Nr. 122 Drittes Blak
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Vberheffen)
27./28.Mai 1959
Aus Der Stadt Gießen.
Das Fest des Maien.
Wenn alles in schönster Blüte steht, ringsumher ein einziges Frohlocken in Duft und Farbe ist, wenn sich in das Konzert der gefiederten Sänger auch der letzte frohe Jubelruf eingefügt hat, dann kommt das Pfingstfest wie eine strahlende Verklärung des köstlichen Naturgeschehens. Kein Fest wie dieses bringt die Naturoerbundenheit aller Menschen so sichtbar zum Ausdruck, kein Fest wie dieses wird darum so jenseits aller beengenden Mauern gefeiert. Pfingsten richtet gewissermaßen an alle, die diesen Ruf verstehen wollen, die Aufforderung, sich der Schönheit zu freuen, die die Mutter Erde in ihrem unversiegbaren Schöpferdrang bereitet.
Pfingsten gehört deshalb zu den Frühlingsfeiern, die feit altersher im deutschen Land begangen werden. Wie alle Naturvorgänge in ihren wichtigsten Erscheinungen in einen festlichen Kreis einbezogen wurden, so verstand es sich angesichts der erwachenden Natur von selbst, mit Jubel und Freude die Wiederkehr der schönen Jahreszeit zu begrüßen. Während aber der Frühlingsanfang und die Oster- tage mehr den Charakter vorlenzlicher Feiern wahrten, wurde Pfingsten zum eigenllichen Frühlingsfest, zum Fest des schönen Maien. Es bringt die Krönung und zugleich den Abschluß lenzlicher Freude.
Alle Gedanken, die von deutschen Dichtern dem Pfingstfest gewidmet wurden, beschäftigen sich mit dieser Freude an der frischen, grünen Natur, mit der Lust des Ausfliegens und dem Drang zur Wanderung durch die lachenden Auen, Von Walther von der Vogelweide, der die „Maienwonne" besang, über Goethes berühmtes „Mailied" bis zu den Romantikern des vorigen Jahrhunderts und zu den Dichtern unserer Tage reicht ein Kranz naturfroher Lieder, die die deutsche Liebe zu blühenden und sprießenden Umwelt in schönster Weise zu deuten wissen. Maienglück und Pfingftfteude find ein einziger Begriff, der in diesen Liedern immer wieder jubelt und singt.
Das Fest des Maien, dessen schönes Symbol das Helle Grün der Birke ist. wird uns auch in diesem Jahre aus den Gassen und dem Häusergedränge der Stadt hinausführen, wo die Luft der freien Landschaft weht. Pfingsttage sind glückliche Tage. Und mag mit dem Verklingen der Pfingsttage auch der lenzliche Zauber verfliegen, die schone Sommerzeit wird uns dafür mit neuen Reizen zu beglücken wissen. H. W. Sch.
Dornotizen.
Tageskalender für Samstag.
Gloria-Palast (Seltersweg): „Frau am Steuer". — Lichtspielhaus (Bahnhofstr.): „Karthagos Fall".
Tageskalender für Sonntag (1. pfingfffeiertag).
Luftwaffen-Konzert 15.30 Uhr auf Burg Gleiberg. — Gloria-Palast (Seltersweg): „Frau am Steuer". — Lichtspielhaus (Bahnhofstraße): „Karthagos Fall".
Tageskalender für Montag (2. pfingfffeiertag).
Gloria-Palast (Seltersweg): „Frau am Stecker". — Lichtspielhaus (Bahnhofstraße „Der Vierte kommt nicht".
Einmaliges Gastspiel der Tegernseer Bauernbühne im Sladtthealer.
Die Intendanz des Stadttheaters hat für ein einmaliges Gastspiel am Dienstag, 30. Mai, die bekannte Tegernseer Bauernbühne mit dem Lustspiel „Das blauseidene Strumpfband" von Anton Maly verpflichtet. Musikalische Beigaben auf Dorfinstrumenten, Jodler und volkstümliche Tänze helfen über die Pausen hinweg. Die Spielleitung hat Ander! Schultes. Beginn der Vorstellung 20 Uhr, Ende 22.30 Uhr. Außer Miete.
Vauernarbeii im Dienste des Gemeinfchastsgedankens.
Uneigennütziges Wirken beim Aufbau und bei der Entfaltung landwirtschastlicher Genoffenschafien. — Der Kreis Gießen mit an vorderster Gtelle.
Im Wirtschaftsleben des Dorfes spielen die landwirtschaftlichen Genossenschaften seit Jahren eine große Rolle. In diesen Einrichtungen des Gemeinschaftsgedankens haben Bauern und Landwirte von jeher in vorbildlichem Gemeinsinn uneigennützig zum Wohle der Genossenschaft und damit -breiter Schichten der Dorfbevölkerung gewirkt. Welch bedeutendes Ausmaß diese Tätigkeit im Laufe der Jahre angenommen hat und wie sehr ihre Auswirkungen wirtschaftlich in die Breite und die Tiefe gingen, offenbarte eine Unterredung, die wir mit dem seit etwa 20 Jahren -in Oberhessen an führender Stelle des Genossenschaftswesens wirkenden Oberrevisor Hartmann in Gießen hatten. Das Ergebnis unserer Unterhaltung mit diesem bewährten Betreuer und Förderer der landwirtschaftlichen Genossenschaften ist in den nachstehenden Sätzen zusammen gefaßt.
Hessen ist hinsichtlich der genossenschaftlichen Bewegung historischer Boden. Der genossenschaftliche Gedanke an sich ist zwar alt und entspricht einer urdeutschen Einstellung. In unserer engeren Heimat kam er aber erst um die Mitte des vorigen Jahrhunderts zum Durchbruch und brachte dann im Verlaufe der folgenden Jahrzehnte bis in unsere Zeit größte Erfolge. Der Gründer des Reichsverbandes der deutschen ländlichen Genossenschaften, Wilhelm Haas aus Darmstadt, 1839 geboren, hat als Kreisassessor in Friedbera im Jahre 18 7 2 den er ft en oberhessischen landwirtschaftlichen Bezirks verein gegründet. Raiffeisen hat in jener Zeit vorwiegend auf dem Westerwald in der gleichen Richtung wie Haas in Hessen gewirkt. Während Haas und Raiffeisen sich mit rein ländlichen Genossenschaften befaßten, hat Schultze-Delitzsch sich vor allem mit Handwerkergenossenschaften und städtischen Spar- und Vorschußvereinen beschäftigt. Auf dem Gedankengut und den Erfahrungen dieser drei Genossenschaftspioniere ist heute das Genossenschaftswesen in der ganzen Welt organisiert.
Schon von den Gründungen ab standen Bauern und Landwirte, Handwerker, kleine Beamte und Arbeiter in den Dorfgemeinschaften ehrenamtlich in der Führung und der Mitarbeit im Dienste der genossenschaftlichen Zusammenschlüsse. Und so ist es bis auf den heutigen Tag geblieben, wobei vor allem die Bauern und Landwirte, entsprechend der zahlenmäßigen Überlegenheit in den Landorten, besonders im Vordergründe der Genossenschaftsarbeit standen und noch stehen.
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Die ältesten oberhessischen Genossenschaften waren Spar- und Vorschuß vereine, deren erste Gründungen bis in die 60er Jahre des vorigen Jahrhunderts zurückreichen. Dann kamen Spar- und Darlehenskassen nach dem System von Raiffeisen und Haas hinzu. Zu der Gruppe „Ländliche Kreditgenossenschaften", in der die Spär- und Vorschußvereine und die Spar- und Darlehenskassen zusammengefaßt sind, gehören heute in Ober- hesien rund 250, im ganzen Gau Hessen-Nassau 1150 Genossenschaften. Eine Anzahl dieser Genossenschaften betreibt neben dem Geld- auch noch das Warengeschäft.
Die älteste ländliche Sparkasse besteht in Hungen, wo sie im Jahre 1839 gegründet wurde. In Heuchelheim bei Gießen wurde im Jahre 1863 ein ländlicher Spar- und Vorschußverein gegründet. Im Jahre 1864 folgte die Gründung eines Spar- und Vorschußoereins in Alten - Buseck. Eine Spar- und Vorschußkasse wurde 1879 in Kessel-
b ad) geschaffen. Neben diesen ältesten genossenschaftlichen Organisationen steht in vielen Orten noch eine ganze Reihe weiterer, die alle einzeln zu nennen hier zu weit führen würde. Die ländlichen Dorfkassen im Bezirk des Landwirtschaftlichen Ge- nossenschastsoerbandes Rhein-Main-Neckar stehen heute mit rund 162 Millionen RM. Einlagen da, gegenüber 95 Millionen RM. im Jahre 1933. Diese Einlagen stammen etwa zu einem Drittel von den Bauern und Landwirten, die übrigen zwei Drittel sind Einlagen der anderen Dorfbewohner bzw. wirtschaftlichen Unternehmungen auf dem Lande, wie Industrie und Handwerk, Handel und Gewerbe, Beamte, Angestellte und Arbeiter. Auf dieser breiten Basis der Einzahler erklärt sich das erhebliche Wachstum der vorgenannten Einlagensumme. Im Gau Hessen-Nassau sind bei den Dorfkassen rund 320 000 Sparkonten eingerichtet. Aus diesen Mitteln sind 3um großen Teil den verschiedenen Berufen etwa 140 Millionen RM. als Betriebskredite und Hypotheken zur Verfügung gestellt worden, so daß* man hier die Feststellung machen kann, daß durch diese genossenschaftliche Kredithilfe das wirtschaftliche Leben auf dem Lande in erheblichem Maße befruchtet worden ist. Daneben sind noch ansehnliche Mittel in Wertpapieren und Bankguthaben angelegt.
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Neben den Kreditgenossenschaften trat in den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts der Gedanke der Gründung von ländlichenWaren-Bezugs- und Absatzgenossenschaften immer stärker hervor. Zunächst waren es nur einige Genossenschaften dieser Art, die gegründet wurden. Um 1890 und die folgenden Jahre entstanden in vielen Landorten Oberhessens auf Anregung von Dr. B ö ck e I und Köhler (Langsdorf) Vereine, die sich den Kampf gegen den jüdischen Wucher und den jüdischen Han-
del'besonders zur Aufgabe gemacht hatten, an Stelle des unsoliden jüdischen Treibens die reelle Versorgung ihrer Mitglieder mit den Bedarfsstoffen sich vornahmen. Durch diese Bewegung wurde der genossenschaftliche Gedanke auf dem Lande außerordentlich gefördert. Der Erfolg war die weitere Gründung von Genossenschaften dieser Art, auch von Spar- und Darlehenskassen, um namentlich mit letzteren dem jüdischen Wucher auf dem Gebiete des Geldwesens entgegenzutreten.
Kurz nach dem Kriege würben in den bis dahin noch nicht organisierten Orten die restlichen landwirtschaftlichen Bezugs- und Absatzgenossenschaften
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errichtet, so daß heute fast jedes Dorf in Oberhessen eine ländliche Genossen* schäft besitzt. Allein in Oberhessen bestehen etwa 200 ländliche Warengenossenschaften, von denen manche allein in ihrer Organisation eine ganze Reihe von Dörfern erfassen. Im Verbandsgebiet Hes- Nassau sind rund 600 Warengenossenschaften vorhanden, die im Jahre 1937 für rund 57 Millionen RM. Waren umgesetzt haben.
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Der genossenschaftliche Gedanke ließ beim Landvolk auch den Wunsch nach dem Zusammenschluß der Milchproduzenten entstehen. Vor etwa 50 Jahren wurden im Vogelsberg die ersten Molkerei
Gchlageter-Feier Der SA. in Gießen.
Den spitz zulaufenden Winkel im Hofe des „Burghof", dem jetzt grüne Ranken ein freundliches Aussehen geben, hcttten am gestrigen Freitagabend die Männer der SA. 4 3/116 unter Leitung von SA.-Scharführer R u n k für die Feier zu Ehren Albert Leo Schlageters ausgenützt. Heber den Ranken wurden Hakenkreuzbanner angebracht, hinter dem mit Frühlingsblumen eingefaßten Brunnen war ein bannergeschmücktes Pult aufgebaut. Zu beiden Seiten des Brunnens standen die Sturmfahne der SA. und die schwarze Fahne der Freikorpskämpfer- Kameradschaft. Pylonen wurden angezündet, die ein magisches Licht auf die Männer warfen, die zu dieser Gedenkstunde angetreten waren. Mit ihnen hatten sich ihre Angehörigen eingefunden, die eine eindrucksvolle Feiergestaltung erlebten.
Trommelwirbel kündete den Beginn der Feier an. Sturmführer Schwender rief anläßlich des 16. Todestage Albert Leo Schlageters die Erinnerung an den Opfergang des deutschen Volkes nach dem Weltkriege wach. Er sprach von dem heldenmütigen Kampf der Bevölkerung des Rührgebietes gegen die Raubzüge der französischen Besatzung, an dem sich einer der Besten, Albert Leo Schlageter, geboren am 12. September 1894 zu Schönau im Wiesental, im Felde Artillerie-Offizier, als Führer eines Stoßtrupps beteiligte. Wie Hammerschläge fielen die Worte des Sturmführers, mit denen er von der durch Verrat erfolgten Verhaftung Schlageters und der Verhandlung vor dem
französischen Kriegsgericht berichtete, die durch die politische Verkommenheit des Kriegshetzers Poin- care mit der grauenvollen Verurteilung Schlageters zum Tode endete. Damit war das 'Schicksal des deutschen Freiheitshelden besiegelt.
Wiederum fetzte Trommelwirbel ein, als der Sturmführer von den letzten Grützen Schlageters an feine Eltern und an Deutschland sprach, und den Opfergang dieses aufrechten Kämpfers für Deutschland erwähnte, sang die Schar „Es geht bei gedämpfter Trommelklang..Dann krachen Schüsse, und ein Sprecher rief: „Euer Schlageter fiel!" Während die Fahnen sich senkten, begann der Chor mit einem Lied zum Gedenken der Toten, und nach einer kurzen Pause mit dem Lied vom guten Kameraden. Dann fiel der Chor mit einer Mahnung ein, und ein Sprecher «rief auf zum Schwur. Den Ruf: „Schlageter lebt ...!" beantwortete der Chor mit dem Bekenntnis: „In uns!" Hierauf wurde Kamerad Schlageter zum Appell aufgerufen, und die SA.-Männer gaben die Antwort. Noch einmal sprach der Chor ein Mahnwort, bann feierte der Sturmführer Albert Leo Schlageter als ersten Märtyrer der nationalsozialistischen Idee.
Das Lied von der Freiheit, der das Leben gehört, klang auf. Auf ein Kommando wurden die Fahnen wieder aufgenommen, dann sprach Sturmführer Schwender das Treugelöbnis zum Führer, das feinen Widerhall fand in dem Horst-Wessel* Lied. Damit wurde die Gedenkstunde beendet.
Der Mann im Holz.
Eine Erzählung von Karl Heinrich Waggerl.
Der Mann nimmt Werkzeug und geht fort, um Bauholz zu schlagen. Dieses Holz steht höher oben, am Rande einer Schlucht, ein gutes Stück vom Hause entfernt. Er hat diesen Platz ausgesucht, weil er später so die langen Stämme leichter fortschaffen kann. Aber es ist schwierig, dort oben zu arbeiten, man muß verteufelt achtgeben in den brüchigen Felsen. Manchmal springt ein Stamm noch im letzten Augenblick vom Stock und fährt mit einem gewaltigen Satz pfeifend und prasselnd in die Schlucht hinunter. Der Tag wird kurz, der Mann schindet sich ab, bis es hämmert, die harte Arbeit tröstet und ermuntert ihn wieder.
Einmal aber ist der Mann zu lange im Holz geblieben. Nebel fällt ein, es ist fast augenblicklich stockfinster zwischen den Stämmen. Der Mann geht vorsichtig weiter, das kümmert ihn wenig, diese Dunkelheit, er kennt den Wald wie seine eigene Stube. Nach einer Weile gerät er auf eine ebene sumpfige Blöße, die sonst nicht an seinem Wege lag, er stolpert über ein Wasserloch und fällt hin. Der Mann flucht und kriecht aus dem Sumpf, aber dann merkt er plötzlich, daß er' die Richtung verloren hat. In dieser pechschwarzen Leere ist nichts zu erkennen, kein Vorne und kein Hinten, nicht einmal der Boden unter den Füßen. Der Mann steht da und wendet sich herum und lächelt, aber das hilft nicht, immer kann er nicht hier stehenbleiben. Er geht vorwärts — nein, da ist Sumpf, Sumpf ist auch auf der anderen Seite, wieder steht der Mann in der Finsternis und horcht.
Noch einmal versucht er es, geht irgendwohin, sofort versinken seine Füße hn Schlamm. Er gerät in Schweiß, dreht sich im Kreise, knurrt, tastet mit den Händen in die schweigende Dunkelheit, und endlich findet er einen Weg. Er wagt einen größeren Schritt, aber dieser Schritt geht ins Leere.
Ja, plötzlich verliert der Mann den Boden unter den Füßen. Er wirft sich herum, greift mit den Händen über sich und hängt an einem Ast, an einer Wurzel, das weiß Gott. Dor ihm ist nasser, glatter Fels, und seine Füße finden keinen Boden, nichts, keinen Halt. Sofort versucht der Mann, sich hinaufzuziehen, aber die Wurzel kriecht und gibt nach. Erde fällt ihm in die Augen, fein Herz steht still. ,r . r
So, denkt der Mann, jetzt ist's aus? Er ist vielleicht in die Schlucht geraten, nun hängt er da — wie lange kann ein Mensch an seinen Händen hängen? Selbst wenn er es bis zum Morgen aushalten
könnte — nein, das hilft nichts, Herr Gott! Er tastet mit den Zehen die Wand vor sich ab, da ist alles glatt und schlüpfrig, kein kleiner Vorsprung, nichts. Dann streckt er sich wieder lang aus, seine Arme werden steif. Angst befällt ihn und jagt ihm das Blut in den Schädel. Er fühlt, daß seine Finger schon kalt werden, die Nägel schmerzen furchtbar. Vielerlei Gedanken, blitzschnelle Einfälle, durchfahren sein Gesicht. Er erinnert sich an die Ziege, die ist zu Hause angebunden. Sie wird immerfort um ihren Pfahl herumlaufen, bis sie kein Gras mehr erreichen kann, vier Tage lang, ober fünf — noch einmal versucht er, sich hinaufzuziehen, aber er fühlt sofort, daß ihn seine Kraft für immer verlassen hat.
Und plötzlich schreit der Mann. Seit Monaten hat er keinen Mensen gesehen, nie ist jemand in seine Einöde gekommen, nun aber hängt er da und schreit, er biegt den Kopf weit zurück und brüllt: es ist der Schrei des einsamen, des verzweifelten Tieres in seiner Not.
Plötzlich, ganz unerwartet, lösen sich seine Finger. Er fühlt nur, wie sein Herz aussetzt, und dann stürzt er ...
Er stürzt nicht tief, nein, er ist gar nicht gefallen. Er hockt einfach im Gras, zusammengesunken wie ein Sack. Ein Zufall mag ihn gerettet haben, vielleicht eine Stufe, ein schmales Grasband in den Felsen. Der Mann sitzt da, alle Kraft hat ihn verlassen, er weint mit offenem Munde und wagt nicht, sich zu rühren. Es wird eine lange, araufam lange Nacht, und am schlimmsten ist die Kälte, die fein schweißiges Hemd durchdringt, die ihn schüttelt und nicht zur Ruhe kommen läßt. Es ist eine Nacht oer Prüfung.
Gegen Morgen wird es ein wenig heller, der Wind treibt den Nebel auseinander. Der Mann ist todmüde, die Angst reißt ihn immer wieder aus dem Schlafe. Hunger und Durst quälen ihn, aber er lebt, ja, ja — o ja! E/ liegt nicht zerschmettert in der Schlucht, er ist nicht erfroren und verkommen!
Der Tag kommt rasch, langsam weicht die graue Wand vor dem Manne zurück. Er unterscheidet das Gras und allerlei kleines Gestein zu seinen Füßen, es muß ein breites Band fein, auf dem er da sitzt.
Und plötzlich richtet sich der Mann auf. Er lächelt, denn er sieht da etwas vor sich im Nebel — das ist ein Baum, eine Zirbe mit zwei Wipfeln. Diese beiden Wipfel kennt der Mann gut — nein, was für ein Narr ist er gewesen!
Er ist nicht in die Schlucht gestürzt, er sitzt da einfach auf feiner Halde, nicht weit unter ihm liegt
das helle Dach der Hütte. Er ist in der Dunkelheit über eine niedrige Felsstufe gerutscht, auch die Föhre erkennt er, an der er hing; der Mann hat sie vor einigen Wochen abgehauen, um einen Träger für seine Dachrinne daraus zu machen.
Das alles ist jetzt einfach und lächerlich in der Helle des Morgens. Er steigt zur Hütte hinunter, da steht sie ruhig und sauber auf ihrer weißen Mauer, und die Ziege rumort in ihrem Derschlag. Sie hat den Pfahl aus dem Boden gezerrt und ist heimgegangen, so kräftig und klug ist das Tier. Der Mann ist nicht mehr schwach und kleinmütig, aber er lehnt sich doch einen Augenblick an den Pfosten seiner Tür. Er drückt die Stirne fest an das rauhe braune Holz in der Freude seines Herzens.
Dann geht er-in den Derschlag, um die Ziege zu melken. Das Euter ist straff und groß, sie wendet den Kopf und leckt den salzigen Schweiß von seinen Armen.
Der Fragebogen.
Eine Anekdote von Günter Schab.
An der Universität T lehrte 'bis in die ersten Jahre nach dem Kriege hinein Geheimrat R. die Studenten der Germanistik: Althochdeutsch, Mittelhochdeutsch, Frühneuhochdeutsch und die dazugehörige Literaturgeschichte. Wenn er in seinen Kollegs und Seminaren einmal aufreizend modern werden wollte, unternahm er einen Vorstoß bis zum Leben des jungen Goethe. Sefenheim war die äußerste Station. Bis dahin mußten die Examenskandidaten — nur diese hörten bet ihm — Bescheid wissen.
Es gab eine gute Möglichkeit, den neugierigen Kreuz- und Querfragen des weißhaarigen, eleganten, kleinen Geheimrats wohlgerüstet zu begegnen. Eifrige, ihren Nachfolgern wohlgesinnte Studenten hatten nämlich vier Jahrzehnte hindurch Punkt für Punkt gesammelt, was Ferdinand — so wurde R. freundschaftlich-respektlos auf der Universität genannt — im Examen alles hatte wissen wollen. Diese „Fragebogen", für den Preis eines Dämmerschoppens jeweils von (Beneratton zu Generation vererbt, brauchten deshalb niemals weiter ergänzt zu werden, weil Rs. Arbeitsgebiet ja auch höchstens durch eine Literaturangabe hin und wieder vervollständigt wurde, aber als Examensfrage nicht 3U befürchten war. Denn so niederträchtig war der Allgewaltige nicht.
Wer aber diesen Fragebogen beherrschte, hatte das Urteil „Bestanden" schon in der Tasche. Niemals ist, soweit wir überschauen konnten, ein
schwarzberockter Prüfling mit langem, undurchdringlichem Gesicht aus dem Examenszimmer getreten. Alle kamen stolz und strahlend heraus.
Nur einmal wäre beinahe der allzu strebsame Philologe und Studienratsanwärter M. ein Opfer seines Uebereifers geworden. Er hatte nämlich in nächtelangen Vorbereitungen den Fragebogen so gut durchgeackert, daß der ihn abhörende Kommilitone nur auf den Knopf 35 zu drücken brauchte und schon klingelte die Antwort 35, oder nur die Frage 217 anzudeuten brauchte und schon schnurrte die Antwort 217. Also „eingepaukt", mit haargenau 983 wohl aussortterten literarischen und grammatikalischen Spezialitäten ausgerüstet, betrat M. die Wandelhalle des Hauptgebäudes der Universität. Prophete links der Geheimrat und Prüfer; Pro- phete rechts der Beisitzer und Protokollant, ein jüngerer Professor; und in der Mitte das trotz guter Vorbereitung vor Examensangst leicht schlotternde Weltkind M.
Wir hatten uns ganz in der Nähe des Prüfungszimmers auf geb aut, nämlich an der Tür, welche die Handbibliothek des Germanistischen Seminars von dem Orte des philologischen Kreuzverhörs trennte. Man konnte jedes Wort verstehen, was drinnen geredet wurde. (Auf diese Art hatten ja eifrige außerplanmäßige Protokollanten Jahrzehnte hin- durch die berühmten Fragen mitstenographiert.)
Es gina zu unserer Freude alles glatt. Die Fragen und Antworten klappten wie bei einer guten, von Premieren-Nervosität ins Besondere gesteigerten Vorstellung im Theater. Selten fiel eine Antwort aus. Dann glitt der Geheimrat taktvoll — sagen wir von dem Komplex 150 bis 200 (Edda und Nibelungenlied) in dem Komplex 400 bis 450 (Hans Sachs bis Grimmelshausen). Und da schnurrte die Examensmaschine schon wieder reibungslos. Da klang plötzlich die helle hohe Stimme des Prüfenden an unser Ohr: „Sagen Sie, Herr Kandidat, war Lucher ..."
Und wie eine Theaterkanone, die, ohne das Stichwort abzuwarten, mitten in die Szene hineinballert, dröhnte der Hefe, eifrige Baß des Prüflings: „Jawohl, Herr Gcheimrat, Luther war nicht das Anfangs-, sondern das Endglied einer langen Entwicklungsreihe."
Worauf der gütige Geheimrat lachend das Examen abbrach, nicht weiter nachforschte und mit den Worten: „Ich sehe ... danke, das genügt mir ... Sie haben bestanden", sein Opfer entließ.
Es besteht die Annahme, daß von da ab der Geheimrat doch gewußt hat, warum seine Kandidaten alte bestanden.
Er hat aber keinen mehr durch fallen lassen.


