Tr. 72 viertes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhefsen)
25./2(,. Marz 1939
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Hier werden Ampullen gefüllt.
Das Laboratorium mit einer neuzeitlichen Apparateanlage.
2'i Fortsetzung.
(Nachdruck verboten.)
Dr. Klotz hob das aufgescheuerte Kinn aus seinem
steifen Kragen und wußte nicht recht, was er er- ! widern sollte. (Er und ipiHP fö'nHpiK'H rniirhi'n nftnr
"2a, Herr Doktor", seufzte Frau Tukan ergeben.
widern sollte. Er und seine Kollegen wurden öfter
"z1» -wiiui , |tu|()ic yiuu -tuiun ercjeüen. junu ituie jwuegcn wuroen Öfter Mil Dr. Klotz, mit seiner zielbewußten Sicherheit,! eingeschätzt. Damit hatte er sich abgefunden, ist gleich eine ganz andere Stimmung in der Stube. ~eIt*a™ ”ur' ^ß endlich jemand das zugab. Er ist keine imponierende Erscheinung, dieser hagere! lteUte die schwere Taiche auf den Stiegenabsatz kleine Arzt, aber um Aeußerlichkeiten geht es ja in und >agte:
dieser Stunde nicht. Hier geht es um "Können und wäre gern eher gekommen, aber ich war, Herzenswärme, und die hat Dr. Klotz. m,e gesagt, auf einer Versteigerung. Ich war auf
eine
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Herzenswärme, und die hat Dr. Klotz.
‘ ie setzte sich dann an Frau Tukans Bett und scpstieiiihr den Rücken. Sie hatte keine Erfahrung in drMili iDingen und stellte mit Verwunderung fest, dashsi! sich dennoch ganz vernünftig benahm. Nur
Als Dr. Klotz endlich erschien, abgehetzt, schweiß- uberströmt und außer Atem, entschuldigte er sich: „Ich habe mich beeilt, so sehr es ging. Aber ich war auf einer Versteigerung, und man hat erst nach mir schicken müssen. Na, liebe Frau Tukan, was machen wir denn für Geschichten?" Er fuhr sich mit einem Taschentuch übers Gesicht. Der ganze Mann war voll Güte und Freundlichkeit. Er desinfizierte seine Hände und machte sich ans Werk.
„Muß ich sterben? Ist es sehr schlimm?" fragte die Frau mit verzerrtem Gesicht.
„Wer wird denn gleich so etwas denken! Albernheiten! Sie bekommen etwas zu riechen, Sie kennen das ja vom letzten Mal, und wenn Sie aufwachen, ist alles vorbei. Der gute Doktor Klotz macht das schon, wie es sich gehört, nicht?"
einen Rollstuhl scharf, denn die neuen sind so teuer. Als das Mädchen mich abrief, wurde er gerade aus- geboten. Schade! Sie müssen wissen, ich habe eine kranke Frau zu Hause. Lähmung, schon viele Jahre. Wenn man Rollstühle gebraucht nur leichter bekäme." Er nahm seine Tasche auf, und sie schritten weiter. Auf der Straße meinte er:
Hände und geriet in fröhliche Geschwätzigkeit. Er geizte nicht mit Lob, und alle Anweseliden bekamen ihr Teil davon ab, auch die Wöchnerin, auch der blaurote Säugling.
Als der Arzt nach seiner Jnstrumententasche griff, schloß sich Maxie ihm an, nachdem sie sich von ihrem Schützling verabschiedet hatte. Während sie tue Treppe hinabgingen, blieb Maxie plötzlich stehen. Es trieb sie, zu sagen:
„Ich habe etwas abzubitten."
„Ja?"
„Ihnen und den Aerzten der ganzen Welt. Ich habe Ihren Beruf bisher ganz falsch eingeschätzt. Verzeihen Sie."
bleibt denn dieser Doktor?" fragte sie vÖLir.„Braucht der immer so lange?"
kommt, sobald er kann", erwiderte die
„Hier werden sich unsere Wege wohl trennen. Es hat mich sehr gefreut, Fräulein Hegemann."
Maxie schluckte und reichte'ihm stumm die Hand. Dann ging sie mit gesenktem Kopf davon Seit sie da oben war, rührte etwas Heißes an ihr Herz. Sie dachte an Dr. Klotz, an Georg, an die Aerzte der ganzen Welt Nie waren sie sicher, immer befanden sie sich auf dem Sprung. Keinen Sonntag, keinen Feiertag, keine Nachtruhe. Sie mußten von der kranken Frau, von einem Vergnügen, von irgend etwas anderem weg. das ihnen wichtig war, wenn der Ruf eines fremden Menschen an sie erging. Sie mußten ihre Sinne zusammenraffen und ein freundliches Gesicht machen, auch wenn ihnen nicht nach Lächeln und Anspannung zumute war.
Der Mann Scheuert, der ihr Georg damals entführt hatte, fiel ihr ein. Wie sagte diese Frau Tu-
Maxie fragte verschüchtert, ob sie entbehrlich wäre.
Der Doktor betrachtete sie mit schräggelegtem Kopf durch seine Funkelbrille.
„Das dürfen Sie mir nicht antun, Fräulein. Sie wachen einen zuverlässigen Eindruck. Hier wird jede Hand gebraucht."
„Schön, dann bleibe ich."
"Das ist nett von Ihnen. Sie sind wohl nur zufällig hier, Fräulein ..."
„Hegemann."
„Von F. I. Hegemann?"
„Ja, das ist mein Vater."
„Ausgezeichnet! Dann sind Sie ja wie geschaffen für das Kommende!" lächelte er.
Maxie sand das gerade nicht. Sie hatte sich nie um den Betrieb der väterlichen Fabrik gekümmert. Sie empfand diesen Mangel in solcher Stunde mit leiser Beschämung. Aber sie mußte sich nützlich machen: sie wollte ausharren. Ein wenig Schweiß sammelte sich auf ihrer (Stirn; es wollte ihr übel werden, und sie kämpfte einen wahren Heldenkampf mit ihren Nerven. Es war eine schwere Sache, die sich Frau Tukan da ausgesucht hatte, aber sie ging glücklich vorüber. Dr. Klotz wusch sich abermals die,
M MMm Mäkle.
Itomon von Walther kloepffer.
ÄliMighl by <larl Juncker Xicrlay,Berlin
tvjtp 2ine Schmerzattacke kam, lief ihr ein Schau- dovi di Wirbelsäule entlang. Sv arg hatte sie sich dH nH)t vorgestellt. Das Wimmern Frau Tukans siiMtühr ins Herz, und es schien, als trüge sie Hljr inen Teil dieser Schmerzen, die wohl einen aber keinen Erfolg hatten. Am liebsten wäre sie m und davon gelaufen, wenn sie nicht Schiri davon zurückgehalten hätte.
2!ü jiie weise Frau für kurze Zeit die Stube oer= Mre Hatte, erkundigte sich Maxie besorgt: „Soll ich-7iaU doch lieber nach einem anderen Arzt tele- Phc'u? en, Frau Tukan ? Der dauert ja ewig." Sie hat'Udse Angelegenheit dieser fremden Frau bereits gilt«je: eigenen gemacht.
„ 3ü',i, nein, Fräulein, lassen Sie nur", wehrte die in.'x’re ab. „Sehen Sie, ich kenne Doktor Klotz feit । icinem ersten Kind, und er kennt mich. Bei |o einonrache möchte man nicht gern einen anderen Arzzt ch habe halt meinen Glauben an Doktor Kloiitz'
i|ibt sicher noch mehr tüchtige Aerzte", wagte Maiünzuwenden.
„ I:: schon. Aber mir sind sie fremd. Ich habe nun-i iimal den Glauben an Doktor Klotz", beharrte die Jn i.
O; ■ ging 3um ersten Male die Erkenntnis auf, daß! über das Handwerkliche hinaus noch eine perpiii che Bindung zwischen Arzt und Patient gab. Sie ! pft war ja nie ernstlich krank gewesen.
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6Mm., „Nicht wahr, Frau Tukan, wir kennen un- scWL.'. Klotz?"
kau? „Ich habe halt den Glauben an Dr. Klotz." Gewiß hatte auch Scheuert so einen „Glauben" gehabt und genau so sehnsüchtig auf Holl gewartet wie Frau Tukan auf ihren Dr. Klotz. Geriet man nicht eines Tages ganz in dieselbe Lage? Würde es einem passen, wenn der Arzt dann erklärte, „Be- daure, meine Gnädige, aber ich habe schon etwas anderes vor"?
Maxies Gemüt war in diesen Minuten erfüllt von Einsicht, Scham und Bereitschaft. Die Uhr auf per ©lefinger Kirche zeigte auf vier. Maxie war um il)r Mittagessen gekommen, spürte aber keinen Hunger. Sie schritt mit nachdenklich gefalteter Stirn durch unbekannte Porstadtstraßen und war entschlos- sen, ohne Verzug Georg aufzusuchen. Sie wollte ihm sagen, daß sie unrecht hatte und ihn nun völlig verstünde. Sie wollte ihm auch erklären, daß jener Ausflug nach Gatterfee nur törichtem Trotz entsprungen war und daß der junge Tinser ihr der gleichgültigste Mensch sei. Georg würde sie in sein« Arme nehmen, und alles war in Ordnung.
Eine weißblaue Tram glitt langsam vorüber, und Maxie schwang sich hinauf. Sie erhielt einen Verweis und forderte mit zuversichtlicher Miene ihren Fahrschein. Als sie nach vielem Umfteigen endlich vor dem Werkkrankenhaus anlangte, war es fünf Uhr zehn. Sie erkundigte sich beim Pförtner nach Holls Znnmernummer. Es verstieß zwar gegen die gute Sitte, einem Herrn einen Besuch abzustatten, aber daran lag heute nichts.
„Zimmer 18, Fräulein Hegemann! Ich glaube ec ist zu Hause."
„Danke. Ich muß nur rasch etwas mit ihm be-, sprechen.
Als sie junq und federnd den Korridor entlang- schritt, hatte sie ein herrliches Gefühl mit leichtem Herzklopfen durchmischt. Die Zimmer der Aerzte lagen ganz hinten. Maxie bog um eine Ecke und jlleß auf einen jungen Menschen, der in einem gesteiften Kranken kittet stak, auf dem Fensterbrett kümmelte und in einem alten Bauernkalender schmökerte. Maxie las suchend die Türnummern ab.
„Wohin will denn das Fräulein?"
„Zu Doktor Holl. Ach, da sehe ich 'ja feine Nurn-, mer."
(Fortsetzung folgt!)
Bei der Arbeit an der Salbenreibmaschine.
einer Apotheke geben, wie auch die vielen Regale mit Flaschen und Töpfen mit lateinischer Schrift. Die beiden großen Rezepturen sind neuzeitlich eingerichtet. Wie in allen Apotheken erfordert die Herrichtung der rezeptmäßig verordneten Arzneien größte Verantwortung, schärfste Konzentration der hier tätigen Apotheker. Die Klinikversorgung erfolgt hauptsächlich in den Vormittagsstunden, während der Nachmittag Vorratsarbeiten und der Untersuchung von neu ankommenden Arzneigrundstoffen gewidmet ist. An die Offizin schließt das Büro des Apothekenvorstaudes, wo eine umfangreiche kaufmännische und verwaltungsmäßige Arbeit für den großen Betrieb zu leisten ist.
Heber einen Jnnenflur betreten wir das pharma-
Am Tuden-Füllapparat.
। hrofje Kliniken oder Krankenhäuser pflegen eigene ilMheken zu haben. Sie sind als wichtige Hilfs- nj tute derselben anzusehen, die — weniger im 31 seid der Oeffentlichkeit — in der Stille wir- en Um es gleich vorweg zu nehmen, die klinische ’ lp 'heke dient nur innerklinischen Zwecken, sie ist ;id öffentlich. Besucher der Sprechstunden der Her- sv^Professoren oder der Polikliniken, die nicht in k ett Kliniken Aufnahme finden, müssen ihnen ver- - vdsete Rezepte in öffentlichen Apotheken machen Ilja (hi. •
I M)on bei der Erkennung einer Krankheit, der »Manosestellung, werden ost Arzneimittel, Reagen- j fei Farblösungen, Entwickler und Fixierbäder ge- 11 rcjdjt, die die Klinik-Apotheke geliefert resp. l)er= IcH Ilt hat. Ist die Krankheit erkannt, so setzt die Je. inMung, die Therapie, ein, und dabei wirken j at ttich die von der Apotheke gelieferten Heilmit- 11 wesentlich mit. Aber auch der Kranke, bei dem
emo chirurgische Behandlung notwendig ist, kommt i Tbfatft mit der Apotheke in Berührung. Die Vor- Lerrlung der Aerzte und des Patienten zur Ope- r mi n erfordern von der Apotheke zu liefernde Arz- reifiilmittel und technische Hilfsmittel, wie auch der e xettliche chirurgische Eingriff selbst. Sinngemäß ■ li ins oben Gesagte auch für die Veterinärkliniken.
, Xitt man nun in die klinische Apotheke ein, so imnt man zuerst in den Annahmeraum, der einen ___________ UU3 Ft.ullllus
1 Mblick in einen Teil des Arzneisaales bietet. Der'zeutische Laboratorium, wo sofort eine große Appa-
Besuch in -er Klinik-Apotheke.
größte Teil des Raumes wird von Schließfächern ausgefüllt, in welchen die Arzneitraakästen der einzelnen Klinikstationen nach Fertigstellung der irt den Arzneiverordnungsbüchern ausgeschriebenen Arzneien bis zur Abholung unter Verschluß aufbewahrt werden.
Der anschließende Arzneibereitungssaal oder die Offizin ist ein großer, heller und freundlicher Raum, der mit seiner einfachen, aber ansprechenden Einrichtung allen Anforderungen an Schönheit des Arbeitsplatzes entspricht. Der Raum atmet trotz der Sachlichkeit die in allen Apotheken fühlbare Atmosphäre und die Gerüche, die dem Laien den Beariff
Ein Blick in die modern eingerichtete „Offizin" der Klinikapotheke.
Gifte befinden sich
sorgfältig verschlossen hinter doppelten Türen.
(Aufnahmen [6j: Neuner, Gießener Anzeiger.)
formen zur Einführung zu bringen, so tritt eine Gemeinschaftsarbeit zwischen Apotheke und Pharmakologischem Institut der Universität ein, wobei die Apotheke die praktische Verwendbarkeit, das Pharmakologische Institut aber die Verträglichkeit und Wirksamkeit des neuen Mittels mit wissenschaftlichen Methoden prüft. Salben, Extrakte, Tinkturen, chemische Reagentien und Farblösungen für die Laboratorien, Hilfsmittel für die Röntgenphorographie stehen in bunter Reihenfolge auf den Arbeitszetteln des Pharmazeutischen Laboratoriums. Am Ende des großen Jnnenflurs liegt die chemische Kontrollstation, ein mit allen erforderlichen Apparaten ausgerüsteter chemischer Arbeitsplatz, wo die ankommenden Arzneigrundstoffe nach den Vorschriften des Deutschen Arzneibuches auf Reinheit und Güte untersucht werden. Auch die den Küchen und Kliniken gelieferte Milch wird hier fortlaufend geprüft. Die Einkaufsabteilung der Kliniksverwaltung läßt technische Untersuchungen, wie Gehaltsbestimmung von Waschmitteln, Prüfung von Schmierölen ‘ uiw. machen. Eine klinische Apotheke muß auch der Forschung dienen: es gilt hier „mit Dingen der Praris
Erst nach Eingang dieses
Befundes gibt die Apotheke das Mittel an die Kliniken ab. Große Mengen Desinfektionsmittel werden auf den Krankenstationen gebraucht, den Großteil davon stellt die Apotheke selbst her, auch hier wieder in Zusammenarbeit mit dem Hygienischen Institut und dem Untersuchungsamt für Infektionskrankheiten, die die Wirksamkeit des Des- infekttonsmittels bestimmen und festhalten. Gilt es neue Arzneimittel ober Bestandteile von Arznei
rateanlage den Blick fesselt. Da ist ein Destillierapparat, der große Mengen destilliertes Wasser für die Apotheke und die Kliniken liefert, ein Vakuum - Destillier-Apparat mit Vakuum - Oelpumpe, in dem hitzeempfindliche Arzneimittel schonend bei verminderter Temperatur hergestellt werden können, Sterilisier - Autoklaven, Kochkessel und anderes. Die Anlage wird mit vom Maschinenhaus geliefertem Dampf betrieben.
Die Klinikapotheke, die es mit einem festen Abnehmerkreise zu tun hat, kann viele Arzneipräpa- rate und Arzneiformen im eigenen Laboratorium selbst Herstellen. Dadurch werden die Arzneimittel wirksam verbilligt. So werden zu Einspritzungen bestimmte Arznei- löfungen in zugeschmolzenen Glasphiolen, sogenannte Ampullen, oder ebensolche Losungen in Jenaer Gläsern, die mit Gummikappen, welche die Gießener Gummifabrik Poppe & Co. fabriziert, verschlossen werden, zu vielen tausenden selbst hergestellt. Die Losungen werden im Dampf sterilisiert und müssen absolut keimfrei fein Hier setzt nun eine jahrzehntelang gepflegte Gemeinschaftsarbeit zwischen Apotheke und Hygienischem Institut der Universität ein. Von jeder Herstellung wandert eine Probe zum Hygienischen Institut, wo durch bakteriologifche Untersuchung die absolute Keimfreiheit des Arzneimittels festgestellt wird.


