meiner Begleiterin schenken konnte.
Bei der Heimkehr war ich sehr vergnügt und mochte weder an die Arbeit gehen noch mich mit allen den noch ungelesenen Briefen befassen, die sich in den letzten Tagen angesammelt hatten. Ich erinnerte mich der Kinderzett, und wie es da an den Tagen nach Weihnachten so schön gewesen war, bei jedem morgendlichen Erwachen und bei leder Heimkehr sich der neuen Geschenke wieder zu bemächtigen und sich ihres Besitzes zu freuen. Einmal hatte ich eine Violine geschentt bekommen und stand sogar m der Nacht auf, um sie anzufühlen und leife an den Satten zu zupfen. Einmal hatte man mir den Don Sauber aina ! Quichotte geschenkt, und jeder Spazier- oder Kirch- bfflntHe11 dang, ja jede Mahlzeit war nur eine widerwärtige aOm ,G°tt Jet, 6cr beglückenden Lektüre.
Diesmal hatte ich so begeisternde Dinge nicht erhalten — es gibt für alte Leute diesen Glanz und Zauber nicht mehr, den einst die Geige, das Buch, das Spielzeug, die Schlittschuhe hatten Es standen drei Schachteln mit guten Zigarren da das war tröstlich und einiger Wem und Kognak — barmt würde ich mir dann den Abend vertreiben Der neue Federhalter war kösttich, aber doch nicht recht ge- rignet^ ihn ans Herz zu drücken und sich der Wonne seines Besitzes hinzugeben.
Aber ein Stück gab es, ein Geschenk, bas war mirfli* festlich, wirklich außerordentlich und zauber- hast bas konnte man in stillen Augenblicken her- oorholen und mit Entzücken betrachten, m das konnte man sich vergucken und verlieben Das holte ich hervor und setzte mich damit ans Fenster Es mb wenn nun uuu, ' unter Glas und hübsch montiert, em herrlicher
fräs Schreiben mir mühselig werden (ottte (o m £ i ; Schmetter,ing^er tnrg den schonen Namen
di- Feder nicht daran schuldig ,-m. es st em- AU tarn aus Madagaskar hergeflogen. Der
seder, man kann sie mit einem goldenen »eoei i ut
_ füllen, und dann entströmen ihr die goldenen Worte,
Schmetterling zur Weihnacht daß es eine Freude ist. Ich brauche sie aber mehr
• ® zum Zeichnen, weil ich ja bloß noch im Nebenamt
______ .. ,Literat bin. Dankbar steckte ich den kleinen Tinten-
Etwas beklommen sah ich in den Tagen nach dem ' fisch mit der Goldschnauze m die Tascheund ging SPä:1 " “ «Ä’t :S' «*” -
wmen Sachm die ich geschenkt bekommen hatte. >r keine guten Dwnste und daß er s>° zu-
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diese Umtauschtage so viel strahlende Freundlichkett aufbewahrt, baß es zum Erstaunen ist. Aber ich mache trotzdem solche Gänge nicht gern. Schon Einkäufen fällt mir schwer, und ich schiebe es oft lange hinaus — unb nun gar umtauschen, in bie Laoen gehen, die Leute in Anspruch nehmen, neue für erledigte Dinge interessieren! Nein, ich tue das gar nicht gerne, unb wenn es bloß auf mich ankäme, so legte ich die unbrauchbaren Geschenke lieber in eine Schublade unb ließe sie ba liegen
Zum Glück war meine Freundin ba, die Esteyt sich auf alle diese Sachen ausgezeichnet, und ich ocu sie, sich meiner anzunehmen unb mit nur m oie drei Geschäfte zu gehen. Sie tat es gerne, nicht bloß mir zuliebe, sondern auch so, es machte ihr «paß, es war ein Sport für sie, eine Kunst, deren Ausübung ihre Freude machte. Also gingen wir miteinander in das Geschäft mit den Handschuhen, sag en Grüß Gott, wickelten meine Weihnachtshandschuhe aus, unb ich drehte nervös meinen Hut m der ^ano und suchte nach den Redensarten, mit welchen man solche Transaktionen einzuleiten gewohnt ist, ab.r es glückte mir nicht gut, und ich 1-eß 6erne meiner Helferin das Wort. Und siehe, der Zauber giNtz


